Aus Gottes Kräutergarten

Kulturkomparatistische Übersetzungen aus 
Bibel und Koran

 Gen 25,28ff und Q 1; 89-90; 92-94; 96-97; 102-109, 111 und 112 

Abkürzungen u. a. Hinweise



Gen 25,28

 

‎וַיֶּאֱהַ֥ב יִצְחָ֛ק אֶת־עֵשָׂ֖ו כִּי־צַ֣יִד בְּפִ֑יו וְרִבְקָ֖ה אֹהֶ֥בֶת אֶֽת־יַעֲקֹֽב׃

 

Hier meine Übersetzung:

Und es liebte Jizchak Essaw, denn es war Jagd/Wild für seinen Mund und Ribkah liebte Jaakob.

 

Buber/Rosenzweig übersetzen: 

Jizchak gewann Essaw lieb, denn Jagdfang war für seinen Mund.

 

Die griechische Übersetzung sagt (Septuaginta Deutsch):

Isaak aber gewann Esau lieb, weil seine Jagd ihm   Nahrung war; Rebekka aber liebte Jakob.

Was kursiv gesetzt ist, meint, "das ist zusätzlich eingefügt; es steht so nicht im Hebräischen".

 

Das ist die Arabische Übersetzung:

‎  فَأَحَبَّ إِسْحَاقُ عِيسُوَ لأَنَّ فِي فَمِهِ صَيْدًا، وَأَمَّا رِفْقَةُ فَكَانَتْ تُحِبُّ يَعْقُوبَ

 

Bei Luther wird die Begründung  כִּי abgeschwächt und es steht ein bloßes "und":

Und Isaak hatte Esau lieb und aß gern von seinem Wildbret (Gen. 25:28 LUT)

Der "Mund" ist dabei verschwunden; er taucht - außer bei Buber und bei mir - auf in der Übersetzung der Elberfelder Bibel:

"denn Wildbret war nach seinem Mund"

und der Übersetzung von Schlachter:

"weil ihm das Wildbret mundete".

 

Köln-Merkenich, am 2. Januar 2020

 

 

 

 

Gen 25,29

 

וַיָּ֥זֶד יַעֲקֹ֖ב נָזִ֑יד וַיָּבֹ֥א עֵשָׂ֛ו מִן־הַשָּׂדֶ֖ה וְה֥וּא עָיֵֽף׃‎

 

Meine Übersetzung:

Und es kochte Jaakob einen Topf und es kam Essaw vom Feld und er war erschöpft.

 

Buber/Rosenzweig übersetzen:

Einst sott Jaakob einen Sud.

Essaw kam vom Gefild, und er war ermattet.

 

Die arabische Übersetzung lautet:

وَطَبَخَ يَعْقُوبُ طَبِيخًا، فَأَتَى عِيسُو مِنَ الْحَقْلِ وَهُوَ قَدْ أَعْيَا

 

Sie hat das Wortspiel wie Buber/Rosenzweig übernommen - "sott/Sud" - طَبَخَ / طَبِيخًا

Mir ist es tatsächlich erst durch Buber aufgefallen!

Die Septuaginta, LXX, hat es auch aufgenommen:

ἥψησεν / ἕψεμα (Gen. 25:29 BGT)

Alle drei: Genial!

Sonst hat es keine der anderen geprüften Übersetzungen.

 

Die King James Version hat aber auch was Schönes gefunden, sie hat einen Vokal fürs Wortspiel genommen:

And Jacob sod pottage

Auf die Idee muss man auch erst einmal kommen!

(dann ist meine Fassung doch nicht so fern davon...)

 

Zu den letzten beiden Wörtern:

- das ist "schon, bereits"????!! قَدْ

- أَعْيَا im Wörterbuch fand ich dies unter عى Plural: erschöpft - ist das richtig?

 

Es ist interessant, was die anderen Übersetzungen an der Stelle schreiben:

Die jüdischen Griechen in Alexandria (!) in der Septuaginta schrieben  ἐκλείπων (Gen. 25:29 BGT) - eine Form von ἐκλείπω  - daher "Eklipse": Die Sonnen- oder Mondfinsternis: ausfallen, fehlen, verdunkeln, sterben - die deutsche Übersetzung der Septuaginta heißt es nur einfach "schwach".

 

Vulgata: lassus - müde, gelangweilt

King James Version, KJV: faint - erschöpft

Neuere amerikanische Übersetzung, NAS: famished

Aus England, English Standard Version, ESV: exhausted

alte französische Übersetzung: accablé de fatigue - überwältigt von Müdigkeit

neuere: très fatigué - sehr müde

Luther: müde

alle anderen deutschen Übersetzungen: erschöft

hübsch die Niederländer: moe - das ist soviel wie "fix und alle"

Die Dänen: udmattet - erschöpft.

 

 

Köln-Merkenich, am Freitag, den 3. Januar 2020

 

 

 

 

Gen 25,30 

 

וַיֹּ֙אמֶר עֵשָׂ֜ו אֶֽל־יַעֲקֹ֗ב הַלְעִיטֵ֤נִי נָא֙ 

מִן־הָאָדֹ֤ם הָאָדֹם֙ הַזֶּ֔ה כִּ֥י עָיֵ֖ף אָנֹ֑כִי עַל־כֵּ֥ן קָרָֽא־שְׁמ֖וֹ אֱדֽוֹם׃

 

 

Mein Versuch:

Und es sprach Essaw zu Ja'akob: Lass mich doch verschlingen von dem 

Roten, das Rote da, denn erschöpft bin ich; weswegen man seinen Namen 

ruft: "Rotling", Edom.

 

Buber/Rosenzweig:

Essaw sprach zu Jaakob:

Laß mich doch schlingen von dem Roten, dem Roten da,

denn ich bin ermattet.

Darum ruft man ihn mit Namen Edom, Roter.

 

Arabische Übersetzung: ‎

»فَقَالَ عِيسُو لِيَعْقُوبَ: «أَطْعِمْنِي مِنْ هذَا الأَحْمَرِ لأَنِّي 
قَدْ أَعْيَيْتُ» . لِذلِكَ دُعِيَ اسْمُهُ «أَدُومَ 


 

Fragen:

لِيَعْقُوبَ = "speise mich!" - ?

 

أَعْيَيْتُ - das muss mit  عى  zu tun haben, wie in Vers 29, "schwach, 

erschöpft" - du sagst auch "kränklich", diese Bedeutung auch im 

Hebräischen konnte ich für das Althebräische übrigens nicht wiederfinden 

- aber WAS ist es grammatisch? Keine Ahnung!

 

دُعِيَ = Ruf?

 

 

 

Köln-Merkenich, am Montag, den 6. Januar 2019

 

 

 

 

Gen 25,31 

וַיֹּ֖אמֶר יַעֲקֹ֑ב מִכְרָ֥ה כַיּ֛וֹם אֶת־בְּכֹֽרָתְךָ֖ לִֽי׃

 

mE:

Und es sprach Ja'akob: Verkauf doch heutigentags dein Erstgeburtsrecht mir!

 

Buber/Rosenzweig:

Jaakob sprach:

Verkaufe mir gleich des Tages dein Erstlingtum.

 

Arabisch:

‎  فَقَالَ يَعْقُوبُ: «بِعْنِي الْيَوْمَ بَكُورِيَّتَكَ» 

 

 

Was meint das Verb بِعْنِي? Ich findeعنى und als Bedeutung: "bedeuten, 

meinen" - dann wäre es ziemlich understatment? Oder ist das üblich?! 

Oder meint es "meinen" im Sinn von " ich habe es abgesehen auf"?!

 

 

 

 

Gen 25,32 

 

וַיֹּ֣אמֶר עֵשָׂ֔ו הִנֵּ֛ה אָנֹכִ֥י הוֹלֵ֖ךְ לָמ֑וּת וְלָמָּה־זֶּ֥ה לִ֖י בְּכֹרָֽה׃

 

Mein Versuch:

Und es sprach Essaw: Sieh! Ich bin dabei einzugehen /wörtlich: Ich bin gehend zu sterben /, warum dann dies Erstgeburtsrecht für mich?

 

Buber/Rosenzweig:

Essaw sprach:

Wohl, ich gehe an den Tod, was soll mir da Erstlingtum!

 

Van Dyke, oder auch Van Dyck geschrieben, 1818-1895, übrigens Amerikaner in der amerikanischen Mission nach Beirut entsandt und weil er die Evolutionstheorie von Darwin nicht vollends ablehnte gefeuert, übersetzt:

‎» فَقَالَ عِيسُو: «هَا أَنَا مَاضٍ إِلَى الْمَوْتِ، فَلِمَاذَا لِي بَكُورِيَّةٌ؟ 

 

Interessant finde ich van Dykes Übersetzung "أَنَا مَاضٍ" - "ich bin vergangen"? Das ist sehr schön! Und richtig krass - wenn ich das richtig sehe!

 

 


 

 

Gen 25,33 

 

‎וַיֹּ֣אמֶר יַעֲקֹ֗ב הִשָּׁ֤בְעָה לִּי֙ כַּיּ֔וֹם וַיִּשָּׁבַ֖ע ל֑וֹ וַיִּמְכֹּ֥ר אֶת־בְּכֹרָת֖וֹ לְיַעֲקֹֽב׃

(Gen. 25:33 WTT)

 

Meine Übersetzung:

Und es sprach Ja'akob: Schwöre doch mir, heutigentags! Und er schwor ihm 

und er verkaufte sein Erstgeburtsrecht Ja'akob.

 

Buber/Rosenzweig:

Jaakob sprach:

Schwöre mir gleich des Tags.

Er schwur ihm und verkaufte sein Erstlingtum Jaakob.

 

Van Dyke:

‎فَقَالَ يَعْقُوبُ: «احْلِفْ لِيَ الْيَوْمَ» . فَحَلَفَ لَهُ، فَبَاعَ 
بَكُورِيَّتَهُ لِيَعْقُوبَ

 

Interessant, wie das כַּיּ֔וֹם übersetzt wurde:

LXX σήμερον (Gen. 25:33 BGT)

LXXD heute

Vulgata macht so etwas wie einen logischen Schluss daraus: ergo

van Dyke auch wie im Hebräischen: الْيَوْمَ

KJV this day

NAS first

ESV now

LSG und BFC d'abaord

Buber/Rosenzweig bilden das כַּ noch ab, die einzigen!: gleich des Tags!

LUT und L17 zuvor

EIN radikalisiert: jetzt sofort!

ELB und SCH heute

ZUR zuerst

Niederländisch eerst

Dänisch: Lassen es aus! Der Imperativ wirkt im Dänischen offenbar stark 

genug!

 

 

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 9. Januar 2020


  

 

Gen 25,34 

 

וְיַעֲקֹ֞ב נָתַ֣ן לְעֵשָׂ֗ו לֶ֚חֶם וּנְזִ֣יד עֲדָשִׁ֔ים וַיֹּ֣אכַל וַיֵּ֔שְׁתְּ וַיָּ֖קָם וַיֵּלַ֑ךְ וַיִּ֥בֶז עֵשָׂ֖ו אֶת־הַבְּכֹרָֽה׃


 

Mein Versuch:

Und Ja'akob gab Essaw Brot und gekochte Linsen und er aß und trank und stand auf und ging und es verachtete Essaw das Erstgeburtsrecht.

 

Buber/Rosenzweig übersetzen so:

Jaakob aber gab Essaw Brot und den Linsensud,

der aß und trank und stand auf und ging davon.

Verachtet hatte Essaw das Erstlingtum.

 

Van Dyke:

‎ . فَأَعْطَى يَعْقُوبُ عِيسُوَ خُبْزًا وَطَبِيخَ عَدَسٍ، فَأَكَلَ وَشَرِبَ وَقَامَ وَمَضَى. فَاحْتَقَرَ عِيسُو الْبَكُورِيَّةَ

 

Er lässt zwar "stand auf" aus, dafür ist ihm etwas ganz wunderbares Gelungen: Es taucht das مَضَى wieder auf - in Vers 32 war er dabei in den Tod zu gehen, hier geht er davon. Was für eine tolle Beobachtung! So dass ich mich frage: Wann war Essaw dem Tode näher - als er hungerte oder als er satt war und wegging - und eben, wie es die Lesererwartung ist, Jakob nicht zur Rede stellte? Im Hebräischen wird beide Male eine Form von  הלך verwendet. Buber und Rosenzweig haben das beachtet: V. 32: "gehe in den Tod" - V. 34: "ging davon". Die arabische Übersetzung gibt es m. E. ganz wunderbar wieder!

Die Franzosen haben's nicht ganz so geschickt hinbekommen: Da das Verb "gehen" im Französischen stark ist, fällt die Gleichheit nicht so auf - V. 32 heißt es "vais mourir" und V. 34 "s'en alla".

Die Elberfelder Bibel hat's auch versucht: V. 32: gehe ja doch dem Sterben entgegen - V. 34: ging davon (vgl. Buber).

Auch die Niederländer habens: ga toch sterven - V. 34: ging weg.

Septuaginta, Vulgata, die englischen Übersetzungen KJV, ESV, NAS, Luther alt wie neu, EInheitsübersetzung, Schlachter und Zürcher Bibel: Den Leckerbissen haben sie sich entgehen lassen!

 

Köln-Merkenich, am Freitag, den 10. Januar 2020

  

 

Gen 26,1 

 

Köln-Merkenich, am Dienstag, den 14. Januar 2020

 

‎ וַיְהִ֤י רָעָב֙ בָּאָ֔רֶץ מִלְּבַד֙ הָרָעָ֣ב הָרִאשׁ֔וֹן אֲשֶׁ֥ר 
הָיָ֖ה בִּימֵ֣י אַבְרָהָ֑ם וַיֵּ֧לֶךְ יִצְחָ֛ק אֶל־אֲבִימֶּ֥לֶךְ מֶֽלֶךְ־פְּלִשְׁתִּ֖ים גְּרָֽרָה׃

(Gen. 26:1 WTT)

 

mE:

Und es geschah eine Hungersnot im Land, anders als der erste in den 

Tagen Abrahams. Und es ging Jizchak zu Abimelech, Philisterkönig, Gerar.

 

Buber/Rosenzweig:

Eine Hungersnot war im Land, eine andre als die frühere Hungersnot, die 

in Abrahams Tagen war,

und Jizchak ging zu Abimelech, König der Philister, nach Grar.

 

van Dyke:

‎ وَكَانَ فِي الأَرْضِ جُوعٌ غَيْرُ الْجُوعِ الأَوَّلِ الَّذِي كَانَ فِي 

أَيَّامِ إِبْرَاهِيمَ، فَذَهَبَ إِسْحَاقُ إِلَى أَبِيمَالِكَ مَلِكِ الْفِلِسْطِينِيِّينَ، إِلَى جَرَارَ

 

ذَهَبَ ist ja ganz speziell!!???

 

 

 

 

Gen 26,2 

‎‎וַיֵּרָ֤א אֵלָיו֙ יְהוָ֔ה וַיֹּ֖אמֶר אַל־תֵּרֵ֣ד מִצְרָ֑יְמָה שְׁכֹ֣ן בָּאָ֔רֶץ אֲשֶׁ֖ר אֹמַ֥ר אֵלֶֽיךָ׃

 

 

Mein Versuch:

Und es erschien ihm JHWH und er sprach: Geh nicht herunter nach Ägypten! 

Siedle im Land, von dem ich zu dir spreche

 

Buber/Rosenzweig:

Hier ließ ER von ihm sich sehen und sprach:

Zieh nimmer hinab nach Ägypten,

wohne in dem Land, das ich dir nun zuspreche,

 

Van Dyke:

‎   وَظَهَرَ لَهُ الرَّبُّ وَقَالَ: «لاَ تَنْزِلْ إِلَى مِصْرَ. اسْكُنْ 

فِي الأَرْضِ الَّتِي أَقُولُ لَكَ

 

Da verstehe ich nicht, wie الَّتِي gebildet ist. Es muss wohl etwas sehr 

einfaches sein? Ich komme aber trotzdem nicht drauf!

 

Die dänische, nur eine englische ("stay", NAS) und deutsche 

Übersetzungen sprechen von "bleibe" bzw. "bleibe wohnen".

 

 

Köln-Merkenich, am Montag, den 20. Januar 2020

 

 

 

 

Gen 26,3 

גּ֚וּר בָּאָ֣רֶץ הַזֹּ֔את וְאֶֽהְיֶ֥ה עִמְּךָ֖ וַאֲבָרְכֶ֑ךָּ 

כִּֽי־לְךָ֣ וּֽלְזַרְעֲךָ֗ אֶתֵּן֙ אֶת־כָּל־הָֽאֲרָצֹ֣ת הָאֵ֔ל וַהֲקִֽמֹתִי֙ אֶת־הַשְּׁבֻעָ֔ה אֲשֶׁ֥ר נִשְׁבַּ֖עְתִּי לְאַבְרָהָ֥ם אָבִֽיךָ׃

(Gen. 26:3 WTT)

 

Mein Versuch:

Sei fremd in diesem Land und ich bin mit dir und ich segne dich, denn 

für dich und für deinen Samen gebe ich alle diese Lande und ich richte 

auf den Schwur, den ich geschworen habe Abraham deinem Vater.

 

Buber/Rosenzweig:

gaste in diesem Land, und ich will dasein bei dir und dich segnen,

denn dir und deinem Samen gebe ich all diese Erdlande

und lasse den Schwur erstehn, den ich Abraham deinem Vater geschworen habe:

 

van Dyke:

‎  تَغَرَّبْ فِي هذِهِ الأَرْضِ فَأَكُونَ مَعَكَ وَأُبَارِكَكَ، لأَنِّي 

لَكَ وَلِنَسْلِكَ أُعْطِي جَمِيعَ هذِهِ الْبِلاَدِ، وَأَفِي بِالْقَسَمِ 

الَّذِي أَقْسَمْتُ لإِبْرَاهِيمَ أَبِيكَ.  (Gen. 26:3 AVD)

 

Im Lateinischen kommt das peregrinare vor - das wurde später zum 

Leitbild der Wandermönche!

 

Die arabische Übersetzung ist fantastisch: Der Wortstamm غرب ist  ja 

super interessant: Von "fortgehen" bis (Sonne) "untergehen", 

"auswandern" und "Westen": Alles drin!

 

Köln-Merkenich, am Dienstag, den 21. Januar 2020

 

 

 

 

Gen 26,4 

 


‎ וְהִרְבֵּיתִ֤י אֶֽת־זַרְעֲךָ֙ כְּכוֹכְבֵ֣י הַשָּׁמַ֔יִם וְנָתַתִּ֣י 

לְזַרְעֲךָ֔ אֵ֥ת כָּל־הָאֲרָצֹ֖ת הָאֵ֑ל וְהִתְבָּרֲכ֣וּ בְזַרְעֲךָ֔ כֹּ֖ל גּוֹיֵ֥י הָאָֽרֶץ׃

 (Gen. 26:4 WTT)

 

Mein Versuch:

Und ich lasse zahlreich werden deinen Samen wie Himmelssterne

und ich gebe deinem Samen alle diese Lande

und sich selbst segnen in deinem Samen alle Völker des Lands.

 

Buber/Rosenzweig übersetzen:

Mehren will ich deinen Samen wie die Sterne des Himmels

und will deinem Samen all diese Erdlande geben,

segnen sollen sich mit deinem Samen alle Stämme der Erde -

 

van Dyke übersetzt:

‎   وَأُكَثِّرُ نَسْلَكَ كَنُجُومِ السَّمَاءِ، وَأُعْطِي نَسْلَكَ 

جَمِيعَ هذِهِ الْبِلاَدِ، وَتَتَبَارَكُ فِي نَسْلِكَ جَمِيعُ أُمَمِ الأَرْضِ،  (Gen. 26:4 AVD)

 

Im Vers taucht אָֽרֶץ im Singular und im Plural אֲרָצֹ֖ת auf, beides mit 

demselben Wort.

Ich habe mich gefragt, welche Übersetzung dieses nachgebildet hat.

 

Die einzige ist die griechische! Der jüdischen Gemeinde in Alexandria!

Sie verwenden zweimal das gleiche Wort, ein Form von  γῆ , d. i. Erde.

 

Buber und Rosenzweig haben eine elegante Lösung gefunden, um die 

Beziehung herstellen zu können:

Beim ersten Mal sprechen sie von "Erdlande" und dann von "Erde" - muss 

man erst mal drauf kommen!

 

Die moderne französische Übersetzung hat's auch trickreich: Sie sagen 

erst territoires und dann terre!

 

Sonst werden, wie im Arabischen, zwei Wörter dafür verwendet.

 

Interessant ist auch, wie der HITPAEL des Hebräischen - Intensivstamm 

mit reflexiver Bedeutung - nachgebildet wurde.

 

Diese tolle Konstruktion können nicht viele nachbilden:

Zumeist wird ein Passiv daraus (Griechische Übersetzung, lateinische, 

Luther und einige andere deutsche Bibeln, auch das Arabische? Mein 

Wörterbuch sagt: VI. Stamm, passiv).

Anders haben es die die Einheitsübersetzung und die Elberfelder Bibel:

"Mit deinen Nachkommen werden ... sich segnen";

und die Zürcher hat's noch anders gelöst:

"mit deinen Nachkommen werden sich Segen wünschen" - super Idee!

Die Dänen haben's aber auch drauf: skal velsigne sig - "sollen sich segnen"

 

Beim Hitpael finde ich bemerkenswert: Es geht nicht um ein Geschehen, 

das Gott im Hintergrund wirken lässt - wie es beim Passiv erscheint - 

sondern ein aktives Geschehen der Menschen, die sich in/mit (‎בְ) der 

Nachkommenschaft Isaaks segnen!

 

 

 

 

Gen 26,5 

 


Köln-Merkenich, am Dienstag, den 28. Januar 2020

 

עֵ֕קֶב אֲשֶׁר־שָׁמַ֥ע אַבְרָהָ֖ם בְּקֹלִ֑י וַיִּשְׁמֹר֙ מִשְׁמַרְתִּ֔י מִצְוֹתַ֖י חֻקּוֹתַ֥י וְתוֹרֹתָֽי׃

 (Gen. 26:5 WTT)

 

Mein Versuch:

weil Abraham auf meine Stimme gehört hat und beachtete meine Weisungen, meine Befehle, meine Auflagen und meine Thora/Gebote.

 

Buber/Rosenzweig übersetzen:

dem zu Folge, daß Abraham auf meine Stimme gehört hat

und wahrte meine Verwahrung, meine Gebote, meine Satzungen, meine Weisungen.

 

van Dyke:

‎   مِنْ أَجْلِ أَنَّ إِبْرَاهِيمَ سَمِعَ لِقَوْلِي وَحَفِظَ مَا يُحْفَظُ لِي: أَوَامِرِي وَفَرَائِضِي وَشَرَائِعِي» .  (Gen. 26:5 AVD)

 

Eine Übersicht ist vielleicht interessant:

 



Das hebräische Wortspiel zwischen יִּשְׁמֹר und מִשְׁמַרְתִּ֔י  haben Buber und Rosenzweig wunderschön bewahrt: "wahrte meine Verwahrungen". Ich habe es nicht bemerkt!! Auch die Zürcher Bibel hat es: "gehalten, was ich ihn halten ließ" - und die ARABISCHE! fast genauso: وَحَفِظَ مَا يُحْفَظُ لِي
 

 
 
 

Gen 26,6 

 

‎וַיֵּ֥שֶׁב יִצְחָ֖ק בִּגְרָֽר׃ (Gen. 26:6 WTT)
 
mE:
Und es wohnte Jizchak in Gerar.
 
Buber/Rosenzweig:
Jizchak siedelte in Grar.
 
van Dyke:
‎  فَأَقَام إِسْحَاقُ فِي جَرَارَ (Gen. 26:6 AVD)
 
 
 
Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 29. Januar 2020
 
 
 
 

Gen 26,7 

‎וַֽיִּשְׁאֲל֞וּ אַנְשֵׁ֤י הַמָּקוֹם֙ לְאִשְׁתּ֔וֹ וַיֹּ֖אמֶר אֲחֹ֣תִי הִ֑וא כִּ֤י יָרֵא֙ לֵאמֹ֣ר אִשְׁתִּ֔י פֶּן־יַֽהַרְגֻ֜נִי אַנְשֵׁ֤י הַמָּקוֹם֙ עַל־רִבְקָ֔ה כִּֽי־טוֹבַ֥ת מַרְאֶ֖ה הִֽיא
(Gen. 26:7 WTT)
 
Mein Versuch:
Und es fragten Männer des Ortes nach seiner Frau und er sprach: "Meine Schwester ist sie", denn er hatte Furcht zu sagen, "meine Frau", ansonsten töteten mich die Männer des Ortes wegen Ribkah, denn eine schöne Gestalt war sie.
 
Buber/Rosenzweig:
Wenn die Leute des Orts nach seinem Weibe fragten, sprach er: Meine Schwester ist sie,
denn er fürchtete sich, zu sprechen: Sie ist mein Weib, -
die Leute des Orts möchten mich sonst umbringen Ribkas halber, denn sie ist schön von Angesicht.

van Dyke:
‎  وَسَأَلَهُ أَهْلُ الْمَكَانِ عَنِ امْرَأَتِهِ، فَقَالَ: «هِيَ أُخْتِي» . لأَنَّهُ خَافَ أَنْ يَقُولَ: «امْرَأَتِي» لَعَلَّ أَهْلَ الْمَكَانِ: «يَقْتُلُونَنِي مِنْ أَجْلِ رِفْقَةَ» لأَنَّهَا كَانَتْ حَسَنَةَ الْمَنْظَرِ. (Gen. 26:7 AVD)

Mit Rebekas Schönheit haben alle zu kämpfen:
Die Arabische Übersetzung und Buber/Rosenzweig retten bei Rebekkas Schönheit den Anklang an den Stamm "sehen" im hebräischen Wort  מַרְאֶ֖ה
Auch die Septuaginta (ὅτι ὡραία τῇ ὄψει ἦν) bewahrt dies: LXXD "weil sie prächtig im Aussehen war."
Die KJV macht's ganz witzig: "she was  fair to look upon".
Die NAS sagt nur noch umstandslos "she is beautiful". Genauso im Deutschen nur die Zürcher "sie ist schön" (Schlachter reicht das nicht "sie war sehr schön"; EIN: "sie war nämlich schön") und die Dänen "hun war smuk".
Die ESV nimmt einen anderen Anlauf: "she was attractive in appearance".
Und für Franzosen, LSG, ist die Figur anscheinend wichtig: "belle de figure". Was die moderne, BFC, wieder verschwinden lässt "elle était belle".
Witzigerweise hat Luther und die moderne Lutherausgabe, L17, "schön von Gestalt" - habe ich das im Ohr gehabt?
Die Elberfelder versucht es mit "Aussehen": "Sie ist schön von Aussehen".
Hübsch die Niederländer: "Zij was namelijk knap om te zien." - Wie KJV!
Ich hatte übrigens erst übersetzt "denn eine gute/schöne Erscheinung war sie". 
 
Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 30. Januar 2020
 

 
 
 

Gen 26,8 

 

Zur Abwechslung mal lustig in der Genesis:
 
‎וַיְהִ֗י כִּ֣י אָֽרְכוּ־ל֥וֹ שָׁם֙ הַיָּמִ֔ים וַיַּשְׁקֵ֗ף 
אֲבִימֶ֙לֶךְ֙ מֶ֣לֶךְ פְּלִשְׁתִּ֔ים בְּעַ֖ד הַֽחַלּ֑וֹן וַיַּ֗רְא וְהִנֵּ֤ה יִצְחָק֙ מְצַחֵ֔ק אֵ֖ת רִבְקָ֥ה אִשְׁתּֽוֹ׃
(Gen. 26:8 WTT)
 
Mein Versuch:
Und es geschah, ja, es breiteten sich aus von ihm dort die Tage und es 
schaute herab Abimelech, König der Plischtim, von einem Mauerloch und er 
sah, und siehe, Jizchak lachend mit Ribka, seiner Frau.
 
Buber/Rosenzweig:
Es geschah, als er lange Tage dort war,
Abimelech, der Philister König, lugte durchs Fenster,
und sah, da, Jizchak scherzte mit Ribka seinem Weibe.
 
Das Wortspiel  יִצְחָק֙ מְצַחֵ֔ק ist wohl unübersetzbar.
 
Van Dyke:
‎  وَحَدَثَ إِذْ طَالَتْ لَهُ الأَيَّامُ هُنَاكَ أَنَّ أَبِيمَالِكَ 
مَلِكَ الْفِلِسْطِينِيِّينَ أَشْرَفَ مِنَ الْكُوَّةِ وَنَظَرَ، وَإِذَا 
إِسْحَاقُ يُلاَعِبُ رِفْقَةَ امْرَأَتَهُ. (Gen. 26:8 AVD)
 
Wie dieses Verb in anderen Sprachen übersetzt wurde ist an sich schon lustig:
LXX παίζοντα (Gen. 26:8 BGT) eine Form von παίζω "sich amüsieren, sich vergnügen, ausgelassen sein"!
LXXD scherzte
VUL iocantem - von joco: von daher englisch: "joke": scherzen - Der 
Karneval kommt!
KJV was sporting - hättest du das gedacht?!
NAS caressing - "streicheln"!
ESV laughing
LSG plaisantait
BFC plaisantait tendrement - zärtlich scherzen!
LUT und L17 scherzte - so gesehen klingt das schon fast humorlos...
EIN und ZUR liebkoste
ELB koste
SCH vertraut scherzte
NL liefkosen
DÄN kælede   - streicheln
 
Köln-Merkenich, am Freitag, den 31. Januar 2020
 
 
 
 

Gen 26,9 

 

Hier hört der Spaß schon auf, eine Gerichtsverhandlung:
‎וַיִּקְרָ֙א אֲבִימֶ֜לֶךְ לְיִצְחָ֗ק וַ֙יֹּאמֶר֙ אַ֣ךְ הִנֵּ֤ה 
אִשְׁתְּךָ֙ הִ֔וא וְאֵ֥יךְ אָמַ֖רְתָּ אֲחֹ֣תִי הִ֑וא וַיֹּ֤אמֶר אֵלָיו֙ יִצְחָ֔ק כִּ֣י אָמַ֔רְתִּי פֶּן־אָמ֖וּת עָלֶֽיהָ׃
(Gen. 26:9 WTT)
 
Meine Version:
Und es rief Abimelech nach Jizchak und er sprach: In der Tat, siehe, 
deine Frau ist sie und wie sagst du 'meine Schwester ist sie'? Und es 
antwortete ihm Jizchak: "Denn ich sagte, 'andernfalls sterbe ich wegen 
ihr'."
 
Van Dyke:
‎   فَدَعَا أَبِيمَالِكُ إِسْحَاقَ وَقَالَ: «إِنَّمَا هِيَ امْرَأَتُكَ! 
فَكَيْفَ قُلْتَ: هِيَ أُخْتِي؟» فَقَالَ لَهُ إِسْحَاقُ: «لأَنِّي قُلْتُ: 
لَعَلِّي أَمُوتُ بِسَبَبِهَا» .  (Gen. 26:9 AVD)
 
 
Im Vergleich mit anderen Übersetzungen fällt mir auf, ob - wie im Arabischen - die ganz leichte, vorsichtige  Frageform "Wie?" beibehalten wurde.
In der Septuaginta ist es τί  - das kann auch heißen "warum".
So die Vulgate, knallhart heißt es dort "cur": "warum?"
Das hat tatsächlich nur die moderne französische Übersetzung "Pourqoui", BFC, und die dänische, "Hvorfor", alle anderen, die ich geprüft haben, sagen "how" oder "comment" oder "wie" oder "hoe" (NL).
 
Köln-Merkenich, am Samstag, den 1. Februar 2020
 
 
 
 

Gen 26,10 

 

Eine Anklage:
‎יֹּ֣אמֶר אֲבִימֶ֔לֶךְ מַה־זֹּ֖את עָשִׂ֣יתָ לָּ֑נוּ כִּ֠מְעַט שָׁכַ֞ב אַחַ֤ד הָעָם֙ אֶת־אִשְׁתֶּ֔ךָ וְהֵבֵאתָ֥ עָלֵ֖ינוּ אָשָֽׁם׃
(Gen. 26:10 WTT)
 
Mein Versuch:
Und es sprach Abimelech: Was ist das, du machst für uns? Denn ein wenig, 
es liegt jemand des Volkes zusammen mit deiner Frau und du erbringst für 
uns eine Schuld.
 
Buber/Rosenzweig:
Abimelech sprach:
Was hast du uns da getan!
Wie leicht hätte sich einer vom Volk zu deinem Weibe legen können,
und du hättest Schuld über uns kommen lassen.
 
van Dyke:
‎   فَقَالَ أَبِيمَالِكُ: «مَا هذَا الَّذِي صَنَعْتَ بِنَا؟ لَوْلاَ 
قَلِيلٌ لاضْطَجَعَ أَحَدُ الشَّعْبِ مَعَ امْرَأَتِكَ فَجَلَبْتَ عَلَيْنَا ذَنْبًا» .  (Gen. 26:10 AVD)
 
Dazu meine Fragen:
Ob du mir die Partikel  الَّذِي  erklären könntest?
Nichts gefunden habe ich zu  لاضْطَجَعَ ?
 

 
Köln-Merkenich, am 4. Februar 2020
 
 
 
 

Gen 26,11 

Hier wird das Urteil gesprochen:
 
‎וַיְצַ֣ו אֲבִימֶ֔לֶךְ אֶת־כָּל־הָעָ֖ם לֵאמֹ֑ר הַנֹּגֵ֜עַ בָּאִ֥ישׁ הַזֶּ֛ה וּבְאִשְׁתּ֖וֹ מ֥וֹת יוּמָֽת׃
(Gen. 26:11 WTT)
 
Mein Versuch: Und es befahl Abimelech dem ganzen Volk: Wer verletzt 
diesen Mann und seine Frau wird getötet werden.
 
Buber/Rosenzweig:
Abimelech gebot allem Volk sprechend:
Wer diesen Mann oder sein Weib berührt,
sterben muss er, sterben.
 
van Dyke:
‎  فَأَوْصَى أَبِيمَالِكُ جَمِيعَ الشَّعْبِ قَائِلاً: «الَّذِي يَمَسُّ 
هذَا الرَّجُلَ أَوِ امْرَأَتَهُ مَوْتًا يَمُوتُ» .  (Gen. 26:11 AVD)
 
Alle diese Übersetzungen und weitere, die ich dazu geprüft habe, haben 
eine Form von "berühren". Luther übersetzt "antastet", die 
Einheitsübersetzung und die Zürcher schreiben "anrührt".
 
Da stehe ich mit meiner Übersetzung ziemlich einsam da.
 
Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 5. Februar 2020
 
 
 
 

Gen 26,12 

 

Hundertfältig Frucht bringen in der Fremde, das ist doch was, oder?!
 
‎וַיִּזְרַ֤ע יִצְחָק֙ בָּאָ֣רֶץ הַהִ֔וא וַיִּמְצָ֛א בַּשָּׁנָ֥ה הַהִ֖וא מֵאָ֣ה שְׁעָרִ֑ים וַֽיְבָרֲכֵ֖הוּ יְהוָֽה׃
(Gen. 26:12 WTT)
 
Meine Übersetzung:
Und es säte Jizchak dort in die Erde und er erhielt nach einem Jahr dort 
hundert Scha'arim und es segte ihn JHWH.
 
Buber/Rosenzweig:
Jizchak säte in jenem Land und erntete in jenem Jahr hundert Maße,
so segnete ER ihn.
 
van Dyke:
‎  وَزَرَعَ إِسْحَاقُ فِي تِلْكَ الأَرْضِ فَأَصَابَ فِي تِلْكَ السَّنَةِ 
مِئَةَ ضِعْفٍ، وَبَارَكَهُ الرَّبُّ. (Gen. 26:12 AVD)
 
Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 6. Februar 2020
 
 
 
 

Gen 26,13 

 

‎וַיִּגְדַּ֖ל הָאִ֑ישׁ וַיֵּ֤לֶךְ הָלוֹךְ֙ וְגָדֵ֔ל עַ֥ד כִּֽי־גָדַ֖ל מְאֹֽד׃  (Gen. 26:13 WTT)
 
Meine Übersetzung:
Und groß wurde der Mann und es ging ein Gehen und er wurde größer bis er 
denn sehr groß wurde.
 
Buber/Rosenzweig übersetzen:
Groß wurde der Mann und fortwährend größer, bis er übergroß war.
 
van Dyke:
‎  فَتَعَاظَمَ الرَّجُلُ وَكَانَ يَتَزَايَدُ فِي التَّعَاظُمِ حَتَّى صَارَ عَظِيمًا جِدًّا.  (Gen. 26:13 AVD)
 
Engländer, Franzosen und Deutsche übersetzen mit "great" oder "reich", 
davon weicht die niederländische Übersetzung und die dänische ab:
NL: kreeg aanzien
DÄN: velstående
"Ansehen" und "Wohlstand/Ansehen" sagen ihnen offenbar mehr als Reichtum!
 
Köln-Merkenich, am Montag, den 10. Februar 2020
 
 
 
 

Gen 26,14 

 

‎וַֽיְהִי־ל֤וֹ מִקְנֵה־צֹאן֙ וּמִקְנֵ֣ה בָקָ֔ר וַעֲבֻדָּ֖ה רַבָּ֑ה וַיְקַנְא֥וּ אֹת֖וֹ פְּלִשְׁתִּֽים׃
(Gen. 26:14 WTT)
 
Mein Versuch: Und siehe, ihm gehörte Kleinviehland und Großviehland und 
eine Menge Sklavinnen und es wurden neidisch auf ihn Philister.
 
Buber/Rosenzweig übersetzen:
er hatte Schahherden und Rinderherden und vieles Werkvieh, und die 
Philister neideten ihn.
 
"Werkvieh"? Das verblüfft.
Fast alle anderen Übersetzungen schreiben:
VUL: "familia plurinum": Viel Volk;
die alte englische Übersetzung, KJV: "great store of servants";
NAS: "great household"
ESV: "many servants"
LSG und BFC: "un grand nombre de serviteurs"
LUT und L17 und die EIN und die Zürcher ZUR reden von "Gesinde"
ELB und SCH von "große Dienerschaft"
NL: "groot aantal slaven"
DÄN: "mange trælle": viele Knechte/Sklaven
 
Also könnte man denken, Buber und Rosenzweig liegen sowas von daneben. 
Es gibt jedoch einen ausgezeichneten Zeugen für ihre Übersetzung: Die 
älteste Übersetzung dieses Verses, die wir überhaupt haben und zwar von 
Juden aus Alexandria, die LXX, die schrieben:
γεώργια πολλά  (Gen. 26:14 BGT)
LXXD: "viel Ackerfeld"
 
Was macht van Dyke daraus:
‎فَكَانَ لَهُ مَوَاشٍ مِنَ الْغَنَمِ وَمَوَاشٍ مِنَ الْبَقَرِ 
وَعَبِيدٌ كَثِيرُونَ. فَحَسَدَهُ الْفِلِسْطِينِيُّونَ.  (Gen. 26:14 AVD)
 
Köln-Merkenich, am Dienstag, den 11. Februar 2020
 
 
 
 

Gen 26,16 

 

In Gen 26,16 nimmt das Unheil seinen Lauf:
‎וְכָל־הַבְּאֵרֹ֗ת אֲשֶׁ֤ר חָֽפְרוּ֙ עַבְדֵ֣י אָבִ֔יו בִּימֵ֖י אַבְרָהָ֣ם אָבִ֑יו סִתְּמ֣וּם פְּלִשְׁתִּ֔ים וַיְמַלְא֖וּם עָפָֽר׃
 
Mein Versuch:
Und alle Wasserstellen, die ausgegraben hatten die Sklaven seines Vaters 
in den Tagen Abrahams seines Vaters, sie verstopften Philister und 
verfüllten sie mit Müll.
 
Buber/Rosenzweig:
Alle Brunnen, die seines Vaters Knechte in Abrahams seines Vaters Tagen 
gegraben hatten, verstopften die Philister und füllten sie mit Schutt.
 
van Dyke:
‎  وَجَمِيعُ الآبَارِ، الَّتِي حَفَرَهَا عَبِيدُ أَبِيهِ فِي أَيَّامِ 
إِبْرَاهِيمَ أَبِيهِ، طَمَّهَا الْفِلِسْطِينِيُّونَ وَمَلأُوهَا تُرَابًا.  (Gen. 26:15 AVD)
 
 
Keine Übersetzung hat "Philister" OHNE Artikel! bzw. einige andere schreiben nur "sie".
 
Und gefüllt wird mit Erde (γῆς, humo, earth, aarde, jorden) oder Staub (poussière).
 
Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 13. Februar 2020
 
 
 
 

Gen 26,16 

 

‎וַיֹּ֥אמֶר אֲבִימֶ֖לֶךְ אֶל־יִצְחָ֑ק לֵ֚ךְ מֵֽעִמָּ֔נוּ כִּֽי־עָצַֽמְתָּ־מִמֶּ֖נּוּ מְאֹֽד׃
(Gen. 26:16 WTT)
 
mE:
Und es sprach Abimelech zu Jizchak: Geh weg von uns, denn sehr mächtig 
geworden bist du für uns.
 
Buber/Rosenzweig:
Abimelech sprach zu Jizchak:
Geh von uns, denn du bist uns überstark geworden.
 
van Dyke:
‎  وَقَالَ أَبِيمَالِكُ لإِسْحَاقَ: «اذْهَبْ مِنْ عِنْدِنَا لأَنَّكَ 
صِرْتَ أَقْوَى مِنَّا جِدًّا» .  (Gen. 26:16 AVD)
 
Köln-Merkenich, am Freitag, den 14. Februar 2020
 
 
 
 

Gen 26,17 

 

וַיֵּ֥לֶךְ מִשָּׁ֖ם יִצְחָ֑ק וַיִּ֥חַן בְּנַֽחַל־גְּרָ֖ר וַיֵּ֥שֶׁב שָֽׁם׃
(Gen. 26:17 WTT)
 
mE:
Und es ging fort von dort Jizchak und zeltete im Grar-Tal und siedelte dort.
 
Buber/Rosenzweig:
So ging Jizchak von dort,
er lagerte im Talgrund von Grar und siedelte dort.
 
van Dyke:
‎  فَمَضَى إِسْحَاقُ مِنْ هُنَاكَ، وَنَزَلَ فِي وَادِي جَرَارَ وَأَقَامَ هُنَاكَ.  (Gen. 26:17 AVD)
 
וַיִּ֥חַן und وَنَزَلَ sind genau parallel! Das hebräische Verb kommt 
von חנה und bedeutet "neigen" aber auch "vorübergehend zelten". Bei نزل 
fand ich auch "herabsteigen" und "einkehren, wohnen".
 
Köln-Merkenich, am Montag, den 17. Februar 2020
 
 
 
 

Gen 27,18 

 

וַיָּ֙שָׁב יִצְחָ֜ק וַיַּחְפֹּ֣ר׀ אֶת־בְּאֵרֹ֣ת הַמַּ֗יִם אֲשֶׁ֤ר 
חָֽפְרוּ֙ בִּימֵי֙ אַבְרָהָ֣ם אָבִ֔יו וַיְסַתְּמ֣וּם פְּלִשְׁתִּ֔ים 
אַחֲרֵ֖י מ֣וֹת אַבְרָהָ֑ם וַיִּקְרָ֤א לָהֶן֙ שֵׁמ֔וֹת כַּשֵּׁמֹ֕ת אֲשֶׁר־קָרָ֥א לָהֶ֖ן אָבִֽיו׃
(Gen. 26:18 WTT)
 
mE:
Und es kehrte Jizchak um und er ergrub die Wasserbrunnen, die man 
ergraben hatte in den Tagen Abrahams seines Vaters und verstopft hatten 
sie Philister nach dem Tod Abrahams und er rief ihre Namen wie sie ihre 
Namen sein Vater gerufen hatte.
 
Buber/Rosenzweig:
Jizchak grub die Wasserbrunnen wieder auf, die man in den Tagen Abrahams 
seines Vaters gegraben hatte und die Philister hatten sie nach Abrahams 
Tod verstopft,
und rief sie mit Namen, den Namen gleich, mit denen sein
Vater sie gerufen hatte.
 
van Dyke:
‎  فَعَادَ إِسْحَاقُ وَنَبَشَ آبَارَ الْمَاءِ الَّتِي حَفَرُوهَا فِي 
أَيَّامِ إِبْرَاهِيمَ أَبِيهِ، وَطَمَّهَا الْفِلِسْطِينِيُّونَ بَعْدَ 
مَوْتِ أَبِيهِ، وَدَعَاهَا بِأَسْمَاءٍ كَالأَسْمَاءِ الَّتِي دَعَاهَا بِهَا أَبُوهُ.  (Gen. 26:18 AVD)
 
 
Köln-Merkenich, am Dienstag, den 18. Februar 2020
 
 
 
 

Gen 26,19 

 

וַיַּחְפְּר֥וּ עַבְדֵֽי־יִצְחָ֖ק בַּנָּ֑חַל וַיִּ֙מְצְאוּ־שָׁ֔ם בְּאֵ֖ר מַ֥יִם חַיִּֽים׃ 
(Gen. 26:19 WTT)
 
mE: 
Und es gruben die Sklaven Isaaks im Flussbett und sie stießen dort auf einen Brunnen lebendigen Wassers.
 
Buber/Rosenzweig:
Auch gruben Jizchaks Knechte im Talgrund und fanden dort einen Brunnen lebendigen Wassers.
 
van Dyke:
‎  وَحَفَرَ عَبِيدُ إِسْحَاقَ فِي الْوَادِي فَوَجَدُوا هُنَاكَ بِئْرَ مَاءٍ حَيٍّ.  (Gen. 26:19 AVD)
 
NB: Nicht Jizchak baut und gründet und errichtet - wie sonst in den Geschichtsbüchern immer steht, "Alexander gründete Alexandria" - sondern hier werden die Sklaven genannt!

s. Berthold Brecht (Quelle: https://www.sgipt.org/wisms/geswis/brecht.htm - zuletzt eingesehen am 10.10.2023):



FRAGEN EINES LESENDEN ARBEITERS 

Wer baute das siebentorige Theben? 
In den Büchern stehen die Namen von Königen. 
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt? 
Und das mehrmals zerstörte Babylon, 
Wer baute es so viele Male auf ? In welchen Häusern 
Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute? 
Wohin gingen an dem Abend, wo die chinesische Mauer fertig war, 
Die Maurer? Das große Rom 
Ist voll von Triumphbögen. Über wen 
Triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz 
Nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhaften Atlantis 
Brüllten doch in der Nacht, wo das Meer es verschlang, 
Die Ersaufenden nach ihren Sklaven. 
Der junge Alexander eroberte Indien. 
Er allein? 
Cäsar schlug die Gallier. 
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich? 
Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte 
Untergegangen war. Weinte sonst niemand? 
Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer 
Siegte außer ihm? 
Jede Seite ein Sieg. 
Wer kochte den Siegesschmaus? 
Alle zehn Jahre ein großer Mann. 
Wer bezahlte die Spesen? 

So viele Berichte, 
So viele Fragen.

Köln-Merkenich, an Weiberfastnacht - eben hat der Spielmannszug hier gespielt! - den 19. Februar 2020

 


 

 

 

Gen 26 20 

Lauter Querelen:

 

 וַיָּרִ֜יבוּ רֹעֵ֣י גְרָ֗ר עִם־רֹעֵ֥י יִצְחָ֛ק לֵאמֹ֖ר לָ֣נוּ 

הַמָּ֑יִם וַיִּקְרָ֤א שֵֽׁם־הַבְּאֵר֙ עֵ֔שֶׂק כִּ֥י הִֽתְעַשְּׂק֖וּ עִמּֽוֹ׃

(Gen. 26:20 WTT)

 

mE:

Und die Hirten von Grar stritten sich mit den Hirten Jizchaks, sagend: 

Uns ist das Wasser! Und er rief den Namen des Brunnens "Querel", denn 

sie machten Querelen mit ihm.

 

Buber/Rosenzweig:

Die Hirten von Grar aber stritten mit den Hirten Jizchaks, sprechend: 

Unser ist das Wasser!

So rief er den Namen des Brunnens Essek, Hader, weil sie mit ihm 

gehadert hatten.

 

van Dyke:

‎ فَخَاصَم رُعَاةُ جَرَارَ رُعَاةَ إِسْحَاقَ قَائِلِينَ: «لَنَا 

الْمَاءُ» . فَدَعَا اسْمَ الْبِئْرِ «عِسِقَ» لأَنَّهُمْ نَازَعُوهُ.

  (Gen. 26:20 AVD)

 

Und hier habe ich sogar das Wort نَازَعُوهُ herausgefunden: von نزع   

III. Stamm!

 

Das Wortspiel mit dem Brunnen ahmen nach:

 

Die Septuaginta, LXX:

Ἀδικία ἠδίκησαν γὰρ αὐτόν (Gen. 26:20 BGT)

 

LXXD:

Unrecht; denn sie hatten an ihm Unrecht getan.

 

Die lateinische Übersetzung, Vulgata, VUL, nennt den Brunnen:

Calumniam - von calumnia - "falsche Anklagen"

 

Luther übersetzt:

"Zank", " weil sie mit ihm da gezankt hatten."

 

Buber: "Hader"/haderten

 

et moi: Querel/Querelen machen.

 

Köln-Merkenich, am Freitag, den 21. Februar 2020

 

 

 

 

Gen 26,21 

 


‎וַֽיַּחְפְּרוּ֙ בְּאֵ֣ר אַחֶ֔רֶת וַיָּרִ֖יבוּ גַּם־עָלֶ֑יהָ וַיִּקְרָ֥א שְׁמָ֖הּ שִׂטְנָֽה׃

(Gen. 26:21 WTT)

 

mE:

Und sie gruben einen weiteren Brunnen und sie stritten auch dort und er 

rief seinen Namen Sitna, Anklage.

 

Buber/Rosenzweig:

Und sie gruben einen andern Brunnen, und auch um den stritten sie,

so rief er seinen Namen Ssitna, Fehde.

 

van Dyke:

‎  ثُمَّ حَفَرُوا بِئْرًا أُخْرَى وَتَخَاصَمُوا عَلَيْهَا أَيْضًا، 

فَدَعَا اسْمَهَا «سِطْنَةَ»  (Gen. 26:21 AVD)

 

Die Bedeutung des Brunnennamens bilden nach:

Die Septuaginta, LXX: Ἐχθρία (Gen. 26:21 BGT) - das stammt von echtrós - 

feindselig.

LXXD: Feindschaft

VUL: inimicitias - = Unfreundlichkeit

BFC "contestation" - was wohl soviel wie Anfechtung heißt

Luther, LUT und L17 sowie EIN: "Streit"

und eben Buber/Rosenzweig et moi.

 

Ich entschied mich für "Anklage", weil das Wort für "Anklage" und 

"Ankläger" vom gleichen Stamm gebildet wird und daraus das Wort 

"Ankläger vor dem himmlischen Gerichtshof" wurde: Satan,  שָׂטָן .

 

Ob Rushdie das in seinen Satanischen Versen auch verarbeitet hat?

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 26. Februar 2020

 

 

 

 

Gen 26,22 - Die Weite 

Die Fortsetzung der Brunnenstreit-Geschichte:

 

‎וַיַּעְתֵּ֣ק מִשָּׁ֗ם וַיַּחְפֹּר֙ בְּאֵ֣ר אַחֶ֔רֶת וְלֹ֥א רָב֖וּ 

עָלֶ֑יהָ וַיִּקְרָ֤א שְׁמָהּ֙ רְחֹב֔וֹת וַיֹּ֗אמֶר כִּֽי־עַתָּ֞ה הִרְחִ֧יב יְהוָ֛ה לָ֖נוּ וּפָרִ֥ינוּ בָאָֽרֶץ׃

(Gen. 26:22 WTT)

 

Mein Versuch:

Und er ließ von dort wegbewegen und er grub einen weiteren Brunnen und 

sie stritten nicht um ihn und er rief seinen Namen Rechoboth, Weiter 

Platz, und sprach: denn nun hat es JHWH weit gemacht für uns und wir 

bringen Frucht auf der Erde.

 

Buber/Rosenzweig übersetzen:

Er rückte von dort weiter und grub einen andern Brunnen, um den stritten 

sie nicht mehr,

so rief er seinen Namen Rechobot, Weite,

denn er sprach: Geweitet hat ER es uns nun, daß wir im Lande fruchttragen.

 

van Dyke übersetzt:

‎  ثُمَّ نَقَلَ مِنْ هُنَاكَ وَحَفَرَ بِئْرًا أُخْرَى وَلَمْ 

يَتَخَاصَمُوا عَلَيْهَا، فَدَعَا اسْمَهَا «رَحُوبُوتَ» ، وَقَالَ: 

«إِنَّهُ الآنَ قَدْ أَرْحَبَ لَنَا الرَّبُّ وَأَثْمَرْنَا فِي الأَرْضِ» .  (Gen. 26:22 AVD)

 

Er hat das Wortspiel mit dem Brunnennamen sehr schön mit übersetzt, wie 

auch

Buber/Rosenzweig s.o. und ich es versucht haben und

Luther, LUT und L17 (Weiter Raum - Raum gemacht) und die

Einheitssübersetzung, EIN (Weite - weiten Raum verschafft), zuvor aber 

auch die

Septuaginta, LXX: Εὐρυχωρία, das ist "weiter Tanzplatz" wörtlich! - aber 

hier nur der Name, nicht weiter im Text aufgenommen, dafür aber die

Vulgata, VUL: Latitudo - dilutavit: Raum - hat Raum gemacht.

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 27. Februar 2020

 

 

 

 

Gen 26,23 angekommen? 

 


‎וַיַּ֥עַל מִשָּׁ֖ם בְּאֵ֥ר שָֽׁבַע׃  (Gen. 26:23 WTT)

 

mE:

Und er ging von dort hinauf nach Beer-Schabaa.

 

Buber/Rosenzweig:

Von dort stieg er auf nach Berscheba.

 

van Dyke:

‎  ثُمَّ صَعِدَ مِنْ هُنَاكَ إِلَى بِئْرِ سَبْعٍ.  (Gen. 26:23 AVD)

 

Köln-Merkenich, am Freitag, den 28. Februar 2020

 

 

 

 

Gen 26,24 

 


Köln-Merkenich, am Montag, den 2. März 2020


‎  וַיֵּרָ֙א אֵלָ֤יו יְהוָה֙ בַּלַּ֣יְלָה הַה֔וּא וַיֹּ֕אמֶר אָנֹכִ֕י אֱלֹהֵ֖י אַבְרָהָ֣ם אָבִ֑יךָ אַל־תִּירָא֙ כִּֽי־אִתְּךָ֣ אָנֹ֔כִי וּבֵֽרַכְתִּ֙יךָ֙ וְהִרְבֵּיתִ֣י אֶֽת־זַרְעֲךָ֔ בַּעֲב֖וּר אַבְרָהָ֥ם עַבְדִּֽי׃

(Gen. 26:24 WTT)

 

Mein Versuch:

Und es erschien ihm JHWH in genau dieser Nacht und er sprach: Ich bin der Gott Abrahams, deines Vaters, fürchte dich nicht, denn mit dir bin ich und ich segne dich und mache zahlreich deinen Samen um Abrahams, meines Dieners willen.

 

Buber/Rosenzweig übersetzen:

ER ließ von ihm sich in derselben Nacht sehen und sprach:

Ich bin der Gott deines Vaters Abraham,

fürchte dich nimmer, denn ich bin mit dir,

ich segne dich und mehre deinen Samen um meines Knechts Abraham willen.

 

van Dyke:

‎   فَظَهَرَ لَهُ الرَّبُّ فِي تِلْكَ اللَّيْلَةِ وَقَالَ: «أَنَا إِلهُ إِبْرَاهِيمَ أَبِيكَ. لاَ تَخَفْ لأَنِّي مَعَكَ، وَأُبَارِكُكَ وَأُكَثِّرُ نَسْلَكَ مِنْ أَجْلِ إِبْرَاهِيمَ عَبْدِي» .  (Gen. 26:24 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN:

Die ZEITFORM von ‎  וּבֵֽרַכְתִּ֙יךָ wird unterschiedlich wahrgenommen.

Die Septuaginta, LXX übersetzt: 

ηὐλόγηκά σε  (Gen. 26:24 BGT) das ist Perfekt von εὐλογέω und wörtlich: Ich habe dich gesegnet.

Die Deutsche Übersetzung der Septuaginta, LXXD schreibt:

ich segne dich

Die lateinische Übersetzung, Vulgata, schreibt hingegen: benedicam tibi  (Gen. 26:24 VULM) - das ist Futur oder Subjunktiv.

Anscheinend gab das den Ausschlag, warum dann im Futur oder Subjunktiv übersetzt wurde:

KJV: "and will bless thee"

NAS: "I will bless you"

Die ältere französische Bibel LSG schreibt: "te bénirai" - das ist m. W. Futur, genauso aber auch die moderne Übersetzung BFC.

Luther und Luther17 schreiben beide: "will dich segnen", so auch Schlachter und Zürcher.

Elberfelder: "werde dich segnen"

Nur die Einheitsbibel sagt: "Ich segne dich"

Auch die Niederländer, "Ik zal u zegenen" und die Dänen sagen: "Jeg vil velsigne dig".

 


 

 

 

Gen 26,25 

 


‎ וַיִּ֧בֶן שָׁ֣ם מִזְבֵּ֗חַ וַיִּקְרָא֙ בְּשֵׁ֣ם יְהוָ֔ה וַיֶּט־שָׁ֖ם אָהֳל֑וֹ וַיִּכְרוּ־שָׁ֥ם עַבְדֵי־יִצְחָ֖ק בְּאֵֽר׃

(Gen. 26:25 WTT)

 

Mein Versuch:

Und er baute dort einen Altar und er rief dort im Namen JHWHs und 

breitete dort sein Zelt aus und dort gruben die Knechte Jizchaks einen 

Brunnen.

 

Buber/Rosenzweig:

Er baute dort eine Schlachtstatt

und rief den NAMEN aus.

Dort spannte er sein Zelt, und Jizchaks Knechte bohrten dort einen Brunnen.

 

van Dyke:

‎  فَبَنَى هُنَاكَ مَذْبَحًا وَدَعَا بِاسْمِ الرَّبِّ. وَنَصَبَ هُنَاكَ 

خَيْمَتَهُ، وَحَفَرَ هُنَاكَ عَبِيدُ إِسْحَاقَ بِئْرًا. (Gen. 26:25 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN:

Buber/Rosenzweig, van Dyke und die Septuaginta, LXX, sind die einzigen 

Übersetzungen (derer, die ich lesen kann), die nicht "Altar" schreiben:

LXX übersetzt: θυσιαστήριον - θυσια ist das Opfer und damit ist klar: 

Opferplatz, LXXD: "Opferstätte";

zu مَذْبَحًا sagt  mein Wörterbuch, gebildet von  مذبح "Schlachthaus".

 

Köln-Merkenich, am Dienstag, den 3. März 2020

 

 

 

 

Gen 26,26 

 


 

‎ וַאֲבִימֶ֕לֶךְ הָלַ֥ךְ אֵלָ֖יו מִגְּרָ֑ר וַאֲחֻזַּת֙ מֵֽרֵעֵ֔הוּ וּפִיכֹ֖ל שַׂר־צְבָאֽוֹ׃

(Gen. 26:26 WTT)

 

Mein Versuch:

Und Abimeleich ging zu ihm von Grar und Achussath sein Freund und Phichol, Chef seiner Armee.

 

Buber/Rosenzweig übersetzen:

Abimelech aber ging zu ihm aus Grar, mit Achusat seinem Tischgenossen und Pichol seinem Heeresobersten.

 

Da ist Achusat ein Tischgenosse!

 

So übersetzt van Dyke:

‎  وَذَهَبَ إِلَيْهِ مِنْ جَرَارَ أَبِيمَالِكُ وَأَحُزَّاتُ مِنْ أَصْحَابِهِ وَفِيكُولُ رَئِيسُ جَيْشِهِ.  (Gen. 26:26 AVD)

 

Da ist "Uchussat" "von seinen Freunden".

 

Das ist wahrscheinlich von der King James Version angeregt worden, dort heißt es "one of his friends".

In moderneren englischen Übersetzungen ist er "adviser", NAS, ESV, so auch im Dänischen, "rådgiver".

Bei Luther, LUT und L17, ELB und SCH ist er "Freund", so auch in der Vulgata, "amicus illius" sowie im Niederländischen, "vriend" . In der Einheitsbibel und Zürcher steht: "seinem Vertrauten".

Überraschend die Septuaginta; LXX: dort ist "Ochozat"  der "νυμφαγωγὸς αὐτοῦ" und die Deutsche Übersetzung der Septuaginta, LXXD, schreibt auch getreu: "Brautführer" - Brautführer und Heerführer mit dem König! Was für ein Bild, das sehr zu denken gibt!

Bei der Septuaginta ist immer zu bedenken: Sie wurde von Juden in Alexandria übersetzt und von allen Übersetzungen ist sie die älteste! Waren es kulturelle Gründe der Spätantike in Alexandria, warum einfach ein Freund zu sein nicht genügte oder eine besondere Nähe zum hebräischen Wort מֵרֵעַ, das diese Bedeutung tatsächlich haben kann, Ri 14,20?

 

Köln-Merkenich, am 10. März 2020

 


 

 

 

Gen 26,27 

 


Es kommt zum Showdown:

‎ וַיֹּ֤אמֶר אֲלֵהֶם֙ יִצְחָ֔ק מַדּ֖וּעַ בָּאתֶ֣ם אֵלָ֑י וְאַתֶּם֙ שְׂנֵאתֶ֣ם אֹתִ֔י וַתְּשַׁלְּח֖וּנִי מֵאִתְּכֶֽם׃

(Gen. 26:27 WTT)

 

Mein Versuch:

Und es sprach zu ihnen Jizchak: Warum kommt ihr zu mir? Und ihr hasst mich und ihr schickt mich von euch fort?!

 

Buber/Rosenzweig:

Jizchak sprach zu ihnen:

Weshalb seid ihr zu mir gekommen?

ihr haßt mich ja und habt mich von euch weggeschickt!

 

van Dyke:

‎  فَقَالَ لَهُمْ إِسْحَاقُ: «مَا بَالُكُمْ أَتَيْتُمْ إِلَيَّ وَأَنْتُمْ قَدْ أَبْغَضْتُمُونِي وَصَرَفْتُمُونِي مِنْ عِنْدِكُمْ؟» (Gen. 26:27 AVD)

 

Luther übersetzt:

Aber Isaak sprach zu ihnen: Warum kommt ihr zu mir? Hasst ihr mich doch und habt mich von euch getrieben. (Gen. 26:27 L17)

 

Ich war zunächst auch versucht  zu übersetzen "und ihr vertreibt mich".

Buber/Rosenzweig ließen mich das Hebräische Verb noch einmal genauer ansehen:

Es ist eine sogenannte Intensivform, Piel, von שׁלח und bedeutet "senden", auch im Intensiv im Sinn von "aussenden".

Die Septuaginta hat fast wörtlich übersetzt:

ἀπεστείλατέ με ἀφ᾽ ὑμῶν (Gen. 26:27 BGT)

Septuaginta Deutsch:

habt mich von euch weggeschickt.

Daran orientieren sich auch die englischen Übersetzungen, KJV, ESV; NAS:

sent ... away

Auch die Elberfelder und Zürcher schreiben

weggeschickt

van Dyke ist sehr vorsichtig:

صَرَفْتُمُونِي

ist eine Form von صرف und bedeutet abwenden.

Mit der Intensivform hat sich allem Anschein nach die Einheitsübersetzung auseinander gesetzt:

EIN:

aus eurem Gebiet ausgewiesen

Es dramatisieren:

LUT, L17, s.o.,

SCH:

von euch weggetrieben

Die moderne französische Übersetzung, BFC:

m'avez chassé de chez vouz

DÄN

jaget mig væk

Und am deutlichsten die Vulgata:

et expulistis a vobis.

Das hebräische Verb für vertreiben ist gewöhnlich  גָּרַשׁ , garasch, Gen 4,14; Ex 23,31 u.ö.

Der Erzähler verbindet also einen starken Ausdruck "hassen" mit einem sehr vorsichtigen "wegschicken". Warum?

 

 

 

 

Gen 26,28 

Es kommt zum Schwur: Da ist der Bund!

‎ וַיֹּאמְר֗וּ רָא֣וֹ רָאִינוּ֘ כִּֽי־הָיָ֣ה יְהוָ֣ה׀ עִמָּךְ֒ וַנֹּ֗אמֶר תְּהִ֙י נָ֥א אָלָ֛ה בֵּינוֹתֵ֖ינוּ בֵּינֵ֣ינוּ וּבֵינֶ֑ךָ וְנִכְרְתָ֥ה בְרִ֖ית עִמָּֽךְ׃

(Gen. 26:28 WTT)

 

 

Mein Versuch:

Und sie sprachen: Ein Sehen sehen wir, denn: es ist JHWH mit dir und wir sagen: es sei doch eine Verpflichtung zwischen uns, zwischen uns und zwischen dir und wir schließen einen Bund mit dir.

 

Buber/Rosenzweig:

Sie sprachen:

Gesehn haben wir, gesehn, daß ER bei dir war,

so sprechen wir: ein Droheid sei doch zwischen uns beiden, zwischen uns und dir,

einen Bund wollen wir mit dir schließen:

 

van Dyke:

‎  فَقَالُوا: «إِنَّنَا قَدْ رَأَيْنَا أَنَّ الرَّبَّ كَانَ مَعَكَ، فَقُلْنَا: لِيَكُنْ بَيْنَنَا حَلْفٌ، بَيْنَنَا وَبَيْنَكَ، وَنَقْطَعُ مَعَكَ عَهْدًا:  (Gen. 26:28 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN:

1) "war" (Buber/Rosenzweig) oder "ist" (mE) Gott mit ihm?

Da teilen sich die Stränge!

 

A

LXX ist eindeutig:

ἦν κύριος μετὰ σοῦ (Gen. 26:28 BGT)

LXXD:

der Herr mit dir war

So auch KJV

was with thee

NAS und ESV

has been with you

Zürcher:

der Herr mit dir war

van Dyke ist auch klar:

‎  كَانَ  = "war"


B

Die alte französische Übersetzung, LSG, wie die neue, BFC, sagen:

est avec toi

So auch Luther, alt wie neu, L17, ELB, EIN, SCH:

mit dir ist

Niederländer sagen:

met u is

und die Dänen:

er med dig

Die Vulgata steht irgendwo dazwischen, kaum zu glauben, dass das geht:

videmus tecum esse Dominum - das ist weder "est" noch "erat": Kann mir das jemand erläutern?

 

C

Droheid: Was ist das? Buber/Rosenzweig haben nicht unrecht: Eid ist im Hebräischen im Allgemeinen eine Selbstverpflichtung, die mit einer Drohung verbunden ist, die für einen selbst zerstörerisch ist, wenn die Verpflichtung nicht eingehalten wird: Nach dem Schema: Wenn ich das und das nicht tue, dann wird mir das und das. Und was einem dann wird, ist meistens krass: Zerteilung etwa, z. B., vgl. Gen 15,10 wo Gott sich selbst auf diese Weise verpflichtet, sehr interessant! und Jer 34,18ff.

LXX sagt ἀρὰ von ἀρά d. i. Gebet, Verwünschung, Fluch

Die VUL ist handzahm: "iuramentum" - EId

Es ist ein "oath" (KJV, NAS), ein "sworn pact" (ESV), "un serment", Eid in LSG und BFC, bei LUT und L!/, EIN und SCH: Eid, , ELB: Schwur und ZÜR "beschworen", die Niederländer finde ich sehr sympathisch: "overeenkomst" und die Dänen: "edsforbund": Das steht so weder in meinem alten (1889) noch etwas modernerem (1987), ein Kunstwort offenbar, etwa: "eidlicher Bund".

Van Dyke sagt: ‎  حَلْفٌ  dazu fand ich "Schwur".

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 12. März 2020

 


 

 

 

Gen 26,29 

‎‎אִם־תַּעֲשֵׂ֙ה עִמָּ֜נוּ רָעָ֗ה כַּאֲשֶׁר֙ לֹ֣א נְגַֽעֲנ֔וּךָ וְכַאֲשֶׁ֙ר עָשִׂ֤ינוּ עִמְּךָ֙ רַק־ט֔וֹב וַנְּשַׁלֵּֽחֲךָ֖ בְּשָׁל֑וֹם אַתָּ֥ה עַתָּ֖ה בְּר֥וּךְ יְהוָֽה׃

(Gen. 26:29 WTT)

 

Mein Versuch:

Wenn du machst mit uns Böses genauso wie wir dich nicht verletzten und genauso wie wir machten mit dir nur Gutes und wir dich fortschickten in Frieden, du, jetzt, JHWH gesegnet.

 

Buber/Rosenzweig:

tust du uns je ein Übel an, ...!

Wie wir dich nicht berührten und wie wir nur Gutes dir taten und dich in Frieden fortschickten, -

du nun Gesegneter IHM!

 

van Dyke:

‎   أَنْ لاَ تَصْنَعَ بِنَا شَرًّا، كَمَا لَمْ نَمَسَّكَ وَكَمَا لَمْ نَصْنَعْ بِكَ إِلاَّ خَيْرًا وَصَرَفْنَاكَ بِسَلاَمٍ. أَنْتَ الآنَ مُبَارَكُ الرَّبِّ» .  (Gen. 26:29 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN:

"nicht berührten" erinnert an V. 11 - das Verbot, das der König Melchisedek verhängte, hat er selbst strikt eingehalten.

Für die Übersetzer der Septuaginta hat dieser Vers etwas völlig anderes freigesetzt:

LXX

μὴ ποιήσειν μεθ᾽ ἡμῶν κακόν καθότι ἡμεῖς σε οὐκ ἐβδελυξάμεθα καὶ ὃν τρόπον ἐχρησάμεθά σοι καλῶς καὶ ἐξαπεστείλαμέν σε μετ᾽ εἰρήνης καὶ νῦν σὺ εὐλογητὸς ὑπὸ κυρίου (Gen. 26:29 BGT)

LXXD:

dass du mit uns nichts Böses machen wirst, gerade wie wir uns nicht vor dir geekelt haben und wie wir dich gut behandelt haben und dich in Frieden weggeschickt haben; und jetzt bist du gesegnet vom Herrn.

 

In der Tat, ἐβδελυξάμεθα kommt von βδελύσσω und meint "verabscheuen, ekeln".

Es nimmt vorweg, dass später erzählt wird, wie Ägypter sich verschiedentlich vor den Hebräern ekelten, Gen 46,34 vor den Viehhirten und Ex 1,12 vorm ganzen Volk.

Hat das mit der Gedächtnisspur zu tun, die Jan Assmann entdeckte, als versteckte Erinnerung an die ansonsten vertilgte Geschichte des Eingott-Glaubens Echnatons? Die Erinnerung an Echnaton und seiner monotheistischen Revolution wurde im Alten Ägypten schon kurz nach dem Ende seiner Dynastie, vermutlich schon zu Lebzeiten von Tuth-Anch-Amum getilgt. So gründlich, dass selbst der Name des Pharaos und die gesamte Dynastie in den späteren Königslisten nicht mehr auftaucht. Echnatons neue Hauptstadt wurde dem Erdboden gleichgemacht. Dennoch kursierte eine Deckerinnerung, die Assmann wiedergibt, u.a. in: Jan Assmann: Moses und Echnaton: Religionsstifter im Zeichen der Wahrheit; in: Bärbel Köhler (Hrsg.), Religion und Wahrheit. Religionsgeschichtliche Studien ; Festschrift für Gernot Wießner zum 65. Geburtstag, Wiesbaden 1998, S. 33-44, http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/propylaeumdok/3825/1/Assmann_Moses_und_Echnaton_1998.pdf 

Da ist von Aussätzigen die Rede die für 13 Jahre das Land beherrschen und alle Gebote und Sitten auf den Kopf stellen - u.a. verbieten sie aller Götterverehrung und Bildkulte. Ob in diesem Zusammenhang ausdrücklich von "Ekel" gesprochen wird, kann ich von hier aus nicht überprüfen.

Für die jüdischen Übersetzer in Alexandria scheint das aber sehr wichtig gewesen zu sein, dass das Vorbild eines guten Herrschers, Melchisedek, sich vor Isaak und seinen Leuten "nicht geekelt" hat! Als die Bibel ins Griechische übersetzt wurde, setzte sich zwar der stoische Monotheismus - Verehrung des Logos als Urform für alles Göttliche - mehr und mehr durch und die Menschenförmigkeit, Anthropomorphismen der Götter in Homer und Bibel waren den Gebildeten schon lange ein Graus, so dass sie schon weit vor den jüdischen und christlichen Gelehrten Homer allegorisch auslegten. Daran wiederum konnte Philo von Alexandria problemlos anknüpfen um alle Gottesvorstellungen der hebräischen Bibel, die sehr handfest erscheinen - z. B. Gott als Gärtner im Garten Eden - zu vergeistigen.

Dennoch gab es die alt-ägyptischen Kulte und Feste weiterhin, bis ins Vierte Jahrhundert; sie wurden endgültig erst mit der Arabischen Eroberung beendet. Für die Übersetzer der Septuaginta waren sie also ein Teil ihrer Alltagswelt. Und der biblische Monotheismus erschien damals sehr modern. Das wird hier durch einen sozusagen externen Zeugen, den "heidnischen" König Melchisedek, bezeugt.

 

aus dem rheinischen Wuhan, am Montag, den 16. März 2020

 


 

 

 

Gen 26,30 Guten Appetit! 

Ein königliches Mahl!

‎וַיַּ֤עַשׂ לָהֶם֙ מִשְׁתֶּ֔ה וַיֹּאכְל֖וּ וַיִּשְׁתּֽוּ׃  (Gen. 26:30 WTT)

 

mE:

Und er machte für sie ein Festmahl und sie aßen und sie tranken.

 

Buber/Rosenzweig:

Er machte ihnen ein Trinkmahl, sie aßen und tranken.

 

van Dyke:

‎  فَصَنَعَ لَهُمْ ضِيَافَةً، فَأَكَلُوا وَشَرِبُوا.  (Gen. 26:30 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN:

Die Septuaginta lässt die Herrschaften zu einer  δοχή zusammenkommen:

καὶ ἐποίησεν αὐτοῖς δοχήν καὶ ἔφαγον καὶ ἔπιον (Gen. 26:30 BGT)

LXXD:

Und er machte für sie ein Festmahl und sie aßen und tranken.

Sehr schön die Vulgata: Dort ist es ein convivium!

van Dykes ضِيَافَةً ist laut Wörterbuch eine "Bewirtung". 

Die Engländer laden zum feast, KJV, NAS, ESV und die alte französische Übersetzung zu einem festin, LSG, die neuere, BFC, zu einem banquet.

Luther und alle deutschen Fassungen, die ich vorliegen habe, laden zum "Mahl" ein.

In den Niederlanden fand eine "maaltijd" statt und in Dänemark eine "festmåltid".

Das Hebräische Wort ‎  מִשְׁתֶּ֔ה  wird auffallend häufig im Buch Esther verwendet (mit 19x die häufigste im ganzen AT) und zwar besonders bei festlichen Essen des Königs. Darum erscheint mir "Gelage", wie ich anfangs übersetzen wollte - eine direkte Übersetzung aus dem Griechischen "Symposion" - genauso unangebracht wie das einfache "Mahl" bei Luther etc. Es ist eine königliche Mahlzeit ehemaliger Streitpartner - ein Bund-Mahl! - 

Diese Bundesmahlzeit zur Beendigung von Spannungen zwischen den Hirten Issaks und den Hirten Abimelechs ist m. W. in der christlichen Literatur nicht aufgenommen worden.

 

Köln-Merkenich, am Dienstag, den 17. März 2020

 


 

 

 

Gen 26,31 

 


Es kommt zum Schwur, in aller Frühe:

‎וַיַּשְׁכִּ֣ימוּ בַבֹּ֔קֶר וַיִּשָּׁבְע֖וּ אִ֣ישׁ לְאָחִ֑יו וַיְשַׁלְּחֵ֣ם יִצְחָ֔ק וַיֵּלְכ֥וּ מֵאִתּ֖וֹ בְּשָׁלֽוֹם׃

(Gen. 26:31 WTT)

 

mE:

Und sie standen in aller Frühe am Morgen auf und sie schworen einander,

ein jeder seinem Bruder und es entsandte sie Jizchak und sie gingen von

ihm fort im Frieden.

 

Buber/Rosenzweig:

Frühmorgens standen sie auf und schwuren einander.

Dann schickte Jizchak sie heim, und sie gingen von ihm in Frieden.

 

van Dyke:

‎  ثُمَّ بَكَّرُوا فِي الْغَدِ وَحَلَفُوا بَعْضُهُمْ لِبَعْضٍ،

وَصَرَفَهُمْ إِسْحَاقُ. فَمَضَوْا مِنْ عِنْدِهِ بِسَلاَمٍ.  (Gen. 26:31 AVD)

 

 

BEOBACHTUNGEN:

 

1. Einander:

Die hebräische Konstruktion ist einigermaßen kompliziert, aber ich

emfpinde sie als sehr nachdrücklich!

Die Septuaginta bildet sie fast wörtlich nach:

LXX

καὶ ἀναστάντες τὸ πρωὶ ὤμοσαν ἄνθρωπος τῷ πλησίον αὐτοῦ καὶ ἐξαπέστειλεν

αὐτοὺς Ισαακ καὶ ἀπῴχοντο ἀπ᾽ αὐτοῦ μετὰ σωτηρίας (Gen. 26:31 BGT)

 

ἄνθρωπος τῷ πλησίον: wörtlich: ein Mensch (Mann) dem Nächsten

 

Die Septuaginta-Deutsch, LXXD übersetzt dies so:

Und nachdem sie am Morgen aufgestanden waren, schworen sie, einer dem

(Ergänzung: seinem) anderen, und Isaak schickte sie weg und in

Sicherheit gingen sie von ihm weg.

 

Die Vulgata machts, wie zu erwarten, sehr kurz:

VUL

sibi mutuo

 

KJV:

one to another

 

Das klang offenbar für ESV und NAS schon komisch: Sie machen daraus:

exchanged oaths

 

Parallel im Französischen:

Die alte LSG:

l'un à l'autre

 

die modernere BFC:

échangèrent des serments

 

Luther: einer schwor dem anderen

EIN und SCH und ZUR: einander

 

NL: elkaar

DÄN: til hinanden

 

van Dyke:

بَعْضُهُمْ لِبَعْضٍ - gegenseitig - von بعض "ein Teil (von), eine/r; einige; etwas"! -


2 Jizchak schickt

Jizchak ist eindeutig der Aktive. Das ist wichtig, weil zuvor Jizchak

sich beklagt hat, dass er immer fortgeschickt wurde. Ich hätte nie

gedacht, dass das ein Problem ist:

 

LXX: ἀπῴχοντο

LXXD: schickte sie weg

 

Auch die Vulgata ist eindeutig: demisit

 

Alle Englischen: sent away

 

Nur im Deutschen scheint es ein Problem zu sein:

Luther: ließ sie gehen (LUT und L17, SCH, ZUR: ziehen) vgl. NL: liet hen

gaan

EIN und ELB: entließ sie

 

Ganz eigenständig und unaufgeregt die Dänen: Isak tog afsked med dem  -

nahm von ihnen Abschied

 

 

3 in Frieden בְּשָׁלֽוֹם

Das wird in der Septuaginta nicht in allen Fällen mit ειρήνη, Friede,

wiedergegeben, sondern wie hier z. B. mit σωτηρίας - wörtlich "Heil";

LXXD: "in Sicherheit".

 

Trotzdem bleiben alle anderen Übersetzungen bei einer Form von "Friede",

nur die moderne Französische Bibel, BFC, schreibt:

en bons termes.

 

En bon termes:

 

Köln-Merkenich, am 18. März 2020

 

 

 

 

Gen 26,32 WASSER! 

Heute gibt es was zu feiern:

‎ וַיְהִ֣י׀ בַּיּ֣וֹם הַה֗וּא וַיָּבֹ֙אוּ֙ עַבְדֵ֣י יִצְחָ֔ק וַיַּגִּ֣דוּ ל֔וֹ עַל־אֹד֥וֹת הַבְּאֵ֖ר אֲשֶׁ֣ר חָפָ֑רוּ וַיֹּ֥אמְרוּ ל֖וֹ מָצָ֥אנוּ מָֽיִם׃

(Gen. 26:32 WTT)

 

mE:

Und es geschah an diesem Tag: Es kamen Knechte Jizchaks und berichteten ihm wegen des Brunnens den sie gruben und sie sagten ihm: Wir sind auf Wasser gestoßen!

 

Buber/Rosenzweig:

Es geschah an demselben Tag, daß Jizchaks Knechte kamen und meldeten ihm wegen des Brunnens, den sie gebohrt hatten,

und sprachen zu ihm: Wir haben Wasser gefunden.

 

van Dyke:

‎  وَحَدَثَ فِي ذلِكَ الْيَوْمِ أَنَّ عَبِيدَ إِسْحَاقَ جَاءُوا وَأَخْبَرُوهُ عَنِ الْبِئْرِ الَّتِي حَفَرُوا، وَقَالُوا لَهُ: «قَدْ وَجَدْنَا مَاءً» . (Gen. 26:32 AVD)

 

In meinem Wörterbuch habe ich zu وَجَدْنَا nur وجد gefunden mit einer interessanten Erklärung: 

"1. Finder m; 2. erregt (über عل ), verliebt (in ب )." - Also eher im Sinne eines Troubadours?! Wie ein Verliebter seine Angebetete findet, finden die Knechte Jizchaks das Wasser! Ich finde, das ist van Dyke ausgesprochen schön gelungen. Zu dem Nomen gehört also dieses Verb - oder?!?!

 

BEOBACHTUNGEN:

Nichts Böses ahnend lese ich den Text der griechischen Übersetzung, der Septuaginta, LXX, und stolpere und staune und kann es nicht fassen und kontrolliere und überprüfe in der Septuaginta-Deutsch, LXXD, tatsächlich, da steht:

LXX:

ἐγένετο δὲ ἐν τῇ ἡμέρᾳ ἐκείνῃ καὶ παραγενόμενοι οἱ παῖδες Ισαακ ἀπήγγειλαν αὐτῷ περὶ τοῦ φρέατος οὗ ὤρυξαν καὶ εἶπαν οὐχ εὕρομεν ὕδωρ (Gen. 26:32 BGT)

LXXD:

Es geschah aber an jenem Tag, dass Isaaks Sklaven kamen und ihm von dem Brunnen, den sie gegraben hatten, berichteten, und sie sagten: Wir haben kein Wasser gefunden.

Wie das zu erklären ist, ist mir ein Rätsel - und ich nehme an, nicht nur mir. 

Und es ist ein wenig tröstlich: Da wo - der Legende nach  - siebzig Gelehrte zusammen gearbeitet haben, ging das trotzdem durch. Da kann so ein Versehen - oder was ist das? -  mit geringeren Kräften auch ruhig mal geschehen... - 

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 19. März 2020

 


 

 

 

Gen 26,33 

 


Einem Ort einen Namen geben, kommt nicht allezeit vor.

Aber hier:

‎וַיִּקְרָ֥א אֹתָ֖הּ שִׁבְעָ֑ה עַל־כֵּ֤ן שֵׁם־הָעִיר֙ בְּאֵ֣ר שֶׁ֔בַע עַ֖ד הַיּ֥וֹם הַזֶּֽה׃

(Gen. 26:33 WTT)

 

mE:

Und er rief ihn "Schwur", Schibaah, darum ist der Name der Stadt "SChwurbrunnen", B'er-Schäbaa bis auf diesen Tag.

 

Buber/Rosenzweig:

So rief er ihn Schiba, Schwur-Sieben.

Darum ist der Name der Stadt Berscheba bis auf diesen Tag.

 

van Dyke:

‎  فَدَعَاهَا «شِبْعَةَ» ، لِذلِكَ اسْمُ الْمَدِينَةِ بِئْرُ سَبْعٍ إِلَى هذَا الْيَوْمِ. (Gen. 26:33 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN:

Anstandslos, als wenn nichts gewesen wäre (v. 32), nennt die Septuaginta den Ort - getreu der Vorlage - Ὅρκος - d. i. "Schwur" und den Namen der Stadt dann Φρέαρ ὅρκου - d. i. Schwurbrunnen. Der Hebräische Name wird nicht mit überliefert.

Die Mühe, die Bedeutung des Ortsnamens in der Übersetzung mit zu transportieren machen sich:

BFC: "ce yui veut dire 'Serment' ... 'Puits du serment'";

LUT/L17: "Schwur" - belässt es dann aber bei "Beerscheba" und die Einheitsübersetzung:

EIN Sie fügt in Klammern hinzu "(Eid) ... (Eidbrunn)".

Die Überraschung hält die Vulgata bereit: Dort heißt der Ort "Abundantiam" - auf Deutsch: Fülle, Überfluss!

Buber und Rosenzweig hören aus dem Namen die Zahl "Sieben" heraus, das ist in der Tat möglich. Vielleicht war das der Grund, warum Hieronymus in seiner Vulgata "Überfluss" übersetzte, er lebte schließlich in Bethlehem und jüdische Gelehrte vermittelten ihm das Hebräische. Seine Kenntnisse des Hebräischen wurden lange Zeit als gering angesehen, zumindest an dieser Stelle ist es ohne sie nicht zu erklären. Die Zahl "Sieben" ist im orientalisch-babylonsichen Sechsersystem der Inbegriff für das was Mehr ist, die Fülle.

van Dyke hat die Sieben auch aus dem Namen herausgehört! Er hat das Sprachspiel übernommen! Erst überliefert er den hebräischen Ausdruck شِبْعَةَ , und dann vollzieht er im Namen der Stadt die arabisch-hebräsiche Lautverschiebung - von Schin zu Sin und umgekehrt -  بِئْرُ سَبْعٍ , "Sieben-Brunnen"! 

Der Bezug zum Schwören, Eid, ist damit weggefallen. Das arabische Wort für schwören, das van Dyke in V.  31 benutzte, eine Form von حلف, machte diesen Bezug bereits unmöglich. 

 

Köln-Merkenich, am Freitag, den 20. März 2020

 


 

 

 

Gen 26,34 

 


Es wird geheiratet, wobei sich der Mann, Esau, mal eben zwei Frauen nimmt, ein Zeugnis des Patriarchats?

 וַיְהִ֤י עֵשָׂו֙ בֶּן־אַרְבָּעִ֣ים שָׁנָ֔ה וַיִּקַּ֤ח אִשָּׁה֙ 

אֶת־יְהוּדִ֔ית בַּת־בְּאֵרִ֖י הַֽחִתִּ֑י וְאֶת־בָּ֣שְׂמַ֔ת בַּת־אֵילֹ֖ן הַֽחִתִּֽי׃

(Gen. 26:34 WTT)

 

mE:

Und es geschah: Esau war vierzig Jahre und er nahm zur Frau Jehudith, 

Tochter Beris, des Chittis und Basmath, Tochter Eilons, des Chittis.

 

Buber/Rosenzweig:

Essaw vierzig Jahre war, nahm er zum Weibe Jehudit Tochter Beris des 

Chetiters und Bassmat Tochter Elons des Chetiters.

 

van Dyke:

‎  وَلَمَّا كَانَ عِيسُو ابْنَ أَرْبَعِينَ سَنَةً اتَّخَذَ زَوْجَةً: 

يَهُودِيتَ ابْنَةَ بِيرِي الْحِثِّيِّ، وَبَسْمَةَ ابْنَةَ إِيلُونَ الْحِثِّيِّ.  (Gen. 26:34 AVD)

 

 

BEOBACHTUNGEN:

Für Überraschung sorgt erneut die Septuaginta. Aus irgendwelchen Gründen 

kann die zweite Frau, Bassmat, nicht auch eine Hethiterin sein, ihr 

Vater wird kurzerhand zum einem der Ευαίου (Gen. 26:34 BGT), LXXD: Heväer.

Die Heväer tauchen in der LXX regelmäßig bei den Völkern auf, die als 

die von den Israeliten beim Einzug in Kanaan vertriebenen Völker 

aufgezählt werden (z. B. Ex 3,17; Ex 33,2; Ex 34,11; Dtn 2,23, Dtn 7,1), 

in Dtn 2,23 in LUT als Awiter bezeichnet.

 

Im Online-Lexikon der Stuttgarter Bibelgesellschaft, WiBiLex, einem der 

besten aktuellen biblischen Nachschlagewerke, wird diskutiert, inwieweit 

die biblisch bezeugten Hithiter mit dem Großreich der Hithiter im 2. 

Jahrtausend v. Chr. zusammen hängen, 

https://www.bibelwissenschaft.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/hethiter-im-at

 

Das Erstaunliche ist, dass die Erinnerung an dieses Reich schon in der 

Antike fast vollständig verloren gegangen ist. Erst nachdem das 

Keilschriftarchiv in der Hauptstadt von Echnaton aufgefunden wurde 

(Amarna-Archiv, 1887 gefunden) wurde das Grossreich um die Hauptstadt 

Hattusa, bei Bogazköy,  in Zentralanatolien, identifiziert. Dabei wurde 

der biblische Name, vgl. Gen 10,15 "Het", auf das dort dokumentierte 

Großreich bezogen, die Hethiter. Ihre Sprache gehört zu den anatolischen 

Sprachen (Der Neue Pauly 5,521), die einen indogermanischen Sprachzweig 

bilden. Sie "gehören ... zu den ältesten histor. Vertretern der 

indoeurop. Sprachfamilie." (Der Neue Pauly 14,413).

Hier wäre es interessant, die Namen der Frauen und ihrer Väter, die im 

heutigen Vers genannt werden, daraufhin zu prüfen. Nach meinen 

bescheidenen Möglichkeiten konnte ich die Vermutung, es handele sich um 

indogermanische Namen, nicht verifizieren.

 

Konnten auch die Übersetzer in Alexandria um 250 v. Chr. mit der 

Bezeichnung "Hethiter" nichts mehr anfangen und dachten, "einmal reicht"?

 

Köln-Merkenich, am Samstag, den 21. März 2020

 

 

 

 

Gen 26,35 Kummer 

 


Die Autoren können sich eines Kommentars der beiden hethitischen Frauen 

Esaus nicht enthalten - (wie ich mich jetzt auch nicht, zur Einleitung - 

und zum Abschluss, s. u. - des heutigen Verses:)

 

‎וַתִּהְיֶ֖יןָ מֹ֣רַת ר֑וּחַ לְיִצְחָ֖ק וּלְרִבְקָֽה׃ (Gen. 26:35 WTT)

 

mE:

Und sie waren ein Kummergeist für Jizchak und Ribkah.

 

Buber/Rosenzweig:

Die waren Jizchak und Ribka eine Geistesverbittrung.

 

van Dyke:

‎  فَكَانَتَا مَرَارَةَ نَفْسٍ لإِسْحَاقَ وَرِفْقَةَ. (Gen. 26:35 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN:

מֹ֣רַת ר֑וּחַ ist schon eine interessante Verbindung, so einmalig im AT. 

Ich war gespannt darauf, wie sie in andere Sprachen übersetzt wird und 

wurde nicht enttäuscht - sie hatten offenbar alle ihren Kummer damit:

 

Am Einfachsten hatte es noch van Dyke, er konnte sogar das gleiche Wort 

nehmen: aus Hebr. 'morah' wurde Arabisch 'marara' und bedeutet dasselbe: 

Bitterkeit, Kummer; im Arabischen aber noch zusätzlich: Galle!

 

Das Arabische "nafs" ist genauso schillernd wie das Hebräische "ruach".

 

Wie löst die Septuaginta das Problem?

καὶ ἦσαν ἐρίζουσαι τῷ Ισαακ καὶ τῇ Ρεβεκκα (Gen. 26:35 BGT)

 

Der Altphilologe Werner Jaeger, Vater des sogenannten Dritten Humanismus 

- er war Anfang der 30iger nahe daran, die Alt-Philologie zur 

Leitwissenschaft der deutschen humanistischen Gymnasien werden zu lassen 

- hätte seine Freude daran: Er propagierte den Wettstreit , wer der 

Beste werden würde, hier hatte er ihn!

 

LXX-Deutsch übersetzt:

Und sie stritten mit Isaak und Rebekka.

 

Hieronymos, VUL, schreibt:

quae ambae offenderant animum Isaac et Rebeccae (Gen. 26:35 VULM)

Nach Georges "offendo animum" = 'kränken, beleidigen'

 

Nah am Text die KJV:

grief of mind unto

 

NAS:

brought grief to

 

ESV

made life bitter for

 

Ganz umständlich die LSG:

Elles furent un sujet d'amertume pour le coeur d'Isaac et de Rebecca.

 

Die BFC wieder ganz kurz:

Elles rendirent la vie amère à Isaac et Rébecca.

 

Bei Luther schlägt der Lyriker durch:

machten ... lauter Herzeleid.

 

Das übernimmt nur die Elberfelder Bibel, abgeschwächt:

waren ein Herzeleid für

 

EIN ist wie in einem Vernehmungsprotokoll:

Anlass zu bitterem Gram

 

SCHlachter:

viel Herzenskummer

 

ZUR

ein schwerer Kummer

 

NL

een bittere kwelling = Qual

 

Kurz auch die Dänen:

voldte ... stor sorg - verursachen großen Kummer.

 

Buber und Rosenzweig war es wichtig in der gesamten Bibel sogenannte 

"Leitworte" auch in der deutschen Übersetzung hörbar zu machen. Dazu 

gehört, dass hebräische Worte aus dem gleichen Wortstamm auch im 

Deutschen mit demselben Wortstamm wieder gegeben werden und ein 

hebräisches Leitwort zumeist mit dem selben deutschen Ausdruck - und 

nicht mit wechselnden Synonymen. Im Vers Gen 26,35 sehen wir ein gutes 

Beispiel: Hebr. 'ruach', 'Atem, Wind, Geist', löst natürlich eine Kette 

von Assoziationen aus. Nach Buber und Rosenzweig stehen solche Leitworte 

in der gesamten Bibel in einer resonanzhaften Beziehung zueinander. Wie 

soll das erkennbar werden, wenn es in der Übersetzung nicht auftaucht? 

Die, die das versuchen sind die VUL, KJV, van Dyke, Buber/Rosenzweig,  

et moi.

 

Nachwort: Jizchaks Vater kaufte von Hethitern die Höhle Machpela (Gen 

23) um seine verstorbene Frau darin beisetzen zu können. Sein Sohn hat 

nun mit hethitischen Frauen zu tun. Es ist eben nur schwer möglich von 

Anderen etwas - vor allem ein Grundstück! - erwerben, aber sonst nichts 

mit ihnen zu tun haben zu wollen...

 

Köln-Merkenich, am Montag, den 23. MÄrz 2020

 

 

 

 

Gen 27,1 Ophtalmologie - Vater-Sohn 

 


Jetzt beginnt die Jakob-Esau-Novelle so richtig:

 

‎וַיְהִי֙ כִּֽי־זָקֵ֣ן יִצְחָ֔ק וַתִּכְהֶ֥יןָ עֵינָ֖יו מֵרְאֹ֑ת 

וַיִּקְרָ֞א אֶת־עֵשָׂ֣ו׀ בְּנ֣וֹ הַגָּדֹ֗ל וַיֹּ֤אמֶר אֵלָיו֙ בְּנִ֔י וַיֹּ֥אמֶר אֵלָ֖יו הִנֵּֽנִי׃

(Gen. 27:1 WTT)

 

mein Versuch:

Und es geschah: Jizchak wurde alt und seine Augen wurden trüb vom Sehen 

und er rief Esaw, seinen Sohn, den Großen, und er sprach zu ihm: Mein 

Sohn! Und er sprach zu ihm: Hier bin ich.

 

Buber/Rosenzweig:

Als nun Jizchak ergreiste und seine Augen stumpf geworden waren zum Sehen,

rief er Essaw, seinen älteren Sohn, und sprach zu ihm:

Mein Sohn!

Der sprach zu ihm:

Da bin ich.

 

van Dyke:

‎   وَحَدَثَ لَمَّا شَاخَ إِسْحَاقُ وَكَلَّتْ عَيْنَاهُ عَنِ النَّظَرِ، 

أَنَّهُ دَعَا عِيسُوَ ابْنَهُ الأَكْبَرَ وَقَالَ لَهُ: «يَا ابْنِي» . 

فَقَالَ لَهُ: «هأَنَذَا» .  (Gen. 27:1 AVD)

 

 

Man kann Augenheilkunde betreiben: Die Septuaginta-Leute 

sagten, Isaaks Augen

LXX "stumpften ab" ἠμβλύνθησαν  < ἀμβλύνω,

LXXD wurden "zu schwach, zum Sehen", so auch LSG "affaiblis",  LUT und 

L17 und die Dänen "svage"

VUL: "caligaverunt" < caligo, caligare, caligatus: verdunkeln;

KJV, NAS, ESV wurden die Augen "dim",

BFC "tellement baisse"

EIN und ZUR "erloschen"

ELB "trübe"

SCH "dunkel"

NL "ogen dof geworden waren" = "stumpf"

 

Ich höre in der Szene "Hier bin ich" Gen 22,7 mit - jetzt umgekehrt: Der 

Sohn zum Vater.

 

Köln-Merkenich, am Dienstag, den 24. März 2020

 

 

 

 

 

Gen 27,2 Die Würde des Alters 

 


Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 25. März 2020

 

 

‎וַיֹּ֕אמֶר הִנֵּה־נָ֖א זָקַ֑נְתִּי לֹ֥א יָדַ֖עְתִּי י֥וֹם מוֹתִֽי׃

(Gen. 27:2 WTT)

 

mE:

Und er sprach: Sieh doch, ich bin alt, ich weiß nicht den Tag meines Todes.

 

Buber/Rosenzweig:

Er aber sprach:

Da, ich bin doch ergreist, nicht weiß ich den Tag meines Sterbens,

 

van Dyke:

‎   فَقَالَ: «إِنَّنِي قَدْ شِخْتُ وَلَسْتُ أَعْرِفُ يَوْمَ وَفَاتِي.  (Gen. 27:2 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN:

Trotz Buber/Rosenzweigs Fassung habe ich mich ihnen nicht angeschlossen. 

Der Stabreim ist zu verführerisch - da stecken wohl die alten Germanen 

noch in einem drin?

Wie lösen die anderen die Aufgabe?

LXX:"τελευτῆς" - ein Nomen, von τελευτή, "Ende, Ausgang, Tod" und 

"Vollendung";

LXXD "Tag meines Todes";

VUL "diem mortis meae";

KJV, NAS und ESV "day of my death";

LSG "le jour de ma mort";

BFC holt aus, umschreibt und vermeidet das Tabuwort?: "combien de temps 

j'ai encore à vivre";

LUT, L17, EIN und ZUR machen ein Verb daraus und sprechen von "sterben" 

+ die Dänen: "dag jeg skal dø";

ELB "Tag meines Todes";

NL "dag van mijn dood".

 

 

 

 

Gen 27,3 Jagd 

Auf, zur Jagd!

‎וְעַתָּה֙ שָׂא־נָ֣א כֵלֶ֔יךָ תֶּלְיְךָ֖ וְקַשְׁתֶּ֑ךָ וְצֵא֙ הַשָּׂדֶ֔ה וְצ֥וּדָה לִּ֖י (צֵידָה) [צָֽיִד]׃ 

(Gen. 27:3 WTT)

 

mE:

Und nun, nimm doch auf deine Sachen, deinen Köcher und deinen Bogen und zieh hinaus und jage doch für mich eine Speise/Jagd.

 

Buber/Rosenzweig:

hole jetzt doch deine Geräte: dein Gehäng, deinen Bogen,

zieh hinaus ins Gefild, erjage mir Jagdfang,

 

van Dyke:

‎  فَالآنَ خُذْ عُدَّتَكَ: جُعْبَتَكَ وَقَوْسَكَ، وَاخْرُجْ إِلَى الْبَرِّيَّةِ وَتَصَيَّدْ لِي صَيْدًا، A  (Gen. 27:3 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN:

A

Im Hebräischen Text gibt es eine Unsicherheit. Zum ersten Mal habe ich im Programm, mit dem ich arbeite, die Leningradensis eingesehen, die älteste erhaltene vollständige Handschrift der Hebräischen Bibel, man sagt, sie sei von 1008! Da steht dies (links) und am Rand (rechts):  


Die Vokalisation scheint ein typischer Fall von "ketib": "geschrieben" und "kere": "zu lesen ist" zu sein. 
Erwartet wird צָֽיִד, dann hätten wir eine typische figura etymologica, wenn aus einem Stamm zwei Ausdrücke gebildet werden, hier: Eine Jagd jagen (oder: ein Spiel spielen etc.).
Wie haben andere Übersetzungen diese Offenheit (Wolfgang Iser: "Leerstelle") für sich geschlossen?
Am schönsten löst die King James Version diese Aufgabe: Denen ist "Wild" - wie sonst - offenbar nicht gut genug, für sie muss es "venison" sein: Rehfleisch!
 
B
Der hebräische Ausdruck תֶּלְיְךָ֖ "dein ___" gibt es nur einmal im gesamten AT. Buber und Rosenzweig lesen darin eine Abwandlung des Verbes תָּלָה "talah", "hängen". Alle anderen lesen: "Köcher".
 
C
Das hebräische Wort כֵלֶ֔יךָ "deine Sachen" ist unterbestimmt. Es kann bedeuten: Gerät, Pflug, Werkzeug und eben auch Waffen (Wörterbuch Gesenius).
Was machen die Übersetzerkolleginnen und -kollegen daraus:
Die Septuaginta lässt es offen und schreibt σκεῦός , LXXD: "Zeug".
Hieronymos hält das nicht mehr aus und macht kurzerhand "arma" daraus, "Waffen".
So haben wir zwei Züge: 
- Die Zeug-Leute: LXX, NAS (gear), LUT, L17 (Gerät), EIN, ELB, SCH, ZUR, NL, B/R et moi und die
- Waffen-Leute: VUL, KJV, ESV, LSG und DÄN.
 
Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 26. März 2020
 
 
 
 

Gen 27 4 Lebens-Mahl 

 וַעֲשֵׂה־לִ֙י מַטְעַמִּ֜ים כַּאֲשֶׁ֥ר אָהַ֛בְתִּי וְהָבִ֥יאָה לִּ֖י וְאֹכֵ֑לָה בַּעֲב֛וּר תְּבָרֶכְךָ֥ נַפְשִׁ֖י בְּטֶ֥רֶם אָמֽוּת׃
(Gen. 27:4 WTT)
 
Mein Versuch:
Und mache für mich Leckerbissen wie ich sie geliebt habe und bring doch mir und ich essen möge, damit mein Leben dich segnet bevor ich sterbe.
 
Buber/Rosenzweig:
mache mir Leckerbissen zurecht, wie ichs liebe,
und brings mir, ich wills essen,
daß meine Seele dich segne, ehe ich sterbe.
 
van Dyke:
‎  وَاصْنَعْ لِي أَطْعِمَةً كَمَا أُحِبُّ، وَأْتِنِي بِهَا لآكُلَ حَتَّى تُبَارِكَكَ نَفْسِي قَبْلَ أَنْ أَمُوتَ» .  (Gen. 27:4 AVD)
 
BEOBACHTUNGEN:
A Ellipse?
Entweder ist der Satz auf Hebräisch elliptisch (mit einer Auslassung, hier mit zweien) oder es ist im Hebräischen nicht nötig, das Objekt im Nachsatz zu wiederholen: In meiner Übersetzung habe ich's  an einer Stelle nachgebildet: "und bring doch mir" - Buber/Rosenzweig: "brings mir".
Dies elliptische bildet einzig die LXX nach, alle anderen ergänzen.
 
B מַטְעָם Speise
Das hebräische Wort taucht wirklich nicht oft in der Bibel auf: Außer in diesem Kapitel sonst nur bei den Sprüchen 23,3.6! Es meint etwas Delikates. Umso interessanter zu sehen, was daraus wird:
Die Griechen spannen die Erwartung herunter aus dem Besonderen werden normale Speisen, pl., ἐδέσματα, LXXD "Essen". So auch die alte französische Übersetzug, LSG, "mets" und Luther, LUT, L17 "Essen".
Hieronymuss denkt an "pulmentum", VUL, laut Georges: eine aus Muskelfleisch zubereitete Zuspeise.
KJV "savoury (ESV savory) meat"
ESV "dehlicious food"
BFC "ces plats appétisants"
EIN "leckeres Mahl"
ELB "Leckerbissen" - wie Buber/Rosenzweig et moi (benutzen wir das gleiche Wörterbuch?)
SCH "schmackhaftes Essen" - so auch NL: "smakelijk gericht"
ZUR triffts am Besten: "Leibgericht"!
Aber am allerbesten haben's die Dänen: "livret": wörtlich: Lebens-Mahl (Lebensgericht)! Applaus!
 
C machen?
Kann so eine Mahlzeit einfach "gemacht" werden? Das bedeutet in der Tat עָשָׂה und so auch: LXX  ποίησόν  und VUL "fac" sowie KJV und NAS, LSG, LUT, NL, DÄN - die Fraktion der Macher.
Die Mahlzeit muss "bereitet" werden, so EIN, ELB, SCH, ZUR, BFC, ESV - hier sind die Feinschmecker.
 
D Nuancen
Das Hebräische ‎  אֹכֵ֑לָה ist der Form nach -  nach meinen Unterlagen - ein Kohortativ, hat etwas Aufforderndes. Diese Nuance bilden nach:
Buber/Rosenzweig: "ich wills essen", KJV, ESV, NAS: "may eat", BFC ganz elegant: "j'en mangerai" und ZUR: "will essen", alle anderen sind direkt beim Essen.
 
E Wer segnet?
Aus philologischen, theologischen und philosophiegeschichtlichen Gründen habe ich großen Respekt vor dem hebräischen Leitwort נֶפֶשׁ , das ich durchgehend mit "Leben" übersetze. Der europäische Ausdruck "Seele" lässt einen ganzen Apparat von Vorstellungen auftauchen, die denen des Alten Testaments sehr fremd sind - die unsterbliche Seele ist da nur ein Teil davon. Nach der Lektüre von "Der Leib" von Hermann Schmitz, bin ich in dieser Skepsis noch bestärkt worden. 
Griechen, Lateiner, Engländer, Luther und andere deutsche Übersetzungen sprechen hier von "Seele" (ψυχή, anima, soul etc.) Es gibt aber Übersetzungen, denen ist das Problem offenbar bewusst und eine umschifft es ganz elegant: Die modernere französische Übersetzung, BFC: "puis je te donnerai ma bénédiction".
Schlicht die EIN: "damit ich dich segne" und die ZUR: "damit ich dich segnen kann", wörtlich gleich die Dänen: "så jeg kan velsigne dig".
 
Köln-Merkenich, am Freitag, den 27. März 2020
 

 
 
 

Gen 27,5 Lauschen 

 

‎וְרִבְקָ֣ה שֹׁמַ֔עַת בְּדַבֵּ֣ר יִצְחָ֔ק אֶל־עֵשָׂ֖ו בְּנ֑וֹ וַיֵּ֤לֶךְ עֵשָׂו֙ הַשָּׂדֶ֔ה לָצ֥וּד צַ֖יִד לְהָבִֽיא׃
(Gen. 27:5 WTT)
 
Mein Versuch (nach Korrektur durch den Vergleich mit Buber/Rosenzweig, 
"Jagdfang" ist einfach gut!):
Und Ribka hineinhörend ins Reden Jizchaks zu Essaw seinem Sohn und es 
ging Essaw ins Feld einen Jagdfang jagen um ihn zu bringen.
 
Buber/Rosenzweig:
Ribka aber hatte gehört, was Jizchak zu seinem Sohn Essaw redete.
Als nun Essaw ins Gefild ging, Jagdfang zu erjagen, um ihn zu bringen,
 
van Dyke:
‎   وَكَانَتْ رِفْقَةُ سَامِعَةً إِذْ تَكَلَّمَ إِسْحَاقُ مَعَ عِيسُو 
ابْنِهِ. فَذَهَبَ عِيسُو إِلَى الْبَرِّيَّةِ كَيْ يَصْطَادَ صَيْدًا لِيَأْتِيَ بِهِ.  (Gen. 27:5 AVD)
 
BEOBACHTUNGEN:
Hiernonymos muss die ewige Wiederholerei ziemlich genervt haben. Er 
kürzt freihändig ab:
ut iussionem patris expleret (Gen. 27:5 VULM) - um die Order des 
Vaters zu erfüllen.
 
 
 
 

Gen 27 6 Ribka 

 

‎וְרִבְקָה֙ אָֽמְרָ֔ה אֶל־יַעֲקֹ֥ב בְּנָ֖הּ לֵאמֹ֑ר הִנֵּ֤ה שָׁמַ֙עְתִּי֙ אֶת־אָבִ֔יךָ מְדַבֵּ֛ר אֶל־עֵשָׂ֥ו אָחִ֖יךָ לֵאמֹֽר׃
(Gen. 27:6 WTT)
 
Mein Versuch:
Und Ribkah sprach zu Jaakob ihrem Sohn: Sieh doch! Ich hörte deinen 
Vater unterredend mit Essaw deinem Bruder:
 
Buber/Rosenzweig:
sprach Ribka zu ihrem Sohn Jaakob, sprach:
Gehört habe ich da, wie dein Vater zu Essaw deinem Bruder redete, sprechend:
 
van Dyke:
‎   وَأَمَّا رِفْقَةُ فَكَلمتْ يَعْقُوبَ ابْنِهَا قَائِلةً: «إِنِّي قَدْ 
سَمِعْتُ أَبَاكَ يُكَلِّمُ عِيسُوَ أَخَاكَ قَائِلاً:  (Gen. 27:6 AVD)
 
BEOBACHTUNGEN:
Die Septuaginta, LXX, sieht sich genötigt der Leserschaft in Erinnerung 
zu rufen, wer doch nochmal Jaakob war:
LXX:
Ρεβεκκα δὲ εἶπεν πρὸς Ιακωβ τὸν υἱὸν αὐτῆς τὸν ἐλάσσω ...
 
LXXD:
Rebekka aber sagte zu Jakob, ihrem jüngeren Sohn: ...
 
Köln-Merkenich, am Montag, den 30. März 2020
 
 
 
 

Gen 27,7 

Ribka berichtet, was sie erlauscht hat:
‎  הָבִ֙יאָה לִּ֥י צַ֛יִד וַעֲשֵׂה־לִ֥י מַטְעַמִּ֖ים וְאֹכֵ֑לָה וַאֲבָרֶכְכָ֛ה לִפְנֵ֥י יְהוָ֖ה לִפְנֵ֥י מוֹתִֽי׃
(Gen. 27:7 WTT)
 
mE:
Bring mir einen Jagdfang und mache mir Leckerbissen und ich werde essen und dich segnen im Angesicht JHWHs, im Angesicht meines Todes.
 
Buber/Rosenzweig:
7 Bring mir Jagdfang und mache mir Leckerbissen zurecht, ich wills essen
und will vor IHM dich segnen vor meinem Sterben.
 
van Dyke
‎  ائْتِنِي بِصَيْدٍ وَاصْنَعْ لِي أَطْعِمَةً لآكُلَ وَأُبَارِكَكَ أَمَامَ الرَّبِّ قَبْلَ وَفَاتِي.  (Gen. 27:7 AVD)
 
BEOBACHTUNGEN:
Abgesehen davon, das Ribka das Gehörte religiös aufwertet - von einem Segnen vor JHWH ist zuvor nicht die Rede - fällt auf, dass fast alle Übersetzungen Schwierigkeiten damit haben, dass in beiden Fällen vom gleichen "vor" die Rede ist: Vor Gott und vor dem Tod: לִפְנֵ֥י. Außer Buber/Rosenzweig, King James Version, KJV, English Standard Version, ESV, (before) und meine Wenigkeit lösen alle anderen, die ich eingesehen haben dies auf:
LXX:  ἐναντίον κυρίου πρὸ τοῦ ἀποθανεῖν με (Gen. 27:7 BGT)
LXXD: vor dem Herrn segne, bevor ich sterbe.« So auch EIN, ELB und ZUR. LUT, L17 und SCH ähnlich: vor/ehe
VUL: coram Domino antequam moriar
van Dyke: أَمَامَ / قَبْلَ
Fast gleich hingegen die Niederländer, NL, (voor/ vóór) und Dänen, DÄN, aber dann doch nicht: for/før.
SCH, NL und DÄN bringen das "Angesicht", das im Hebräischen לִפְנֵ֥י steckt, dennoch ins Spiel und beziehen das Angesicht auf Gott:
Schlachter: segne vor dem Angesicht des HERRN, NL: aangezicht van de HEERE, DÄN: for Herrens ansigt. 
Der Tod aber trägt kein Gesicht. Oder für Ribka doch?
 
Köln-Merkenich, am Dienstag, den 31. März 2020
 
 
 
 

Gen 27,8 Ribka ohne Stimme? 

Ribka gibt Order:
 
‎  וְעַתָּ֥ה בְנִ֖י שְׁמַ֣ע בְּקֹלִ֑י לַאֲשֶׁ֥ר אֲנִ֖י מְצַוָּ֥ה אֹתָֽךְ׃
(Gen. 27:8 WTT)
 
mE:
Und jetzt, mein Sohn, höre auf meine Stimme, was ich dir befehle:
 
Buber/Rosenzweig:
Jetzt aber, mein Sohn, hör auf meine Stimme, auf das was ich dir gebiete,
 
van Dyke:
‎  فَالآنَ يَا ابْنِي اسْمَعْ لِقَوْلِي فِي مَا أَنَا آمُرُكَ بِهِ: (Gen. 27:8 AVD)
 
BEOBACHTUNGEN:
Schon in der Septuaginta ist Ribka ihre Stimme los. Da heißt es nur:
LXX
ἄκουσόν μου
LXXD
höre auf mich
Das setzt sich fort:
VUL
adquiesce consiliis meis
NAS
listen to me
BFC
écoute-moi bien
LUT, L17
höre auf mich
stimmlos auch EIN, ZUR, NL und DÄN
 
Anders:
KJV, ESV:
my voice
und so auch LSG, van Dyke, ELB, SCH, Buber/Rosenzweig et moi.
 
Das passt zu der Beobachtung von Hermann Schmitz, dass die Organe des 
Menschen vor der klassischen Antike - er bezieht sich auf Homer, Ilias - 
eine viel höhere Autonomie hatten. Hier: "höre meine Stimme" - statt 
"höre mich", d. h. es ist meine Stimme, die spricht, nicht ich. Das ist 
für klassisch geprägte Menschen zumal in Alexandria eine Zumutung!
 
Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 1. April 2020
 
 
 
 

Gen 27,9 Der Plan 

 

Ribka weiht Ja'akob in ihren Plan ein:
 
‎לֶךְ־נָא֙ אֶל־הַצֹּ֔אן וְקַֽח־לִ֣י מִשָּׁ֗ם שְׁנֵ֛י גְּדָיֵ֥י עִזִּ֖ים 
טֹבִ֑ים וְאֶֽעֱשֶׂ֙ה אֹתָ֧ם מַטְעַמִּ֛ים לְאָבִ֖יךָ כַּאֲשֶׁ֥ר אָהֵֽב׃
(Gen. 27:9 WTT)
 
mE:
Geh doch zum Kleinvieh und nimm für mich von dort zwei Zicklein, gute! 
und ich mache aus ihnen Leckerbissen für deinen Vater wie er es liebt.
 
Buber/Rosenzweig:
geh doch zum Kleinvieh und nimm mir von dort zwei gute Ziegenböcklein,
die will ich deinem Vater zu Leckerbissen zurechtmachen, wie ers liebt,
 
van Dyke:
‎  اِذْهَبْ إِلَى الْغَنَمِ وَخُذْ لِي مِنْ هُنَاكَ جَدْيَيْنِ 
جَيِّدَيْنِ مِنَ الْمِعْزَى، فَأَصْنَعَهُمَا أَطْعِمَةً لأَبِيكَ كَمَا يُحِبُّ  (Gen. 27:9 AVD)
 
BEOBACHTUNGEN:
Die Septuaginta kann es nicht einfach bei "gut" belassen, das scheint in 
Alexandria zu unterbestimmt gewesen zu sein, sie ergänzt:
 
LXX
δύο ἐρίϕους ἁπαλοὺς καὶ καλούς (Gen. 27:9 BGT)
 
LXXD
zwei zarte und schöne Böckchen
 
 
Man kann die Übersetzungen gruppieren, in die "gut"-Gruppe - angeführt 
von der Vulgata, die sogar einen Superlativ bemüht, "optimos" - und die 
"schön"-Gruppe - angeführt von der Septuaginta:
 
GUT: VUL KJV ESV LSG LUT L!17 ELB SCH NL
 
SCHÖN: LXX  BFC EIN ZUR
 
Aus dem Rahmen fallen:
DÄN mit etwas ganz Besonderem: "fine": Das ist im Dänischen zart, gut, 
fein, schön - alles auf einmal: da läuft schon beim Hören das Wasser im 
Mund zusammen!
Extravagant NAS: choice
Dazwischen van Dyke:  جَيِّدَيْنِ "vorzüglich": wobei ihm hier ein 
wunderschönes - oder gutes? - Wortspiel gelingt: جَدْيَيْنِ جَيِّدَيْنِ 
djad'jaini djajjidai'na - zwei vorzügliche Zicklein! - !
 
Da gäbe es für die Geschichte der Ästhetik einigen Stoff, warum das eine 
bei den einen gut und bei den anderen schön ist. Na schön, äh, na gut!
 
Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 2. April 2020
 
 
 
 

Gen 27,10 so dass 

Ribkas Plan, Teil II:
‎  וְהֵבֵאתָ֥ לְאָבִ֖יךָ וְאָכָ֑ל בַּעֲבֻ֛ר אֲשֶׁ֥ר יְבָרֶכְךָ֖ לִפְנֵ֥י מוֹתֽוֹ׃
(Gen. 27:10 WTT)
 
mE:
und du bringst sie zu deinem Vater und er isst, so dass, dass er dich segnet im Angesicht seines Todes.
 
Buber/Rosenzweig:
und du bringst sie deinem Vater und er solls essen,
auf daß er dich segne vor seinem Sterben.
 
van Dyke:
‎  فَتُحْضِرَهَا إِلَى أَبِيكَ لِيَأْكُلَ حَتَّى يُبَارِكَكَ قَبْلَ وَفَاتِهِ» . (Gen. 27:10 AVD)
 
BEOBACHTUNGEN:
בַּעֲבֻ֛ר אֲשֶׁ֥ר
בַּעֲבֻ֛ר, ba'abur, ist an sich schon eine starke Konjunktion "damit, um zu", עֲבֻ֛ר ist "Ziel, Zweck". Zusammen mit אֲשֶׁ֥ר, 'aschär, taucht es im gesamten AT nur hier auf.
Martin Bock wies mich darauf hin, dass in der jüdischen Auslegung darauf hingewiesen wird, dass das gute Essen selbst ein Segen ist, so dass es mit dazu beiträgt, dass Isaak segnen kann.
Für Ribka - für die Autoren dieser Geschichte - scheint das der springende Punkt zu sein: Indem Ja'akob das Essen reicht, ermöglicht dies, dass der Vater ihn segnet.
Damit wäre eine kausale/finale Konjunktion angemessen.
"auf dass", Buber/Rosenzweig, LUT L17 ist laut Duden veraltet für "so dass".
ESV hat "so that", KJV und NAS nur "that".
EIN ELB SCH ZUR schreiben "damit", siehe
ὅπως (Gen. 27:10 BGT) der LXX und von حَتَّى van Dyke "damit".
Am stärksten bringt es die dänische Übersetzung zum Ausdruck:
så han kan spise og velsigne dig (Gen. 27:10 D92)
"so dass er essen und dich dich segnen kann"
Im Niederländischen wird aus der kausalen/finalen Konjunktion eine zeitliche: "dan", "dann", es kann aber auch "denn" heißen.
Bei Hieronymus, VUL, schrumpft alles zu einem bloßen "et" zusammen, damit aber steht Beides bei ihm ganz nah beieinander, sozusagen Rücken an Rücken, speisen und segnen:
VUL et comederit benedicat tibi
Esst und segnet!
 
Köln-Merkenich, am Freitag, den 3. April 2020
 

 
 
 

Gen 27,11 Es wird haarig 

 

‎  וַיֹּ֣אמֶר יַעֲקֹ֔ב אֶל־רִבְקָ֖ה אִמּ֑וֹ הֵ֣ן עֵשָׂ֤ו אָחִי֙ אִ֣ישׁ שָׂעִ֔ר וְאָנֹכִ֖י אִ֥ישׁ חָלָֽק׃ 
(Gen. 27:11 WTT)
 
mE:
Und es sprach Jaakkob zu Ribka seiner Mutter:
Sieh! Essaw, mein Bruder, ist ein haariger Mann und ich bin ein glatter Mann.
 
Buber/Rosenzweig:
Jaakob sprach zu Ribka seiner Mutter:
Aber Essaw mein Bruder ist ja ein haariger Mann, und ich bin ein glatter Mann,
van Dyke:
‎  فَقَالَ يَعْقُوبُ لِرِفْقَةَ أُمِّهِ: «هُوَذَا عِيسُو أَخِي رَجُلٌ أَشْعَرُ وَأَنَا رَجُلٌ أَمْلَسُ.  (Gen. 27:11 AVD)
 
BEOBACHTUNGEN:
A
Die Übersetzungen lassen sich in zwei Gruppen aufteilen:
Mit Mann und wo der Mann verschwindet:
LUT z. B.: "mein Bruder Esau ist rau, doch ich bin glatt";
L17 genauso, nur statt "rau", "haarig"


Dazwischen NL: " Ezau is een behaarde man en ik heb een gladde huid."

 

B

"ein glatter Mann" oder jemand mit "glatter Haut" (λεῖος, lenis, smooth, glatt, أَمْلَسُ, gladde, glat) das geht offenbar ganz und gar nicht für:

Die französischen Übersetzungen, LSG und BFC; sie verneinen, genauso wie die Zürcher:

"Esau ist behaart, ich aber bin unbehaart."

 

 

 

 

Gen 27,12 ein Gaukler? 

Köln-Merkenich, am Montag, den 6. April 2020

 

‎  אוּלַ֤י יְמֻשֵּׁ֙נִי֙ אָבִ֔י וְהָיִ֥יתִי בְעֵינָ֖יו כִּמְתַעְתֵּ֑עַ וְהֵבֵאתִ֥י עָלַ֛י קְלָלָ֖ה וְלֹ֥א בְרָכָֽה׃

(Gen. 27:12 WTT)

 

Mein Versuch:

vielleicht betastet mich mein Vater und ich werde in seinen Augen wie ein Spaßmacher sein und ich bringe über mich Fluch und nicht Segen.

 

Buber/Rosenzweig:

dass mich mein Vater nur nicht betastet, dann werde ich vor ihm wie einer sein, der (ihn) missachtet, und ich werde Verfluchung auf mich bringen und nicht Segen.

 

van Dyke:

‎  رُبَّمَا يَجُسُّنِي أَبِي فَأَكُونُ فِي عَيْنَيْهِ كَمُتَهَاوِنٍ، وَأَجْلِبُ عَلَى نَفْسِي لَعْنَةً لاَ بَرَكَةً (Gen. 27:12 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN:

Wie wurde von anderen dies מְתַעְתֵּ֑עַübersetzt?

LXX καταφρονῶν < καταφρονέω = verachten

LXXD missachtet

VUL inludere < illudo, illudere, illusi, illusus = lächerlich machen

KJV NAS deceiver = Betrüger

ESV mocking him

LSG un menteur = Lügner

BFC le trompe = täuschen

LUT L17 betrügen

EIN hielte ihn zum besten

ELB ZUR Spott mit ihm treibt

SCH Betrüger NL bedrieger DÄN bedrager

 

ZUR ERZÄHLUNG:

Warum handelt Ribka so? Der Text sagt darüber nichts aus. Von der Erzählung ist in Erinnerung, dass die Schwangerschaft mit diesen Zwillingen für Ribka traumatisch war. Nachdem sie einem Fremden und seinen Tieren gegenüber am Brunnen sich so großzügig gezeigt hat, wurde sie einem fremden und alten (60? Gen 25,26) Mann verheiratet (Gen 24), lebt in der Fremde, wird schwanger und erlebt: "die Kinder stießen sich  miteinander in ihrem Leib", LUT Gen 25,22. Daraufhin stellt Ribka alles in Frage: "Ist dem so, wozu nur bin ich?" B/R Gen 25,22. Bei der Geburt heißt es: "Dann fuhr der erste hervor, rötlich, überall wie ein haariger Mantel,sie riefen seinen Namen Essaw, Rauher." Gen 25,25 B/R. Daran erinnerte auch der vorangegangene Vers Gen 27,11, der Esau "haarig" nannte. Hat Ribka in ihrer Verzweiflung und zu ihrer Entlastung diesem Erstgeborenen die Schuld dafür gegeben, dass ihre Schwangerschaft so ein Leid war? Und Jaakob dafür mehr geliebt?

 


 

 

 

Gen 27, 13 Fluchübernahme 

 


Ribka geht aufs Ganze:

 

‎  וַתֹּ֤אמֶר לוֹ֙ אִמּ֔וֹ עָלַ֥י קִלְלָתְךָ֖ בְּנִ֑י אַ֛ךְ שְׁמַ֥ע בְּקֹלִ֖י וְלֵ֥ךְ קַֽח־לִֽי׃

(Gen. 27:13 WTT)

 

Mein Versuch:

Und es sprach zu ihm seine Mutter: Auf mir ist dein Fluch, mein Sohn, 

gewiss;

höre auf meine Stimme und geh, nimms mir.

 

Buber/Rosenzweig:

Seine Mutter sprach zu ihm:

Über mich deine Verwünschung, mein Sohn!

hör nur auf meine Stimme, geh, nimms mir.

 

van Dyke:

‎ فَقَالَتْ لَهُ أُمُّهُ: «لَعْنَتُكَ عَلَيَّ يَا ابْنِي. اِسْمَعْ لِقَوْلِي فَقَطْ وَاذْهَبْ خُذْ لِي» .

  (Gen. 27:13 AVD)

 

 

BEOBACHTUNGEN:

 

Kind!

Die Septuaginta lässt die Mutter von oben herab sprechen, anstatt von 

"mein Sohn" heißt bei ihr barsch "τέκνον", "Kind"!

 

אַ֛ךְ allein/nur

Diese Partikel beziehen alle Übersetzungen, die ich einsehen konnte, auf 

den zweiten Teil des Satzes.

 

Fluch

Dass ein Fluch von jemand anderem stellvertretend übernommen werden kann 

- ich glaube das ist ziemlich einmalig. In der hebräischen Bibel habe 

ich keine Parallele dazu gefunden. Im NT allenfalls Gal 3,13:

"Christus aber hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, da er zum 

Fluch wurde für uns – denn es steht geschrieben: »Verflucht ist jeder, 

der am Holz hängt«"  – (Gal. 3:13 L17)

 

Nominalsatz

Der hebräische - griechische und arabische - Nominalsatz kommt ohne ein 

Verb aus. Andere Sprachen müssen i. d. R. eins einfügen.

Die ältere französische Übersetzung, LSG, führt aus:

"Que cette malédiction, mon fils, retombe sur moi!"

In der jüngeren, BFC, ist Ribka aktiv:

"Je prends sur moi cette malédiction", im Dänischen gleich: "Den 

forbandelse tager jeg på mig"

Wie die Vulgata "in me sit ... ista maledictio" auch LUT L17 SCH: "Der 

Fluch sei auf mir"

EIN, ELB: "Dein Fluch komme auf mich", ähnlich ZUR

NL: " Laat je vloek mij dan maar treffen"

 

 

 

 

Gen 27 14 Mutter Vater Kind 

 


‎  וַיֵּ֙לֶךְ֙ וַיִּקַּ֔ח וַיָּבֵ֖א לְאִמּ֑וֹ וַתַּ֤עַשׂ אִמּוֹ֙ מַטְעַמִּ֔ים כַּאֲשֶׁ֖ר אָהֵ֥ב אָבִֽיו׃

(Gen. 27:14 WTT)

 

mE:

Und er ging und nahm und brachte seiner Mutter und es machte seine 

Mutter Leckerbissen wie sein Vater sie liebte.

 

Buber/Rosenzweig:

Er ging und nahm und brachte seiner Mutter,

und seine Mutter machte Leckerbissen zurecht, wies sein Vater liebte.

 

van Dyke:

‎  فَذَهَبَ وَأَخَذَ وَأَحْضَرَ لأُمِّهِ، فَصَنَعَتْ أُمُّهُ أَطْعِمَةً كَمَا كَانَ أَبُوهُ يُحِبُّ.  (Gen. 27:14 AVD)

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 8. April 2020

 

 

 

 

Gen 27,15 Kleiderwechsel 

 


‎  וַתִּקַּ֣ח רִ֠בְקָה אֶת־בִּגְדֵ֙י עֵשָׂ֜ו בְּנָ֤הּ הַגָּדֹל֙ הַחֲמֻדֹ֔ת אֲשֶׁ֥ר אִתָּ֖הּ בַּבָּ֑יִת וַתַּלְבֵּ֥שׁ אֶֽת־יַעֲקֹ֖ב בְּנָ֥הּ הַקָּטָֽן׃

(Gen. 27:15 WTT)

 

mE:

Und es nahm Ribka die Kleider Esaws, ihres großen Sohnes, die wertvollen, die mit ihr im Haus waren, und zog sie Jaakob, ihrem kleinen Sohn, an,

 

Buber/Rosenzweig:

Dann nahm Ribka die Gewänder Essaws, ihres ältern Sohns, die köstlichen die bei ihr im Hause waren,

und kleidete Jaakob darein, ihren jüngern Sohn,

 

van Dyke:

‎  وَأَخَذَتْ رِفْقَةُ ثِيَابَ عِيسُو ابْنِهَا الأَكْبَرِ الْفَاخِرَةَ الَّتِي كَانَتْ عِنْدَهَا فِي الْبَيْتِ وَأَلْبَسَتْ يَعْقُوبَ ابْنَهَا الأَصْغَرَ،  (Gen. 27:15 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN

‎  חֲמֻדֹ֔ת , Wertvolles, kommt selten vor: Wo es aber vorkommt ist erstaunlich: 1 Sam 9,20; 2 Chr 20,25; 2 Chr 36,10; Hag 2,7 und 7x im Buch Daniel! Das macht verdächtig! Es würde die These belegen, dass zumindest dieser Text recht spät so verfasst worden ist!

Und obwohl im Hebräischen weder von gut noch schön die Rede ist, im Westen schlägt sich die Zweiteilung wieder nieder:


Die anderen entziehen sich diesem Problem durch Wendungen wie "Feierkleider" LUT L17 EIN; "Festgewand" ZUR, "kostbare kleder" NL und "festklæder" DÄN oder eben s. o. "köstlichen" B/R und "wertvollen" mE.

 

Köln-Merkenich, am Gründonnerstag, den 9. April 2020

 


 

 

 

Gen 27,16 Hals oder Nacken? 

 


‎  וְאֵ֗ת עֹרֹת֙ גְּדָיֵ֣י הָֽעִזִּ֔ים הִלְבִּ֖ישָׁה עַל־יָדָ֑יו וְעַ֖ל חֶלְקַ֥ת צַוָּארָֽיו׃

(Gen. 27:16 WTT)

 

mE:

und mit den Fellen der  Ziegenböcklein bekleidete sie seine beiden Hände und die Glätte seiner Nacken.

 

Buber/Rosenzweig:

mit den Fellen der Ziegenböcklein aber verkleidete sie seine Hände und die Glätte seines Nackens.

 

van Dyke:

‎  وَأَلْبَسَتْ يَدَيْهِ وَمَلاَسَةَ عُنُقِهِ جُلُودَ جَدْيَيِ الْمِعْزَى. (Gen. 27:16 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN:

Nacken und Hals ist im Griechischen, τράχηλος, nicht zu unterscheiden. Auch "neck" im Englischen meint oft Beides. Vulgata, "collus", Hals, (statt "cervix", Nacken), ), LSG und BFC "cou", (statt "nuque"), alle deutschen, die niederländische und dänische Übersetzung haben sich für "Hals" entschieden. Warum?

Auch das Hebräische Wort צַוָּאר kann Hals wie Nacken heißen.

Welche Assoziationen setzt in den jeweiligen Kulturräumen "Hals"  und welche "Nacken"frei? Zumal es ja hier ganz viel mit Berührungen zu tun hat! Und statt "Glätte" kann auch "Zartheit" gesagt werden.

Die Statistik sagt: In der Sammlung Erotische Literatur, Berlin 2006,von Aristophanes bis Tucholsky taucht Nacken 322mal und Hals 857mal auf. 

Im westchristlich geprägten Kulturraum spielt der Hals eine besondere Rolle: Wenn Christus das Haupt ist - Eph 4,15 - und die Gemeinde sein Leib, dann trägt dieses Haupt der Hals, Maria:

"Wie eine Himmelsleiter verbinde Maria Menschheit und Gottheit (s. Petrus Damiani). Diese Bilder prägten sich der Westchristenheit ebenso tief ein wie die Vorstellung vom caput-collum-corpus, die sich bei Hermann von Tournai (gest. 1147), Gerson und anderen findet: Maria verbindet als Hals (collum) das Haupt der Kirche Christus (caput) mit den Gläubigen (membra), so dass ein Leib (corpus) entsteht." Aus: Heiner Grote: Art. Maria/Marienfrömmigkeit II. Kirchengeschichtlich, in: Theologische Realenzyklopädie 22, S. 128, Zeilen 17-21, Berlin 1992/2000.

Ist das kulturgeschichtlich einer der Gründe, warum im Westen Europas Frauen gerne freien Hals tragen - manche sommers wie winters! - ich dieses hingegen bei muslimischen Frau in Kairo und Alexandria so gut wie nie gesehen habe?

Und warum übersetzt van Dyke statt قفا  Nacken, عنق Hals? Cornelius van Dyke, oder auch Dyck geschrieben, 1818-1895, war ein protestantischer Arzt und Missionar aus New York und Philadelphia, der von seinem 22. Lebensjahr an fast ausschließlich im Libanon lebte. 

 

Köln-Merkenich, am Karsamstag, den 11. April 2020

 


 

 

 

Gen 27,17 - Hand - Hände - handlos? 

Ribka gibt die Sache aus der Hand:

‎  וַתִּתֵּ֧ן אֶת־הַמַּטְעַמִּ֛ים וְאֶת־הַלֶּ֖חֶם אֲשֶׁ֣ר עָשָׂ֑תָה בְּיַ֖ד יַעֲקֹ֥ב בְּנָֽהּ׃

(Gen. 27:17 WTT)

 

Mein Versuch:

Und sie gab die Leckerbissen und das Brot, das sie gemacht hatte, in die Hand Jaakobs, ihres Sohns.

 

Buber/Rosenzweig:

Die Leckerbissen und das Brot, was sie zurechtgemacht hatte, gab sie ihrem Sohn Jaakob in die Hand.

 

van Dyke:

‎  وَأَعْطَتِ الأَطْعِمَةَ وَالْخُبْزَ الَّتِي صَنَعَتْ فِي يَدِ يَعْقُوبَ ابْنِهَا.  (Gen. 27:17 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN:

Im Vergleich mit der Septuaginta, LXX, und der Übersetzung des Hieronymus ins Lateinische, die Vulgata, VUL, fiel mir auf, dass es drei Gruppen von Übersetzungen gibt: Bei den einen gibt Ribka die Mahlzeit in die Hände Jaakobs, in die Hand - wie im Hebräischen - oder die Hände werden gar nicht erwähnt:

Im Hebräischen bedeutet einem etwas in die Hand geben, יָד "Hand" mit der Präposition בְּ "in" auch: Einem etwas anvertrauen, in seine Verantwortung übergeben, am deutlichsten Gen 39,22: "... sodass der ihm alle Gefangenen im Gefängnis in seine Hand gab, und alles, was dort zu tun war, geschah durch ihn." (L17)

Ribka übergibt ihrem Sohn nicht einfach das Essen, sondern sie vertraut ihm den ganzen Plan an. Es ist jetzt in seiner Verantwortung, was damit geschieht. Er ist damit kein bloßer Befehlsempfänger mehr, sondern - und das scheint die Erzählabsicht zu sein - mitverantwortlich für das, was er jetzt tun wird. 

 

Köln-Merkenich, am Dienstag, den 14. April 2020

 


 

 

 

Gen 27,18 Wer bist du? 

Es gibt einige Fragen in der Bibel, die hallen nach. Diese auch. Kann man ein ganzes Drama kürzer sagen?

‎  וַיָּבֹ֥א אֶל־אָבִ֖יו וַיֹּ֣אמֶר אָבִ֑י וַיֹּ֣אמֶר הִנֶּ֔נִּי מִ֥י אַתָּ֖ה בְּנִֽי׃

(Gen. 27:18 WTT)

 

Mein Versuch:

Und er ging zu seinem Vater und sprach:

Mein Vater! Und er sprach: Hier bin ich! Wer bist du, mein Sohn?

 

Buber/Rosenzweig:

Er kam zu seinem Vater und sprach:

 

Mein Vater!

Der sprach:

Da bin ich. Welcher bist du, mein Sohn?

 

van Dyke

‎  فَدَخَلَ إِلَى أَبِيهِ وَقَالَ: «يَا أَبِي» . فَقَالَ: «هأَنَذَا. مَنْ أَنْتَ يَا ابْنِي؟»  (Gen. 27:18 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN:

A

ging/kam/bringen/tragen

Die ging-Partei: ESV mE

Die ging-hinein-Partei: LUT L17 EIN ELB SCH ZUR DÄN van Dyke

Die kam-Partei: KJV NAS LSG NL B/R

Hineinbringen oder -tragen: LXX εἰσήνεγκεν von  εἰσφέρω, LXXD brachte ... hinein; VUL inlatis, BFC alla trouver

 

B

Vulgata und die moderne französische Übersetzung fanden das ganze Setting offenbar unmöglich. Sie halfen nach:

VUL: Hier antwortet der Vater: audio

BFC: Je t'ecoute

 

C

Wer/Welcher

Diese Differenzierung fand ich nur bei Buber/Rosenzweig.

Die Frage "wer bist du?" steht in der Hebräischen Bibel sonst noch in 2 Sa 1,8; Sach 4,7; Ruth 3,9 in der LXX zusätzlich Judith 6,2. (In 1 Sa 17,58; 1 Sa 24,15; 1 Sa 26,14; 2 Kg 9,32 ist die Frage eingebunden in eine umfassendere Frage, etwa 1 Sa 26,14: Wer bist du, dass...)

Und, ja, einige Verse nach dieser Stelle: Gen 27,32 - dann ohne "mein Sohn".

 

D ‎

Jetzt ist Isaak der Vater, der auf die identische Frage seines Sohnes antwortet "Hier bin ich": Gen 22,7.

Damals sagte sein Vater ihm nicht alles. Jetzt sein Sohn.

An beiden Stellen identisch: ‎  אָבִ֑י וַיֹּ֣אמֶר הִנֶּ֔נִּי - "Mein Vater?! Und er sprach: Hier bin ich!"

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 15. April 2020

 


 

 

 

Gen 27,19 - jetzt aber mal flott! 

Jaakob als Essaw:

‎  וַיֹּ֙אמֶר יַעֲקֹ֜ב אֶל־אָבִ֗יו אָנֹכִי֙ עֵשָׂ֣ו בְּכֹרֶ֔ךָ עָשִׂ֕יתִי כַּאֲשֶׁ֥ר דִּבַּ֖רְתָּ אֵלָ֑י קֽוּם־נָ֣א שְׁבָ֗ה וְאָכְלָה֙ מִצֵּידִ֔י בַּעֲב֖וּר תְּבָרֲכַ֥נִּי נַפְשֶֽׁךָ׃

(Gen. 27:19 WTT)

 

Mein Versuch:

Und es sprach Jaakob zu seinem Vater: 

Ich bin Essaw, dein Erstgeborener. Ich machte, wie du zu mir gesagt hast.

Steh nun auf! Sitz und iss von meinem Jagdfang, damit dein Leben mich segne.

 

Buber/Rosenzweig:

Jaakob sprach zu seinem Vater:

Ich, Essaw, dein Erstling,

ich habe getan, wie du zu mir geredet hast,

richte dich doch auf, sitz und iß von meinem Jagdfang,

daß deine Seele mich segne.

 

van Dyke:

‎ ‎ . « فَقَالَ يَعْقُوبُ لأَبِيهِ: «أَنَا عِيسُو بِكْرُكَ. قَدْ فَعَلْتُ كَمَا كَلَّمْتَنِي. قُمِ اجْلِسْ وَكُلْ مِنْ صَيْدِي لِكَيْ تُبَارِكَنِي نَفْسُكَ» . (Gen. 27:19 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN:

Die drei Imparative קֽוּם־נָ֣א שְׁבָ֗ה וְאָכְלָה֙ , steh doch auf, sitz und iss! direkt hintereinander wirken ungeheuer grob.

Septuaginta und Vulgata sind sogar noch kürzer als im Hebräischen: 

LXX ἀναστὰς κάθισον καὶ φάγε

LXXD Steh auf, setz dich und iss

VUL surge sede et comede. 

Die arabische Übersetzung genauso kurz:

‎van Dyke  قُمِ اجْلِسْ وَكُلْ

Allen dreien fehlt das auffordernde  נָ֣אim Hebräischen.

Die King James Version kann das nicht durchgehen lassen, ihr klang das wohl zu despektierlich dem Alter gegenüber und fügt ein:

KJV arise, I pray thee, sit and eat

Die New American Standard Bible schließt sich an:

NAS Get up, please, sit and eat

Auch für die ältere französische Übersetzung ist das, was da steht unerträglich:

Die Louis Segond Version von 1910 übersetzt:

LSG Lève -toi, je te prie, assieds -toi, et mange

Die anderen haben sich dem nicht angeschlossen.

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 16. April 2020

 


 

 

 

Gen 27,20 und das dritte Gebot 

Wie sich halt manches so trifft:

‎  וַיֹּ֤אמֶר יִצְחָק֙ אֶל־בְּנ֔וֹ מַה־זֶּ֛ה מִהַ֥רְתָּ לִמְצֹ֖א בְּנִ֑י וַיֹּ֕אמֶר כִּ֥י הִקְרָ֛ה יְהוָ֥ה אֱלֹהֶ֖יךָ לְפָנָֽי׃ 

(Gen. 27:20 WTT)

 

Mein Versuch:

Und es sprach Jizchak zu seinem Sohn: Was ist das? Du bist schnell zum Ziel gekommen, mein Sohn!

Und er sprach: Gewiss! Es bewirkte JHWH, dein Gott, für mein Angesicht.

 

Buber/Rosenzweig:

Jizchak sprach zu seinem Sohn:

Wie so eilig hast dus gefunden, mein Sohn!

Er sprach:

Ja, ER dein Gott hats mir gefügt.

 

van Dyke:

‎  فَقَالَ إِسْحَاقُ لابْنِهِ: «مَا هذَا الَّذِي أَسْرَعْتَ لِتَجِدَ يَا ابْنِي؟» فَقَالَ: «إِنَّ الرَّبَّ إِلهَكَ قَدْ يَسَّرَ لِي» .  (Gen. 27:20 AVD)

 

Bubers "gefügt" ist genial: Im hebräische Wort קרה ,"geschehen", klingt in der Intensivform, Piel, "mit Balken bauen": Balken ineinander fügen, mit! Hier liegt die Kausativform, Hifil, vor.

Die Antwort Jaakobs fällt durchaus sehr verschieden aus:

VUL Dei fuit ut cito mihi occurreret quod volebam

KJV God brought it to me

NAS your God caused it to happen to me

ESV your God granted me success

LSG ton Dieu, l'a fait venir devant moi

BFC besonders einfallsreich: ton Dieu l'a mis sur mon chemin

LUT L17 dein Gott, bescherte mir's

EIN dein Gott, hat es mir entgegenlaufen lassen

ELB dein Gott, es mir begegnen ließ

SCH dein Gott, ließ es mir begegnen!

ZUR dein Gott, hat es günstig für mich gefügt

NL Gud lod det lykkes for mig

DÄN uw God, het mij heeft laten tegenkomen

LXX παρέδωκεν κύριος ὁ θεός σου ἐναντίον μου

LXXD Was der Herr, dein Gott, vor mich hingegeben hat.

van Dyke machts ganz elegant: يَسَّرَ لِي erleichterte es für mich.

Außer Abraham und Sarah ist Jaakob der einzige in dieser Reihe, der seinen Namen nicht behalten wird. Gemäß dem was hier erzählt wird, erzähllogisch auch kaum anders möglich. Nach ihm wird schließlich das ganze Volk heißen.

 

Köln-Merkenich, am Freitag, den 17. April 2020

 


 

 

 

Gen 27, 21 - ein Lob auf die Skepsis! 

Jizchak zweifelt:

‎  וַיֹּ֤אמֶר יִצְחָק֙ אֶֽל־יַעֲקֹ֔ב גְּשָׁה־נָּ֥א וַאֲמֻֽשְׁךָ֖ בְּנִ֑י הַֽאַתָּ֥ה זֶ֛ה בְּנִ֥י עֵשָׂ֖ו אִם־לֹֽא׃ 

(Gen. 27:21 WTT)

 

mE:

Und es sprach Jizchak zu Jaakob: Komm doch näher, ich betaste dich, mein Sohn, ob du da mein Sohn Essaw bist oder nicht.

 

Buber/Rosenzweig:

Jizchak sprach zu Jaakob:

Tritt doch heran, daß ich dich betaste, mein Sohn,

ob du es bist, mein Sohn Essaw, oder nicht.

 

van Dyke:

‎  فَقَالَ إِسْحَاقُ لِيَعْقُوبَ: «تَقَدَّمْ لأَجُسَّكَ يَا ابْنِي. أَأَنْتَ هُوَ ابْنِي عِيسُو أَمْ لاَ؟»  (Gen. 27:21 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN:

Es gibt hier zwei Gruppen von Übersetzungen: Die einen lassen es so stehen, wie im Hebräische, die anderen führen eine Bekräftigung ein, paradigmatisch EIN: "ob du wirklich mein Sohn Esau bist".

Interessant ist, wie die KJV das macht: "wether thou be my very son" - "very", so Merriam-Webster, stammt aus dem Lateinischen "verax truthful".

Zu dieser Gruppe gehören:

KJV, NAS, ESV, BFC, EIN, ELB, SCH, NL, DÄN

Die "un-wirklichen" sind:

LXX, VUL, LSG, LUT, L17 , van Dyke, B/R, mE und ZUR!

 

Köln-Merkenich, am Samstag, den 18. April 2020

 


 

 

 

Gen 27,22 Zwei gespaltene Persönlichkeiten - oder: Wem mehr trauen: Dem Hören oder dem Fühlen? 

 


‎וַיִּגַּ֧שׁ יַעֲקֹ֛ב אֶל־יִצְחָ֥ק אָבִ֖יו וַיְמֻשֵּׁ֑הוּ וַיֹּ֗אמֶר הַקֹּל֙ ק֣וֹל יַעֲקֹ֔ב וְהַיָּדַ֖יִם יְדֵ֥י עֵשָֽׂו׃

(Gen. 27:22 WTT)

 

mein Versuch:

Und Jaakob näherte sich Jizchak seinem Vater und er betastete ihn und sprach:

Die Stimme ist die Stimme Jaakobs und beide Hände die Hände Essaws.

 

Buber/Rosenzweig:

Jaakob trat heran zu Jizchak seinem Vater.

Der betastete ihn und sprach:

Die Stimme Jaakobs Stimme, die Hände Essaws Hände -

 

van Dyke.

‎  فَتَقَدَّمَ يَعْقُوبُ إِلَى إِسْحَاقَ أَبِيهِ، فَجَسَّهُ وَقَالَ: «الصَّوْتُ صَوْتُ يَعْقُوبَ، وَلكِنَّ الْيَدَيْنِ يَدَا عِيسُو» .  (Gen. 27:22 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN:

Nominalsätze sind Sätze ohne Prädikat - wie : "Guten Tag!" s.o.! oder oft in Sprichwörtern "Viel Feind', viel Ehr'!" Das Prädikat steckt sozusagen in einem der Nomen, daher der Name. 

Im Hebräischen und Arabischen ist der Nominalsatz normal. Was im Deutschen das Wort "sein" ist, wird in diesen beiden Sprachen mitgedacht. Heidegger hätte hier seine argen Probleme gehabt.

Die arabische Übersetzung braucht nichts aufzulösen, es ist fast alles parallel, nur dass in der Mitte von Jizchaks Satz statt dem einfachen, aber mehrdeutigem waw, וְ, ein "aber " steht, وَلكِنَّ.

Alle anderen Übersetzungen, die ich einsehen konnte, außer einer, lösen den Nominalsatz auf und ergänzen die Prädikate. Die KJV macht ihre Zufügungen im Übrigen durch Kursivdruck von is und are sichtbar: "The voice is Jacob's voice, but the hands are the hands of Esau."

Die einzige Ausnahme sind Buber und Rosenzweig: Hier ist der seltene Fall, wo der Nominalstil nachgebildet wurde: 

"Die Stimme Jaakobs Stimme, die Hände Essaws Hände -"

- eine geniale Lösung! Man  hört (im Deutschen) quasi, wie Isaak die Stimme wegbleibt!

(Mir kam es nur im zweiten Teil mit den Händen so, ich liebe Ellipsen!)

 

Köln-Merkenich, am Montag, den 20. April 2020

 


 

 

 

Gen 27,23 haarig 

Es wird erneut haarig:

‎  וְלֹ֣א הִכִּיר֔וֹ כִּֽי־הָי֣וּ יָדָ֗יו כִּידֵ֛י עֵשָׂ֥ו אָחִ֖יו שְׂעִרֹ֑ת וַֽיְבָרְכֵֽהוּ׃ 

(Gen. 27:23 WTT)

 

Mein Versuch:

Und nicht erkannte er ihn, denn es waren seine beiden Hände wie die beiden Hände Essaws seines Bruders haarig und er segnete ihn.

 

Buber/Rosenzweig:

aber er erspürte ihn nicht, eben weil seine Hände waren wie seines Bruders Essaw Hände, haarig,

so segnete er ihn.

 

van Dyke:

‎  وَلَمْ يَعْرِفْهُ لأَنَّ يَدَيْهِ كَانَتَا مُشْعِرَتَيْنِ كَيَدَيْ عِيسُو أَخِيهِ، فَبَارَكَهُ. (Gen. 27:23 AVD)

 

Köln-Merkenich, am Dienstag, den 21. April 2020

 

 

 

 

Gen 27,24 Wer ist Ich? 

Dieser Satz ist sehr kurz und hat's in sich:

‎וַיֹּ֕אמֶר אַתָּ֥ה זֶ֖ה בְּנִ֣י עֵשָׂ֑ו וַיֹּ֖אמֶר אָֽנִי׃ (Gen. 27:24 WTT)

 

Mein Versuch:

Und er sprach: Du da bist mein Sohn Essaw. 

Und er sprach: Ich bins.

 

Buber/Rosenzweig:

Und sprach:

Du bist es, mein Sohn Essaw?

Er sprach:

Ich.

 

van Dyke:

‎  وَقَالَ: «هَلْ أَنْتَ هُوَ ابْنِي عِيسُو؟» فَقَالَ: «أَنَا هُوَ»  (Gen. 27:24 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN:

A Frage oder keine Frage?

Buber/Rosenzweig  sowie alle neuzeitlichen Übersetzungen, die ich einsehen konnte, haben eine Frage dort stehen, auch van Dyke. Zum Teil noch verstärkt mit "really" (NAS ESV) bzw. "wirklich" (ELB SCH DÄN "virkelig" NL "echt").

Keine Frage steht in der Septuaginta, LXX: "σὺ εἶ ὁ υἱός μου Ησαυ" - Septuaginta Deutsch, LXXD übersetzt dies mit: "Du bist mein Sohn Esau". So auch die Vulgata: "tu es filius meus Esau".

 

B Nominalsatz oder Einwortsatz

Die Antwort Jaakoks, die aus einem einzigen Wort besteht אָֽנִי, "ich", wird als Nominalsatz von fast allen eingesehenen Übersetzungen aufgelöst, beispielhaft Luther: "Ja, ich bin's."

Ausnahmen: LXX und Buber/Rosenzweig! LXX: "ὁ δὲ εἶπεν ἐγώ." Da steht nur - wie im Hebräischen das einfache ἐγώ, "ich". In der LXXD - steht beides: "der aber sagte: Ich (bin es)."!

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 22. April 2020

 


 

 

 

 

Gen 27,25 Wer segnet? 

"Mein Sohn" zeigt meistens Nähe an, hier ein Hauch von Distanz:

‎  וַיֹּ֗אמֶר הַגִּ֤שָׁה לִּי֙ וְאֹֽכְלָה֙ מִצֵּ֣יד בְּנִ֔י לְמַ֥עַן תְּבָֽרֶכְךָ֖ נַפְשִׁ֑י וַיַּגֶּשׁ־לוֹ֙ וַיֹּאכַ֔ל וַיָּ֧בֵא ל֧וֹ יַ֖יִן וַיֵּֽשְׁתְּ׃ 

(Gen. 27:25 WTT)

 

Mein Versuch:

Und er sprach: Bring's doch näher zu mir und ich esse vom Jagdfang meines Sohnes, damit mein Leben dich segnet! Und er brachte es ihm näher und er aß und er trug ihm Wein auf und er trank.

 

Buber/Rosenzweig:

Nun sprach er:

Reichs mir heran, ich will essen vom Jagdfang meines Sohns,

daß meine Seele dich segne.

Er reichte es ihm heran und er aß, er brachte ihm Wein und er trank.

 

van Dyke:

‎   فَقَالَ: «قَدِّمْ لِي لآكُلَ مِنْ صَيْدِ ابْنِي حَتَّى تُبَارِكَكَ نَفْسِي» . فَقَدَّمَ لَهُ فَأَكَلَ، وَأَحْضَرَ لَهُ خَمْرًا فَشَرِبَ.  (Gen. 27:25 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN:

A Jagdfang - von wem?

Im Hebräischen steht NICHT "von deinem Jagdfang", sondern "Jagdfang meines Sohnes". Was auf jeden Fall stimmt, womit aber nicht unbedingt der anwesende Jaakob gemeint sein muss. Die Doppeldeutigkeit der Antwort seines Sohnes vom vorangegangenen Vers, das knappe "ich", spiegelt sich hierin wider.

Das haben in meinen Augen nicht alle Übersetzungen ausgehalten:

Schon die Septuaginta spricht von "deiner Jagdbeute" und aus "mein Sohn" wird in ihr einfach die Apposition "Kind". So verschwindet die Mehrdeutigkeit auch in den Übersetzungen der BFC und LUT.

Die Lutherbibel 2017 hat das interessanterweise korrigiert: "Wildbret meines Sohnes"!

 

B Wer segnet?

Der Befund ist klar: Jizchak spricht von נַפְשִׁ֑י "mein Leben", traditionell "meine Seele". Das belegt die Beobachtung der Teilautonomie menschlicher Organe , die schon der Hamburger Altphilologe Bruno Snell  in der Ilias beobachtete und der Phänomenologe Hermann Schmitz, gleichfalls Hamburger, wieder neu betonte.

Der Ausdruck "Seele" zusammen mit "segnen" ist in diesem Kapitel bereits dreimal begegnet: Vers 4,19 und hier Vers 25. Er wird in Vers 31 erneut stehen. Das nehme ich im Folgenden vorweg:

Es gibt in allen vier Versen zwei Fraktionen: Die einen behalten den Ausdruck "meine Seele" bei, die anderen lösen es ins Subjekt "ich" (bzw. "du") auf: Hier z. B.: 

EIN: "Ich will von dem Wildbret meines Sohnes essen und dich dann segnen." Oder auch die Zürcher:

ZUR: "ich will von dem Wildbret meines Sohns essen, damit ich dich segnen kann."


Es fällt auf: Die neueren englischen Übersetzungen NAS und ESV sind sich ihrer Sache nicht ganz sicher!


Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 23. April 2020

 


 

 

 

Gen 27,26 Erkennungskuss 

Es kommt zum Showdown:

‎  וַיֹּ֥אמֶר אֵלָ֖יו יִצְחָ֣ק אָבִ֑יו גְּשָׁה־נָּ֥א וּשְׁקָה־לִּ֖י בְּנִֽי׃

(Gen. 27:26 WTT)

 

mE:

Und es sprach zu ihm Jizchak sein Vater: Komm doch näher und küss mich doch, mein Sohn!

 

Buber/Rosenzweig:

Jizchak sein Vater sprach zu ihm:

Tritt doch heran und küsse mich, mein Sohn.

 

van Dyke:

‎  فَقَالَ لَهُ إِسْحَاقُ أَبُوهُ: «تَقَدَّمْ وَقَبِّلْنِي يَا ابْنِي» .  (Gen. 27:26 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN:

Die altehrwürdige Luois-Segond-Bibel von 1910 übersetzt:

Isaac, son père, lui dit: Approche donc, et baise -moi, mon fils.

Mindestens das wird der Grund dafür gewesen sein, warum das nicht so bleiben kann:

Die Bibel "en français courant", BFC, greift ein:

Ensuite Isaac lui dit: «Approche-toi et embrasse-moi, mon fils!»

 

Köln-Merkenich, am Freitag, den 24. April 2020

 


 

 

 

Gen 27,27 Kleider Verräter 

Köln-Merkenich, am Samstag, den 25. April 2020

 

Jizchak findet Gewissheit:

‎  וַיִּגַּשׁ֙ וַיִּשַּׁק־ל֔וֹ וַיָּ֛רַח אֶת־רֵ֥יחַ בְּגָדָ֖יו וַֽיְבָרֲכֵ֑הוּ וַיֹּ֗אמֶר רְאֵה֙ רֵ֣יחַ בְּנִ֔י כְּרֵ֣יחַ שָׂדֶ֔ה אֲשֶׁ֥ר בֵּרֲכ֖וֹ יְהוָֽה׃

(Gen. 27:27 WTT)

 

mein Versuch:

Und er kam näher und küsste ihn und er roch den Geruch seiner Kleider und er segnete ihn und sprach:

Sieh! Der Geruch meines Sohnes ist wie der Geruch eines Feldes, das JHWH segnete.

 

Buber/Rosenzweig:

Und er kam nahe zu ihm hin und er küsste ihn und er roch den Geruch seiner Kleider und er segnete ihn und sagte:

Siehe, der Geruch meines Sohnes

wie der Geruch eines vollen Feldes, das der Herr gesegnet hat.

 

van Dyke:

‎  فَتَقَدَّمَ وَقَبَّلَهُ، فَشَمَّ رَائِحَةَ ثِيَابِهِ وَبَارَكَهُ، وَقَالَ: «انْظُرْ! رَائِحَةُ ابْنِي كَرَائِحَةِ حَقْل قَدْ بَارَكَهُ الرَّبُّ.  (Gen. 27:27 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN:

Die Rabbinische Auslegung hat zu diesem Vers etwas sehr Interessantes :

Talmud, Sanhedrin 37a:7 

https://www.sefaria.org/Genesis.27.27?lang=bi&with=Talmud&lang2=en -

Bezug ist: בֶּגֶד ist tatsächlich doppeldeutig: es kann heißen "Kleidung" und "Trug, Hinterlist", Jer 12,1.

 


 

 

 

Gen 27,28 

Jizchaks Segen:

‎  וְיִֽתֶּן־לְךָ֙ הָאֱלֹהִ֔ים מִטַּל֙ הַשָּׁמַ֔יִם וּמִשְׁמַנֵּ֖י הָאָ֑רֶץ וְרֹ֥ב דָּגָ֖ן וְתִירֹֽשׁ׃

(Gen. 27:28 WTT)

 

mein Versuch:

Und es gebe dir Gott vom Tau der Himmel und von den Fetten der Erde und reichlich Korn und Most.

 

Buber/Rosenzweig:

So gebe dir Gott

vom Tau des Himmels

und von den Fetten der Erde,

Korns und Mostes die Fülle!

 

van Dyke:

‎  فَلْيُعْطِكَ اللهُ مِنْ نَدَى السَّمَاءِ وَمِنْ دَسَمِ الأَرْضِ. وَكَثْرَةَ حِنْطَةٍ وَخَمْرٍ.  (Gen. 27:28 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN:

Das Nomen רֹ֥ב,"Fülle", löst adjektivisch sonst nur noch die Einheitsübersetzung auf: "viel". In meinem Set der deutschsprachigen Übersetzungen ist von "die Fülle" oder "in Fülle" (SCH ZUR) die Rede, die Küstensprecher und Seefahrer in den Niederlanden und Dänemark sprechen von "Überfluss": overvloed/i overflod.

 

 

 

 

Gen 27,29 Segen 

Jizchaks Segen geht weiter:

יַֽעַבְד֣וּךָ עַמִּ֗ים (וְיִשְׁתַּחוּ) [וְיִֽשְׁתַּחֲו֤וּ] לְךָ֙ לְאֻמִּ֔ים הֱוֵ֤ה גְבִיר֙ לְאַחֶ֔יךָ וְיִשְׁתַּחֲוּ֥וּ לְךָ֖ בְּנֵ֣י אִמֶּ֑ךָ אֹרְרֶ֣יךָ אָר֔וּר וּֽמְבָרֲכֶ֖יךָ בָּרֽוּךְ

(Gen. 27:29 WTT)

Die Stuttgarter  Hebräische Bibel hat die Vers 27b-29 schön als ein Gedicht gedruckt: Dieser Vers sieht dort so aus:

‎  יַֽעַבְד֣וּךָ עַמִּ֗ים  וְיִשְׁתַּחוּ לְךָ֙ לְאֻמִּ֔ים 

הֱוֵ֤ה גְבִיר֙ לְאַחֶ֔יךָ   וְיִשְׁתַּחֲוּ֥וּ לְךָ֖ בְּנֵ֣י אִמֶּ֑ךָ 

אֹרְרֶ֣יךָ אָר֔וּר   וּֽמְבָרֲכֶ֖יךָ בָּרֽוּךְ

In der Leningrader Handschrift steht tatsächlich וְיִשְׁתַּחוּ - also Einzahl. In der Kommentarspalte daneben steht der Plural: וְיִֽשְׁתַּחֲו֤וּ

 

Hier mein Versuch:

Und es dienen dir Stämme und es verbeugen sich für dich Völker,

werde Herr für deine Brüder und es verbeugen sich für dich die Söhne deiner Mutter,

dich Verfluchende sind verflucht, dich Segnende gesegnet.

 

van Dyke:

‎  لِيُسْتَعْبَدْ لَكَ شُعُوبٌ، وَتَسْجُدْ لَكَ قَبَائِلُ. كُنْ سَيِّدًا لإِخْوَتِكَ، وَلْيَسْجُدْ لَكَ بَنُو أُمِّكَ. لِيَكُنْ لاَعِنُوكَ مَلْعُونِينَ، وَمُبَارِكُوكَ مُبَارَكِينَ» .  (Gen. 27:29 AVD)

VOKABELN:

عبد im X. Stamm = unterjochen

شعب   pl. شعوب Volk

سجد  sich niederwerfen 

قبيلة   pl. قباءل  Stamm

لعن  fluchen, hier im IV. Stamm (vorgesetztes ا ) = kausativ: Fluch bewirken - [nach der deutschen Lautregel müsste man "flüchen" sagen] 

ملعون ist von لعن  abgeleitet: verdammt, verflucht.

 

BEOBACHTUNGEN:

In Alexandria haben die Übersetzer der Hebräischen Bibel ins Griechische offenbar die klassische griechische Bildung durchlaufen und waren damit in Logik geschult - sie wollten den Leserinnen und Lesern, bei denen sie diese Bildung voraussetzen konnten, keine logischen Brüche zumuten. Jaakob hat doch nur einen Bruder?! Und die Mütter verschwinden: In der Septuaginta lautet der Vers:

καὶ δουλευσάτωσάν σοι ἔθνη καὶ προσκυνήσουσίν σοι ἄρχοντες 

καὶ γίνου κύριος τοῦ ἀδελφοῦ σου καὶ προσκυνήσουσίν σοι οἱ υἱοὶ τοῦ πατρός σου 

ὁ καταρώμενός σε ἐπικατάρατος ὁ δὲ εὐλογῶν σε εὐλογημένος (Gen. 27:29 BGT)

LXX-Deutsch:

Und Volksstämme sollen dir dienen

und Fürsten werden ehrfürchtig vor dir niederfallen;

und werde Herr über deinen Bruder;

und die Söhne deines Vaters werden ehrfürchtig vor dir niederfallen.

Der, der dich verflucht, ist verflucht,

der, der dich segnet, ist gesegnet.

Köln-Merkenich, am Dienstag, den 28. April 2020

 

P.S.: Gesenius hat in וְיִשְׁתַּחוּ eine Form von שחה gesehen. Das ist morphologisch schwierig, weil dann das וּ stört. Im Artikel zu חוה im Theologischen Wörterbuch zum Alten Testament II,784, von H. D. Preuß, wird das ausführlich erläutert: Im Ugaritischen fand man ein Verb hwj mit genau dieser Bedeutung.

 

 

 

 

Gen 27,30 DA! 

E es wird spannend:

‎  וַיְהִ֗י כַּאֲשֶׁ֙ר כִּלָּ֣ה יִצְחָק֘ לְבָרֵ֣ךְ אֶֽת־יַעֲקֹב֒ וַיְהִ֗י אַ֣ךְ יָצֹ֤א יָצָא֙ יַעֲקֹ֔ב מֵאֵ֥ת פְּנֵ֖י יִצְחָ֣ק אָבִ֑יו וְעֵשָׂ֣ו אָחִ֔יו בָּ֖א מִצֵּידֽוֹ׃

(Gen. 27:30 WTT)

 

mE:

Und es geschah nachdem beendigt hatte Jizchak zu segnen Jaakob und es geschah, in der Tat!, als ein Herausgehen herausging Jaakob vom Angesicht Jizchaks seines Vaters als Essaw sein Bruder kam von seiner Jagd.

 

Buber/Rosenzweig:

Nun aber, wie Jizchak geendet hatte Jaakob zu segnen,

nun aber - eben erst, eben war Jaakob hinaus von Jizchak

seinem Vater -

kam sein Bruder Essaw von seiner Jagd.

 

van Dyke:

‎  وَحَدَثَ عِنْدَمَا فَرَغَ إِسْحَاقُ مِنْ بَرَكَةِ يَعْقُوبَ، وَيَعْقُوبُ قَدْ خَرَجَ مِنْ لَدُنْ إِسْحَاقَ أَبِيهِ، أَنَّ عِيسُوَ أَخَاهُ أَتَى مِنْ صَيْدِهِ (Gen. 27:30 AVD)

VOKABELN

حدث, u - geschehen;

عنداما  sobald, als;

فرغ  mit من beendigen; ohne: leer, fertig sein;

خرج  hinausgehen

لدن  als Verb: weich sein; als Präposition wie hier: bei, in Gegenwart von;

اتى  i, kommen   

صيد  Jagd

 

BEOBACHTUNGEN:

A

Mich interessierte wie die Kolleginnen und Kollegen die Partikel אַ֣ךְ übersetzt haben:

Hier gibt es drei Fraktionen:

- GAR NICHT: LXX LXXD VUL EIN ZUR und DÄN;

- im Sinne von "KAUM, GERADE": KJV yet; NAS hardly; ESV scarcely; LSG peine; BFC à peine; LUT kaum; NL nog maar net (gerade jetzt), van Dyke قَدْ ; B/R;

- als INTERJETKTION: ELB ja, es geschah, mE

 

B

Im gesamten Text wird immer wieder betont bei fast jedem Namen: sein Bruder, sein Vater! Wie eine ständige Erinnerung!

Die Vulgata entledigt sich dessen komplett.

Die BFC unterlässt dies bei der Nennung von Essaw,

die Niederländische Übersetzung bei der zweiten Nennung Jizchaks. 

 

Heißt es "seine Jagd - wie im Hebräischen - oder "die Jagd"?

Es zeigen sich drei Fraktionen:

- Von "seiner Jagd" sprechen: KJV NAS ESV LUT L17 ELB NL B/R van Dyke mE

- Von "der Jagd": LXX LXXD LSG BFC EIN SCH ZUR DÄN

- Ohne Jagd: VUL

 

Köln-Merkenich, am 30. April 2020

 


 

 

 

Gen 27,31 Dreimalvater 

 


Essaw ist auch ungeheuer fleißg: Nach der Jagd bereitet er sofort die Leckerbissen vor:

‎  וַיַּ֤עַשׂ גַּם־הוּא֙ מַטְעַמִּ֔ים וַיָּבֵ֖א לְאָבִ֑יו וַיֹּ֣אמֶר לְאָבִ֗יו יָקֻ֤ם אָבִי֙ וְיֹאכַל֙ מִצֵּ֣יד בְּנ֔וֹ בַּעֲב֖וּר תְּבָרֲכַ֥נִּי נַפְשֶֽׁךָ׃

(Gen. 27:31 WTT)

 

mE:

Und es machte auch er Leckerbissen und er brachte sie seinem Vater und er sprach zu seinem Vater: Es möge aufstehen mein Vater und er möge essen vom Jagdfang seines Sohnes damit dein Leben mich nun segne.

 

Buber/Rosenzweig:

Auch er machte Leckerbissen zurecht und brachte sie seinem Vater.

Er sprach zu seinem Vater:

Richte sich mein Vater auf und esse vom Jagdfang seines Sohns,

daß deine Seele mich segne.

 

van Dyke:

‎  فَصَنَعَ هُوَ أَيْضًا أَطْعِمَةً وَدَخَلَ بِهَا إِلَى أَبِيهِ وَقَالَ لأَبِيهِ: «لِيَقُمْ أَبِي وَيَأْكُلْ مِنْ صَيْدِ ابْنِهِ حَتَّى تُبَارِكَنِي نَفْسُكَ» .  (Gen. 27:31 AVD)

VOKABELN:

صنع :tun, machen

دخل , u : hineingehen

صيد: Jagd

 

BEOBACHTUNGEN:

Wie anders diese Anrede Essaws im Unterschied zu der Jaakobs an seinen Vater in Vers 19!

In vollendeter Höflichkeit spricht der angeblich so grobe Essaw von seinem Vater in der dritten Person und benutzt keinen Imperativ, sondern die Aufforderungsform Jussiv!

Die Septuaginta hat das fast eins zu eins nachgebildet.

Anders die Vulgata: Dort stehen die harten Imperative wie im Vers 19: surge ... et comede.

Die dritte Person Singular haben gleichfalls aufgegeben:

BFV: Installe-toi  ... 

LUT, L17: Richte dich auf... und iss... Wildbret deines Sohnes

SCH: Steh auf... und iss... 

DÄN Hier wird eine Frage gestellt: Vil du ikke sætte dig op ...?

Mustergültig die Zürcher:

Mein Vater möge sich aufrichten und vom Wildbret seines Sohns essen, damit du mich segnest. (Gen. 27:31 ZUR)

 

B

Nicht weniger als dreimal wird in diesem Vers vom Vater gesprochen und in der Bezeichnung "Jagdfang seines Sohnes" ist die Vaterschaft ein viertes Mal präsent. Es ist den Autoren der Geschichte offenbar ungeheuer wichtig diese Familienbindungen zum Beginn des Dramas ganz deutlich zu machen.

Schon der Septuaginta war ein Vorkommen zu viel und übersetzt an der zweiten Stelle nur: "und er sagte zum Vater", LXXD, genauso die Vulgata. 

Das machen nach: LUT L17 EIN SCH DÄN: "sprach zu ihm". Schade.

 

Köln-Merkenich, am Samstag, den 2. Mai 2020


P. S.: Rabbinische Gelehrte sehen den Fall hingegen  genau umgekehrt:

https://www.sefaria.org/Genesis.27.31?lang=bi&with=all&lang2=en

Midrash Tanchuma, Toldot 11:3 

How did he do that? When Esau caught a deer, he would tether it and then set out to catch another deer. In the meantime Satan would release the deer that had been caught and permit it to escape. When Esau returned, he was unable to find the deer. He repeated this a second and a third time. And thus it says: A slothful man shall not catch his prey (Prov. 12:27). He was forced to roam about for hours while Jacob received the blessings. Hence, Scripture states: And Jacob was yet scarce gone out from the presence of Isaac, his father, that Esau, his brother, came in from his hunting. When the wicked Esau entered, he called out to his father impudently: Let my father arise, and eat of his son’s venison (Gen. 27:31). It is of him that Scripture states: When the wicked cometh, there cometh also contempt (Prov. 18:3). The words Let my father arise sound as though he were issuing a decree. Jacob did not speak like that. He spoke gently, saying: Arise, I pray thee, sit and eat of my venison (Gen. 27:19). 

Zohar 1:144a:2

 

"And he also had made savory food...Let my father arise" (Beresheet 27:31). His speech was impertinent, rough, and impolite. Come and behold the difference between Jacob and Esau. Jacob talked to his father humbly, with humility. It is written, "And he came to his father, and said, My father" (Ibid. 18). The difference between the language of Esau and Jacob is that Jacob did not want to frighten him. Thus, he spoke humbly, saying "arise, I pray you, sit and eat of my venison." Esau, however, said "Let my father arise," as if he was not speaking to him.

 

 

Pirkei DeRabbi Eliezer 32:15

 

קום נא שבה, “rise up please and sit.” Esau by contrast ordered his father to rise by saying: “may my father rise” (verse 32). He did not ask him to be seated. Bereshit Rabbah 65,18, addressing this difference between how the two sons spoke to their father, writes as follows: seeing that Yaakov had addressed his father with sensitivity and respect G’d returned the compliment in a similar manner when Moses, Yaakov’s descendant used similar language when addressing G’d in Numbers 10,35 and 10,36 with the words קומה ה’ ויפוצו אויביך..... שובה ה’ רבבות אלפי ישראל, “Arise Hashem and let Your foes be scattered;....Reside tranquilly, Hashem, among the myriad thousands of Israel.” Esau, on the other hand, who had spoken in a gross and haughty manner to his father will be paid back (to his descendants) as we know from Psalms 68,2 יקום אלוקים יפוצו אויביו, “when Elokim arises, His enemies scatter.” [The meaning of this strange sounding comparison seems to be that whereas when G’d deals with the descendants of Esau He employs the attribute of Justice, when He does so at the behest of the Jewish people there will not be a negative fallout for those who implored Him to take vengeance on His enemies, seeing not only the expression קומה is used by Moses, but he referred only to the attribute of Mercy, Hashem, being involved. Ed.]

Die Lüge Jaakobs Gen 27,19 er sei der Erstgeborene wird mit anderen "Notlügen" relativiert:

 

Birkat Asher on Torah, Genesis 27:19:3

 

אנכי, עשו בכור,  , “it is I; Esau is your firstborn.” There are some commentators who claim that Yaakov considered the situation as so critical for his future that he permitted himself the kind of lie his grandfather Avraham had used when he referred to his wife by saying that she was his sister. (Ibn Ezra) He had also used a similarly false statement before the binding of Yitzchok, when he told the accompanying lads that both he and Yitzchok would return to them from Mount Moriah, something which at that time was a lie, as he expected to slaughter Yitzchok. (Genesis 20,13) David in Samuel I 21,3 told the High Priest in the town of Nof that he was on a mission from his king, which was not true, as he was in the process of fleeing from him. The prophet Michayu told the king of Israel, Achav, in Kings I 22,15 who had asked him if his planned war to recapture Yavesh Gilad would be successful. He wished the king success, making it appear that his answer was in the affirmative, though he knew that Achav would not return alive from that battle, but would be killed. In Kings II 8,10 the prophet Elisha sent a message to King Ben Haddad of Aram who was ill that he would recover, when he knew full well that this was not so. He had told the messenger whom the king had sent to him the truth, however. An alternate exegesis of Yaakov’s words: “I am taking the place of Esau your firstborn.” He felt entitled to use this formulation as Esau had already sold him the birthright (48 years earlier).

 

Eine moderne jüdische Auslegung spricht hingegen klar von "Lüge": "Jaaqov .. erschleicht sich den Segen von Jizchaq , und er scheut auch nicht vor einer Lüge zurück (Gen 27,24)." In: Hanna Liss: Tanach. Lehrbuch der jüdischen Bibel, Heidelberg 2008, S. 42

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gen 27,31 zu Gen 27,19 Quell-URL: https://www.sefaria.org/Genesis.27.19?lang=bi&with=all&lang2=en Autor: [email protected]

Midrash Tanchuma, Toldot 11:3

 

How did he do that? When Esau caught a deer, he would tether it and then set out to catch another deer. In the meantime Satan would release the deer that had been caught and permit it to escape. When Esau returned, he was unable to find the deer. He repeated this a second and a third time. And thus it says: A slothful man shall not catch his prey (Prov. 12:27). He was forced to roam about for hours while Jacob received the blessings. Hence, Scripture states: And Jacob was yet scarce gone out from the presence of Isaac, his father, that Esau, his brother, came in from his hunting. When the wicked Esau entered, he called out to his father impudently: Let my father arise, and eat of his son’s venison (Gen. 27:31). It is of him that Scripture states: When the wicked cometh, there cometh also contempt (Prov. 18:3). The words Let my father arise sound as though he were issuing a decree. Jacob did not speak like that. He spoke gently, saying: Arise, I pray thee, sit and eat of my venison (Gen. 27:19).

 

 

 

Zohar 1:144a:2

 

"And he also had made savory food...Let my father arise" (Beresheet 27:31). His speech was impertinent, rough, and impolite. Come and behold the difference between Jacob and Esau. Jacob talked to his father humbly, with humility. It is written, "And he came to his father, and said, My father" (Ibid. 18). The difference between the language of Esau and Jacob is that Jacob did not want to frighten him. Thus, he spoke humbly, saying "arise, I pray you, sit and eat of my venison." Esau, however, said "Let my father arise," as if he was not speaking to him.

 

 

 

Pirkei DeRabbi Eliezer 32:15

 

קום נא שבה, “rise up please and sit.” Esau by contrast ordered his father to rise by saying: “may my father rise” (verse 32). He did not ask him to be seated. Bereshit Rabbah 65,18, addressing this difference between how the two sons spoke to their father, writes as follows: seeing that Yaakov had addressed his father with sensitivity and respect G’d returned the compliment in a similar manner when Moses, Yaakov’s descendant used similar language when addressing G’d in Numbers 10,35 and 10,36 with the words קומה ה’ ויפוצו אויביך..... שובה ה’ רבבות אלפי ישראל, “Arise Hashem and let Your foes be scattered;....Reside tranquilly, Hashem, among the myriad thousands of Israel.” Esau, on the other hand, who had spoken in a gross and haughty manner to his father will be paid back (to his descendants) as we know from Psalms 68,2 יקום אלוקים יפוצו אויביו, “when Elokim arises, His enemies scatter.” [The meaning of this strange sounding comparison seems to be that whereas when G’d deals with the descendants of Esau He employs the attribute of Justice, when He does so at the behest of the Jewish people there will not be a negative fallout for those who implored Him to take vengeance on His enemies, seeing not only the expression קומה is used by Moses, but he referred only to the attribute of Mercy, Hashem, being involved. Ed.]

 


 

 

 

Essaw der Erstgeborene, keine Lüge?

 

Birkat Asher on Torah, Genesis 27:19:3

 

אנכי, עשו בכור,  , “it is I; Esau is your firstborn.” There are some commentators who claim that Yaakov considered the situation as so critical for his future that he permitted himself the kind of lie his grandfather Avraham had used when he referred to his wife by saying that she was his sister. (Ibn Ezra) He had also used a similarly false statement before the binding of Yitzchok, when he told the accompanying lads that both he and Yitzchok would return to them from Mount Moriah, something which at that time was a lie, as he expected to slaughter Yitzchok. (Genesis 20,13) David in Samuel I 21,3 told the High Priest in the town of Nof that he was on a mission from his king, which was not true, as he was in the process of fleeing from him. The prophet Michayu told the king of Israel, Achav, in Kings I 22,15 who had asked him if his planned war to recapture Yavesh Gilad would be successful. He wished the king success, making it appear that his answer was in the affirmative, though he knew that Achav would not return alive from that battle, but would be killed. In Kings II 8,10 the prophet Elisha sent a message to King Ben Haddad of Aram who was ill that he would recover, when he knew full well that this was not so. He had told the messenger whom the king had sent to him the truth, however. An alternate exegesis of Yaakov’s words: “I am taking the place of Esau your firstborn.” He felt entitled to use this formulation as Esau had already sold him the birthright (48 years earlier).

 

 

 

https://www.sefaria.org/Genesis.27.31?lang=bi&with=all&lang2=en

 

eingesehen am 02.05.2020

 

 

Gen 27,32 - dein Sohn 

 


‎  וַיֹּ֥אמֶר ל֛וֹ יִצְחָ֥ק אָבִ֖יו מִי־אָ֑תָּה וַיֹּ֕אמֶר אֲנִ֛י בִּנְךָ֥ בְכֹֽרְךָ֖ עֵשָֽׂו׃ 

(Gen. 27:32 WTT)

 

mE:

Und es sprach zu ihm Jizchak sein Vater: Wer bist du? Und er sprach: Ich bin dein Sohn, dein Erstgeborener, Essaw.

 

Buber/Rosenzweig:

Jizchak sein Vater sprach zu ihm:

Wer bist du?

Er sprach:

Ich bin dein Sohn, dein Erstling, Essaw.

 

van Dyke:

‎  فَقَالَ لَهُ إِسْحَاقُ أَبُوهُ: «مَنْ أَنْتَ؟» فَقَالَ: «أَنَا ابْنُكَ بِكْرُكَ عِيسُو» .  (Gen. 27:32 AVD)

VOKABEL:

بكر  (bikr), pl.: أبكار   a) Erstgeborener; b) jungfräulich; als Verb:  بكر, u,: früh aufstehen!

 

BEOBACHTUNGEN:

Es ist nahezu die gleiche Frage wie in Gen 27,18: ‎ מִ֥י אַתָּ֖ה בְּנִֽי׃, LUT Wer bist du, mein Sohn? Buber/Rosenzweig: Welcher bist du, mein Sohn?

Gen 27,19 folgt die Antwort Jaakobs: ‎ אנֹכִי֙ עֵשָׂ֣ו בְּכֹרֶ֔ךָ  - ohne "Sohn". Buber/Rosenzweig: Ich, Essaw, dein Erstling.

Hier, Gen 27,32 lautet die Frage:  ‎  מִי־אָ֑תָּה - , Buber: Wer bist du?, und die Antwort: ‎  אֲנִ֛י בִּנְךָ֥ בְכֹֽרְךָ֖ עֵשָֽׂו Buber: Ich bin dein Sohn, dein Erstling, Essaw.

Fragen wie Antworten sind also keineswegs gleich. Da der Vater Jaakob gegenüber bereits "mein Sohn" gesagt hatte, erspart er ihm dies selber zu sagen - das gehört zu den Künsten der Hochstapler. Sie vermeiden es sehr wohl zu lügen, bestätigen vielmehr die vorgefasste Meinung. Beim zweiten Mal lässt der Vater es weg, Essaw nennt es. 

Den kleinen Unterschied in Gen 27,32 zu Gen 27,19 in der Antwort der Söhne beachten alle eingesehenen Übersetzungen - bis auf die neuere französische, BFC und LUT als auch die Reformationsbibel L17! Gleichlautend steht bei beiden an beiden Stellen: "Ich bin Esau, dein erstgeborener Sohn."

 

Köln-Merkenich, am Montag, den 4. Mai 2020

 


 

 

 

Gen 27,33 das Beben 

Jizchak fragt:

‎  וַיֶּחֱרַ֙ד יִצְחָ֣ק חֲרָדָה֘ גְּדֹלָ֣ה עַד־מְאֹד֒ וַיֹּ֡אמֶר מִֽי־אֵפ֡וֹא ה֣וּא הַצָּֽד־צַיִד֩ וַיָּ֙בֵא לִ֜י וָאֹכַ֥ל מִכֹּ֛ל בְּטֶ֥רֶם תָּב֖וֹא וָאֲבָרֲכֵ֑הוּ גַּם־בָּר֖וּךְ יִהְיֶֽה׃ 

(Gen. 27:33 WTT)

 

Mein Versuch:

Und es bebte Jizchak ein Beben bis zum Äußersten und er sprach: Wer ist denn er, einen Jagdfang jagend und brachte mir und ich aß von allem bevor du kamst und ich segnete ihn, sogar das gesegnet wurde, geschah.

 

Buber/Rosenzweig:

Jizchak erbebte, ein Beben übermächtig groß,

er sprach:

Wer also war der,

der Jagdfang erjagte und mir brachte, daß ich aß von allem, eh du kamst,

und gesegnet habe ich ihn!

gesegnet muß er nun bleiben!

 

van Dyke:

‎  فَارْتَعَدَ إِسْحَاقُ ارْتِعَادًا عَظِيمًا جِدًّا وَقَالَ: «فَمَنْ هُوَ الَّذِي اصْطَادَ صَيْدًا وَأَتَى بِهِ إِلَيَّ فَأَكَلْتُ مِنَ الْكُلِّ قَبْلَ أَنْ تَجِيءَ، وَبَارَكْتُهُ؟ نَعَمْ، وَيَكُونُ مُبَارَكًا» . 

  (Gen. 27:33 AVD)

VOKABELN:

Zu ‎ ارتعاد  habe ich nichts gefunden! 

صاد \\ صيد , i, im VIII. Stamm اصطاد: jagen, fangen, fischen

جىء  \\ جاء, u, kommen

 

BEOBACHTUNGEN:

A

Der Vers birgt zweimal eine sogenannte figura etymologica: wenn vom gleichen Wortstamm ein Verb und ein Substantiv gebildet wird - "einen Schlaf schlafen".

Die erste etymologische Figur bilden nach:

LXX ἐξέστη δὲ Ισαακ ἔκστασιν μεγάλην σφόδρα; - bei uns bekannt als Ekstase, wörtlich: außer sich sein; 

LXXD Isaak aber entsetzte sich in einem überaus großen Entsetzen;

ELB Da erschrak Isaak mit großem Schrecken;

van Dyke, B/R et moi.

Sonst wird sie aufgelöst:

VUL expavit Isaac stupore vehementi et ultra quam credi potest admirans;

KJV And Isaac trembled very exceedingly; 

NAS Then Isaac trembled violently; 

ESV Then Isaac trembled violently;

LSG  Isaac fut saisi d'une grande, d'une violente émotion - da verschwindet die Bewegung ins Wort:  "émotion" < lat. emovere: herausbewegen, emporwühlen;

BFC holt sie wieder hervor: Dans son émotion, Isaac se mit à trembler de tous ses membres;

LUT L17 SCH Da entsetzte sich Isaak über die Maßen sehr (SCH ohne "sehr");

EIN Da überkam Isaak ein heftiges Zittern;

ZUR Da begann Isaak vor Schrecken heftig zu beben - hier wird das Beben gedeutet, so auch hier:

DÄN Da blev Isak ude af sig selv af forfærdelse - "forfærdelse": Bestürzung;

NL Toen beefde Izak van grote en hevige schrik.

 

B

Der Schluss wirkt - auf mich jedenfalls - rätselhaft, in dieser Verbindung ‎  בָּר֖וּךְ יִהְיֶֽה einzig im AT. 

Was wird daraus?

LXX εὐλογημένος ἔστω;

LXXD gesegnet soll er sein. Die Orthodoxe Liturgie spricht hier von "gesegnet wird er sein". Das entspricht der Vulgata:

VUL erit benedictus; das scheint stilbildend geworden zu sein:

KJV NAS ESV he shall be blessed;

LSG sera-t-il béni.

Ungewöhnlich BFC elle (erg. la bénédiction) lui restera acquise.

LUT L17 SCH ELB ZUR Er wird auch gesegnet bleiben, ähnlich EIN, nur andere Reihenfolge;

NL gezegend zal hij zijn - also wie LXX;

DÄN ganz eigenständig: Nu har han fået velsignelsen! "Jetzt hat er den Segen bekommen!" - Da finde ich mich am ehesten wieder!

 

Köln-Merkenich, am Dienstag, den 5. Mai 2020

 


 

 

 

Gen 27,34 herzzerschneidend 

Essaws Schrei:

‎ כִּשְׁמֹ֤עַ עֵשָׂו֙ אֶת־דִּבְרֵ֣י אָבִ֔יו וַיִּצְעַ֣ק צְעָקָ֔ה גְּדֹלָ֥ה וּמָרָ֖ה עַד־מְאֹ֑ד וַיֹּ֣אמֶר לְאָבִ֔יו בָּרֲכֵ֥נִי גַם־אָ֖נִי אָבִֽי׃

 (Gen. 27:34 WTT)

mein Versuch: 

 

Als Essaw die Worte seines Vaters hörte und er ein Jammern jammerte, groß und bitter bis zum Äußersten, sprach er zu seinem Vater: Segne mich, auch  mich, mein Vater!

 

Buber/Rosenzweig:

Als Essaw die Rede seines Vaters hörte,

schrie er, einen Schrei, übermächtig groß und bitter,

und sprach zu seinem Vater:

Mich, auch mich segne, mein Vater!

 

van Dyke:

‎   فَعِنْدَمَا سَمِعَ عِيسُو كَلاَمَ أَبِيهِ صَرَخَ صَرْخَةً عَظِيمَةً وَمُرَّةً جِدًّا، وَقَالَ لأَبِيهِ: «بَارِكْنِي أَنَا أَيْضًا يَا أَبِي»  (Gen. 27:34 AVD)

Vokabeln:

عندما sobald, als, wenn

صرخ , u, schreien; das Nomen aus dem gleiche Stamm ist weiblich;

مر (murr) pl. أمرار   , bitter

 

BEOBACHTUNGEN:

A

Die etymologische Figur behalten bei: KJV NAS ESV: cried a cry, ELB schrie mit Geschrei, B/R, van Dyke et moi.

 

B

Wie wird מַר übersetzt?

LXX πικρὰν

LXXD gellen

VUL consternatus - bestürzt

KJV NAS ESV bitter

LSG pleins d'amertume - Bitterkeit

BFC amertume

LUT L17 SCH betrübt

EIN verbittert

ELB erbittert

ZUR bitter

NL bittere

DÄN hjerteskærende herzzerreißend - wörtlich: herzzerschneidend

 

C

Das Zweimalige "mich" übertragen außer B/R und van Dyke nur die Engländer KJV NAS ESV und die ELB (et moi).

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 6. Mai 2020

 


 

 

 

Gen 27,35 Jakob macht den Odysseus 

Jizchak beschreibt was geschah:

‎  וַיֹּ֕אמֶר בָּ֥א אָחִ֖יךָ בְּמִרְמָ֑ה וַיִּקַּ֖ח בִּרְכָתֶֽךָ׃

(Gen. 27:35 WTT)

 

mE: 

Und er sprach: Es kam dein Bruder mit Betrug und er nahm deinen Segen.

 

Buber/Rosenzweig:

Der sprach:

Mit Trug kam dein Bruder und hat deinen Segen genommen.

 

van Dyke:

‎  فَقَالَ: «قَدْ جَاءَ أَخُوكَ بِمَكْرٍ وَأَخَذَ بَرَكَتَكَ» . (Gen. 27:35 AVD)

Vokabeln:

‎جَاءَ  oder جىء ,u, kommen bringen

مكر List von:

مكر ,u, täuschen

 

BEOBACHTUNGEN:

So wird מִרְמָה übersetzt:

LXX μετὰ δόλου

LXXD mit List

VUL fraudulenter - betrügerisch

KJV with subtilty - Merriam-Webster sagt dazu: Ein Nomen von subtlety: scharfsinnig, raffiniert;

NAS ESV deceitfully

LSG avec ruse - Hinterlist

BFC umschreibt: et m'a trompé

LUT L17 EIN SCH mit List

ELB mit Betrug, so auch NL met bedrog und DÄN med svig

ZUR hinterlistig

Es zeigen sich zwei Gruppen - die eine betont den Betrug, die andere die List, jeweils angeführt von der Vulgata bzw. von der Septuaginta:

 Betrug | List
VUL NAS ESV BFC ELB B/R mE NL DÄN | LXX LXXD (KJV) LSG LUT L17 EIN SCH ZUR van Dyke

Bei "List" klingt Anerkennung mit s. Odysseus, bei "Betrug" die ablehnende Bewertung.

Die revidierte Moses Mendelssohn-Übertragung von Mirjam Boeckler, Berlin 2015, übersetzt mit "Hinterlist".

 

Köln-Merkenich, am Freitag, den 8. Mai 2020

 


 

 

 

Gen 27,36 Die Frage 

Essaw macht sich seinen Reim:

‎  וַיֹּ֡אמֶר הֲכִי֩ קָרָ֙א שְׁמ֜וֹ יַעֲקֹ֗ב וַֽיַּעְקְבֵ֙נִי֙ זֶ֣ה פַעֲמַ֔יִם אֶת־בְּכֹרָתִ֣י לָקָ֔ח וְהִנֵּ֥ה עַתָּ֖ה לָקַ֣ח בִּרְכָתִ֑י וַיֹּאמַ֕ר הֲלֹא־אָצַ֥לְתָּ לִּ֖י בְּרָכָֽה׃

(Gen. 27:36 WTT)

 

mein Versuch:

Und er sprach: Bestimmt! Ruft man seinen Namen darum Jaakob, Fersendrängler? Und mich verdrängelte er so zweimal: Mein Erstgeburtsrecht nahm er und siehe!, nun nahm er meinen Segen! Und er sprach: Du hast nicht bei Seite gelegt für mich einen Segen?

 

Buber/Rosenzweig:

Er sprach:

Rief man drum seinen Namen Jaakob, Fersenschleicher? beschlichen hat er mich nun schon zweimal:

genommen hat er einst mein Erstlingtum, und jetzt eben hat er noch meinen Segen genommen!

Und sprach:

Hast du mir nicht einen Segen aufgespart?

 

van Dyke:

‎  فَقَالَ: «أَلاَ إِنَّ اسْمَهُ دُعِيَ يَعْقُوبَ، فَقَدْ تَعَقَّبَنِي الآنَ مَرَّتَيْنِ! أَخَذَ بَكُورِيَّتِي، وَهُوَذَا الآنَ قَدْ أَخَذَ بَرَكَتِي» . ثُمَّ قَالَ: «أَمَا أَبْقَيْتَ لِي بَرَكَةً؟»  (Gen. 27:36 AVD)

Vokabeln:

PARTIKEL

الا ist nicht?, ja doch;

ان an + Verb: dass

ان in: wenn

ذا m, ذى f, أولاء pl:  dies, dieser, diese

ثم  dann

اما was betrifft....

NOMEN:

دعى pl. ادعياء  : Betrüger

بكورة  Erstgeburtsrecht

VERBEN

عقب  folgen, hier im II. Stamm: verfolgen; heißt aber auch  عقب , aqb, pl.  أعقاب : Ferse, Nachkommen; und عقب ,uqb, pl. أعقاب  : Ende, Ergebnis;

zu ‎  أَبْقَيْت  dazu fand ich nichts, nur das Nomen:  ابقاء   Erhaltung, Beibehaltung - könnte passen, oder? 

 

BEOBACHTUNGEN:

A

Das Sprachspiel mit dem Namen Jaakobs versuchen zu übertragen oder wenigstens verständlich zu machen:

van Dyke: "Ist nicht also sein Name 'Betrüger Ja'aakob, so dass er mich jetzt zweimal betrog? "ja'aakkabani"!

BFC: Il porte bien son nom de Jacob - ‹celui qui dupe› - , puisqu'il m'a dupé deux fois!

EIN: Hat man ihn nicht Jakob (Betrüger) genannt? Er hat mich jetzt schon zweimal betrogen;

sowie B/R und mE.

 

B

Ergreifend, wie die Übersetzer in Alexandria Esaus Frage einleiten und ihn dann fragen lassen:

LXX καὶ εἶπεν Ησαυ τῷ πατρὶ αὐτοῦ οὐχ ὑπελίπω μοι εὐλογίαν πάτερ

LXXD Und Esau sagte zu seinem Vater: Du hast mir doch einen Segen übrig gelassen, Vater?

 

Köln-Merkenich, am Samstag, den 9. Mai 2020

 

 

 

 

Gen 27,37 Jizchak ratlos 

 


Der Vater antwortet:

‎  וַיַּ֙עַן יִצְחָ֜ק וַיֹּ֣אמֶר לְעֵשָׂ֗ו הֵ֣ן גְּבִ֞יר שַׂמְתִּ֥יו לָךְ֙ וְאֶת־כָּל־אֶחָ֗יו נָתַ֤תִּי לוֹ֙ לַעֲבָדִ֔ים וְדָגָ֥ן וְתִירֹ֖שׁ סְמַכְתִּ֑יו וּלְכָ֣ה אֵפ֔וֹא מָ֥ה אֶֽעֱשֶׂ֖ה בְּנִֽי׃ 

(Gen. 27:37 WTT)

 

mE:

Und es antwortete Jizchak und sprach zu Essaw: Sieh! Zum Herrn habe ich ihn gesetzt für dich und alle seine Brüder gab ich ihm zu Sklaven und mit Korn und Most unterstützte ich ihn und für dich, nun, was mache ich, mein Sohn?

 

Buber/Rosenzweig:

Jizchak antwortete, er sprach zu Essaw:

Da, zum Herrn habe ich ihn ja über dich gesetzt,

all seine Brüder gab ich ihm zu Dienern,

mit Korn und Most habe ich ihn belehnt, -

dir, was also kann ich tun, mein Sohn?!

 

van Dyke:

‎  فَأَجَابَ إِسْحَاقُ وَقَالَ لِعِيسُو: «إِنِّي قَدْ جَعَلْتُهُ سَيِّدًا لَكَ، وَدَفَعْتُ إِلَيْهِ جَمِيعَ إِخْوَتِهِ عَبِيدًا، وَعَضَدْتُهُ بِحِنْطَةٍ وَخَمْرٍ. فَمَاذَا أَصْنَعُ إِلَيْكَ يَا ابْنِي؟»  (Gen. 27:37 AVD)

VOKABELN:

Verben:

جوب  bzw. جاب ,u, - ein ganz komisches Verb: In der Grundform heißt es "wandern" im III.  und IV. Stamm (hier): "antworten";

جعل - setzen, stellen, legen;

دفع , a -  stoßen, veranlassen, bezahlen (!);

عضد , u - helfen, unterstützen;

صنع , a - tun, machen

Nomen:

جنطة - Weizen;

خمر - Wein;

Partikel:

ان - siehe!

ماذا - was

 

BEOBACHTUNGEN:

A

Sonst wurde zuvor regelmäßig erzählt, "Jizchak, sein Vater", oder "Essaw, sein Sohn":  Das entfällt hier. Umso mehr Gewicht bekommt damit der Schluss der Frage Jizchaks!

Die LXX schreibt an dieser Stelle τέκνον, LXXD Kind. 

Nur zwei der eingesehenen Übersetzungen vermeiden diese Achterlast: 

VUL post haec fili mi ultra quid faciam

Die Boeckler/Mendelssohn-Übersetzung (1783/2015) nimmt die Ratlosigkeit an dieser Stelle heraus; da heißt es zum Schluss: "so geh hin, mein Sohn! Was soll ich tun?"

 

B

In der Septuaginta wurde der Plural im Segen für Jaakob - "Herr für deine Brüder" - Gen 27,29 offenbar als anstößig empfunden, Jakob hat doch nur einen Bruder. Es handelt sich also wohl um eine Formel. Hier haben die Übersetzer der jüdischen Gemeinde in Alexandria es durchgehen lassen:

LXX καὶ πάντας τοὺς ἀδελφοὺς αὐτοῦ ἐποίησα αὐτοῦ οἰκέτας  (Gen. 27:37 BGT)

LXXD dann habe ich alle seine Brüder zu seinen Haussklaven gemacht

 

Köln-Merkenich, am Montag, den 11. Mai 2020

 


 

 

 

Gen 27,38 Isaaks Schmerz 

‎  וַיֹּ֙אמֶר עֵשָׂ֜ו אֶל־אָבִ֗יו הַֽבְרָכָ֙ה אַחַ֤ת הִֽוא־לְךָ֙ אָבִ֔י בָּרֲכֵ֥נִי גַם־אָ֖נִי אָבִ֑י וַיִּשָּׂ֥א עֵשָׂ֛ו קֹל֖וֹ וַיֵּֽבְךְּ׃ 

(Gen. 27:38 WTT)

 

Mein Versuch:

Essaw sprach zu seinem Vater: Gibt es einen Segen, einen, bei dir, mein Vater? Segne mich, auch mich, mein Vater! Und er erhob seine Stimme und schluchzte.

 

Buber/Rosenzweig:

Essaw sprach zu seinem Vater:

Hast du nur den einen Segen, mein Vater?

mich, auch mich segne, mein Vater!

Essaw erhob seine Stimme und weinte.

 

van Dyke:

‎  فَقَالَ عِيسُو لأَبِيهِ: «أَلَكَ بَرَكَةٌ وَاحِدَةٌ فَقَطْ يَا أَبِي؟ بَارِكْنِي أَنَا أَيْضًا يَا أَبِي» . وَرَفَعَ عِيسُو صَوْتَهُ وَبَكَى.  (Gen. 27:38 AVD)

VOKABELN:

Partikel

ا - leitet eine Frage ein - genau wie das Hebräische הַֽ

فقط - nur

Verben

رفع - , a, heben, erheben

بكى - , i, weinen

 

BEOBACHTUNGEN:

Ganz außergewöhnlich ist die Septuaginta: Nachdem Essaw gesprochen hat heißt es:

κατανυχθέντος δὲ Ισαακ ἀνεβόησεν φωνὴν Ησαυ καὶ ἔκλαυσεν (Gen. 27:38 BGT)

Die Septuaginta-Deutsch, LXXD, übersetzt:

Als aber Isaak von Schmerz durchbohrt wurde, stieß Esau einen Schrei aus und weinte.

Das Verb κατανυχθέντος kommt von κατανύσσομαι und steht sonst z. B. im Zusammenhang mit "Augen ausstechen" (Liddell&Scott).

Die zweimalige Ansprache Essaws an seinen Vater - mit der Einleitung wird dreimal in diesem Vers vom "Vater" gesprochen - ist für die Übersetzer in Alexandria, so verstehe ich es, zwingend, dass das Isaak nicht ungerührt lassen kann. Essaws Schrei ist dann die Empathie für seinen Vater!

Köln-Merkenich, am Dienstag, den 12. Mai 2020

 

 

 

 

Gen 27,39 "von" - oder "fern von" 

 


Was Jizchak für seinen Erstgeborenen übrig hat:

‎  וַיַּ֛עַן יִצְחָ֥ק אָבִ֖יו וַיֹּ֣אמֶר אֵלָ֑יו הִנֵּ֞ה מִשְׁמַנֵּ֤י הָאָ֙רֶץ֙ יִהְיֶ֣ה מֽוֹשָׁבֶ֔ךָ וּמִטַּ֥ל הַשָּׁמַ֖יִם מֵעָֽל׃

(Gen. 27:39 WTT)

 

Mein Versuch:

Und Jizchak sein Vater antwortete und sprach zu ihm: Siehe! Von den fetten Feldern der Erde wird dein Lager sein und vom Tau der Himmel aus der Höhe

B

Und Jizchak sein Vater antwortete und sprach zu ihm: Siehe! Fern von den fetten Feldern der Erde wird dein Lager sein und fern vom Tau der Himmel aus der Höhe.

 

Buber/Rosenzweig:

Jizchak sein Vater antwortete, er sprach zu ihm:

Muß da von den Fetten der Erde

abseits dein Wohnsitz sein,

vom Tau des Himmels von oben,

 

van Dyke:

‎  فَأَجَابَ إِسْحَاقُ أَبُوهُ: «هُوَذَا بِلاَ دَسَمِ الأَرْضِ يَكُونُ مَسْكَنُكَ، وَبِلاَ نَدَى السَّمَاءِ مِنْ فَوْقُ.  (Gen. 27:39 AVD)

Verben

فَأَجَابَ- das ist wieder das merkwürdige Verb aus Vers 37: جوب  bzw. جاب ,u: In der Grundform heißt es "wandern" im III.  und IV. Stamm (hier): "antworten";

Partikel

بلا - ohne

فوق - oben

Nomen

دسم - Fett

مسكن , pl. مساكن - Wohnort

ندى , pl. انداء - Tau, Feuchtigkeit

 

BEOBACHTUNGEN:

Die Übersetzung von Buber/Rosenzweig überraschte mich sehr, nachdem ich meine Fassung A mit ihrer Hilfe kontrollierte. Das Wörterbuch wies mir tatsächlich aus, dass die hebräische Präposisition מִן min, nicht nur "von" bedeutet, sondern tatsächlich auch "fern von", "ohne", einer der Belege: Ps 109,24. 

Immerhin haben andere Übersetzungen es auch so gesehen wie die Variante A:

VUL in pinguedine terrae et in rore caeli desuper 40 erit benedictio tua

NL Zie, van de vruchtbare streken van de aarde zal je woongebied zijn, en van de dauw van de hemel van boven.

Und zwei jüdische Übersetzungen:

Moses Mendelssohn 1783/2015: So wird denn dein Wohnsitz sein, wo Fettigkeit der Erde ist undTau vom Himmel herab.

Zunz, 1848, die sogenannte Rabbinerbibel: Siehe, Fette der Erde sei dein Wohnsitz und vom Thau des Himmels von oben.

Buber/Rosenzweig und die meisten anderen haben allerdings diesmal die Septuaginta auf ihrer Seite. Sie ist zeitlich gesehen von allen anderen am nächsten dran, Septuaginta Deutsch: 

LXXD Siehe, weg von der Fettigkeit der Erde wird dein Siedlungsgebiet sein

und weg vom Tau des Himmels von oben;

Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 14. Mai 2020

 


 

 

 

Gen 27,40 

 


‎  וְעַל־חַרְבְּךָ֣ תִֽחְיֶ֔ה וְאֶת־אָחִ֖יךָ תַּעֲבֹ֑ד וְהָיָה֙ כַּאֲשֶׁ֣ר תָּרִ֔יד וּפָרַקְתָּ֥ עֻלּ֖וֹ מֵעַ֥ל צַוָּארֶֽךָ׃ 

(Gen. 27:40 WTT)

 

mein Versuch:

und durch dein Schwert wirst du leben und 

deinem Bruder wirst du dienen

und es wird sein, dass du herumirrst

und wegziehst sein Joch von deinem Nacken.

 

Buber/Rosenzweig:

mußt von deinem Schwerte du leben,

mußt deinem Bruder du dienen, -

es wird geschehn:

sowie du dich schüttelst,

zerrst du sein Joch dir vom Nacken.

 

van Dyke:

‎  وَبِسَيْفِكَ تَعِيشُ، وَلأَخِيكَ تُسْتَعْبَدُ، وَلكِنْ يَكُونُ حِينَمَا تَجْمَحُ أَنَّكَ تُكَسِّرُ نِيرَهُ عَنْ عُنُقِكَ» . 

  (Gen. 27:40 AVD)

Vokabeln:

Nomen:

سيف - saif, pl.   سيوف sujuf, Schwert aber auch  سيف - sif, pl.   اسياف, Ufer, Rand;

نير - pl. نيران  oder أنيار , anjar, Joch UND auch: Zahnfleisch!

عنق - pl.  أعناق Hals, Nacken;

Verben:

عبد - anbeten, verehren, hier X. Stamm versklaven;

جمح , a - widerspenstig sein; bei Pferden: durchgehen;

كسر , i, - zerbrechen, aufbrechen;

Partikel:

حينما - während, als;

أن - + Pronomen: dass.

 

BEOBACHTUNGEN

Das hebräische רוד Verb taucht in der ganzen Bibel nur viermal auf: Ps 55,3; Jer 2,31, Hos 12,1 und hier. Entsprechend unklar ist seine Bedeutung und vielfältig sind die Übersetzungen:

Die Freunde in Alexandria lasen darin: LXX καθέλῃς von καθαιρέω, wörtlich: herunterreißen, LXXD: ...wenn du ihn überwältigst...;

VUL Hieronymus liest excutias - von excutio, abschütteln;

KJV when thou shalt have the dominion;

NAS when you became restless; 

LSG Mais en errant librement çà et là;

BFC spricht direkt die Sache an: Mais tu te libéreras;

LUT, L17 genauso wie Jörg Zink lassen diesen Part einfach aus;

EIN Doch hältst du durch;

ELB wenn du dich losmachst;

SCH wenn du dich befreien kannst;

ZUR wenn du dich losreisst;

NL als je tot macht komt;

DÄN  du rive dig løs; die Ausgabe von 1983 hat: når du samler din kraft;

van Dyke: du widerspenstig bist!

Böckler/Mendelssohn: Doch, wenn du genug gelitten...

ZUNZ: wenn du dich ausbreitest.

 

Köln-Merkenich, am Freitag, den 15. Mai 2020

 


 

 

 

Gen 27,41 

Hier ziehen dicke Wolken auf:

‎וַיִּשְׂטֹ֤ם עֵשָׂו֙ אֶֽת־יַעֲקֹ֔ב עַל־הַ֙בְּרָכָ֔ה אֲשֶׁ֥ר בֵּרֲכ֖וֹ אָבִ֑יו וַיֹּ֙אמֶר עֵשָׂ֜ו בְּלִבּ֗וֹ יִקְרְבוּ֙ יְמֵי֙ אֵ֣בֶל אָבִ֔י וְאַֽהַרְגָ֖ה אֶת־יַעֲקֹ֥ב אָחִֽי׃

(Gen. 27:41 WTT)

 

mE:

Essaw grollte gegen Jakob über den Segen mit dem sein Vater ihn gesegnete hatte und Essaw sprach in seinem Herzen: Die Tage der Trauer um meinen Vater kommen näher, auf! dann töte ich Jaakob meinen Bruder!

 

Buber/Rosenzweig:

Essaw befehdete Jaakob um des Segens willen, mit dem sein Vater ihn gesegnet hatte.

Essaw sprach in seinem Herzen:

Die Tage der Trauer um meinen Vater nahn,

dann erwürge ich meinen Bruder Jaakob.

 

van Dyke:

‎  فَحَقَدَ عِيسُو عَلَى يَعْقُوبَ مِنْ أَجْلِ الْبَرَكَةِ الَّتِي بَارَكَهُ بِهَا أَبُوهُ. وَقَالَ عِيسُو فِي قَلْبِهِ: «قَرُبَتْ أَيَّامُ مَنَاحَةِ أَبِي، فَأَقْتُلُ يَعْقُوبَ أَخِي» .  (Gen. 27:41 AVD)

Vokabeln:

VERBEN

حقد , i - hassen

قتل , u - töten

NOMEN

حقد - Hass

‎مَنَاحَة  - dazu fand ich nur منحى , manachan, pl.  مناح , manachin: Ziel, Zweck? Stimmt das?

PARTIKEL

من أجل - wegen, um willen

به ، بهل - mit ihm, mit ihr

 

BEOBACHTUNGEN

In der LXX spricht Essaw ἐν τῇ διανοίᾳ, LXXD: "in Gedanken".

In allen alttestamentlichen Stellen die davon sprechen, dass jemand in seinem Herzen spricht, Gott z. B. in  Gen 8,21, Gen 17,21 Abraham etc. vermeidet die LXX konsequent das Wort, dass man hier am ehesten erwartet, eine Form von καρδία, Herz; stattdessen steht wie hier eine Form von "Gedanken", διάνοια.

Der griechische Arzt GALEN, der Leibarzt Marc Aurels, fasst die Auffassungen über die menschlichen Organe so zusammen:  "«daß auch alle Menschen der Überzeugung sind, daß der denkende Teil im Gehirn seinen Sitz hat, der mutartige und gemütartige im H., der begehrliche in der Leber, das kann man alle Tage erfahren, wenn man die Leute zu einem unverständigen Menschen sagen hört, daß er kein Gehirn hat, zu einem furchtsamen und feigen, daß er kein H. habe ...»." [Historisches Wörterbuch der Philosophie: Artikel: Herz, S. 10728, = HWPh Bd. 3, S. 1103f]. Das ist ganz gut umschrieben, warum man sich in Alexandria nicht lächerlich machen wollte, wenn Essaws Gehirn im Herzen denkt. 

Komischerweise hat Hieronymus damit hier keine Schwierigkeiten; das spricht dafür, dass er sich doch recht gut ins Hebräische hineingedacht hatte; in Gen 8,21 mutete er dies Gott allerdings nicht zu, da spricht Gott nur zu sich selbst!

Die eingesehenen Übersetzungen gehen hier in zwei Gruppen auseinander: Die Herzensprecher und die zu-sich-selbst-Redner: Zu den letzteren gehören: NAS, ESV, ZUR, ZINK, Bibel in gerechter Sprache BiG, DÄN neu; DÄN alt hat nur " tænkte" - "dachte". Die EIN hat weder das eine noch das andere, da spricht Essaw!

 

Köln-Merkenich, am 16 Mai 2020

 

P.S.: Noch ein Nachwort: Das Ganze ist nicht frei von Absurdität: Der Segen, der eigentlich zum Heil ist, so ja ganz deutlich Gen 12, wird zum Unheil, das zum einen. Die jüdische Tradition unterscheidet den Segen, den der Vater z. B. all seinen Söhnen spendet, vgl. Gen 49, vom Segen, der regelt, wer für den Clan die alleinige Verantwortung trägt. Das entschärft die Thematik etwas, die Abgründigkeit bleibt. Die biblischen Autoren sind so klarsichtig, dass sie diese Dimension - und ihre schließliche Überwindung - hier aufdecken. Das erinnert mich an den Spruch: Religion hilft Probleme zu lösen, die wir ohne sie nicht hätten. Vermutlich aber dann andere.

Zum anderen: Die Aggression Essaws richtet sich gegen den, gegen den er sich traut, sie zu richten: Nicht gegen seinen Vater - und ausgeheckt hat das ganze Drama seine Mutter! -, sondern gegen seinen Bruder. Diese umgelenkten Konfliktverläufe erlebe ich oft.

Zum dritten: Esau schont seinen Vater, nimmt auf ihn Rücksicht solange er noch lebt, und füttert zugleich seinen Hass. Ist das Liebe zu seinem Vater? Das Aufteilen der Liebe - sie gilt dem einen und dem anderen nicht - ist zugleich ihr Tod. 

 

 

 

 

Gen 27,42 Seelentrost 

Ribka ergreift erneut die Initiative:

‎  וַיֻּגַּ֣ד לְרִבְקָ֔ה אֶת־דִּבְרֵ֥י עֵשָׂ֖ו בְּנָ֣הּ הַגָּדֹ֑ל וַתִּשְׁלַ֞ח וַתִּקְרָ֤א לְיַעֲקֹב֙ בְּנָ֣הּ הַקָּטָ֔ן וַתֹּ֣אמֶר אֵלָ֔יו הִנֵּה֙ עֵשָׂ֣ו אָחִ֔יךָ מִתְנַחֵ֥ם לְךָ֖ לְהָרְגֶֽךָ׃ 

(Gen. 27:42 WTT)

 

mE:

Ribkah wurden die Worte Essaws ihres großen Sohnes berichtet und sie schickte aus und rief nach Jaakob ihrem kleinen Sohn und sprach zu ihm: Siehe! Essaw dein Bruder tröstet sich selbst wegen dir darin, dich zu töten.

 

Buber/Rosenzweig:

Gemeldet wurden Ribka die Reden Essaws, ihres ältern Sohns.

Sie schickte und ließ Jaakob, ihren jüngern Sohn, rufen

und sprach zu ihm:

Merk, dein Bruder Essaw vertröstet sich deinethalb, dich zu erwürgen.

 

van Dyke:

‎ فَأُخْبِرَتْ رِفْقَةُ بِكَلاَمِ عِيسُوَ ابْنِهَا الأَكْبَرِ، فَأَرْسَلَتْ وَدَعَتْ يَعْقُوبَ ابْنَهَا الأَصْغَرَ وَقَالَتْ لَهُ: «هُوَذَا عِيسُو أَخُوكَ مُتَسَلّ مِنْ جِهَتِكَ بِأَنَّهُ يَقْتُلُكَ.  (Gen. 27:42 AVD)

VOKABELN

خبر , u - erproben, erleben, erfahren, im II. und hier IV. Stamm: benachrichtigen;

رسل ,a - ein super interessantes Wort: (Haar) herabhängen, III. Stamm: korrespondieren (!) und hier IV. Stamm: schicken, senden!! - das NOMEN   رسل , risl, bedeutet: Mäßigung!

دَعَت: Keine Ahnung, wie das Verb dafür aussieht, fand nur das NOMEN: دعاء , pl. أدعية Ruf Gebet;

‎  مُتَسَلّ مِنْ : Hier tapse ich auch im Dunkeln: Ich fand wohl das Verb  سلا , u oder سلو  oder سلى - vergessen, II. Stamm trösten; und das NOMEN: تسلية Tröstung;

‎  جِهَتِكَ : Nichts rechtes gefunden, möglicherweise von جهة , hier pl.: Seite -? - "deiner Seite"?

بان , damit, dass;

قتل , u - töten.

 

BEOBACHTUNGEN:

Das Verb + Präposition mit Suffix 2. sg. ‎  מִתְנַחֵ֥ם לְךָ֖ (Gen. 27:42 WTT) erscheint unvermittelt. In Gen 24,67 tröstet sich Jizchak mit seiner jungen Frau Ribka über den Tod seiner Mutter in ihrem Zelt (!).

Unter den Übersetzungen habe ich drei Gruppen gefunden:

A Die sich am hebräischen Original orientieren und einen Ausdruck des Trostes verwenden;

B die von Rache oder Drohen sprechen und

C Eigenschöpferisches:


Köln-Merkenich, am Dienstag, den 19. Mai 2020

 


 

 

 

Gen 27,43 

Gandhi hätte vielleicht widersprochen, Fliehen hält er für ungeeignet, Fliehen macht der Gewalt Platz. Aber wenn man selbst der Urheber des Streits ist? 

‎וְעַתָּה בְנִי שְׁמַע בְּקֹלִי וְקוּם בְּרַח־לְךָ אֶל־לָבָן אָחִי חָרָנָה׃

(Gen. 27:43 WTT)

 

mE:

Und nun mein Sohn hör auf meine Stimme: Steh auf! Fliehe für dich zu Laban meinem Bruder nach Haran!

 

Buber/Rosenzweig:

Jetzt also, mein Sohn, höre auf meine Stimme:

mach dich auf und entweiche, vor dich hin, zu Laban meinem Bruder nach Charan,

 

van Dyke:

‎فَالآنَ يَا ابْنِي اسْمَعْ لِقَوْلِي، وَقُمِ اهْرُبْ إِلَى أَخِي لاَبَانَ إِلَى حَارَانَ (Gen. 27:43 AVD)

Vokabel:

قوم  oder قام , u - aufstehen;

حرب , u - fliehen.

 

BEOBACHTUNGEN:

Keine der eingesehenen Übersetzungen außer Buber/Rosenzweig et moi haben die dem Verb "fliehen" nachgestellte Präposition + 2. Pers. sg., ‎לְךָ, übersetzt.

Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 20. Mai 2020

 

 

 

 

Gen 27,44 

Ribka rät:

‎וְיָשַׁבְתָּ עִמּוֹ יָמִים אֲחָדִים עַד אֲשֶׁר־תָּשׁוּב חֲמַת אָחִיךָ׃

(Gen. 27:44 WTT)

 

Mein Versuch:

und bei ihm lässt du dich etliche Tage nieder bis sich die Hitze deines Bruders gewendet hat

 

Buber/Rosenzweig:

und sitze bei ihm etliche Tage, bis die Glut deines Bruders sich abkehrt,

 

van Dyke:

‎وَأَقِمْ عِنْدَهُ أَيَّامًا قَلِيلَةً حَتَّى يَرْتَدَّ سُخْطَ أَخِيكَ. (Gen. 27:44 AVD)

VOKABELN:

قوم oder قام  - aufstehen, im IV. Stamm aufstellen, festsetzen

سخط , a - zürnen - als Nomen:  سخط , suchut, Groll

Zum Verb ‎يَرْتَدَّ  habe ich in meinen Wörterbüchern nichts gefunden! Stamm scheint  رتد zu sein.

 

BEOBACHTUNGEN:

A

Das hebräische Verb meint שׁוב zunächst zurückkehren, umkehren, umwenden.

Einen Moment der Drehung haben beibehalten:

LXX ἀποστρέψαι

LXXD abgewendet

KJV (NAS ESV) turn(s) away

ELB sich wendet

BiG von dir abwendet

Böckler/Mendelssohn abgewendet hat

B/R et moi

und vermutlich van Dyke; Onkel Google gab für ‎يَرْتَدَّ "zurückfallen" aus, allerdings ohne weitere Erläuterungen...

Andere schreiben:

LSG s'apaise

BFC se calme

LUT L17 ZUR (SCH EIN Mendelssohn Zunz) sich legt (gelegt hat)

NL bedaard (beruhigt?)

 

DÄN '92 ('83) lagt (lægger) sig

B

Gespannt war ich darauf zu sehen, wie חֵמָה, hier im constructus ‎חֲמַת, übersetzt wird:

LXX θυμὸν

LXXD Hitzigkeit

VUL furor

KJV NRS ESV fury

LSG la fureur

BFC hat hier nichts!

LUT L17 ELB SCH ZUR Zunz Grimm

EIN Groll

NL woede

DÄN 1992 vrede (Zorn)

DÄN 1983 harme (Entrüstung)

Mendelssohn B/R mE Hitze

BiG ZINK Böckler/Mendelssohn Zorn

 

Köln-Merkenich, am 22. Mai 2020

 

 

 

 

Gen 27,45 

Wie Täter - Täterinnen - glauben auch darüber Macht zu haben, wie's den Opfern ergehen wird; Ribka rät:

‎ עַד־שׁ֙וּב אַף־אָחִ֜יךָ מִמְּךָ֗ וְשָׁכַח֙ אֵ֣ת אֲשֶׁר־עָשִׂ֣יתָ לּ֔וֹ וְשָׁלַחְתִּ֖י וּלְקַחְתִּ֣יךָ מִשָּׁ֑ם לָמָ֥ה אֶשְׁכַּ֛ל גַּם־שְׁנֵיכֶ֖ם י֥וֹם אֶחָֽד׃ 

  (Gen. 27:45 WTT)

 

mE:

bis sich abwendet der Zorn deines Bruders von dir und er vergisst, was du ihm angetan hast; dann schicke ich und empfange dich von dort. Für was soll ich kinderlos werden, von Zweien an einem Tag?

 

Buber/Rosenzweig:

bis der Zorn deines Bruders sich von dir abgekehrt hat und er vergessen hat, was du ihm tatest,

dann schicke ich und lasse dich von dort nehmen, -

warum soll ich euer beider zumal verwaisen an Einem Tag!

 

van Dyke:

‎  حَتَّى يَرْتَدَّ غَضَبُ أَخِيكَ عَنْكَ، وَيَنْسَى مَا صَنَعْتَ بِهِ. ثُمَّ أُرْسِلُ فَآخُذُكَ مِنْ هُنَاكَ. لِمَاذَا أُعْدَمُ اثْنَيْكُمَا فِي يَوْمٍ وَاحِدٍ؟» . (Gen. 27:45 AVD)

VOKABELN

رتد - retournieren

غضب , a - zornig sein // Zorn

غضب , Gadin - zornig

صنع ,a - tun machen

عدم ,a - ermangeln, vermissen

 

BEOBACHTUNGEN

A

Das Verb  שׁוב taucht hier ein zweites Mal auf. An dieser Stelle haben die meisten Übersetzungen das Motiv einer Bewegung bewahrt, z. B. L17: "von dir wendet". Böckler/Mendelssohn verschleifen beide Verse zu einem und geben nur einmal diese Wendung wieder: "sich von dir abgewendet hat"; Mendelssohn selbst hat den Paralellismus membrorum beibehalten, allerdings mit zwei verschiedenen Verben: gelegt hat/abgewendet.

 

B

ZUNZ in der sogenannten Rabbinerbibel sehr schön: "Warum soll ich beraubt werden euer Beider zumal an einem Tage?" Haben Buber/Rosenzweig mit der Rabbinerbibel gearbeitet?!

 

C

Beim Stichwort ‎  אַף, LXX ὀργή, LXXD Zorn gehen bei den Liebhabern der Antike alle roten Lampen an: Der Zorn des Achilleus - so beginnt die Ilias: Wenn nach erlittenem Unrecht die spontane Rachgier zum Habitus wird, zum Zorn, kann er nicht vergessen werden. Ist es wirklich ausgeschlossen, dass die Autoren dieser Jakob-Esau-Novelle die Ilias nicht gekannt haben, zumal sich Jakob am Ende vor der Wiederbegegnung mit Esau wie ein Feldherr aufführt, Gen 32,8b.9?

 

Köln-Merkenich, am Samstag, den 23. Mai 2020

 

 

 

 

 

 

Gen 27,46 

Ribka bleibt aktiv:

‎  וַתֹּ֤אמֶר רִבְקָה֙ אֶל־יִצְחָ֔ק קַ֣צְתִּי בְחַיַּ֔י מִפְּנֵ֖י בְּנ֣וֹת חֵ֑ת אִם־לֹקֵ֣חַ יַ֠עֲקֹב אִשָּׁ֙ה מִבְּנֽוֹת־חֵ֤ת כָּאֵ֙לֶּה֙ מִבְּנ֣וֹת הָאָ֔רֶץ לָ֥מָּה לִּ֖י חַיִּֽים׃

(Gen. 27:46 WTT)

 

mE:

Und Ribkah sprach zu Jizchak: Mich ekelt mein Leben im Angesicht der Töchter Chets, wenn Jaakob nimmt zur Frau von den Töchtern Chets wie diese von den Töchtern des Landes, was ist das für mich, Leben?

 

Buber/Rosenzweig:

Zu Jizchak aber sprach Ribka:

Es widert mich meines Lebens vor den Töchtern Chets,

nimmt Jaakob sich ein Weib von den Töchtern Chets, wie diese da, von den Töchtern des Lands,

wozu mir dann das Leben!

 

van Dyke:

‎  وَقَالَتْ رِفْقَةُ لإِسْحَاقَ: «مَلِلْتُ حَيَاتِي مِنْ أَجْلِ بَنَاتِ حِثَّ. إِنْ كَانَ يَعْقُوبُ يَأْخُذُ زَوْجَةً مِنْ بَنَاتِ حِثَّ مِثْلَ هؤُلاَءِ مِنْ بَنَاتِ الأَرْضِ، فَلِمَاذَا لِي حَيَاةٌ؟» .  (Gen. 27:46 AVD)

VOKABLEN

ملل - Langeweile, Verdruss; vermutlich so auch das Verb  ملل ?

حياة - Leben;

من اجل - wegen;

مثل - wie; genauso das Verb  مثل - stehen, erscheinen UND ähneln, gleichen!

‎هؤُلاَء  - HILFE! DAMIT KOMME ICH NICHT ZURECHT!

 

BEOBACHTUNGEN:

Das hebräische Verb קוץ ist ein starker Ausdruck der Abneigung. Wie wird dies übertragen?

LXX προσώχθικα < προσοχθίζω unwillig sein, zürnen;

LXXD umschreibt:  Ich bin meines Lebens nicht mehr froh;

VUL taedet < taedet, taederi, taeduit, taesus sum, ekeln;

KJV weary

NAS tired

ESV loathe

LSG (BFC) Je suis dégoûtée de la vie;

LUT L17 ZINK verdrießt

EIN BiG ekelt

ELB überdrüssig

SCH verleidet

ZUR Mendelssohn B/M zuwider

ZUNZ Mich widert vor meinem Leben

NL Ik heb een afkeer van mijn leven - Abneigung

DÄN Jeg er led ved livet - Ich bin des Lebens leid.

Köln-Merkenich, am Montag, den 25. Mai 2020

 


 

 

 

Gen 28,1 

Jizchak segnet und betreibt Heiratspolitik:

‎וַיִּקְרָ֥א יִצְחָ֛ק אֶֽל־יַעֲקֹ֖ב וַיְבָ֣רֶךְ אֹת֑וֹ וַיְצַוֵּ֙הוּ֙ וַיֹּ֣אמֶר ל֔וֹ לֹֽא־תִקַּ֥ח אִשָּׁ֖ה מִבְּנ֥וֹת כְּנָֽעַן׃ 

  (Gen. 28:1 WTT)

 

mE:

Jizchak rief nach Jaakob und segnete ihn und befahl ihm und sprach zu ihm: Nicht nimmst du eine Frau von den Töchtern Kanaans.

 

Buber/Rosenzweig:

Jizchak ließ Jaakob rufen,

er segnete ihn, er gebot ihm und sprach zu ihm:

Du sollst nicht ein Weib von den Töchtern Kanaans nehmen,

 

van Dyke:

‎  فَدَعَا إِسْحَاقُ يَعْقُوبَ وَبَارَكَهُ، وَأَوْصَاهُ وَقَالَ لَهُ: «لاَ تَأْخُذْ زَوْجَةً مِنْ بَنَاتِ كَنْعَانَ.  (Gen. 28:1 AVD)

VOKABELN:

دعو oder دعا , u - rufen, einladen

وصى - II. und wie hier IV. Stamm: empfehlen, beauftragen - mit ه = jemandem; mit ب = etwas.

 

BEOBACHTUNGEN

A

Mendelssohn, B/M verwandeln das Verb plus Suffix 3. Pers. sg. ‎  וַיְצַוֵּ֙הוּ֙ von צוה "befehlen, anordnen" in eine Nominalwendung im Plural: "gab ihm seine Befehle", BiG ähnlich im Singular: "gab ihm Anweisung".

 

Die Wendung "Töchter Kanaans" wird nicht übernommen von:

VUL de genere Chanaan 

ESV Canaanite women

EIN Kanaaniterin ZUR BiG Kanaaniterinnen

DÄN 92  kana'anæisk kvinde

 

C

Die Heiratspolitik erinnert an die Nachexilische Regel Neh 10,31 "Wr wollen unsere Töchter nicht den Völkern des Landes geben noch ihre Töchter für unsere Söhne nehmen." Vgl. Esra 9,2ff - Trennung von "fremden Frauen" samt Kinder. 

 

Köln-Merkenich, am Dienstag, den 26. Mai 2020

 


 

 

 

Gen 28,2 

Das Patriarchat macht sich bemerkbar, Jizchak weist an:

‎  ק֥וּם לֵךְ֙ פַּדֶּ֣נָֽה אֲרָ֔ם בֵּ֥יתָה בְתוּאֵ֖ל אֲבִ֣י אִמֶּ֑ךָ וְקַח־לְךָ֤ מִשָּׁם֙ אִשָּׁ֔ה מִבְּנ֥וֹת לָבָ֖ן אֲחִ֥י אִמֶּֽךָ׃

(Gen. 28:2 WTT)

 

mE:

Steh auf! Geh nach Paddän-Aram zum Haus Betuels, des Vaters deiner Mutter und nimm dir von dort eine Frau von den Töchtern Labans, des Bruders deiner Mutter!

 

Buber/Rosenzweig:

mach dich auf, geh nach der Aramäerflur zum Haus Btuels, des Vaters deiner Mutter,

und nimm dir von dort ein Weib von den Töchtern Labans, des Bruders deiner Mutter.

 

van Dyke:

‎  قُمِ اذْهَبْ إِلَى فَدَّانَِ أَرَامَ، إِلَى بَيْتِ بَتُوئِيلَ أَبِي أُمِّكَ، وَخُذْ لِنَفْسِكَ زَوْجَةً مِنْ هُنَاكَ، مِنْ بَنَاتِ لاَبَانَ أَخِي أُمِّكَ. AVD (Gen. 28:2 AVD)

VOKABELN:

قوم  oder قام ,u - aufstehen - wie in Vers 27,43;

ذهب , a - gehen; 

NB: das gleiche Wort als Nomen: Gold!

أخذ , u - nehmen;

نفس nafs, نفوس pl.  nufus, Seele, Geist, Person.

 

BEOBACHTUNGEN

A

Überraschenderweise steht in der LXX das gleiche Verb wie beim Befehl von Ribka für Jaakob 27,43: ἀπόδραθι <  ἀποδιδράσκω fliehen! Damit entfällt die Nuance zwischen den Anweisungen der Mutter und des Vaters.

 

B

Das Patriarchat lässt sich gut am Eherecht und an Heiratsgebräuchen festmachen: Im Hebräischen heißt es ‎  וְקַח־לְךָ֤ מִשָּׁם֙ אִשָּׁ֔ה wörtlich"und nimm für dich von dort eine Frau".

Diese Härte, die besonders in dem "für dich" aufscheint, erweichen:

LSG prends-y

BFC Èpouse und

BiG heirate - diese drei als ohne die Wendung "für dich".

Interessant wie van Dyke es übersetzt:  ‎ ‎ وَخُذ لِنَفْسِكَ زَوْجَةً مِنْ   wörtlich: "und nimm für deine Seele eine Ehefrau", einfach "für dich" schien ihm wohl zu grob - oder ist das ein Idiom?

 

C

Den Ortsnamen ‎ פַּדַּן אֲרָם übertragen nur Buber/Rosenzweig in der (vermuteten) wörtlichen Bedeutung "Flur" oder "Garten" der Aramäer. Wer den Ortsnamen nicht wörtlich wiederholt schreibt "Mesopotamien", wie schon die LXX, dem schließen sich LUT und ZINK an. L17 hat das wieder korrigiert. In der VUL heißt es "syrische Mesopotamien" ähnlich BiG "aramäische Mesopotamien"; BFC: Haute-Mesopotamien.

 

D

"Bruder deiner Mutter"?: Das schien Hieronymus offensichtlich zu doof: Das ist doch der Onkel! Die abermalige Nennung  von "deiner Mutter" entfällt hier bei ihm, es heißt kurz avunculi tui: "dein Onkel" - früher genauer "Oheim".

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 27. Mai 2020

 


 

 

 

Gen 28,3 

 


‎  וְאֵ֤ל שַׁדַּי֙ יְבָרֵ֣ךְ אֹֽתְךָ֔ וְיַפְרְךָ֖ וְיַרְבֶּ֑ךָ וְהָיִ֖יתָ לִקְהַ֥ל עַמִּֽים

(Gen. 28:3 WTT)

 

mE: 

Und Gott Schaddai segne dich und mache dich fruchtbar und zahlreich und du wirst eine Völkerschar.

 

Buber/Rosenzweig:

Der Gewaltige Gott segne dich,

er lasse dich fruchttragen und mehre dich,

daß du werdest eine Versammlung von Völkern,

 

van Dyke:

‎  وَاللهُ الْقَدِيرُ يُبَارِكُكَ، وَيَجْعَلُكَ مُثْمِرًا، وَيُكَثِّرُكَ فَتَكُونُ جُمْهُورًا مِنَ الشُّعُوبِ.  (Gen. 28:3 AVD)

VOKABELN:

قدير - mächtig; als Verb:

قدر , i - können, vermögen;

جعل , a - setzen, legen, machen;

فثمر - fruchtbar;

شعب - verzweigen, als NOMEN:

شعب pl. شعوب   schuuub - Volk, Volksstamm;

جمهور , djumhur pl. جماهير  djamahir - Volksmenge, NB:   جمهورية djumhuriya Republik! 

 

BEOBACHTUNGEN:

Die Gottesbezeichnung  אֵ֤ל שַׁדַּי wird von den westeuropäischen Sprachen mit "allmächtige Gott" (LUT L17 B/M M) bzw. "Gott, der Allmächtige" (EIN ELB SCH ZUNZ NL D92; God Almighty KJV NAS ESV; Dieu tout-puissant LSG BFC) wiedergegeben. Sie folgen dabei der VUL: Deus omnipotens. ZUR: El-Schaddai.

 

Diese scheinbare Selbstverständlichkeit wird durch die Septuaginta gestört: An allen Stellen, an denen in den Fünf Büchern Mose die Wendung אֵ֤ל שַׁדַּי vorkommt steht immer "Gott" + Personalpronomen! (Gen 17,1; Gen 28,3; Gen 35,11; Gen 43,14; Gen 48,3; Ex 6,3) Hier: ὁ δὲ θεός μου, LXXD:  Mein Gott. Anders nur in Hiob 8,5 und Hi 15,25, dort wird mit παντοκράτωρ, Allmächtige, übersetzt.

Die Septuaginta drückt damit eine Nähe Gottes aus, keine universalistische Größe! (Vgl. ThWbAT 7,1103)

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 28. Mai 2020

 

 

 

 

Gen 28,4 

 


‎  וְיִֽתֶּן־לְךָ֙ אֶת־בִּרְכַּ֣ת אַבְרָהָ֔ם לְךָ֖ וּלְזַרְעֲךָ֣ אִתָּ֑ךְ לְרִשְׁתְּךָ֙ אֶת־אֶ֣רֶץ מְגֻרֶ֔יךָ אֲשֶׁר־נָתַ֥ן אֱלֹהִ֖ים לְאַבְרָהָֽם׃

(Gen. 28:4 WTT)

 

mE: und er möge dir geben den Segen Abrahams für dich und deinen Samen mit dir, damit du in Besitz nimmst das Land deiner Rastplätze, die Gott Abraham gab.

 

Buber/Rosenzweig:

er gebe dir den Segen Abrahams,

dir und deinem Samen mit dir,

daß du das Land deiner Gastschaft ererbest,

das Gott Abraham gab.

 

van Dyke:

‎  وَيُعْطِيكَ بَرَكَةَ إِبْرَاهِيمَ لَكَ وَلِنَسْلِكَ مَعَكَ، لِتَرِثَ أَرْضَ غُرْبَتِكَ الَّتِي أَعْطَاهَا اللهُ لإِبْرَاهِيمَ» .  (Gen. 28:4 AVD)

VOKABELN:

أعطى , a - geben;

نسل , u - (Kinder) zeugen; UND: (Haare) auszupfen!  - > als Nomen:  نسل  pl. أنسال (ansal) Nachkommenschaft;

غرب , u - fortgehen; von daher das Nomen:   غربة - Fremde; 

يرث   ,ورث erben: PUH! Da habe ich lange für gebraucht! Aus dem Hebräischen weiß ich, dass ו und י sich als Radikale sehr seltsam verhalten, fürs Arabische war es mir nicht präsent!  > Nomen:  ورث (wirth)- Erbe.

 

BEOBACHTUNGEN:

Der "Segen Abrahams", בִּרְכַּ֣ת אַבְרָהָ֔ם: Das gibt es im ganzen Alten Testament nicht noch einmal! Paulus spricht davon: Gal 3,14!

 

Köln-Merkenich, am Samstag, den 29. Mai 2020

 


 

 

 

Gen 28,5 

 


‎  וַיִּשְׁלַ֤ח יִצְחָק֙ אֶֽת־יַעֲקֹ֔ב וַיֵּ֖לֶךְ פַּדֶּ֣נָֽה אֲרָ֑ם אֶל־לָבָ֤ן בֶּן־בְּתוּאֵל֙ הָֽאֲרַמִּ֔י אֲחִ֣י רִבְקָ֔ה אֵ֥ם יַעֲקֹ֖ב וְעֵשָֽׂו׃ 

(Gen. 28:5 WTT)

 

mE:

Und Jizchak ließ Jaakob gehen und er ging nach Padän Aram, zu Laban, den Sohn Betuels, des Aramäers, Bruder Ribkas, der Mutter Jaakobs und Essaws.

 

Buber/Rosenzweig:

So schickte Jizchak den Jaakob fort,

und der ging nach der Aramäerflur zu Laban, Sohne Btuels des Aramäers, Bruder Ribkas, der Mutter Jaakobs und Essaws.

 

van Dyke:

‎  فَصَرَفَ إِسْحَاقُ يَعْقُوبَ فَذَهَبَ إِلَى فَدَّانَِ أَرَامَ، إِلَى لاَبَانَ بْنِ بَتُوئِيلَ الأَرَامِيِّ، أَخِي رِفْقَةَ أُمِّ يَعْقُوبَ وَعِيسُوَ. (Gen. 28:5 AVD)

Vokabeln:

صرف ,i  - abwenden; (Geld) ausgeben, wechseln; (Mühe) aufwenden; (Zeit) zubringen;

ذهب , a - gehen.

 

Köln-Merkenich, am Pfingstdienstag, den 2. Juni 2020

 


 

 

 

Gen 28,6 

Erzählschwenk: Essaws Perspektive:

‎  וַיַּ֣רְא עֵשָׂ֗ו כִּֽי־בֵרַ֣ךְ יִצְחָק֘ אֶֽת־יַעֲקֹב֒ וְשִׁלַּ֤ח אֹתוֹ֙ פַּדֶּ֣נָֽה אֲרָ֔ם לָקַֽחַת־ל֥וֹ מִשָּׁ֖ם אִשָּׁ֑ה בְּבָרֲכ֣וֹ אֹת֔וֹ וַיְצַ֤ו עָלָיו֙ לֵאמֹ֔ר לֹֽא־תִקַּ֥ח אִשָּׁ֖ה מִבְּנ֥וֹת כְּנָֽעַן׃

(Gen. 28:6 WTT)

 

mE:

Und Essaw sah, dass Jizchak Jaakob segnete und ihn nach Padän Aram schickte um für sich von dort eine Frau zu nehmen mit seinem Segen für ihn als er ihm gebot indem er sprach: Du nimmst nicht eine Frau von den Töchtern Kanaans,

 

Buber/Rosenzweig: 

Essaw sah,

daß Jizchak Jaakob gesegnet und ihn nach der Aramäerflur geschickt hatte, sich von dort ein Weib zu nehmen,

und er, ihn segnend, ihm geboten hatte: Du sollst nicht ein Weib von den Töchtern Kanaans nehmen,

 

van Dyke:

‎  فَلَمَّا رَأَى عِيسُو أَنَّ إِسْحَاقَ بَارَكَ يَعْقُوبَ وَأَرْسَلَهُ إِلَى فَدَّانَِ أَرَامَ لِيَأْخُذَ لِنَفْسِهِ مِنْ هُنَاكَ زَوْجَةً، إِذْ بَارَكَهُ وَأَوْصَاهُ قَائِلاً: «لاَ تَأْخُذْ زَوْجَةً مِنْ بَنَاتِ كَنْعَانَ» . (Gen. 28:6 AVD)

VOKABELN:

رأى , ترى - sehen;

als NOMEN: رأى , pl.  آراء- Meinung, Ansicht;

أوصى ب  - empfehlen;

وصاة - Anweisung, Empfehlung;

PARTIKEL:

لمّا , lamma - als, nachdem

لما , lima - warum;

اذ , ith - da, da ja.

 

BEOBACHTUNGEN:

Die Infinitiv-Konstruktion mit Prä- und Suffix sowie Akkusativ-Objekt + definiertem Verb בְּבָרֲכ֣וֹ אֹת֔וֹ וַיְצַ֤ו löst Mendelssohn 1783/1845 ganz geschickt auf: "nämlich indem er ihn segnete, verbot er ihm zugleich".

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 3. Juni 2020

 


 

 

 

Gen 28,7 

 


‎  וַיִּשְׁמַ֣ע יַעֲקֹ֔ב אֶל־אָבִ֖יו וְאֶל־אִמּ֑וֹ וַיֵּ֖לֶךְ פַּדֶּ֥נָֽה אֲרָֽם׃ 

(Gen. 28:7 WTT)

 

mE:

und Jaakob auf seinen Vater und seine Mutter hörte und nach Paddän Aram ging

 

Buber/Rosenzweig:

und Jaakob auf seinen Vater und auf seine Mutter gehört hatte und nach der Aramäerflur gegangen war,

 

van Dyke:

‎  وَأَنَّ يَعْقُوبَ سَمِعَ لأَبِيهِ وَأُمِّهِ وَذَهَبَ إِلَى فَدَّانَِ أَرَامَ،. (Gen. 28:7 AVD)

Vokabel:

ذهب , a - gehen, vgl. v. 5!

 

BEOBACHTUNGEN:

1

Hierononymus spricht statt von Vater und Mutter kurz von "Eltern": "parentibus".

 

2

Die Perspektive Essaws verlassen L17 EIN und ZUR, als Beispiel hier L17:

"Und Jakob hörte auf seinen Vater und seine Mutter und ging nach Paddan-Aram."

Das gibt der Text her und so übersetzte ich auch beim ersten Anlauf. Den hebräischen Autoren wird offenbar solch eine lange Satzklammer mit den epischen Ausmaßen eines Thomas Mann nicht zugetraut. Vermutlich weil man an der Auffassung festhält, der Text müsse alt und urig sein?

 

3

Indem die Perspektive Essaws verlassen wird, geht aber eine nuancierte Pointe verloren:

In diesem Vers sind sich zum ersten Mal wieder  beide Eltern einig. Das war zuletzt bei ihrem Techtelmechtel in Gerar Gen 26,8 der Fall und in der gemeinsamen Ablehnung von Essaws einheimischen Frauen Gen 26,35. Diese Einigkeit  tritt aber bei einem Vorgang der dreifachen Trennung auf: (1) Jaakob verlässt seine Eltern, (2) Essaw verliert sein Racheobjekt! und (3) er sieht sich erneut in Opposition zu seinen Eltern (Jaakob gehorcht seinen Eltern keine einheimische Frau zu nehmen V. 6): Äußerste Spannung!  

Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 4. Juni 2020

 


 

 

 

Gen 28,8 Augen Jizchaks 

Essaw versteht:

וַיַּ֣רְא עֵשָׂ֔ו כִּ֥י רָע֖וֹת בְּנ֣וֹת כְּנָ֑עַן בְּעֵינֵ֖י יִצְחָ֥ק אָבִֽיו׃

(Gen. 28:8 WTT)

 

mE:

und Essaw sah, dass hässlich sind die Töchter Kanaans in den Augen Jizchaks seines Vaters,

Buber/Rosenzweig:

und so sah Essaw, daß übel waren die Töchter Kanaans in den Augen Jizchaks seines Vaters.

van Dyke:

‎  رَأَى عِيسُو أَنَّ بَنَاتِ كَنْعَانَ شِرِّيرَاتٌ فِي عَيْنَيْ إِسْحَاقَ أَبِيهِ، (Gen. 28:8 AVD)

Vokabel:

شرير , pl.  أشراء - schlecht, böse; als NOMEN: Bösewichtز

 

BEOBACHTUNGEN

A

Eben noch - Vers 7 - war von beiden, Vater und Mutter, die Rede, jetzt nur noch vom Vater, die Mutter verschwindet im Hintergrund. Dazu und noch zu Vers Gen 28,7: 

Im Alt-Hebräischen gibt es keinen eigentlichen Ausdruck für "Eltern", laut Gesenius dient dazu das Partizip הרה , schwanger werden/sein. Seine Belegstelle Gen 49,26 ist umstritten, es geht dort wohl eher um  "Berge" von הַר. Einzige Stelle, die nach Eltern klingt, so jedenfalls LUT L17, ist Spr 19,14: Allerdings steht hier Vater im Plural  אָב֑וֹת, kann also auch schlicht  "Vorfahren" heißen. Sonst heißt es eben "Vater und Mutter", vgl. den vorangegangenen Vers, Gen 28,7. Hieronymus aber übersetzt hier und an anderen Stellen (Jos 6,23; Ri 14,4) mit parens, parentis.

 

B

Die Redewendung "in den Augen J." wird nicht von allen Übersetzung übernommen (s. Tabelle). "In seinen Augen" ist dabei geradezu sprichwörtlich für den Perspektivwechsel! Die Wendung ‎  בְּעֵינֵ֥י , in den Augen, taucht im AT sehr oft auf, vgl. bereits Gen 6,8, Gen 19,14; Gen 21,11.

In der antiken Literatur habe ich einige wenige Stellen bei bei Lukian und Terenz gefunden, aber auch schon bei Aristoteles. Sehr häufig verwendet Rousseau diese Wendung.

 

C

Das Unwert-Urteil Jizchaks wird sehr verschieden ausgedrückt:

Köln-Merkenich, am Freitag, den 5. Juni 2020

 


 

 

 

Gen 28,9 Fraunahme 

 


Essaws Konsequenz der elterlichen Ablehnung - eine weitere Frau als Mittel zum Zweck:

‎  וַיֵּ֥לֶךְ עֵשָׂ֖ו אֶל־יִשְׁמָעֵ֑אל וַיִּקַּ֡ח אֶֽת־מָחֲלַ֣ת׀ בַּת־יִשְׁמָעֵ֙אל בֶּן־אַבְרָהָ֜ם אֲח֧וֹת נְבָי֛וֹת עַל־נָשָׁ֖יו ל֥וֹ לְאִשָּֽׁה׃ 

(Gen. 28:9 WTT)

 

mE:

Und Essaw ging zu Jischmael und nahm Mahalath, Tochter Jischmaels, des Sohnes Abrahams, Schwester von Nbioth zusätzlich zu seinen Frauen für sich zur Ehefrau.

 

Buber/Rosenzweig:

Essaw ging zu Jischmael und nahm Machalat, Tochter Jischmaels Sohns Abrahams, Schwester Nbajots, zu seinen Weibern hinzu, sich zum Weib.

 

van Dyke:

‎  فَذَهَبَ عِيسُو إِلَى إِسْمَاعِيلَ وَأَخَذَ مَحْلَةَ بِنْتَ إِسْمَاعِيلَ بْنِ إِبْرَاهِيمَ، أُخْتَ نَبَايُوتَ، زَوْجَةً لَهُ عَلَى نِسَائِهِ.  (Gen. 28:9 AVD)

VOKABEL:

نساء - pl. Frauen; NB: als NOMEN heißt نساء zugleich "Langlebigkeit" (!) und als ADJEKTIV "vergesslich" (?!); NB: آنسة , pl. آنستFräulein.

 

Dass sich ein Mann eine Frau nehmen kann wie einen Hut von der Garderobe scheint kein Problem gewesen zu sein? Gab es das umgekehrt auch? Was sagt die Ethnologie dazu?

 

Köln-Merkenich, am Samstag, den 6. Juni 2020

 

 

 

 

Gen 28,10 Jaakob zieht aus 

 


‎  וַיֵּצֵ֥א יַעֲקֹ֖ב מִבְּאֵ֣ר שָׁ֑בַע וַיֵּ֖לֶךְ חָרָֽנָה׃ (Gen. 28:10 WTT)

 

mE

Und Jaakob zog aus von Beer-Schebaa und ging nach Charan.

 

Buber/Rosenzweig

Jaakob zog aus von Berscheba und ging auf Charan zu

 

van Dyke

‎  فَخَرَجَ يَعْقُوبُ مِنْ بِئْرِ سَبْعٍ وَذَهَبَ نَحْوَ حَارَانَ.  (Gen. 28:10 AVD)

VOKABELN:

خرج , u - heraussgehen;

das folgende Wort ist super interessant:

نحو oder  نحا , u als VERB: sich wenden, jmd. folgen;

als NOMEN, pl.  انحاء : Richtung, Seite, Weg, Methode, Syntax, Grammatik!

Und hier als PRÄPOSITION: in Richtung auf, gegen zu.

 

Köln-Merkenich, am Freitag, den 12. Juni 2020


Gen 28,11 

Nachtrag zu Gen 28,10, was mir gestern im Laufe des Tages noch auffiel: Am Ende von Vers 10 taucht ganz unvermittelt die Ortsbezeichnung "Charan" auf (vorher war, außer in der Rede der Mutter, 27,43, von Paddan-Aram die Rede) - das muss alarmieren, ist es doch die entgegengesetzte Bewegungsrichtung zum Auszug Abrahams Gen 12,4f. Es wird zur familiären Spannung eine weitere zugleich  generationsübergreifende aufgebaut: Kehrt das Experiment, das mit Abraham anfing, mit der zweiten Generation schon an seinen Anfangsort zurück und geht damit zu Ende? Dieser Eindruck wird verstärkt dadurch, dass das gleiche Verb genommen wird, das in Gen 12,4 das Geschehen zusammenfasst, eine Form von יצא  , jaz'a, ausziehen. Und was wird aus dem Segen, von dem in Gen 12,2 so wohlklingend und zuletzt in Gen 28,4 ("Segen Abrahams" - im AT singulär!) die Rede war? Ein dreifacher Spannungsbogen!

 

‎  וַיִּפְגַּ֙ע בַּמָּק֜וֹם וַיָּ֤לֶן שָׁם֙ כִּי־בָ֣א הַשֶּׁ֔מֶשׁ וַיִּקַּח֙ מֵאַבְנֵ֣י הַמָּק֔וֹם וַיָּ֖שֶׂם מְרַֽאֲשֹׁתָ֑יו וַיִּשְׁכַּ֖ב בַּמָּק֥וֹם הַהֽוּא׃

 (Gen. 28:11 WTT)

 

 

mE

Und er erreichte den Ort und nächtigte dort, denn die Sonne ging weg und er nahm von den Steinen des Ortes und legte sich einen Kopfruheplatz zurecht und legte sich an diesem Ort hin.

 

Buber/Rosenzweig:

und geriet an jenen Ort.

Er mußte dort nächtigen, denn die Sonne war eingegangen.

Er nahm einen von den Steinen des Orts

und richtete ihn für sein Haupt

und legte sich hin am selben Ort.

 

van Dyke:

‎  وَصَادَفَ مَكَانًا وَبَاتَ هُنَاكَ لأَنَّ الشَّمْسَ كَانَتْ قَدْ غَابَتْ، وَأَخَذَ مِنْ حِجَارَةِ الْمَكَانِ وَوَضَعَهُ تَحْتَ رَأْسِهِ، فَاضْطَجَعَ فِي ذلِكَ الْمَكَانِ.  (Gen. 28:11 AVD)

VOKABELN:

صدف , i - abwenden (von  ), geschehen, sich ereignen; hier: III. Stamm: antreffen, begegnen;

NB:  صدف als NOMEN: collectiv: صدفة , pl.  أصداف  Muschel!

بيت  oder بات , i - übernachten;

حجر  , pl. أحجار oder wie HIER: حجارة  - Stein;

غيب  oder غاب , i - abwesend sein, (Sonne) untergehen;

وضع  oder يضع - setzen, stellen, legen, wie das englische putm sich legen,

HIER: VIII. Stamm:  (muss man erst mal darauf kommen! Ohne professionelle Hilfe von Langenscheidt-Online, ein tolles Programm, hätte ich mir im Wörterbuch einen Wolf gesucht!):  اضطجع oder اضجع - sich legen. 

 

BEOBACHTUNGEN:

Dreimal taucht in diesem Vers das Nomen מָקוֹם, makum, auf, jedesmal mit Artikel - als wüssten die Hörer/Leser auf Anhieb, um welchen Ort es sich handeln würde.

KJV ESV und NAS lösen das Problem ganz elegant, sie sprechen beim ersten Vorkommen des Wortes vom "a certain place". So auch die EIN: "an einen bestimmten Ort"; sie folgen darin Hieronymos: "ad quendam locum".

Buber/Rosenzweig finden auch eine geschickte Lösung: "an jenen Ort". Ansonsten wird der unbestimmte Artikel verwendet.

Ausnahme: D'83: "kom han til det hellige sted" und erläutern dies mit: "nemlig helligdommen i Betel" - und nehmen damit die Pointe vorweg.

 

Köln-Merkenich, am Samstag, den 12. Juni 2020

 


 

 

 

Gen 28,12 Traumtreppe 

Dem Jaakob träumt:

‎  וַֽיַּחֲלֹ֗ם וְהִנֵּ֤ה סֻלָּם֙ מֻצָּ֣ב אַ֔רְצָה וְרֹאשׁ֖וֹ מַגִּ֣יעַ הַשָּׁמָ֑יְמָה וְהִנֵּה֙ מַלְאֲכֵ֣י אֱלֹהִ֔ים עֹלִ֥ים וְיֹרְדִ֖ים בּֽוֹ׃

 (Gen. 28:12 WTT)

 

mE:

Und er träumte und siehe: Eine Treppe zur Erde hin aufgestellt und ihre Spitze berührend die Himmel und siehe: Engel Gottes aufsteigend und absteigend auf ihr.

 

Buber/Rosenzweig:

Und ihm träumte:

Da, eine Leiter gestellt auf die Erde,

ihr Haupt an den Himmel rührend,

und da, Boten Gottes steigen auf, schreiten nieder an ihr.

 

van Dyke:

‎  وَرَأَى حُلْمًا، وَإِذَا سُلَّمٌ مَنْصُوبَةٌ عَلَى الأَرْضِ وَرَأْسُهَا يَمَسُّ السَّمَاءَ، وَهُوَذَا مَلاَئِكَةُ اللهِ صَاعِدَةٌ وَنَازِلَةٌ عَلَيْهَا. (Gen. 28:12 AVD)

VOKABELN:

رأى , a - sehen;

حلم , u:  chalam - träumen; als NOMEN chulm, pl. أحلام - Traum UND Mannbarkeit!

مصوب - aufgestellt

صعد ,a - steigen, hier II. Stamm: aufsteigen lassen;

مس , u - berühren;

سلم , a - unversehrt; als NOMEN silm oder salm: Frieden; sullam pl. سلالم salalim  : Treppe, Leiter

PARTIKEL

اذا  - als wenn;  اذا  ب - siehe da, da plötzlich

اذا oder اذن - also, deshalb.

 

 

BEOBACHTUNGEN:

A

סֻלָּם sullam, kann Leiter und Treppe sein, so auch LXX κλῖμαξ, VUL scala, scalae und van Dyke سُلَّمٌ.

Eine Treppe sehen dort EIN, ZUR und mE; die BiG übersetzt: Ein Aufgang.

 

B

Die Engel/Boten (Boten: B/R ZUR BiG) sind unbestimmt; bestimmt sind sie in der LXX KVJ ESV NAS LSG LUT: die Engel Gottes, L17, SCH NL M B/M BiG. Bei ZUNZ und den anderen z. B. nicht: Engel Gottes.

 

 

Köln-Merkenich, am Montag, den 15. Juni 2020

 


 

 

 

Gen 28,12 KORREKTUR Traumtreppe 

Die VOKABEL "aufgestellt" hatte ich falsch, ein NUN vergessen - jetzt unten korrekt!

 

 

Dem Jaakob träumt:

‎  וַֽיַּחֲלֹ֗ם וְהִנֵּ֤ה סֻלָּם֙ מֻצָּ֣ב אַ֔רְצָה וְרֹאשׁ֖וֹ מַגִּ֣יעַ הַשָּׁמָ֑יְמָה וְהִנֵּה֙ מַלְאֲכֵ֣י אֱלֹהִ֔ים עֹלִ֥ים וְיֹרְדִ֖ים בּֽוֹ׃

 (Gen. 28:12 WTT)

 

mE:

Und er träumte und siehe: Eine Treppe zur Erde hin aufgestellt und ihre Spitze berührend die Himmel und siehe: Engel Gottes aufsteigend und absteigend auf ihr.

 

Buber/Rosenzweig:

Und ihm träumte:

Da, eine Leiter gestellt auf die Erde,

ihr Haupt an den Himmel rührend,

und da, Boten Gottes steigen auf, schreiten nieder an ihr.

 

van Dyke:

‎  وَرَأَى حُلْمًا، وَإِذَا سُلَّمٌ مَنْصُوبَةٌ عَلَى الأَرْضِ وَرَأْسُهَا يَمَسُّ السَّمَاءَ، وَهُوَذَا مَلاَئِكَةُ اللهِ صَاعِدَةٌ وَنَازِلَةٌ عَلَيْهَا. (Gen. 28:12 AVD)

VOKABELN:

رأى , a - sehen;

حلم , u:  chalam - träumen; als NOMEN chulm, pl. أحلام - Traum UND Mannbarkeit!

منصوب - aufgestellt

صعد ,a - steigen, hier II. Stamm: aufsteigen lassen;

مس , u - berühren;

سلم , a - unversehrt; als NOMEN silm oder salm: Frieden; sullam pl. سلالم salalim  : Treppe, Leiter

PARTIKEL

اذا  - als wenn;  اذا  ب - siehe da, da plötzlich

اذا oder اذن - also, deshalb.

 

 

BEOBACHTUNGEN:

A

סֻלָּם sullam, kann Leiter und Treppe sein, so auch LXX κλῖμαξ, VUL scala, scalae und van Dyke سُلَّمٌ.

Eine Treppe sehen dort EIN, ZUR und mE; die BiG übersetzt: Ein Aufgang.

B

Die Engel/Boten (Boten: B/R ZUR BiG) sind unbestimmt; bestimmt sind sie in der LXX KVJ ESV NAS LSG LUT: die Engel Gottes, L17, SCH NL M B/M BiG. Bei ZUNZ und den anderen z. B. nicht: Engel Gottes.

 

Köln-Merkenich, am Montag, den 15. Juni 2020

 


 

 

 

Gen 28,13 Gottes Stand 

 


Jaakobs Traum:

‎  וְהִנֵּ֙ה יְהוָ֜ה נִצָּ֣ב עָלָיו֘ וַיֹּאמַר֒ אֲנִ֣י יְהוָ֗ה אֱלֹהֵי֙ אַבְרָהָ֣ם אָבִ֔יךָ וֵאלֹהֵ֖י יִצְחָ֑ק הָאָ֗רֶץ אֲשֶׁ֤ר אַתָּה֙ שֹׁכֵ֣ב עָלֶ֔יהָ לְךָ֥ אֶתְּנֶ֖נָּה וּלְזַרְעֶֽךָ׃

 (Gen. 28:13 WTT)

 

mE:

Und siehe: JHWH stand auf ihr und sprach: Ich bin JHWH, Gott Abrahams deines Vaters und Gott Jizchaks, die Erde auf der du liegend bist, was sie betrifft, dir gebe ich sie gewiss und deinem Samen.

 

Buber/Rosenzweig:

Und da

stand ER über ihm

und sprach:

ICH bins,

der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Jizchaks.

Das Erdland, auf dem du liegst,

dir gebe ich es und deinem Samen.

 

van Dyke:

‎ وَهُوَذَا الرَّبُّ وَاقِفٌ عَلَيْهَا، فَقَالَ: «أَنَا الرَّبُّ إِلهُ إِبْرَاهِيمَ أَبِيكَ وَإِلهُ إِسْحَاقَ. الأَرْضُ الَّتِي أَنْتَ مُضْطَجِعٌ عَلَيْهَا أُعْطِيهَا لَكَ وَلِنَسْلِكَ.

   (Gen. 28:13 AVD)

VOKABELN:

‎  مُضْطَجِعٌ  - liegend; von: ضجع , a - sich legen, liegen, schlafen, hier VIII. Stamm, Partizip;

نسل , pl.  أنسال - Nachkommenschaft; von  نسل ,u - (Kinder) zeugen; (Haare) auszupfen.

 

BEOBACHTUNGEN:

A Gottes Ort

Hier gibt es zwei Fraktionen: Diejenigen, die ihn auf die bzw. über der Leiter  (die  künstlichen Tempelberge der mesopotimischen Stadtstaaten, Zikkurats, waren offenbar vollständig in Vergessenheit geraten) bzw. Treppe platzieren - und die, die ihn Jaakob gegenüber sehen. 

Das ist keine Kleinigkeit: Ist Gott zuallererst personenbezogen oder sachorientiert?

Das Hebräische lässt beides zu, da "Treppe/Leiter", סֻלָּם maskulin ist. Das Suffix an der Präposition ‎ עָלָיו ist 3. Person maskulin.



B Gottes Rede

Die Septuaginta kann sich Gottes Rede nicht vorstellen ohne die Zusage: "Fürchte dich nicht!" Das fügt sie nach der Selbstvorstellung Gottes ein! 

LXXD:

Der Herr aber stand auf ihr und sagte: Ich bin der Herr, der Gott Abrahams, deines Vaters, und der Gott Isaaks; fürchte dich nicht! Das Land, auf dem du schläfst, ich werde es dir und deiner Nachkommenschaft geben.

 

C Deines Vaters Abraham

Diese Stelle ist ein idealer Anknüpfungspunkt für begründete Vermutungen, dass es eine eigene Jaakob-Tradition in direkter Verbindung mit und zu Abraham gegeben haben mag - "der Gott Jizchaks" - wirkt wie nachträglich eingeschoben. Diese Spannung beseitigt allein die BiG - vermutlich aus anderen Gründen, um die Mutter noch irgendwo unterbringen zu können. Sie spricht vom "Gott Abrahams, auch deiner Eltern, Isaaks Gott." Ein hebräisches Wort für "Eltern" habe ich im AT nicht gefunden, s. Beobachtungen zu Gen 28,8.

 

Köln-Merkenich, am Dienstag, den 16. Juni 2020

 

P.S.: Korrektur zum Vers 28,12:

Arabisch "aufgestellt" ist منصوب - ich hatte gestern das "nun" übersehen.

 


 

 

 

Gen 28,14 Die Sache mit dem Segen SEGEN ALS INTERPERSONALES GESCHEHEN! UND VON GOTT INDUZIERT! 

 


Jaakobs Traum Teil Zwei:

‎  וְהָיָ֤ה זַרְעֲךָ֙ כַּעֲפַ֣ר הָאָ֔רֶץ וּפָרַצְתָּ֛ יָ֥מָּה וָקֵ֖דְמָה וְצָפֹ֣נָה וָנֶ֑גְבָּה וְנִבְרֲכ֥וּ בְךָ֛ כָּל־מִשְׁפְּחֹ֥ת הָאֲדָמָ֖ה וּבְזַרְעֶֽךָ׃

 (Gen. 28:14 WTT)

 

mE:

Und dein Samen wird sein wie Erdstaub und du brichst aus meerwärts und ostwärts und nordwärts und südwärts und alle Familien des Erdgrunds segnen sich in dir und in deinem Samen.

 

Buber/Rosenzweig:

Dein Same wird sein wie der Staub der Erde.

Ausbrechen wirst du westwärts, ostwärts, nordwärts, südwärts.

Segnen werden sich mit dir alle Sippen des Bodens

und mit deinem Samen.

 

van Dyke:

‎  وَيَكُونُ نَسْلُكَ كَتُرَابِ الأَرْضِ، وَتَمْتَدُّ غَرْبًا وَشَرْقًا وَشَمَالاً وَجَنُوبًا، وَيَتَبَارَكُ فِيكَ وَفِي نَسْلِكَ جَمِيعُ قَبَائِلِ الأَرْضِ.  (Gen. 28:14 AVD)

VOKABELN:

تراب  turab, pl. أتربة  - Staub, ترب - staubig;

قبيله pl. قباءل - Stamm;


 

BEOBACHTUNGEN:

A äräz und adamah ,  אֶרֶץ und אֲדָמָה

Bei adamah klingt die gesamte Urgeschichte mit: Der Mensch, Adam, der Gründling, der vom Boden, Adamah, dem Grund, gemacht wird. Dem gleichen Grund, der durch Gewalttat verseucht wird, was erst durch Unmassen von Regen weggewischt wird (Gen 4,10-12 und Gen 8,8; Gen 7,23, da wörtlich "weggewischt"); der Segen Gottes erscheint als Gottes menschliche Einmischung, dass es nie mehr soweit kommt. Dazu gleich mehr. Wenn aber für diese verschiedenen hebräischen Wörter das gleiche Wort benutzt wird, gehen alle dies Anklänge verloren. Das geschah bereits in der LXX, beides Mal eine Form von γῆ, Erde und VUL terra und wurden damit stilbildend.

Verschiedene Wörter benutzen nur BFC sol - terre, NL aarde - aardbodem, M und B/M Erde - Erdreich, B/R et moi. 

 

B Himmelsrichtungen

Die LXX übernimmt tatsächlich wörtlich den Ausdruck יָ֥מָּה ,  jammah, jamm = Meer + ha= die Richtung zeigend: θάλασσαν. Ansonsten folgen alle der gleichen Reihenfolge wie der hebräischen Vorlage, West-Ost-Nord-Süd, bis auf Hieronymus: West-Süd-Nord-Ost. Von Palästina aus, wo er die Bibel übersetzte, ist das Meer nun einmal westlich. 

 

C בְךָ֛becha

Luther übersetzt dies mit "durch dich". Ihm folgen L17 ZUR EIN Zink BFC travers toi. 

Ganz anders LXX ἐν σοὶ und VUL  in te, sie übersetzen also mit "in dir", so auch die englischen Übersetzungen KJV in thee, NAS und ESV in you, LSG en toi und auch SCH, ELB und BiG haben keine Probleme damit "in dir" zu sagen. So auch NL en uw, D'83 und D'92 i dig, van Dyke فِيكَ und mE.

Die Thematik wiederholt sich, wo im Neuen Testament der Ausdruck ἐν Χριστῷ, wörtlich: in Christus, vgl. Röm 3,24 und öfters, übersetzt wird.

Die JÜDISCHEN Übersetzungen hören diesen Ausdruck "becha" jedoch anders: Mendelssohn gab offenbar den Ton an: "mit dir" - ihm folgen ZUNZ, B/M und Buber/Rosenzweig!

 

D Die Sache mit dem Segen

LUT übersetzt: "sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden." 

Wer segnet?

Der Passiv lässt vermuten: Gott (so ausdrücklich BFC). Und das klingt fromm und gut.

So hat es bereits die LXX, VUL Hieronymos übernimmt es und die ganze Schar der christlichen Übersetzungen folgen. Etwas differenzierter ZUR und EIN "werden Segen erlangen" und BiG "sich segnen lassen".

Auch hier begegnet einem bei den jüdischen Übersetzungen - und bei van Dyke! - etwas anderes: 

Mendelssohn, ebenfalls beispielgebend, übersetzt: "sich mit dir ... segnen sollen": Das ist ein aktives Handeln "aller Geschlechter des Erdreichs" - und eben nicht davon abhängig, ob Gott sie nun segne oder nicht! B/M, ZUNZ und Buber/Rosenzweig (et moi) schießen sich dem an: "Segnen werden sich mit dir alle Sippen des Bodens und mit deinem Samen." 

Durch die Verschiebung des handelnden Parts zu Gott hin, wird die Menschheit entmündigt, sich in Jaakob und seinen Nachkommen zu segnen - und damit selbst zum Segen zu werden.

Diese Verschiebung kann bereits in Gen 12,3 beobachtet werden, so Buber/Rosenzweig: Mit dir werden sich segnen alle Sippen des Bodens. Diese reflexive - und eben nicht passive - Fassung macht klar: Wer segnet, tritt in eine Mit-Existenz mit Abraham und seinen Nachkommen ein, die auf einen selbst zurückwirkt. So kann sich Gottes Intervention unter den Menschen fortsetzen.

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 17. Juni 2020

 


 

 

 

Gen 28,15 Behüten 

 


Jaakobs Traum Teil III:

‎‎וְהִנֵּ֙ה אָנֹכִ֜י עִמָּ֗ךְ וּשְׁמַרְתִּ֙יךָ֙ בְּכֹ֣ל אֲשֶׁר־תֵּלֵ֔ךְ וַהֲשִׁ֣בֹתִ֔יךָ אֶל־הָאֲדָמָ֖ה הַזֹּ֑את כִּ֚י לֹ֣א אֶֽעֱזָבְךָ֔ עַ֚ד אֲשֶׁ֣ר אִם־עָשִׂ֔יתִי אֵ֥ת אֲשֶׁר־דִּבַּ֖רְתִּי לָֽךְ׃

  

 (Gen. 28:15 WTT)

 

mE:

Und siehe: Ich bin mit dir und ich bewahre dich wo immer du gehst und ich bringe dich zurück zu dem Grund, diesem, denn ich verlasse dich nicht bis ich gewiss gemacht habe, das, was ich gesagt habe für dich.

 

Buber/Rosenzweig:

Ich da bin bei dir,

ich will dich hüten, wo all hin du gehst,

und will dich heimkehren lassen zu diesem Boden,

ja, ich verlasse dich nicht,

bis daß ich tat, was zu dir ich geredet habe.

 

van Dyke:

‎‎  وَهَا أَنَا مَعَكَ، وَأَحْفَظُكَ حَيْثُمَا تَذْهَبُ، وَأَرُدُّكَ إِلَى هذِهِ الأَرْضِ، لأَنِّي لاَ أَتْرُكُكَ حَتَّى أَفْعَلَ مَا كَلَّمْتُكَ بِهِ» .  (Gen. 28:15 AVD)

VOKABELN:

حفظ , a - bewahren, behüten, behalten, auswendig lernen;

ذهب , a - gehen;

رد , u  - zurückgeben, zurückführen;

ترك , u - lassen, verlassen;

فعل - a - tun, machen

PARTIKEL

ها - siehe da!

حيثما - wohin auch immer.

 

BEOBACHTUNGEN:

A

Buber/Rosenzweig übersetzen die Hifil-Form - die Kausativ-Form - von שׁוב , schub, sehr genau; "lassen" im Sinne von "veranlassen". Auch im Deutschen gibt es diese Kausativform durch I-Erweiterung des Vokals: fallen - fällen, Sturz - stürzen, gut - gütig: d. i. jemanden zum Gut-sein bringen!, lachen - lächeln: d. i. jmd. zum Lachen/Lächeln bringen!

 

B

Der Ausdruck reden/sprechen (דבר , dabar) zu jmd. steht im Hebräischen meistens mit der Präposition אֶל, äl, hier aber mit לְ , le, eigentlich mit der Bedeutung "für", "zu jemandem". Die jüdische Auslegung, <https://www.sefaria.org/Genesis.28.14?lang=bi&with=all&lang2=en> ,  hat darüber diskutiert; s. Chizkuni, zu Num 17,5.2 und versteht diese Wendung als "'concerning you'". 

Das hebräische Wort דבר , dabar, hat dabei genauso viel mit "Rede"  wie mit "Sache" zu tun. Es kann hier also auch mitklingen: "die Sache, die ich für dich gemacht habe".

 

C

Die Zusage, dass Gott Jaakob nicht verlassen wird, bis er wieder an dem Platz, an dem er jetzt ist, zurück gekehrt ist, hat zur Folge, das offen ist, was dann ist: s. Gen 32,8! 

 

Köln-Merkenich, am Freitag, den 19. Juni 2020

 

Nachtrag: Das "Segnen" im Passiv, s. die Beobachtungen zu Gen 28,14, kann auch eigennützig gemeint sein und hat dann wenig mit "fromm" zu tun: Um eine Priesterschaft notwendig zu machen, um die Hierarchisierung - auch im Wortsinn: Priesterherrschaft - zu ermöglichen.

Gen 28,16 Erwachen 

 


Jaakob erwacht:

‎  וַיִּיקַ֣ץ יַעֲקֹב֘ מִשְּׁנָתוֹ֒ וַיֹּ֕אמֶר אָכֵן֙ יֵ֣שׁ יְהוָ֔ה בַּמָּק֖וֹם הַזֶּ֑ה וְאָנֹכִ֖י לֹ֥א יָדָֽעְתִּי׃

 (Gen. 28:16 WTT)

 

mE

Und Jaakob erwachte aus seinem Schlaf und sprach:

Wirklich, JHWH ist in diesem Ort und ich, ich bemerkte es nicht!

 

Buber/Rosenzweig:

Jaakob erwachte aus seinem Schlaf

und sprach:

So denn,

ER west an diesem Ort,

und ich, ich wußte es nicht!

 

van Dyke:

‎فَاسْتَيْقَظَ يَعْقُوبُ مِنْ نَوْمِهِ وَقَالَ: «حَقًّا إِنَّ الرَّبَّ فِي هذَا الْمَكَانِ وَأَنَا لَمْ أَعْلَمْ . (Gen. 28:16 AVD)

VOKABELN:

يقظ , a - wachen, hier X. Stamm: aufwachen, erwachen; NB: X. Stamm: das ist der Stamm mit است  "ista" vor der Grundform!

علم , a - wissen, kennen; NB: علم pl. أعلام - Zeichen, Kennzeichen; NB: علم  ilm, pl. علوم  ulum - Wissenschaft

حقا , Adv.: wirklich, wahrlich, von dem Verb حق , u - wahr sein; NB:  حق - richtig, wahr; und als NOMEN: حق Wahrheit, Richtigkeit, pl. حقوق :  Recht!

لم - nicht.

 

BEOBACHTUNGEN:

A in/an 

Das Hebräische‎  בּמָּק֖וֹם  , bamakom, setzt sich zusammen aus dem Nomen מָקוֹם , makom, Ort, und der Präposition בְּ , in : 

Die Übersetzungsgeschichte zeigt drei Fraktionen: "in", "an" und - die Seefahrervölker: "auf"!



BFC weicht von allen ab: Vraiment le Seigneur est ici

 

B Nominalsatz

‎  אָכֵן֙ יֵ֣שׁ יְהוָ֔ה , achen jesch JWHW - ist streng genommen ein Nominalsatz (ein Satz ohne ein finites Verb, im Deutschen oft nur noch in Sprichwörtern: "Ein Mann, ein Wort"), denn ‎  ישׁ  jesch ist kein Verb, sondern ein Partikel. Es erfüllt jedoch die Funktion wie das Französische "il y a". Nominalsätze werden im Allgemeinen mit einer Form von "sein" übersetzt. So wird es auch praktiziert, doch es gibt interessante Abweichungen:

MENDELSSOHN (M und B/M) übersetzt: "Der Ewige zeigt sich an diesem Ort";

ZINK: "Gott selbst wohnt an dieser Stätte"

und Buber/Rosenzweig: "ER west an diesem Ort" - ist das von Heidegger angeregt worden und dann auch als ein Kommentar auf ihn zu verstehen: Gott west - und nicht "das Seyn"?

 

Köln-Merkenich, am Montag, den 22. Juni 2020

 


 

 

 

Gen 28,17 Terror 

 


Jaakobs Erwachen:

‎  וַיִּירָא֙ וַיֹּאמַ֔ר מַה־נּוֹרָ֖א הַמָּק֣וֹם הַזֶּ֑ה אֵ֣ין זֶ֗ה כִּ֚י אִם־בֵּ֣ית אֱלֹהִ֔ים וְזֶ֖ה שַׁ֥עַר הַשָּׁמָֽיִם׃ 

 (Gen. 28:17 WTT)

 

mE:

Und er bekam Furcht und sprach: Was ist das Furchterregende dieses Ortes, wenn nicht dies, dass es Haus Gottes ist und dies das Tor der Himmel?!

 

Buber/Rosenzweig:

Er erschauerte und sprach:

Wie schauerlich ist dieser Ort!

dies ist kein andres als ein Haus Gottes,

und dies ist das Tor des Himmels.

 

van Dyke:

‎  وَخَافَ وَقَالَ: «مَا أَرْهَبَ هذَا الْمَكَانَ! مَا هذَا إِلاَّ بَيْتُ اللهِ، وَهذَا بَابُ السَّمَاءِ (Gen. 28:17 AVD)

VOKABELN

خوف  oder خاف , u - sich fürchten (vor من ) (etwas ه );

ارهاب - Terror.

 

BEOBACHTUNGEN

1

Die Wendung ‎  מַה־נּוֹרָ֖א , mah-nora', mah = 'was, warum, wie'; nora' ist Partizip Nifal (= sehr oft die Reflexivform), von ירא, jare', fürchten, wird sehr verschieden übersetzt:

LXX  ὡς  φοβερὸς

LXXD Wie furchterregend

VUL quam terribilis 

KJV How dreadful - scheußlich

NAS ESV How awesome - beängstigend, eindrücklich

LSG BFV redoutable - beeindruckend

LUT L17 Wie heilig

EIN Wie ehrfurchtgebietend

ELB ZUR M ZUNZ Wie furchtbar

SCH Wie furchtgebietend

NL Hoe ontzagwekkend - imposant

D'92 Hvor ... frygtindgydende - wörtlich: furchteinflößend

D'83 forfærdeligt - entsetzlich

ZINK schauervoll

BiG furchterregend

Am stärksten von allen van Dyk: ‎  مَا أَرْهَبَ - 'was für ein Terror'!

 

Luther - Rudolph Otto

Bei Luther steht schon 1545 "Wie heilig ist diese Stet". Das ist völlig unvermittelt und in meinen Augen nicht frei von Willkür. Es offenbart, wie Luther vom Heiligen gedacht hat: Das ist das Furchterregende. War es diese Stelle, die besonders auch Rudolf Otto, "Das Heilige" (1917), 1920, so beeindruckte? In der Tat, exakt diese Stelle wird von Otto als eine der wenigen Bibelstellen (außer Hiob), die er überhaupt anführt, zitiert (S. 151f). Er übersetzt allerdings mit "Wie schauerlich".

 

3

Haus Gottes

Hier fehlt im Hebräischen der Artikel. So konsequenterweise auch Buber und Rosenzweig. 

Die LXX behält das bei - nur die Deutsche Übersetzung der LXX schreibt "das Haus Gottes". "Gottes Haus" sagen LUT L17 M ZINK D'92 und D'83, für alle anderen ist es definiert: das Haus Gottes. Vermutlich - so ist es mir beim ersten Entwurf meiner Übersetzung auch ergangen - ist der Gedanke: Da es nur einen Gott gibt und hier Haus vom folgendem Wort bestimmt wird, kann es mit Artikel übersetzt werden. Gott kann aber auch mehrere Häuser haben. Das scheinen die Autoren gemeint zu haben, darum unbestimmt.

 

4

Tor des Himmels

Mendelssohn 1783/1845 merkt dazu am Seitenende an: "Aus welchem nämlich die Erscheinungen Gottes auf die Erde kommen." Dies hat die Herausgeberin Annette Mirjam Boeckler von Mendelssohn Übersetzung 2015 in Klammern in den Vers hinein genommen und fügt damit ein Wort Mendelssohn Jaakob in den Mund (wie man mit Klammern, außer wenn Zahnklammern gemeint sind, sprechen kann, weiß ich allerdings nicht).

 

Weltbezogenheit

Diese Erzählung ist ein beeindruckendes Beispiel wie WELTBEZOGEN unsere Geschwister in der Alten Welt gedacht haben: Ob man träumt oder nicht: Man kann nur sehen, was es gibt. Das ist eine radikal phänomenologische Weise. Damit wird alles, was im Schlaf gesehen wird real und ist nur für die Wachwelt nicht sichtbar. Das Leben in der Wachwelt ist - so könnte man sagen - das Leben in einem eingeschränkten Modus. Wenn man zusätzlich bedenkt, dass in der Alten Welt die Nacht von größerer Bedeutung als der Tag war - ist heute noch in Ägypten so, einfach weil die Temperaturen nachts so angenehm sind!, dies aber auch aus religiös-astronomischen Gründen, denn es geht u.a. um eine Antwort auf die Frage: Wie kehrt die Sonne in der Nacht in den Osten zurück?! - ahnt man vielleicht wie anders damals auch der Alltag erlebt worden ist.

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 24. Juni 2020

 


 

 

 

Gen 28,18 Mazzebe 

 


Jaakob als Kultgründer:

‎  וַיַּשְׁכֵּ֙ם יַעֲקֹ֜ב בַּבֹּ֗קֶר וַיִּקַּ֤ח אֶת־הָאֶ֙בֶן֙ אֲשֶׁר־שָׂ֣ם מְרַֽאֲשֹׁתָ֔יו וַיָּ֥שֶׂם אֹתָ֖הּ מַצֵּבָ֑ה וַיִּצֹ֥ק שֶׁ֖מֶן עַל־רֹאשָֽׁהּ׃

 (Gen. 28:18 WTT)

 

mE:

Und Jaakob stand früh am Morgen auf und er nahm den Stein, den er zu seiner Kopfrast gesetzt hatte und setzte ihn zum Gedenkstein und goß Öl auf sein Kopfteil.

 

Buber/Rosenzweig:

Frühmorgens machte sich Jaakob auf,

er nahm den Stein, den er für sein Haupt gerichtet hatte,

und errichtete ihn als Standmal

und schüttete Öl ihm aufs Haupt.

 

van Dyke:

‎‎  وَبَكَّرَ يَعْقُوبُ فِي الصَّبَاحِ وَأَخَذَ الْحَجَرَ الَّذِي وَضَعَهُ تَحْتَ رَأْسِهِ وَأَقَامَهُ عَمُودًا، وَصَبَّ زَيْتًا عَلَى رَأْسِهِ.  (Gen. 28:18 AVD)  

VOKABELN:

بكر , u - früh aufstehen;

حجر , u - aufhalten, hindern; von daher das NOMEN: حجر , pl. أحجار  bzw.  حجارة (hidja:ra) - Stein; oder:  حجر  - Beschränkung, Verbot;

وضع , a - setzen, stellen, legen;

قوم oder قام , u - aufstehen; hier IV. Stamm: aufstellen;

صب , u-u - gießen;

عمود  pl. أعمدة (a'aamida)  - Säule, Pfeiler, Pfahl.

 

BEOBACHTUNGEN:

1

Dass Jaakob sich nicht selber salbt wird im Hebräischen nicht zum Problem, da das Suffix "h" weiblich ist und sich damit auf den Stein bezieht, der im Hebräischen weiblich ist, אֶבֶן, äbän. Buber/Rosenzweig sorgen mit dem auf das Steinmal rückbezüglichen Pronomen "ihm" dafür, dass kein Missverständnis aufkommen kann.

Das Problem kann auftauchen, weil im Hebräischen hier zweimal das Wort für "Haupt/Kopf" auftaucht: רֹאשׁ, rosch. 

Die meisten Übersetzungen lösen das Problem, indem sie dafür zwei verschiedene Wörter benutzen:

LXX  κεφαλῆς und ἄκρον

LXXD Kopf und Spitze

ELB Kopfende ZUNZ Kopflager BiG Kopfstütze und Spitze

Andere lösen es adverbial auf, so schon VUL capiti und desuper, LUT L17: Häupten und oben darauf.

 

2

מַצֵּבָ֑ה"Mazzebe":

Einzig die ZUR übernimmt dies als Fremdwort. Alle anderen eingesehenen Übersetzungen übertragen es:

LXX στήλην  < στήλη , "stele";

LXXD Kultstein

VUL titulum < titulus, tituli - laut Georges: Titel, Überschrift, Grabschrift, Ehrenname, Ansehen, Zeichen;

KJV NAS ESV pillar

LSG monument

BFC pierre sacrée

LUT L17 ZINK EIN Steinmal

ELB SCH mE Gedenkstein 

NL gedenkteken

D'92 stenstytte

M Denkmal

ZUNZ Säule

van Dyke ‎ عَمُودًا von  عمود - Säule, Pfeiler, Pfahl;

B/R Standmal

BiG Kultstele - die damit an die allererste Übersetzung, die LXX anknpüpft;

 

Köln, am Donnerstag, den 25. Juni 2020

 


 

 

 

Gen 28,19 Beth-El 

 


Der Kultgründer Jaakob als Namensgeber:

‎  וַיִּקְרָ֛א אֶת־שֵֽׁם־הַמָּק֥וֹם הַה֖וּא בֵּֽית־אֵ֑ל וְאוּלָ֛ם ל֥וּז שֵׁם־הָעִ֖יר לָרִאשֹׁנָֽה׃ 

 (Gen. 28:19 WTT)

 

mE:

Und er rief aus den Namen des Ortes, dieser ist Beth-El, Haus Gottes, aber Lus war der frühere Name der Stadt.

 

Buber/Rosenzweig:

Er rief den Namen jenes Orts Bet-El, Haus der Gottheit -

früher jedoch war der Name der Stadt Lus.

 

van Dyke:

‎  وَدَعَا اسْمَ ذلِكَ الْمَكَانِ «بَيْتَ إِيلَ» ، وَلكِنِ اسْمُ الْمَدِينَةِ أَوَّلاً كَانَ لُوزَ.  (Gen. 28:19 AVD)

VOKABELN:

دعو  oder دعا , u - rufen;

اولا - erstens, zuerst, anfangs.

 

BEOBACHTUNGEN:

1 LUS

Die LXX hat komischerweise das hebräische Wort אוּלָ֛ם "ulam", was von allen anderen Übersetzungen als adversative Konjunktion verstanden wird, als Bestandteil des früheren Stadtnamens gelesen!

καὶ Ουλαμλους ἦν ὄνομα τῇ πόλει τὸ πρότερον (Gen. 28:19 BGT)

LXXD: und davor hieß die Stadt Ulamluz. 

Ein interessantes Rätsel!

Diese Konjunktion taucht im AT recht selten auf (im Pentateuch, den Fünf Büchern Mose, Tora nur viermal!, hier und Gen 48,19; Ex 9,16 und Num 14,21), dafür aber gleich 10x im Hiobbuch - auch ein Hinweis dafür, dass dieser Text in der jetzigen Fassung nicht wirklich sehr alt sein kann.

 

2 BETH-EL

Einer der Gründe, warum "Haus Gottes" im Vers 17 ohne Artikel stand, kann auch sein, dass dies als Ortsname bereits vorausgesetzt wird, dann erübrigt sich ein Artikel, sowenig, wie man von "dem" Berlin spricht. Hier, wo in einer Kultgründungserzählung der Name eingeführt wird, erstaunt es, dass es neben B/R nur die BFC, EIN, ZINK und BiG für angebracht hält, im Text selbst den Namen "Beth-El" zu erläutern, in allen anderen eingesehenen Übersetzungen taucht er unvermittelt auf. Dass Mendelssohn und ZUNZ dies nicht für nötig hielten, leuchtet ein. In der Synagoge war es nicht nötig, den Namen zu erläutern, die Bedeutung von Beth-El wurde sowieso immer mitgehört. In den übrigen Übersetzungen aber hängt damit der Name völlig in der Luft, die Verbindung zum Vers 17 ist abgeschnitten und warum in Vers 11 dreimal das Wort für "Ort", makom, - in den Versen 28,11-19 wird das Wort sechsmal benutzt!, hier erneut! -  vorkommt, bleibt dann unverständlich - für mich nicht nachvollziehbar. Ich empfinde es als eine Art Degradierung.

 

3 HIMMELSTOR

Warum heißt der Ort nicht "Himmelstor"? Nach Vers 17 könnte auch das erwartet werden. Dieser Ausdruck ist im AT singulär. In der sonstigen antiken Vorstellungswelt dagegen geläufig. Homer und Vergil sprechen davon. Im Alten Ägypten hatten vermutlich die Obelisken, die PAARWEISE standen - nicht wie heute in Paris, London oder New York tout seul auf einem Platz - die Funktion als Himmelstor, durch die - zumindest in On, Heliopolis heute Mattaraya! (liebe Grüße!) - zweimal im Jahr genau dazwischen die Sonne aufging. Außerdem ist in der antiken Astronomie/-logie das Himmelstor bekannt als die Stelle, durch die die Planeten von der Erde aus gesehen samt der Sonne ihre Bahn nehmen und die als Frühlingspunkt eine große Rolle spielte. Ich vermute, der Ort  bzw. die Kultstätte hieß bereits "Haus Gottes" und die Autoren erlaubten sich durch die Anspielung auf die mesopotamischen künstlichen Tempeltürme hier einen Kommentar zu den geläufigen Himmelstor-Vorstellungen ihrer Zeitgenossen.

 

Köln-Merkenich, am Freitag, den 26. Juni 2020

 


 

 

 

Gen 28,20 Jaakobs Gelübde I 

 


Jaakob setzt die Bedingungen:

‎  וַיִּדַּ֥ר יַעֲקֹ֖ב נֶ֣דֶר לֵאמֹ֑ר אִם־יִהְיֶ֙ה אֱלֹהִ֜ים עִמָּדִ֗י וּשְׁמָרַ֙נִי֙ בַּדֶּ֤רֶךְ הַזֶּה֙ אֲשֶׁ֣ר אָנֹכִ֣י הוֹלֵ֔ךְ וְנָֽתַן־לִ֥י לֶ֛חֶם לֶאֱכֹ֖ל וּבֶ֥גֶד לִלְבֹּֽשׁ׃

 (Gen. 28:20 WTT)

 

mE:

Und Jaakob gelobte ein Gelübde: 

Wenn es sein wird, dass Gott mit mir ist und mich behütet auf diesem Weg, den ich gehend bin und gibt mir Brot zum Essen und Kleidung zum Tragen,

 

Buber/Rosenzweig:

Jaakob gelobte ein Gelübde, sprechend:

Wird Gott dasein bei mir

und mich behüten auf diesem Weg, den ich nun gehe,

und mir Brot geben zum Essen, Gewand zur Bekleidung,

 

van Dyke:

‎   وَنَذَرَ يَعْقُوبُ نَذْرًا قَائِلاً: «إِنْ كَانَ اللهُ مَعِي، وَحَفِظَنِي فِي هذَا الطَّرِيقِ الَّذِي أَنَا سَائِرٌ فِيهِ، وَأَعْطَانِي خُبْزًا لآكُلَ وَثِيَابًا لأَلْبَسَ  (Gen. 28:20 AVD)

VOKABELN

نزر , u - geloben; > NOMEN: نزر pl. نزور nuZur - Gelübde;

قاءل - sagend;

حفظ , a - bewahren;

سءر - gehend < سير oder سار gehen;

ثوب pl. ثياب oder أثواب  Gewand;

لبس , a - anziehen.

 

BEOBACHTUNGEN:

1 wenn

Jaakob setzt Gott Bedingungen: "Wenn...". Ohne dieses "wenn" übersetzen mit einer futurischen Konstruktion LUT L17, ZINK und interessanterweise auch Buber/Rosenzweig. Empfanden sie dies als anmaßend? Der Mensch setzt Gott Bedingungen?!  Alle anderen - auch Mendelssohn, ZUNZ und B/M - schreiben "wenn/if/si" etc.

 

2

ZINK leitet dieses Gelübde so ein: "Wird Gott mir Heil geben..." - statt "...mir mir sein..."

 

3 Kleid - Kleider - Kleidung

Das hebräische Wort ‎  בֶ֥גֶד, bägad, steht im Singular.

- Im Singular übersetzen: LXX "ἱμάτιον", LXXD "ein Gewand", KJV "raiment", M, B/R; ZUNZ "ein Kleid";

- Im Plural: NAS "garments", LSG "des habitats", LUT "Kleider": L17, EIN SCH ZUR ZINK; D'92 und D'83 "klæder";

- Mit einem Kollektivbegriff VUL "vestem" < vestis , ESV "clothing", (BFC de quoi ... m'habiller),  ELB "Kleidung", so auch komischerweise die Neuausgabe von Mendelssohns Übersetzung B/M, BiG, mE, NL "kleren".

 

Köln-Merkenich, am Montag, den 29. Juni 2020

 

 

 

 

  

Gen 28,21 Gelübde II 

 


Jaakob setzt weitere Bedingungen:

‎  וְשַׁבְתִּ֥י בְשָׁל֖וֹם אֶל־בֵּ֣ית אָבִ֑י וְהָיָ֧ה יְהוָ֛ה לִ֖י לֵאלֹהִֽים׃

 (Gen. 28:21 WTT)

 

mE:

und ich in Frieden heimkehre ins Haus meines Vaters, dann wird JHWH für mich zum Gott

 

Buber/Rosenzweig:

und kehre in Frieden ich heim zum Haus meines Vaters:

soll ER mir Gott sein,

 

van Dyke:

‎  وَرَجَعْتُ بِسَلاَمٍ إِلَى بَيْتِ أَبِي، يَكُونُ الرَّبُّ لِي إِلهًا (Gen. 28:21 AVD)

VOKABELN:

رجع , i - zurückkehren;

اله , pl. آلهة - Gott.

 

BEOBACHTUNGEN

‎בְשָׁל֖וֹם , b-schalom, ist ein Nomen mit Präfix. Es kann adverbial aufgelöst werden. Es gibt drei Gruppen: Es ist von Frieden, von Sicherheit und vom Wohl die Rede; die VUL geht einen eigenen Weg:

2

Mendelssohn, die Neuausgabe B/M sowie die EIN ziehen die Satzklammer weiter:

EIN: und der Herr sich mir als Gott erweist, dann ...

M: und der Ewige mir als Schutzgott beistehen wird: So ...

Das ist möglich, da die Hebräische Konjunktion ‎  ו , we, ziemlich universal ist, man könnte auch sagen unterbestimmt. Sie lässt damit den Raum frei für viele Varianten - und macht offenbar, was die jeweiligen Übersetzer und Übersetzerinnen denken!

 

Köln-Merkenich, am Dienstag, den 30. Juni 2020

 


 

 

 

Gen 28,22 Gelübde III Kultgründung 

 


Beth-Els Zukunft wird gesichert:

וְהָאֶ֣בֶן הַזֹּ֗את אֲשֶׁר־שַׂ֙מְתִּי֙ מַצֵּבָ֔ה יִהְיֶ֖ה בֵּ֣ית אֱלֹהִ֑ים וְכֹל֙ אֲשֶׁ֣ר תִּתֶּן־לִ֔י עַשֵּׂ֖ר אֲעַשְּׂרֶ֥נּוּ לָֽךְ׃

  (Gen. 28:22 WTT)

 

mE:

Und dieser Stein, den ich zum Gedenkstein errichtete wird ein Haus Gottes 

und alles, von dem du mir gibst, den Zehnten gebend, von ihm nehme ich den Zehnten, gewiss!, für dich!

 

Buber/Rosenzweig:

und dieser Stein, den ich als Standmal errichtete, soll ein Haus Gottes werden,

und alles was du mir geben wirst,

verzehnten will ichs, verzehnten dir.

 

van Dyke:

‎  وَهذَا الْحَجَرُ الَّذِي أَقَمْتُهُ عَمُودًا يَكُونُ بَيْتَ اللهِ، وَكُلُّ مَا تُعْطِينِي فَإِنِّي أُعَشِّرُهُ لَكَ  (Gen. 28:22 AVD)

VOKABELN:

wie in Vers 18:

حجر , u - aufhalten, hindern; von daher das NOMEN: حجر , pl. أحجار  bzw.  حجارة (hidja:ra) - Stein; oder:  حجر  - Beschränkung, Verbot; 

قوم oder قام , u - aufstehen; hier IV. Stamm: aufstellen; 

عشر - zehnteln, den Zehnten nehmen;

PROBLEM: zu ‎  فَإِنِّي fand ich فإن - denn, aber was macht das Suffix daran? "denn mir"??!!

 

BEOBACHTUNGEN:

1 Haus Gottes

Es ist schon komisch: In Vers 17 stand so wenig ein Artikel wie hier: Die gleichen, die im Vers 17 einen Artikel lasen (KJV NAS ESV LS BFC EIN ELB SCH ZUR NL BiG) lesen hier ohne einen - hier also korrekt.

Die Septuaginta hat eine Besonderheit: Dort heißt es von dem errichteten Stein: ἔσται μοι οἶκος θεοῦ  

LXXD: "wird mir Haus Gottes sein"

 

2 gewiss

Im vorletzten hebräischen Wort - ein Form von עשׂר , aser - verzehnten - taucht ein Nun-Energicum auf, ein Suffix, das Nachdruck verleiht. Dies wird übersetzt von:

KJV NAS surely

ELB treu

SCH gewisslich

ZUR getreulich

NL zekar

BiG verlässlich

mE gewiss

Die anderen gehen davon aus, dass es sowieso klar ist, dass Jaakob den Zehnten zahlt?

Dies Nun-Energicum in Jaakobs Gelübde korrespondiert mit dem Nun-Energicum in der Gottesrede V. 13: "die Erde auf der du liegend bist, was sie betrifft, dir gebe ich sie gewiss und deinem Samen." (mE) 

Dort ist es von KEINER der eingesehenen Übersetzungen aufgenommen worden. Vermutlich ist dies ein Opfer der Theologie: Eine Versicherung beinhaltet die Vermutung, dass da etwas unsicher sei, was mit der Verstärkung überwunden wird. Das kann man sich bei Gott offenbar nicht vorstellen. Diese Kleinigkeit ist jedoch die Klammer um die Verse 13-22, Gottesrede und Jaakob-Rede werden damit parallelisiert, die Landeszusage und die Zehntenzusage:

 

3 Objektwechsel

Die Gottesrede in Vers 13ff ist in der zweiten Person Singular, Jaakob wird mit "du" angeredet. Jaakob spricht von Gott in seinem Gelübde in der dritten Person Singular. Erst im letzten Vers 22 wechselt er zum Schluss in die zweite Person - beim Zehnten. Dass dies nicht ganz selbstverständlich ist zeigt die Fassung von ZINK, er bleibt bei der dritten Person: "und von allem, was Gott mir gibt, will ich ihm den Zehnten geben."

Soll mit dem Zehnten - der zuvor in Genesis 14,20 von Abraham an Melchisedek geleistet wurde - die Vergewisserung der Nähe Gottes zum Teil des Alltags werden? Die Kultstätte Beth-El hat damit ihre Einnahmen. Im Nordreich "Israel" (!) ist Beth-El der Konkurrenzort zu Jerusalem.

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch 1. Juli 2020

 


 

 

 

Gen 29,1 Aufbruch 

 


Jaakob bricht auf:

‎  וַיִּשָּׂ֥א יַעֲקֹ֖ב רַגְלָ֑יו וַיֵּ֖לֶךְ אַ֥רְצָה בְנֵי־קֶֽדֶם׃ (Gen. 29:1 WTT)

 

mE

Und Jaakob erhob seine Füße und ging ins Land der Söhne des Ostens.

 

Buber/Rosenzweig:

Jaakob hob seine Füße und ging nach dem Land der Söhne des Ostens.

 

van Dyke:

‎  ثُمَّ رَفَعَ يَعْقُوبُ رِجْلَيْهِ وَذَهَبَ إِلَى أَرْضِ بَنِي الْمَشْرِقِ.  (Gen. 29:1 AVD)

VOKABELN:

ثم - dann;

رفع , u - heben;

مشرك - Osten.

 

BEOBACHTUNGEN:

Zunächst vermutete ich: Was kann schon besonders an diesem Vers sein? Und würde überrascht:

 

1 Füße erheben

Die Wendung  יִּשָּׂ֥א רַגְלָ֑יו ‎   iss'a radjlau - seine Füße heben, so im AT einmalig, ich habe jedenfalls keine weitere Verwendung gefunden - kam den meisten Übersetzerinnen und Übersetzern wohl zu komisch vor. 

Fast wörtlich übernehmen sie:

LXX ἐξάρας Ιακωβ τοὺς πόδας;

LXXD Jakob hob die Füße;

van Dyke  رَفَعَ يَعْقُوبُ رِجْلَيْهِ   - hob Jaakub seine Füße;

Mendelssohn: hub Jakob seine Füße auf;

ZUNZ erhub seine Füße;

B/M mE erhob seine Füße;

Buber/Rosenzweig: hob seine Füße;

BiG kam auf seine Füße.

Die anderen eingesehenen Übersetzungen lassen diese Beschreibung verschwinden hinter:

KJV ESV NAS went on hin journey;

LSG mit en marche BFC route;

LUT L17 ZUR machte sich auf den Weg;

EIN ELB (SCH) machte sich (wieder) auf, Niederländer und Dänen ähnlich.

 

2 Söhne des Ostens

Die Septuaginta traut den Leserinnen und Lesern nicht, dass sie verstehen, was mit den "Söhnen des Ostens" gemeint ist - wer weiß, was man sich in der Stadt Alexanders des Großen am Mittelmeer nicht alles unter "Osten" vorstellt: Indien? - und erläutert ausführlich:

LXXD: Und Jakob hob die Füße und ging ins Ostland, zu Laban, dem Sohn des Syrers Bathuel und Bruder von Rebekka, der Mutter von Jakob und Esau.

Die VULGATA ist hingegen extrem kurz: terram orientalem.

LUT Land, das im Osten liegt.

L17 korrigiert: Land der Söhne des Ostens. So auch SCH ELB EIN ZUR.

Von den Menschen des Ostens spricht NL,

"Land der Morgenländer": Mendelssohn und B/M;

ZUNS: "Söhne des Morgens";

D'93  til landet, hvor Østens folk bor - in das Land, wo die Menschen im Osten wohnen.

D'82 til østens børns land - in das Land der Kinder des Ostens.

 

Köln-Merkenich, am Samstag, den 4. Juli 2020

 

 

 

 

Gen 29,2 

Jaakob sieht sich um:

‎  וַיַּ֞רְא וְהִנֵּ֧ה בְאֵ֣ר בַּשָּׂדֶ֗ה וְהִנֵּה־שָׁ֞ם שְׁלֹשָׁ֤ה עֶדְרֵי־צֹאן֙ רֹבְצִ֣ים עָלֶ֔יהָ כִּ֚י מִן־הַבְּאֵ֣ר הַהִ֔וא יַשְׁק֖וּ הָעֲדָרִ֑ים וְהָאֶ֥בֶן גְּדֹלָ֖ה עַל־פִּ֥י הַבְּאֵֽר׃ 

 (Gen. 29:2 WTT)

 

mE:

Und er sah, siehe!: eine Wasserstelle im Feld und siehe!, dort, drei Schaf- und Ziegenherden sich lagernd davor, um von der Wasserstelle, dieser  zu tränken die Herden, aber der große Stein war auf der Öffnung der Wasserstelle.

 

van Dyke:

‎ وَنَظَرَ وَإِذَا فِي الْحَقْلِ بِئْرٌ وَهُنَاكَ ثَلاَثَةُ قُطْعَانِ غَنَمٍ رَابِضَةٌ عِنْدَهَا، لأَنَّهُمْ كَانُوا مِنْ تِلْكَ الْبِئْرِ يَسْقُونَ الْقُطْعَانَ، وَالْحَجَرُ عَلَى فَمِ الْبِئْرِ كَانَ كَبِيرًا.

   (Gen. 29:2 AVD)

VOKABELN:

حقل pl. حقول - Feld, Acker;

بئر pl.  آبار - Brunnen;

غنم pl. أغنام - Schafe, Kleinvieh;

سق , i - tränken, ABER: WELCHE FORM IST DAS HIER mit nun am Ende??!!

PARTIKEL:

اذا - als, wenn;   اذا oder اذن also, deshalb, folglich;

PROBLEME habe ich mit:

‎ غَنَمٍ رَابِضَةٌ

und

قُطْعَانِ  bzw.  الْقُطْعَانَ

 

BEOBACHTUNGEN:

וְהָאֶ֥בֶן גְּדֹלָ֖ה  weha'äbän gedolah, wird teils attributiv  - ein großer Stein - teils prädikativ - der Stein ist/war groß - übersetzt:

Attributiv: VUL LXXD KJV BFC EIN LUT L17 NL D'92, D'83 ZINK mE

Prädikativ: LXX - komisch, dass LXXD m. E. davon abweicht! - ESV NAS LSG ELB ZUR BiG van Dyke und ALLE jüdischen Übersetzungen: M B/M ZUNZ und B/R.

 

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 8. Juli 2020

 

 

 

 

Gen 29,3 

 


Heute erhalten wir Hintergrundinformationen:

‎  וְנֶאֶסְפוּ־שָׁ֣מָּה כָל־הָעֲדָרִ֗ים וְגָלֲל֤וּ אֶת־הָאֶ֙בֶן֙ מֵעַל֙ פִּ֣י הַבְּאֵ֔ר וְהִשְׁק֖וּ אֶת־הַצֹּ֑אן וְהֵשִׁ֧יבוּ אֶת־הָאֶ֛בֶן עַל־פִּ֥י הַבְּאֵ֖ר לִמְקֹמָֽהּ׃ 

 (Gen. 29:3 WTT)

 

mE:

Und es sammeln sich dort alle Herden und sie rollen den Stein von der Öffnung des Brunnens und tränken das Kleinvieh und bringen zurück den Stein vor die Öffnung des Brunnens an seinen Platz.

 

van Dyke:

‎  فَكَانَ يَجْتَمِعُ إِلَى هُنَاكَ جَمِيعُ الْقُطْعَانِ فَيُدَحْرِجُونَ الْحَجَرَ عَنْ فَمِ الْبِئْرِ وَيَسْقُونَ الْغَنَمَ، ثُمَّ يَرُدُّونَ الْحَجَرَ عَلَى فَمِ الْبِئْرِ إِلَى مَكَانِهِ.  (Gen. 29:3 AVD)

VOKABELN:

جمع , u - versammeln, hier VIII sich versammeln;

جميع - alle

قطع - schneiden > Das Nomen: قطعة  pl. قطع  - Teil; die hier verwendete Form ist mir unklar: الْقُطْعَانِ. Ist das ein Dual??!!

دحرج - rollen, wälzen;

رد , u - zurück geben.

 

BEOBACHTUNGEN:

Die dänische Übersetzung D'92 bringt es auf den Punkt: 

og først når alle hjordene var samlet, kunne man vælte stenen væk fra brønden (Gen. 29:3 D92)

Und erst wenn alle Herden versammelt waren, konnte man den Stein vom Brunnen wegwälzen - 

genau dafür war er ja so groß, damit sich kein Hirt allein am Brunnen bedienen kann...

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 9. Juli 2020

 

 

 

 

Gen 29,4 Meine Brüder 

 


Jaakob begegnet zum ersten Mal in der Fremde Fremden:

‎ וַיֹּ֤אמֶר לָהֶם֙ יַעֲקֹ֔ב אַחַ֖י מֵאַ֣יִן אַתֶּ֑ם וַיֹּ֣אמְר֔וּ מֵחָרָ֖ן אֲנָֽחְנוּ׃ 

   (Gen. 29:4 WTT)

 

mE:

Und Jaakob sprach zu ihnen: Meine Brüder, woher seid ihr? Und sie antworteten ihm: Von Charan sind wir.

 

Buber/Rosenzweig:

Jaakob sprach zu ihnen:

Brüder, wo seid ihr her?

Sie sprachen:

Aus Charan sind wir.

 

van Dyke:

‎ ." فَقَالَ لَهُمْ يَعْقُوبُ: «يَا إِخْوَتِي، مِنْ أَيْنَ أَنْتُمْ؟» فَقَالُوا: «نَحْنُ مِنْ حَارَانَ (Gen. 29:4 AVD)

VOKABEL:

أخ , pl. اخوة oder اخوان - Bruder; vor Genetiv und Suffixen im Nominativ  أخو  , Genitiv  أخى  , Akkusuativ  أخا , pl.   اخوان .

 

BEOBACHTUNGEN:

1 Meine Brüder

אַחַ֖י , achi, "meine Brüder"  als Anrede an Wildfremde geht nicht allen über die Lippen:

Dies vermeiden: LXX, LXXD, VUL D'83 und D'92 ZINK und interessanterweise auch Buber/Rosenzweig!

Dagegen z. B. KJV: "My brethren".

"Meine Freunde" sagen Mendelssohn und B/M, BFC.

LUT nahm sich den Spielraum und schrieb "Liebe Brüder", was die L17 korrigierte: "Meine Brüder".

 

2 Hirten

Hiernonymus hielt die semantische Leerstelle offenbar nicht aus - zu wem spricht Jaakob?! - und ergänzte:

dixitque ad pastores - ihm folgen LSG und BFC.

 

3 Original versus Sprachgefühl

Im Hebräischen wird in diesem Vers beide mal eine Form von אמר, amar, sagen/sprechen, verwendet. 

An dieser nicht gerade bedeutungsvollen Stelle kann man besonders deutlich sehen, wie die Übersetzer und Übersetzerinnen hin und her gerissen sind - zwischen der Nähe zum Original und dem Sprachgefühl der eigenen Sprache. Es ergibt sich eine bunte Vielfalt, die in einer Skala dargestellt werden kann. Von Übersetzungen in Originaltreue - links - bis hin zur schöpferischen Neugestaltung  - rechts:


Köln-Merkenich, am Freitag, den 10. Juli 2020

 

 

 

 

Gen 29,5 

 


In der Pfalz, so erfuhren wir als ich mit meiner Familie in Idar-Oberstein lebte, spottete man gerne über die Saarländer: Wenn sich zwei wildfremde Saarländer irgendwo auf der Welt treffen, forschen sie solange, bis sie einen gemeinsamen Bekannten oder Verwandten finden. Jaakob scheint ein Saarländer zu sein:

‎  וַיֹּ֣אמֶר לָהֶ֔ם הַיְדַעְתֶּ֖ם אֶת־לָבָ֣ן בֶּן־נָח֑וֹר וַיֹּאמְר֖וּ יָדָֽעְנוּ׃

 (Gen. 29:5 WTT)

 

mE:

Und er fragte sie: Ihr kennt Laban, Sohn Nachors?

Und sie antworteten: Kennen wir.

 

Buber/Rosenzweig:

Er sprach zu ihnen:

Kennt ihr Laban, den Sohn Nachors?

Sie sprachen:

Den kennen wir.

 

van Dyke:

‎ .»فَقَالَ لَهُمْ: «هَلْ تَعْرِفُونَ لاَبَانَ ابْنَ نَاحُورَ؟» فَقَالُوا: «نَعْرِفُهُ  (Gen. 29:5 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN:

Das hebräische Verb ידע , jadaa, hat eine ausgesprochen breite Bedeutungsvielfalt. Sie reicht von "seine Frau erkennen" und mit ihr schlafen, Gen 4,1; Gen 4,17 u.ö., (komischerweise nicht umgekehrt), bis dahin, zu erkennen, dass Gott der Herr ist (Ex 29,46; Ps 100,3) und Gott zu kennen (Dan 11,32, mit Negation Hos 5,4); für die Gegenrichtung, von Gott erkannt zu werden, s. Gen 18,19, hier im Sinne von "auserwerwählen" und ausdrücklich in beiden Richtungen Gal 4,9! Auch in Ex 33,17: Gott kennt Mose!

Hier liegt die Bedeutung ziemlich unauffällig dazwischen. Im Sinne von "wahrnehmen, erfahren, kennen, wissen", zieht es nicht immer ein Objekt nach sich wie man hier sieht; laut Gesenius z. B. auch in Lev 5,3 und Hi 9,5 mit der Bedeutung "innewerden". 

"Wissen" oder "kennen" ohne ein Objekt ist im Deutschen und anderen Sprachen kaum möglich, es sei denn in der Form "bekannt", dann aber wäre es reflexiv, "mir bekannt" und müsste im Hebräischen im Nifal stehen. Hier aber steht Qal. 

Ohne ein Objekt übersetzen: 

- LXX γινώσκομεν ; hier weicht die LXXD davon ab und ergänzt ohne es kenntlich zu machen, wie sonst in solchen Fällen, "ihn": "Wir kennen ihn."

- VUL novimus;

- BFC und D'92 lassen die Hirten einfach mit "Oui" bzw. "Ja" antworten.

- mE.

Alle anderen eingesehenen Übersetzungen, auch van Dyke, ergänzen, KJV und NAS machen es als Ergänzung kenntlich. Luther hatte ursprünglich in der Ausgabe von 1545: "Wir kennen jn wol." Das hat offenbar die dänische Übersetzung D'83 übernommen, da antworten die Hirten: "Ja, ham kender vi godt."

 

Köln-Merkenich, am Samstag, den 11. Juli 2020

 

 

 

 

Gen 29,6 

 


Rachel erscheint:

‎  וַיֹּ֥אמֶר לָהֶ֖ם הֲשָׁל֣וֹם ל֑וֹ וַיֹּאמְר֣וּ שָׁל֔וֹם וְהִנֵּה֙ רָחֵ֣ל בִּתּ֔וֹ בָּאָ֖ה עִם־הַצֹּֽאן׃

 (Gen. 29:6 WTT)

 

mE.

Und er sprach zu ihnen: Ist Friede mit ihm?

Und sie sprachen: Friede!

Und siehe! Rachel, seine Tochter, gehend mit den Schafen und Ziegen.

 

Buber/Rosenzweig:

Er sprach zu ihnen:

Ist Friede mit ihm?

Sie sprachen:

Friede - ,

und da kommt ja seine Tochter Rachel mit den Schafen.

 

van Dyke:

‎ "فَقَالَ لَهُمْ: «هَلْ لَهُ سَلاَمَةٌ؟» فَقَالُوا: «لَهُ سَلاَمَةٌ. وَهُوَذَا رَاحِيلُ ابْنَتُهُ آتِيَةٌ مَعَ الْغَنَمِ 

   (Gen. 29:6 AVD)

VOKABEL:

أتي , i - kommen.

 

BEOBACHTUNGEN:

1 schalom etc.

Die Frage Jaakobs,  הֲשָׁל֣וֹם ל֑וֹ , haschalom lo, "ist Friede mit ihm" wird sehr verschieden übersetzt. Ich habe sechs Muster gefunden, wobei nur drei den Frieden mit Frieden übersetzen:


Dass ausgerechnet die "Bibel in gerechter Sprache" hier statt von Frieden von "Ordnung" spricht, lässt tief in den Abgrund der deutschen Seele blicken...

 

2 Rachel  

Ist Rachels Erscheinen Teil der wörtlichen Rede oder ein Part des Erzählers?

Das Partizip בָּאָ֖ה, ba'ah, erlaubt beides. Ich habe es als Part des Erzählers verstanden und so schon die LXX, dem folgend LXXD. Wir stehen aber damit auch allein auf weiter Flur.

 

 

 

 

Gen 29,7 

 


Noch ist der Tag lang:

‎  וַיֹּ֗אמֶר הֵ֥ן עוֹד֙ הַיּ֣וֹם גָּד֔וֹל לֹא־עֵ֖ת הֵאָסֵ֣ף הַמִּקְנֶ֑ה הַשְׁק֥וּ הַצֹּ֖אן וּלְכ֥וּ רְעֽוּ׃ 

 (Gen. 29:7 WTT)

 

mE:

Und er sprach: Sieh, noch ist der Tag groß, nicht Zeit die Herde zu versammeln; tränkt das Kleinvieh und geht weiden!

 

Buber/Rosenzweig:

Er sprach:

Noch ists ja hoch am Tag,

nicht ists die Stude, das Vieh einzuholen,

tränkt die Schafe und geht wieder, weidet.

 

van Dyke:

‎. " فَقَالَ: «هُوَذَا النَّهَارُ بَعْدُ طَوِيلٌ. لَيْسَ وَقْتَ اجْتِمَاعِ الْمَوَاشِي. اِسْقُوا الْغَنَمَ وَاذْهَبُوا ارْعَوْا  (Gen. 29:7 AVD)

VOKABELN:

نهار , pl. أنهر anhur oder نهر nuhur - Tag;

ماشية , pl. مواش  - Vieh;

جمع - sammeln, hier: VIII. Stamm: sich versammeln;

سق , i - tränken;

ذهب , a - gehen;

رعى , a  - weiden.

 

BEOBACHTUNGEN:

Nur Mendelssohn (und die Neuausgabe B/M), sowie die französischen Übersetzungen haben mit mir: "Noch ist der Tag groß", LSG BFC grand jour.

LXX schreibt: ἡμέρα πολλή - LXXD "Der Tag ist noch lang"

VUL adhuc multum diei superest

KJV NAS ESV high day

LUT L17 ZINK hoher Tag

EIN ZUR mitten am Tag

ELB B/R hoch am Tag

SCH heller Tag

NL volop daj

D'83 D'92 højlys dag - was ich besonders schön finde: høj - ist "hoch, groß" lys "licht, hell" = "hellichter Tag"

van Dyke ZUNZ noch ist der Tag lang.

ZINK greift erklärend in den Text ein: "Da fragte Jakob sie: 'Es ist noch hoher Tag und noch nicht Zeit, die Schafe einzutreiben. (Warum wollt ihr hier bis heute abend vor dem verschlossenen Brunnen warten?) Tränkt doch die Schafe und lasst sie dann wieder weiden!"

 

 

 

 

Gen 29,8 

 


‎  וַיֹּאמְרוּ֘ לֹ֣א נוּכַל֒ עַ֣ד אֲשֶׁ֤ר יֵאָֽסְפוּ֙ כָּל־הָ֣עֲדָרִ֔ים וְגָֽלֲלוּ֙ אֶת־הָאֶ֔בֶן מֵעַ֖ל פִּ֣י הַבְּאֵ֑ר וְהִשְׁקִ֖ינוּ הַצֹּֽאן׃ 

 (Gen. 29:8 WTT)

 

mE:

Und sie sprachen: Können wir nicht bis alle Herden sich versammelt haben und wegwälzen den Stein von der Brunnenöffnung und wir das Kleinvieh tränken.

 

Buber/Rosenzweig:

Sie sprachen:

Wir könnens nicht, bis daß alle Herden zusammengeholt sind,

dann wälzt man den Stein von dem Munde des Brunnens und wir tränken die Schafe.

 

van Dyke:

‎ ."فَقَالُوا: «لاَ نَقْدِرُ حَتَّى تَجْتَمِعَ جَمِيعُ الْقُطْعَانِ وَيُدَحْرِجُوا الْحَجَرَ عَنْ فَمِ الْبِئْرِ، ثُمَّ نَسْقِي الْغَنَمَ  (Gen. 29:8 AVD)

Vokabeln:

جميع - Adv. alle, ganz;

قطعة , pl. قطع - Stück, hier: DUAL?

Ansonsten: S. die vorausgegangenen Verse!

 

BEOBACHTUNGEN

1

Gemäß der Septuaginta kommen nicht die Herden, sondern die HIRTEN zusammen: 

LXX πάντας τοὺς ποιμένας (Gen. 29:8 BGT)

LXXD alle Hirten

 

2

Nach der Vulgata wälzen die Sprecher den Stein vom Brunnen:

amoveamus lapidem 

Das hat Luther übernommen:

LUT wir den Stein von des Brunnens Loch wälzen

Die Luther-Reformationsausgabe hat das nicht korrigiert:

L17 wir den Stein von des Brunnens Loch gewälzt haben.

Jörg Zink schließt sich der Vulgata und Luther an und greift erneut erläuternd in den Text ein:

ZINK "Nein", antworten sie, "das dürfen wir nicht! Erst wenn alle Herden versammelt sind, dürfen wir den Stein von der Öffnung des Brunnens wälzen und die Schafe tränken" (das ist die Ordnung, die für diesen Brunnen gilt).

Mit dieser Moralisierung nimmt er der Geschichte die Pointe: Der Stein ist so groß, s. V. 2, DAMIT er nur zusammen weggerollt werden kann und sich kein Hirt ohne die anderen am Brunnen bedienen kann!

 

Köln-Merkenich, am Freitag, den 17. Juli 2020

 

 

 

 

Gen 29,9 Die Hirtin 

 


Nachdem sie schon angekündigt worden war, taucht Rachel jetzt selbst auf:

‎  עוֹדֶ֖נּוּ מְדַבֵּ֣ר עִמָּ֑ם וְרָחֵ֣ל׀ בָּ֗אָה עִם־הַצֹּאן֙ אֲשֶׁ֣ר לְאָבִ֔יהָ כִּ֥י רֹעָ֖ה הִֽוא׃

 (Gen. 29:9 WTT)

 

mE:

Er war noch sprechend mit ihnen und Rachel kam mit dem Kleinvieh ihres Vaters, denn hütend war sie.

 

Buber/Rosenzweig:

Während er noch mit ihnen redete,

kam Rachel mit den Schafen die ihres Vaters waren;

sie war nämlich Hirtin.

‎  وَإِذْ هُوَ بَعْدُ يَتَكَلَّمُ مَعَهُمْ أَتَتْ رَاحِيلُ مَعَ غَنَمِ أَبِيهَا، لأَنَّهَا كَانَتْ تَرْعَى (Gen. 29:9 AVD)

VOKABELN

PARTIKEL:

اذ - da;

بعد - noch;

لأن + Akkusativ - denn, weil;

VERBEN:

أتى , i - kommen;

رعى - weiden.

 

BEOBACHTUNGEN:

רֹעָ֖ה , roaah ist ein weibliches Partizip von רעה, raah, weiden. Die männliche Form dieses Partizips wird z. B. in Gen 4,2 mit einem Nomen "Schäfer" oder "Hirt" übersetzt, so die LXX und VUL und auch LUT L17 und alle eingesehenen Übersetzungen. Wird in diesem Vers das Partizip nicht beibehalten (mE), ist es dementsprechend als "Hirtin/Schäferin" zu übersetzen. Das finden wir bei:

NAS ESV she was a shepherders;

LSG BFC était bergère;

EIN ELB SCH ZUR ZUNZ B/R BiG Hirtin;

NL herderin;

Mendelssohn und B/M Schäferin.

Die anderen Übersetzungen benutzen hingegen ein Verb, so bereits die LXX ἔβοσκεν, LXXD weidete, die VUL pascebat < pasco, pascere, pavi, pastus; KJV she kept them, van Dyke, LUT L17 sie hütete, D'83'92 vogtede. ZINK löst das Partizip vollständig auf: "denn ihr waren sie [die Schafe] anvertraut".

Eine Frau als Hirtin - ich habe alle Stellen mit רעה, raah, weiden durchgemustert -, das ist in der gesamten Bibel EINMALIG!

 

Köln-Merkenich, am Samstag, den 18. Juli 2020

 

 

 

 

Gen 29,10 Die Gegenwart der Mutter und ihre Psychodynamik 

Jetzt erst erblickt Jaakob Rachel und bringt als Halbstarker prompt die sorgfältig austarierte Sozialordnung durcheinander - er wird lange dafür büßen müssen...:

‎  וַיְהִ֡י כַּאֲשֶׁר֩ רָאָ֙ה יַעֲקֹ֜ב אֶת־רָחֵ֗ל בַּת־לָבָן֙ אֲחִ֣י אִמּ֔וֹ וְאֶת־צֹ֥אן לָבָ֖ן אֲחִ֣י אִמּ֑וֹ וַיִּגַּ֣שׁ יַעֲקֹ֗ב וַיָּ֤גֶל אֶת־הָאֶ֙בֶן֙ מֵעַל֙ פִּ֣י הַבְּאֵ֔ר וַיַּ֕שְׁקְ אֶת־צֹ֥אן לָבָ֖ן אֲחִ֥י אִמּֽוֹ׃ 

 (Gen. 29:10 WTT)

 

mE: 

Und es geschah: Als Jaakob Rachel sah, die Tochter Labans, des Bruders seiner Mutter, und das Kleinvieh Labans, des Bruders seiner Mutter, da kam Jaakob näher und wälzte den Stein von der Öffnung des Brunnens und tränkte das Kleinvieh von Laban, des Bruders seiner Mutter.

 

Buber/Rosenzweig:

Sowie nun Jaakob Rachel sah, die Tochter Labans des Bruders seiner Mutter, und die Schafe Labans des Bruders seiner Mutter,

trat Jaakob herzu,

er wälzte den Stein von dem Munde des Brunnens und tränkte die Schafe Labans, des Bruders seiner Mutter.

 

van Dyke:

‎  فَكَانَ لَمَّا أَبْصَرَ يَعْقُوبُ رَاحِيلَ بِنْتَ لاَبَانَ خَالِهِ، وَغَنَمَ لاَبَانَ خَالِهِ، أَنَّ يَعْقُوبَ تَقَدَّمَ وَدَحْرَجَ الْحَجَرَ عَنْ فَمِ الْبِئْرِ وَسَقَى غَنَمَ لاَبَانَ خَالِهِ. (Gen. 29:10 AVD)

VOKABELN:

VERBEN:

بصر  - sehen, schauen, hier: IV. Stamm: sehen;

 دحرج - rollen, wälzen;

سقى , i - tränken

NOMEN:

خال  pl.  أخوال oder  خوولة - Onkel mütterlicherseits;

حجر - Stein, von:  حجر , u - aufhalten;

PARTIKEL:

لما - als, nachdem, da.

 

 

BEOBACHTUNGEN:

Dreimal wird im Text Jaakobs Mutter genannt. Das war Hieronymos offenbar zu doof - es klingt wie der Refrain in einem Lied! Er bringt die Mutter vollständig zum Verschwinden und spricht stattdessen von der Cousine mütterlicherseits: VUL consobrinam < consobrina und vom Onkel mütterlicherseit avunculi < avunculus.

Genauso verfährt die BFC, hier wird die Mutter mit keinem Wort erwähnt, sie spricht nur von "cousine" und "oncle" (2x).

In den Dänischen Übersetzungen klingt im Wort für "Bruder der Mutter" immerhin noch die Mutter an "morbor", "Mutterbruder", früher im Deutschen: Oheim. 

Auch im Arabsischen scheint es nicht möglich zu sein vom "Bruder seiner Mutter" zu sprechen, ohne zugleich den Einwand zu hören, "ach du meinst خال (chal), sag das doch gleich!"

ZINK kürzt einmal die Mutter raus und die Gute Nachricht Bibel, GN spricht nur einmal von ihr.

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 22. Juli 2020

 

 

 

 

Gen 29,11 

 


‎  וַיִּשַּׁ֥ק יַעֲקֹ֖ב לְרָחֵ֑ל וַיִּשָּׂ֥א אֶת־קֹל֖וֹ וַיֵּֽבְךְּ׃ 

 (Gen. 29:11 WTT)

 

mE:

Und Jaakob küsste Rachel und er erhob seine Stimme und weinte:

 

Buber/Rosenzweig:

Dann küßte Jaakob Rachel, und er erhob seine Stimme und weinte.

 

van Dyke:

‎ . وَقَبَّلَ يَعْقُوبُ رَاحِيلَ وَرَفَعَ صَوْتَهُ وَبَكَى  (Gen. 29:11 AVD)

VOKABELN:

قبل , a - empfangen, hier II. Stamm: küssen;

رفع , a - heben;

بكى , i - weinen.

 

BEOBACHTUNGEN:

Das Männlichkeitsideal "Männer weinen nicht" kann sich nicht auf die Bibel und noch weniger auf Homer stützen: Kaum weinen Männer so viel wie in der Odyssee.

Wie sähe diese Geschichte aus der Erzählperspektive der Rachel aus?

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 23. Juli 2020

 

 

 

 

Gen 29,12 verwandt 

 


  וַיַּגֵּ֙ד יַעֲקֹ֜ב לְרָחֵ֗ל כִּ֣י אֲחִ֤י אָבִ֙יהָ֙ ה֔וּא וְכִ֥י בֶן־רִבְקָ֖ה ה֑וּא וַתָּ֖רָץ וַתַּגֵּ֥ד  לְאָבִֽיהָ׃

 (Gen. 29:12 WTT)

 

mE:

Und Jaakob berichtete, dass, ein Bruder ihres Vaters er sei und dass er ein Sohn Ribkas sei und sie lief und berichtete ihrem Vater.

 

Buber/Rosenzweig:

Und Jaakob meldete Rachel,

daß er ihres Vaters Bruder sei und daß er Ribkas Sohn sei.

Sie lief und meldete es ihrem Vater.

 

van Dyke:

‎  وَأَخْبَرَ يَعْقُوبُ رَاحِيلَ أَنَّهُ أَخُو أَبِيهَا، وَأَنَّهُ ابْنُ رِفْقَةَ، فَرَكَضَتْ وَأَخْبَرَتْ  أَبَاهَا. (Gen. 29:12 AVD)

VOKABELN:

VERBEN

خبر , u - erproben, erleben, erfahren; HIER: IV. Stamm: benachrichtigen, melden;

ركض , u - laufen

PARTIKEL

أنه - dass er

 

BEOBACHTUNGEN:

Erst beeinflusst von der Buber/Rosenzweig-Übersetzung ersetzte ich in meiner Übersetzung "Verwandter" durch "Bruder": Das hebräische אֲחִ֤י, das ist ‎אָח  im status constructus, kann auch Verwandter heißen, bedeutet aber in der Tat in erster Linie "Bruder". So findet sich beides:


Interessant ist, dass jüdische, englische und deutsche Übersetzungen beide Varianten haben. Für andere  (französisch, niederländisch, dänisch) ging es offenbar zu weit. Das dänische Wort frænde habe ich im kleinen Langenscheidt Wörterbuch, mit dem ich mich 1985/86 in Kopenhagen zurecht fand, schon nicht mehr gefunden. Es war damals also schon veraltet.

Wo Cousins-Ehen normal waren, gibt es anscheinend auch einen weiten Begriff von "Bruder", vgl. das ansonsten ganz einmalige "Menschenbrüder" zwischen Abraham und seinem Neffen Lot,  Gen 13,8.

Cousinsehen wurden in Deutschland erst unter Einfluss der Kirche im Mittelalter verboten. Damit  war es weniger häufig, dass Grundstücke in der Familie blieben, sie also häufiger der Kirche vermacht wurden. 

 

Köln-Merkenich, am 12. August 2020

 

 

 

 

Gen 29,13 Die Höre 

 


Die Geschichte von Jaakob und Laban beginnt:

‎וַיְהִי֩ כִשְׁמֹ֙עַ לָבָ֜ן אֶת־שֵׁ֣מַע׀ יַעֲקֹ֣ב בֶּן־אֲחֹת֗וֹ וַיָּ֤רָץ לִקְרָאתוֹ֙ וַיְחַבֶּק־לוֹ֙ וַיְנַשֶּׁק־ל֔וֹ וַיְבִיאֵ֖הוּ אֶל־בֵּית֑וֹ וַיְסַפֵּ֣ר לְלָבָ֔ן אֵ֥ת כָּל־הַדְּבָרִ֖ים הָאֵֽלֶּה׃  (Gen. 29:13 WTT)

 

mE:

Und es geschah, dass Laban vernahm das Vernommene von Jaakob, dem Sohn seiner Schwester und er rannte um ihm zu begegnen und umarmte ihn und küsste ihn und brachte ihn in sein Haus und er erzählte Laban alle diese Geschichten.

 

Buber/Rosenzweig:

Als nun Laban das Vernehmen von Jaakob, dem Sohn seiner Schwester vernahm,

lief er ihm entgegen, umarmte ihn und küßte ihn ab und ließ ihn in sein Haus mitkommen.

Und er erzählte Laban all die Begebnisse.

 

van Dyke:

‎  فَكَانَ حِينَ سَمِعَ لاَبَانُ خَبَرَ يَعْقُوبَ ابْنِ أُخْتِهِ أَنَّهُ رَكَضَ لِلِقَائِهِ وَعَانَقَهُ وَقَبَّلَهُ وَأَتَى بِهِ إِلَى بَيْتِهِ. فَحَدَّثَ لاَبَانَ بِجَمِيعِ هذِهِ الأُمُورِ.  (Gen. 29:13 AVD)

VOKABELN:

VERBEN:

لقى , a - begegnen, hier III. Stamm ( = einfügen von ا nach dem ersten Radikal): begegnen;

 عانق - umarmen

قبل , a - empfangen, II. Stamm (Verdoppelung des mittleren Radikals): küssen;

أتى - kommen, bringen;

حدث , u - geschehen, II. Stamm: erzählen;

NOMEN:

أمر , pl. أمور - Angelegenheit, Sache;

PARTIKEL:

حين - während, als;

جميع - alle, ganz.

 

BEOBACHTUNGEN:

Im ersten Teil dieses Verses steht eine sogenannte figura etymologica: Zwei Wörter aus dem gleichen Stamm, hier von  שׁמע, schamaa, hören, einmal als Verb und dann als Nomen, wörtlich: "als Laban die Höre hörte". Keine der eingesehenen Übersetzungen bildet dieses Sprachspiel nach, selbst van Dyke nicht, außer B/R et moi.

Interessant an dieser Stelle die KJV: when Laban heard the tidings of Jacob (Gen. 29:13 KJV) - "tidings" laut Merriam-Webster pl. von tiding aus dem Mittel- und Altenglischen aus dem Französischen "tidan", "a peace of news".

Und die BiG: "Als Laban das Gerücht ... hörte"

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 13. August 2020

 

 

 

 

Gen 29,14 Mein Knochen und Fleisch 

 


Laban erklärt die Verwandtschaft:

‎  וַיֹּ֤אמֶר לוֹ֙ לָבָ֔ן אַ֛ךְ עַצְמִ֥י וּבְשָׂרִ֖י אָ֑תָּה וַיֵּ֥שֶׁב עִמּ֖וֹ חֹ֥דֶשׁ יָמִֽים׃ 

 (Gen. 29:14 WTT)

 

mE:

Und Laban sprach zu ihm: Gewiss, mein Knochen und mein Fleisch bist du!

Und er wohnte bei ihm Neumondtage.

 

Buber/Rosenzweig:

Laban sprach zu ihm:

Freilich, du bist mein Bein und mein Fleisch.

Und er blieb bei ihm die Tage einer Mondneuung.

 

van Dyke:

‎  فَقَالَ لَهُ لاَبَانُ: «إِنَّمَا أَنْتَ عَظْمِي وَلَحْمِي» . فَأَقَامَ عِنْدَهُ شَهْرًا مِنَ الزَّمَانِ.  (Gen. 29:14 AVD)

VOKABELN:

VERB:

قوم oder قام , u - aufstehen, hier IV. STAMM (ein ا vor der Grundform): aufstellen, wohnen;

NOMEN:

عظم - Knochen;

شهر , pl.  أشهر  oder شهور  - Monat;

زمان , pl. أزمنة - Zeit, Epoche;

PARTIKEL:

انما - nur, doch, vielmehr.

 

BEOBACHTUNGEN:

Die Redewendung "mein Knochen und mein Fleisch" begegnet verschiedentlich als Verwandtschafts- und Freundschaftsformel: 2 Sam 19,13 und 14, am Bekanntesten: Gen 2,23.

So übernehmen es die Septuaginta, Vulgata, KJV, NAS, ESV, die ältere Französische Übersetzung LSG, die Niederländische und die arabische Übersetzung.

Luther erschien das wohl zu hart (!) und wählte 1545 den Ausdruck "bein", daraus machte man 1984 und 2017 "Gebein", so auch SCH ZUR BiG. Beim "Bein" bliegen ELB EIN und die jüdischen Übersetzungen von Mendelssohn (B/M), Zunz und Buber/Rosenzweig.

In eine eigene Redewendung verwandeln den Ausdruck beide dänischen Übersetzungen D'83 und D'92: "samme kød og blod" - "gleiche Fleisch und Blut", so auch ZINK und die GN.

Interessanterweise hat keine der bis hierher genannten Übersetzungen Anstoß an dem Ausdruck "mein Fleisch" genommen, im Arabischen klingt es richtig roh - oder gibt es das im Arabischen als Redewendung?

Die moderne Französische Übersetzung BFC löst das ganze Bild auf und ersetzt es durch ein "moderneres":

«Tu es vraiment de ma famille, du même sang que moi.» (Gen. 29:14 BFC) Warum ausgerechnet "vom gleichen Blut" mehr aussagt als "vom gleichen Knochen und Fleisch" ist mir rätselhaft. 

"Mein Fleisch" im Sinne von Verwandtschaft und eigene Kinder findet sich im Übrigen auch im Lateinischen bei Ovid, vgl. Georges, Art. Fleisch (Bildschirmseite 67.541) und viscus (60.028). Es ist also kulturell in Europa doppelt tief verankert, vgl. Neh 5,5: "wie das Fleisch unsrer Brüder ist unser Fleisch, wie ihre Söhne sind unsre Söhne" (Buber/Rosenzweig)

Die Redewendung "Fleisch und Blut" im Sinne von "Mensch" erscheint bereits in Sir 17,31, vgl. Mt 16,17 und 1 Kor 15,50. Sie hat also eine eigene Traditionslinie, unabhängig von der Abendmahlsliturgie, die vom "Leib" spricht und nicht vom "Fleisch", außer in Jh 6,54.56.

Die Übersicht:


Köln-Merkenich, am Freitag, den 14. August 2020

 

 

 

 

Gen 29,15 

 


Der Bruderlohn:

‎  וַיֹּ֤אמֶר לָבָן֙ לְיַעֲקֹ֔ב הֲכִי־אָחִ֣י אַ֔תָּה וַעֲבַדְתַּ֖נִי חִנָּ֑ם הַגִּ֥ידָה לִּ֖י מַה־מַּשְׂכֻּרְתֶּֽךָ׃ 

 (Gen. 29:15 WTT)

 

mE: 

Und Laban sprach zu Jaakob: Weil du mein Bruder bist, dienst du mir umsonst?! Erklär mir doch: Was ist dein Lohn?

 

Buber/Rosenzweig:

Laban sprach zu Jaakob:

Sollst du mir denn, weil du mein Bruder bist, umsonst dienen?!

melde mir, was soll dein Lohn sein?

 

van Dyke:

‎ثُمَّ قَالَ لاَبَانُ لِيَعْقُوبَ: «أَلأَنَّكَ أَخِي تَخْدِمُنِي مَجَّانًا؟ أَخْبِرْنِي مَا أُجْرَتُكَ  (Gen. 29:15 AVD)

VOKABELN:

VERBEN:

خدم , i - dienen;

اجر , u - belohnen, IV. Stamm: vermieten, DARAUS: NOMEN: اجر  , pl.  أجور   - Lohn

ADVERB:

مجانا  - umsonst, AUS:  مجان - schamlos, Witzbold, kostenlos;

PARTIKEL:

ثم - dann, darauf;

الأن - jetzt.

 

BEOBACHTUNG:

Die Übersetzung von אָחִ֣י , mein Bruder, fällt mit einer Ausnahme genauso aus, wie in Vers Gen 29,12. Nur die Schlachterbibel schwankt. In Vers 12 gehörte sie zur Bruder-Fraktion, hier schlägt sie sich zur Neffen-Partei. Die Macht der Vereindeutigung. 

 

Köln-Merkenich, am 18. August 2020

 

 

 

 

Gen 29,16 - und die Mutter? 

 


Labans Töchter:

‎  וּלְלָבָ֖ן שְׁתֵּ֣י בָנ֑וֹת שֵׁ֤ם הַגְּדֹלָה֙ לֵאָ֔ה וְשֵׁ֥ם הַקְּטַנָּ֖ה רָחֵֽל׃ 

 (Gen. 29:16 WTT)

 

mE:

Und dem Laban waren zwei Töchter, der Name der Großen war Lea und der Name der Kleinen Rachel.

 

Buber/Rosenzweig:

Laban hatte aber zwei Töchter, der Name der Ältern war Lea, der Name der Jüngern war Rachel.

 

van Dyke:

‎  وَكَانَ لِلاَبَانَ ابْنَتَانِ، اسْمُ الْكُبْرَى لَيْئَةُ وَاسْمُ الصُّغْرَى رَاحِيلُ. (Gen. 29:16 AVD)

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 19. August 2020

 

P.S.: Und wer ist die Mutter der beiden?

 


 

 

 

Gen 29,17 Schönheitsideale 

 


Die Töchter Labans werden vorgestellt:

‎  וְעֵינֵ֥י לֵאָ֖ה רַכּ֑וֹת וְרָחֵל֙ הָֽיְתָ֔ה יְפַת־תֹּ֖אַר וִיפַ֥ת מַרְאֶֽה׃

 (Gen. 29:17 WTT)

 

mE:

Und Leas Augen waren schwach und Rachel hatte eine schöne Gestalt und schöne Erscheinung.

 

Buber/Rosenzweig:

Die Augen Leas waren schwach, Rachel aber war schön von Gestalt und schön von Angesicht.

 

van Dyke:

‎ وَكَانَتْ عَيْنَا لَيْئَةَ ضَعِيفَتَيْنِ، وَأَمَّا رَاحِيلُ فَكَانَتْ حَسَنَةَ الصُّورَةِ وَحَسَنَةَ الْمَنْظَرِ. 

   (Gen. 29:17 AVD)

VOKABELN

PARTIKEL:

اما - was betrifft;

ADJEKTIVE:

ضعيف , pl. ضعفاء duAfa' - schwach;

حسن -  schön;

VERB

حسن , u - schön sein;

NOMEN:

حسن husn - Schönheit;

صورة , pl. صور Bild, Figur, Gestalt;

منظر manthur, pl.  مناظر manathir - Anblick, Erscheinung.

 

BEOBACHTUNGEN:

1 LEAS AUGEN

Die älteste Übersetzung von allen, die Septuaginta der jüdischen Gemeinde aus Alexandria, versteht das hebräische Wort רַכּ֑וֹת als  ἀσθενεῖς  < ἀσθενής, ές schwach, kraftlos, LXXD: schwach.

Dem folgen fast alle Übersetzungen mit zwei Ausnahmen aus der jüngsten Zeit:

lippis erat oculis - VUL - (seltener Ausdruck für "müde Augen" oder "wässrige" bzw. "entzündete Augen");

tender - KJV;

weak - NAS, ESV;

délicats - LSG;

terne (matt, trüb) - BFC;

ohne Glanz - LUT, ZINK, glanzlose Augen - GN;

matt - ELB, EIN, SCH, ZUR, ZUNZ;

blöde - M und B/M; so aber auch Luther 1545: Lea hatte ein Blöde gesicht;

fletse (fahl, matt) - NL;

matte - D'83 und D'92.

Davon weichen ab:

zärtlich - BiG und

 

sanft - L17.

2 SCHÖNHEITSIDEALE

Wie sah Rachel aus? Hier fahren die Schönheitsideale der jeweiligen Zeit mit einem Karussell.

a) war oder hatte?

Das hebräische Verb, das mitten im Vers auftaucht, הָֽיְתָ֔הist eine Form von היה und bedeutet "sein, geschehen, haben" - ein Universalwort. 

Mit viereinhalb Ausnahmen wurde es mit "war" übersetzt, "hatte" sagen: BiG, D'82, SCH EIN (II) und mE.

b) Nicht schön schön?

Im Hebräischen wird zweimal das gleiche Adjektiv יָפֶה , schön,  verwendet.

Schon die Septuaginta, LXX, weicht davon ab und schreibt:

LXX Ραχηλ δὲ καλὴ τῷ εἴδει καὶ ὡραία τῇ ὄψει

LXXD Rachel dagegen war schön von Gestalt und prächtig im Aussehen.

Dem schließen sich an:

VUL Rahel decora facie et venusto aspectu (s. die zweite Tabelle unten).

KJV Rachel was beautiful and well favoured.

BFC Rachel était bien faite et ravissante. [entzückend, hinreißend; bei Tieren "reißend"!]

NL Rachel was mooi van gestalte en knap om te zien.

Luther 1545 Rahel war hubsch vnd schön.

ZINK lieblich von Gestalt und schön von Angesicht.

BiG eine schöne Figur und sah gut aus.

D'92 var smuk og så dejlig ud.

c) Bei "schön" bleiben:

NAS was beautiful of form and face.

ESV Rachel was beautiful in form and appearance.

LSG Rachel était belle de taille et belle de figure. [Man beachte den krassen Unterschied zur BFC!, s.o.]

LUT L17 war schön von Gestalt und von Angesicht.

SCH hatte eine schöne Gestalt und ein schönes Angesicht.

ELB schön von Gestalt und schön von Aussehen.

EIN  schön von Gestalt und hatte ein schönes Gesicht.

ZUR von schöner Gestalt und von schönem Aussehen.

GN war überaus schön. [- Und macht es sich damit ganz einfach!]

D'83 havde  en dejlig skikkelse [Gestalt] og så dejlig ud. [Das mit der Gestalt war neun Jahre später auch schon altmodisch, s.o.] 

van Dyke حسن , B/R et moi.

d) Drei jüdische Übersetzungen gehen - was das Schönheitsideal betrifft - einen eigenen Weg.

MENDELSSOHN machte den Anfang:

M Rachel aber war schön von Bildung und schön von Farbe. 

So auch die Neuübertragung B/M.

ZUNZ Rachel war schön von Bildung und schön von Ansehen.

Der Wandel des Schönheitsideals zeigt noch einmal die Übersicht der Übersetzungen der beiden hebräischen Ausdrücke:

Der erste Ausdruck:


Der zweite Ausdruck:

Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 20. August 2020

 

 

 

 

Gen 29,18 Brautgabe 

 


Wohl eher ungewöhnlich verhandelt der zukünftige Bräutigam die Brautgabe, wurde auch die Braut gefragt?

‎  וַיֶּאֱהַ֥ב יַעֲקֹ֖ב אֶת־רָחֵ֑ל וַיֹּ֗אמֶר אֶֽעֱבָדְךָ֙ שֶׁ֣בַע שָׁנִ֔ים בְּרָחֵ֥ל בִּתְּךָ֖ הַקְּטַנָּֽה׃

 (Gen. 29:18 WTT)

 

mE:

Und Jaakob liebte Rachel und sprach: Ich diene dir sieben Jahre für Rachel, deine kleine Tochter.

 

Buber/Rosenzweig:

Jaakob liebte Rachel.

Er sprach:

Ich will dir sieben Jahre dienen um Rachel, deine jüngere Tochter.

 

van Dyke:

‎ وَأَحَبَّ يَعْقُوبُ رَاحِيلَ، فَقَالَ: «أَخْدِمُكَ سَبْعَ سِنِينٍ بِرَاحِيلَ ابْنَتِكَ الصُّغْرَى  (Gen. 29:18 AVD)

VOKABELN:

خدم , i - dienen (Vgl. Vers. 15);

سنة , pl. سنوات  sanawat oder  سنون sinun , davon der Genitiv plural:  سنين  - Jahr.

 

BEOBACHTUNG:

Einige Übersetzungen weichen vom Gesamtbild ab und sprechen statt von "dienen" von "arbeiten":

BFC travaillerai

NL werken

BiG  arbeiten 

GN: Sie vereindeutigt ganz entschieden: Jakob liebte die Jüngere, und so sagte er: "Gib mir Rahel! Ich will ihretwegen sieben Jahre für dich arbeiten."

 

Köln-Merkenich, am Freitag, den 21. August 2020

 

 

 

 

Gen 29,19 Brautvertrag 

 


Laban schlägt ein:

‎  וַיֹּ֣אמֶר לָבָ֗ן ט֚וֹב תִּתִּ֣י אֹתָ֣הּ לָ֔ךְ מִתִּתִּ֥י אֹתָ֖הּ לְאִ֣ישׁ אַחֵ֑ר שְׁבָ֖ה עִמָּדִֽי׃

 (Gen. 29:19 WTT)

 

mE:

Und Laban sprach: Es ist besser, dass ich dir sie gebe als dass ich sie einem anderen Mann gebe, wohne doch bei mir!

 

Buber/Rosenzweig:

Laban sprach:

Besser, ich gebe sie dir, als ich gebe sie einem anderen Mann,

verweile bei mir.

 

van Dyke:

‎  فَقَالَ لاَبَانُ: «أَنْ أُعْطِيَكَ إِيَّاهَا أَحْسَنُ مِنْ أَنْ أُعْطِيَهَا لِرَجُل آخَرَ. أَقِمْ عِنْدِي (Gen. 29:19 AVD)

VOKABELN:

VERBEN:

عطو  oder  عطا , u - empfangen, nehmen, III. Stamm + ه - geben, hier IV. Stamm + ه  - geben, schenken;

قوم oder قام , u aufstehen, hier IV. Stamm: erheben, wohnen, verweilen!

PARTIKEL:

ايا + Suffix z. B. 2. Sg.: اياك dich.

 

BEOBACHTUNGEN:

Beim hebräischen Verb für "wohnen, verweilen",  ישׁב  jaschav, steht in diesem Vers zur Imperativform  noch ein sogenanntes Heh-cohortativum, das die Aufforderung verstärkt (Edel, Grammatik S. 27): שְׁבָ֖ה schevah.

Das finde ich in zwei Übertragungen wieder:

BiG: Bleib also bei mir. Und

D'83 bliv kun hos mig. kun = nur, bloß. Die Übersetzung D'92 hat dies schon nicht mehr.

Alle anderen sahen diese Bedeutungsnuance wohl schon mit dem Imperativ gegeben. Woraus ich entnehme: Im Hebräischen hatte der Imperativ nicht immer einen starken und bindenden Befehlscharakter- auch sympathisch. Schon die Septuaginta beließ es beim einfachen Imperativ. Ihr folgten die übrigen.

 

Köln-Merkenich, am Dienstag, den 25. Augt 2020

 

 

 

 

Gen 29,20 Sieben Jahre wie paar Tage 

 


Jaakobs Liebe:

‎  וַיַּעֲבֹ֧ד יַעֲקֹ֛ב בְּרָחֵ֖ל שֶׁ֣בַע שָׁנִ֑ים וַיִּהְי֤וּ בְעֵינָיו֙ כְּיָמִ֣ים אֲחָדִ֔ים בְּאַהֲבָת֖וֹ אֹתָֽהּ׃

 (Gen. 29:20 WTT)

 

mE:

Und Jaakob diente für Rachel sieben Jahre und sie waren in seinen Augen wie einige Tage in seiner Liebe zu ihr.

 

Buber/Rosenzweig:

Jaakob diente um Rachel sieben Jahre,

und sie waren in seinen Augen wie einige Tage, weil er sie liebte.

 

van Dyke:

‎  فَخَدَمَ يَعْقُوبُ بِرَاحِيلَ سَبْعَ سِنِينٍ، وَكَانَتْ فِي عَيْنَيْهِ كَأَيَّامٍ قَلِيلَةٍ بِسَبَبِ مَحَبَّتِهِ لَهَا. (Gen. 29:20 AVD)

VOKABELN:

VERBEN:

خدم , i - dienen;

NOMEN:

 سبب , pl. أسباب - Grund, Ursache;

محبة - Liebe;

PARTIKEL:

بسبب - wegen;

قليل , pl. قلال  oder قلائل wenig, gering;

قليللا - ein wenig, etwas.

 

BEOBACHTUNGEN:

Nominalstil wirkt im Deutschen zumeist hölzern und passt gerade hier, so auch mein Stilempfinden, gar nicht. Luther übersetzt besonders schön: LUT L17 "so lieb hatte er sie", auch wenn er damit aus dem Lieben ein Liebhaben macht. Das vermeiden bemerkenswerterweise die anderen deutschen Übersetzungen, hier allen voran Mendelssohn M und B/M: "so sehr liebte er sie". Schon die Septuaginta gab in dieser Weise den Ton an: LXX παρὰ τὸ ἀγαπᾶν αὐτὸν αὐτήν - LXXD: "weil er sie liebte."

Das hebräische Original ist doppeldeutig: Die hebräische Fügung - בְּאַהֲבָת֖וֹ  be'ahavatho - setzt sich zusammen aus der Vorsilbe "be" - "in, mit" plus der Nachsilbe "o" = 3. Person Singular und  אַהֲבָה , 'ahavah: Es ist gebildet aus dem Infinitiv - und in dieser Weise exakt von der LXX nachgebildet! - und kann als Nomen, "Liebe", verstanden werden.

Das Nomen bilden nach: 

- Die Vulgata, VUL prae amoris magnitudine, 

- alle eingesehenen englischen Übersetzungen: KJV for the love he had to her; ähnlich NAS because of his love to her; ESV because of the love he had for her.

- van Dyke مَحَبَّتِهِ ,

- BiG "durch seine Liebe zu ihr" und

- mE.

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 26. August 2020

 

 

 

 

Gen 29,21 und Rahel? 

 


Mit einem Satz sind sieben Jahre um - Erzählzeit und erzählte Zeit gehen hier recht weit auseinander:

‎וַיֹּ֙אמֶר יַעֲקֹ֤ב אֶל־לָבָן֙ הָבָ֣ה אֶת־אִשְׁתִּ֔י כִּ֥י מָלְא֖וּ יָמָ֑י וְאָב֖וֹאָה אֵלֶֽיהָ׃ 

 (Gen. 29:21 WTT)

 

mE:

Und Jaakob sprach zu Laban: Gib doch meine Frau! Denn erfüllt sind meine Tage und ich will doch zu ihr eingehen!

 

Buber/Rosenzweig:

Dann sprach Jaakob zu Laban:

Her nun mein Weib, denn meine Werktage sind voll,

daß ich zu ihr eingehe.

 

van Dyke:

‎  ثُمَّ قَالَ يَعْقُوبُ لِلاَبَانَ: «أَعْطِنِي امْرَأَتِي لأَنَّ أَيَّامِي قَدْ كَمُلَتْ، فَأَدْخُلَ عَلَيْهَا  (Gen. 29:21 AVD)

VOKABELN:

PARTIKEL

ثم - dann;

قد - bereits;

VERBEN:

كمل kamul, u - voll sein;

دخل , u - hineingehen, hier IV. Stamm - hineinbringen, einführen.

 

BEOBACHTUNGEN:

Die sexuelle Konnotation ist von Anfang an mitgehört worden:

LXX ὅπως εἰσέλθω πρὸς αὐτήν

LXXD damit ich zu ihr hineingehe

VUL ut ingrediur ad eam

KJV go in unto her

ELB SCH B/R ZINK (mE) dass ich zu ihr eingehe

D'83 und '92: så jeg kan gå ind til hende.

Züchtig sind interessanterweise besonders  die moderneren Übersetzungen:

BFC je veux l'epouser

GN ich will mit ihr Hochzeit halten

BiG [!] ich will bei ihr sein.

So aber auch schon LUT L17 dass ich zu ihr gehe - EIN ZUR ich will nun zu ihr gehen

ZUNZ dass ich zu ihr komme

NL zodat ik bij haar kan komen.

Eindeutig aber schon Luther von 1545: denn die zeit ist hie, das ich beylige.

Und Mendelssohn M B/M: dass ich ihr beiwohne.

Und was sagt Rahel dazu?

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 27. August 2020

 

P.S.: 

Die große Liebesgeschichte in einem Satz vom gestrigen Vers - 

B/R: "Jaakob diente um Rachel sieben Jahre,

und sie waren in seinen Augen wie einige Tage, weil er sie liebte." - 

lässt den Gedanken in Psalm 90,4 wie eine große Liebesgeschichte Gottes erscheinen:

L17: "Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache."

Erst im zweiten Petrusbrief wird dieser Gedanke in beide Richtungen hin gewendet, 2 Petr 3,8:

L17: "Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, dass ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag."

 

 

 

 

Gen 29,22 Trinke 

 


Laban lädt ein:

‎  וַיֶּאֱסֹ֥ף לָבָ֛ן אֶת־כָּל־אַנְשֵׁ֥י הַמָּק֖וֹם וַיַּ֥עַשׂ מִשְׁתֶּֽה׃

 (Gen. 29:22 WTT)

 

mE:

Und Laban versammelte alle Männer des Ortes und machte ein Gelage.

 

Buber/Rosenzweig:

Laban holte alle Leute des Orts zusammen und machte ein Trinkmahl.

 

van Dyke:

‎  فَجَمَعَ لاَبَانُ جَمِيعَ أَهْلِ الْمَكَانِ وَصَنَعَ وَلِيمَةً  (Gen. 29:22 AVD)

VOKABELN:

VERBEN:

جمع , u - sammeln;

صنع , a - tun, machen;

NOMEN:

 أهل , pl. "-un" oder  أهال - Familie, Leute;

وليمة , pl. ولاءم - Gastmahl;

ADVERB:

جميع - alle.

 

BEOBACHTUNGEN:

1. WER wird eingeladen?

‎  אַנְשֵׁ֥י  ist Plural von אִישׁ und bedeutet "Mann", im Plural "Männer", aber auch "Leute" oder "Bewohner".

Entsprechend gehen die Übersetzungen auseinander. Wir haben zwei Fraktionen und einen Einzelgänger. Die Männer-Gruppe hat immerhin die älteste Übersetzung auf ihrer Seite:


Der Einzelgänger ist die Vulgata:  multis amicorum turbis ad convivium - viele seiner Freunde zum lebhaften Fest

 

2. Zu WAS wird eingeladen?

Das Nomen מִשְׁתֶּֽה ist abgeleitet von שׁתָה und bedeutet "trinken". Würde man dies im Deutschen genauso nachbilden, käme "die Trinke" dabei heraus - wird im Grimm (Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm) tatsächlich geführt, dort aber im Sinne von "Tränke" - oder besser "Trinkgelage".

Die Übersetzungen bilden vier Gruppen: Schon den Übersetzern in Alexandria war die Vorlage wohl zu ordinär, sie verwandelten des Gelage in eine Hochzeit. Andere in ein Fest oder ein Mahl oder beides (Festmahl). Ein Gelage haben nur drei. Am nächsten dran sind Buber/Rosenzweig mit "Trinkmahl".


Köln-Merkenich, am Montag, den 31. August 2020

 

 

 

 

Gen 29,23 der betrogene Betrüger - und was sagt Leah dazu? 

 


Laban schafft Fakten:

‎  וַיְהִ֣י בָעֶ֔רֶב וַיִּקַּח֙ אֶת־לֵאָ֣ה בִתּ֔וֹ וַיָּבֵ֥א אֹתָ֖הּ אֵלָ֑יו וַיָּבֹ֖א אֵלֶֽיהָ׃

 (Gen. 29:23 WTT)

 

mE:

Und es geschah am Abend: Er nahm Leah seine Tochter und brachte sie zu ihm und er ging zu ihr ein.

 

Buber/Rosenzweig:

Am Abend aber

nahm er seine Tochter Lea und brachte sie zu ihm,

und er ging zu ihr ein.

 

van Dyke:

‎  وَكَانَ فِي الْمَسَاءِ أَنَّهُ أَخَذَ لَيْئَةَ ابْنَتَهُ وَأَتَى بِهَا إِلَيْهِ، فَدَخَلَ عَلَيْهَا (Gen. 29:23 AVD)

VOKABELN:

VERBEN:

دخل , u - hineingehen;

PARTIKEL:

أنه  annahu - dass er;

الى - zu, nach

على - auf, über, an , gemäß, gegen.

 

BEOBACHTUNGEN:

Dieser Satz ist pronominal stark verkettet und auf Grund seiner Kürze recht offen - wer bringt da wem? Diese Unbestimmtheit beseitigt die Septuaginta vollständig, offenbar aus Angst vor Missverständnissen:

LXX καὶ ἐγένετο ἑσπέρα καὶ λαβὼν Λαβαν Λειαν τὴν θυγατέρα αὐτοῦ εἰσήγαγεν αὐτὴν πρὸς Ιακωβ καὶ εἰσῆλθεν πρὸς αὐτὴν Ιακωβ (Gen. 29:23 BGT)

LXXD Und es wurde Abend und Laban nahm seine Tochter Leia und führte sie zu Jakob hinein und Jakob ging zu ihr hinein.

Zum Thema "Beischlaf" ist die Verteilung wie in Vers 21 mit zwei Ausnahmen: Die EIN wechselt hinüber zu "wohnte ihr bei" und die Gute Nachricht beseitigt alle Unklarheit: "und Jakob schlief mit ihr.

 

 

 

 

Gen 29,24 Sklavin - und was sagt Silpa dazu? 

 


Laban sorgt für Leah:

‎  וַיִּתֵּ֤ן לָבָן֙ לָ֔הּ אֶת־זִלְפָּ֖ה שִׁפְחָת֑וֹ לְלֵאָ֥ה בִתּ֖וֹ שִׁפְחָֽה׃ 

 (Gen. 29:24 WTT)

 

mE:

Laban gab ihr seine Sklavin Silpa als Sklavin für seine Tochter Leah.

 

Buber/Rosenzweig:

Und Laban gab ihr Silpa, seine Magd,

Lea seiner Tochter zur Magd.

 

van Dyke:

‎  وَأَعْطَى لاَبَانُ زِلْفَةَ جَارِيَتَهُ لِلَيْئَةَ ابْنَتِهِ جَارِيَةً  (Gen. 29:24 AVD)

VOKABEL:

جاريه , pl.  جوار im constructus جوارى - Sklave, Mädchen.

 

BEOBACHTUNGEN:

Das Wort "Sklave/Sklavin" wurde - laut Grimm - im Deutschen erst ab dem 17. Jahrhundert üblich. Magd bedeutete im Deutschen durchaus die Unfreie, muss es aber nicht in jedem Fall sein.

Es mutet schon merkwürdig an, wenn mit einer Ausnahme alle eingesehenen deutschsprachigen Übersetzungen (auch Mendelssohn und Zunz) von "Magd" sprechen. Die Ausnahme: BiG: Sie spricht von "Sklavin".

In diesem Sinne nur noch:

LXX παιδίσκην (Gen. 29:24 BGT)

LXXD Sklavin

NL slavin

D'83 und D'92 trælkvinde (Gen. 29:24 D92) - Leibeigene, Sklavin

van Dyke et moi.

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 2. September 2020

 

 

 

 

Gen 29,25 

 


Und am Morgen:

‎  וַיְהִ֣י בַבֹּ֔קֶר וְהִנֵּה־הִ֖וא לֵאָ֑ה וַיֹּ֣אמֶר אֶל־לָבָ֗ן מַה־זֹּאת֙ עָשִׂ֣יתָ לִּ֔י הֲלֹ֤א בְרָחֵל֙ עָבַ֣דְתִּי עִמָּ֔ךְ וְלָ֖מָּה רִמִּיתָֽנִי׃

 (Gen. 29:25 WTT)

 

mE:

Und es geschah am Morgen und siehe: Sie war Leah!

Und er sprach zu Laban:

Warum tust du mir das? 

Habe ich nicht für Rachel bei dir gedient und warum betrügst du mich?

 

Buber/Rosenzweig:

Am Morgen aber,

da, es war Lea!

Er sprach zu Laban:

Was hast du mir hier getan!

habe ich nicht um Rachel bei dir gedient?

warum hast du mich betrogen?

 

van Dyke:

‎ وَفِي الصَّبَاحِ إِذَا هِيَ لَيْئَةُ، فَقَالَ لِلاَبَانَ: «مَا هذَا الَّذِي صَنَعْتَ بِي؟ أَلَيْسَ بِرَاحِيلَ خَدَمْتُ عِنْدَكَ؟ فَلِمَاذَا خَدَعْتَنِي؟ (Gen. 29:25 AVD)

VOKABELN:

VERBEN:

صنع , a - tun, machen;

ليس - nicht sein;

خدم , i - dienen;

خدع , a - betrügen;

PARTIKEL:

أ - FRAGEPARTIKEL: Weist auf den Beginn einer Frage hin!

لماذا - warum?

 

BEOBACHTUNGEN:

1. BETROGEN

Hier eine Übersicht darüber, wie dies letzte Verb des Verses übersetzt wurde:

LXX παρελογίσω με

LXXD du mich getäuscht

VUL inposuisti mihi

VULD mich hintergangen

KJV beguiled me

NAS ESV deceived me

LSG BFC trompé

LUT L17 ELB SCH ZUR M B/M ZUN ZINK GN BiG mich betrogen

EIN hintergangen

NL bedrogen

D'83 bedraget mig

D'92 narret mig

 

2. VULGATA

Die Vulgata geht hier einen Sonderweg. Die beiden letzten Verse lauten dort:

VUL  24 dans ancillam filiae Zelpham nomine ad quam cum ex more Iacob fuisset ingressus facto mane vidit Liam

 25 et dixit ad socerum quid est quod facere voluisti nonne pro Rahel servivi tibi quare inposuisti mihi 

Der zweite Teil von Vers 24 überforderte mich sprachlich und zeitlich und ich holte mir Hilfe: Die VULGATA DEUTSCH (VULD): Ein ähnlich ambitioniertes Projekt wie die Septuaginta Deutsch: Die Vulgata übersetzt auf Deutsch. Der erste Band mit den Fünf Büchern Mose erschienen 2018 als ein Band der Tusculum-Reihe, jetzt bei De Gruyter, zweisprachig. Hier die Übersetzung:

VULD 24 und gab seiner Tochter eine Magd mit Namen Silpa. Als Jakob gemäß der Sitte zu dieser hineingegangen war, erblickte er, als es Morgen geworden war, Lea 

24 und sagte zum Schwiegervater: »Was ist es, das du tun wolltest? Habe ich dir denn nicht für Rahel gedient? Weswegen hast du mich hintergangen?«

- Hieronymos hält viel auf Sitte und Moral: Aus Laban wird der Schwiegervater und Jakob handelt nach der Sitte. War da etwas anstößig?

- Die Theatralik des hebräischen Originals ist fort, Jakob erblickt am Morgen Lea.

Nur zwei der eingesehenen Übersetzungen folgen hier der Vulgata, interessanterweise zwei der Jüngeren:

ZINK Erst am Morgen sah er, dass es Lea war!

GN Als Jakob am Morgen erkannte, dass es Lea war

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 3. September 2020

 

 

 

 

Gen 29,26 

 


‎  וַיֹּ֣אמֶר לָבָ֔ן לֹא־יֵעָשֶׂ֥ה כֵ֖ן בִּמְקוֹמֵ֑נוּ לָתֵ֥ת הַצְּעִירָ֖ה לִפְנֵ֥י הַבְּכִירָֽה׃

 (Gen. 29:26 WTT)

 

mE:

Und Laban sprach: Das ist nicht geschehen, dass an unserem Ort die Jüngere vor der Älteren gegeben wird.

 

Buber/Rosenzweig:

Laban sprach:

So tut man nicht an unserm Ort, die Jüngre fortzugeben vor der Ersten,

 

van Dyke:

‎.فَقَالَ لاَبَانُ: «لاَ يُفْعَلُ هكَذَا فِي مَكَانِنَا أَنْ تُعْطَى الصَّغِيرَةُ قَبْلَ الْبِكْرِ  (Gen. 29:26 AVD)

VOKABEL:

فعل - tun, machen;

بكر  , pl. أبكار - jungfäulich; Erstgeborene(r);

 PARTIKEL:

هكذا - so, auf diese Weise.

 

BEOBACHTUNGEN:

1 LAND

Aus dem מָקוֹם , makam, Ort, machen ein Land: KJV ESV LUT L17 und D'83. EIN, ZINK und ZUR sprechen von "hierzulande", BFC von "region". 

 

2 SITTE - BRAUCH - GEWOHNHEIT

Was im Hebräischen mit Hilfe eines Allerweltverbes עשׂה; aasah, "tun, machen" ausgedrückt wird, wird bei einigen zur "Sitte" befördert: 

So bereits die VUL:  respondit Laban non est in loco nostro consuetudinis ut minores ante tradamus ad nuptias 

VULD: Laban antwortete: »An unserem Ort ist es nicht Sitte, dass wir die jüngeren 〈Töchter〉 vorher in die Ehe geben. 

Dem folgen: 

NAS practice

LSG BFC coutume

LUT L17 SCH ZUR ZINK GN Sitte

D'92 skik D'83 skik og brug - Sitte und Gebrauch

Hingegen übersetzt z. B. Mendelssohn: pflegt es nicht zu geschehen.

 

Köln-Merkenich, am Freitag, den 11. September 2020

 

 

 

 

Gen 29,27 diese 

 


‎  מַלֵּ֖א שְׁבֻ֣עַ זֹ֑את וְנִתְּנָ֙ה לְךָ֜ גַּם־אֶת־זֹ֗את בַּעֲבֹדָה֙ אֲשֶׁ֣ר תַּעֲבֹ֣ד עִמָּדִ֔י ע֖וֹד שֶֽׁבַע־שָׁנִ֥ים אֲחֵרֽוֹת׃

 (Gen. 29:27 WTT)

 

mE:

Vollende dieser die Woche und wir geben dir gewiss auch diese für einen Dienst, dass du dienst bei mir wieder sieben weitere Jahre.

 

Buber/Rosenzweig:

erfülle die Brautwoche dieser, dann geben wir dir auch diese,

um den Dienst, den du bei mir dienen wirst noch andre sieben Jahre.

 

van Dyke:

‎  أَكْمِلْ أُسْبُوعَ هذِهِ، فَنُعْطِيَكَ تِلْكَ أَيْضًا، بِالْخِدْمَةِ الَّتِي تَخْدِمُنِي أَيْضًا سَبْعَ سِنِينٍ أُخَرَ»  (Gen. 29:27 AVD)

VOKABELN:

VERBEN

كمل - ganz sein; IV. Stamm: vollenden, fertig machen;

عطو oder عطا - empfangen, nehmen, III. und IV. Stamm: geben;

خدم  , i - dienen

NOMEN

خدمة chidma, pl. خدم chidam - Dienst.

 

BEOBACHTUNGEN:

1 Woche

Die Offenheit, was es mit dieser Woche auf sich hat, schließt bereits Hieronymus:

VUL imple ebdomadem dierum huius copulae

VULD Erfülle die sieben Tage dieser Verbindung, 

LUT L17 ELB SCH ZUR sprechen von "Hochzeitswoche" sowie NL D'92,

B/R und EIN von "Brautwoche".

 

2 diese

Das zweimalige "diese" hat Hieronymos mit der Beschreibung s.o. gleich mit vermieden. Von der "anderen" sprechen KJV NAS ESV LSG LUT L17 EIN ZUR ZINK NL. 

ELB SCH sprechen von "jene", so auch D'83.

BFC löst die Aufgabe, indem sie von der "la plus jeune" spricht.

D'92 und GN legen sich eindeutig fest und nennen Rachel mit Namen.

Zweimal "diese" sagen M ZUNZ B/R van Dyke et moi. 

 

3

Die Septuaginta und ihr folgend Hiernonymus, VUL, übernehmen nicht die 1. Person Plural "wir geben", sondern benutzen die 1. Person Singular:

LXX καὶ δώσω σοι καὶ ταύτην

LXXD und ich werde dir  ... auch diese geben

VUL et hanc quoque dabo tibi  

VULD und ich werde dir auch diese ... geben 

Dem folgen: LUT - auch die neue L17 hat das nicht korrigiert! - ZINK, GN, so auch D'83.

Eine Passivform verwendet Mendelssohn "sollst bekommen" und die EIN "soll ... gehören" sowie D'92 skal du også få.

 

Köln-Merkenich, am Montag, den 21. September 2020

 

 

 

 

Gen 29,28 Erstfrau Zweitfrau 

 


Laban hält sein Versprechen:

‎  וַיַּ֤עַשׂ יַעֲקֹב֙ כֵּ֔ן וַיְמַלֵּ֖א שְׁבֻ֣עַ זֹ֑את וַיִּתֶּן־ל֛וֹ אֶת־רָחֵ֥ל בִּתּ֖וֹ ל֥וֹ לְאִשָּֽׁה׃ 

 (Gen. 29:28 WTT)

 

mE:

Und Jaakob tat, dass er vollendete die Woche dieser und er gab ihm Rachel, seine Tochter, ihm zur Frau.

 

Buber/Rosenzweig:

Jaakob tat so, er erfüllte die Brautwoche dieser,

dann gab er ihm seine Tochter Rachel zum Weib.

 

van Dyke:

‎ . فَفَعَلَ يَعْقُوبُ هكَذَا. فَأَكْمَلَ أُسْبُوعَ هذِهِ، فَأَعْطَاهُ رَاحِيلَ ابْنَتَهُ زَوْجَةً لَه (Gen. 29:28 AVD)

VOKABELN:

VERBEN:

فعل - tun, machen;

كمل - ganz sein, IV. Stamm: vollenden, fertig machen, s. Vers 27!

PARTIKEL:

هكذا - auf diese Weise, so.

 

BEOBACHTUNGEN:

1 Subjektwechsel

Die Septuaginta erträgt den unvermittelten Subjektwechsel mitten im Satz nicht und fügt "Laban" an:

LXX ἐποίησεν δὲ Ιακωβ οὕτως καὶ ἀνεπλήρωσεν τὰ ἕβδομα ταύτης καὶ ἔδωκεν αὐτῷ Λαβαν Ραχηλ τὴν θυγατέρα αὐτοῦ αὐτῷ γυναῖκα (Gen. 29:28 BGT)

LXXD  Jakob aber machte es so und erfüllte deren Woche und Laban gab ihm seine Tochter Rachel, ihm zur Frau.

Hieronymus macht es anders: Er tilgt den Subjektwechsel:

VUL adquievit placito et ebdomade transacta Rahel duxit uxorem (Gen. 29:28 VULM)

VULD Er willigte ein gegenüber dem Entschluss, und nachdem sieben Tage vergangen waren, nahm er Rahel zur Frau,

So ergeben sich drei Parteien:


2 Zweimal "ihm"

Das zweifache  ל֛וֹ ,"ihm", hat offenbar gestört. Hieronymus bringt diese pronominale Verkettung vollständig zum Verschwinden. 

Die Mehrheit der eingesehenen Übersetzungen lässt es nur beim ersten Vorkommen stehen.

Die Doppelung behalten hingeben bei: LXX LXXD NAS ESV van Dyke  ZUNZ und mE.

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 23. September 2020

 

P.S.:  Zwei Nachräge zum gestrigen Vers Gen 29,27:

Van Dyke unterscheidet doch zwischen "diese" und "jene": تلك ist eine Variante von  ذلك , pl. اولئك - jene (Danke Nermin für den Hinweis!);

Die Übersetzung BiG spricht herabwertend von "die da": "Bringe diese Woche zu Ende, dann wollen wir dir auch die da geben"!

 

 

 

 

Gen 29,29 Zweitfrau? Viertfrau! 

 


Laban sorgt für seine jüngere Tochter:

‎  וַיִּתֵּ֤ן לָבָן֙ לְרָחֵ֣ל בִּתּ֔וֹ אֶת־בִּלְהָ֖ה שִׁפְחָת֑וֹ לָ֖הּ לְשִׁפְחָֽה׃ 

 (Gen. 29:29 WTT)

 

mE

Und Laban gab seiner Tochter Rachel Bilha, seine Sklavin, ihr zur Sklavin.

 

Buber/Rosenzweig:

Und Laban gab seiner Tochter Rachel Bilha seine Magd, ihr zur Magd.

 

van Dyke:

‎.  وَأَعْطَى لاَبَانُ رَاحِيلَ ابْنَتَهُ بِلْهَةَ جَارِيَتَهُ جَارِيَةً لَهَا  (Gen. 29:29 AVD)

VOKABEL:

جارية , pl.  جوار , status constructus  جوارى - Sklave, Mädchen. 

 

BEOBACHTUNG:

Zur Verwendung von "Sklavin" und "Magd": Luther konnte noch nicht "Sklavin"  schreiben, das Wort kam im Deutschen erst im 17. Jahrhundert auf, aber außer seiner Übersetzung von 1545 sind alle eingesehenen deutschen Übersetzungen später, vgl. Beobachtung dazu in Vers 24. Ergänzend: Die VULD spricht auch von "Sklavin".

 

 

Köln-Merkenich, am Freitag, den 25. September 2020

 

 

 

 

Gen 29,30 Familientragödie ff 

 


Die Familientragödie geht in die zweite Runde:

‎וַיָּבֹא֙ גַּ֣ם אֶל־רָחֵ֔ל וַיֶּאֱהַ֥ב גַּֽם־אֶת־רָחֵ֖ל מִלֵּאָ֑ה וַיַּעֲבֹ֣ד עִמּ֔וֹ ע֖וֹד שֶֽׁבַע־שָׁנִ֥ים אֲחֵרֽוֹת׃

(Gen. 29:30 WTT)

 

mE:

Und er ging auch zu Rachel ein und er liebte Rachel mehr als Lea und diente bei ihm einmal mehr weitere sieben Jahre.

 

Buber/Rosenzweig:

So ging er auch zu Rachel ein

und durfte auch Rachel lieben, - mehr als Lea.

Dann diente er bei ihm noch andere sieben Jahre.

 

van Dyke:

‎.  فَدَخَلَ عَلَى رَاحِيلَ أَيْضًا، وَأَحَبَّ أَيْضًا رَاحِيلَ أَكْثَرَ مِنْ لَيْئَةَ. وَعَادَ فَخَدَمَ عِنْدَهُ سَبْعَ سِنِينٍ أُخَرَ (Gen. 29:30 AVD)

VOKABELN:

VERBEN:

دخل , u - hineingehen;

 عود oder عاد , u - zurückkehren, bringen, wiederaufnehmen;

 خدم , i - dienen;

PARTIKEL:

 على - auf [!], über, an;

 آخر pl. آخرون oder  أخر  uchar, f.:  أخرى uchra pl. أخريات  uchrajat oder أخر - andere/r.

 

BEOBACHTUNGEN:

1

Woher Buber/Rosenzweig auf einmal die moralische Wendung nehmen "durfte ... lieben" ist mir schleierhaft. Die Erzählung ist ihnen an dieser Stelle doch zu anstößig?

 

2 Jaakob und Laban oder ganz ohne?

Einige Übersetzungen scheinen den Leserinnen und Lesern nicht zu vertrauen schon zu wissen, wer da zu wem eingeht und wem dient. 

- Jaakob ergänzen: NAS ESV - LSG BFC - LUT L17 EIN GN ZINK M B/M - D83 und D92.

- Laban ergänzen NAS ESV - LSG BFC - EIN ZINK GN - D83 und D92.

Jacob Grimm nennt diese Haltung, die hier zu Tage tritt, "pedantisch". Er meint sie besonders in der deutschen Sprache ausmachen zu können:

"Über das pedantische in der deutschen sprache". In: Der Digitale Grimm, Frankfurt am Main, 2004, S. 111ff.

Hiernonymos versteht das Kunststück wo es besonders prekär wird Jaakob als Subjekt fast ganz verschwinden zu lassen:

VUL: tandemque potitus optatis nuptiis amorem sequentis priori praetulit serviens apud eum septem annis aliis 

VULD: Und schließlich, nachdem er die erwünschte Hochzeit erlangt hatte, zog er die Liebe der nachfolgenden 〈Frau〉 der früheren vor, wobei er bei ihm sieben weitere Jahre

diente. 

 

Köln-Merkenich, am Samstag, den 26. September 2020

 

 

 

 

Gen 29,31 

 


Und die Familientragödie nimmt ihren Lauf:

‎  וַיַּ֤רְא יְהוָה֙ כִּֽי־שְׂנוּאָ֣ה לֵאָ֔ה וַיִּפְתַּ֖ח אֶת־רַחְמָ֑הּ וְרָחֵ֖ל עֲקָרָֽה׃ 

 (Gen. 29:31 WTT)

 

mE:

JHWH sah, dass gehasst wurde Lea und er öffnete ihren Mutterleib und Rachel war unfruchtbar.

 

Buber/Rosenzweig:

ER sah, daß Lea die Gehaßte war,

und er öffnete ihren Schoß,

Rachel aber blieb wurzelverstockt.

 

van Dyke:

‎.  وَرَأَى الرَّبُّ أَنَّ لَيْئَةَ مَكْرُوهَةٌ فَفَتَحَ رَحِمَهَا، وَأَمَّا رَاحِيلُ فَكَانَتْ عَاقِرًا  (Gen. 29:31 AVD)

VOKABELN:

VERBEN:

راى ,  يرى - sehen;

مكروه   - verhasst sein;

رحم   - sich erbarmen - NB: wie im Hebräischen!

NOMEN

رحم  pl. أرحام  - Mutterleib, Gebärmutter - s. Verb:  !

عقر  - Unfruchtbarkeit;

ADJEKTIV

 عاقر - unfruchtbar;

PARTIKEL

اما -  was betrifft.

 

BEOBACHTUNGEN:

1 hassen?

Die Septuaginta übersetzt noch LXX μισεῖται  von μισέω , hassen; so die LXXD: gehasst wird.

Von "hassen" sprechen: KJV, ESV M BM B/R van Dyke und mE.

Schon Hieronymos schwächt ab: VUL despiceret Liam - VULD: dass er Lea geringschätzte - NB: Hieronymus löst den Passiv auf - wer hasst? - und macht es eindeutig, so auch die GN: "Jakob Lea zurücksetzte" .

Ähnlich gehen vor:

"ungeliebt": NAS, LSG n'était pas aimée, LUT L17 ZINK BFC: était moins aimée - so auch NL: minder geliefd was.

"zurückgesetzt": EIN ELB ZUR GN, D83 und D92: bliv tilsidesat.

"verschmäht": SCH

"missfällig war": ZUNZ

"abgelehnt wurde": BiG.

NB: "wurde gehasst" ist laut Grammatik das Verlaufs- oder Vorgangspassiv; "war gehasst" das Zustandspassiv. Für das Vorgangspassiv entschieden sich nur LXXD, BiG und mE. 

 

2 LEA

Was Lea widerfährt wird sehr verschieden übersetzt:

LXX ἤνοιξεν τὴν μήτραν αὐτῆς 

LXXD öffnete er ihren Mutterleib - so auch ELB mE und die Dänen s. u.!

VUL aperuit vulvam eius

VULD = LXXD

KVJ ESV NAS he opened her womb

LSG BFC il la rendit féconde

LUT L17 ZINK machte er sie fruchtbar

EIN SCH ZUNZ öffnete er ihren Mutterschoß

ZUR B/R öffnete er ihren Schoß

NL opende Hij haar baarmoeder

D83 und D92 åbnede han hendes moderliv ("Mutterleib" oder "Mutterleben" - ein Wort, das ich in keinem dänischen Wörterbuch fand, selbst nicht in einem von 1889!)

Mendelssohn ganz außergewöhnlich: öffnete er ihre Bärmutter

Das fand die Bearbeiterin Annette Boeckler wohl doch zu fremdartig und veränderte es in "Gebärmutter".

GN schenkte er ihr Kinder

BiG formuliert als einzige Übersetzung auch hier passiv: ließ er ihre Gebärmutter sich öffnen.

 

3 RACHEL

Was Rachel widerfährt hat nicht diese Bandbreite:

Eine Form von "unfruchtbar" haben fast alle - außer: BiG (GN): blieb kinderlos - und B/R: blieb wurzelverstockt.

 

Köln-Merkenich, am Dienstag, den 29. September 2020

 

 

 

 

Gen 29,32 Ruben 

 


Eine Wende in der Geschichte der familiären Gewalt? Ist familiäre Gewalt nicht eine ganz eigene Dimension, wert neben die personale, kulturelle und strukturelle Gewalt gestellt und als solche wahrgenommen zu werden? Was bedeutet es, dass sie nicht eigens genannt wird? Sie passt in keines der drei ganz und hat mit allen dreien zu tun - als wenn sie in ihrer Mitte ist, sozusagen der Ursprung der drei anderen Formen?

‎  וַתַּ֤הַר לֵאָה֙ וַתֵּ֣לֶד בֵּ֔ן וַתִּקְרָ֥א שְׁמ֖וֹ רְאוּבֵ֑ן כִּ֣י אָֽמְרָ֗ה כִּֽי־רָאָ֤ה יְהוָה֙ בְּעָנְיִ֔י כִּ֥י עַתָּ֖ה יֶאֱהָבַ֥נִי אִישִֽׁי׃

 (Gen. 29:32 WTT)

 

mE:

Und Lea wurde schwanger und gebar einen Sohn und rief seinen Namen R'uben, denn sie sprach:

Denn gesehen hat JHWH meine Not, denn jetzt wird mich mein Mann lieben.

 

Buber/Rosenzweig:

So wurde Lea schwanger und gebar einen Sohn,

und sie rief seinen Namen: Ruben, Sohnessicht;

denn sie sprach:

Angesehn hat ER mein Bedrücktsein,

ja, jetzt wird mein Mann mich lieben.

 

van Dyke:

‎  فَحَبِلَتْ لَيْئَةُ وَوَلَدَتِ ابْنًا وَدَعَتِ اسْمَهُ «رَأُوبَيْنَ» ، لأَنَّهَا قَالَتْ: «إِنَّ الرَّبَّ قَدْ نَظَرَ إِلَى مَذَلَّتِي. إِنَّهُ الآنَ يُحِبُّنِي رَجُلِي   

VOKABELN

VERBEN:

حبل oder حبلت  - schwanger werden;

دعو  oder دعا , u - rufen;

NOMEN:

 مذلة - Schmach;

PARTIKEL:

لان  + Akkusativ wie hier: denn, weil;

       + Konjunktiv: damit;

ان inna - siehe;

 قد  + Perfekt wie hier: schon, bereits

       + Imperfekt: vielleicht, manchmal;

الى - zu, nach;

أنه  annahu - dass er,  أنه  - innahu - (siehe) er.

 

BEOBACHTUNGEN:

1 Bedrücktsein

So übersetzen Buber und Rosenzweig die Form von עֳנִי, aani.

LXX übersetzt ταπείνωσιν von ταπείνωσις, Erniedrigung, - aufgenommen von Lukas im Magnifikat Lk 1,48,  LXXD und VULD Erniedrigung, 

VUL humilitatem. VUL benutzt das gleiche Wort in Lk 1,48.

KJV NAS ESV übersetzen "afflication" - in Lk 1,48 übersetzt die KJV mit "low estate", NAS und ESV mit "humble estate". Damit verschwindet diese Anspielung, ähnlich bei den anderen Übersetzungen:

LSG BFC schreiben an dieser Stelle "humilation" in Lk "la bassesse", BFC "humble".

In seltener Einigkeit schreiben fast alle deutschen Übersetzungen "Elend", nur GN "Kummer" - in Lk ist davon nichts mehr zu hören ("Niedrigkeit"). Die BiG spricht immerhin in Lk von "Erniedrigung", hier aber - s. o. von "Elend".

NL verwendet verdrukking,

D92 lidelse - Leiden,

D83 ulykke - Unglück,

van Dyke:  مذلة - Schmach et moi "Not".

 

2 lieben

Statt von "lieben" sprechen LUT L17 und ZINK von "lieb haben", so auch NL;

SCH und ZUNZ von "liebgewinnen".

D92 fällt aus dem Rahmen, sie übersetzt: Nu må min mand elske mig. D. i. : Jetzt muss mein Mann mich lieben. - Ein Kind als Mittel zum Zweck - familiäre Gewalt.

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 1. Oktober 2020

 

 

 

 

Gen 29,33 

 


Stammmutter Lea bestimmt die Namen ihrer Kinder, sie - und nicht Jaakob - hat hier das Sagen:

‎  וַתַּ֣הַר עוֹד֘ וַתֵּ֣לֶד בֵּן֒ וַתֹּ֗אמֶר כִּֽי־שָׁמַ֤ע יְהוָה֙ כִּֽי־שְׂנוּאָ֣ה אָנֹ֔כִי וַיִּתֶּן־לִ֖י גַּם־אֶת־זֶ֑ה וַתִּקְרָ֥א שְׁמ֖וֹ שִׁמְעֽוֹן׃

 (Gen. 29:33 WTT)

 

mE:

Und sie wurde erneut schwanger und gebar einen Sohn und sprach: JHWH hat gehört, denn gehasst bin ich und er gab mir auch diesen. Und sie rief seinen Namen: Schimon.

 

Buber/Rosenzweig:

Wieder wurde sie schwanger und gebar einen Sohn,

und sprach:

Ja, gehört hat ER, daß ich die Gehaßte bin,

so hat er mir auch diesen gegeben.

Und rief seinen Namen: Schimon, Erhörung.

 

van Dyke:

‎  وَحَبِلَتْ أَيْضًا وَوَلَدَتِ ابْنًا، وَقَالَتْ: «إِنَّ الرَّبَّ قَدْ سَمِعَ أَنِّي مَكْرُوهَةٌ فَأَعْطَانِي هذَا أَيْضًا» . فَدَعَتِ اسْمَهُ «شِمْعُونَ» .  (Gen. 29:33 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN:

Die sprechenden Namen erläutern Buber/Rosenzweig, die EIN und BiG, D83 ist es eine Fußnote wert, dass ein Wortspiel vorliegt.


Köln-Merkenich, am Freitag, den 2. Oktober 2020

P.S.: Eine Beobachtung am Rande: Die Bearbeiterin der Übersetzung von Moses Mendelssohn von 1783, Annette Mirjam Boeckler von 2015, greift hier in den Text ein und verändert die Schreibweise der Namen.

Mendelssohn schrieb "Reuben" und "Schimon", sie schreibt "Re'uwen" und "Schim'on". 

 

 

 

 

Gen 29,34 

 


Der dritte Junge:

‎  וַתַּ֣הַר עוֹד֘ וַתֵּ֣לֶד בֵּן֒ וַתֹּ֗אמֶר עַתָּ֤ה הַפַּ֙עַם֙ יִלָּוֶ֤ה אִישִׁי֙ אֵלַ֔י כִּֽי־יָלַ֥דְתִּי ל֖וֹ שְׁלֹשָׁ֣ה בָנִ֑ים עַל־כֵּ֥ן קָרָֽא־שְׁמ֖וֹ לֵוִֽי׃

 (Gen. 29:34 WTT)

 

mE:

Und sie wurde erneut schwanger und gebar einen Sohn und sprach: Jetzt ist der Schritt, dass sich  mein Mann mir anschließen wird, denn ich gebar ihm drei Söhne, deswegen rief man seinen Namen Levi, Anschluss.

 

Buber/Rosenzweig:

Wieder wurde sie schwanger und gebar einen Sohn,

und sprach:

Jetzt, diesmal wird sich mein Mann mir anlehnen,

ich habe ihm ja drei Söhne geboren.

Darum rief man seinen Namen: Lewi, Lehnean.

 

van Dyke:

.» ‎ وَحَبِلَتْ أَيْضًا وَوَلَدَتِ ابْنًا، وَقَالَتِ: «الآنَ هذِهِ الْمَرَّةَ يَقْتَرِنُ بِي رَجُلِي، لأَنِّي وَلَدْتُ لَهُ ثَلاَثَةَ بَنِينَ» . لِذلِكَ دُعِيَ اسْمُهُ «لاَوِيَ  (Gen. 29:34 AVD)

VOKABELN

VERB:

قرن , i - vereinen, hier: VIII. Stamm, iqtaran: vereint werden, verbunden werden, sich verbinden mit  ب ;

NOMEN:

مره   pl.  مرات  - Mal. 

 

BEOBACHTUNGEN

1 ‎  יִלָּוֶ֤ה jillawäh von lawah

Eine Form dieses Verbes taucht in der hebräischen Bibel nur 26 Mal auf, viermal in den Psalmen, wie wird es übersetzt?

LXX νῦν καιρῷ πρὸς ἐμοῦ ἔσται ὁ ἀνήρ μου 

LXXD Von jetzt an (Wörtlich: In dieser Zeit jetzt) wird mein Mann auf meiner Seite sein

VUL nunc quoque copulabitur mihi maritus meus 

VULD Nun wird mein Mann auch mir verbunden sein - 

KJV be joined unto me - s. van Dyke

NAS ESV attached to me

LSG BFC s'attachera à moi

LUT L17 mir doch zugetan sein

EIN GN an mir hängen

ELB ZUNZ an mich anschließen (mE)

SCH ZUR mir anhänglich sein - BiG mir anhänglich werden

ZINK wird mich  mein Mann lieben

NL aan mij hechten - heften

D83 holde sig til mig  - sich an mich halten

D92 knytte sig til mig - sich verknüpfen mit mir

M B/M mir verbunden werden

B/R anlehnen

 

2 Wer benennt?

man: unpersönlich übersetzt, "man rief" oder "nannte man ihn": B/R KJV ESV NAS LSG ELB SCH NL M ZUNZ BiG (nennt ihn). 

sie: Andere behalten die weibliche Form bei, wie in den vorangegangenen Versen: Sie, Lea, benennt: LXXD VULD LUT L17 EIN ZUR ZINK GN (mit einer Anmerkung, es könne auch "er" heißen) D83 D92.

er: Die moderne französische Übersetzung BFC lässt Jaakaob dem dritten Sohn den Namen geben: Et Jacob appela ce fils Levi. - Dass Lea so aktiv ist, geht dieser Bibel zu weit?

 

3 Lewi

Den Namen mitübersetzen:

B/R Lehnean

EIN und BiG Anhang 

mE Anschluss.

 

4 Familiengewalt

In Vers 31 bliebt ungenannt, wer Lea hasst. Aus dem Zusammenhang soll sich erschließen: Jaakkob.

Was für ein Männerbild wird vermittelt, dass ein Mann, obwohl er seine Frau hasst, sie dreimal schwängert?

Welches Frauenbild wird vermittelt, dass eine Frau, obwohl sie von ihrem Mann gehasst wird, dreimal ein Kind von ihm zur Welt bringt? Dabei ist Lea hier die Aktive: Sie kämpft als Erstfrau um ihren Mann, wird schwanger, gebiert, benennt ihre Kinder und hat - obwohl Probleme mit den Augen - den Durchblick.

Was bedeutet es für die drei Söhne, dass sie als Mittel zum Zweck in der Familienaufstellung fungieren?

 

Köln-Merkenich, am Dienstag, den 6. Oktober 2020

 

 

 

 

Gen 29,35 Lea wird unabhängig Juda 

 


Lea findet ihre Unabhängigkeit:

‎  וַתַּ֙הַר ע֜וֹד וַתֵּ֣לֶד בֵּ֗ן וַתֹּ֙אמֶר֙ הַפַּ֙עַם֙ אוֹדֶ֣ה אֶת־יְהוָ֔ה עַל־כֵּ֛ן קָרְאָ֥ה שְׁמ֖וֹ יְהוּדָ֑ה וַֽתַּעֲמֹ֖ד מִלֶּֽדֶת׃

 (Gen. 29:35 WTT)

 

mE:

Und sie wurde erneut schwanger und gebar einen Sohn und sprach: Das ist der Schritt, dass ich JHWH preise, darum rief sie seinen Namen Jehuda, Preisen, und sie stand still vom Gebären.

 

Buber/Rosenzweig:

Wieder wurde sie schwanger und gebar einen Sohn,

und sprach:

Diesmal will ich danksagen IHM!

Darum rief sie seinen Namen: Jehuda, Danksage.

Dann hörte sie auf zu gebären.

 

van Dyke:

  ‎  وَحَبِلَتْ أَيْضًا وَوَلَدَتِ ابْنًا وَقَالَتْ: «هذِهِ الْمَرَّةَ أَحْمَدُ الرَّبَّ» . لِذلِكَ دَعَتِ اسْمَهُ «يَهُوذَا» . ثُمَّ تَوَقَّفَتْ عَنِ الْوِلاَدَةِ  (Gen. 29:35 AVD)

VERBEN

حمد - loben, preisen;

وقف , i - stehenbleiben

PARTIKEL

ثم - dann, darauf.

 

BEOBACHTUNGEN:

1

Wenn Jude sein heißt Gott danken, dann bin ich Jude.

 

2 ‎  אוֹדֶ֣ה 'odäh von ידה  jdh

Dies Verb wird verschieden übersetzt:

LXX ἐξομολογήσομαι

LXXD preisen

VUL confitebor  < confiteor, confiteri, confessus sum - bekennen

VULD bekennen: "werde ich mich zum Herrn bekennen"

KJV NAS ESV praise

LSG BFC louerai

LUT L17 EIN M B/M ZINK GN BiG danken

ELB SCH ZUR ZUNZ mE preisen

NL loven

D83 prise

D92 takke - danken

 

3 Jehuda

Die Bedeutung des Namens vermitteln B/R: Danksage, EIN und BiG: Dank.

Damit verbergen die anderen Übersetzungen die Bedeutung des Namens Juda/Jude, das ist beschämend. NB: Ein Name, der von einer Frau gegeben wurde.

 

Köln-Merkenich, am 7. Oktober 2020

 

 

 

 

Gen 30,1 Familiendrama 

 


Rachel eifert:

‎  וַתֵּ֣רֶא רָחֵ֗ל כִּ֣י לֹ֤א יָֽלְדָה֙ לְיַעֲקֹ֔ב וַתְּקַנֵּ֥א רָחֵ֖ל בַּאֲחֹתָ֑הּ וַתֹּ֤אמֶר אֶֽל־יַעֲקֹב֙ הָֽבָה־לִּ֣י בָנִ֔ים וְאִם־אַ֖יִן מֵתָ֥ה אָנֹֽכִי׃

 (Gen. 30:1 WTT)

 

mE:

Und Rachel sah, dass sie Jaakob nicht gebar und Rachel wurde eifersüchtig auf ihre Schwester und sprach zu Jaakob: Gib mir Söhne! und wenn nicht, sterbend bin ich.

 

Buber/Rosenzweig:

Rachel sah, daß sie dem Jaakob nicht gebar,

Rachel neidete ihre Schwester.

Sie sprach zu Jaakob:

Her mir Kinder!

wo nicht, sterbe ich.

 

van Dyke:

‎  فَلَمَّا رَأَتْ رَاحِيلُ أَنَّهَا لَمْ تَلِدْ لِيَعْقُوبَ، غَارَتْ رَاحِيلُ مِنْ أُخْتِهَا، وَقَالَتْ لِيَعْقُوبَ: «هَبْ لِي بَنِينَ، وَإِلاَّ فَأَنَا أَمُوتُ  (Gen. 30:1 AVD)

VOKABELN:

VERBEN:

رأى , a - sehen;

 ولد oder يلد - gebären;

  غير oder  غار ,a - eifersüchtig sein;

وهب  oder  يهب - geben, schenken, Imperativ:  هب - gesetzt den Fall, dass;

 موت oder مات - sterben;

NOMEN:

ابن  pl.  أبناء - Sohn;

PARTIKEL:

لما - als, nachdem; 

ان - dass;

لم - nicht;

الا - wenn nicht

FRAGEN:

Ist بنين ausnahmsweise (?) ein regelmäßiger Plural von ابن?

Können Partikel auch Suffixe tragen: Ist  انها - "dass sie"?

 

BEOBACHTUNG

Mit meiner Übersetzung  "Söhne" (und van Dykes auch?) stehe ich ziemlich allein da, so dachte ich. Denn bei Buber/Rosenzweig, Septuaginta, Vulgata und in den anderen eingesehenen Übersetzungen lese ich "Kinder". Zwei deutsche Bibeln übersetzen jedoch auch "Söhne": EIN und ZUR! Und das sind nicht die schlechtesten Gewährsleute!

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 8. Oktober 2020

 

 


 

 

 Gen 30,2 Jaakobs Zorn 

 


Jaakob wehrt sich:

‎  וַיִּֽחַר־אַ֥ף יַעֲקֹ֖ב בְּרָחֵ֑ל וַיֹּ֗אמֶר הֲתַ֤חַת אֱלֹהִים֙ אָנֹ֔כִי אֲשֶׁר־מָנַ֥ע מִמֵּ֖ךְ פְּרִי־בָֽטֶן׃

 (Gen. 30:2 WTT)

 

mE:

Und Jaakkob erzürnte über Rachel und sprach: An Gottes Statt bin ich? Er hält von dir Frucht des Mutterleibes zurück!

 

Buber/Rosenzweig:

Jaakobs Zorn entflammte wider Rachel,

er sprach:

Bin ich denn an Gottes Statt,

der dir Frucht des Leibes vorenthalten hat?

 

van Dyke:

‎  فَحَمِيَ غَضَبُ يَعْقُوبَ عَلَى رَاحِيلَ وَقَالَ: «أَلَعَلِّي مَكَانَ اللهِ الَّذِي مَنَعَ عَنْكِ ثَمْرَةَ الْبَطْنِ؟  (Gen. 30:2 AVD)

VOKABEL:

VERBEN:

حمى , i hami - schirmen, beschützen;

حمى , a hamija - heiß sein, wütend werden;

غضب , a - zornig sein;

منع - hindern;

NOMEN:

ثمره pl. - at - Frucht

بطن pl.  بطون butun - Bauch, Mutterleib, Tiefe;

PARTIKEL:

على - auf, über;

عن - von.

 

BEOBACHTUNGEN:

וַיִּֽחַר־אַ֥ףwajichar-aph 

heißt wörtlich so etwas wie "und er wurde gesichtsheiß" oder eigentlich sogar "nasenheiß". 

Die Hitze beim Zorn übertragen Buber/Rosenzweig schön mit "Jaakobs Zorn entflammte",

andere Übersetzungen - auch die Arabische - ähnlich:

KJV  ESV Jacob's anger was kindled 

NAS Jacob's anger burned

LSG  La colère de Jacob s'enflamma 

ELB ZUR  BiG GN Da entbrannte Jakobs Zorn - so schon Mendelssohn und ZUNZ.

NL Toen ontstak Jakob in woede - ontsteken entzünden

LXX und VUL sowie LUT L17 EIN SCH BFC D92 sehen darin eine Redewendung bleiben bei "wurde (sehr) zornig".

 

Köln-Merkenich, am Freitag, den 9. Oktober 2020 - Tag der ersten gewaltfreien und erfolgreichen Revolution Deutschlands

 


 

 

 

Gen 30,3 Und was sagt Bilha? 

 


Rachel hat da eine Idee:

‎  וַתֹּ֕אמֶר הִנֵּ֛ה אֲמָתִ֥י בִלְהָ֖ה בֹּ֣א אֵלֶ֑יהָ וְתֵלֵד֙ עַל־בִּרְכַּ֔י וְאִבָּנֶ֥ה גַם־אָנֹכִ֖י מִמֶּֽנָּה׃

 (Gen. 30:3 WTT)

 

mE:

Und sie sprach: Siehe! Meine Sklavin Bilha, gehe in sie und sie mag über meinen Knien gebären und auch ich werde Kinder bekommen von ihr.

 

Buber/Rosenzweig:

Sie sprach:

Da ist meine Sklavin Bilha.

komm zu ihr,

daß sie auf meinen Knien gebäre und auch ich aus ihr bekindet werde.

 

van Dyke:

‎فَقَالَتْ: «هُوَذَا جَارِيَتِي بِلْهَةُ، ادْخُلْ عَلَيْهَا فَتَلِدَ عَلَى رُكْبَتَيَّ، وَأُرْزَقُ أَنَا أَيْضًا مِنْهَا بَنِينَ

   (Gen. 30:3 AVD)

VOKABELN:

VERBEN

دغل , u - hineingehen;

رزق , u - (Gott) schenken;

NOMEN

جارية  f. von  جار - Nachbar;

جارية  pl.  جوار   , constructus جوارى - Sklavin, Mädchen;

ركبة rukba, pl. ركب  rukab - Knie;

PARTIKEL

ذا  f. ذى o. تا  pl. أولاء - dies;

ها هو ذا - da ist er.

FRAGE:

Lautet dann der letzte Teilsatz so: "und ich schenke, auch ich, von ihr Söhne"?

 

BEOBACHTUNGEN:

1 Knie

Über den Knien einer anderen Frau gebären - das wird nur von wenigen so nicht übernommen:

BFC löst es ganz auf: je les adopterai. 

LUT L17 SCH dass sie auf meinem Schoß gebäre

Mendelssohn (B/R) übersetzt: dass sie Kinder bekomme, die ich auf meinem Schooß erziehe.

 

2 erbaut

Das hebräische Verb ‎  אִבָּנֶ֥ה ist 1. Person Singular Nifal (= Reflexiv oder Passiv) Imperfekt von בנה wörtlich: bauen, erbauen, befestigen. Als Redewendung im Nifal bei Frauen "Kinder bekommen", vgl. Gen 16,2.

Bei der Bedeutung "bauen, erbauen" bleiben:

ELB und auch ich aus ihr erbaut werde!

Mendelssohn (B/R) so werde ich durch sie auch gebauet werden.

BiG und ich werde durch sie aufgebaut.

L45 hatte noch: vnd ich doch durch sie erbawet werde.

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 15. Oktober 2020

 

 

 

 

Gen 30,4 

 


‎  וַתִּתֶּן־ל֛וֹ אֶת־בִּלְהָ֥ה שִׁפְחָתָ֖הּ לְאִשָּׁ֑ה וַיָּבֹ֥א אֵלֶ֖יהָ יַעֲקֹֽב׃

 (Gen. 30:4 WTT)

 

mE:

Und sie gab ihm ihre Sklavin Bilha zur Frau und Jaakob ging zu ihr ein.

 

Buber/Rosenzweig:

Sie gab ihm Bilha, ihre Magd, zum Weibe,

und Jaakob kam zu ihr.

 

van Dyke:

‎  فَأَعْطَتْهُ بِلْهَةَ جَارِيَتَهَا زَوْجَةً، فَدَخَلَ عَلَيْهَا يَعْقُوبُ (Gen. 30:4 AVD)

VOKABELN:

NOMEN:

جارية  pl.  جوار   , constructus جوارى - Sklavin, Mädchen; 

VERB:

دغل , u - hineingehen.

 

BEOBACHTUNGEN:

Die sexuelle Bedeutung von  ‎  וַיָּבֹ֥א אֵלֶ֖יהָ  lassen anklingen:

LXX εἰσῆλθεν δὲ πρὸς αὐτὴν 

LXXD ging zu ihr hinein

KJV went in unto her

NAS ESV went in to her

D82 D92 gik ind til hende

van Dyke SCH mE ging zu ihr ein

Mendelssohn und die Neubearbeitung B/M sind klar: wohnte ihr bei

Die BFC formuliert: qui passa la nuit avec lui.

Den Rest möge man sich denken.

Zurückhaltend übersetzen:

VUL deditque illi Balam in coniugium

VULD Und sie gab ihm Bilha zur Frau 

LSG alla vers elle

LUT L17 EIN ELB ZUR BiG ging zu ihr

NL kwam bej haar

ZUNZ B/R kam zu ihr

Die Gute Nachricht von 1982 hat eine ganz eigene Lösung: 

GN Jakob folgte dem Rat Rahels.

Schau an! Das erinnert an die Prüderie des Viktorianischen Zeitalters, die sich verhängnisvoll bis in die arabische Welt auswirkte, vgl.: Thomas Bauer: Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams. Berlin 2011, bes. S. 303f!

Das war den Herausgeberinnen und Herausgebern der Guten Nachricht dann wohl doch peinlich und in der Revision von 1997, Gute Nachricht Bibel, heißt es:

GNB So gab Rahel ihm ihre Dienerin Bilha zur Frau und er schlief mit ihr.

 

Köln-Merkenich, am 26. Oktober 2020

 

 

 

 

Gen 30,5 

 


Bilha wird Mutter:

‎  וַתַּ֣הַר בִּלְהָ֔ה וַתֵּ֥לֶד לְיַעֲקֹ֖ב בֵּֽן׃

 (Gen. 30:5 WTT)

 

mE:

Und Bilha wurde schwanger und gebar Jaakob einen Sohn.

 

Buber/Rosenzweig:

Bilha wurde schwanger und gebar Jaakob einen Sohn.

 

van Dyke:

‎  فَحَبِلَتْ بِلْهَةُ وَوَلَدَتْ لِيَعْقُوبَ ابْنًا  (Gen. 30:5 AVD)

حبل - schwanger werden.

 

Köln-Merkenich, am Dienstag, den 27. Oktober 2020

 

 

 

 

Gen 30,6 Rachels Recht 

Rachel nimmt ihr Recht als Herrin wahr: Sie gibt dem Kind Bilhas den Namen gibt und entmündigt damit zugleich Bilha:

‎ וַתֹּ֤אמֶר רָחֵל֙ דָּנַ֣נִּי אֱלֹהִ֔ים וְגַם֙ שָׁמַ֣ע בְּקֹלִ֔י וַיִּתֶּן־לִ֖י בֵּ֑ן עַל־כֵּ֛ן קָרְאָ֥ה שְׁמ֖וֹ דָּֽן׃  (Gen. 30:6 WTT)

 

mE:

Und Rachel sprach: Mich richtet Gott auf, denn sogar auf meine Stimme hat er gehört und gab mir einen Sohn. Darum rief sie seinen Namen Dan, Aufrichter.

 

Buber/Rosenzweig:

Rachel sprach:

Geurteilt hat Gott über mich und auch erhört hat er meine Stimme,

er hat mir einen Sohn gegeben.

Darum rief sie seinen Namen: Dan, Urteiler.

 

van Dyke:

‎  »فَقَالَتْ رَاحِيلُ: «قَدْ قَضَى لِيَ اللهُ وَسَمِعَ أَيْضًا لِصَوْتِي وَأَعْطَانِيَ ابْنًا» . لِذلِكَ دَعَتِ اسْمَهُ «دَانًا  (Gen. 30:6 AVD)

VOKABEL:

قضى ,i - beenden, entscheiden, urteilen.

 

BEOBACHTUNGEN:

1

‎דָּנַ֣נִּי אֱלֹהִ֔ים steht so nur einmal im AT, das Verb דין , din,  wird sehr verschieden übersetzt:

LXX  ἔκρινέν μοι ὁ θεὸς

LXXD Gott hat mir Recht verschafft

VUL  iudicavit mihi Dominus

VULD der Herr hat für mich Recht gesprochen

KJV (ESV) God hath (has) judged me

NAS God has vindicated me

LSG Dieu m'a rendu justice

BFC Dieu a jugé en ma faveur

LUT L17 EIN ELB SCH ZUR Gott hat mir Recht verschafft - so auch NL und D92

M B/M Gott war mein Richter

ZUNZ Gott hat mich gerichtet

D83 Gud har hjulpet mig til min ret - Gott hat mir zu meinem Recht verholfen - so auch die GN

BiG Recht hat mir die Gottheit verschafft

Für den engen Zusammenhang von Recht sprechen -  דין , din  - und Gerechtigkeit, s. Ps 9,9 und Ps 72,2; vgl. Apg 17,31, Off 19,11; dies sieht die LSG offenbar auch so, ähnlich NAS.

 

2

Buber/Rosenzweig übersetzen den Namen "Dan" mit "Urteiler", EIN und BiG mit "Richter". Die GN erläutert den Namen mit "Recht verschaffen". 

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 29. Oktober 2020

 

 

 

 

Gen 30,7 

 


Der Stammmutter Bilhas zweiter Sohn:

‎  וַתַּ֣הַר ע֔וֹד וַתֵּ֕לֶד בִּלְהָ֖ה שִׁפְחַ֣ת רָחֵ֑ל בֵּ֥ן שֵׁנִ֖י לְיַעֲקֹֽב׃

 (Gen. 30:7 WTT)

 

mE:

Und wieder wurde schwanger und gebar Bilha, Rachels Sklavin, Jaakob einen zweiten Sohn.

 

Buber/Rosenzweig:

Wieder ward Bilha, Rachels Magd, schwanger und gebar Jaakob einen zweiten Sohn.

 

van Dyke:

‎  وَحَبِلَتْ أَيْضًا بِلْهَةُ جَارِيَةُ رَاحِيلَ وَوَلَدَتِ ابْنًا ثَانِيًا يَعْقُوبَ (Gen. 30:7 AVD)

VOKABEL:

حبل - s. Vers 5!: schwanger werden.

 

BEOBACHTUNGEN:

‎בֵּ֥ן שֵׁנִ֖י , ben scheni - das ist ohne Artikel und so übersetzt die Mehrzahl der eingesehenen Übersetzungen unbestimmt: "einen zweiten Sohn". Davon weichen ab:

LUT L17 ihren zweiten Sohn

Mendelssohn B/M den zweiten Sohn

Hiernonymos verkürzt radikal :

VUL rursumque Bala concipiens peperit alterum

VULD Und wiederum wurde Bilha schwanger und gebar einen weiteren 

 

Köln-Merkenich, am Freitag, den 30. Oktober 2020

 

 

 

 

Gen 30,8 Gotteskämpfe 

 


Rachel entmuttert Bilha erneut. Das ist die antike Form der Leihmutterschaft, Sklavenmütter:

‎  וַתֹּ֣אמֶר רָחֵ֗ל נַפְתּוּלֵ֙י אֱלֹהִ֧ים׀ נִפְתַּ֛לְתִּי עִם־אֲחֹתִ֖י גַּם־יָכֹ֑לְתִּי וַתִּקְרָ֥א שְׁמ֖וֹ נַפְתָּלִֽי׃

 (Gen. 30:8 WTT)

 

mE:

Und Rachel sprach: Kämpfe Gottes kämpfte ich mit meiner Schwester, doch ich siegte und sie rief seinen Namen Naphtali, mein Kampf.

 

Buber/Rosenzweig:

Rachel sprach:

Einen Gotteswettkampf habe ich mit meiner Schwester gekämpft und habe übermocht.

Sie rief seinen Namen: Naftali, Wettkämpfer.

 

van Dyke:

‎  ‎  .»فَقَالَتْ رَاحِيلُ: «مُصَارَعَاتِ اللهِ قَدْ صَارَعْتُ أُخْتِي وَغَلَبْتُ» . فَدَعَتِ اسْمَهُ «نَفْتَالِي  (Gen. 30:8 AVD)

VOKABELN:

VERBEN:

صرع - niederwerfen, niederschlagen; III. Stamm: ringen, kämpfen;

غلت i, - besiegen;  NB:  غلط pl. أغلاط - Fehler, Irrtum!

NOMEN:

مصارعة  - Ringen.

 

BEOBACHTUNGEN

GOTTESKÄMPFE

Gotteskämpfe sind nur was für Männer, nichts für Frauen - das mögen die Übersetzer bei diesem Vers jahrhundertelang gedacht haben.

Bereits die Septuaginta übersetzt:

LXX συνελάβετό μοι ὁ θεός

LXXD Gott hat mir beigestanden

Hieronymos lässt Gott immerhin nicht ganz aus dem Spiel:

VUL conparavit me Deus cum sorore mea

VULD Gott hat mich meiner Schwester gegenübergestellt

Vollends verschwindet Gott in folgenden Übersetzungen:

KJV (NAS ESV) With great (mighty) wrestlings have I wrestled with my sister

BFC J'ai livré un dur combat à ma soeur et j'ai gagné

LUT Über alle Maßen habe ich gekämpft mit meiner Schwester

NL  Ik heb een zware strijd met mijn zuster gevoerd

D92 eg har kæmpet svære kampe med min søster

GN Ich habe einen harten Kampf mit meiner Schwester ausgefochten

Die ältere französische Übersetzung führt zwar das Göttliche des Kampfes an, aber keinen Gotteskampf:

LSG J'ai lutté divinement contre ma soeur

GNB machts ähnlich wie die LXX: Mit Gottes Hilfe habe ich gegen meine Schwester gekämpft

Die Gotteskämpfe Rachels übermitteln hingegen:

L17 ELB SCH BiG Kämpfe Gottes habe ich gekämpft mit meiner Schwester

EIN (ZUR) Gotteskämpfe habe ich ausgestanden mit meiner Schwester (habe ich mit meiner Schwester gekämpft)

Mendelssohn und B/M Wetteiferungen Gottes habe ich mit meiner Schwester gewetteifert

ZUNZ Wettkämpfe Gottes habe ich mit meiner Schwester gewetteifert

Die ältere dänische Übersetzung hatte noch:

D83 Gudskampe har jeg kæmpet med min søster

Dazu: Buber/Rosenzweig, van Dyke und mE.

Überraschenderweise hatte Luther 1545 übersetzt:

 Gott hat es gewand mit mir vnd meiner Schwester

WER kann mir HELFEN diese Form "gewand" zu erläutern? Im Grimmschen Wörterbuch fand ich dazu keinen Aufschluss! Vermutlich von "winden" im Sinne von "drehen, biegen"? Das wäre die gleiche Grundbedeutung wie das hebräische Verb, das hier verwendet wird: פתל im Qal "flechten, drehen" und in der reflexiven Form, Nifal, "sich winden" oder "sich ineinander verwickeln" = "streiten"!

 

Damit wird mir klar: 

- Wie familiäre Gewalt religiös aufgeladen wird. 

- Nicht nur die Titanen kämpfen miteinander. Oder ist es eher umgekehrt: Weil es diese Kämpfe gibt, darum erzählten die Menschen von den Kämpfen der Titanen.

- Jaakobs Kampf mit Gott am Jabbok Gen 32,23ff vor der Begegnung mit seinem Bruder Esau hat in dem Kampf der Schwestern Lea und Rachel hier seine weibliche Vorform.

- Bilha, die Mutter, wird darüber vollständig vergessen.


 

 

Köln-Merkenich, am Montag, den 2. November 2020

 

 

 

 

Gen 30,9 

 


Leah ruht nicht:

‎ וַתֵּ֣רֶא לֵאָ֔ה כִּ֥י עָמְדָ֖ה מִלֶּ֑דֶת וַתִּקַּח֙ אֶת־זִלְפָּ֣ה שִׁפְחָתָ֔הּ וַתִּתֵּ֥ן אֹתָ֛הּ לְיַעֲקֹ֖ב לְאִשָּֽׁה׃ (Gen. 30:9 WTT)

 

mE:

Und Leah sah, dass sie stillstand vom Gebären und sie nahm Silpah ihre Sklavin und gab sie Jaakob zur Frau.

 

Buber/Rosenzweig:

Leia aber sah, dass sie aufgehört hatte zu gebären, und sie nahm ihre Sklavin Zelpha und gab sie Jakob zur Frau.

 

van Dyke:

‎  وَلَمَّا رَأَتْ لَيْئَةُ أَنَّهَا تَوَقَّفَتْ عَنِ الْوِلاَدَةِ، أَخَذَتْ زِلْفَةَ جَارِيَتَهَا وَأَعْطَتْهَا لِيَعْقُوبَ زَوْجَةً  (Gen. 30:9 AVD)

VOKABEL:

وقف , i - stehenbleiben

Und was sagt Silpah dazu?


 

 

Köln-Merkenich, am Dienstag, den 3. November 2020

 

 

 

 

Gen 30,10 Silpah ediert 

 


Der Söhne Jaakobs und ihrer Mütter ist noch kein Ende:

‎  וַתֵּ֗לֶד זִלְפָּ֛ה שִׁפְחַ֥ת לֵאָ֖ה לְיַעֲקֹ֥ב בֵּֽן (Gen. 30:10 WTT)

 

mE:

Und Silpah, die Sklavin Leahs, gebar Jaakob einen Sohn.

 

Buber/Rosenzweig:

Silpa, Leas Magd, gebar Jaakob einen Sohn.

 

van Dyke:

‎  فَوَلَدَتْ زِلْفَةُ جَارِيَةُ لَيْئَةَ لِيَعْقُوبَ ابْنًا (Gen. 30:10 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN:

Sonst fällt Hieronymus dadurch auf, dass er alles, was er für reine Wiederholung hält, redundant, radikal wegkürzt, z. B. wer was ist (z. B. "Leahs Sklavin" etc.), so auch hier. Jetzt jedoch sind es die hebräischen Autorinnen und Autoren, die er unbedingt ergänzen muss. Als Vorlage kann er sich auf die Septuaginta beziehen, die noch ausführlicher wird und die Kürze der Vorlage offenbar nicht erträgt:

LXX εἰσῆλθεν δὲ πρὸς αὐτὴν Ιακωβ καὶ συνέλαβεν Ζελφα ἡ παιδίσκη Λειας καὶ ἔτεκεν τῷ Ιακωβ υἱόν 

LXXD Jakob aber ging zu ihr hinein, und Zelpha, die Sklavin Leias, wurde schwanger und gebar Jakob einen Sohn. 

VUL qua post conceptum edente filium 

VULD Als diese nach der Empfängnis einen Sohn gebar  

Alle anderen eingesehenen Übersetzungen halten sich diesbezüglich zurück.

NB: Das Verb, das Hieronymus hier verwendet bestätigt eine meiner Thesen: Frauen gebären, Männer bringen Bücher zur Welt - für beides kann im Lateinischen eine Form von edo, didi, ditum verwendet werden, Georges, Lateinisch-Deutsches Handwörterbuch Band 1,2336ff gibt für beides reichlich Beispiele.


 

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 4. November 2020

 

 

 

 

Gen 30,11 Was für ein Glück! 

 


Auch nach der Geburt des Sohnes der Silpa nimmt Leah, ihre Herrin, ihr Namensgebungsrecht wahr:

‎  וַתֹּ֥אמֶר לֵאָ֖ה (בְּגָד) [בָּ֣א] [גָ֑ד] וַתִּקְרָ֥א אֶת־שְׁמ֖וֹ גָּֽד

 (Gen. 30:11 WTT)

Was bedeuten die Klammern?

Im Kodex aus Leningrad, Codex Leningradensis, das ist die besterhaltene und umfangreichste Handschrift der hebräischen Bibel aus dem Jahr 1008, sieht diese Stelle so aus:

Man sieht deutlich ein Kringel über einem Wort 

Dazu gibt es am Rand zwei Zusätze: Das sind die beiden Wörter die oben in eckigen Klammern stehen.

 

mE:

Leah sprach:  Im Glück! [Es kommt Glück!] Und sie rief seinen Namen Gad, Glück.

 

Buber/Rosenzweig: 

Lea sprach:

Glück zu!

Sie rief seinen Namen: Gad, Glück.

 

van Dyke:

‎ .» فَقَالَتْ لَيْئَةُ: «بِسَعْدٍ» . فَدَعَتِ اسْمَهُ «جَادًا (Gen. 30:11 AVD)

VOKABELN:

VERB:

سعد , a - glücklich sein; hier als

NOMEN:

سعد  pl. سود - Glück.

 

BEOBACHTUNGEN:

Selbst den rabbinischen Gelehrten war das, was Leah sagt offenbar zu unvollständig, vor allem weil da kein Verb steht, sodass sie es ergänzten. Das ist ein typisches Beispiel dafür, was Wolfgang Iser "Leerstellen" genannt hat: Deutlich erkennbare unterbestimmte Abschnitte im Text. Diese "Lücken" werden meistens vom Hörer - hier vom Abschreiber oder Übersetzer - ausgefüllt.

Wie sehr, kann in den verschiedenen Übersetzungen gut beobachtet werden, kaum eine Übersetzung, die nicht eine eigene Fassung bietet. Hier die Übersicht, was Leah alles so sagt, viel Spaß:

LXX ἐν τύχῃ

LXXD (Ich bin) im Glück!

VUL feliciter

VULD Zum Glück!

KJV A troop cometh - eine interessante Vorstellung von Glück, die KJV entstand 1611, Kolonialzeit!

NAS How fortunate!

ESV Good fortune has come!

LSG Quel bonheur!

BFC Quel chance!

LUT L17 Glück zu!

EIN Glück auf! - Der Bergarbeitergruß, die EIN ergänzt hinter dem Namen des Kindes in Klammern "Glück".

ELB Zum Glück!

SCH Ich habe Glück!

ZUR Welch ein Glück!

NL Het geluk is gekomen!

D83 D92 Hvilken lykke!

Mendelssohn das gute Glück ist gekommen (bagad) - diesen Ausruf habe ich Kairo und Alexandria oft gehört, "begaad!" Die Bedeutung war vom Kontext her klar, aber jetzt verstehe ich ihn: "Was für ein Glück!" Scheint auch im Jiddischen üblich gewesen zu sein.

B/M Der Herausgeberin der neuen Fassung von Mendelssohns Übersetzung Annette Böckler, scheint diese Ergänzung in Klammern zu ordinär oder nicht mehr verständlich zu sein, sie lässt sie weg. Nicht zu vergessen: Mendelssohn schrieb das Deutsche mit hebräischen Buchstaben, da fügten sich solche Erläuterungen nahtlos ein!

ZUNZ Glück ist gekommen!

GN GNB Er bringt Glück!

Big Ein Glücksfall ist gekommen! Die BiG ergänzt zur Erläuterung des Namens Gad, "Glücksfall". Warum nur sie, Buber/Rosenzweig und die EIN die Bedeutung der Namen erläutern und die anderen nicht, ist mir unverständlich.

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 5. November 2020

P. S.: Was hierbei ganz in den Hintergrund tritt: Der einen Freud - Leah, die Benennende, wie der Gründling (Adam) im Garten Gen 2 erst  den Tieren dann seiner Frau gegen/über, s. Gen 3,20  - ist der anderen Leid  - Silpa, die Entmündigte.

 

 


 

 

     Gen 30,12 

 


Silpa wird zum zweiten Mal Mutter:

‎  וַתֵּ֗לֶד זִלְפָּה֙ שִׁפְחַ֣ת לֵאָ֔ה בֵּ֥ן שֵׁנִ֖י לְיַעֲקֹֽב׃

 (Gen. 30:12 WTT)

 

mE:

Und Silpa, die Sklavin Leas gebar Jaakob einen zweiten Sohn

 

Buber/Rosenzweig:

Silpa, Leas Magd, gebar Jaakob einen zweiten Sohn.

 

van Dyke:

‎  وَوَلَدَتْ زِلْفَةُ جَارِيَةُ لَيْئَةَ ابْنًا ثَانِيًا لِيَعْقُوبَ (Gen. 30:12 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN:

Wie das so einfach geht, dass Silpa ein zweites Mal einen Sohn zur Welt bringt, das konnte die Übersetzercrew der jüdischen Gemeinde in Alexandria ihren hellenistisch gebildeten Zeitgenossen nicht zumuten und ergänzen erneut:

LXX καὶ συνέλαβεν Ζελφα ἡ παιδίσκη Λειας καὶ ἔτεκεν ἔτι τῷ Ιακωβ υἱὸν δεύτερον 

LXXD Und Zelpha, Leias Sklavin, wurde schwanger und gebar Jakob noch einmal, einen zweiten Sohn.

Hieronymos kann diesmal diese Leerstelle ertragen und übertrifft dabei die Vorlage an Kürze:

VUL peperit quoque Zelpha alterum

VULD Silpa gebar auch einen weiteren 

- jetzt sind es wir als Leseschar, die ergänzen dürfen: "Sohn".

 

Köln-Merkenich, am Freitag, den 6. November 2020

 

P.S.: 

KORREKTUR:

In Kairo lernte ich durch meinen Geigenlehrer aus Abbasseya einige arabische Tonleitern kennen. Darunter auch die Tonleiter Saba, صبا. Sie ist äußerst eigentümlich. Nicht nur dass sie zwei dreiviertel Töne hat, sie hört auch nicht mit der Oktave auf, sondern einen Halbton darunter. Das ist phänomenal! Für europäisch geprägte Ohren - die wir nach arabischen Maß "nur" zwei Tonleitern kennen, Dur und Moll, im arabischen Tonsystem sind dies Aagam, عجم , und Nahawand, نهاوند, schon seltsam. In Ägypten wird Saba besonders für traurige Anlässe gespielt. In der jüdischen Tradition - die nahezu das gleiche Tonsystem kennt - erklingt die gleiche Tonleiter bei fröhlichen Anlässen - bei Geburten und Hochzeiten. Daran musste ich denken, als ich gestern doch noch einmal überprüfte, ob das mit dem "bagad!" denn im ägyptischen Arabisch so stimmt, wie ich es mir zurecht gelegt hatte. Und siehe da: Was Mendelssohn als jiddischen Ausdruck für "was für ein Glück", "bagad" vermittelt, bedeutet nach meinem ägyptischen Sprachprogramm "das ist aber hart!" oder "schwierig!"

 

 

 

 

Gen 30,13 

 


Lea im Glücksrausch:

‎  וַתֹּ֣אמֶר לֵאָ֔ה בְּאָשְׁרִ֕י כִּ֥י אִשְּׁר֖וּנִי בָּנ֑וֹת וַתִּקְרָ֥א אֶת־שְׁמ֖וֹ אָשֵֽׁר

 (Gen. 30:13 WTT)

 

mE:

Und Lea sprach: Bin in meiner Glückseligkeit, denn Töchter preisen mich glückselig und sie rief seinen Namen Ascher, Glückseligkeit.

 

Buber/Rosenzweig:

Lea sprach:

Zu meiner Seligkeit! denn selig preisen mich die Töchter.

Sie rief seinen Namen: Ascher, Selig.

 

van Dyke:

‎  » .فَقَالَتْ لَيْئَةُ: «بِغِبْطَتِي، لأَنَّهُ تُغَبِّطُنِي بَنَاتٌ» . فَدَعَتِ اسْمَهُ «أَشِيرَ  (Gen. 30:13 AVD)

VOKABEL:

VERB:

غبط  - froh sein;

NOMEN:

 غبطة  - Glückseligkeit.

 

BEOBACHTUNGEN:

1 Töchter

Aus den Töchtern machen Frauen: Bereits die Septuaginta, LXX LXXD, Hieronymus folgt dem VUL VULD sowie NAS ESV BFC EIN NL D83 D92 GN GNB und BiG. Die anderen eingesehenen Übersetzungen bleiben bei "Töchter".

 

2 ‎  בְּאָשְׁרִ֕י -  be'aschri - und ‎  אִשְּׁר֖וּנִי - 'ischschruni:

Die Bandbreite, wie dies übersetzt wurde ist diesmal nicht ganz so breit, aber auch beeindruckend:

LXX μακαρία ἐγώ ὅτι μακαρίζουσίν με 

KXXD glücklich - preisen mich glücklich

VUL beatitudine mea beatam quippe me dicent

VULD Dies 〈geschieht〉 zu meinem Segen! Ja, gesegnet werden mich ... nennen

KJV (ESV NAS)  Happy am I - call me blessed (happy)

LSG Je suis heureuse - me diront heureuse

BFC Quel bonheur - je suis heureuse

LUT L17 wohl mir - selig preisen

EIN Mir zum Glück - beglückwünschen

ELB Zu meinem Glück - glücklich preisen - (Glückskind)

ZUR Ich Glückliche! - glücklich preisen

NL Wat ben ik gelukkig!  - gelukkig prijzen

D82 Held mig! - vil prise mit held! [held = Glück, Erfolg]

D92 Hvilken lykke for mig - prise mig lykkelig

M B/M Zu meiner Glückseligkeit - preisen mich glückselig

ZUNZ Zu meiner Seligkeit - selig preisen mich

GN GNB Ich bin glüchlich! Alle Frauen werden mich beneiden.

BiG Ich Glückliche - glücklich preisen  - 'Glückskind'.

Den Namen Ascher für das Wortspiel machen nur die ELB B/R BiG und mE verständlich.

 

Köln-Merkenich, am Montag, den 9. November 2020

 

 

 

 

Gen 30,14 

 


Leas Ältester geht schon in die Ernte:

‎  וַיֵּ֙לֶךְ רְאוּבֵ֜ן בִּימֵ֣י קְצִיר־חִטִּ֗ים וַיִּמְצָ֤א דֽוּדָאִים֙ בַּשָּׂדֶ֔ה וַיָּבֵ֣א אֹתָ֔ם אֶל־לֵאָ֖ה אִמּ֑וֹ וַתֹּ֤אמֶר רָחֵל֙ אֶל־לֵאָ֔ה תְּנִי־נָ֣א לִ֔י מִדּוּדָאֵ֖י בְּנֵֽךְ׃

 (Gen. 30:14 WTT)

 

mE:

Und Ruben ging in den Tagen des Weizenschneidens und fand Alraunen im Feld und brachte sie Lea, seiner Mutter, aber Rachel sprach zu Lea: Gib doch mir von den Alraunen deines Sohnes!

 

Buber/Rosenzweig:

Ruben ging in den Tagen der Weizenernte und fand Minneäpfel auf dem Feld

und brachte sie Lea seiner Mutter.

Rachel sprach zu Lea:

Gib mir doch von den Minneäpfeln deines Sohnes!

 

van Dyke:

‎   وَمَضَى رَأُوبَيْنُ فِي أَيَّامِ حَصَادِ الْحِنْطَةِ فَوَجَدَ لُفَّاحًا فِي الْحَقْلِ وَجَاءَ بِهِ إِلَى لَيْئَةَ أُمِّهِ. فَقَالَتْ رَاحِيلُ لِلَيْئَةَ: «أَعْطِينِي مِنْ لُفَّاحِ ابْنِكِ  (Gen. 30:14 AVD)

VOKABELN:

VERBEN:

مضى  , i - weggehen;

 حصد , u - ernten, schneiden;

 وجد , i - finden;

 جىء - kommen, bringen

NOMEN:

حصاد - Ernte

حنطة - Weizen

لفاح - ??? Alraune

حقل , pl. حقول hu'qul  - Acker, Feld.

 

BEOBACHTUNGEN

Was Ruben im Acker findet heißt auf Hebräisch ‎  דוּדָאִים, duda'im. Man kann darin das Wort דּוֹד, Dod, Liebling, Geliebter, erkennen. Von daher wohl die Übersetzung bei LUT L17 ZUR und BiG mit "Liebesäpfel". Entsprechend B/R Minneäpfel, NL liefdesappels, BFC pommes d'amour und die ältere dänische Übersetzung D83 mit kærlijhedsæbler, Liebesäpfel. 

Die Septuaginta hat es völlig anders gesehen, sie übersetzt μῆλα μανδραγόρου, LXXD Alraunenfrüchte, so auch Hieronymus: mandragoras, VULD Alraunen. So bleiben bei Alraunen die EIN D92 Mendelssohn B/M und ZUNZ, SCH Alraunenfrüchte. 

Die GN spricht erst von "Alraunfrüchte" und dann von "Zauberfrüchten".

In der Bibelausgabe letzter Hand von Luther steht nur "Dudaim", so auch die ELB.

Die Alraune sieht nett und ziemlich harmlos aus (https://de.wikipedia.org/wiki/Gemeine_Alraune - zuletzt eingesehen am 11.10.2023):

Ihr Verzehr ist hochgiftig und kann zu Tod durch Atemlähmung führen.

 

Köln-Merkenich, am Dienstag, den 10. November 2020

 

 

 

 

Gen 30,15 Männer-/Frauenhandel 

 


Die Alraunen haben es Rachel angetan:

‎וַתֹּ֣אמֶר לָ֗הּ הַמְעַט֙ קַחְתֵּ֣ךְ אֶת־אִישִׁ֔י וְלָקַ֕חַת גַּ֥ם אֶת־דּוּדָאֵ֖י בְּנִ֑י וַתֹּ֣אמֶר רָחֵ֗ל לָכֵן֙ יִשְׁכַּ֤ב עִמָּךְ֙ הַלַּ֔יְלָה תַּ֖חַת דּוּדָאֵ֥י בְנֵֽךְ׃

   (Gen. 30:15 WTT)

 

mE:

Und sie sprach zu ihr: Zu wenig dein Nehmen meines Mannes? Und für das Nehmen auch der Alraunen meines Sohnes? Und Rachel antwortete: Für diesmal liegt er mit dir die Nacht für Alraunen deines Sohnes.

 

Buber/Rosenzweig:

Die sprach zu ihr:

Ists noch zu wenig, daß du meinen Mann genommen hast,

mußt du auch die Minneäpfel meines Sohnes nehmen?

Rachel sprach:

Mag er drum die Nacht bei dir liegen für die Minneäpfel deines Sohnes.

 

van Dyke:

‎  فَقَالَتْ لَهَا: «أَقَلِيلٌ أَنَّكِ أَخَذْتِ رَجُلِي فَتَأْخُذِينَ لُفَّاحَ ابْنِي أَيْضًا؟» فَقَالَتْ رَاحِيلُ: «إِذًا يَضْطَجعُ مَعَكِ اللَّيْلَةَ عِوَضًا عَنْ لُفَّاحِ ابْنِكِ    (Gen. 30:15 AVD)

VOKABELN:

PARTIKEL

اذا - also, deshalb, darum,

ADJEKTIVE

قليل  pl. قلال oder  قلائل  - wenig, gering,

اقل  - Elativ (= Superlativ ohne Vergleich "sehr schön"),

als ADVERB:

 قليلا - ein wenig, etwas,

VERBEN

اخذ , u - nehmen,

ضجع  und im VIII. Stamm  اضطجع :  - sich legen schlafen,

عوض  oder عاض  - ersetzen, von daher:

عوضا عن  - anstatt, als Ersatz für.

FRAGEN:

- die Form ‎  فَتَأْخُذِين  verstehe ich nicht!

- wisst ihr was zu لفاح ?

 

BEOBACHTUNG:

Bei vier Frauen - wer bestimmt, bei welcher der Mann die Nacht verbringt? Hier machen es zwei Frauen unter sich aus. Sonst auch?

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 11. November 2020

 

 

 

 

Gen 30,16 Die Männermiete 

 


Der Handel wirkt:

‎  וַיָּבֹ֙א יַעֲקֹ֣ב מִן־הַשָּׂדֶה֘ בָּעֶרֶב֒ וַתֵּצֵ֙א לֵאָ֜ה לִקְרָאת֗וֹ וַתֹּ֙אמֶר֙ אֵלַ֣י תָּב֔וֹא כִּ֚י שָׂכֹ֣ר שְׂכַרְתִּ֔יךָ בְּדוּדָאֵ֖י בְּנִ֑י וַיִּשְׁכַּ֥ב עִמָּ֖הּ בַּלַּ֥יְלָה הֽוּא׃ 

 (Gen. 30:16 WTT)

 

mE:

Und es kam Jaakob am Abend vom Feld und Lea ging heraus um ihn zu rufen und sie sprach: Zu mir wirst du kommen, denn für Alrauen meines Sohnes habe ich ein Mieten dich gemietet. Und er lag bei ihr in dieser  Nacht.

 

Buber/Rosenzweig:

Als Jaakob des Abends vom Feld kam, trat Lea ihm entgegen und sprach:

Zu mir mußt du kommen,

denn Gedings ausbedungen habe ich dich um die Minneäpfel meines Sohnes.

Er lag bei ihr in jener Nacht,

 

van Dyke:

‎  فَلَمَّا أَتَى يَعْقُوبُ مِنَ الْحَقْلِ فِي الْمَسَاءِ، خَرَجَتْ لَيْئَةُ لِمُلاَقَاتِهِ وَقَالَتْ: «إِلَيَّ تَجِيءُ لأَنِّي قَدِ اسْتَأْجَرْتُكَ بِلُفَّاحِ ابْنِي» . فَاضْطَجَعَ مَعَهَا تِلْكَ اللَّيْلَةَ (Gen. 30:16 AVD)

VOKABELN:

PARTIKEL

ذلك männlich,  تلك weiblich, أولئك  plural  - jene/r/s

VERBEN

خرج , u  - hinausgehen

استاجر - mieten, das ist X. STAMM ( است ista wird vor die Grundform gesetzt): mieten von: اجر ,u - belohnen

ضجع  und im VIII. STAMM  اضطجع :  - sich legen schlafen - wie im vorangegangenen Vers! 

Der VIII. Stamm "ist das Reflexivum" der Grundform. "Sie wird gebildet, indem man vor die Stammforn ein ا , i, setzt und nach dem 1. Konsonanten ein ت , t einschiebt": Aus كتب katab, schreiben wird  اكتتب iktatab, sich einschreiben.

NOMEN

حقل pl. حقول - Feld

ملاقاة - Begegnung, Empfang.

 

BEOBACHTUNGEN:

Dass unter den Frauen ein richtiger Markt entstehen kann, wer die Nacht mit dem Mann schläft - das ist eine Entdeckung! Womöglich trägt das auch zum Unterhalt bei. Wo Polygamie üblich - und nicht die Ausnahme -  ist, gibt es das auch dort?

Die verschiedenen Übersetzungen tun sich schwer damit, dass im hebräischen in einer etymologischen Figur das Wort  שׂכר ,sachar, mieten zweimal vorkommt: Ein Mieten mieten.

Die Varianten sind mit jeweils einer Form von:


Hier etwas ausführlicher:

 

MIETEN

LXX μεμίσθωμαι γάρ σε

LXXD dich eingehandelt - In einer Anmerkung heißt es: "wörtlich gekauft"

Das Verb μεμίσθωμαι kommt von  μισθόω und der Pape sagt dazu "vermiethen".

VUL mercede conduxi te

VULD dich für einen Preis gemietet

KJV I have hired thee

ESV (NAS) I have (surely) hired you

NL je eerlijk gehuurd

M B/M dich gemiethet

 

KAUFEN

LSG je t'ai acheté

LUT L17 SCH ELB dich erkauft

D82 D92 købt dig

 

ZAHLEN

BFC j'ai payé le droit de t'avoir

Der GN GNB scheint das ganze besonders peinlich zu sein:

"Heute musst du bei mir schlafen; ich habe dafür mit den Liebesäpfeln meines Sohnes bezahlt."

 

DINGEN

ZUNZ denn ich habe dich gedungen

B/R denn Gedings ausbedungen habe ich dich - "dingen" ist ein heute veraltetes Wort für "in Dienst nehmen"; vielleicht ist dieses Wort im Jiddischen viel geläufiger? Ursprünglich meint es "vor Gericht für eine Sache reden, gerichtlich verhandeln, vertragsmäßig festsetzen" (Wahrig) und hängt mit dem alten deutschen Wort für Gericht zusammen: Das Ding oder auch Thing: Die germanische Volks- und Gerichtsversammlung. Heute noch in Ortsnamen: z. B. in "Wolterdingen" - da kam mein Vater her!

 

ERWERBEN

ZUR (EIN) dich (nämlich) erworben

HANDELN

LXXD BiG dich eingehandelt

 

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 12. November 2020

 

 

 

 

Gen 30,17 

 


Gott ist auch Herr der Fruchtbarkeit - diese Botschaft lässt sich hier sehr laut vernehmen:

‎  וַיִּשְׁמַ֥ע אֱלֹהִ֖ים אֶל־לֵאָ֑ה וַתַּ֛הַר וַתֵּ֥לֶד לְיַעֲקֹ֖ב בֵּ֥ן חֲמִישִֽׁי

 (Gen. 30:17 WTT)

 

mE:

Und Gott hörte auf Lea und sie wurde schwanger und gebar Jaakob einen fünften Sohn.

 

Buber/Rosenzweig: 

Und Gott erhörte Lea, und sie wurde schwanger und gebar Jakob einen fünften Sohn.

 

van Dyke:

‎.وَسَمِعَ اللهُ لِلَيْئَةَ فَحَبِلَتْ وَوَلَدَتْ لِيَعْقُوبَ ابْنًا خَامِسًا (Gen. 30:17 AVD)

VOKABEL:

حبل - schwanger werden.

 

BEOBACHTUNGEN:

1

Und was hört Gott? Das kann Hieronymus nicht offen lassen - wobei ich nicht gefunden habe, dass exaudio im Lateinischen zwingend transitiv ist, eigentlich bedeutet es "deutlich hören":

VUL et exaudivit Deus preces eius

VULD und Gott erhörte ihre Bitte.

Hieronymus eifern nach:

BFC Dieu exauça la prière de Léa

GN GNB Und Gott erhörte Leas Bitte.

D83 und D92 Gud bønhørte hende. 

 

2 hören - erhören

Von den eingesehenen deutschen Bibelübersetzungen sind es nur folgende, die von "hören" sprechen: ZUNZ ELB BiG et moi.

Die drei englischen Fassungen sind hier alle unterschiedlich:

KJV God hearkened unto Leah - hearken ist recht altertümlich, Merriam-Webster erläutert es mit "to give respectful attention" - wohlgemerkt Gott!

ESV God gave heed to Leah 

ESV God listened to Leah

 

Köln-Merkenich, am Freitag, den 13. November 2020

 

 

 

 

Gen 30,18 

 


Lea gibt dem Kind einen Namen:

‎  וַתֹּ֣אמֶר לֵאָ֗ה נָתַ֤ן אֱלֹהִים֙ שְׂכָרִ֔י אֲשֶׁר־נָתַ֥תִּי שִׁפְחָתִ֖י לְאִישִׁ֑י וַתִּקְרָ֥א שְׁמ֖וֹ יִשָּׂשכָֽר׃

 (Gen. 30:18 WTT)

 

mE:

Und Lea sprach: Gott gab meinen Mietlohn, denn ich gab meine Sklavin meinem Mann. 

Und sie rief seinen Namen Isssachar - Manneslohn.

 

Buber/Rosenzweig:

Lea sprach:

Gott gab mir meinen Gedinglohn,

weil ich meine Magd meinem Manne gegeben habe.

Sie rief seinen Namen: Jissachar, Ausbedingnis.

 

van Dyke:

‎.  فَقَالَتْ لَيْئَةُ: «قَدْ أَعْطَانِي اللهُ أُجْرَتِي، لأَنِّي أَعْطَيْتُ جَارِيَتِي لِرَجُلِي» . فَدَعَتِ اسْمَهُ «يَسَّاكَرَ»   (Gen. 30:18 AVD)

VERB:

Hier ist ein äußerst interessantes Verb: 'nehmen' und 'geben' in einem Wort:

عطو  oder  عطا - empfangen, nehmen;

im IV. Stamm: عاطاء  - jemandem geben!

NOMEN:

أجر  pl.  أجور - Lohn, Gebühr.

 

BEOBACHTUNGEN:

Zum ersten Mal erläutert die Septuaginta einen Namen der Kinder:

LXX καὶ ἐκάλεσεν τὸ ὄνομα αὐτοῦ Ισσαχαρ ὅ ἐστιν Μισθός (Gen. 30:18 BGT)

LXXD Und sie gab ihm den Namen Issachar, das bedeutet »Lohn«.

Spricht das dafür, dass selbst dem jüdischen Übersetzerkollegium in Alexandria der Name recht fremd vorkam?

Außer Buber/Rosenzweig et moi übertragen die Bedeutung des Namens:

EIN "Lohn"

BiG 'Lohnarbeiter'.

Damit bezieht sie sich womöglich auf Gen 49,15 und die dortige Erklärung des Namens als 'Fronarbeiter'.

Eduard Meyer übersetzt in seiner "Geschichte des Altertums", Band 2/2, S. 221, den Namen mit "Lohnknecht" und im Biblisch-historischen Handwörterbuch, Band 2, S. 777, werden zwei Bedeutungen angeboten: "(Gott) gibt Lohn" und "der Mann des Lohnes".

Der Name - der ja immer zugleich als einer der 12 Stämme Israels/Jaakobs gehört wird - und der Versuch ihn zu erklären bedingen offenbar schon im Erzähltext, dass die Alraunengeschichte ganz in den Hintergrund tritt. Das hebräische Wort für "Lohn", שָׂכָר , sacher, in diesem Vers verbindet jedoch mit dem Vers 16 der Alraunengeschichte und dem dortigen Verb שׂכר , sachar, mieten.

 

Köln-Merkenich, am Montag, den 16. November 2020

 

 

 

 

Gen 30,19 

 


Leas sechster Sohn:

‎  וַתַּ֤הַר עוֹד֙ לֵאָ֔ה וַתֵּ֥לֶד בֵּן־שִׁשִּׁ֖י לְּיַעֲקֹֽב׃ (Gen. 30:19 WTT)

 

mE:

Und Lea wurde erneut schwanger und gebar Jaakob einen sechsten Sohn

 

Buber/Rosenzweig:

 Wieder wurde Lea schwanger und gebar Jaakob einen sechsten Sohn.

 

van Dyke:

‎  وَحَبِلَتْ أَيْضًا لَيْئَةُ وَوَلَدَتِ ابْنًا سَادِسًا لِيَعْقُوبَ (Gen. 30:19 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN:

Die GN wartet mit einer kleinen Überraschung auf: Abwechslung erfreut - auch in einer Erzählung - und so liest man in der Ausgabe der Guten Nachricht von 1982: "Als Lea noch einmal schwanger wurde und wieder einen Sohn zur Welt brachte" - da ist vom sechsten Sohn nicht mehr die Rede.

Die Revision, Gute Nachricht Bibel, GNB, von 1997 korrigiert: "Sie wurde noch einmal schwanger und gebar Jakob einen sechsten Sohn."

KJV und Mendelssohn (und die Neuausgabe B&M) sowie Luther von 1545 und SCH D92 (nicht D82!) und BiG verwenden den bestimmten Artikel: "und gebar ... den sechsten Sohn". LUT und L17 übersetzen sehr elegant und etwas frei: "ihren sechsten Sohn".

 

Köln-Merkenich, am Dienstag, den 17. November 2020

 

 

 

 

Gen 30,20 anhimmeln 

 


Lea will punkten:

‎  וַתֹּ֣אמֶר לֵאָ֗ה זְבָדַ֙נִי אֱלֹהִ֥ים׀ אֹתִי֘ זֵ֣בֶד טוֹב֒ הַפַּ֙עַם֙ יִזְבְּלֵ֣נִי אִישִׁ֔י כִּֽי־יָלַ֥דְתִּי ל֖וֹ שִׁשָּׁ֣ה בָנִ֑ים וַתִּקְרָ֥א אֶת־שְׁמ֖וֹ זְבֻלֽוּן׃

 (Gen. 30:20 WTT)

 

mE: 

Und Lea sprach: Gott hat mich beschenkt, mir ein gutes Geschenk, der Schritt, dass mich mein Mann anhimmelt, denn ich habe ihm sechs Söhne geboren. Und sie rief seinen Namen Sebulon, Anhimmeln.

 

Buber/Rosenzweig:

Lea sprach:

Zugerichtet hat mir Gott ein gutes Gericht,

diesmal wird mein Mann mich aufrichten,

denn sechs Söhne habe ich ihm geboren.

Sie rief seinen Namen: Sbulun, Aufrecht.

 

van Dyke:

‎  فَقَالَتْ لَيْئَةُ: «قَدْ وَهَبَنِي اللهُ هِبَةً حَسَنَةً. الآنَ يُسَاكِنُنِي رَجُلِي، لأَنِّي وَلَدْتُ لَهُ سِتَّةَ بَنِينَ» . فَدَعَتِ اسْمَهُ «زَبُولُونَ   (Gen. 30:20 AVD)

VOKABELN:

VERBEN:

وهب  oder يهب  - geben, schenken;

حسن , u - schön sein;

سكن - ruhig sein, wohnen; hier III. Stamm: zusammen wohnen.

Der dritte Stamm "wird gebildet, indem man nach dem ersten Konsonanten ein langes a einschiebt, der 2. Vokal ist immer i. Sie drückt Beziehungen zwischen Personen und Sachen aus, z. B.  كاتب , katib - an jemanden schreiben, korrespondieren."

NOMEN

هبة  hiba pl.  hibat - Gabe, Geschenk;

ADJEKTIV

حسن - schön, gut.

 

BEOBACHTUNGEN:

Das Standardwörterbuch für Hebräisch-Deutsch, der sogenannte "Gesenius" und auch das Taschenwörterbuch von Feyerabend, Langenscheid, übersetzt  זבל  , sabal, von der die Form ‎  יִזְבְּלֵ֣נִי, jisbleni, in diesem Vers stammt, mit "wohnen".

Entsprechend übersetzen:

KJV NAS now will my husband dwell with me

LSG mon mari habitera avec moi

L45 Nu wird mein Man wider bey mir wonen

SCH (BiG) Nun (Diesmal) wird mein Mann wieder bei mir wohnen.

NL ditmal zal mijn man bij mij komen wonen

M nunmehr wird mein Mann mit mir wohnen

ZUNZ diesmal wird mein Mann bei mir seine Wohnung nehmen

van Dyke ‎  الآن يُسَاكِنُنِي رَجُلِي

Etwas abgeschwächt in der Vulgata:

VUL mecum erit maritus meus

VULD Mein Mann wird bei mir sein

LUT nun wird mein Mann doch bei mir blieben

D83 nu vil min mand blive hos mig

Bereits die Septuaginta liest es anders:

LXX νῦν καιρῷ αἱρετιεῖ με ὁ ἀνήρ μου

LXXD Von jetzt an wird mein Mann mich vorziehen

Ihr folgen:

ESV now my husband will honor me

BFC mon mari m'honorera

L17 nun wir mein Mann mich ehren

ELB diesmal wird mein Mann mich erheben

ZUR nunmehr wird mein Mann mich als seine Frau ehren

D92 Nu må min mand agte og ære mig

GN GNB Jetzt endlich wird mein Mann mich annehmen

B/R diesmal wird mein Mann mich aufrichten

Die englischsprachigen Wörterbücher, die Bible Works hier anbietet, von Holladay und Brown, Driver, Briggs, übersetzen זבל  , sabal, mit "exalt", preisen.

Der Stamm taucht im Alten Testament sehr selten auf, aber an prominenter Stelle: 1 Kg 8,13, parr 2 Chr 6,2: Im Hohepriesterlichen Gebet von Salamon zum Tempel! Vgl. Jes 63,15, Hab 3,11.

Das Theologische Wörterbuch zum Alten Testament erläutert, Band 2, Spalten 531-534:

"Im AT begegnet zbl, von einigen Personennamen abgesehen, fünfmal als Nomen und ein einziges Mal als Verbum." (532) Er erläutert die Nomen in ihrer Verbindung mit Tempel und Gottes Wohnstätte.

Zum Verb schreibt der Autor (J. Gamberoni):  "jizbeleni von Gen 30,20a ist vielleicht vom Ganzen her verständlich. Für die Unfruchtbare und Zurückgesetzte sind Kinder eine Auszeichnung durch Gott (Gen 29,32.34; 30,20), die sie vom Mann honoriert wissen möchte." So "würde in Analogie zum nominalen Gebrauch die Deutung 'verhimmeln' oder 'auf den Händen tragen' sich einigermaßen in den Kontext fügen." (533f)

Mendelssohn hat für den ersten Teil des Verses eine aparte Übersetzung:

Gott hat mich abgetheilt mit einem schönen Theil

In der Neuausgabe von Böckler B/M: Gott hat mir zugeteilt ein schönes Teil.

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 18. November 2020

 

 

 

 

Gen 30,21 Eine Tochter! 

 


Zum ersten Mal ist von einer Tochter Jaakobs die Rede:

‎  וְאַחַ֖ר יָ֣לְדָה בַּ֑ת וַתִּקְרָ֥א אֶת־שְׁמָ֖הּ דִּינָֽה (Gen. 30:21 WTT)

 

mE:

Und danach gebar sie eine Tochter und rief ihren Namen Dina (Richterin).

 

Buber/Rosenzweig:

Danach gebar sie eine Tochter und rief ihren Namen Dina.

 

van Dyke:

‎  ثُمَّ وَلَدَتِ ابْنَةً وَدَعَتِ اسْمَهَا «دِينَةَ (Gen. 30:21 AVD)

 

BEOBACHTUNG:

Dem Namen der Tochter wird leider keine kleine Geschichte gewidmet - schade. Die BiG überträgt die Bedeutung des Namens mit "'gerechtes Urteil'".

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 19. November 2020

 

 

 

 

Gen 30,22 

 


Rachel wird erhört:

‎  וַיִּזְכֹּ֥ר אֱלֹהִ֖ים אֶת־רָחֵ֑ל וַיִּשְׁמַ֤ע אֵלֶ֙יהָ֙ אֱלֹהִ֔ים וַיִּפְתַּ֖ח אֶת־רַחְמָֽהּ׃ 

 (Gen. 30:22 WTT)

 

mE:

Und Gott gedachte Rachel und es hörte auf sie Gott und er öffnete ihre Gebärmutter.

 

Buber/Rosenzweig:

Gott aber gedachte Rachels,

Gott erhörte sie und öffnete ihren Schoß,

 

van Dyke:

‎  وَذَكَرَ اللهُ رَاحِيلَ، وَسَمِعَ لَهَا اللهُ وَفَتَحَ رَحِمَهَا  (Gen. 30:22 AVD)

VOKABELN:

VERBEN

ذكر  - u - gedenken, sich erinnern;

فتح , a - öffnen;

رحم , a - sich erbarmen.

NOMEN

 رحم , rachm oder rachim, pl.أرحام  - Mutterleib, Gebärmutter

NB:

رحمان  oder رحمن - barmherzig - Beiname Gottes;

رحمة - Erbarmen, Mitleid, Gnade

Dazu genau parallel:

רחם  , racham - lieben; piel: sich erbarmen; als NOMEN רֶחֶם, rachäm: Mutterleib, pl.: Eingeweide, Erbarmen, Mitleid, Liebe.

 

BEOBACHTUNGEN:

1 reflexiv oder transitiv bzw. intransitiv?

Im Hebräischen wird steht eine transitive Form: ‎  וַיִּזְכֹּ֥ר אֱלֹהִ֖ים אֶת־רָחֵ֑ל  wajiskor älohim ät-Rachel.

Im Deutschen lässt sich dies nachbilden mit einer Form von denken, gedenken.

Aber schon die Septuaginta und auch Hieronymus übersetzen reflexiv:

LXX ἐμνήσθη

LXXD erinnerte sich

VUL recordatus 

VULD erinnerte sich

Manche übersetzen mit intransitiven Formen.

Entsprechend gibt es drei Gruppen von Übersetzungen:


Die dänischen Übersetzungen gehen eigene Wege: 

D83 Så kom Gud Rakel i hu - hu = Gedächtnis, Erinnerung 

D92 Gud glemmte ikke R.: Gott vergaß Rachel nicht

 

2 Schoß

Was Gott öffnet, dafür sind die Bezeichnungen sehr vielfältig:

LXX τὴν μήτραν 

LXXD Mutterleib

VUL vulvam

VULD Mutterleib

KJV ESV NAS womb

EIN SCH ZUNZ GNB Mutterschoß

ELB Mutterleib

ZUR B/R Schoß

NL baarmoeder

D92 moderliv

M Bärmutter

B/M BiG mE Gebärmutter

Andere Wege gehen:

LSG BFC rendit féconde

LUT L17 machte sie fruchtbar

GN ließ sie ein Kind empfangen - das hat die Revision GNB korrigiert, s. o.

Was Gott aktiv tut, verlegt die BiG ins Passiv: ließ ihre Gebärmutter sich öffnen.

 

Köln-Merkenich, am Montag, den 23. November 2020

 

 

 

 

Gen 30,23 

 


Rachel kann aufleben:

‎  וַתַּ֖הַר וַתֵּ֣לֶד בֵּ֑ן וַתֹּ֕אמֶר אָסַ֥ף אֱלֹהִ֖ים אֶת־חֶרְפָּתִֽי׃

 (Gen. 30:23 WTT)

 

mE:

Und sie wurde schwanger und gebar einen Sohn und sprach: Eingesammelt hat Gott meine Schande.

 

Buber/Rosenzweig:

sie wurde schwanger und gebar einen Sohn.

Sie sprach:

Assaf - hinwegschaffte

Gott meine Schmach.

 

van Dyke:

‎  فَحَبِلَتْ وَوَلَدَتِ ابْنًا فَقَالَتْ: «قَدْ نَزَعَ اللهُ عَارِي (Gen. 30:23 AVD)

VOKABELN:

VERBEN

حبل  bzw. حبلت , a - schwanger werden,

نزع , i - herausziehen, ausreißen, wegnehmen.

NOMEN

  عار , pl.  أعيار - Schande, Schmach.

NB:  عار , aarin, constructus عارى  pl. عراة  uurat - nackt, entblößt.

 

BEOBACHTUNG:

1

Von den eingesehenen Übersetzungen setzt einzig die EIN vor "Schande" einen Artikel und kein Possessivpronomen: Gott hat die Schande von mir genommen.

 

2

Die Übersetzungen schwanken zwischen "Schande" (LXX ὄνειδος LXXD VUL obproprium VULD LSG opprobre BFC honte EIN GN GNB BiG NL schande) und "Schmach" (LUT L17 SCH ZUR ELB M B/M und ZUNZ).

KJV NAS und ESV übersetzen: reproach.

Interessant die dänischen Übersetzungen:

Die ältere D83 übersetzt skændsel (Schande,Schmach), die jüngere D92 vanære - wobei die Vorsilbe "van" aus dem Lateinischen stammt: "vanus" - leer!

 

Köln-Merkenich, am Dienstag, den 24. November 2020

 

 

 

 

Gen 30,25 

 


Jaakob zieht's heim:

‎  וַיְהִ֕י כַּאֲשֶׁ֛ר יָלְדָ֥ה רָחֵ֖ל אֶת־יוֹסֵ֑ף וַיֹּ֤אמֶר יַעֲקֹב֙ אֶל־לָבָ֔ן שַׁלְּחֵ֙נִי֙ וְאֵ֣לְכָ֔ה אֶל־מְקוֹמִ֖י וּלְאַרְצִֽי 

 (Gen. 30:25 WTT)

 

mE:

Und es geschah, nachdem Rachel Jossef geboren hatte, sprach Jaakob zu Laban: Gib mich frei! Und ich werde an meinen Platz und in mein Land gehen

 

Buber/Rosenzweig:

Als nun Rachel Jossef geboren hatte, sprach Jaakob zu Laban:

Entsende mich heim, daß ich an meinen Ort, in mein Land gehe,

 

van Dyke:

‎ . وَحَدَثَ لَمَّا وَلَدَتْ رَاحِيلُ يُوسُفَ أَنَّ يَعْقُوبَ قَالَ لِلاَبَانَ: «اصْرِفْنِي لأَذْهَبَ إِلَى مَكَانِي وَإِلَى أَرْضِي (Gen. 30:25 AVD)

VOKABELN:

VERBEN

حدث , u - geschehen,

صرف , i  - abwenden,

ذهب , a - reisen, gehen,

NOMEN

مكان  pl.  أمكنة amkina - Ort, Platz.

 

BEOBACHTUNGEN:

1

Je nachdem was die Übersetzer Jaakob sagen lassen, tritt zu Tage in welchem Verhältnis sie ihn Laban gegenüber sehen, ob eher abhängig oder gar unfrei oder mehr gleichberechtigt:

LXX ἀπόστειλόν με

LXXD entlasse mich

VUL dimitte me

VULD lass mich gehen

KJV NAS ESV send me away

LSG Laissé-moi partir

BFC Laissé-moi retourner

LUT L17 ZUR ZINK lass mich ziehen

EIN ELB SCH (M B/M ZUNZ BiG) Entlass(e) mich!

GN GNB Lass mich nun frei!

NL Laat mij vertrekken

D92 Lad mig rijse

D83 Lad mig fare

 

2

Manche Übersetzungen haben die beiden Ausdrücke am Ende des Verses  מָקוֹם makom, Ort, Platz, und  אֶרֶץ  äräz, Land, zu einem zusammen gezogen:

EIN GN GNB in meine Heimat

Alle anderen behalten den Parallelismus bei, wobei einige auch von Heimat oder zu Hause sprechen:

Hieronymus hat's vorgemacht:

VUL  in patriam et ad terram meam

VULD in meine Heimat und in mein Land

D83 til min hjemstavn (Heimat) og mit land

D92 til mit land, hvor jeg hører hjemme

SG BFC chez moi, dans mon pays

Und Buber/Rosenzweig verwenden gleich drei Ausdrücke!

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 26. November 2020

 

 

 

 

Gen 30,26 Der abhängige Diener 

 


Jaakob ist ein abhängiger Diener:

‎  תְּנָ֞ה אֶת־נָשַׁ֣י וְאֶת־יְלָדַ֗י אֲשֶׁ֙ר עָבַ֧דְתִּי אֹֽתְךָ֛ בָּהֵ֖ן וְאֵלֵ֑כָה כִּ֚י אַתָּ֣ה יָדַ֔עְתָּ אֶת־עֲבֹדָתִ֖י אֲשֶׁ֥ר עֲבַדְתִּֽיךָ׃

 (Gen. 30:26 WTT)

 

mE:

Auf! Gib meine Frauen und meine Kinder, ich habe dir mit ihnen gedient und auf! ich gehe, denn du hast erkannt meinen Dienst, den ich dir gedient habe.

 

Buber/Rosenzweig:

gib heraus meine Weiber und meine Kinder,

um die ich gedient habe bei dir,

und ich will gehn, -

du selber weißt ja meinen Dienst, den ich dir diente.

 

van Dyke:

‎أَعْطِنِي نِسَائِي وَأَوْلاَدِي الَّذِينَ خَدَمْتُكَ بِهِمْ فَأَذْهَبَ، لأَنَّكَ أَنْتَ تَعْلَمُ خِدْمَتِي الَّتِي خَدَمْتُكَ 

   (Gen. 30:26 AVD)

VOKABELN

VERBEN

ذهب , a - gehen - s. V. 25!

علم , a - wissen, kennen. Ein wunderschönes Wort!

خدم , i - dienen.

NOMEN

نساء - GIBT ES NUR IM PLURAL: Frauen.

PARTIKEL

الذى - der, die, das: f:  التى allati , dual: اللذان , dual weiblich:  اللتان  , plural:  الذين  , plural weiblich: اللدتى   .

 

BEOBACHTUNGEN

1 DREIMAL?

Wenn im Deutschen schon zweimal Wörter vom gleichem Wortstamm in einem Satz vorkommen, ist das schlechter Stil, drei Mal ist bereits (nicht: "schon"!) unerträglich - die Abwechslung erfreut! Im Hebräischen hatte man dieses Stilempfinden in diesen Geschichten offenbar nicht - ich will es in anderen Gattungen nicht ausschließen, etwa in der Lyrik, die reich an Parallelismen ist.

In diesem Vers aber taucht dreimal eine Form von  עבד, abad, (als Sklave) dienen, auf, zweimal als Verb, einmal als Nomen. Das ist eine starke Markierung, hilfreich für alle Leserinnen und Leser: Hier fordert ein Abhängiger von seinem Herrn seinen Lohn ein. Und: Er kündigt an, dass er gehen wird! Unerhört! Ein Diener geht?!

DREIMAL eine Form von "dienen" vermittelt sogar Hieronymos, dem es an anderer Stelle schon zuviel ist, wenn der gleiche Stamm nur zweimal auftaucht - ihm war es offenbar wichtig, diesen Marker zu setzen!

DREIMAL haben es auch die Septuaginta LXX und mit ihr die deutsche Übersetzung LXXD, ELB und alle jüdischen Übersetzungen: Mendelssohn, die Rabbinerbibel ZUNZ, Buber/Rosenzweig und die Neuausgabe B/M.

DREIMAL auch van Dyke et moi.

ZWEIMAL:

Die VULGATA DEUTSCH ersetzt das Nomen mit Knechtschaft. Immerhin wird dadurch deutlich, das hier nicht irgendwie ein "Service" bei der Bahn gemeint ist - vgl. BFC, die zweimal von travail/travaillé spricht und von service!

Zweimal auch spricht die BiG von Arbeit/arbeiten.

NL ersetzt das Nomen mit werk. 

LUT L17, D83, D92, GN, GNB und ZINK lassen einfach das Nomen aus!

 

2 FREIE KINDER

Hieronymus übersetzt ‎  יְלָדַ֗י , jladai, meine Kinder, mit liberos meos - das heißt tatsächlich Kinder, von liberi, -erorum und stammt in der Tat (!) von liber, frei: Es meint Kinder, sofern sie "den freien Teil der Hausgenossenschaft" ausmachen (Georges). Für ihn ist offenbar klar: Die KINDER der Töchter von Laban sind Freie!

 

Köln-Merkenich, am Freitag, den 27. November 2020

 

 

 

 

Gen 30,27 

 


‎  וַיֹּ֤אמֶר אֵלָיו֙ לָבָ֔ן אִם־נָ֛א מָצָ֥אתִי חֵ֖ן בְּעֵינֶ֑יךָ נִחַ֕שְׁתִּי וַיְבָרֲכֵ֥נִי יְהוָ֖ה בִּגְלָלֶֽךָ׃

 (Gen. 30:27 WTT)

 

mE:

Und Laben sprach zu ihm: Oh, wenn ich doch Gnade fände in deinen Augen. 

Ich ahnte, und mich segnet JHWH um deinentwillen.

 

Buber/Rosenzweig:

Laben sprach zu ihm:

Möchte ich doch Gunst in deinen Augen gefunden haben!

Ich habs erahnt:

um deinetwillen hat ER mich gesegnet.

 

van Dyke:

‎ فَقَال لَهُ لاَبَانُ: «لَيْتَنِي أَجِدُ نِعْمَةً فِي عَيْنَيْكَ. قَدْ تَفَاءَلْتُ فَبَارَكَنِي الرَّبُّ بِسَبَبِكَ (Gen. 30:27 AVD)

VOKABELN:

PARTIKEL:

ليت  und   يا ليت - o wäre doch, o  dass doch,

 بسبب - wegen.

VERB:

جدو oder جدا , u schenken; IV. Stamm: schenken, (Nutzen) bringen,

فأل  , VI. Stamm   تفاءل - als gutes Vorzeichen betrachten.

NOMEN:

نعمة , naama - Wohlleben

نعمة , niaama , pl. نعم niaam - Gnade, Güte.

 

BEOBACHTUNGEN:

Nach der Wendung "in deinen Augen" folgt im Hebräischen das Verb ‎  נִחַ֕שְׁתִּי, Piel, Perfekt, 1. Singular, es kommt von נחשׁ.

Die Übersetzungen gehen hierzu weit auseinander. Septuaginta und Vulgata geben die beiden Richtungen vor:

LXX οἰωνισάμην

LXXD würde ich es als Omen ansehen

VUL experimento didivi

VULD Ich habe durch Erfahrung gelernt

Diejenigen, die der Septuaginta folgen, haben das eine Verb z. T. sehr ausgedehnt verstanden:


Eine eigene Gruppe bilden die jüdischen Übersetzungen:

M Ich habe Ahnung

B/M ZUNZ ich ahne

B/R ich habs erahnt

Im Gesenius wird zu dem Verb angeführt: "Wahrsagerei treiben Lev 19,26. Dt 18,10. 2K 17, 17. 2K 21,6. 2Ch 33,6" und "als omennehmen 1K 20,33".

Im Taschenwörterbuch von Karl Feyerabend, Langescheidt, steht dazu: "zaubern, wahrsagen, ahnen, merken, als Vorbedeutung nehmen."

 

Köln-Merkenich, am Dienstag, den 1. Dezember 2020

 

 

 

 

Gen 30,28 

 


Laban nimmt Jaakob beim Wort und will gewähren - eine eindrückliche Mischung von Gleichbehandlung und Herrschaftsgefälle - in einem einzigen und auch noch sehr kurzen Satz:

‎  וַיֹּאמַ֑ר נָקְבָ֧ה שְׂכָרְךָ֛ עָלַ֖י וְאֶתֵּֽנָה׃ (Gen. 30:28 WTT)

 

mE:

Und er sprach: Bestimm doch deine Belohnung mir gegenüber und ich mag wohl geben!

 

Buber/Rosenzweig:

Und sprach:

Bezeichne mir doch deinen Lohn, ich will ihn geben.

 

van Dyke:

‎  وَقَالَ: «عَيِّنْ لِي أُجْرَتَكَ فَأُعْطِيَكَ (Gen. 30:28 AVD)

VOKABELN:

VERBEN

عين - II. STAMM (der mittlere Konsonant wird verdoppelt):, der arabische Kausativ- bzw. Intensivstamm: bestimmen, ÜBRIGENS: Sollte das Wort bekannt vorkommen, nicht zu unrecht, als NOMEN: عين pl. غيون und أعين - heißt es: Auge!

عطا  oder  عطو , u - empfangen, nehmen; IV. Stamm (mit vorgeordnetem ا): geben, gewähren - auch: أعطى

NOMEN

أجرة , udjra/udgra - Miete, Gebühr. 

 

BEOBACHTUNGEN:

Beim Übersetzen verspürte ich geradezu einen Zwang dem Verb "geben" noch ein Objekt (wem?) zu geben, das im Hebräischen nicht steht.

Diesem Druck hat schon Hieronymus nachgegeben und übersetzte: 

VUL  mercedem tuam quam dem tibi

VULD deinen Lohn, den ich dir geben soll.

Ihm folgen die Mehrzahl der Übersetzungen - auch van Dyke. Dafür ein Beispiel:  

LUT L17 den Lohn, den ich dir geben soll

Die Elberfelder stellt die Ergänzung in Klammern: ELB <dir>.

Dem Druck standgehalten haben:

Die Septuaginta: 

LXX καὶ δώσω

Die Septuaginta-Deutsch mit Vorbehalt:

LXXD (dir) geben

Die englischen Fasssungen KJV NAS ESV I will give it

Und alle jüdischen Übersetzungen:

Mendelssohn:  

M so will ich ihn geben, 

ZUNZ und Buber/Rosenzweig (et moi).

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 2. Dezember 2020

 

 

 

 

Gen 30,29 

 


Das Aushandeln beginnt:

‎ וַיֹּ֣אמֶר אֵלָ֔יו אַתָּ֣ה יָדַ֔עְתָּ אֵ֖ת אֲשֶׁ֣ר עֲבַדְתִּ֑יךָ וְאֵ֛ת אֲשֶׁר־הָיָ֥ה מִקְנְךָ֖ אִתִּֽי׃ 

   (Gen. 30:29 WTT)

 

mE:

Und er sprach zu ihm: Du weißt, was ich dir gedient habe und das, was mit deinem Vieh mit mir geschehen ist.

 

Buber/Rosenzweig:

Er aber sprach zu ihm:

Du selber weißt,

wie ich dir gedient habe,

und was aus deinem Vieh geworden ist bei mir.

 

van Dyke:

‎  فَقَالَ لَهُ: «أَنْتَ تَعْلَمُ مَاذَا خَدَمْتُكَ، وَمَاذَا صَارَتْ مَوَاشِيكَ مَعِي (Gen. 30:29 AVD)

VOKABELN:

PARTIKEL:

ماذا - was

VERB:

صار oder صير , i - geschehen,

HILFE: WAS BEDEUTET das Suffix  ت ? Ist es nicht sonst 1. Person Singular?

NOMEN:

ماشيه  pl.  مواش - Vieh (Oh, die Sache mit dem Plural! Bis ich das gefunden habe!)

 

BEOBACHTUNGEN

1 Quantifizierung

Septuaginta und Vulgate quantifizieren:

LXX καὶ ὅσα ἦν κτήνη σου μετ᾽ ἐμοῦ

LXXD wie viel von deinem Vieh bei mir war

VUL et quanta in manibus meis fuerit possessio tua

VULD wie groß dein Besitz in meinen Händen gewesen ist.

 

2 Herde/Vieh - Besitz

Damit werden die beiden Varianten zugleich deutlich, die benutzt worden sind: Entweder ist von Vieh bzw. Herden die Rede oder - wie Hieronymus - von Besitz. Ihm schließt sich aber nur die Dänische Übersetzung von 1983 an: D83 eijendom; D92 hat dies korrigiert: D92 hjord

 

3 mit mir/bei mir - unter mir

Die schlichte Präposition mit dem Suffix der 1. Person Singular, ‎ אִתִּֽי , ati, wird recht farbenfroh ausgemalt:

Bereits Hiernonymus übersetzt: 

VUL in manibus meis - in meinen Händen

EIN mir anvertraut

SCH unter meiner Pflege

ZUR unter meiner Obhut

NL onder mijn hoede

D83 under mine hænder

D92 mens jeh har vogtet den

ZINK durch meine Arbeit

Einige Übersetzungen sehen sich gezwungen das Vieh Jaakob unterzuordnen:

LUT L17 unter mir - so auch: SCH ZUR NL D83.

Hieronymus hatte es vorgemacht, er drückt die Gewalt über das Vieh aus "in manibus meis": in meinen Händen.

Alle anderen bleiben bei "bei mir", "avec moi", "with me", "μετ᾽ ἐμοῦ", "مَعِي ",  BFC jedoch: "grace á moi"!

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 3. Dezember2020



Gen 30,30 - der mitgehende Segen 

 


Jaakob erläutert:

‎  כִּ֡י מְעַט֩ אֲשֶׁר־הָיָ֙ה לְךָ֤ לְפָנַי֙ וַיִּפְרֹ֣ץ לָרֹ֔ב וַיְבָ֧רֶךְ יְהוָ֛ה אֹתְךָ֖ לְרַגְלִ֑י וְעַתָּ֗ה מָתַ֛י אֶֽעֱשֶׂ֥ה גַם־אָנֹכִ֖י לְבֵיתִֽי׃

 (Gen. 30:30 WTT)

 

mE:

Denn wenig war für dich vor meinem Angesicht und es bricht aus zur Menge und es segnet JHWH dich für meinen Fuß und jetzt, wann bilde auch ich mein Haus?

 

Buber/Rosenzweig:

 Denn wenig wars was du hattest vor mir,

und ausgebrochen ists in Menge,

so hat ER dich in meiner Spur gesegnet.

 

van Dyke:

‎  لأَنَّ مَا كَانَ لَكَ قَبْلِي قَلِيلٌ فَقَدِ اتَّسَعَ إِلَى كَثِيرٍ، وَبَارَكَكَ الرَّبُّ فِي أَثَرِي. وَالآنَ مَتَى أَعْمَلُ أَنَا أَيْضًا لِبَيْتِي؟ (Gen. 30:30 AVD)

VOKABELN:

PARTIKEL

لأن - denn, weil,

ما - was?

متى - wann?

VERB

وسع oder يسع - weit sein, hier VIII. Stamm (= ا als Präfix + ت nach dem 1. Konsonanten: katab > iktabab: Reflexiv: sich einschreiben) erweitert werden.

NOMEN

أثر pl. آثار - Spur.

 

BEOBACHTUNGEN

Über den "Fuß" sind schon andere gestolpert.

Die jüdische Übersetzergemeinschaft in Alexandria übersetzt staubtrocken:

LXX ἐπὶ τῷ ποδί μου

LXXD mit meinem Fuß

LSG sur me pas

Hieronymus deutet, bleibt aber sprachlich im Bild:

VUL ad introitum meum

VULD ergänzt: bei meinem Eintritt 〈in dein Haus〉 

Ihm folgen:

KJV since my coming

BFC depuis je sus entré chez toi

SCH seit ich hergekommen bin

NL sindst mijn komst

Und was ich bislang noch nie beobachten konnte, Mendelssohn und ZUNZ folgen in diesem Fall auch der Vulgata:

M B/M )ZUNZ) nach (bei) meinem Eintritt.

Die Lutherbibel malt aus:

LUT L17 bei jedem meiner Schritte

Ähnlich NAS ESV wherever I turned, und EIN ZINK ELB

ZUR (GN) wo immer ich (nur) meinen Fuß hinsetze

D83 hvor som helst jeg satte min fod

D92 hvor jeg gik og stod

BiG wohin mein Fuß trat

Die Form‎  לרגל , leragl, ist sehr selten, dafür aber gleich zweimal im Vers 33,14. MAIMONIDES erläutert dazu: Es hat schlicht die Bedeutung "wegen"! (Führer der Unschlüssigen Band I, 28,1). QUELLE: https://www.sefaria.org/Genesis.30.30?lang=bi&with=all&lang2=en

Deutsche Ausgabe Hamburg 1995, Band 1, S. 79:

Köln-Merkenich, am Freitag, den 4. Dezember 2020

 


 

 

 

Gen 30,31 

 


Jaakob will doch noch nicht so schnell fort:

‎  וַיֹּ֖אמֶר מָ֣ה אֶתֶּן־לָ֑ךְ וַיֹּ֤אמֶר יַעֲקֹב֙ לֹא־תִתֶּן־לִ֣י מְא֔וּמָה אִם־תַּֽעֲשֶׂה־לִּי֙ הַדָּבָ֣ר הַזֶּ֔ה אָשׁ֛וּבָה אֶרְעֶ֥ה צֹֽאנְךָ֖ אֶשְׁמֹֽר׃

 (Gen. 30:31 WTT)

 

mE:

Und er sprach: Was soll ich dir geben?

Und Jaakob sprach: Nicht gibst du mir irgendetwas, wenn du doch für mich dieses Ding machtest; ich kehre wohl um, ich hüte dein Kleinvieh, ich wache: 

 

Buber/Rosenzweig:

Er sprach:

Was soll ich dir geben?

Jaakob sprach:

Gar nichts sollst du mir geben -

tust du mir dieses nur,

dann kehr ich, weid ich deine Tiere, wach ich:

 

van Dyke:

‎  فَقَالَ: «مَاذَا أُعْطِيكَ؟» فَقَالَ يَعْقُوبُ: «لاَ تُعْطِينِي شَيْئًا. إِنْ صَنَعْتَ لِي هذَا الأَمْرَ أَعُودُ أَرْعَى غَنَمَكَ وَأَحْفَظُهَا (Gen. 30:31 AVD)

VOKABELN:

PARTIKEL

ماذا - was,

ان , in - wenn,

VERBEN

صنع , a - tun, machen,

عود oder عاد , u - zurückkehren,

رعى , a  - weiden,

حفظ , a - bewahren, behüten, behalten, auswendig lernen, auswendig können!

NOMEN

أمر  pl. أوامر - Befehl, Auftrag,

غنم  pl. أغنام - Kleinvieh.

 

BEOBACHTUNGEN:

1 drei

Am Ende des Verses stehen drei Verben unverbunden hart hintereinander.

Bereits die Septuaginta lässt das erste Verb - ‎  אָשׁ֛וּבָה , aschuwah, von שׁוב , schuw, umkehren - hinter dem Adverb  LXX πάλιν - wieder, verschwinden.

Das ahmen alle nach, nur nicht van Dyke! Und die jüdischen Übersetzungen: Mendelssohn sowie die Neuausgabe:

M B/M wieder hingehen

Buber/Rosenzweig, s. o., et moi.

Die dänischen Übersetzungen finden einen eigenen Weg:

D83 vedbliver jeg - verbleibe ich bei - und ähnlich: D92 jeg vil blive ved med

 

2 und

So verbleiben bei der Septuaginta nur noch zwei Verben, aber die werden auch mit einem "und" verbunden. Das machen alle eingesehenen Übersetzungen nach - außer: Buber/Rosenzweig und mE.

 

Köln-Merkenich, am Montag, den 7. Dezember 2020

 

 

 

 

Gen 30,32 

 


Jaakobs Vorschlag für seinen Lohn:

‎  אֶֽעֱבֹ֙ר בְּכָל־צֹֽאנְךָ֜ הַיּ֗וֹם הָסֵ֙ר מִשָּׁ֜ם כָּל־שֶׂ֣ה׀ נָקֹ֣ד וְטָל֗וּא וְכָל־שֶׂה־חוּם֙ בַּכְּשָׂבִ֔ים וְטָל֥וּא וְנָקֹ֖ד בָּעִזִּ֑ים וְהָיָ֖ה שְׂכָרִֽי׃

 (Gen. 30:32 WTT)

 

mE

Ich übergehe heute dein ganzes Kleinvieh zu entfernen von dort jedes gescheckte und gefleckte Lamm; und jedes schwarze/dunkle Lamm unter den Lämmern und das Gefleckte und Gescheckte unter den Ziegen wird mein Lohn sein.

 

Buber/Rosenzweig:

ich will heute durch all deine Tiere gehn,

entferne von dort alljedes gesprenkelte und gefleckte Stück;

dann soll alljedes braune Stück unter den Schaflämmern und das Gefleckte und das Gesprenkelte unter den Ziegen mein Lohn sein.

 

van Dyke:

‎  أَجْتَازُ بَيْنَ غَنَمِكَ كُلِّهَا الْيَوْمَ، وَاعْزِلْ أَنْتَ مِنْهَا كُلَّ شَاةٍ رَقْطَاءَ وَبَلْقَاءَ، وَكُلَّ شَاةٍ سَوْدَاءَ بَيْنَ الْخِرْفَانِ، وَبَلْقَاءَ وَرَقْطَاءَ بَيْنَ الْمِعْزَى. فَيَكُونَ مِثْلُ ذلِكَ أُجْرَتِي (Gen. 30:32 AVD)

VOKABELN:

VERBEN

جوز oder جاز - hindurchkommen; erlaubt sein [!], HIER VIII. STAMM: hindurchgehen, durchqueren,

عزل , i - trennen,

 مثل- stehen, erscheinen ODER - gleichen, ähneln.

NOMEN

غنم , ghanim - Beute, ODER wie hier: ghanam - Schafe, Kleinvieh,

شاة  pl. شياه - Schaf,

خروف  pl. خرفان oder خراف   - Hammel, Lamm,

معز - Ziege,

أجر  pl. أجور - Lohn.

ADJEKTIVE

 رقطاء oder  أرقط - gefleckt.

HILFE: zu بَلْقَاءَ  habe ich nichts gefunden!!!

PARTIKEL

 بين - zwischen, inmitten, unter,

مثل - wie, gleich wie.

HILFE: اعْزِلْ أَنْتَ habe ich nicht verstanden: Erst die 1. sg. und dann "du"??!!

 

BEOBACHTUNGEN

Hiernonymus vermengt die Bedingungen für Schafe und Ziegen, sie sind für beide gleich: 

VUL et maculosum variumque fuerit tam in ovibus quam in capris erit merces mea

VULD und alles, was dunkel und gefleckt und scheckig ist unter den Schafen so wie unter den Ziegen, wird mein Lohn sein.

So auch bei Luther: LUT Was nun bunt und gefleckt sein wird, das soll mein Lohn sein.

Das hat die L17 nicht korrigiert.

 

Köln-Merkenich, am Dienstag, den 8. Dezember 2020

 

 

 

 

Gen 30,33 

 


Jaakob bestärkt seinen Vorschlag:

‎  וְעָֽנְתָה־בִּ֤י צִדְקָתִי֙ בְּי֣וֹם מָחָ֔ר כִּֽי־תָב֥וֹא עַל־שְׂכָרִ֖י לְפָנֶ֑יךָ כֹּ֣ל אֲשֶׁר־אֵינֶנּוּ֩ נָקֹ֙ד וְטָל֜וּא בָּֽעִזִּ֗ים וְחוּם֙ בַּכְּשָׂבִ֔ים גָּנ֥וּב ה֖וּא אִתִּֽי׃

 (Gen. 30:33 WTT)

 

mE:

Und es wird antworten für mich meine Gerechtigkeit am morgigen Tag, denn du wirst gehen wegen meines Lohnes. Vor deinem Angesicht ist alles was nicht gescheckt und gefleckt ist unter den Ziegen und schwarz/dunkel unter den Lämmern gestohlen so es mit mir ist.

 

Buber/Rosenzweig:

Und verantworten mag mich am künftigen Tag meine Wahrhaftigkeit:

wenn du auf meinen Lohn den du vor dir hast kommst,

alles was nicht gesprenkelt und gefleckt ist unter den Ziegen und braun unter den Schaflämmern, das gelte bei mir als gestohlen.

 

van Dyke:

‎  وَيَشْهَد فِيَّ بِرِّي يَوْمَ غَدٍ إِذَا جِئْتَ مِنْ أَجْلِ أُجْرَتِي قُدَّامَكَ. كُلُّ مَا لَيْسَ أَرْقَطَ أَوْ أَبْلَقَ بَيْنَ الْمِعْزَى وَأَسْوَدَ بَيْنَ الْخِرْفَانِ فَهُوَ مَسْرُوقٌ عِنْدِي(Gen. 30:33 AVD)

VOKABELN:

VERBEN

شهد , a - Zeuge sein,

جىء oder  جاء , u - kommen, gelangen,

سرق , i -stehlen; Partizip passiv:  مسروق  - gestohlen.

NOMEN

بر , bir - Güte, Frömmigkeit,

غد - folgender Tag,

اجل  pl. آجال - Frist, Termin, Zeit,

PARTIKEL

 من أجل - wegen,

 قدام - vor,

 ليس - nicht.

HILFE:   أباق - dazu finde ich nichts!! Was bedeutet es? Woher kommt das Wort?

 

BEOBACHTUNGEN:

1 Subjektivierung

Dass eine Eigenschaft zu etwas von einem Außenstehendes wird, das für einen zeugt - ist für uns eine seltsame Vorstellung. Wir finden Ähnliches im Deutschen noch in der Redewendung "was ich gemacht habe wird für sich sprechen". Die meisten eingesehenen Übersetzungen halten sich treu an die Vorlage:

LUT L17 So wird meine Redlichkeit morgen für mich zeugen

Selbst die BiG gibt dies so wieder: Meine Rechtschaffenheit dir gegenüber wird für mich antworten

Die modernere französische Übersetzung und die GN, GNB, ZINK und D92 verlegen dies ins Subjekt, wobei in der GN GNB die bezeugende Kraft dann komischerweise auf die Tiere übergeht:

BFC Plus tard tu pourras t'assurer de mon honnêteté

GN GNB Du wirst künftig auf einen Blick sehen können, ob ich ehrlich gegen dich bin: die Farbe meiner Tiere wird für mich zeugen.

ZINK Morgen wird es sich zeigen, ob ich ehrlich war

D92 skal det stå klart, at jeg er ærlig

Eine Mittelstellung nimmt die EIN ein:

EIN Morgen soll meine Redlichkeit offenbar werden

 

2 Gerechtigkeit

Das hebräische Wort  צְדָקָה , zedaka, hat im Ersten Testament großes Gewicht.

Mit "Gerechtigkeit" übersetzen es:

LXX δικαιοσύνη μου

LXXD meine Gerechtigkeit

VUL iustitia mea

VULD meine Gerechtigkeit

LSG droiture

D83 retfærdighed

NL gerechtigheid

sowie ELB,SCH und mE.

Sonst ergeben sich folgende Gruppen:


Eigene Wege gehen ZUNZ, Buber/Rosenzweig und van Dyke:

ZUNZ Rechtlichkeit

B/R Wahrhaftigkeit

van Dyke ‎  رِّي  - meine Güte - das finde ich die schönste Lösung!

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 9. Dezember 2020

 

 

 

 

Gen 30,34 

 


Laban schlägt ein:

‎  וַיֹּ֥אמֶר לָבָ֖ן הֵ֑ן ל֖וּ יְהִ֥י כִדְבָרֶֽךָ(Gen. 30:34 WTT)

 

mE:

Und es sprach Laban: Sieh! O dass es sein möge wie dein Wort!

 

Buber/Rosenzweig:

Laban sprach:

Ach ja, nach deiner Rede möge es geschehn.

 

van Dyke:

‎  فَقَال لاَبَانُ: «هُوَذَا لِيَكُنْ بِحَسَبِ كَلاَمِكَ  (Gen. 30:34 AVD)

VOKABELN:

[VERB

حسب ,  chasab, u - rechnen;  حسب , chisab - denken, meinen.

NOMEN

حسب , chasb - Rechnung, Meinung, Ansicht;  حسب  pl.  احساب - Betrag, Wert.]

PARTIKEL

ذا - dies, dieser,

حسب - gemäß.

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 10. Dezember 2020

 

 

 

 

Gen 30,35 

 


Die Wette gilt und wird umgesetzt:

‎ וַיָּ֣סַר בַּיּוֹם֩ הַה֙וּא אֶת־הַתְּיָשִׁ֜ים הָֽעֲקֻדִּ֣ים וְהַטְּלֻאִ֗ים וְאֵ֤ת כָּל־הָֽעִזִּים֙ הַנְּקֻדּ֣וֹת וְהַטְּלֻאֹ֔ת כֹּ֤ל אֲשֶׁר־לָבָן֙ בּ֔וֹ וְכָל־ח֖וּם בַּכְּשָׂבִ֑ים וַיִּתֵּ֖ן בְּיַד־בָּנָֽיו׃    (Gen. 30:35 WTT)

 

mE:

Und er entfernte an diesem Tag die gestreiften und gefleckten (Ziegen)Böcke und alle gescheckten und gefleckten Ziegen von allem was weiß war und alle Dunklen unter den Lämmer und gab sie in die Hand seiner Söhne.

 

Buber/Rosenzweig:

Er entfernte am selben Tag die gestreiften und gefleckten Böcke und alle gesprenkelten und gefleckten Ziegen, alles woran Weiß war, und alles Braune unter den Schaflämmern,

und übergab es seinen Söhnen.

 

van Dyke:

‎  فَعَزَلَ فِي ذلِكَ الْيَوْمِ التُّيُوسَ الْمُخَطَّطَةَ وَالْبَلْقَاءَ، وَكُلَّ الْعِنَازِ الرَّقْطَاءِ وَالْبَلْقَاءِ، كُلَّ مَا فِيهِ بَيَاضٌ وَكُلَّ أَسْوَدَ بَيْنَ الْخِرْفَانِ، وَدَفَعَهَا إِلَى أَيْدِي بَنِيهِ.  (Gen. 30:35 AVD)

VOKABELN:

VERBEN

عزل - trennen,

دفع - entfernen, (be-)zahlen.

NOMEN

 تيس pl.  تيوس  - (Ziegen)Bock,

عنز  pl.  عنزة - Ziege,, FRAGE: WOHER KOMMT im Text das ا vor dem ز ?

 خروف  pl. خرفان oder خراف   - Hammel, Lamm,

ابن  pl.  ابناء oder بنون - Sohn, FRAGE: WARUM kann hier das ا  wegfallen?

ADJEKTIVE

مخطط - gestreift,

بلقاء - gescheckt - "mit weißen und schwarzen Flecken",

رقطاء oder  أرقط - gefleckt,

 ابيض , f.  بيضاء  , pl.  بيض - weiß.

 

Köln-Merkenich, am Dienstag, den 15. Dezember 2020

 

 

 

 

Gen 30,36 

 


Der Abschied verschiebt sich:

‎ וַיָּ֗שֶׂם דֶּ֚רֶךְ שְׁלֹ֣שֶׁת יָמִ֔ים בֵּינ֖וֹ וּבֵ֣ין יַעֲקֹ֑ב וְיַעֲקֹ֗ב רֹעֶ֛ה אֶת־צֹ֥אן לָבָ֖ן הַנּוֹתָרֹֽת׃ 

(Gen. 30:36 WTT)

 

mE:

Und er bestimmte einen Weg von drei Tagen zwischen ihm und Jaakob und Jaakob hütete das Kleinvieh Labens, das übriggebliebene.

 

Buber/Rosenzweig:

Dann legte er einen Weg von drei Tagen zwischen sich und Jaakob.

Jaakob aber weidete fort Labans übrige Tiere.

 

van Dyke:

‎ وَجَعَلَ مَسِيرَةَ ثَلاَثَةِ أَيَّامٍ بَيْنَهُ وَبَيْنَ يَعْقُوبَ، وَكَانَ يَعْقُوبُ يَرْعَى غَنَمَ لاَبَانَ الْبَاقِيَةَ

   (Gen. 30:36 AVD)

VOKABELN

VERBEN

جعل , a - setzen, legen, machen,

رعى , a - weiden, hüten,

بقى , a - bleiben, hier III. Stamm???

NOMEN

مسير  oder   مسيرة - Reise, Verlauf, Entfernung,

 غنم pl.  أغنام - Schafe, Kleinvieh.

 

Köln-Merkenich, am 17. Dezember 2020

 

 

 

 

Gen 30,37 

 


was wird hier vorbereitet?:

‎  וַיִּֽקַּֽח־ל֣וֹ יַעֲקֹ֗ב מַקַּ֥ל לִבְנֶ֛ה לַ֖ח וְל֣וּז וְעֶרְמ֑וֹן וַיְפַצֵּ֤ל בָּהֵן֙ פְּצָל֣וֹת לְבָנ֔וֹת מַחְשֹׂף֙ הַלָּבָ֔ן אֲשֶׁ֖ר עַל־הַמַּקְלֽוֹת׃

 (Gen. 30:37 WTT)

 

mE:

Und Jaakob nahm sich einen frischen Zweig eines Storaxbaumes und eines Mandelbaumes und einer morgenländischen Platane und schälte Streifen in sie, weiße Abschälungen, das Weiße von den Zweigen

 

Buber/Rosenzweig:

Nun nahm sich Jaakob Stäbe von Weißpappel, frische, von Mandel und Platane

und schälte daran weiße Schälungen, das Weiße, das an den Stäben, entblößend,

 

van Dyke:

.‎  فَأَخَذَ يَعْقُوبُ لِنَفْسِهِ قُضْبَانًا خُضْرًا مِنْ لُبْنَى وَلَوْزٍ وَدُلْبٍ، وَقَشَّرَ فِيهَا خُطُوطًا بِيضًا، كَاشِطًا عَنِ الْبَيَاضِ الَّذِي عَلَى الْقُضْبَانِ (Gen. 30:37 AVD)

VOKABELN:

VERBEN

خضر , a - grün sein,

قشر - schälen, abhäuten.

NOMEN

قضيب  pl. قضبان - Stab,

 لبنى - Storaxbaum/-strauch,

لوز - Mandelbaum,

دلب - Platane.

ADJEKTIV

خضر - grün.

NICHTS GEFUNDEN zu:

 خُطُوطًا   und  كَاشِطًا  !

 

BEOBACHTUNGEN:

Es fällt auf, wie oft in diesen Versen auf den Namen von Jaakobs Schwiegervater Laban, "der Weiße" angespielt wird: schon in Vers 35 "wo nur etwas Weißes daran war" (L17) und in diesem Vers der hebräische Name des Storaxbaumes  ‎  לִבְנֶ֛ה, libnä, die ZUR übersetzt hier mit "Weißpappel" und dann noch zweimal  die Farbe selbst: "weiße Schälungen, das Weiße, das an den Stäben" (B/R) . Als wenn die Autoren ihren Spaß daran hätten mit dem Namen Labans zu spielen!

 

Köln-Merkenich, am Freitag, den 18. Dezember 2020



*

 

 

 

 

KORANLESE

Q 90,1

 

لَآ أُقۡسِمُ بِهَٰذَا ٱلۡبَلَدِ 

VOKABEL:
 VERB

قسم - teilen; IV. STAMM:  + ب  - schwören.

Das erinnert mich an Gen 15,9ff: Beim Schwören werden Tiere zerteilt und die schwörende Partei geht durch die Teile hindurch - als Selbstverfluchung: Das soll mir geschehen, wenn ich dies und das nicht einhalte, vgl. Jer 34.18-19. Das Anstößige in Gen 15 ist allerdings: Hier bezieht dies Gott auf sich selbst!


mE:

Nicht [,]schwöre ich bei diesem Land


PARET

Nein doch! Ich schwöre bei dieser Ortschaft


KHOURY

Nein, Ich schwöre bei diesem Gebiet


NEUWIRTH

Soll ich schwören bei dieser Stadt


CORPUS CORANICUM

Nein, ich schwöre bei diesem Ort


Aus dem Kommentar vom Corpus Coranicum:

„Die Sure wird durch zwei Schwüre eingeleitet. Wie der frühere Passus 95:2–3, der „diesen sicheren Ort“ neben den Berg Sinai stellt, evoziert auch der erste Schwur von Sure 90 die Stadt Mekka und ihren besonderen sakralen Status, der bereits in Sure 106 als Folge göttlichen Schutzes erklärt wurde.“ 

Paret kommentiert: la uqsimu bi-,..: s. Q 56,75f., mit weiteren Belegen. Einleitendes la ohne negierenden Sinn. Siehe Bergsträsser, Verneinungspartikeln, S. 58f., Anm. 2.



*



Q 90,2

 

وَأَنتَ حِلٌّۢ بِهَٰذَا ٱلۡبَلَدِ

 

VOKABEL

VERB

حل , u - lösen, sich niederlassen, UND: - erlaubt sein, statthaft sein.

NOMEN

حل , chall - Lösung, Auflösung, Freilassung,

حل , chill - Erlaubtsein, Statthaftigkeit.


mE:

Und du bist eine Statthaftigkeit in diesem Land


PARET - und du bist in ihr ansässig (?) -


KHOURY

wo du dich in diesem Gebiet aufhältst


NEUWIRTH

- du bist doch Bewohner in dieser Stadt - 


CORPUS CORANICUM

wo du frei von Verpflichtungen bist


Die Übersetzungen gehen extrem auseinander. Corpus Coranicum begründet ihre Übersetzung:

„ḥill] Das Wort ist mit den Lexika ( Lane, Bd. 3, 619c–620a ) als Verbalsubstantiv zu ḥalla aufzufassen; der Gebrauch eines Verbalsubstantivs anstelle des betreffenden Partizips ist ein auch sonst gelegentlich anzutreffendes Phänomen ( Wright, Bd. 1, 132 f. ). Zu beachten ist jedoch, dass ḥill nicht zu ḥalla, yaḥullu, „anhalten, sich niederlassen“, sondern zu ḥalla, yaḥillu mit der Bedeutung „erlaubt sein bzw. werden“ (im Gegensatz zu ḥaruma) und (von Personen) „frei sein bzw. werden“ gehört (freundlicher Hinweis von Tilman Seidensticker). Der lexikographische Befund – der allerdings auch nachkoranisch ist! – spricht damit zunächst einmal gegen Parets Übersetzung „ansässig“ (vgl. auch Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 238 und 240 , deren Verständnis des Wortes einem ähnlichen Einwand ausgesetzt ist; allerdings ist Neuwirths Deutung einzelner Begrifflichkeiten fairerweise im Kontext ihrer Deutung der Sure insgesamt zu betrachten, was an dieser Stelle nicht ausführlich geschehen kann). Obwohl ḥalla, yaḥillu allgemein die Freiheit von Verpflichtungen bezeichnen kann, ist häufig speziell die Freiheit von sakralen Verpflichtungen gemeint; vgl. etwa die geläufige Kontrastierung von „heiligen“ und „profanen“ Monaten (šuhūr al-ḥill vs. ʾašhur al-ḥurum; s. Lane, Bd. 3, 621a ).“

Der Kommentar führt aus:  „Die Sure wird durch zwei Schwüre eingeleitet. Wie der frühere Passus  95:2–3 , der „diesen sicheren Ort“ neben den Berg Sinai stellt, evoziert auch der erste Schwur von  Sure 90  die Stadt Mekka und ihren besonderen sakralen Status, der bereits in  Sure 106  als Folge göttlichen Schutzes erklärt wurde. Schwer zu deuten ist der parenthetische zweite Vers („wo du frei von – sakralen? – Verpflichtungen bist“): Da Mekka seine Bedeutung zu einem wesentlichen Teil seiner Stellung als Pilgerzentrum verdanken dürfte (vgl.  Peters 1999, xxxvi f.  ), wäre  prima facie  eher zu erwarten gewesen, dass der einleitende Schwur mit einem Verweis auf den Pilgerzustand ( ʾiḥrām ) und die sich aus ihm ergebenden sakralen Pflichten erläutert wird als mit der  Freiheit  von denselben. Offenbar soll der Vers aber gerade betonen, dass der Wallfahrtsort Mekka nicht nur ein Schauplatz sakraler Vollzüge ist, sondern auch ein Ort profanen menschlichen Zusammenlebens, dessen Gelingen auf die in  V. 11–16  exemplifizierte Bereitschaft zur Unterstützung schwächerer oder hilfsbedürftiger Gesellschaftsmitglieder angewiesen ist. Das Verhältnis zwischen kultischem und außerkultischem Verhalten wird auch in einem anderen frühen Korantext behandelt, nämlich in  Sure 107 , die systematisch einen Konnex zwischen religiösen Überzeugungen und Praxen einerseits und der moralischen Bewährung des Einzelnen im Alltag zu etablieren versucht. Vor diesem Hintergrund könnte  V. 90:2  darauf anspielen, dass der Einzelne auch außerhalb von Gebet und Opferkult religiös begründeten Normen untersteht.“ 

 

*

 

Q 90,3

وَوَالِدٍۢ وَمَا وَلَدَ 

VERB

ولد , i gebären, erzeugen

NOMEN

ولد , pl. اولاد  - Kind, Sohn;  ولد , wuld - Söhne, Nachkomen; ولد , walid - Vater.


mE:

und einem Vater und was gebiert


PARET

und (ich schwöre) bei einem (jeden) Vater und dem, was er (an Kindern) gezeugt hat.


KHOURY

und bei jedem Vater und dem, was er zeugt.


NEUWIRTH

bei eine, der zeugte, und dem, was er gezeugt hat.


AL AHZAR

und bei einem (jeden) Erzeuger und dem, was er zeugt.


CORPUS CORANICUM

und bei einem Erzeuger und dem, was er gezeugt hat!

Corpus Coranicum merkt hierzu an:


„wa-wālidin wa-mā walad] Zeugung und Geburt des Menschen werden in frühmekkanischer Zeit noch in der früheren Schwuraussage 95:4–5 (la-qad ḫalaqnă l-ʾinsāna fī ʾaḥsani taqwīm / ṯumma radadnāhu ʾasfala sāfilīn) sowie in ʾāyāt-Passagen wie 75:37–39 und Werkaffirmationen wie 96:1–2 thematisiert. Im Gegensatz zu diesen Parallelstellen wird die Entstehung des Menschen im Mutterleib hier jedoch zunächst als Resultat eines menschlichen Zeugungsaktes und nicht eines göttlichen Schöpfungsaktes beschrieben.“

 

BEOBACHTUNGEN:

Das arabische Verb بلد  , walad - ist beides zugleich: gebären und erzeugen. Als Nomen ولد, walad, meint es Kind und walid, Vater. Erst kommt das Wort als ein unbestimmtes Nomen und dann als ein Verb. Unbeeinflusst von den Übersetzungen, die ich immer erst nach der eigenen lese, habe ich mich für "gebären" entschieden. Dann wäre im Vers ein Subjektwechsel. Ob das ungewöhnlich ist, weiß ich nicht. Es kämen Mann und Frau im Vers vor.

Das  ما, ma, was? will dann nicht ganz passen. Warum aber soll das bei "erzeugen" anders sein?



*


Q 90,4


 لَقَدۡ خَلَقۡنَا ٱلۡإِنسَٰنَ فِی كَبَدٍ
 
 VOKABELN:
 VERB
 خلك - schaffen,
 كبد , i - bedrücken,
 NOMEN
 انسان , pl. ناس - Mensch,
 كبد , pl. أكباد - Leber, Inneres; Mitte, Zentrum
 PARTIKEL
 لقد - schon, bereits.
 
 mE
 Wir schufen bereits den Menschen im Inneren.
 
 AL AHZAR Wir heben den Menschen ja (zu enem Leben) in Mühsal geschaffen.
 
 PARET Wir haben doch den Menschen (zu einem Dasein) in Bedrängnis geschaffen.
 
 KHOURY Wir haben den Menschen zur Mühsal erschaffen.
 
 NEUWIRTH Wir schufen den Menschen zur Beschwerlichkeit.
 
 CORPUS CORANICUM Wir schaffen den Menschen in Mühsal.
 CC erläutert:
 
 

„la-qad ḫalaqnă l-ʾinsāna fī kabad] Zu kabad, „Bedrängnis, Mühsal, Kummer“, s. WKAS, s. v. k-b-d , sowie Lane, Bd. 7, 2584b ; fī kabad hat wohl den Sinn von „zu einem Dasein in Mühsal“. Vgl. auch 84:6, wo ebenfalls von der das menschliche Dasein charakterisierenden Mühsal die Rede ist (yā-ʾaiyuhă l-ʾinsānu ʾinnaka kādiḥun ʾilā rabbika kadḥan fa-mulāqīh). Neben dieser mit dem verbalen Gebrauch der Wurzel (kabada, „bedrängen“, und kābada, „ertragen, erdulden“; vgl. WKAS, s. v. k-b-d ) übereinstimmenden Deutung finden sich in der tafsīr-Literatur weitere Interpretationen: Manche Exegeten wollen fī kabad als „von aufrechter Statur“ verstehen (muntaṣiban bzw. fī intiṣābi l-qāmah, vgl. Ṭabarī, ad loc., Nr. 37269 ff. ), wieder andere deuten kabad gar als Bezeichnung für den Himmel ( ebd., Nr. 37277 ff. ). Solche lexikalisch außerordentlich unwahrscheinlichen Paraphrasen sind wohl der Tatsache zu verdanken, dass eine emphatische Aussage wie 90:4 dazu einlud, als konstitutiv für den Menschen angesehene Merkmale mittels fiktiver Nebenbedeutungen von kabad in den Korantext zu importieren: Der Kanon wird hier zur Projektionsfläche für anthropologische Reflexionen. – Die präsentische Übersetzung von ḫalaqnā wurde deshalb gewählt, weil die biblische Vorstellung einer urzeitlichen Erschaffung des ersten Menschen aus Erde frühmekkanisch nicht explizit bezeugt ist und allgemeine Verweise auf Gottes Erschaffung des Menschen deshalb eher auf die – ebenfalls als „Schöpfung“ beschriebene – Entstehung des Menschen im Mutterleib zu beziehen sind (s. ausführlicher die Anmerkung zu 96:1–2; vgl. auch die – ebenfalls im Perfekt formulierte, aber präsentisch zu übersetzende Anspielung auf die Erschaffung des Menschen in 95:4–5: la-qad ḫalaqnă l-ʾinsāna fī ʾaḥsani taqwīm / ṯumma radadnāhu ʾasfala sāfilīn, wo das menschliche Altern gemeint sein dürfte).

Zu weiteren negativen Aussagen über den Menschen (auch in Form einer direkten Anrede desselben) s. 103:2, 100:6, 96:6, 89:15, 86:5, 84:6, 82:6, 80:17, 75:5, 70:19. Häufig wird dabei – wie in 86:5, 80:17–18, 70:19 sowie im vorliegenden Vers 90:4 – die Erschaffenheit des Menschen als fundamentales Bestimmungsmerkmal in Erinnerung gebracht, das im Widerspruch zu seiner konstatierten Überheblichkeit, Undankbarkeit und Unzuverlässigkeit steht.“

Und kommentiert:
 
 

„Der zweite Schwur stellt nach der Schwuraussage 95:4–5 eine der ersten koranischen Anspielungen auf Zeugung und Geburt des Menschen dar. In späteren Texten (vgl. bereits die frühmekkanische Passage 75:37–39) erscheint das Thema in der Regel als Bestandteil von hymnischen Werkaffirmationen oder von ʾāyāt-Polemiken. Anders als in 95:4–5 und späteren Passagen wird die Entstehung des Menschen im Mutterleib hier zunächst nicht explizit als Resultat eines göttlichen Schöpfungsaktes (ḫalaqnā, „wir haben geschaffen“), sondern als Resultat eines menschlichen Zeugungsaktes beschrieben. Das Verb ḫalaqa erscheint aber unmittelbar darauf im folgenden Vers 90:4 („Wir haben den Menschen zu einem Dasein in Mühsal erschaffen“), so dass sich eine effektvolle Perspektivenverschiebung ergibt: Nicht der in V. 90:3 evozierte „Erzeuger“ hat die Zeugung seiner Nachkommen bewirkt, sondern „wir haben den Menschen erschaffen“ – womit wie auch in 95:4 wohl nicht die urzeitliche Erschaffung Adams, sondern die Entstehung und Reifung des Embryos im Mutterleib gemeint ist. Der scheinbar autonom ablaufende Prozess des Zeugens und Gezeugt-Werdens wird damit der Macht Gotte unterstellt.

Zugleich charakterisiert die Schwuraussage das dem Menschen von Gott verliehene Dasein als „mühselig“. Die prononcierten moralischen Ansprüche, die im Surenfortgang erhoben werden, machen deutlich, dass damit nicht primär beschwerliche Lebensbedingungen – etwa eine Gefährdung des Menschen durch Mangel oder Krankheit – intendiert sind, sondern die Forderung spezifisch moralischer Anstrengung, welcher der Mensch aufgrund seiner Geschaffenheit unterliegt: Die menschliche Existenz ist als eine durch Gott gestiftete auf moralische Bewährung hin angelegt. Wie etwa auch 95:1–5 und 96:1–5 lässt der Eröffnungspassus von 90 damit die beiden Themenkomplexe göttliche Schöpfung einerseits und göttliche Offenbarung und Zuwendung andererseits anklingen.“


 
 Damit im Vergleich stehe ich ziemlich dumm da. Bei Abraham Geiger habe ich dazu nichts gefunden. Wenn ich der Vokalisierung trauen darf, ist كَبَدٍ ein Verbalnomen; ein mögliches Verb "mitten" ist schwierig und als Verbalnomen ganz unmöglich. Ich gebe nach:
 
 

mE:
 Wir schufen bereits den Menschen in Bedrückung.
 
 

 

*

 
 

Q 90,5


 أَيَحۡسَبُ أَن لَّن يَقۡدِرَ عَلَيۡهِ
 VOKABELN:
 حسب   als VERB
 حسب , chasab - rechnen;  حسب , chisab - denken, meinen.
     als NOMEN
 حسب , chasb - Rechnung, Meinung, Ansicht;  حسب  pl.  احساب - Betrag, Wert.
     als PARTIKEL
 حسب - gemäß.
 VERB
 قدر , i - können, Macht haben,
 PARTIKEL
 أ - Fragepartikel,
 لن - nicht
 عليه - auf ihm, darauf
 أحد , f.  أحدى - einer, jemand.
 
 mE:
 Rechnet er, dass er nicht Macht hat auf einen?
 
 PARET:
 Meint er (denn), niemand  hätte Gewalt über ihn?
 
 KHOURY:
 Meint er denn, dass niemand ihn überwältigen kann?
 
 AL AHZAR:
 Meint er etwa, dass überhaupt niemand Macht über ihn  hat?
 
 NEUWIRTH:
 Glaubt er denn, dass keiner Gewalt über ihn hat?
 
 CORPUS CORANICUM:
 Meint er, niemand habe Macht über ihn?
 
 

 

 Gen 30,38 und Q 90,6 

 


 

Jaakob weiß Rat:

 

‎  וַיַּצֵּ֗ג אֶת־הַמַּקְלוֹת֙ אֲשֶׁ֣ר פִּצֵּ֔ל בָּרֳהָטִ֖ים בְּשִֽׁקֲת֣וֹת הַמָּ֑יִם אֲשֶׁר֩ תָּבֹ֙אןָ הַצֹּ֤אן לִשְׁתּוֹת֙ לְנֹ֣כַח הַצֹּ֔אן וַיֵּחַ֖מְנָה בְּבֹאָ֥ן לִשְׁתּֽוֹת׃

 (Gen. 30:38 WTT)

 

 

mE:

Und er stellte die Zweige, die er geschält hatte in die Tröge, in die Wassertränken zu denen das Kleinvieh kommt um zu trinken, gegenüber dem Kleinvieh, und sie waren brünstig als sie zum Trinken kamen.

 

 

Buber/Rosenzweig:

und stellte die Stäbe, die er geschält hatte, in die Rinnen, in die Wassertränken, wohin die Tiere zu trinken kamen, den Tieren gegenüber.

Sie waren aber in der Brunst, als sie zu trinken kamen.

 

 

van Dyke:

‎ وَأَوْقَفَ الْقُضْبَانَ الَّتِي قَشَّرَهَا فِي الأَجْرَانِ فِي مَسَاقِي الْمَاءِ حَيْثُ كَانَتِ الْغَنَمُ تَجِيءُ لِتَشْرَبَ، تُجَاهَ الْغَنَمِ، لِتَتَوَحَّمَ عِنْدَ مَجِيئِهَا لِتَشْرَبَ

   (Gen. 30:38 AVD)

VOKABELN:

VERBEN

وقف , i - stehen bleiben, IV. Stamm (kausativ) hinstellen,

جىء oder جاء - kommen,

وحم , jaucham - Appetit haben, verlangen nach.

NOMEN 

ماء pl  مياء - Wasser.

PARTIKEL

حيث - wo, wohin,

تجاه - gegenüber

عمد - bei, während.

NICHTS gefunden, weder in Wörterbüchern noch im Netz habe ich etwas zu:

‎  الأَجْرَانِ  ???

‎  مَسَاقِي   ???

Und ist - مَجِيئِهَا - ein Partizip plus Suffix von جىء oder جاء - kommen?

 

BEOBACHTUNGEN:

Was genau gemeint ist bei dem, was hier erzählt wird, diese Frage haben sich manche Übersetzer offenbar auch gestellt und sie für sich beantwortet.

Die Septuaginta sieht hier ein Mittel zum Zweck:

LXX ἵνα ... τὰ πρόβατα ... ἐγκισσήσωσιν 

LXXD damit die Schafe ... trächtig würden

VUL in aspectu earum conciperent

VULD bei ihrem Anblick trächtig wurden. 

Ähnlich:

KJV should conceive when they came to drink.

LSG pour qu'elles entrassent en chaleur en venant boire.

LUT dass sie da empfangen sollten

M damit sie sich erhitzen, wenn sie zu trinken kämen.

B/M damit sie brünstig würden, ....

 

Mehr beschreibend sind:

ZUNZ wo sie brünstig wurden, wenn sie kamen zu trinken.

ELB und sie waren brünstig, wenn sie zum Trinken kamen.

SCH Sie waren aber brünstig, als sie zur Tränke kamen.

NL en ze werden bronstig als zij kwamen om te drinken.

 

Die folgenden Übersetzungen vereindeutigen:

NAS and they mated when they came to drink.

ESV And since they bred when they came to drink,

BFC car elles s'accouplent volontiers quand elles viennent boire.

L17 Und sie paarten sich, wenn sie zum Trinken kamen.

EIN Die Tiere begatteten sich, wenn sie zur Tränke kamen.

D83 und D92 de parrede sig, når de kom for at drikke.

GN GNB denn er wusste, dass sie sich dort paarten.

BiG Und sie besprangen sich, wenn sie zum Trinken kamen.

 

 

*

 


KORANLESE Q 90,6

 

يَقُولُ أَهۡلَكۡتُ مَالًۭا لُّبَدًا

 

VOKABELN:

هلك , i - zugrunde gehen, IV. Stamm, verschwenden, vernichten,

مال  - Geld,

لبدا heißt كَثير = zu viel.

 

(Übersetzung mit der Unterstützung von Nermine) mE:

Er spricht: Ich habe viel Geld verschwendet.

 

PARET:

Er sagt (großsprecherisch): ›Ich habe (für dies und das) ein ganzes Vermögen ausgegeben.‹

 

AL AZHAR:

Er sagt: "Ich habe Besitz in Mengen verbraucht."

 

NEUWIRTH:

Er spricht: "Ich habe viel Gut vertan."

Zu لبدا schreibt sie, es bedeute wörtlich "aufeinandergehäuft".

 

CORPUS CORANICUM:

Er sagt: "Ich habe haufenweise Besitz vertan!"

 

Aus den Anmerkungen:

 

„yaqūlu ʾahlaktu mālan lubadā] Zu lubad, „übereinandergeschichtet, massenhaft“, s. WKAS, s. v. l-b-d, Nr. 2 . Der Vers spielt auf die in der altarabischen Dichtung als Tugend gewertete Verschwendungssucht des Dichter-Helden an (zum Folgenden s. Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 241–242 ), vgl. etwa den in einem Gedicht von Taʾabbaṭa Šarran an den Dichter gerichteten und offensichtlich als kleinmütig verstandenen Tadel (s. Lyall 1918–1921, Bd. 1, 21 ; zitiert in Hamori 1974, 11 ): ʾahlakta mālan lau qaniʿta bihī, „Du hast deinen Besitz vertan, hättest du ihn doch zurückbehalten!“ sowie, positiv gewendet, den folgenden Vers des ʿAntara: fa-ʾiḏāšaribtu fa-ʾinnanī mustahlikun mālī, „Wann immer ich trinke, dann bis zum Ruin meines Vermögens!“ ( Arazi / Masalha 1999, 28, Nr. 47:2 ).

Im Gegensatz zu der hier angeprangerten ostentativen Verschwendung von Besitz, wie sie dem altarabischen karam-Ideal entspricht (vgl. hierzu Müller 1981, 89–92 ), wird in dem früheren Passus 104:2–3 eine schrankenlose Akkumulation von Besitz als scheinbarem Garanten von Sicherheit, ja Unsterblichkeit kritisiert, deren Hintergrund eher eine urbane Händlermentalität zu sein scheint.“

 

Aus dem Kommentar:

 


„Zwischen den beiden polemischen Fragen V. 90:5  und 90:7  steht das Referat einer dem Menschen zugeschriebenen und seine Hybris exemplarisch illustrierenden Äußerung: „Ich habe haufenweise Besitz vertan!“ Der Vers invertiert einen ursprünglich positiv konnotierten Topos der altarabischen Dichtung, die dem altarabischen karam -Ideal entsprechende ostentative Verschwendung von Besitz. (Das positive Gegenstück hierzu, die gottgefällige Umgangsweise mit Besitz, stellen dann V. 90:13–16  dar.)“

 

 

Dieser Vers hat mich sehr berührt. Er erinnerte mich an die altarabische Dichtung. Einer der bekanntesten altarabischen Dichter ist LABID. Dazu gibt es es ein großartiges Werk von GOTTFRIED MÜLLER: Ich bin Labid und das ist mein Ziel. Zum Problem der Selbstbehauptung in der altarabischen Quaside. Wiesbaden 1981. QASIDE ist der Name für eine typische altarabische Gedichtform: Sie beginnt damit, dass jemand in der Wüste einen verlassenen Lagerplat8z wiederfindet, was ihn mit Erinnerungen an eine Liebesbegegnung erfüllt, es folgt ein scharfer Kamelritt und schließt ab mit einem mit feudalen Festessen - und hier ist der gemeinsame Punkt zum obigen Vers Q 90,6: Unter den Großen unter den Arabern galt der als der Größte, wer zur größten Mahlzeit eingeladen hat! In einigen Gedichten beschweren sich Ehefrauen, weil mit dieser Sitte die ganze Familie in Armut gestürzt wird.

Ethnologisch bzw. soziologisch ist es vergleichbar mit dem Potlach der Indianer an der Pazifikküste im Nordwesten von Amerika: Hier werden  "in ritueller  Weise Geschenke  verteilt oder ausgetauscht . Je wertvoller und erlesener die gereichten Gaben ausfallen, als desto bedeutender gilt die Position und Abstammungslinie dessen, der die Geschenke vergeben hat." (Wikipedia).

 


Auch am Niederrhein habe ich Ähnliches beobachten können: Wer Karnevalsprinz  - oder in anderen Regionen Schützenkönig wird - gibt ein Vermögen aus.

Innergesellschaftlich trägt es dazu bei, dass die Abstände zwischen Arm und Reich nicht zu groß werden.

Es wird in diesem Zusammenhang auch von "Schenkeökonomie" gesprochen.

Keynes wollte nicht nur eine Mindeststeuer - dass wer unter einem Minimum verdient, keine Steuer zahlt -, sondern auch eine Maximalbesteuerung: Wer mehr verdient als über eine festgesetzte Grenze, führt dieses ab. Der letzte Vorschlag ist nie realisiert worden und hat sein Programm amputiert.

Eine dieser Stellen aus einer Qaside von Labid möche ich euch/Ihnen nicht vorenthalten:

aus: Müller, Labid 89

 


Köln-Merkenich, am Montag, den 21. Dezember 2020

 

 

 

 

Gen 30,39 und Q 90,7 

 


Jaakobs Methode hat Erfolg:

‎  וַיֶּחֱמ֥וּ הַצֹּ֖אן אֶל־הַמַּקְל֑וֹת וַתֵּלַ֣דְןָ הַצֹּ֔אן עֲקֻדִּ֥ים נְקֻדִּ֖ים וּטְלֻאִֽים׃

 (Gen. 30:39 WTT)

 

mE:

Und das Kleinvieh war brünstig an den Zweigen und das Kleinvieh gebar Gestreiftes, Geschecktes und Geflecktes.

 

Buber/Rosenzweig:

So brunsteten die Tiere vor den Stäben.

Dann warfen die Tiere, Gestreifte, Gesprenkelte, Gefleckte.

 

van Dyke:

‎ فَتَوَحَّمَتِ الْغَنَمُ عِنْدَ الْقُضْبَانِ، وَوَلَدَتِ الْغَنَمُ مُخَطَّطَاتٍ وَرُقْطًا وَبُلْقًا  (Gen. 30:39 AVD)

VOKABELN:

VERB

 وحم , jauham - Appetit haben, verlagen;

ADJEKTIVE

مخطط - gestreift,

بلقاء - gescheckt - "mit weißen und schwarzen Flecken",

رقطاء oder  أرقط - gefleckt.

 

 

BEOBACHTUNGEN

1

Was da an den Stäben geschieht scheint Hieronymus genau zu wissen:

VUL factumque est ut in ipso calore coitus oves intuerentur virgas et parerent maculosa et varia et diverso colore respersa

VULD Und es geschah, dass die Schafe gerade in der Hitze der Begattung die Zweige ansahen und gefleckte und scheckige und mit verschiedener Farbe gesprenkelte 〈Lämmer〉 gebaren. 

 

2 gebären - werfen - bringen - machen

Wenn Nachkommen von Menschen und Tieren zur Welt kommen, wird im Hebräischen das gleiche Verb benutzt, ילד, jalad, gebären. Das finden weder die Septuaginta, ἔτικτον, von τίκτω, noch Hieronymus, s. o., noch ZUNZ, van Dyke, die BiG, BFC und die dänische Übersetzung von 1983, D83 fødte, anstößig.

Kein Jahrzehnt später scheint dies nicht mehr möglich zu sein: D92:  broget afkom, brachten Nachkommen.

Für Luther war das 1545 bereits unmöglich: Er übersetzte: L45 brachten - LUT L17.

KJV ESV NAS ähnlich: brought forth

Am distanziertesten ist die LSG: faisaient.

Buber/Rosenzweig, die sonst großen Wert darauf legen, dass das gleiche hebräische Wort mit dem gleichen deutschen Wort übersetzt wird, schreiben B/R warfen. So auch Mendelssohn, B/M EIN ELB SCH ZUR GN GNB und die Niederländische Übersetzung NL wierp.

 

 

 

*

 

 

Q 90,7

أَيَحۡسَبُ أَن لَّمۡ يَرَهُۥٓ أَحَدٌ 

VOKABELN:

VERBEN

حسب  , chasab, jachsub - rechnen; حسب chasib, jachsab - denken, meinen, glauben.

رأى ,  - sehen.

PARTIKEL

أ - leitet eine Frage ein,

لم - nicht,

لم أحد - niemand.

 

mE

Meinte er, dass niemand ihn sah?

 

PARET

Meint er (denn), niemand hätte ihn gesehen?

 

AL AZHAR

Meint er etwas, dass niemand ihn gesehen hat?

 

KHOURY

Meint er, dass niemand ihn gesehen hat?

 

NEUWIRTH

Glaubt er, dass ihn keiner gesehen hat?

 

CORPUS CORANICUM

Glaubt er denn, dass niemand ihn gesehen hat?

 

BEOBACHTUNGEN:

In meiner Erstfassung übersetzte ich "Rechnete er" - das hätte so schön zum vorangegangenen Vers gepasst. Die Vokalisation lässt das aber leider nicht zu. Auch unter den Textvarianten findet sich keine, die das stützen würde.  

 

Köln-Merkenich, am Dienstag, den 22. Dezember 2020

 

 

 

 

Gen 30,40 und Q 90,8 

 


Jaakob schafft Fakten:

‎  וְהַכְּשָׂבִים֘ הִפְרִ֣יד יַעֲקֹב֒ וַ֠יִּתֵּן פְּנֵ֙י הַצֹּ֧אן אֶל־עָקֹ֛ד וְכָל־ח֖וּם בְּצֹ֣אן לָבָ֑ן וַיָּֽשֶׁת־ל֤וֹ עֲדָרִים֙ לְבַדּ֔וֹ וְלֹ֥א שָׁתָ֖ם עַל־צֹ֥אן לָבָֽן׃ 

 (Gen. 30:40 WTT)

 

mE:

Und das Jungvieh trennte Jaakob und gab gegenüber dem gestreiften Kleinvieh und allem dunklen Kleinvieh Labans und setzte für sich Herden abseits und nicht setzte er sie zum Kleinvieh Labens.

 

Buber/Rosenzweig:

Die Lämmer nun schied Jaakob aus:

er gab zum Vortrab der Tierherde das Gestreifte und alles Braune unter Labans Tieren

und tat sich so besondre Triebe zusammen, die tat er nicht zu Labans Tieren.

 

van Dyke:

‎  وَأَفْرَزَ يَعْقُوبُ الْخِرْفَانَ وَجَعَلَ وُجُوهَ الْغَنَمِ إِلَى الْمُخَطَّطِ وَكُلِّ أَسْوَدَ بَيْنَ غَنَمِ لاَبَانَ. وَجَعَلَ لَهُ قُطْعَانًا وَحْدَهُ وَلَمْ يَجْعَلْهَا مَعَ غَنَمِ لاَبَانَ.  (Gen. 30:40 AVD)

VOKABELN:

VERBEN

فرز und IV. Stamm - trennen;

جعل ,a - setzen, legen, machen.

NOMEN

قطعان - Herde.

ADJEKTIV

مخطط - gescheckt.

PARTIKEL

وحده - er allein.

RÄTSEL:

خرفان  - ???

 

BEOBACHTUNGEN:

Irgendwie scheinen alle mit dem ersten Teil dieses Verses ihre Probleme zu haben - das tröstet.

Die SEPTUAGINTA malt aus:

LXX τοὺς δὲ ἀμνοὺς διέστειλεν Ιακωβ καὶ ἔστησεν ἐναντίον τῶν προβάτων κριὸν διάλευκον καὶ πᾶν ποικίλον ἐν τοῖς ἀμνοῖς (Gen. 30:40 BGT)

LXXD Die Lämmer aber nahm Jakob beiseite und er stellte vor die Schafe einen weißfleckigen Widder und alles Buntfleckige unter den Lämmern.

Hieronymus ähnlich:

VUL divisitque gregem Iacob et posuit virgas ante oculos arietum erant autem alba quaeque et nigra Laban cetera vero Iacob separatis inter se gregibus

VULD Und Jakob teilte die Herde und legte die Zweige vor die Augen der Schafböcke. Es gehörte aber alles Weiße und Schwarze Laban, alles andere aber 〈gehörte〉 Jakob, nachdem die Herden voneinander getrennt worden waren. 

Die Lutherbibel von 1984 fasst sich kurz:

LUT Da sonderte Jakob die Lämmer aus und machte sich eigene Herden; die tat er nicht zu den Herden Labans.

Die 500-Jahre Reformationslutherbibel weitet wieder aus:

Da sonderte Jakob die Lämmer aus, und er richtete den Blick der Tiere auf das Sprenklige und alles Schwarze in der Herde Labans. So machte er sich eigene Herden; die tat er nicht zu den Herden Labans. 

Als letztes Beispiel wie weit die Übersetzungen auseinander gehen, hier die Bibel in gerechter Sprache:

BiG 

Die Schafe aber hatte Jakob ausgesondert. Und er wendete die Blicke der Tiere auf die fesselgestreiften und gänzlich schwarzen Ziegen in der Herde Labans. 

 

 

*

 

 

KORANLESE: Q 90,8

أَلَمۡ نَجۡعَل لَّهُۥ عَيۡنَيۡنِ 

VOBABELN:

VERB

جعل ,a - SIEHE OBEN!

PARTIKEL

أ - leitet einen Fragesatz ein.

 

mE:

Nicht machten wir ihm beide Augen?


PARET, KHOURY, AL AZHAR, CORPUS CORANICUM:

Haben wir ihm nicht zwei Augen gemacht?

 

NEUWIRTH:

Haben wir ihm nicht zwei Augen eingesetzt?

 

Köln-Merkenich, am Montag, den 4. Januar 2020

 

 

 

 

Gen 30,41 und Q 90,9

 


Jaakob legt nach:

‎  וְהָיָ֗ה בְּכָל־יַחֵם֘ הַצֹּ֣אן הַמְקֻשָּׁרוֹת֒ וְשָׂ֙ם יַעֲקֹ֧ב אֶת־הַמַּקְל֛וֹת לְעֵינֵ֥י הַצֹּ֖אן בָּרֳהָטִ֑ים לְיַחְמֵ֖נָּה בַּמַּקְלֽוֹת׃

 (Gen. 30:41 WTT)

 

mE:

Und es geschah, dass in der ganzen Brunst das Kleinvieh stark war und Jaakob legte die Zweige vor Augen des Kleinviehs in die Wassertröge, um nun endlich zu brunsten über den Zweigen.

 

Buber/Rosenzweig:

Es geschah fortan allsooft die kräftigen Tiere in der Brunst waren:

Jaakob legte die Stäbe den Tieren vor die Augen in die Rinnen, daß sie bei den Stäben brunsteten.

 

van Dyke:

‎  وَحَدَثَ كُلَّمَا تَوَحَّمَتِ الْغَنَمُ الْقَوِيَّةُ أَنَّ يَعْقُوبَ وَضَعَ الْقُضْبَانَ أَمَامَ عُيُونِ الْغَنَمِ فِي الأَجْرَانِ لِتَتَوَحَّمَ بَيْنَ الْقُضْبَانِ.  (Gen. 30:41 AVD)

VOKABELN:

VERBEN

حدث , u - geschehen;

وحم , jauham - Appetit haben, verlangen;

قوى , a - stark sein;

وضع , a - setzen, stellen, legen;

حم , u - heiß sein, heiß machen.

NOMEN

غنم  pl.  أرنام - Schafe, Kleinvieh;

قضيب  pl. قضبان kudban - Stab;

جرن  dschurn pl. أجران  - Becken.

PARTIKEL

كلما - jedes Mal, sooft;

امام - vor, gegenüber;

بين - zwischen.

 

BEOBACHTUNGEN:

Die Septuaginta weiß Bescheid:

LXX ἐγένετο δὲ ἐν τῷ καιρῷ ᾧ ἐνεκίσσησεν τὰ πρόβατα ἐν γαστρὶ λαμβάνοντα ἔθηκεν Ιακωβ τὰς ῥάβδους ἐναντίον τῶν προβάτων ἐν ταῖς ληνοῖς τοῦ ἐγκισσῆσαι αὐτὰ κατὰ τὰς ῥάβδους (Gen. 30:41 BGT)

LXXD  Es geschah aber zu der Zeit, da die Schafe trächtig wurden, weil sie im Bauch empfingen, dass Jakob die Ruten vor die Schafe setzte in den Wannen, damit sie entsprechend der Ruten trächtig würden.

Zurückhaltender Hieronymus:

VUL  igitur quando primo tempore ascendebantur oves ponebat Iacob virgas in canalibus aquarum ante oculos arietum et ovium ut in earum contemplatione conciperent (Gen. 30:41 VULM)

VULD Als daher zur ersten Zeit die Schafe bestiegen wurden, legte Jakob die Zweige in die Wasserrinnen vor die Augen der Schafböcke und Schafe, damit sie bei deren Betrachtung trächtig wurden. 

Mendelssohn hat auch eine interessante Fassung:

Wenn das frühläufige Vieh erhitzt werden sollte, setzte Jakob die Stäbe vor die Augen des kleinen Viehs, um sie durch die Stäbe zu erhitzen.

Die Luther-Reformationsjubiläumsbibel gibt den Durchschnitt gut wieder:

L17 Wenn sich aber die kräftigen Tiere paarten, legte er die Stäbe in die Rinnen vor die Augen der Herde, dass sie über den Stäben empfingen.

 

 

 

*

 

 

Q 90,9

وَلِسَانًۭا وَشَفَتَيۡنِ 

 

mE:

und eine Zunge und zwei Lippen

 

PARET: eine Zunge und zwei Lippen

 

Mit ihm identisch: KHOURY, AL AHZAR und CORPUS CORANICUM. 

NEUWIRTH wie mE.

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 7. Januar 2020

 

 

 

 

Gen 30,42 und Q 90,10 

 


Auch eine Form der Gehaltsaufbesserung. Und was soll Laban davon halten?

‎  וּבְהַעֲטִ֥יף הַצֹּ֖אן לֹ֣א יָשִׂ֑ים וְהָיָ֤ה הָעֲטֻפִים֙ לְלָבָ֔ן וְהַקְּשֻׁרִ֖ים לְיַעֲקֹֽב׃ 

 (Gen. 30:42 WTT)

 

mE:

und bei dem was schwach war vom Kleinvieh legte er's nicht. Und es geschah, das schwach Gewordene war bei Laban und die stark Gewordenen bei Jaakob.

 

Buber/Rosenzweig:

Wenn aber die Tiere schwächlich waren, legte ers nicht.

So wurden die schwächlichen Labans, die kräftigen Jaakobs.

 

van Dyke:

‎  وَحِينَ اسْتَضْعَفَتِ الْغَنَمُ لَمْ يَضَعْهَا، فَصَارَتِ الضَّعِيفَةُ لِلاَبَانَ وَالْقَوِيَّةُ لِيَعْقُوبَ. (Gen. 30:42 AVD)

VOKABELN:

حين  oder حان  - (Zeit) kommen, (Moment) eintreten;

ضعف  - schwach sein/werden, hier X. Stamm: für schwach halten;

وضع  oder يضع  - setzen, stellen, legen;

صير oder صار  - werden, geschehen.

قوى  s. Vers. 41!

PARTIKEL

لم - nicht.

 

BEOBACHTUNGEN:

Die Septuaginta macht sich wieder einen eigenen Reim auf diese Geschichte:

LXX ἡνίκα δ᾽ ἂν ἔτεκον τὰ πρόβατα οὐκ ἐτίθει ἐγένετο δὲ τὰ ἄσημα τοῦ Λαβαν τὰ δὲ ἐπίσημα τοῦ Ιακωβ (Gen. 30:42 BGT)

LXXD Immer wenn aber die Schafe geboren hatten, setzte er sie nicht vor sie. Die ohne Zeichnung aber bekam Laban, die mit Zeichnung hingegen Jakob.

Auch Hieronymus findet eine zusätzliche Erklärung:

VUL quando vero serotina admissura erat et conceptus extremus non ponebat eas factaque sunt ea quae erant serotina Laban et quae primi temporis Iacob (Gen. 30:42 VULM)

VULD Wenn es sich aber um späte Begattung und letzte Empfängnis handelte, legte er sie nicht hin. Und die spät waren, wurden zu Labans 〈Eigentum〉 gemacht, und die der ersten Zeit zu Jakobs. (Ohne die Vulgata Deutsch hätte ich's nicht verstanden!)

Unter den eingesehenen Übersetzungen folgt interessanterweise nur Mendelssohn (und die Neuausgabe B/M) Hieronymus:

M Wenn aber das Vieh spätläufig ward, setzte er sie nicht hin; also dass die spätläufigen für Laban, die frühläufigen aber für Jakob waren.

 

 

 

*

 

 

Q 90,10

 

وَهَدَيۡنَٰهُ ٱلنَّجۡدَيۡنِ

VOKABELN

VERBEN

هدى -  führen;

 نجد , u - helfen UND polstern!

NOMEN

نجدة - Hilfe;

نجد  pl.  نجاد - Hochebene; das Gebiet: Nedsched. 

 

mE:

und wir haben ihn geführt die beiden Hochebenen?

 

PARET:

und ihm die beiden Wege(?) gezeigt (w. ihn die beiden Wege(?) geführt) (damit er sich für einen von ihnen entscheide?)

 

KHOURY:

und ihm beide Wege gewiesen?

 

AL AZHAR:

und ihn beide Hochebenen geleitet?

 

NEUWIRTH:

und ihn die beiden hohen Wege hiinaufgeführt?

 

CORPUS CORANICUM:

und ihn die beiden Wege geleitet?

 

BEOBACHTUNGEN:

Paret hat seine Übersetzung immerhin mit mehreren Fragezeichen versehen. Er kommentiert zum Vers:

90,10 wa-hadainahu n-nagdaini: s.91,8; s.76,3. Bell rechnet auch mit der Möglichkeit, daß der Dual an-nagdaini nur des Reimes wegen steht. Als Beleg für diese Deutung käme s.87,3 in Betracht.

 

Angelika Neuwirth kommentiert: 

Najd bezeichnet wörtlich das Hochland, hier wohl einen hochgelegenen Weg. Da Ortsangaben in der altarabischen Dichtung häufig in der Form eines - funktionslosen - Duals erscheinen (siehe Neuwirth 1984), könnte mit nadjdain äußerlich eine poetische Konvention evoziert sein, die nun aber in der neuen Botschaft  mit schwerwiegender Bedeutung aufgeladen wird.

 

Corpus Coranicum verweist zum Thema "helfen" zunächst auf den Kommentar zum Vers 93,7, was ich für einen wichtigen Beleg für die Nähe von Koran und der Tradition biblischer Überlieferung im damaligen  Syrien halte. Dort heißt es:

„Die durch das Verb ausgedrückte Vorstellung einer persönlichen göttlichen Wegeleitung, die allein ein gelingendes menschliches Leben verbürgt, ist biblisch und besonders im Psalter prominent, vgl. nur 

Psalm 23:2.3, 25:4.5.8.9, 27:11 etc., aber auch Genesis 24:48. Im Hebräischen stehen hier zumeist hidrīk oder auch hinḥâ, im Griechischen hodēgeō bzw. euodoō; am einheitlichsten ist die Diktion im Syrischen, wo dbar bzw. dabbar die Regel ist und insofern genau wie hadā

 den Status eines theologischen terminus technicus hat. Für einen psalmischen Hintergrund von koranisch hadā spricht auch die Tatsache, dass Sure 93 – also derjenige Korantext, in dem hadā erstmals im Koran erscheint – weitere motivische und strukturelle Bezüge zu psalmischen Klagegebeten aufweist (s. die übrigen Anmerkungen sowie die Gegenüberstellung von Q 93 und Psalm 13“

 

Zur Frage was es mit dem "Hochland" auf sich hat, wird ausgeführt:

 

„Naǧd  ist eigentlich „Hochland“ im Gegensatz zu ġaur , „Bodensenke“ ( Lane, Bd. 8, 2767b  ), bezeichnet aber auch einen „erhöhten und deutlich sichtbaren Weg“ ( Lisān, s. v. n-ǧ-d  : aṭ-tarīqu l-murtafiʿu l-bayyinu l-wāḍiḥ ; s. Lane, Bd. 8, 2767c  ). Da die letztere Bedeutung mit einem Vers aus dem Dīwān des Imruʾ al-Qais belegt wird ( Arazi / Masalha 1999, 117:1  ), kann sie mit gewisser Wahrscheinlichkeit als authentisch gelten. Überdies heißt es in 76:3 : ʾinnā hadaināhu s-sabīla  – zweites Objekt des auch im vorliegenden Vers gebrauchten Verbs hadā  ist also as-sabīl , „der Weg“, was dafür spricht, auch naǧd  in 90:3  als „Weg“ und nicht als „Hochland“ zu deuten. Dafür optieren auch die islamischen Exegeten, die den Dual an-naǧdain  auf den Gegensatz von Gut und Böse beziehen (s. z. B. Ṭabarī, ad loc.  ). Problematisch daran könnte scheinen, dass ja eigentlich nur der Weg der Tugend beschwerlich und insofern metaphorisch als „erhöht“ darstellbar ist. Die Konnotation der Höhe tritt aber wohl hinter diejenige der deutlichen Erkennbarkeit zurück, so dass naǧd  einfach nur „klarer Weg“ bedeutet; naǧd  ist also allgemeiner als ʿaqaba  („Steilweg“) im folgenden Vers. Alternativ könnte man den Dual mit Ahrens lediglich auf Reimzwang zurückführen ( Ahrens 1935, 33, Anm. 1  ): an-naǧdain  stünde dann für den Weg der Tugend, nicht für den Weg der Tugend und den des Lasters. Doch ergibt angesichts des binären Gegensatzes von Gut und Böse ein wörtliches Verständnis des Dual guten Sinn. Für eine wörtliche Deutung spricht auch ein Vergleich des Verses mit 91:8 , fa-ʾalhamahā fuǧūrahā wa-taqwāhā : So wie Gott der Seele Laster und Gottesfurcht als zwei Existenzmöglichkeiten eingibt, so führt er den Menschen an zwei Wege, an-naǧdain , heran, zwischen denen er sich dann zu entscheiden hat.“

 

Tja. Hat Paret also doch recht?

 

Köln-Merkenich, am Freitag, den 8. Januar 2021

 

 

 

 

Gen 30,43 und Q 90,11 

 


So ein Mann:

‎וַיִּפְרֹ֥ץ הָאִ֖ישׁ מְאֹ֣ד מְאֹ֑ד וַֽיְהִי־לוֹ֙ צֹ֣אן רַבּ֔וֹת וּשְׁפָחוֹת֙ וַעֲבָדִ֔ים וּגְמַלִּ֖ים וַחֲמֹרִֽים׃

   (Gen. 30:43 WTT)

 

mE:

Und der Mann breitete sich sehr aus, sehr: Und es wurde ihm zahlreiches Kleinvieh, Sklavinnen und Sklaven, Kamele und Esel.

 

Buber/Rosenzweig:

Der Mann brach mächtig, mächtig aus, er hatte viele Tiere, und Mägde und Knechte, Kamele und Esel.

 

van Dyke:

‎  فَاتَّسَعَ الرَّجُلُ كَثِيرًا جِدًّا، وَكَانَ لَهُ غَنَمٌ كَثِيرٌ وَجَوَارٍ وَعَبِيدٌ وَجِمَالٌ وَحَمِيرٌ  (Gen. 30:43 AVD)

VOKABELN:

VERB

وسع  oder يسع - weit sein, hier: VIII. Stamm: erweitert werden, sich ausdehnen.

NOMEN:

جوار  - Nachbarschaft, Nähe! Das gaben meine Wörterbücher her. Im Lane fand ich dazu nichts!

عبد pl.  عبيد - Sklave.

 

BEOBACHTUNGEN:

Die LXX fügt zum Kleinvieh noch Rinder hinzu! Offenbar ist man in Alexandria erst dann wirklich reich!

 

 

 

 

*

 

 

Q 90,11

فَلَا ٱقۡتَحَمَ ٱلۡعَقَبَةَ 

VOKABELN:

VERB

قحم II und IV - hineinstoßen, einführen, hier: VIII. Stamm: sich hineinstürzen, eindringen.

NOMEN

 عقبة  pl. عقاب - Hindernis, steiler Weg.

 

mE: Und nicht drang er ein in den steilen Weg.

 

PARET: Er unternahm es aber nicht, den steilen Weg einzuschlagen.

 

KHOURY: Würde er doch den steilen Weg hinaufstürmen!

 

AL AZHAR: Aber er ist nicht den steilen Weg hinaufgestürmt.

 

NEUWIRTH: Er aber hat den Steilweg nicht erklommen.

 

CORPUS CORANICUM (CC): Da hat er nicht den Steilpfad eingeschlagen.

 

CC kommentiert:

„al-ʿaqaba] ʿAqaba bezeichnet einen unwegsamen Bergpfad“ (wa-l-ʿaqabatu ṭarīqun fī l-ǧabali waʿrun; Lisān, s. v. ʿ-q-b ; vgl. Lane, Bd. 5, 2102b ). Neuwirth bezieht den Ausdruck auf eine spezifische urbane Räumlichkeit, einen bestimmten Straßentypus ( Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 249–251 ), was sich gut in ihre Gesamtdeutung der Sure einfügt, lexikographisch allerdings nicht als gesichert gelten kann. – Die Verbildlichung des rechten Lebenswegs als einer nur mühsam zu passierenden topographischen Gegebenheit erinnert an Matthäus 7:13.14, wo der rechte Lebensweg als eine „enge Pforte“ veranschaulicht wird, zu der ein „schmaler Weg“ führt (vgl. Bell, Commentary , zu 90:10, sowie Thyen 2000, 218 f. ). Allerdings ist nicht ganz klar, inwiefern der in 90:12–16 näher bestimmte Weg der Tugend beschwerlicher ist als die dem altarabischen Heldenideal entsprechende gänzliche Besitzverschwendung, die in V. 6 anklingt (ich verdanke diese Überlegung David Kiltz).“

 

 

NACHTRAG zu Q 90,10 und "den beiden Hochebenen":

In der altarabischen Dichtung, den Qasiden, gehört zum Mittelteil dieser Dichtung standardmäßig ein Kamelritt durch die Wüste, dabei wird das Gefahrvolle solch eines Ritts in der unwirtlichen und "gefahrvollen Einsamkeit der Wüste" (Müller, Labid 22) geschildert. 

Eines der Motive ist: Die Wüste als "eine vom Wind Durchwehte, deren Wegzeichen verschwunden sind ... und in der kein Mensch, nicht einmal eine Spur erfahren wird" (Müller, Labid 58)

LITERATUR: 

MÜLLER, Gottfried: Ich bin Labid und das ist mein Ziel. Zum Problem der Selbstbehauptung in der Altarabischen Qaside. Wiesbaden 1981.

Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass Q 90,10 daran anspielt - allerdings im Unterschied zur Qaside nicht in dem Sinn der heldenhaften Bewährung in Gefahr, sondern einer - zweifachen - Bewahrung durch Gott.

 

Köln-Merkenich, am Montag, den 11. Januar 2020

 

 

 

 

Gen 31,1 

 


Die Söhne Labans neiden:

‎  וַיִּשְׁמַ֗ע אֶת־דִּבְרֵ֤י בְנֵֽי־לָבָן֙ לֵאמֹ֔ר לָקַ֣ח יַעֲקֹ֔ב אֵ֖ת כָּל־אֲשֶׁ֣ר לְאָבִ֑ינוּ וּמֵאֲשֶׁ֣ר לְאָבִ֔ינוּ עָשָׂ֕ה אֵ֥ת כָּל־הַכָּבֹ֖ד הַזֶּֽה׃ 

 (Gen. 31:1 WTT)

 

mE:

Und er hörte die Reden der Söhne Labans: Jaakob nimmt alles, was für unseren Vater ist und was für unseren Vater ist, macht er dieses ganze Gewicht.

 

Buber/Rosenzweig:

Er hörte aber von Reden der Söhne Labans, daß sie sprachen:

Genommen hat Jaakob alles was unsres Vaters war,

und aus dem was unsres Vaters war hat er all diese Gewichtigkeit gemacht.

 

van Dyke:

‎  فَسَمِعَ كَلاَمَ بَنِي لاَبَانَ قَائِلِينَ: «أَخَذَ يَعْقُوبُ كُلَّ مَا كَانَ لأَبِينَا، وَمِمَّا لأَبِينَا صَنَعَ كُلَّ هذَا الْمَجْدِ (Gen. 31:1 AVD)

VOKABELN:

VERBEN

قائل - sagend; WIE IST DIE ENDUNG ين - zu verstehen?

صنع , a  - tun, machen

مجد - II. und IV. rühmen, preisen.

NOMEN

مجد  pl.  أمجاد - Ruhm, Ehre, Würde.

ADJEKTIV

 مجد , mudschid - fleißig, eifrig, ernsthaft.

PARTIKEL

 مما oder مم =

من ما von dem, was; wovon.

 

BEOBACHTUNGEN:

Die Söhne Labans schreiben Jaakob כָּבֹ֖ד , kabod, zu. Das ist im Hebräischen ein Leitbegriff. Er meint urprünglich "Gewicht", von כָּבֵד, kabed, "schwer sein", und meint übertragen "Würde". Das Wort wird auch benutzt zur Bezeichnung der Würde Gottes, Spr 25,2. 

Die Septuaginta übersetzt dieses Wort mit  δόξαν, von δόξα, doxa, Herrlichkeit. 

Ihr folgen KVJ "glory" und die BiG.

Hieronymus spricht von "berühmt": 

VUL et de illius facultate ditatus factus est inclitus

VULD und durch sein Vermögen bereichert wurde er berühmt 

NAS und ESV übersetzen "wealth", D83 "velstand".

Für die anderen Übersetzungen hat anscheinend "Reichtum" allein  schon die Bedeutung von "Gewicht", "Würde" und "bedeutsam sein", sie übersetzen mit "Reichtum": 

LUT L17 ELB SCH ZUR ZUNZ GN GNB, ZUNZ M (B/R) schweren Reichtum, EIN bereichert, ZINK reich geworden, LSG und BFC haben "richesse", NL rigdom, D92 rigdom.

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 13. Januar 2021

 

 

 

 

Gen 31,2 und Q 90,12 

 


Labens Antlitz spielt heute eine große Rolle:

‎  יַּ֥רְא יַעֲקֹ֖ב אֶת־פְּנֵ֣י לָבָ֑ן וְהִנֵּ֥ה אֵינֶ֛נּוּ עִמּ֖וֹ כִּתְמ֥וֹל שִׁלְשֽׁוֹם׃

 (Gen. 31:2 WTT)

 

mE:

Und Jaakob sah das Antlitz Labens und siehe, nicht war es mit ihm wie gestern, vorgestern (heute vor drei Tagen).

 

Buber/Rosenzweig:

Jaakob sah das Antlitz Labans an,

da, er war mit ihm nicht wie vortags und ehgestern.

 

van Dyke:

‎  وَنَظَرَ يَعْقُوبُ وَجْهَ لاَبَانَ وَإِذَا هُوَ لَيْسَ مَعَهُ كَأَمْسِ وَأَوَّلَ مِنْ أَمْسِ  (Gen. 31:2 AVD)

VOKABELN:

VERB

نظر , u - blicken

NOMEN

 وجه pl. وجوه - Gesicht, Antlitz

 

BEOBACHTUNGEN:

1 Antlitz

In der Auffassung der Antike hatten die Organe des Menschen ein Eigenleben, das Antlitz kann einem entfallen (Kain Gen 4,5), die Eingeweide ziehen sich zusammen (Ex 2,6), im Deutschen kann ein Gesicht Bände sprechen und etwas auf die Nieren gehen, vgl. auch: Mt 5,29 - wenn dich dein rechts Auge verführt; (Mt 18,9) und Mt 6,22 - wenn aber dein Auge böse ist! 

Diese relative Autonomie der Organe war noch in der Ilias gang und gäbe, eine Entdeckung des Hamburger Philologen Bruno Snell (1896-1986). Bereits in der Odyssee beherrscht das Ich des Helden souverän seinen Körper und hat ihn in allen Lagen im Griff. 

Das Eigenleben der Organe spiegelt sich auch in diesem Vers wider: Der hebräische Ausdruck, der die Verneinung trägt, אַיִן, ain, hat  in diesem Satz ein Suffix der 3. Person maskulin Singular, ‎ אֵינֶ֛נּוּ , ainänu, und bezieht sich damit auf das letzte Nomen, das ist hier "das Angesicht Labans". 

Mendelssohn (1729-1786) übersetzt:  

M Jakob sahe auch Labans Angesicht, dass es ihm nicht mehr so günstig war als gestern und vorgestern.

Bereits eine Generation später ist das nicht mehr möglich, Zunz (1794-1886) in der berühmt gewordenen Rabbinerbibel übersetzt:

ZUNZ Und Jaakob sah das Gesicht Laban's, und siehe, er war nicht gegen ihn wie gestern und vorgestern.

Den gleichen Wechsel kann man in den Lutherbibeln feststellen. Luther selbst hatte 1545  noch übersetzt:

L45 Vnd Jacob sahe an das angesicht Laban, Vnd sihe, es war nicht gegen jm, wie gestern vnd ehegestern.

Die Lutherbibeln von 1984 und 2017 übersetzen:

(LUT L17 Und Jakob sah an das Angesicht Labans, und siehe, er war zu ihm (gegen ihn) nicht mehr wie zuvor. (Gen. 31:2 L17)

So gibt es also zwei Gruppen, die eine, die das Angesicht sprechen lässt und die andere Laban selbst:


Originell haben das hebräische Wort für Angesicht,  פָּנֶה, panäh, übersetzt:

KJV countenance - von continere, zusammenhalten! und

ZUR Miene

 

2 gestern vor drei (Tagen)

Der hebräische Ausdruck  ‎  כִתְמוֹל־שִׁלְשׁ֖וֹם, chithmol schilschom, scheint eine stehende Redewendung zu sein, vgl. Jos 4,18 und 2 Kg 13,5. Sie wird teils mit "gestern und vorgestern"  wiedergegeben, teils aufgelöst:


*

 

 

Q 90,12

وَمَآ أَدۡرَىٰكَ مَا ٱلۡعَقَبَةُ 

VOKABELN:

VERB

 درى - wahrnehmen, hier IV. Stamm (kausativ).

NOMEN

عقبة  pl. عقاب - Hindernis, steiler Weg.

 

mE Und was lässt dich wahrnehmen, was der steile Weg ist?

 

PARET  Doch wie kannst du wissen, was der steile Weg ist?

 

KHOURY Woher sollst du wissen, was der steile Weg ist?

 

Al AZHAR Und was lässt dich wissen, was der steilePaßweg ist?

 

NEUWIRTH Weiß du, was der Steilweg ist?

 

CORPUS CORANICUM Was lässt dich wissen, was der Steilpfad ist?

 

BEMERKUNGEN:

Ohne die Hilfe meiner ägyptischen Arabischlehrerin in Kairo, Nermin, wäre ich hier fast vollständig gescheitert. In meinen Wörterbüchern fand ich nur درك pl.  أدراك - "Grund, Äußerstes, tiefste Stufen". Also übersetzte ich: "Und was sind die tiefsten Stufen, was ist der steile Weg?" und war bass erstaunt, als ich die Übersetzungen von Paret u.a. einsah! Nermin gab mir den entscheidenden Tipp! Herzlichen Dank nach Mataraya. (Mataraya, früher On, später Heliopolis, ist meines Wissens die älteste durchgehend besiedelte Stadt der Welt!)

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 14. Januar 2021

 

 

 

 

Gen 31,3 

 


Gottes Ruf zur Umkehr ereilt selbst Jaakob und er scheint nicht zu ahnen, was das bedeutet:

‎  וַיֹּ֤אמֶר יְהוָה֙ אֶֽל־יַעֲקֹ֔ב שׁ֛וּב אֶל־אֶ֥רֶץ אֲבוֹתֶ֖יךָ וּלְמוֹלַדְתֶּ֑ךָ וְאֶֽהְיֶ֖ה עִמָּֽךְ

 (Gen. 31:3 WTT)

 

mE:

Und JWHW sprach zu Jaakob: Kehr um ins Land deiner Väter und deiner Verwandten und ich werde mit dir sein.

 

Buber/Rosenzweig:

Und ER sprach zu Jaakob:

Kehre in das Land deiner Väter, zu deiner Verwandtschaft!

ich will dasein bei dir.

 

van Dyke:

‎  وَقَالَ الرَّبُّ لِيَعْقُوبَ: «ارْجعْ إِلَى أَرْضِ آبَائِكَ وَإِلَى عَشِيرَتِكَ، فَأَكُونَ مَعَكَ  (Gen. 31:3 AVD)

VOKABELN:

VERB

رجع , i - zurückkehren

NOMEN

اب pl. آباء - Vater,

عشير pl. عشائر ascha'ir - Gefährte, Genosse,

عشير pl. عشراء uschara' - Sippe, Stamm - beides passt nicht wirklich, denn WOHER stammt das ت ? Gibt es noch eine andere, regelmäßige Pluralform?

 

BEOBACHTUNGEN:

1 Land deiner Väter

Jaakob hat in der Erzählung erst einen Vater in Kanaan, aber dessen Vorfahren sind da, wo er ist: In Haran - vgl Gen 27,34; Gen 12,4.

Wenn also die Zürcher Bibel übersetzt - und mit ihr GN GNB BiG NL: ZUR "Kehre zurück in das Land deiner Vorfahren und zu deiner Verwandtschaft", dann kann er eigentlich gleich dableiben.

Das ist offenbar schon den Kolleginnen und Kollegen in Alexandria aufgefallen, dass der Plural bei "Väter" keinen Sinn macht und haben ihn schlicht in einen Singular umgewandelt:

LXX ἀποστρέφου εἰς τὴν γῆν τοῦ πατρός σου

LXXD Kehre zurück in das Land deines Vaters

Alle anderen haben den Plural beibehalten. 

Ich war geneigt anzunehmen, dass es sich um eine stehende Redewendung handelt, in die auch die biblischen Autoren nicht einfach eingreifen konnten, aber die Wendung "Land deiner Väter und deiner Verwandtschaft" findet sich in der gesamten Bibel nur ein einziges Mal, nämlich hier.

Es kommt noch seltsamer: Die Wendung  "Land deiner Väter" findet sich sonst nur noch an einer einzigen Stelle: 1 Makk 10,55!

Der einzige, der für den Plural eine unmittelbar einsichtige Erklärung zur Hand hat - und der einzige der geschlechtergerecht übersetzt, auch nicht die Bibel in gerechter Sprache, BiG -  ist Mendelssohn:

M und B/M: Kehre in das Land deiner Eltern ... zurück

 

2 Verwandtschaft?

Der zweite Ausdruck  לְמוֹלַדְתֶּ֑ךָ , lemoledtäka, von  מוֹלֶדֶת, molädäth, gebildet aus dem Verb jalad, gebären, hat folgende Übersetzungen gefunden:

LXX γενεάν

LXXD Stamm

VUL generationem

VULD Generatinen

KJV ESV kindred

NAS relatives

BFC ta famille

LUT L17 EIN ELB SCH ZUR ZINK B/R mE Verwandschaft

GN GNB BiG Verwandten

NL familienkring

D83 hjemstavn

D92  slægt

van Dyke ‎  عَشِيرَتِكَ

Die jüdischen Übersetzungen von Mendelssohn und Zunz - und überraschenderweise - auch die ältere französische Bibel fallen hier heraus. Sie übersetzen:

M B/M an deinen Geburtsort (ZUNZ: nach deinem Geburtssort)

LSG dans ton lieu de naissance

 

3 Umkehr

Das hier verwendete Verb ‎ שׁ֛וּב, schub, meint in erster Linie einen Weg zurückkehren. In der übertragenen Bedeutung 'sein Leben ändern' taucht es in 2 Kg 17,13 auf, bezogen auf Gott allerdings Ex 32,12; vgl. Ps 80,15. Sonst ist es typisch prophetische Rede: Jes 31,6, Jer 3,14; Jer 35,15; Ez 14,6; Ez 18,30; Ez 33,11; Joel 2,12f; Joel 3,8, Sach 1,3f; Mal 3,7. Und in Baruch gibt es den seltenen Fall, dass hier der Umkehrruf Jaakkob giltd, Bar 4,1: "Kehre um, Jakob, und nimm es an; geh hin zu seinem Licht, das dir entgegenleuchtet!" Und: Mt 3,2. Wobei hier im Griechischen ein Wort verwendet wird, das es von Anfang an auf die Gesinnung anlegt und die Weg-Matapher nicht mehr mit sich trägt: μετανοεῖτε , LUT L17: tut Buße. Dieses hier verwendete griechische Wort wird in der gesamten Septuaginta  außer in den Oden Salomos 12,8; Sprüchen Spr 14,15, der Weisheit Weis 11,23; Weis 12,10, Weis 12,19 und Sirach 44,16 nicht benutzt. Die LXX verwendet ansonsten, wo es um umkehren geht eine Form von apo- hypo- oder epistrephoo.

 

Köln-Merkenich, am 15. Januar 2021

 

 

 

 

Gen 31,4 und Q 90,12 

Köln-Merkenich, am Montag, den 18. Januar 2021,
Dienstag, den 19. Januar 2021

 

 

Jaakok lässt bitten:

‎  וַיִּשְׁלַ֣ח יַעֲקֹ֔ב וַיִּקְרָ֖א לְרָחֵ֣ל וּלְלֵאָ֑ה הַשָּׂדֶ֖ה אֶל־צֹאנֽוֹ׃ 

 (Gen. 31:4 WTT)

 

mE:

Und Jaakob schickte aus und rief nach Rachel und Lea ins Feld bei seinem Kleinvieh

 

Buber/Rosenzweig:

Jaakob sandte und ließ Rachel und Lea aufs Feld zu seinen Tieren rufen

 

van Dyke:

‎  فَأَرْسَلَ يَعْقُوبُ وَدَعَا رَاحِيلَ وَلَيْئَةَ إِلَى الْحَقْلِ إِلَى غَنَمِهِ (Gen. 31:4 AVD)

VOKABELN:

VERBEN:

رسل , a - (Haar) herabhängen, III. Stamm: korrespondieren [!], hier IV. Stamm: schicken, senden;

دعو  oder دعا , u - rufen.

NOMEN:

حقل  pl. حقول chuqul - Feld, Acker.

 

BEOBACHTUNGEN:

Am Ende dieses Verses steht ein Personalpronomen ‎  וֹ, o , als Suffix am Wort für Kleinvieh/Tiere: ‎  צֹאנֽוֹ , zono, sein Kleinvieh. Nur die GN und GNB bezieht dieses Suffix auf Jaakob: "Jakob ließ Rahel und Lea zu sich auf die Weide rufen."

 

 

 

*

 

 

Q 90,12

فَكُّ رَقَبَةٍ 

 

mE: Löse einen Hals!

 

PARET: (Er besteht darinn), dass man einem Sklaven zur Freiheit verhilft

 

KHOURY (Es ist) die Befreiung eines Sklaven

 

AL AZHAR: (Es ist) die Freilassung eines Sklaven

 

NEUWIRTH und CORPUS CORANICUM: Die Losbindung eines Nackens.

 

Angelika Neuwirth schreibt in ihrem Kommentar (Frühmekkanische Suren 244) zur Stelle:

"Raqaba bezeichnet wörtlich den Nacken, um den der Sklavenstrick gelegt ist und den es - metaphorisch - zu lösen gilt."

Warum es hier nur "metaphorisch" gemeint sei, erschließt sich mir nicht. Wie solch ein Strick metaphorisch zu lösen sei, ist mir schleierhaft.

 

BEOBACHTUNGEN:

Wenn in der Alten Welt jemand auf Grund von Kriegen und Räubzügen in Sklaverei geriet, eine weit verbreitete Gefahr, wurde dies für gewöhnlich in der Antike als Schicksal hingenommen, vor allem von den Verwandten und Angehörigen. Nicht so im Judentum. "

Geraten ... Jüdinnen und Juden in die Sklaverei bei Nicht-Juden, ist es dringend geboten, dass Sippenangehörige sie freikaufen." 

https://www.bibelwissenschaft.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/sklaverei-at   Tritojesaja ruft auf: 

"Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! 

(Jes 58,6 L17)

Angelika Neuwirth und der Corpus Coranicaum verweisen ausdrücklich auf Jes 58,6-7.

 

CORPUS CORANICUM zur Q 90,.12:

„Der Tugendkatalog ist offensichtlich biblisch geprägt (zum prophetischen Topos der gebotenen Unterstützung von Waisen und Armen s. allg. die Anmerkung zu 107:2–3 mit weiteren koranischen Parallelstellen) und weist insbesondere deutliche Anklänge an Jesaja 58:6–7 auf (der entsprechende Hinweis in Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 244 basiert auf einer früheren Fassung des vorliegenden Kommentars): „Nein, das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen [vgl. 90:13], / an die Hungrigen dein Brot auszuteilen [vgl. 90:14], die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden [vgl. 90:16] und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen [vgl. 90:15].“ Auch in der Jesaja-Stelle antwortet der Tugendkatalog auf eine Frage, allerdings nicht die nach dem „steilen Weg“, sondern nach einem „Fasten ..., das dem Herrn gefällt“; wie im Koran steht auch in der Bibelstelle die Befreiung von Sklaven am Anfang, und wie im Koran werden daraufhin u. a. Arme und Verwandte als Empfänger von Hilfeleistungen hervorgehoben. „

 

Neuwirth verweist im Weiteren (244) auf Mt 25,34ff - wobei dort die Befreiung von Sklaven unter den Taten der Barmherzigkeit merkwürdigerweise nicht genannt wird.  

Die hier angesprochene Freilassung eines Sklaven erinnert an eine grausame, gemeinsame europäisch-arabische Geschichte: Den Sklavenhandel. Es ist zugleich ein gemeinsam begangener Verrat an ihren Wurzeln, Q 90,12 hier und Gal 3,28, die "paulinische Revolution" (Charles E. Raven).  652 wurde von arabischen Eroberern dem Königtum Nubien ein Vertrag aufgezwungen, u. a. jährlich "dreihundertsechzig Sklaven beiderlei Geschlechts" zu liefern. Arabische Sklavenjäger konnten dabei an schwarzafrikanische Strukturen anknüpfen. (Vgl. dazu Achill Mbembe, Kritik der schwarzen Vernunft.) Sie arbeiteten mit den später dazu kommenden europäischen Sklavenhändlern zusammen. Sansibar entwickelte sich zu einem Hauptumschlagsplatz für Sklaven. 

So konnte eine Nacken-/Halsfessel aussehen:

aus: Gianni Guadalupi: Der Nil, 1997, S. 134.

Dies waren die Handelswege:

ebd., S. 131.

Hier eine kleine Sammlung von Artikeln zu dem Thema "Arabische Sklaverei", u.a. mit Rezensionen zu dem Buch von Tidiane N‘Diaye: Der verschleierte Völkermord. Die Geschichte des muslimischen Sklavenhandels in Afrika. A. d. Franz. v. Christine und Radouane Belakhdar. Rowohlt, Reinbek 2010.

https://www.evernote.com/shard/s331/sh/2b9f5606-9d75-aa6a-a83f-937016b79d2d/ef3ea507c98fe3cfa1bdb6e4d69894d7

 

Köln/Lobberich, am Dienstag, den 19. Januar 2021

 

 

 

 

Gen 31,5 und Q 90,14 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 20. Januar 2021

 

Jetzt wird's besonders heikel:

‎  וַיֹּ֣אמֶר לָהֶ֗ן רֹאֶ֤ה אָנֹכִי֙ אֶת־פְּנֵ֣י אֲבִיכֶ֔ן כִּֽי־אֵינֶ֥נּוּ אֵלַ֖י כִּתְמֹ֣ל שִׁלְשֹׁ֑ם וֵֽאלֹהֵ֣י אָבִ֔י הָיָ֖ה עִמָּדִֽי׃ 

 (Gen. 31:5 WTT)

 

mE:

Und er sprach zu ihnen: Sehend bin ich die Gesichter eures Vaters, dass nichts bei ihm zu mir ist wie gestern vor drei Tagen und die Gottheit meines Vaters war mit mir.

 

Buber/Rosenzweig:

und sprach zu ihnen:

Ich sehe am Antlitz eures Vaters,

daß er mir nicht ist wie vortags und ehgestern.

Aber der Gott meines Vaters ist bei mir gewesen:

 

van Dyke:

.‎  وَقَالَ لَهُمَا: «أَنَا أَرَى وَجْهَ أَبِيكُمَا أَنَّهُ لَيْسَ نَحْوِي كَأَمْسِ وَأَوَّلَ مِنْ أَمْسِ. وَلكِنْ إِلهُ أَبِي كَانَ مَعِي (Gen. 31:5 AVD)

VOKABELN:

VERB:

نحو oder نحا , u - sich wenden.

NOMEN:

 نحو  pl.   أنحاء - Richtung, Seite.

PRÄPOSITION:

نحو nachwa - in Richtung, gegen.

 

BEOBACHTUNGEN:

Das Wort פָּנֶה  , panäh, steht im Hebräischen regelmäßig im Plural. Ich habe es mir erlaubt es diesmal auch so zu übersetzen, um ein Gefühl dafür zu vermitteln, dass dieses Organ sein bedingtes - und vielseitiges! - Eigenleben entfalten kann. Es kommt von dem Verb panah und bedeutet "sich wenden". 

 

 

 

*

 

 

Q 90,14

أو اطعام في يوم ذي مسغبة

VOKABEL:

PARTIKEL

ا - Fragepartikel

VERB

طعم , a - essen, IV. Stamm: zu essen geben.

NOMEN

طعام , pl  أطعمة- Speise,

ذو , gen. ذى , Akk. ذا , Akk. f.  ذات , m. pl. ذوو und أواو , f. pl. ذوات - Besitzer, versehen mit,

سغب - Hunger,

HILFE: مسغب - fand ich nicht! 

 

mE:

oder zu essen geben im Tag, versehen mit Hungernden?

 

PARET

oder an einem Tag, an dem alles Hunger hat, 

 

KHOURY

am Tag der Hungersnot, die Speisung

 

NEUWIRTH, Frühmekkanische Suren, Berlin 2011:

oder die Speisung am Tag der Hungersnot

 

CORPUS CORANICUM s. https://corpuscoranicum.de/kommentar/index/sure/90/vers/14

oder an einem Hungertag die Speisung

 

Aus dem "Kursorischen Kommentar" ebd.:

„Der gesamte Tugendkatalog V. 90:13–16 ist biblisch geprägt und lässt sich als Adaption von Jesaja 58:5–7 lesen. Allerdings haben beide Passagen verschiedene thematische Kontexte: In Jesaja 58:5–7 – wo im Gegensatz zum Koran nur das Volk Israel (Jesaja 58:1: „mein Volk“) und nicht die gesamte Menschheit angesprochen ist – geht es vor allem um die Feststellung, dass wahre Frömmigkeit sich nicht in äußerlichen kultischen Verrichtungen erschöpft. Die koranische Passage dagegen stellt darauf ab, dass die dem Menschen in der Schöpfung zuteil gewordene Gnade ihm eine moralische Verpflichtung auferlegt, den „steilen Pfad“ einzuschlagen. Die Anklänge an Jesaja 58:5–7 sind gleichwohl deutlich: Die durch die Anspielung in V. 90:6 repräsentierte Dichtung und das von ihr transportierte heroische Weltbild werden durch eine – vielleicht aus gottesdienstlichen Lesungen vertraute – Bibel-Referenz überschrieben. Eine Bibelpassage wird damit als Bundesgenosse in der Auseinandersetzung mit dem Lebensideal der zum Zeitpunkt der Koranverkündigung kanonischen altarabischen Dichtung adaptiert. Trotz seiner biblischen Resonanz ist jedoch auch der Tugendkatalog wiederum poetisch kodiert: „Während masġaba [V. 90:14] ein übliches Lexem ist, sind die Qualifikationen der Waise und des Armen mit eigens in Analogie zu masġaba gebildeten morphologischen Ableitungen [ḏū maqraba, ḏū matraba] ausgedrückt“, wie sie in der altarabischen Dichtung üblich sind ( Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 244 ). Der biblisch inspirierte, in literarischer Hinsicht jedoch gezielt arabisierte Tugendkatalog stellt damit den Kulminationspunkt der gesamten Sure dar: Er expliziert die normativen Konsequenzen der in V. 90:4 summarisch konstatierten und im zweiten Gesätz dann anhand der menschlichen Sinnesorgane exemplarisch veranschaulichten göttlichen Zuwendung.“

 

Speisen in einer Hungersnot - das ist sonst die klassische Aufgabe von Herrschern. Herodes erwarb sich so den Ruf "der Große" zu sein, weil er dies großzügig tat - er hatte verwandtschaftliche Beziehungen nach Ägypten, der damaligen Kornkammer. Tolstoi sorgte so für seine Dienerschaft auf seinen Gütern. Jesus wird versucht, diese Herrscheraufgabe zu übernehmen, Mt 4,3 und löst die Aufgabe auf andere Weise, Mt 14,13ff: Genossenschaftlich. Der bengalische Ökonom Armatya Sen wies nach, dass in allen Hungersnöten des 20. Jahrhunderts Nahrungsmittel genug vorhanden waren - sie wurden den Hungernden vorenthalten. Dennoch: Speisen in der Hungersnot - ist das nicht Barmherzigkeit?

Gen 31,6 und Q 90,15 

Köln-Merkenich,
am Montag, den 25. Januar 2021

 

Jaakob will  die Töchter Labans von sich und gegen ihren Vater überzeugen - nicht gerade einfach:

‎  וְאַתֵּ֖נָה יְדַעְתֶּ֑ן כִּ֚י בְּכָל־כֹּחִ֔י עָבַ֖דְתִּי אֶת־אֲבִיכֶֽן׃

 (Gen. 31:6 WTT)

 

mE:

und ihr beide wisst, dass ich mit all meiner Kraft eurem Vater gedient habe

 

Buber/Rosenzweig:

ihr selber wißt ja, daß ich eurem Vater mit all meiner Kraft gedient habe,

 

van Dyke:

‎  وَأَنْتُمَا تَعْلَمَانِ أَنِّي بِكُلِّ قُوَّتِي خَدَمْتُ أَبَاكُمَا (Gen. 31:6 AVD)

VOKABELN:

VERBEN

علم , a - wissen;

خدم , i - dienen.

 

 

BEOBACHTUNGEN:

In der hebräischen Wendung, ‎  בְּכָל־כֹּחִ֔י , bichol-kochi, steht das Nomen, כֹּחַ , koach, Kraft, im Singular. So übersetzen auch die Septuaginta und etliche andere mit Singular. Hieronymus leuchtete das wohl nicht ein, er übersetzt mit dem Plural: 

VUL quod totis viribus meis (Gen. 31:6 VULM)

VULD dass ich mit all meinen Kräften

So auch die BFC de toutes mes forces (dagegen LSG: de tout mon pouvoir) und

LUT L17 und die EIN:

L17 aus allen meinen Kräften

EIN mit allen Kräften

 

 

 

*

 

 

Q 90,15

 

يَتِيمًۭا ذَا مَقۡرَبَةٍ 

VERBEN

قرب , u - sich nähern, nahe sein;

يتم , i - verwaisen.

NOMEN

مقربة - Nähe;

(ة)يتيم   pl. أيتام  oder  يتامى - Waise; einzigartig.

 

Köln-Merkenich,
am Dienstag, den 26. Januar 2021

 

 

mE: 

dieser Waise: eine Nähe

 

PARET/

NEUWIRTH: 

einer Waise aus der Verwandtschaft

 

 

KHOURY: 

einer verwandten Waise

 

AL AZHAR: 

eine Waise, die einem nahe ist,

 

 

CORPUS CORANICUM: 

eines Waisen aus der Verwandtschaft

 

BERATUNG: Das ا am Ende von يتيما - wie ist das zu verstehen?

 

BEOBACHTUNG: 

"Waise" war - laut Grimm, Deutsches Wörterbuch 27,1043ff - bis ins 17. Jahrhundert fast ausschließlich männlich, auch wenn es sich auf Mädchen bezog, später wird es weiblich verstanden, so dass auch ein Junge eine Waise ist. Im Koranvers 90,15 liegt m.E. klar die männliche Form vor, hervorgehoben durch das maskuline Demonstrativpronomen  ذا, tha.

Warum überwiegend mit "Verwandtschaft" übersetzt wird, erschließt sich mir nicht:    قريب - verwandt,   قرابة - Verwandtschaft.

 

 

 

 

Gen 31,7 und Q 90,16 

Köln-Merkenich,
am Mittwoch, den 27. Januar 2021

 

Jaakob, als betrogener Betrüger klagt sein Leid und nimmt die Essenz der Josefsgeschichte vorweg, Gen 50,20:

‎  וַאֲבִיכֶן֙ הֵ֣תֶל בִּ֔י וְהֶחֱלִ֥ף אֶת־מַשְׂכֻּרְתִּ֖י עֲשֶׂ֣רֶת מֹנִ֑ים וְלֹֽא־נְתָנ֣וֹ אֱלֹהִ֔ים לְהָרַ֖ע עִמָּדִֽי׃ 

 (Gen. 31:7 WTT)

 

mE:

Und euer Vater betrügt mich und lässt meinen Lohn entschwinden zehn Mal! Und nicht gibt Gott ihn zum bösen Tun mir gegenüber.

 

Buber/Rosenzweig:

und er hat mich genarrt und meinen Lohn zehnmal geändert,

Gott aber hat nicht zugegeben, daß er mir Böses erweise.

 

van Dyke:

‎  وَأَمَّا أَبُوكُمَا فَغَدَرَ بِي وَغَيَّرَ أُجْرَتِي عَشَرَ مَرَّاتٍ. لكِنَّ اللهَ لَمْ يَسْمَحْ لَهُ أَنْ يَصْنَعَ بِي شَرًّا  (Gen. 31:7 AVD)

VOKABELN:

VERBEN

غدر  , i - betrügen;

غير   oder غار  , a - eifersüchtig sein; hier II. Stamm: ändern, wechseln [!];

أجر  , u - belohnen;

سمع  , a - erlauben;

صنع  , a  - tun, machen;

شر  , u - schlecht sein, böse sein.

NOMEN

أجر  pl. أجور - Lohn;

شر pl. شرور - Übel, Böses;

ADJEKTIV

شر  pl. أشرار schlecht, schlimm, böse.

PARTIKEL

أمل    - einleitend: Was betrifft

 لم   - nicht.

Köln-Merkenich, 
am Donnerstag, den 28. Januar 2021

 

 

BEOBACHTUNGEN:

1 Lohn

Der Crew in Alexandria leuchtete die - angeblich - zehnmalige Veränderung des Lohnes offenbar nicht ein, sie konkretisierte:

LXX καὶ ἤλλαξεν τὸν μισθόν μου τῶν δέκα ἀμνῶν  (Gen. 31:7 BGT)

LXXD und er hat meinen Lohn von zehn Lämmern abgeändert (oder: meinen Lohn gegen zehn Lämmer ausgetauscht)

Sie steht mit dieser Ergänzung allein.

 

2 ihm nicht gegeben - לֹֽא־נְתָנ֣וֹ  , lo-netano

Diese Kurzformel hat einiges in Bewegung gesetzt; klar ist die Verneinung - lo - und eine Form des Verbs "geben",  נתן , natan, 3. Person Singular Maskulin.

Hier übersetzt die Septuaginta wörtlich:

LXX καὶ οὐκ ἔδωκεν αὐτῷ (Gen. 31:7 BGT)

Die deutsche Übersetzung der Septuaginta, LXXD, lässt die Herkunft von dem griechischen Verb  "geben",  δίδωμι, didoomi - nicht mehr erkennen und schreibt: 

LXXD Gott hat ihm nicht gestattet

Das hat allem Anschein nach auf Hiernymus abgefärbt. Er übersetzte:

VUL et tamen non dimisit eum Deus  (Gen. 31:7 VULM)

VULD Und dennoch hat Gott ihn nicht geschickt

Ganz eigentümlich aber in genau diesem Sinne die KJV: 

KJV God suffered him not

Auf dieser Spur finden sich die meisten anderen Übersetzungen.

Einige benutzen eine Form von "geben":



Interessant ist der Wechsel von Mendelssohns Übersetzung zur überarbeiteten Version B/M!

Besonders wenn von "nicht zulassen" die Rede ist, taucht - sozusagen als Kollateralschaden solcher sicher gut gemeinten Erzählweise - bei Leserinnen und Lesern die Böses erfahren, die beunruhigende Frage auf, ‚und warum hat Gott das bei mir/uns zugelassen?'.   

 

 

 

*

 

 

Q 90,16

أَوۡ مِسۡكِينًۭا ذَا مَتۡرَبَةٍۢ

 

VOKABELN:

مسكين  pl. مساكين - arm, elend, bedauernswert;

مترب  mutrub - staubig;

متربة  matraba - Elend, Armut.

 

mE

oder einen Armen da, einen Elenden

 

PARET

oder einem notleidenden Armen (etwas) zu essen gibt [Prädikat der Wortklammer aus Vers 14]

 

 

KHOURY 

oder eines Bedürftigen, der im Staub liegt.

 

AL AZHAR

oder einen Armen, der dem Boden nahe ist.

 

 

NEUWIRTH, 

CORPUS CORANICUM

oder eines Armen, der im Staub liegt.

 

Zu dem ganzen Abschnitt Q 90,13-16 aus dem Kommentar vom Corpus Coranicum:

„Der gesamte Tugendkatalog V. 90:13–16 ist biblisch geprägt und lässt sich als Adaption von Jesaja 58:5–7 lesen. Allerdings haben beide Passagen verschiedene thematische Kontexte: In Jesaja 58:5–7 – wo im Gegensatz zum Koran nur das Volk Israel (Jesaja 58:1: „mein Volk“) und nicht die gesamte Menschheit angesprochen ist – geht es vor allem um die Feststellung, dass wahre Frömmigkeit sich nicht in äußerlichen kultischen Verrichtungen erschöpft. Die koranische Passage dagegen stellt darauf ab, dass die dem Menschen in der Schöpfung zuteil gewordene Gnade ihm eine moralische Verpflichtung auferlegt, den „steilen Pfad“ einzuschlagen. Die Anklänge an Jesaja 58:5–7 sind gleichwohl deutlich: Die durch die Anspielung in V. 90:6 repräsentierte Dichtung und das von ihr transportierte heroische Weltbild werden durch eine – vielleicht aus gottesdienstlichen Lesungen vertraute – Bibel-Referenz überschrieben. Eine Bibelpassage wird damit als Bundesgenosse in der Auseinandersetzung mit dem Lebensideal der zum Zeitpunkt der Koranverkündigung kanonischen altarabischen Dichtung adaptiert. Trotz seiner biblischen Resonanz ist jedoch auch der Tugendkatalog wiederum poetisch kodiert: „Während masġaba [V. 90:14] ein übliches Lexem ist, sind die Qualifikationen der Waise und des Armen mit eigens in Analogie zu masġaba gebildeten morphologischen Ableitungen [ḏū maqraba, ḏū matraba] ausgedrückt“, wie sie in der altarabischen Dichtung üblich sind ( Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 244 ). Der biblisch inspirierte, in literarischer Hinsicht jedoch gezielt arabisierte Tugendkatalog stellt damit den Kulminationspunkt der gesamten Sure dar: Er expliziert die normativen Konsequenzen der in V. 90:4 summarisch konstatierten und im zweiten Gesätz dann anhand der menschlichen Sinnesorgane exemplarisch veranschaulichten göttlichen Zuwendung.“ 

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, den 28. Januar 2021

 

 

 

 

Gen 31,8 

Köln-Merkenich, 
am Freitag, den 29. Januar 2021

 

Jaakob klagt sein Leid:

‎  אִם־כֹּ֣ה יֹאמַ֗ר נְקֻדִּים֙ יִהְיֶ֣ה שְׂכָרֶ֔ךָ וְיָלְד֥וּ כָל־הַצֹּ֖אן נְקֻדִּ֑ים וְאִם־כֹּ֣ה יֹאמַ֗ר עֲקֻדִּים֙ יִהְיֶ֣ה שְׂכָרֶ֔ךָ וְיָלְד֥וּ כָל־הַצֹּ֖אן עֲקֻדִּֽים׃

 (Gen. 31:8 WTT)

 

mE: 

Wenn er nun sagte, "Gescheckte werden dein Lohn sein", dann gebar alles Kleinvieh Gescheckte und wenn er nun sagte "Gestreifte werden dein Lohn sein", dann gebar alles Kleinvieh Gestreifte.

 

Buber/Rosenzweig:

Sprach er so: Die Gesprenkelten sollen dein Lohn sein, warfen alle Tiere Gesprenkelte;

und sprach er so: Die Gestreiften sollen dein Lohn sein, warfen alle Tiere Gestreifte.

 

Köln-Merkenich, 
am Montag, den 1. Februar 2021

 

 

van Dyke:

‎  إِنْ قَالَ هكَذَا: الرُّقْطُ تَكُونُ أُجْرَتَكَ، وَلَدَتْ كُلُّ الْغَنَمِ رُقْطًا. وَإِنْ قَالَ هكَذَا: الْمُخَطَّطَةُ تَكُونُ أُجْرَتَكَ، وَلَدَتْ كُلُّ الْغَنَمِ مُخَطَّطَةً  (Gen. 31:8 AVD)

VOKABELN:

VERB

ولد   oder يلد - gebären.

NOMEN/ADJEKTIVE

رقط  pl.  أرقاط  - gefleckt;

أجر  pl. أجور  - Lohn;

 مخطط - gestreift;

غنم  pl. أغنام - Schafe, Kleinvieh.

PARTIKEL

هكذا  - so, auf diese Weise.

 

BEOBACHTUNGEN:

Zu "gebären" und "werfen" s. Bemerkungen zu Gen 30,39. Uneinheitlich ist die ELB, dort übersetzte sie mit "warfen", hier mit "gebären".

 

 

 

Gen 31,9 


Köln-Merkenich,
am Dienstag, den 2. Februar 2021
 

Jaakobs Rettung:

‎  וַיַּצֵּ֧ל אֱלֹהִ֛ים אֶת־מִקְנֵ֥ה אֲבִיכֶ֖ם וַיִּתֶּן־לִֽי (Gen. 31:9 WTT)

 

mE:

Und Gott riss das Vieh eures Vaters heraus und gab es mir.

 

Buber/Rosenzweig:

Gott rettete das Vieh eures Vaters heraus und gab es mir.

 

van Dyke:

‎  فَقَدْ سَلَبَ اللهُ مَوَاشِيَ أَبِيكُمَا وَأَعْطَانِي (Gen. 31:9 AVD)

VOKABELN:

VERB

سلب  , u  - rauben, plündern.

NOMEN

ماشية  pl.  مواش - Vieh.

PARTIKEL

قد  - vor Perfekt: schon, bereits; vor Imperfekt: vielleicht, manchmal.

 

 

BEOBACHTUNGEN:

Das Verb und das Objekt finden viele verschiedene Übersetzungen:


Der einzige, der das einschränkt, was weggenmmen wird, ist die Rabbinerbibel Zunz: "Und Gott nahm von der Herde eures Vaters und gab mir."

In diesem Vers ist anstößig, dass Gott raubt. Eine weitere Gottesvorstellung in der biblischen Überlieferung? So übersetzen recht klar die LXX – und schon nicht mehr die LXXD! - ZUR BB und van Dyke. Dieses Verb spielt im nächsten Buch eine tragende Rolle, darauf verweist wohl Buber/Rosenzweigs Übersetzung:  "Innerhalb der Exoduserzählung des Jahwisten spielt" dieses Wort, so das ThWbAT 5, 574, "die Rolle eines Leitwortes (Ex 3,8; 5,23; 18,10a)". Es trägt die "Bedeutung , die von einem neutralen Trennungsvorgang bis zum positiv bewerteten "befreien" reicht." (ebd. 571)

 

 

 

 

Gen 31,10 

 


Jaakob und die Realität von Träumen:

‎  וַיְהִ֗י בְּעֵת֙ יַחֵ֣ם הַצֹּ֔אן וָאֶשָּׂ֥א עֵינַ֛י וָאֵ֖רֶא בַּחֲל֑וֹם וְהִנֵּ֤ה הָֽעַתֻּדִים֙ הָעֹלִ֣ים עַל־הַצֹּ֔אן עֲקֻדִּ֥ים נְקֻדִּ֖ים וּבְרֻדִּֽים׃ 

 (Gen. 31:10 WTT)

 

mE:

Und es geschah in der Zeit der Brunst des Kleinviehs erhob ich meine Augen und ich sah in einem Traum,und siehe, die Böcke besteigend auf das Kleinvieh waren gestreifte, gescheckte und gefleckte.

 

Buber/Rosenzweig:

Es war nun in der Brunstzeit der Tiere,

ich hob im Traum meine Augen und sah,

da, die Böcke, wie sie die Tiere bespringen: gestreift, gesprenkelt, gescheckt.

 

van Dyke:

‎  وَحَدَثَ فِي وَقْتِ تَوَحُّمِ الْغَنَمِ أَنِّي رَفَعْتُ عَيْنَيَّ وَنَظَرْتُ فِي حُلْمٍ، وَإِذَا الْفُحُولُ الصَّاعِدَةُ عَلَى الْغَنَمِ مُخَطَّطَةٌ وَرَقْطَاءُ وَمُنَمَّرَةٌ (Gen. 31:10 AVD)

VOKABELN:

VERBEN

حدث  , u - geschehen;

وحم  , jauham  - Appetit haben;

 رفع , a  - heben, erheben;

حلم  , u - 1. träumen; 2. mannbar werden [!]

NOMEN

حلم  chulm pl.  أحلام - 1. Traum; 2. Mannbarkeit;

حلم  chilm - Einsicht, Verstand, Großzügigkeit [!];

فحل fachl pl.  فحول  fuchul - 1. Hengst ; 2. hervorragende Persönlichkeit, großer Dichter.

ADJEKTIVISCH

صاعد  - aufsteigend - von صعد  - steigen, aufsteigen

مخطط - gestreift;رقطاء oder  أرقط - gefleckt; منمر - gefleckt, getigert.

 

BEOBACHTUNGEN:

Die Wendung "hob seine Augen auf und sah" ist eine klassische Wendung biblischer Sprache für eine neue, meistens überraschende Wahrnehmung, vgl. Gen 13,10; Gen 22,13; Gen 24,63.

Hier ist es ein wunderbares Beispiel für die radikale Phänomenologie der Antike: Alles, was gesehen werden kann, ist real, gleich ob wach oder im Traum!

Hieronymus und die meisten anderen Übersetzungen verändern an dieser Doppelung nichts und übersetzen so oder so ähnlich wie er:

VUL levavi oculos meos et vidi in somnis  (Gen. 31:10 VULM)

VULD habe ich meine Augen erhoben und im Traum gesehen

Bereits die Septuaginta hatte wohl Probleme mit dieser Doppelung und verschleift beide Teile ineinander:

LXX καὶ εἶδον τοῖς ὀφθαλμοῖς αὐτὰ ἐν τῷ ὕπνῳ  (Gen. 31:10 BGT)

LXXD dass ich sie [die Schafe] mit meinen Augen im Schlaf sah

Merkwürdigerweise ähnelt - ein der ganz seltenen Fälle - hier die Übersetzung von Buber/Rosenzweig mehr der Septuaginta: B/R ich hob im Traum meine Augen und sah

Es sind vor allem die neueren Übersetzungen, die diese radikale Phänomenologie nicht aushalten und alles in den Traum verlegen:

BFC  j'ai vu dans un rêve:

genauso: D92 D83 så jeg i drømme

und: GN GNB sah ich im Traum

EIN hatte ich einen Traum; ich sah

Völlig vom Sehen verabschiedet hat sich die neueste Übersetzung deutscher Sprache, die Basisbibel:

BB hatte ich einen Traum

 

Köln-Merkenich, am Freitag, den 5. Februar 2021

 

 

 

 

Gen 31,11 und Q 90,17 

Köln-Merkenich, 
am Montag, den 8. Februar 2021

 

Jaakob bemüht göttlichen Beistand:

‎  וַיֹּ֙אמֶר אֵלַ֜י מַלְאַ֧ךְ הָאֱלֹהִ֛ים בַּחֲל֖וֹם יַֽעֲקֹ֑ב וָאֹמַ֖ר הִנֵּֽנִי׃

 (Gen. 31:11 WTT)

 

mE:

Und zu mir sprach ein Bote Gottes im Traum: "Jaakob!", und ich sprach: "Hier bin ich!"

 

Buber/Rosenzweig:

Und der Bote Gottes sprach zu mir im Traum: Jaakob!

Ich sprach: Da bin ich.

 

van Dyke:

‎  وَقَالَ لِي مَلاَكُ اللهِ فِي الْحُلْمِ: يَا يَعْقُوبُ. فَقُلْتُ: هأَنَذَا (Gen. 31:11 AVD)

VOKABELN:

PARTIKEL:

هذا  , f. هذه   hathihi, dual هذان  hathani, dual f. هاتان hatani, pl. هؤلاء  ha'ula'i - dieser, diese, dieses; dies;

 ها - da!, siehe da!;

 هأنذا - da bin ich.

 

BEOBACHTUNGEN:

Die Antwort Jaakobs im Traum fällt in der Septuaginta überaschend aus:

LXX τί ἐστιν

LXXD Was ist? - Vielleicht konnten sie sich in Alexandria nicht vorstellen, dass ein Bote Gottes sich erst vergewissern muss, mit wem er da redet?!

So klingt die Antwort in der Septuaginta auch in Gen 46,2 und sogar am Dornbusch bei Mose, Ex 3,4; sonst heißt es LXX ἰδοὺ ἐγώ LXXD Siehe, (hier bin) ich: Gen 22,1; Gen 22,11; 1 Sam 3,5ff; 1 Sam 3,16.

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich,
am Sonntag, den 7. Februar 2021

 

Q 90,17

ثُمَّ كَانَ مِنَ ٱلَّذِينَ ءَامَنُوا۟ وَتَوَاصَوۡا۟ بِٱلصَّبۡرِ وَتَوَاصَوۡا۟ بِٱلۡمَرۡحَمَةِ

 

VOKABELN:

VERBEN:

أمن  - treu sein, zuverlässig sein; 

وصى - empfehlen, testamentarisch bestimmen, hier III. Stamm? Lanes Lexikon http://lexicon.quranic-research.net/data/27_w/139_wSe.html hat hier:

تَوَاصَوْا They enjoined, charged, bade, ordered, or commanded, one another. See an ex. voce تَبَاعَثُوا. صب  - geduldig sein.

NOMEN:

صبر - Geduld;

مرحمة  pl.  مراحم - Erbarmen, Mitleid.

PARTIKEL

ثم  oder  ثمة - da, dort, es gibt, dann; mit  من - deshalb, dann, darauf;

الذى  - Relativpronomen: der, die das, Dual:  اللذان . 

 

mE:

dann war er von denen, die vertrauend sind und sie bestimmen einander in der Geduld und bestimmen einander im Erbarmen.

 

PARET:

und (daß man) überdies (wörtlich hierauf) zu denen gehört, die glauben und Geduld und Barmherzigkeit einander (als Vermächtnis) ans Herz legen.

 

KHOURY:

Und dass man außerdem zu denen gehört, die glauben, einander die Geduld nahelegen und einander die Barmherzigkeit nahelegen.

AL AZHAR:

Und dass man hierauf zu denjenigen gehört, die glauben, einander die Standhaftigkeit eindringlich empfehlen und einander die Barmherzigkeit eindringlich empfehlen.

 

NEUWIRTH:

Dann ist er von denen, die glauBen

 und sich zur Geduld anspornen

 und sich zur Barmherzigkeit anspornen,

 

CORPUS CORANICUM:

17 Und dass man zu denen gehört, die glauben und einander zu Geduld und Barmherzigkeit anhalten – 

 

BEOBACHTUNGEN:

Das CC schreibt  ءَامَنُوا۟  , die Al Azhar آمنوا  . 

 

 

 

 

Gen 31,12 und Q 90,18 

Köln-Merkenich,
am Dienstag, den 9. Februar 2021

 

 

der Bote spricht:

‎  וַיֹּ֗אמֶר שָׂא־נָ֙א עֵינֶ֤יךָ וּרְאֵה֙ כָּל־הָֽעַתֻּדִים֙ הָעֹלִ֣ים עַל־הַצֹּ֔אן עֲקֻדִּ֥ים נְקֻדִּ֖ים וּבְרֻדִּ֑ים כִּ֣י רָאִ֔יתִי אֵ֛ת כָּל־אֲשֶׁ֥ר לָבָ֖ן עֹ֥שֶׂה לָּֽךְ׃

 (Gen. 31:12 WTT)

 

mE:

Und er sprach: Erheb doch deine Augen und sieh:

Alle Böcke, die das Kleinvieh besteigen sind gestreift, gescheckt und gefleckt, denn ich habe gesehen, alles, was Laban an dir tut.

 

Buber/Rosenzweig:

Er aber sprach:

Hebe deine Augen und sieh:

all die Böcke, wie sie die Tiere bespringen: gestreift, gesprenkelt, gescheckt, -

denn ich habe alles gesehn, was Laban an dir tut.

 

van Dyke:

‎  فَقَالَ: ارْفَعْ عَيْنَيْكَ وَانْظُرْ. جَمِيعُ الْفُحُولِ الصَّاعِدَةِ عَلَى الْغَنَمِ مُخَطَّطَةٌ وَرَقْطَاءُ وَمُنَمَّرَةٌ، لأَنِّي قَدْ رَأَيْتُ كُلَّ مَا يَصْنَعُ بِكَ لاَبَانُ (Gen. 31:12 AVD)

VOKABELN: s. Gen 31,10

 

BEOBACHTUNGEN:

Das Partizip von  עֹ֥שֶׂה, osäh, "machend" oder "tuend", lässt sich im Deutschen  - und nicht nur dort - schlecht bewahren: "denn ich habe alles gesehen, was Laban tuend ist an dir"?

Zwei englische Übersetzungen schaffen das aber sehr elegant:

NAS for I have seen all that Laban has been doing to you.

ESV for I have seen all that Laban has been doing to you.

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich,
am Mittwoch, den 10. Februar 2021

Q 90,18

أُو۟لَٰٓئِكَ أَصۡحَٰبُ ٱلۡمَيۡمَنَةِ

 

VOKABELN:

VERB

صحب  - begleiten.

NOMEN

صاحب   pl. أصحاب oder  صحانة - Besitzer, Gefährte, Freund;

ميمنة  - rechte Seite.

PARTIKEL

ذا  f. ذى oder تا pl.  أولاء - dies, dieser, diese.

 

mE:

Diese sind dir Freunde der rechten Seite.

 

PARET und KHOURY:

Das sind die von der rechten Seite.

AL AZHAR:

Das sind die Gefährten der rechten Seite.

 

NEUWIRTH:

das sind die Genossen der rechen Hand.

 

CORPUS CORANICUM:

das sind die Leute der rechten Seite.

 

ANMERKUNGEN:

Corpus Coranicum weist an dieser Stelle auf Mt 25,31-46 hin!

 

 

 

 

Gen 31,13 

Köln-Merkenich,
am Donnerstag/Freitag, den 11./12. Februar 2021

 

Jaakob verkündet:

‎אָנֹכִ֤י הָאֵל֙ בֵּֽית־אֵ֔ל אֲשֶׁ֙ר מָשַׁ֤חְתָּ שָּׁם֙ מַצֵּבָ֔ה אֲשֶׁ֙ר נָדַ֥רְתָּ לִּ֛י שָׁ֖ם נֶ֑דֶר עַתָּ֗ה ק֥וּם צֵא֙ מִן־הָאָ֣רֶץ הַזֹּ֔את וְשׁ֖וּב אֶל־אֶ֥רֶץ מוֹלַדְתֶּֽךָ׃    (Gen. 31:13 WTT)

 

mE:

Ich bin der Gott Beth-El (Haus Gottes), den du gesalbt hast, dort, den Gedenkstein, an dem du mir dort einen Schwur geschworen hast,  nun, steh auf, zieh aus diesem Land und kehr um in das Land deiner Verwandtschaft!

 

Buber/Rosenzweig:

Ich bin die Gottheit von Bet-El,

wo du das Standmal salbtest,

wo du mir das Gelübde gelobtest.

Nun mach dich auf,

zieh aus diesem Land,

kehre ins Land deiner Verwandtschaft!

 

van Dyke:

‎‎  .» أَنَا إِلهُ بَيْتِ إِيلَ حَيْثُ مَسَحْتَ عَمُودًا، حَيْثُ نَذَرْتَ لِي نَذْرًا. الآنَ قُمِ اخْرُجْ مِنْ هذِهِ الأَرْضِ وَارْجعْ إِلَى أَرْضِ مِيلاَدِكَ  (Gen. 31:13 AVD)

VOKABELN:

PARTIKEL

حيث - wo, wo doch, wohin.

VERBEN

مسح - abwischen, einreiben, salben;

 نذر  - weihen, geloben;

 خرج - hinaus-, herausgehen;

رجع  - zurückkehren.

NOMEN

اله   pl. آلهة - Gott;

عمود  pl. أعمدة - Säule, Pfeiler;

 نذر  pl.  نذور  - Gelübde;

 ميلاد  pl.  مواليد - Geburt.

 

 

BEOBACHTUNGEN:

1 Welcher Gott?

Diese drei Wörter stehen in der gesamten Bibel nur hier so zusammen:  ‎  הָאֵל֙ בֵּֽית־אֵ֔ל hael beit-'el: Das Verstörende daran ist: Wie passt das mit der Gottesvorstellung vom universalen Gott zusammen, die gewöhnlich beim Lesen der Bibel schon von den ersten Kapitel an eingeübt worden ist?

Wörtlich übersetzt - außer mE - nur Hieronymus: 

VUL ego sum Deus Bethel 

Die VULD differenziert: Ich bin der Gott von Bet-El.

Die Septuaginta rückt hingegen Gott und Bethel sehr weit auseinander, sogar der Ortsname verschwindet:

LXX ἐγώ εἰμι ὁ θεὸς ὁ ὀφθείς σοι ἐν τόπῳ θεοῦ

LXXD Ich bin der Gott, der sich dir am Gottesort zeigte

Dem schließen sich - allerdings mit Beibehaltung des Ortsnamens - folgende Übersetzungen an:

BFC Je suis le Dieu qui t'est apparu à Béthel

LUT BB Ich bin der Gott, der dir zu Bethel erschienen ist, (BB: "in Bethel")

GNB der gott, der dir in Bet-El begegnet ist

D83 Jeg er den Gud, som åbenbarende sig for dig i Betel,

GN ziemlich frei: der Gott, der in Bet-El wohnt

Luther hatte 1545 übrigens stehen: 

L45 Jch bin der Gott zu BethEl

Das hat die L17 wieder hergestellt: 

L17 Ich bin der Gott zu Bethel

Sonst heißt es "Gott von Bethel", so auch die jüdischen Übersetzungen - M, B/M und ZUNZ, nur Buber/Rosenzweig haben damit ein Problem:

B/R die Gottheit von Beth-El.

 

2 gesalbt - wen oder was?

Das Verb  משׁח, maschach, salben, taucht hier zum ersten Mal in der Bibel auf. Davon abgeleitet ist  מָשִׁיחַ , Messias, griechisch: Christos. 

Der Vers bezieht sich auf Gen 28,18. Dort war von "ausgießen" die Rede. Es entsteht bei mir der Eindruck, dass die lange Geschichte der Salbung hier damit beginnt, dass Jaakob den Gott Beth-El gesalbt hat.

Diese enge Verbindung von Gottesnamen, Salbung und Steinmal lassen die meisten Übersetzungen nicht mehr erkennen, hier Hieronymus als Beispiel:

VUL ubi unxisti lapidem

VULD dort, wo du den Stein gesalbst ... hast

Dass es da eine engere Verbindung gibt, bewahrt die Septuaginta.

LXX οὗ ἤλειψάς μοι ἐκεῖ στήλην

LXXD wo du mir einen Kultstein salbtest

Das geben nur wieder:

GN GNB dort hast du mir einen Stein geweiht

 

Die Übersetzer in Alexandria korrigieren sozusagen Jaakob, in seiner Wiedergabe dessen, was Gott ihm gesagt hat - Gen 31,3. Hier ergänzen sie, was im Hebräischen an dieser Stelle nicht steht wohl aber dort:

LXX καὶ ἔσομαι μετὰ σοῦ

LXXD und ich werde mit dir sein!

 

P. S.:

KORREKTUR zu Gen 31,12:

Die beiden Übersetzungen NAS und ESV sind keineswegs gleich, wie es in der letzten Mail versehentlich steht:

NAS for I have seen all that Laban has been doing to you.

ESV  for I have seen all that Laban is doing to you.

 

 

 

 

Gen 31,14 Q 90,20 

Köln-Merkenich, 
am Aschermittwoch, den 17. Februar 2021

 

 

Rachel und Leah bleiben pragmatisch:

‎  וַתַּ֤עַן רָחֵל֙ וְלֵאָ֔ה וַתֹּאמַ֖רְנָה ל֑וֹ הַע֥וֹד לָ֛נוּ חֵ֥לֶק וְנַחֲלָ֖ה בְּבֵ֥ית אָבִֽינוּ׃

 (Gen. 31:14 WTT)

 

mE:

Und Rachel antwortete und Leah und sprachen zu ihm: Ist noch für uns Anteil und Besitz im Haus unseres Vaters?

 

Buber/Rosenzweig:

Rachel antwortete und Lea, sie sprachen zu ihm:

Haben wir noch Teil und Eigentum im Haus unsres Vaters?!

 

van Dyke:

‎  فَأَجَابَتْ رَاحِيلُ وَلَيْئَةُ وَقَاَلتَا لَهُ: «أَلَنَا أَيْضًا نَصِيبٌ وَمِيرَاثٌ فِي بَيْتِ أَبِينَا؟ (Gen. 31:14 AVD)

VOKABELN:

VERB

جوب   oder جاب  -  wandern, durchqueren, III. und hier IV. Stamm: antworten.

NOMEN

نصيب  pl.   نصب nusub - Anteil, Los, Schicksal,

ميراث  pl. مواريث - Erbe, Erbschaft; kommt wohl von  ورث , u oder  يرث - erben.

 

BEOBACHTUNGEN:

Merkwürdigerweise übersetzte Luther die Antwort der beiden Ehefrauen und Töchter Labans nicht als Frage:

LUT Wir haben doch kein Teil noch Erbe mehr in unseres Vaters Hause. 

So auch die neuere französische und dänische Übersetzung:

BFC «Nous n'avons plus de part d'héritage dans la maison de notre père.

D92  «Vi har ikke længere lod og del i vores fars hus.

Auch die neueste Übersetzung, die Basisbibel, fragt nicht:

BB Wir haben ja keinen Anteil mehr am Erbe unseres Vaters.

ZINK Wir haben ja doch keinen Anteil am Erbe unseres Vaters mehr.

Die 500-Jahre-Reformationsbibel korrigiert:

L17 Haben wir denn noch Anteil und Erbe am Hause unseres Vaters?

Q 90,20:

عَلَيۡهِمۡ نَارٌۭ مُّؤۡصَدَةٌۭ 

VOKABELN:

PARTIKEL

عل - auf, über, zugunsten.

NOMEN

نار  pl.  نيران - Feuer.

VERB

وصد  oder  يصد  - fest sein.

Im LANE unter der Wurzel  وصد  , S. 2945 steht zu مؤصدة : "closed over".

 

mE

Über ihnen ist ein Feuer fest geschlossen.

 

PARET

Über ihnen werden die Flammen des Höllenfeuers zusammenschlagen.

 

KHOURY

Über ihnen liegt ein Feuer zugeschlagen.

AL AZHAR

Über ihnen liegt ein (sie) einschließendes Feuer.

 

NEUWIRTH

Über ihnen lodernder Brand!

 

CORPUS CORANICUM

Feuer umschließt sie.

 

BEOBACHTUNGEN:

Mit den Farben der Hölle zu malen scheint einfach zu sein - s. 

PARET.

 

P. S. : 

Mit großer Freude kann ich seit dieser Woche eine weitere Bibelübersetzung zu Rate ziehen: Die Jiddische Übersetzung von SOLOMON BLUMGARTEN, 1872-1927, veröffentlicht unter seinem Künstlernamen JEHUASCH. Dank BRIAN MICHAEL wurde ich auf das Buch "Niemandssprache" von EFRAD GAL-ED aufmerksam. Darin schildert sie Werk und Biografie des jiddischen Dichters  "Itzik Manger - ein europäischer Dichter", Berlin 2016. Wie nebenbei führt sie in den Kosmos der jiddischen Kultur und Sprache ein, die in den 30iger Jahren besonders in Warschau eine ungeahnte Blüte erlebte. Sie verstanden sich als eine transnationale Weltkultur, die sie "alweltech" nannten. Solomon Blumgarten stammt aus dem heutigen Litauen und wanderte bereits 1890 nach New York aus. 1914 besuchte er Palästina, übersetzte Teile aus dem Koran [!] und viele andere Werke der Weltliteratur ins Jiddische. Damit und mit eigenen Werken wurde er einer der Wegbereiter für das Jiddische als Weltsprache. Eine Kultur ohne Staat. Heute vor allem beheimatet in New York, Montreal, Buenos Aires, London, Antwerpen und Jerusalem. Efrat Gal-Ed lehrt Jiddistik in Düsseldorf.

Um ein Gefühl für diese Jiddische Übersetzung zu geben hier der Vers Gen 31,14:

Transkribiert:

SBJ Hobn Rachel un Leah geentfert un gesogt zu im: Hobn mir den noch a chaläk oder a iruscha in undser foters hojs?

chaläk ist wie das Hebräische  ‎  חֵ֥לֶק : Teil, Anteil und

iruscha ist von dem hebräischen Verb  ירש  irasch - in Besitz nehmen, erben.

 

 

 

 

Gen 31,15 Q 93,1 

Köln-Merkenich, 
am Donnerstag, den 18. Februar 2021

 

Die Töchter klagen:

‎  הֲל֧וֹא נָכְרִיּ֛וֹת נֶחְשַׁ֥בְנוּ ל֖וֹ כִּ֣י מְכָרָ֑נוּ וַיֹּ֥אכַל גַּם־אָכ֖וֹל אֶת־כַּסְפֵּֽנוּ׃

 (Gen. 31:15 WTT)

 

 

mE

Werden wir nicht fremd geachtet von ihm, denn er verkauft uns und isst sogar ein Essen, das unser Silber ist?

 

Buber/Rosenzweig:

Sind wir ihm nicht als Fremde geachtet?!

Er hat uns ja verhandelt und hat unsern Kaufpreis verzehrt und verzehrt.

 

van Dyke:

‎  أَلَمْ نُحْسَبْ مِنْهُ أَجْنَبِيَّتَيْنِ، لأَنَّهُ بَاعَنَا وَقَدْ أَكَلَ أَيْضًا ثَمَنَنَا؟  (Gen. 31:15 AVD)

VOKALBELN

حسب , chasab, u - rechnen;

حسب , chasib, a  - denken, meinen, glauben.

NOMEN

اجنبى  pl.  اجانب - Ausländer;

ثمن  pl.   أثمان - Preis, Wert.

PARTIKEL

أ - Fragepartikel;

لم  - nicht.

 

BEOBACHTUNGEN:

Das hebräische Wort  כֶּסֶף , käsäph, kann Silber, kann Geld bedeuten.

Mit "Silber" übersetzen allein die französischen Übersetzungen, die Zürcher et moi:

LSG et qu'il a mangé notre argent ?

BFC et qu'il a ensuite dépensé l'argent qui devait nous revenir?

ZUR und sogar unser Silber verbraucht.

Die Doppelung von אכל ,achal, geben außer Buber/Rosenzweig "verzehrt und verzehrt" und ich auch Blumgaraten/Yehuasch wieder:

עון אויפעסן אויך אויפגעגעסן דאס געלד פאר אונדז

 un aojfesn aujch aojfgegesn das geld fer unds.

 

 

 

 

*

 

 

Q 93,1

وَٱلضُّحَىٰ 

VOKABELN:

NOMEN:

ضحى  duchan - Morgen, Vormittag.

PARTIKEL:

و - und; während.

 

mE: Beim Morgen

 

PARET: Beim Morgen

 

KHOURY Bei dem Morgen

 

Al AZHAR: Bei der Morgenhelle

 

NEUWIRTH/CORPUS CORANICUM: Beim hellen Morgen!

 

 

 

 

Gen 31,16 Q 93 

Köln-Merkenich, 
am Freitag, den 19. Februar 2021

 

Jaakob wird flugs von seinen Frauen enteignet, er ist ja in der Minderzahl:

‎  כִּ֣י כָל־הָעֹ֗שֶׁר אֲשֶׁ֙ר הִצִּ֤יל אֱלֹהִים֙ מֵֽאָבִ֔ינוּ לָ֥נוּ ה֖וּא וּלְבָנֵ֑ינוּ וְעַתָּ֗ה כֹּל֩ אֲשֶׁ֙ר אָמַ֧ר אֱלֹהִ֛ים אֵלֶ֖יךָ עֲשֵֽׂה׃

 (Gen. 31:16 WTT)

 

mE:

denn aller Reichtum, den Gott herausriss von unserem Vater, für uns ist er und für unsere Söhne und nun, alles was Gott dir gesagt hat, tu!

 

Buber/Rosenzweig:

Ja, aller Reichtum, den Gott von unserm Vater herausrettete,

uns gehört er und unsern Söhnen.

Nun, was Gott alles dir sagte, tus!

 

van Dyke:

‎.» إِنَّ كُلَّ الْغِنَى الَّذِي سَلَبَهُ اللهُ مِنْ أَبِينَا هُوَ لَنَا وَلأَوْلاَدِنَا، فَالآنَ كُلَّ مَا قَالَ لَكَ اللهُ افْعَلْ  (Gen. 31:16 AVD)

VOKABELN

VERBEN

غنى - reich sein;

سلب ,u - I. und VIII. Stamm rauben, plündern;

فعل  , a - tun, machen.

NOMEN

 غنى  - Reichtum.

 

BEOBACHTUNGEN:

1 Herrlichkeit

Die Septuaginta belässt es nicht beim Reichtum, den Gott rettete, sondern fügt hinzu:

LXX πάντα τὸν πλοῦτον καὶ τὴν δόξαν ἣν ἀφείλατο ὁ θεὸς τοῦ πατρὸς ἡμῶν  (Gen. 31:16 BGT)

LXXD Den ganzen Reichtum und die Herrlichkeit, die Gott unserem Vater weggenommen hat

 

2 Patriarchat

Im hebräischen Text ist von Söhnen die Rede , לְבָנֵ֑ינוּ, le (für) ban ( בֵּן ben= Sohn) i [pl.) nu (unsere).

Bereits die Übersetzer in Alexandria verändern in 

LXX τοῖς τέκνοις ἡμῶν  (Gen. 31:16 BGT)

LXXD unseren Kindern.

Das übernimmt Hieronymus

VUL ac filiis nostris (Gen. 31:16 VULM)

VULD und unseren Kindern

Fast alle eingesehenen Übersetzungen behalten das bei, selbst die BiG, BB, auch van Dyke und die Jiddische!

Ausnahmen sind: EIN, ZUR, B/R et moi.

Indem von Kindern statt von Söhnen die Rede ist, wird eines der m. E. schwierigsten Themen in diesem Zusammenhang verschleiert: Die Rolle der Mütter bei der Weitergabe des Patriarchats. Im Hebräischen tritt diese Thematik hier offen zu Tage. Interessanterweise zugleich mit einer ganz starken Vorstellung der beiden Ehefrauen Jaakobs: Sie haben das Heft in der Hand, bestimmen das Handeln und befehlen ihrem Ehemann. 

 

3 Silber - Nachtrag zu Gen 31,15:

כֶּסֶף, käsaf, kann zwar beides bedeuten, Silber oder Geld, ich bin aber davon überzeugt, dass hier tatsächlich Silber gemeint ist. Schließlich war der Silberschmuck nicht nur Zierde, sondern sondern so trugen Frauen und Männer ihren Reichtum und sozusagen ihre Lebensversicherung am Leib.

 

 

 

*

 

 

Q 93

Dieser Sure geht ein Introitus voraus, das möchte ich heute nachholen:

بِسۡمِ ٱللَّهِ  ٱلرَّحۡمَٰنِ ٱلرَّحِيمِ

VOKABELN

VERBEN

رحم , a - sich erbarmen

NOMEN

رحم pl.  أرحام - Mutterleib, Gebärmutter - wie im Hebräischen das gleiche Wort!

 رحمة - Erbarmen, Mitleid, Gnade

ADJEKTIVISCH

رحمان  oder  رحمن  - barmherzig

 رحيم - barmherzig (Beiname Gottes).

 

mE: Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers.

 

PARET: Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes.

 

KHOURY: Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen.

 

Al AZHAR: Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen.

 

NEUWIRTH / CORPUS CORANICUM: Im Namen Gottes, des barmherzigen Erbarmers

 

BEOBACHTUNGEN:

Dieser Vorspruch ist wie ein Vorzeichen. Es bestimmt das, was folgt. Das gilt es zu beachten, aus diesem Grunde, möchte ich dies jetzt auch nachtragen. Es ist vergleichbar mit dem Vorspruch Ex 20,1 "Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe." (L17) Er wird geflissentlich übergangen, wenn Konfirmandinnen und Konfirmanden die Zehn Gebote aufsagen, obwohl dieses Vor-Wort bestimmt worum es geht: Wodurch die Freiheit bewahrt werden kann.

Dieses Vorzeichen gleicht dem Introitus in jedem Gottesdienst. Die leitende Person tritt zurück, es gilt nicht mehr ihre Meinung, sondern was im Namen Gottes, des heiligen Geistes und Jesu zu sagen ist.

Dennoch beinhaltet es ein Eingeständnis: Das, was gesagt ist, steht nicht mehr für sich selbst. Anders die Verkündigung Jesu auf dem Berg, Mt 5 oder im Feld, Lk 6,20ff, die ohne Vorspruch da steht. Sie beansprucht Gültigkeit, weil stimmt, was gesagt ist.

Es ist darum nicht ausgeschlossen, dass keineswegs allen Suren dieser Vorspruch ursprünglich vorausging, eine Vermutung die sich bestätigt, s. u.. 

Dieser Vorspruch steht allen Suren außer der Sure 9 voran. Interessanterweise führt das Corpus Coranicum genau zu dieser Sure, Q 93, einiges zum Vorspruch aus. Einleitendes steht zu diesem Vorspruch, Basmala genannt, auch zur Sure 1 im Kommentar (fast textidentisch mit. Neuwirth, Angelika: Der Koran. Band 2/1. Frühmittelmekkanische Suren. Das neue Gottesvolk: 'Berlin 2017, S. 88-89):

 CC zu SURE 1 s. https://corpuscoranicum.de/kommentar/index/sure/1/vers/1

„bi-smi llāhi r-raḥmāni r-raḥīm]

Der Vers ist späterer Zusatz. Die         Invokationsformel, mit dem Akronym „basmala“ benannt, wird – wohl ab mittelmekkanischer Zeit – allen Suren vorangestellt. Mit ihren drei Evokationen Gottes entspricht sie der Trinitätsformel „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“, die im christlichen Gebrauch der Zeit liturgischen Kontexten vorbehalten ist. In einer südarabischen Inschriftenstele am Staudann von Marib, aufgestellt von Abraha, der sich als christlicher König verstand, findet sich "mit der Kraft und der HIlfe und der Barmherzigkeit des Raḥmānān und seines Gesalbten und des hieligen Geistes", siehe TUK, Nr.           1259, zu weiteren Inschriften zwischen dem 4. und 6. Jht. mit formelharten Erwähnungen des Raḥmānān siehe TUK, Nr.           1262. Nach Gignoux 1979 ist die basmala auch zu vergleichen mit der numismatisch und epigraphisch bezeugten mittelpersischen Invokaitonsfomel "im Namen der Götter", siehe TUK, Nr.           1257. Mit der basmala wird die Trinitätsformel im Sinnne einer universalmonotheistischen Formel, reformuliert (siehe TUK, Nr. 417). Innerhalb eines Surentexts begegnet die Formel einzig in der mittelmekkanischen Sure Q 27:30, wo sie einen – im Koran zitierten – Brief Salomos an die Königin von Saba einleitet, woraus evtl. auf die in dieser Periode üblich gewordene Einsetzung der Formel als Anfang eines Schriftdokuments zu schließen ist. Auf ihre mittelmekkanische Herkunft verweist vor allem der Gottesname ar-Raḥmān, der in der Gruppe der sog. Raḥmān-Suren (Q 17, Q 19, Q 20, 21, Q 25, Q 36, Q 43, Q 67, Q 68) an die Stelle des vorher üblichen ar-rabb/rabbuka getreten ist, siehe KTS, 472–474. In V. 1 verbindet er sich mit dem ab Spätmekka beherrschend werdenden Gottesnamen Allāh, der vorher sporadisch neben dem üblicheren ar-rabb/rabbuka gebraucht worden war. Der auch in jüdischen liturgischen und epigraphischen Texten geläufige Gottesname ar-Raḥmān (hebr. ha-raḥaman) ist mit hoher Wahrscheinlichkeit über Südarabien in die nordarabische Liturgiesprache gelangt, siehe dazu KU, 201–203, und jetzt Robin 2004. Der älteste Beleg für den Namen Raḥmān im Aramäischen findet sich in einer Statue aus Tell Fakheriye, datiert auf 9. Jh. v. Chr., siehe TUK, Nr. 607. Die etymologisch und semantisch eng verwandte Prädikation raḥīm „übersetzt“         den Namen noch einmal in das gebräuchliche Arabisch.

Seine Prädominenz in einer         mittelmekkanischen Surengruppe, den sog. „Raḥmān-Suren“, ist mit dieser Genealogie aber noch nicht erklärt. Der Eintritt des Gottesnamens ins Arabische ist am ehesten aus seiner Einbettung in eine Arabisch-Sprechern zugängliche benachbarte Liturgiesprache zu erklären, deren wichtigste Elemente aufgrund der Verwandtschaft der semitischen Sprachen ja überregional verständlich gewesen sein dürften. Bedenkt man, dass bei dem ersten Vorkommen des Gottesnamens ar-Raḥmān in der am Ende der frühmekkanischen Periode stehenden Sūrat ar-Raḥmān (Q 55), offenbar Liturgie-Erfahrung instrumental gewesen ist, siehe HK I, 595–597 und den Kommentar zu Q 55, so möchte man auch bei dem Vorkommen des Gottesnamens in der basmala an einen Anstoß aus liturgischer Richtung denken. Man denke etwa an die in der christlichen Liturgie ubiquitäre Formal kyrie eleison („Herr, erbarme dich“). Da die Wurzel RḤM in den mit der Familie Jesu befassten Raḥmān-Suren besonders häufig ist, könnten sich mit dem Gottesnamen Assoziationen an die christliche Heilsgeschichte verbinden, siehe den Kommentar zu Q 19. Das mit dem Gottesnamen ar-Raḥmān und der basmala insgesamt herausgehobene Attribut Gottes als „barmherzig“ trägt der in Mittelmekka auch sonst in den Vordergrund gestellten emotionalen Dimension göttlichen sowie vorbildlichen menschlichen Handelns Rechnung, siehe dazu die Einleitung zu mittelmekkanischen Suren. Zur näheren Beschreibung der basmala siehe die ausführliche Anmerkung zu Q 93:0. Zur Problematik der Mitrechnung der basmala unter die Verse der Sure siehe oben Versabteilungsdifferenzen.

CC zU SURE 93, s. https://corpuscoranicum.de/kommentar/index/sure/93/vers/0/#anmerkung

bi-smillāhi r-raḥmāni r-raḥīm] Die als „Basmala“ bezeichnete Formel bi-smi llāhi r-raḥmāni r-raḥīm steht mit Ausnahme von Sure         9 jeder Koransure voran. Da ar-Raḥmān erst ab mittelmekkanischer Zeit zu einer häufig verwendeten Gottesbezeichnung avanciert, steht zu vermuten, dass die Basmala-Einleitungen der frühmekkanischen Suren nachträglich hinzugesetzt sind. Einen terminus ante quem hierfür stellt der mittelmekkanische Vers         27:30 dar, in dem ein durch die Basmala eingeleitetes Schreiben Salomos zitiert wird – zum Zeitpunkt der Verkündigung von 27:30 hatte die Basmala also bereits den Status einer selbstverständlichen Einleitungsformel erworben (vgl. GdQ, Bd. 1,           117 ).

Insofern die Basmala die       Identität von Allāh und ar-Raḥmān festschreibt, liegt es nahe zu     vermuten, eine solche Gleichsetzung könne nicht trivial gewesen     sein. Tatsächlich scheinen die beiden Gottesnamen aus       unterschiedlichen religiösen Kontexten zu stammen. Allāh wird auch       von den Gegnern der koranischen Verkündigung als Schöpfer, als       Nothelfer sowie als Gottheit des mekkanischen Heiligtums       anerkannt, wobei ihm allerdings verschiedene Lokalgottheiten als       Mittler und Fürsprecher untergeordnet werden (s. die Anmerkung zu 95:8 sowie Crone 2010 ). Der auf rabbinischen Sprachgebrauch zurückgehende Gottesname ar-Raḥmān (s. ausführlich die Anmerkung zu 55:1) hingegen dürfte über den jüdisch geprägten ḥimyaritischen Monotheismus in das koranische Milieu gelangt sein (ein ähnlicher Weg – nämlich die Vermittlung einer rabbinischen Begrifflichkeit über Südarabien –ist auch für den polemischen Begriff der „Beigesellung“,š-r-k, wahrscheinlich, vgl. die Anmerkung zu 68:41). Da er im Koran verschiedentlich auch in drohenden Zusammenhängen auftritt, hält Arne Ambros es für fraglich, dass der Ausdruck zum Zeitpunkt der Koranverkündigung in erster Linie mit Barmherzigkeit assoziiert worden ist ( Ambros,           Dictionary, 305 ). Doch auch wenn die Assoziation der Wurzel r-ḥ-m mit Barmherzigkeit den koranischen Hörern auf latente Weise bewusst war, so dürfte der Ausdruck ar-Raḥmān doch primär den Charakter eines Eigennamens (‚der Raḥmān’) gehabt haben. Möglicherweise war er aufgrund seiner Herkunft enger als Allāh mit der biblischen Tradition verbunden, wiewohl Allāh auch von den koranischen Gegnern mit dem biblischen Gott identifiziert worden zu sein scheint (s. o.) und die traditionelle Annahme, der Ausdruck ar-Raḥmān sei ihnen unvertraut gewesen, durch Crone in Frage gestellt worden ist (s. Crone 2010,           166 ff. sowie die Anmerkung zu 55:1). Die erstmals gegen Ende der frühmekkanischen Periode – nämlich in 55:1 – dokumentierte Verwendung des Gottesnamens ar-Raḥmān könnte insofern der terminologischen Abgrenzung von den mušrikūn gedient haben, deren Anerkennung von engelartigen Mittlergottheiten in etwa zur selben Zeit zum Gegenstand heftiger koranischer Kritik wird (vgl. Q         53:19–22.24.25 und ähnlich 52:39 sowie die kategorischeren Feststellungen in 73:9 und 51:51). Geht man davon aus, dass ar-Raḥmān zunächst eher Namenscharakter hatte (‚der Raḥmān’), so wird auch verständlich, warum er in der Basmala durch das auf den ersten Blick redundant erscheinende Adjektiv raḥīm (das neben der Basmala noch in 2:163, 27:30, 41:2 und 59:22 auf raḥmān folgt; s. GdQ, Bd. 1,           112–114, Anm. 1, Abschn. IV ) erklärt wird; vgl. Ambros,           Dictionary, 305 , wonach raḥīm „may be thought to explicate the meaning of ar-raḥmān“ (Nöldeke und Schwally vermuten in GdQ, Bd. 1,           112–114, Anm. 1, Abschn. III hingegen, raḥīm sei „behufs Steigerung des Begriffes zu dem Substantiv raḥmān gesetzt worden“, während Greenfield           2000, 390 die Verbindung ar-raḥmāni r-raḥīm mit dem biblischen raḥûm wǝ-ḥannûn aus Exodus 34:6 zusammenstellt, das eine wichtige Rolle in der jüdischen Liturgie spielt). In der Basmala werden die beiden unterschiedlichen Kontexten entstammenden Gottesbezeichnungen Allāh und ar-Raḥmān dann „amalgamiert“ ( Böwering,           „God and his attributes“, EQ , mit Verweis auf van Ess,           1975 ): Der Ausdruck Raḥmān wird von       einem eigenständigen Gottesnamen zu einem Epitheton Allāhs.

Die Struktur der Basmala       mit der Einleitung „im Namen ...“ und drei darauf folgenden Nomina  legt darüberhinaus jedoch noch eine weitere Aussageabsicht nahe.       Die Formel erinnert nämlich frappierend an das christliche „Im       Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (ich       verdanke diese Beobachtung David Kiltz; als neutestamentliche       Quelle der christlichen Formel vgl. Matthäus 28:19: πορευθέντες οὖν μαθητεύσατε πάντα τὰ ἔθνη, βαπτίζοντες αὐτοὺς εἰς τὸ ὄνομα τοῦ πατρὸς καὶ τοῦ υἱοῦ καὶ τοῦ ἁγίου πνεύματος ..., „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes ...“). Zugleich fällt jedoch ein wichtiger Unterschied in der theologischen Aussage ins Auge: Während die christliche Formel die drei Personen der Dreifaltigkeit nennt – Vater, Sohn, Heiliger Geist –, stehen in der Basmala zwei Gottesnamen und ein Attribut, die nach koranischem Verständnis allesamt auf ein und dieselbe göttliche Person Bezug nehmen. Offenbar fungiert also gerade die formale Analogie zur christlicher Taufformel als Hintergrund für eine um so nachdrücklichere inhaltliche Absetzung. – Daneben existiert auch eine mittelpersische Parallele zur Basmala, nämlich die zu Beginn der „Chronik des Ardaschir“ zu findende Formel Pat nām i dātār Ohurmazd i rāyōmand i         xwarrahōmand, „Im Namen des Schöpfers Ohurmazd, des       Glänzenden, des Lichtvollen“ (Hinweis von A. I. Mohr; vgl. TUK,       Nr. 418). Sofern dieser Text wirklich aus vorkoranischer Zeit     stammt (was keineswegs sicher ist), wäre er ein Indiz dafür, dass       die Basmala einem im Nahen Osten des 6. und 7. Jh. verbreiteten       Typus von Segensformeln entspricht.

Zur Übersetzung des Gottesnamens raḥmān: Die weitgehende semantische Äquivalenz von raḥmān und raḥīm ist im Deutschen nicht ganz einfach wiederzugeben. Obwohl in der gewählten Übersetzung von ar-raḥmān ar-raḥīm mit „der barmherzige Erbarmer“ dem Gottesnamen ar-raḥmān eigentlich das Substantiv „der Erbarmer“ entspricht, wird der Ausdruck ar-raḥmān dennoch in allen anderen Fällen, in denen er ohne das Attribut raḥīm erscheint,       mit „der Barmherzige“ wiedergegeben. Das hat vor allem       stilistische Gründe: „Im Namen Gottes, des erbarmenden       Barmherzigen“ o. Ä. klingt sprachlich wenig glücklich.“

Ein nicht zu unterschätzender Kultursprung ist es m. E. wenn die Gottesvorstellung nicht mehr durch Herrschaft, Macht und Gewalt bestimmt wird - wie in der Antike üblich -, sondern durch Mitleid und Erbarmen. So klingt es fast überschwänglich in Ex 34,6 in der Selbstvorstellung Gottes " Und der HERR ging vor seinem Angesicht [Moses] vorüber, und er rief aus: HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue" (L17) und in den Psalmen, vor allem Ps 103,8: „Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte." (L17) Es ist, als ob mit der Basmala als Überschrift jedes Mal dieses Gottesverständnis - gegen jeden Widerstand - eingeprägt werden soll. Wie stark der Widerstand ist, ist daran absehbar, wie sehr die Gottesvorstellungen nach wie vor vom antiken Geist geprägt sind.

 

 

 

 

Gen 31,17 Q 93,2 

Köln-Merkenich, 
am Montag, den 22. Februar 2021

 

Jaakob schafft Fakten:

‎ וַיָּ֖קָם יַעֲקֹ֑ב וַיִּשָּׂ֛א אֶת־בָּנָ֥יו וְאֶת־נָשָׁ֖יו עַל־הַגְּמַלִּֽים׃

 (Gen. 31:17 WTT)

 

mE: 

Und Jaakob stand auf und hob seine Söhne und seine Frauen auf die Kamele

 

Buber/Rosenzweig:

Jaakob machte sich auf,

er hob seine Kinder und seine Weiber auf die Kamele

 

van Dyke:

‎  فَقَامَ يَعْقُوبُ وَحَمَلَ أَوْلاَدَهُ وَنِسَاءَهُ عَلَى الْجِمَالِ (Gen. 31:17 AVD)

VOKABELN

VERBEN

قوم  oder  قام , u - aufstehen;

حمل , i - tragen.

NOMEN:

 نساء  oder نسوة - NUR IM PLURAL: Frauen.

 

BEOBACHTUNGEN:

Die Septuaginta dreht die Reihenfolge um, erst werden die Frauen, dann die Kinder auf die Kamele gehoben:

LXX  ἀναστὰς δὲ Ιακωβ ἔλαβεν τὰς γυναῖκας αὐτοῦ καὶ τὰ παιδία αὐτοῦ ἐπὶ τὰς καμήλους (Gen. 31:17 BGT)

LXXD Jakob aber machte sich auf und nahm seine Frauen und seine Kinder auf die Kamele

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, 
am Dienstag, den 23. Februar 2021

 

Q 93,2

وَٱلَّيۡلِ إِذَا سَجَىٰ 

VOKABELN:

PARTIKEL

أذا - als, wenn, ob.

VERB

سجو  oder سجى  - laut LANE 1312f: "still werden".

 سجى mit verdoppeltem  ج : bedecken.

 

mE 

und der Nacht, wenn es still wird

 

PARET

und bei der Nacht, wenn alles (wenn sie) still ist!

 

KHOURY

und bei der Nacht, wenn sie still ist!

AL AZHAR

und der Nacht, wenn sie (alles) umhüllt!

 

NEUWIRTH

Bei der Nacht, wenn sie still ist!

 

CORPUS CORANICUM

und bei der Nacht, wenn sie still ist!

 

Im Kommentar weist Angelika Neuwirth zum einen darauf hin, dass der frühe Morgen die Zeit war, "in der vorislamisch Dankgebete dargebracht wurden", Neuwirth Koran I S. 229; zum anderen auf die in Psalmen belegte besondere liturgische Zeit der Nacht: Ps 119,55:  "HERR, ich gedenke des Nachts an deinen Namen und halte dein Gesetz." (L17) und Ps 119,62: "Zur Mitternacht stehe ich auf, dir zu danken für die Ordnungen deiner Gerechtigkeit. (L17)

Himmel und Stille stehen zusammen in Ps 76,9: "Wenn du das Urteil lässest hören vom Himmel, so erschrickt das Erdreich und wird still" (L17)

 

 

 

 

Gen 31,18 und Q 93,3 

Köln-Merkenich, 
am Mittwoch, den 24. Februar 2021

 

‎וַיִּנְהַ֣ג אֶת־כָּל־מִקְנֵ֗הוּ וְאֶת־כָּל־רְכֻשׁוֹ֙ אֲשֶׁ֣ר רָכָ֔שׁ מִקְנֵה֙ קִנְיָנ֔וֹ אֲשֶׁ֥ר רָכַ֖שׁ בְּפַדַּ֣ן אֲרָ֑ם לָב֛וֹא אֶל־יִצְחָ֥ק אָבִ֖יו אַ֥רְצָה כְּנָֽעַן׃

 (Gen. 31:18 WTT)

 

mE

Und er trieb sein ganzes Vieh und all sei Erwerb, den er erworben hatte, sein Vieh, sein Eigentum, das er erworben hatte in Padan-Aram, um zu Jizchak zu gelangen, seinem Vater, ins Land Kanaan.

 

Buber/Rosenzweig

und führte hinweg all sein Vieh, all seinen Zuchtgewinn, den er gewonnen hatte,

den Vieherwerb eignen Erwerbs, den er gewonnen hatte in der Aramäerflur,

um zu Jizchak seinem Vater ins Land Kanaan zu kommen.

 

van Dyke

‎وَسَاقَ كُلَّ مَوَاشِيهِ وَجَمِيعَ مُقْتَنَاهُ الَّذِي كَانَ قَدِ اقْتَنَى: مَوَاشِيَ اقْتِنَائِهِ الَّتِي اقْتَنَى فِي فَدَّانَِ أَرَامَ، لِيَجِيءَ إِلَى إِسْحَاقَ أَبِيهِ إِلَى أَرْضِ كَنْعَانَ  (Gen. 31:18 AVD)

VOKABELN

VERBEN

سوق  oder  ساق , u - treiben, (Auto) fahren;

 اقتنى - erwerben;

جىء  oder  جاء - kommen.

NOMEN

ماشية  pl.   مواش - Vieh;

مقتى   - Erworbenes;

مقتن - Erwerber, Käufer;

اقتناء  - Erwerbung.

PARTIKEL

جميع   - alle, ganz, gesamt.

 

BEOBACHTUNGEN:

In Alexandria wollte man der Leserschaft den Ortsnamen Paddan-Aram wohl nicht zumuten - wo ist das? -, sondern übersetzte mit "Mesopotamien". Dem schließen sich Hieronymus, VUL, und auch Luther an; so auch: GN GNB ZINK. Die BiG kennt sich genauer aus, sie spricht vom "aramäischen Mesopotamien", ähnlich die BFC: " Haute-Mésopotamie". Die L17 korrigiert und nennt wieder den Ortsnamen.

 

 

 

*

 

 

Q 93,3

Köln-Merkenich,
am Donnerstag, den 25. Februar 2021

 

مَا وَدَّعَكَ رَبُّكَ وَمَا قَلَىٰ

VOKABELN

VERBEN

ودع  oder يدع - niederlegen, lassen;

 رب - (Kind) aufziehen;

قل , u - wenig sein, unbedeutend sein.

NOMEN

 رب  pl.  أرباب - Herr, Gebieter;

 الرب - Herr Gott.

PARTIKEL

ما  - was? Und mit Perfekt auch: nicht.

 

mE: Dein Herr hat dich nicht liegenlassen und nicht unbedeutend sein lassen.

 

PARET: Dein Herr hat dir nicht den Abschied gegeben und verabscheut (dich) nicht.

 

KHOURY: Dein Herr hat dir nicht den Abschied gegeben und hasst (dich) nicht.

AL AZHAR: Dein Herr hat sich nicht von dir verabschiedet noch hasst Er (dich).

 

NEUWIRTH: Nicht hat dein Herr dich aufgegeben noch verschmäht.

 

CORPUS CORANICUM: Der Herr hat dich nicht verlassen und nicht verworfen.

 

ANMERKUNGEN:

CC/NEUWIRTH verweisen auf Ps 22,25: 

„mā waddaʿaka rabbuka wa-mā qalā] Vgl. dazu Psalm 22:25: כִּ֤י לֹֽא־בָזָ֙ה וְלֹ֪א שִׁקַּ֡ץ עֱנ֬וּת עָנִ֗י וְלֹא־הִסְתִּ֣יר פָּנָ֣יו מִמֶּ֑נּוּ, „Denn er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen“ ( Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 79 ).“ 

Zum Gottesnamen "rabb" heißt es im Kommentar zu Sure 95,8:

„Der Ausdruck rabb selbst entstammt dem Aramäischen und ist sowohl inschriftlich bezeugt als auch in der syrischen Literatur gebräuchlich, wo er wie im Koran für Gott verwendet wird ( Jeffery, Foreign Vocabulary, 136 ); das Wort ist bereits in vorislamischer Zeit ins Arabische eingegangen (s. Böwering, „God and his attributes“, EQ ).“ 

s. Art. Hausgott / Terafim unter https://www.bibelwissenschaft.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/hausgott-terafim

 

 

 

Gen 31,19 Q 93,4 

Köln-Merkenich,
am Freitag, den 26. Februar 2021

 

Papa schert und Tochter raubt und entmachtet ihn:

‎וְלָבָ֣ן הָלַ֔ךְ לִגְזֹ֖ז אֶת־צֹאנ֑וֹ וַתִּגְנֹ֣ב רָחֵ֔ל אֶת־הַתְּרָפִ֖ים אֲשֶׁ֥ר לְאָבִֽיהָ׃ 

 (Gen. 31:19 WTT)

 

mE:

Und Laben ging um sein Kleinvieh zu scheren während Rachel die Ahnengötter ihres Vaters raubte.

 

Buber/Rosenzweig:

Laban war gegangen, seine Tiere zu scheren,

indes stahl Rachel die Wunschlarven, die ihres Vaters waren.

 

van Dyke:

‎وَأَمَّا لاَبَانُ فَكَانَ قَدْ مَضَى لِيَجُزَّ غَنَمَهُ، فَسَرَقَتْ رَاحِيلُ أَصْنَامَ أَبِيهَا (Gen. 31:19 AVD)

 

VOKABELN

VERBEN

مضى  - weggehen;

 جز , u - scheren, schneiden;

 سرق , i - stehlen, rauben.

NOMEN

صنم  pl. اصنام  - Götzenbild.

PARTIKEL

اما - was betrifft,

 قد - + Perfekt: schon, bereits;

     + Imperfekt: vielleicht, manchmal.

 

BEOBACHTUNGEN:

תְּרָפִים , terafim - dieser Ausdruck ist erklärungsbedürftig. Er wird unterschiedlich übersetzt - einige im Singular, LUTL17 ELB D83 GNB, vergleichbar mit der Übersetzung des hebräischen Plurals in älohim mit Gottheit? - alle anderen im Plural. Dabei gibt es drei Gruppen: Einmal die Zuordnung zu Göttern und Bildern, zu Götzen und zum Fremdwort:


Völlig aus der Reihe fallen Buber/Rosenzweigs Übersetzung, "Wunschlarven", für die ich keine Erklärung gefunden habe. Ein Blick in Rosenzweigs Religionsphilosophie würde hier vielleicht weiterhelfen.

Das Theologische Wörterbuch zum Alten Testament hat einen eigenen langen Artikel zu Terafim, Band 8, Spalten 765-778.

Die Autoren K. van der Toom und T. J. Lewis zählen sechs Versuche auf, das Wort etymologisch zu erklären. Eine sieht die Verwandtschaft zum Verb rp', heilen. Doch ist kein Text belegt, in dem "heilen" mit Terafim zusammensteht (772). Sehr wahrscheinlich ist ein Zusammenhang mit einem hethitischen Wort"tarpis", "Geist", so auch Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet, Art. Hausgott/Terafim. In Tontafeln von Nuzi fand man Texte, die im Zusammenhang von Hausgöttern mit Enterben stehen, da soll der enterbte Sohn keinen Zugang zu den Hausgöttern haben (767), weswegen vermutet wurde, dass Rahel, als Motiv für ihren Raub, um ihr Erbe besorgt ist (Lapide, in: file:///C:/Users/Matthes/Downloads/ruth-lapide-rachel-gespraech100%20(1).pdf)

Tatsächlich war "[m]it der Position des Haupterben ... die Sorge um die Götter verbunden", wobei die traditionelle Formel lautete "'die Götter und die Toten'" (768). "Die Götter, der Sorge des Haupterben anvertraut, sind dann die materiellen Symbole (Statuetten?) der Familienahnen, und der neue pater familias, der Haupterbe, hat für die Kontinuität ihrer Verehrung zu sorgen." (768) Als Beleg wird auf 1 Sam 28,13 und Jes 8,19 verwiesen, wo "'Totengeister'" als älohim, Gott, verstanden werden.

In der hebräschen Bibel taucht der Begriff 15mal auf - hier zum ersten Mal!, immer im Plural, auch wenn In 1 Sam 19,13 offenbar die Einzahl gemeint ist. Nach Gen 31 und 1 Sam 19 gehörten sie zum Haushalt und wurden "normalerweise im ... Schlafzimmer... aufbewahrt" (771), zumal das Schlafzimmer auch sonst "als ein Sanctum im Haus gilt. Nach Jes 26,20 gehen die Israeliten in ihre hadarim [Luther: Kammer]zum Beten (vgl. Ps 84,11a...)." (771) Nach Ex 21,6 und Jes 57,8 sind "[d]iese Götter ... tatsächlich die Familien-Ahnen", vgl. 1 Sam 28,13; Jes 8,19 (771) . Die Autoren legen sich fest und erklären, "dass sich der Terminus auf Ahnen-Figurinen bezieht" (772). Da es eine enge Verbindung mit Terafim und epod, Lade, gibt, halten die Autoren eine "Funktion in der Orakelerteilung " für möglich (775). "Alle Belege lassen diese Deutung zu mit Ausnahme von 1 Sam 19. Sogar Rahels Diebstahl der terapim(Gen 31) könnte etwas mit Divination zu tun haben." Und damit sind wir bei unserer Stelle. Alte Ausleger, unter anderem wird Ibn Ezra erwähnt, haben es bereits so verstanden. Sie sahen "das Motiv Rahels darin ..., Laban davon abzuhalten, mit Hilfe der terapim ein Orakel über Jakobs Flucht zu erwirken." (775) Ein Orakel vor allem als Fluch konnte durchaus eine verderbende Macht sein, in einem Theaterstück von Rabindranath Tagore begegnete mir diese Vorstellung. Die Psychoanalytik würde wohl von der Psychodynamik sprechen, die unabhängig von Entfernung wirkt.

 

 

 

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Köln-Merkenich,
am Montag, den 1./Dienstag, den 2. März 2021

Q 93,4

وَلَلۡٴَاخِرَةُ خَيۡرٌۭ لَّكَ مِنَ ٱلۡأُولَىٰ

 

VOKABELN:

آخر  achir, pl.  أواخر - letzte(r);

ألآخرة   oder  ألأخرة  ; أخرى  oder آخرة  - das Jenseits;

ADVERBIALE

خير لك  es ist besser für dich;

أولى , auli - primär, ursprünglich;

 أولى , aula - angemessener.  

 

 

mE

und das Letzte ist für dich besser als das Erste.

 

PARET

Und das Jenseits ist besser für dich als das Diesseits.

 

KHOURY

Wahrlich, das Jenseits ist besser für dich als das Diesseits.

AL AZHAR

Und das Jenseits ist wahrlich besser für dich als das Diesseits.

 

NEUWIRTH 

Das Letzte wird dir besser als das Erste sein.

 

CORPUS CORANICUM

das Jenseits ist besser für dich als das Diesseits;

 

ANMERKUNGEN

Angelika Neuwirth - ihre Übersetzung leitete mich unverkennbar an - schreibt in ihrem Kommentar "al-akhira übersetzt vielleicht die griechische Bezeichnung für das Jenseits, to eschaton ("das Letzte")." Neuwirth, Koran I S. 80. Ein weiteres Mosaiksteinchen für die Nähe zwischen christlicher Überlieferung und Koran.

Corpus Coranicum zeigt zu dieser Stelle die Nähe von jüdischer Überlieferung und Koran, die Nähe zum Talmud:

„In der jüdisch-christlichen Tradition liegt ein analoges Begriffspaar insbesondere mit dem rabbinischen Kontrast von ha-ʿolam ha-ze („diese Welt“) und ha-ʿolam ha-ba  („die kommende Welt“) vor; vgl. exemplarisch die in der Mischna, Sanhedrin, Kap. 10, erörterte Frage, wer „keinen Anteil an der kommenden Welt hat“, und die sich im babylonischen Talmud daran anknüpfenden Debatten (insb. fol. 90b unten, wo beide Begriffe kontrastierend verwendet werden).  Wobei " das koranische Insistieren auf der Höherwertigkeit des Jenseits ( 93:4 , 87:17  etc.) wiederum Stellung gegen die Dichtung bezieht."

 

In der vorkoranischen Dichtung wird die Existenz des Jenseits ausdrücklich bestritten, CC verweist auf: Izutsu 1964, 86-88: Izutsu, Toshihiko: God and Man in the Koran. Semantics of the Koranic Weltanschauung. Tokyo 1964.

 

 

 

 

Gen 31,20 

Köln-Merkenich,
am Donnerstag, den 4. März 2021

 

Und Jakob raubt Labans Herz:

‎וַיִּגְנֹ֣ב יַעֲקֹ֔ב אֶת־לֵ֥ב לָבָ֖ן הָאֲרַמִּ֑י עַל־בְּלִי֙ הִגִּ֣יד ל֔וֹ כִּ֥י בֹרֵ֖חַ הֽוּא

 (Gen. 31:20 WTT)

 

 

mE

Und Jaakob stahl Labans Herz, des Aramäers, indem er ihm nicht meldete, dass er fliehend war.

 

Buber/Rosenzweig:

Jaakob aber bestahl Laban dem Aramäer das Herz,

indem er ihm ungemeldet ließ, daß er entweichen wollte.

 

van Dyke:

 .  ‎وَخَدَعَ يَعْقُوبُ قَلْبَ لاَبَانَ الأَرَامِيِّ إِذْ لَمْ يُخْبِرْهُ بِأَنَّهُ هَارِبٌ  (Gen. 31:20 AVD)

VOKABELN:

خدع - betrügen;

خبر , u - erproben, erleben, erfahren; II. Stamm: benachrichtigen;

هرب , u - fliehen, hier Partizip.

NOMEN

خبر  pl.  أخبار - Nachricht;

 هرب - Flucht.

 

BEOBACHTUNGEN:

"Einem das Herz rauben" - indem man einem etwas verhehlt: ein wunderbarer Ausdruck!

Dabei wird im Hebräischen das gleiche Verb genommen wie für das was Rahel tat.

Das vermitteln nur wenige:

B/R bestahl

KVV stole away

ZUNZ Und Jakob stahl

BiG Jakab aber stahl

und die Jiddische Übersetzung von Jehuasch

SBJ    געגנבעט  geganavet, ganav = גנב, ganav, s. o. im Hebräischen! - rauben, stehlen.

Andere übersetzen mit

LXX ἔκρυψεν 

LXXD verbergen

VUL schlicht und ohne Wertung!: noluitque - nicht wollen!

NAS deceived

ESV tricked

LSG BFC trompa

LUT L17 täuschte

EIN ZUR BB überlistete

NL  bedroog und van Dyke  خَدَعَ - betrügen;

D83 D92 narrede

M B/M hintergehen

GN GNB hielt ... geheim

Beim Übertragen haben dabei nur Folgende das "Herz" nicht verloren:

Die jüdischen Übersetzungen

ZUNZ Und Jakob stahl das Herz Labans

B/R Jaakob aber bestahl Laban dem Aramäer das Herz,

Jehuasch SBJ   געגנבט דאס הארץ ףונ לבנ - gegenavet das herz fun laban

interessanterweise sind hier Mendelssohn und seine Bearbeiterin nicht dabei!, sowie

van Dyke  وَخَدَعَ يَعْقُوبُ قَلْبَ لاَبَانَ  et moi.   

 

 

 

 

 

Gen 31,21 und Q 93,5 

Köln-Merkenich,
am Montag, den 8. März 2021

 

Jaakob flieht:

‎וַיִּבְרַ֥ח הוּא֙ וְכָל־אֲשֶׁר־ל֔וֹ וַיָּ֖קָם   וַיַּעֲבֹ֣ר אֶת־הַנָּהָ֑ר וַיָּ֥שֶׂם אֶת־פָּנָ֖יו הַ֥ר   הַגִּלְעָֽד׃

  (Gen. 31:21 WTT)

 

mE:

Und er floh, er und alles, was ihm war und er stand auf und durchquerte den Fluss und wandte sein Gesicht zum Gebirge Gilad.

 

Buber/Rosenzweig:

Und er entwich selber samt allem, was sein war.

Er machte sich auf, überschritt den Strom und richtete sein Antlitz nach dem Gebirge Gilad.

 

van Dyke:

.  ‎ فَهَرَبَ هُوَ وَكُلُّ مَا كَانَ لَهُ، وَقَامَ      وَعَبَرَ النَّهْرَ وَجَعَلَ وَجْهَهُ نَحْوَ جَبَلِ جِلْعَادَ (Gen. 31:21 AVD)

VOKABELN:

VERBEN

هرب  , u - flliehen;

 عبر , u - durchqueren;

 جعل , a - wie im Englischen put;

 وجه , jaudschuh - angesehen sein;

 نحو oder نحا , u - sich wenden.

NOMEN

نهر  pl. انهار - Fluss;

وجه  pl. وجوه oder أوجه - Gesicht;

نحو  pl.  أنحاه - Richtung, Seite.

PARTIKEL

نحو - als Präposition: in Richtung, gegen, zu ... hin;

نحو - adverbial: etwa, ungefähr.

 

BEOBACHTUNGEN:

1 Antlitz

Die im Hebräischen verwendete sprachliche Figur "sein Angesicht setzen", hier: " וַיָּ֥שֶׂם אֶת־פָּנָ֖יו ", wejasäm ät-panaiu" wird von einigen Übersetzungen wieder gegeben:

KJV NAS ESV: and set his face toward

ELB richtete sein Gesicht auf

SCH mE wandte sein Gesicht ... zu

ZUNZ richtete seinen Blick nach (BiG auf)

B/R richtete sein Antlitz nach

 van Dyke جَعَلَ وَجْهَهُ نَحْوَ    

Ansonsten finden sich nur Umschreibungen, als        Beispiel s.

LUT L17 richtete seinen Weg nach

 

2 was sein war (LUT L17)

Hiernonymus ist es offenbar ein Anliegen Jaakob so unbescholten wie nur möglich dastehen zu haben und übersetzt, was im Hebräischen kurz und knapp heißt " וְכָל־אֲשֶׁר־ל֔וֹ ", wekol-aschär-lo":

VUL quam omnia quae iuris eius erant  (Gen. 31:21 VUL)

VULD so wie alles, was dem Recht nach ihm gehörte

 

 

 

 

*

 

 

(Köln-Merkenich,
am Freitag, den 5. März 2021)

 

Q 93,5:

وَلَسَوۡفَ      يُعۡطِيكَ رَبُّكَ فَتَرۡضَىٰۤ 

VOKALBELN

PARTIKEL

ل - Schwurpartikel,

سوف - Futurpartikel.

VERBEN

سوف  - im II. Stamm: vertrösten, aufschieben;

عطو  oder عطا , u - empfangen, nehmen; im III.und IV.  Stamm: geben;

 رب , u  - erziehen;

رضو  oder  رضى - zufriedenstellen (LANE 1099).

NOMEN

رب  - Herr;

 الرب - Gott.

 

mE:

Schwur: Dein Herr wird dir geben und zufriedenstellen.

 

PARET:

Der Herr wird dir (dereinst so reichlich) geben, dass du zufrieden sein wirst.

 

KHOURY:

Und wahrlich, dein Herr wird dir geben, und du wirst zufrieden sein.

AL AZHAR:

Und dein Herr wird dir wahrlich geben, und dann wirst du zufrieden sein.

 

NEUWIRTH:

Dein Herr wird dir geben, und du wirst zufrieden sein.

 

CORPUS CORANICUM

dein Herr wird dir geben, dass du zufrieden sein wirst.

 

BEMERKUNGEN:

Angelika Neuwirth (und CC) verweist in ihrem Kommentar (Koran I 80) auf Psalm 20,5:

"Er gebe dir, was dein Herz begehrt, und erfülle alles, was du dir vornimmst!" (L17)

‎יִֽתֶּן־לְךָ֥ כִלְבָבֶ֑ךָ וְֽכָל־עֲצָתְךָ֥ יְמַלֵּֽא׃  (Ps. 20:5 WTT)

 

van Dyke:

‎لِيُعْطِكَ حَسَبَ قَلْبِكَ، وَيُتَمِّمْ كُلَّ رَأْيِكَ  (Ps. 20:4 AVD)!

 

 

 

Gen 31,22 und Q 93,6 

 


Der Namensgeber Israels ist ein Flüchtling:

‎וַיֻּגַּ֥ד לְלָבָ֖ן בַּיּ֣וֹם הַשְּׁלִישִׁ֑י כִּ֥י בָרַ֖ח יַעֲקֹֽב׃ 

 (Gen. 31:22 WTT)

 

mE:

Und Laban wurde am dritten Tag berichtet, dass Jaakob entflohen ist.

 

Buber/Rosenzweig:

Am dritten Tag wurde Laban gemeldet, daß Jaakob entwichen war.

 

van Dyke:

.  ‎فَأُخْبِرَ لاَبَانُ فِي الْيَوْمِ الثَّالِثِ بِأَنَّ يَعْقُوبَ قَدْ هَرَبَ  (Gen. 31:22 AVD)

VOKABELN

VERBEN

خبر , u - erproben, erleben, erfahren; HIER: IV. Stamm: benachrichtigen, melden;

هرب , u - fliehen.

PARTIKEL

بان - damit, dass.

 

 

 

*

 

 

Q 93,6

أَلَمۡ يَجِدۡكَ يَتِيمًۭا فَـَٔاوَىٰ 

VOKABELN:

VERBEN

وجد , i - finden;

يتيم - verwaisen;

أوى - Zuflucht suchen.

NOMEN

يتيم  pl.  أيتام - Waise.

PARTIKEL

أ - Fragepartikel.

 

mE:

Hat er dich nicht gefunden als Waise und Zuflucht

 

PARET:

 (Doch auch schon im diesseitigen Leben hat er dir Gnade erwiesen.) Hat er dich nicht als Waise gefunden und (dir) Aufnahme gewährt, 

 

KHOURY:

Hat Er dich nicht als Waise gefunden und dir Unterkunft besorgt,

AL AZHAR:

Hat Er dich nicht als Waise gefunden und (dir) dann Zuflucht verschafft

 

NEUWIRTH/CORPUS CORANICUM:

Fand er dich nicht als Waise und nahm dich auf?

 

ANMERKUNGEN:

Angelika Neuwirth weist zu dieser Stelle und den zwei folgenden Versen auf Ps 9, 14-15a hin (Koran I 80f):

HERR, sei mir gnädig; sieh an mein Elend unter meinen Feinden, der du mich erhebst aus den Toren des Todes,

15 dass ich erzähle all deinen Ruhm,  (L17)

 

Köln-Merkenich, am Dienstag, den 9.März 2021

 

 

 

 

Gen 31,23 und Q 93,7 

Köln-Merkenich,
am Mittwoch, den 10. März 2021

 

Jaakob wird verfolgt:

‎וַיִּקַּ֤ח אֶת־אֶחָיו֙ עִמּ֔וֹ וַיִּרְדֹּ֣ף אַחֲרָ֔יו דֶּ֖רֶךְ שִׁבְעַ֣ת יָמִ֑ים וַיַּדְבֵּ֥ק אֹת֖וֹ בְּהַ֥ר הַגִּלְעָֽד׃

 (Gen. 31:23 WTT)

 

mE:

und er nahm seine Brüder mit sich und jagte hinter ihm her einen Sieben-Tage-Weg und erreichte ihn im Gebirge Gilad.

 

Buber/Rosenzweig:

Er nahm seine Stammbrüder mit sich und jagte ihm nach, sieben Tagereisen,

und holte ihn ein am Gebirge Gilad.

 

van Dyke:

.  ‎فَأَخَذَ إِخْوَتَهُ مَعَهُ وَسَعَى وَرَاءَهُ مَسِيرَةَ سَبْعَةِ أَيَّامٍ، فَأَدْرَكَهُ فِي جَبَلِ جِلْعَادَ (Gen. 31:23 AVD)

VOKABELN:

VERBEN

أخذ , u - nehmen;

سعى , a - eilen;

درك - erreichen, erjagen, hier IV. Stamm: erreichen, erlangen. 

NOMEN

 أخ  pl. اخوة  oder  اخوان - Bruder;

 مسير - Reise, Marsch.

 

BEOBACHTUNGEN:

Die Septuaginta dramatisiert zusätzlich:

LXX καὶ παραλαβὼν πάντας τοὺς ἀδελφοὺς αὐτοῦ μεθ᾽ ἑαυτοῦ ...  (Gen. 31:23 BGT)

LXXD und er nahm alle seine Brüder mit sich ...

Die GN GNB nehmen das auf:

GN GNB Mit allen Männern aus seiner Familie ...

Hieronymus verstärkt am anderen Ende:

VUL et conprehendit 

VULD und ergriff ihn...

Jehuasch hat im Jiddischen schön übersetzt:

SBJ נאכגעיאגט     und אנגעיאגט - nachgejagt -  und  - angejagt!

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich,
am Donnerstag, den 11. März 2021

Q 93,7

وَوَجَدَكَ ضَآلاًّ فَهَدَىٰ 

VOKABELN

وجد - finden;

هدى - führen, leiten.

ADJEKTIV

 ضال - verirrt, verloren.

 

mE

Und fand dich verirrt und führte.

 

PARET

dich auf dem Irrweg gefunden und rechtgeleitet,

 

KHOURY

und dich abgeirrt gefunden und rechtgeleitet,

AL AZHAR

und dich irregehend gefunden und dann rechtgeleitet

 

 

GOLDSCHMIDT

Und erfand dich irrend und rechtleitete dich.

 

NEUWIRTH/CORPUS CORANICUM 

Fand er dich nicht irrend und leitete dich?

 

ANMERKUNGEN

1  هدى , hada

Zu diesem Verb führt das Corpus Coranicum aus:

„Die durch das Verb ausgedrückte Vorstellung einer persönlichen göttlichen Wegeleitung, die allein ein gelingendes menschliches Leben verbürgt, ist biblisch und besonders im Psalter prominent, vgl. nur Psalm 23:2.3, 25:4.5.8.9, 27:11 etc., aber auch Genesis 24:48. Im Hebräischen stehen hier zumeist hidrīk oder auch hinḥâ, im Griechischen hodēgeō bzw. euodoō; am einheitlichsten ist die Diktion im Syrischen, wo dbar bzw. dabbar die Regel ist und insofern genau wie hadā den Status eines theologischen terminus technicus hat. Für einen psalmischen Hintergrund von koranisch hadā spricht auch die Tatsache, dass Sure 93 – also derjenige Korantext, in dem hadā erstmals im Koran erscheint – weitere motivische und strukturelle Bezüge zu psalmischen Klagegebeten aufweist (s. die übrigen Anmerkungen sowie die Gegenüberstellung von Q 93 und Psalm 13 weiter unten).“ 

 

2 Goldschmidt

Die Übersetzung von Lazarus Goldschmidt, 1871-1950, von 1916, Berlin ziehe ich mit zu Rate. Auf sie wurde ich durch Ulrich Berzbach im Rahmen des online-Seminars "Jüdische Schriftauslegung und die Reparatur der Welt" der Melanchthon-Akademie,Köln, am vergangenen Dienstag aufmerksam. Goldschmidt ist sonst als Übersetzer des Talmuds bekannt, 1930-1936 in Berlin erschienen. Er emigrierte 1933 nach England wo er in London starb.

 

 

 

 

Gen 31,24 

Köln-Merkenich,
am Montag, den 15. März 2021

 

Labans Traum:

‎וַיָּבֹ֧א אֱלֹהִ֛ים אֶל־לָבָ֥ן הָאֲרַמִּ֖י בַּחֲלֹ֣ם הַלָּ֑יְלָה וַיֹּ֣אמֶר ל֗וֹ הִשָּׁ֧מֶר לְךָ֛ פֶּן־תְּדַבֵּ֥ר עִֽם־יַעֲקֹ֖ב מִטּ֥וֹב עַד־רָֽע׃

 (Gen. 31:24 WTT)

 

mE:

Und es kam Gott zu Laban, dem Aramäer, in einem Traum der Nacht und sprach zu ihm: 

Paß auf dich auf, dass du ja nicht sprichst zu Jaakob von Gutem zum Bösen.

 

Buber/Rosenzweig:

Aber Gott kam zu Laban dem Aramäer im Traum der Nacht

und sprach zu ihm:

Hüte dich,

daß du etwa mit Jaakob vom Guten weg zum Bösen hin redetest!

 

van Dyke:

‎.»  ‎وَأَتَى اللهُ إِلَى لاَبَانَ الأَرَامِيِّ فِي حُلْمِ اللَّيْلِ وَقَالَ لَهُ: «احْتَرِزْ مِنْ أَنْ تُكَلِّمَ يَعْقُوبَ بِخَيْرٍ أَوْ شَرّ (Gen. 31:24 AVD)

VOKABELN:

VERBEN

اتى , i - kommen, + الى - zu jemandem kommen;

حرز - hüten, hier VIII. Stamm = Reflexiv.

ADJEKTIV

 شر - schlecht, böse;

 شر , pl.  اشرار  - schlecht, böse.

NOMEN

شر  pl.  شرور - Übel, Böse(s).

 

BEOBACHTUNGEN:

Die Septuaginta nimmt das Gefälle aus der Warnung Gottes heraus:

LXX φύλαξαι σεαυτόν μήποτε λαλήσῃς μετὰ Ιακωβ πονηρά

LXXD  Hüte dich davor, dass du mit Jakob Böses sprichst!

Ähnlich Hieronymus:

VUL cave ne quicquam aspere loquaris contra Iacob

VULD »Hüte dich, etwas Unfreundliches gegen Jakob zu sagen!« 

Dem folgen LUT BB EIN GN SCH GNB, hier einige Beispiele:

LUT Hüte dich, mit Jakob anders zu reden als freundlich.

EIN BB Hüte dich, Jakob auch nur das Geringste vorzuwerfen.

Anders KJV NAS ESV sowie LSG L17 ELB ZUR NL D83 ZUNZ, z. B.:

ESV "Be careful not to say anything to Jacob, either good or bad."

L17 Hüte dich mit Jakob im Guten oder Bösen zu reden.

Gar nicht reden soll Laban, so D92:

D92  «Tag dig i agt for at sige noget til Jakob!»

Mendelssohn löst das Rätsel mit einer Anmerkung:

M "hüte dich, dass du nicht *) redest mit Jakob, weder im Guten noch Bösen. Anmerkung *) von der Rückreise.

Die Bearbeiterin Annette Mirjam Boeckler nimmt die Anmerkung in den Text auf:

B/M hüte dich, dass du nicht (von der Rückreise) redest mit Jakob, weder ...

Das Gefälle bewahren B/R, mE und Jehuasch:

SBJ זאלסט ניט רעדן מיט יעקבן פון גוטם ביז שלעכטם

solst nit redn mit jakobn fun gutm bis schlechtm.

 

 

 

 

Gen 31,25 und Q 93,8 

Köln-Merkenich,
am Mittwoch, den 17. März 2021

 

Wir nähern uns dem Höhepunkt - im Gebirge:

וַיַּשֵּׂ֥ג לָבָ֖ן אֶֽת־יַעֲקֹ֑ב וְיַעֲקֹ֗ב תָּקַ֤ע   אֶֽת־אָהֳלוֹ֙ בָּהָ֔ר וְלָבָ֛ן תָּקַ֥ע אֶת־אֶחָ֖יו בְּהַ֥ר   הַגִּלְעָֽד׃

 (Gen. 31:25 WTT)

 

 

mE:

Und Laban traf Jaakob und Jaakob schlug sein Zelt im Gebirge auf und Laban mit seinen Brüdern schlug auf im Gebirge Gilead,

 

Buber/Rosenzweig:

Als nun Laban Jaakob erreichte,

Jaakob aber hatte sein Zelt im Gebirge gepflöckt und auch Laban mit seinen Brüdern pflöckte im Gebirge Gilad,

 

van Dyke:

.  ‎فَلَحِقَ لاَبَانُ يَعْقُوبَ، وَيَعْقُوبُ          قَدْ ضَرَبَ خَيْمَتَهُ فِي الْجَبَلِ. فَضَرَبَ لاَبَانُ مَعَ          إِخْوَتِهِ فِي جَبَلِ جِلْعَادَ (Gen. 31:25 AVD)

VOKABELN:

VERBEN

لحق , a - einholen, erreichen;

ضرب , i  - schlagen, (Zelt) aufschlagen.

NOMEN

خيمة  pl. خيم chijam oder  خيام - Zelt.

 

BEOBACHTUNGEN:

Im biblischen Hebräisch werden allermeist für das Dasselbe dieselben Wörter verwendet.

Das ist im Griechischen, Lateinischen und auch im Deutschen im allgemeinen verpönt - die Abwechslung erfreut.

Am weitesten treibt es die Septuaginta:

LXX Λαβαν δὲ ἔστησεν τοὺς ἀδελφοὺς αὐτοῦ ἐν τῷ ὄρει Γαλααδ 

LXXD Laban aber ließ seine Brüder auf dem Berg Gilead Halt machen.

Hieronymus variiert zwischen tabernaculum und tentorium.

Die NAS und einige anderen vermeiden die Verbwiederholung:

NAS Jacob had pitched his tent ... Laben ... camped

NL had zijn tent opgezet ... Laben ... zetten de hunne

D83 havde obslået sit telt ... Laban ... sit

D92 slået sit telt ... slog lejr

Genial die moderne französische Übersetzung, wie man das Gleiche mit völlig anderen Worten sagt:

BFC Jacob, celui-ci avait planté sa tente dans les monts de Galaad. Laban et ses gens firent de même.

Die Basisbibel hat keine Scheu vor der Wiederholung, aber sie ist die einzige, die eine kausale Verbindung herstellt:

BB Als Laban auf Jakob traf, hatte der sein Zelt im Gebirge aufgeschlagen. Daher schlugen auch Laban und seine Männer ihre Zelt im Gebirge von Gilead auf.

 

 

 

 

*

 

 

Q 93,8

وَوَجَدَكَ عَآئِلًۭا فَأَغۡنَىٰ

VOKABELN:

VERBEN

وجد  - finden;

عول oder  عال - versorgen, (eine Familie) erhalten; von daher: arm!: عآئلا  hier Partizip Präsenz von:

عيل oder  عال  - arm sein, im IV. Stamm: eine zahlreiche Familie haben! DANKE NERMINE für die Hinweise!  

غنى  ,a - reich sein; entbehren können [!]; II. Stamm: singen [!!!]; hier: IV. Stamm: reich machen.

ADJEKTIV

 غنى  pl.  أغنياء reich, wohlhabend;

 عائل  - siegreich; arm: STEINGASS S. 663:

NOMEN

 عائل - Ernährer;

عائلة  pl. [-at] oder عوائل  - Familie

غنى  - Reichtum.

 

mE: 

Und er fand dich arm und er machte dich reich.

 

PARET:

und dich bedürftig gefunden und reich gemacht?

 

KHOURY:

und bedürftig gefunden und reich gemacht?

AL AZHAR:

und dich arm gefunden und dann reich gemacht?

 

GOLDSCHMIDT:

Und er fand dich arm und reicherte dich.

 

NEUWIRTH/CORPUS CORANICUM:

Fand er dich nicht bedürftig und machte dich reich?

 

 

 

 

Gen 31,26 und Q 93,9 

Köln-Merkenich,
am Donnerstag, den 18. März 2021

 

 

Laban stellt zur Rede:

‎וַיֹּ֤אמֶר לָבָן֙ לְיַעֲקֹ֔ב מֶ֣ה עָשִׂ֔יתָ וַתִּגְנֹ֖ב אֶת־לְבָבִ֑י וַתְּנַהֵג֙ אֶת־בְּנֹתַ֔י כִּשְׁבֻי֖וֹת חָֽרֶב׃ 

 (Gen. 31:26 WTT)

 

mE:

Und Laban sprach: Was hast du getan, du stahlst mein Herz und meine Töchter führtest du weg wie Weggeführte des Schwertes.

 

Buber/Rosenzweig:

sprach Laban zu Jaakob:

Was hast du getan,

daß du mein Herz bestahlst und meine Töchter wegführtest wie Schwertgefangne!

 

van Dyke:

‎وَقَالَ لاَبَانُ لِيَعْقُوبَ: «مَاذَا فَعَلْتَ، وَقَدْ خَدَعْتَ قَلْبِي، وَسُقْتَ بَنَاتِي كَسَبَايَا السَّيْفِ؟  (Gen. 31:26 AVD)

VOKABELN:

VERBEN

خدع , a - betrügen, täuschen;

سوق  oder ساق , u - (Vieh) treiben, (Auto) fahren;

سبى  , i - gefangennehmen, fesseln.

NOMEN

سيف  pl.  سيوف - Schwert.

 

BEOBACHTUNGEN:

1 das gestohlene Herz

Die Septuaginta übersetzt diese Metapher nicht:

LXX τί ἐποίησας ἵνα τί κρυφῇ ἀπέδρας καὶ ἐκλοποφόρησάς με καὶ ἀπήγαγες τὰς θυγατέρας μου (Gen. 31:26 BGT)

LXXD Was hast du getan? Warum bist du heimlich weggelaufen und hast mich bestohlen und hast meine Töchter weggeführt

Das hat Schule gemacht. Hiernonymus, alle eingesehenen englischen, französischen, deutschen - mit einer Ausnahme! -, die niederländische und dänischen Übersetzungen lassen dies aus. 

Sie sprechen stattdessen z. B. von täuschen (LUT L17), überlisten (EIN ZUR BB) - als wenn hier ein Odysseus handeln würde - oder etwa hintergehen (GNB); NL übersetzt "bedrogen", D92 "narret", NAS "deceiving", ESV "tricked me", etc.

Das gestohlene Herz findet sich (!) jedoch in allen jüdischen Übersetzungen M, B/M, ZUNZ, B/R, die Jiddische SBJ und bei van Dyke, mE und in der BiG, die deutsche Ausnahme.

 

2 Kriegsgefangene und Schwert

Die Septuaginta hat auch hier den Ton angegeben:

LXX ὡς αἰχμαλώτιδας μαχαίρᾳ

LXXD wie Kriegsgefangene mit dem Schwert

Hier dient das Schwert der Gefangennahme. So auch Hieronymus:

VUL quasi captivas gladio

VULD mit dem Schwert wegtreibst wie Gefangene 

Entsprechend übersetzt die LSG und KJV:

KJV as captives taken with the sword?

Anders hingegen NAS und ESV:

NAS like captives of the sword

Ansonsten verschwindet das Schwert vollständig und übrig bleibt "Kriegsgefangene", auch bei M, B/M und ZUNZ, allerdings nicht bei B/R, van Dyke, mE und in der jiddischen Übersetzung:

SBJ  געפאנגענע פון שווערד  - gefangene fun swuuerd.

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich,
am Freitag, den 19. März 2021

 

Q 93,9 

فَأَمَّا ٱلۡيَتِيمَ فَلَا تَقۡهَرۡ

 

VOKABELN

VERBEN

يتم   , i - verwaisen;

قهر - zwingen zu (عاى); unterwerfen, überwinden, erobern.

NOMEN

يتيم   pl.  أيتام oder يتامى - Waise;

قهر  - Zwang, Gewalt, Ärger [!];

  قهرة quhra - Zwang, Gewalt.

PARTIKEL

اما  - was betrifft...

 

mE: Was den Waisen betrifft und nicht unterwirfst du

 

PARET: Gegen die Waise sollst du deshalb nicht gewalttätig sein

 

KHOURY: So unterdrücke die Waise nicht

AL AZHAR: Was nun die Waise angeht, so unterjoche (sie) nicht,

 

GOLDSCHMIDT: Daher den Waisen unterdrücke nicht.

 

NEUWIRTH: Deshalb bedränge du die Waise nicht,

 

CORPUS CORANICUM: So tu der Waise nicht Unrecht,

 

ANMERKUNGEN/ BEOBACHTUNGEN:

1 Waise

Der Genuswechsel vom ursprünglich ausschließlich maskulinen Gebrauch, auch wenn Frauen gemeint sind (Grimm 27,1046), zum femininen Gebrauch vollzog sich im 18./19. Jahrhundert. Grimm führt dies auf den Einfluss von "Witwe" zurück, "mit dem waise im plural oft verbunden wird" (Grimm 27,1046). Goldschmidt (1916) übersetzt noch männlich und auch ich kann mich mit der femininen Form nicht anfreunden, das mag für mich als gebürtiger Hamburger regionale Gründe haben, weil im Norddeutschen die männliche Form länger "als richtiger galt" (Grimm 27,1046).

 

Das Corpus Coranicum merkt zum Vers an:

„fa-ʾammă l-yatīma fa-lā taqhar] Die Forderung, Waisen – die paradigmatischen Schwächsten der Gesellschaft – nicht ungerecht zu behandeln, gehört „zum allgemeinen Themenkreis prophetischer Rede“ ( Bobzin 2005, 65 , der auf Sacharja 7:10, Exodus 22:21.22, Jesaja 1:17 und Jeremia 7:5.6 verweist). Vgl. auch die Anmerkungen zu 107:2.3 und 90:11–16 mit weiteren Bibelstellen und frühmekkanischen Parallelen.

Ibn Masʿūd liest takhar, „schelten“, statt taqhar, „unterdrücken, Unrecht tun“ ( Muʿǧam, ad loc. ; vgl. Birkeland 1956, 34 ). Die Variante ist offenkundig aus mündlicher Textweitergabe zu erklären. Welche Lesart ursprünglicher ist, lässt sich kaum entscheiden. Allerdings entspricht taqhar eher dem prophetischen Topos der Unterdrückung von Witwen und Waisen (s. den Kommentar zu Q 107).

3

Der Gebotscharakter dieses Verses ähnelt der Form nach sehr dem Hebräischen in Ex 20, wo es ähnlich kurz, wörtlich heißt "töte nicht", ‎לֹ֥֖א תִּרְצָֽ֖ח (Exod. 20:13 WTT), B/R "Morde nicht."

 

 

 

 

Gen 31,27 und Q 93,10 

Köln-Merkenich,
am Dienstag, den 23. März 2021

 

Laban wirft vor und fragt:

‎לָ֤מָּה נַחְבֵּ֙אתָ֙ לִבְרֹ֔חַ וַתִּגְנֹ֖ב אֹתִ֑י וְלֹא־הִגַּ֣דְתָּ לִּ֔י וָֽאֲשַׁלֵּחֲךָ֛ בְּשִׂמְחָ֥ה וּבְשִׁרִ֖ים בְּתֹ֥ף וּבְכִנּֽוֹר׃

  (Gen. 31:27 WTT)

 

mE

Warum hast du dich im Fliehen versteckt und dich von mir weggestohlen und nicht mir gemeldet, ich hätte dich entsandt mit Freude  und mit Gesängen, mit Tamburin und mit Lyra

 

Buber/Rosenzweig

Warum bist du heimlich entwichen und warst gegen mich verstohlen,

und hast mirs nicht gemeldet, sonst hätte ich dich entsandt mit Freude, mit Gesängen, mit Pauke und mit Leier,

 

van Dyke

‎لِمَاذَا هَرَبْتَ خُفْيَةً وَخَدَعْتَنِي وَلَمْ تُخْبِرْنِي حَتَّى أُشَيِّعَكَ بِالْفَرَحِ وَالأَغَانِيِّ، بِالدُّفِّ وَالْعُودِ  (Gen. 31:27 AVD)

VOKABELN

VERBEN

هرب  , u - fliehen;

 خفى , a - verborgen, versteckt;

 خدع , a - betrügen;

شيع   oder شاع , i - sich verbreiten, bekannt werden; HIER II. STAMM: das Geleit geben; zu Grabe tragen;

فرح  , a  - sich freuen.

NOMEN

خفية  pl. خفايا - Geheimnis;

 فرح - Freude;

اغنية  pl.  أغان constructus  أغانى   - Gesang, Lied;

دف  pl. دفوف - Seite;

        - Tamburin;

عود  pl.  أعواد oder  عيدان : - Stange; - Laute, Oud! 

 

BEOBACHTUNGEN:

Erneut taucht das Wort  גנב , ganab, stehlen, auf, hier in der Verbindung mit dem Akkusativ-Zeichen plus 1. Person Singular, ‎אֹתִ֑י , oti. Die meisten Übersetzungen wiederholen, was sie im Vers 31,26 verwendet haben - die Septuaginta und Hiernonyms lassen es einfach aus.

Eine Form von "stehlen" behalten bei B/R, mE, BB, BiG; Mendelssohn findet diese Variante:

M B/M Warum bist du so heimlich geflohen und hast mich also bestohlen? 

ZUNZ findet eine ganz eigene Lösung:

ZUNZ entstahlst dich mir

Salomon Blumgarten alias Jehuasch übersetzt:

באהאלטענערהייט   ,bahaltenerheit - Verschleierung (google-Übersetzung!)

von 

„baháltn* - verstecken“, Jiddisches Wörterbuch, Lötsch;

Uriel Weinreich, Yiddish-English, 1977, S. 712.

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich,
am Donnerstag, den 25. März 2021

 

 

 

Q 93,10

وَأَمَّا ٱلسَّآئِلَ فَلَا تَنۡهَرۡ

VOKABELN

نهر  ,a  - fließen, strömen;

           - schelten, verjagen.

NOMEN

سائل - Frager, Bittsteller.

 

mE

Und was den Bittenden betrifft: Nicht schiltst du.

 

PARET

und den Bettler sollst du nicht anfahren.

 

KHOURY

und fahre den Bettler nicht an

AL AZHAR

und was den Bettler angeht, so fahre (ihn) nicht an,

 

 

GOLDSCHMIDT

Und den Bittenden weise nicht ab.

 

NEUWIRTH

den Bittenden vertreibe nicht

 

CORPUS CORANICUM

weise den Bittenden nicht ab

 

BEOBACHTUNGEN:

Es klingt wie Jesus Sirach 4,5:

Wende deine Augen nicht von dem Bittenden, und gib ihm keinen Anlass, dir zu fluchen. (L17)

 

 

 

 

Gen 31,28 Q 93,11 

Köln-Merkenich,
am Freitag, den 26. März 2021

 

Laban klagt:

 

‎וְלֹ֣א נְטַשְׁתַּ֔נִי לְנַשֵּׁ֥ק לְבָנַ֖י וְלִבְנֹתָ֑י עַתָּ֖ה הִסְכַּ֥לְתָּֽ עֲשֽׂוֹ׃

 (Gen. 31:28 WTT)

 

mE:

und du hast mich nicht zum Küssen meiner Söhne und meiner Töchter kommen lassen - nun hast du töricht gehandelt so zu tun.

 

 

Buber/Rosenzweig:

und hast mir nicht erlaubt meine Söhne und meine Töchter zu küssen?

Töricht hast du nun getan.

 

 

van Dyke:

!  ‎وَلَمْ تَدَعْنِي أُقَبِّلُ بَنِيَّ وَبَنَاتِي؟ الآنَ بِغَبَاوَةٍ فَعَلْتَ (Gen. 31:28 AVD)

VOKABELN:

VERBEN

دعا  oder  دعو - rufen, einladen;

قبل  - empfangen; II. STAMM: küssen

HILFE: Keine Ahnung wie  بِغَبَاوَةٍ  zu erklären ist!!???

Von  غباء - Dummheit, Hinweis von Nermine! 

 

 

BEOBACHTUNGEN:

1 Söhne?

Luther übersetzt in seiner Ausgabe letzter Hand von 1545 schon statt "Söhne": "Kinder".

Die neueren Übersetzungen  gehen in der Vereindeutigung noch einen Schritt weiter, sie sprechen von "Enkeln": LUT - das hat die Reformationsbibel nicht korrigiert L17 - SCH und ZUR im Deutschen, BFC im Französischen und die neuere Dänische Übersetzung D92 - nur neun Jahre zuvor war noch von Söhnen und Töchtern die Rede, D83. Von "Enkeln" sprechen auch GN GNB BiG und BB.

 

Wie wird die Bewertung Labans,  ‎הִסְכַּ֥לְתָּֽ, hiskalta von סכל, töricht handeln, wiedergegeben? 

LXX ἀφρόνως 

LXXD unbesonnen

VUL stulte

VULD dumm

KJV NAS ESV foolishly

LSG (BFC) C'est en insensé

LUT L17 EIN ELB SCH ZUR ZUNZ B/R mE töricht

NL dwaas

D83 dårligt gjort - dårlig = schlecht, schlimm, böse

D92 tåbeligt

M B/M unvernünftig

GN sehr unüberlegt

GNB nicht klug

BiG BB dumm

L45 thörlich [!]

SBJ närrisch: נאריש האסטו אצונד געטאן  -  narisch hastu atsund getan. Zu "azund": 

Weinreich 725: " now, at present".

 

 

 

 

*

 

 

Q 93,11

 

وَأَمَّا بِنِعۡمَةِ رَبِّكَ فَحَدِّثۡ

VOKALBEN

VERBEN

 رب  , u - Im I. und II. STAMM: (Kind) aufziehen;

حدث  , u  - geschehen, sich ereignen; II. STAMM: erzählen.

NOMEN

نعمة   , naAama - Wohlleben;

نعمة  , niAama pl. نعم  - Güte, Gnade;

رب  pl.  أرباب - Herr;   الرب - der Herr, Gott.

 

mE 

und was die Güte deines Herrn betrifft, erzähl!

 

PARET

Aber erzähle (deinen Landsleuten wieder und wieder) von der Gnade deines Herrn!

 

KHOURY

und erzähle von der Gnade deines Herrn.


AL AZHAR

und was die Gunst deines Herrn angeht, so erzähle (davon).

 

GOLDSCHMIDT

Und deines Herrn Huld erzähle.

 

NEUWIRTH

und die Huld deines Herrn, die verkünde!

 

CORPUS CORANICUM

und kündige von der Gnade deines Herrn.

 

KOMMENTAR

1

Neuwirth folgend ist diese Sure die allerälteste.

 

2

Corpus Coranicum kommentiert zu diesem Vers:

„wa-ʾammă bi-niʿmati rabbika fa-ḥaddiṯ] Die Gedankenfigur der aus der erfahrenen Wohltat erwachsenden Verpflichtung formuliert auch Psalm 9:14.15: חָֽנְנֵ֬נִי יְהוָ֗ה רְאֵ֣ה עָ֭נְיִי מִשֹּׂנְאָ֑י מְ֜רוֹמְמִ֗י מִשַּׁ֥עֲרֵי מָֽוֶת׃ לְמַ֥עַן אֲסַפְּרָ֗ה כָּֽל־תְּהִלָּ֫תֶ֥יךָ, „YHWH sei mir gnädig, sieh mein Elend an, hebe mich empor aus des Todes Toren, / damit ich all deine Ruhmestaten erzähle ...“ ( Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 85 ).“

 

3 Zur Versgruppe 9-11 ist im Corpus Coranicum zu lesen:

„Ein Psalmenbezug zeigt sich auch in der Gedankenfigur der sich aus den erfahrenen göttlichen Zuwendungen ergebenden ethisch-religiösen Verpflichtungen, wie sie die drei letzten Verse der Sure aufzählen. Obwohl die Sure sich primär an den koranischen Verkünder richten dürfte, sind gerade die Schlussimperative in ihrer Anwendbarkeit offensichtlich nicht auf diesen begrenzt und gelten auch für den gewöhnlichen Gläubigen (vgl. Bobzin 2005, 65 ). Die ersten beiden, die Behandlung von Waisen und Bettlern betreffenden Anweisungen verweisen auf einen bereits zuvor in 107:2.3 aufgegriffenen biblischen Topos zurück. Zugleich sind die beiden Verse jedoch auch ‚intratextuell’ mit dem Rückblick V. 6–8 verknüpft, die Forderung nach gerechter Behandlung von Waisen und Armen wird organisch aus dem Textzusammenhang entwickelt (zur Korrespondenz von V. 6–8 und V. 9–11  s. a. Cuypers 2000, 104 f.  ). Insbesondere V. 9  („So tu der Waise nicht Unrecht“) verweist in seiner Wortwahl auf V. 6  („Fand er dich nicht als Waise und nahm dich auf?“) zurück und macht so terminologisch den allgemeineren Sachzusammenhang von V. 6–8  und V. 9.10  deutlich: Dem Angesprochenen werden den von ihm erfahrenen Gnadenerweisen entsprechende Wohltaten gegenüber anderen, gleichfalls Mangel leidenden Mitmenschen abgefordert. Ist damit bereits ein Brückenschlag von der individuellen Rettungserfahrung zur Öffentlichkeit gesellschaftlicher Interaktion vollzogen, so steigert der Schlussvers diese Dimension der Öffentlichkeit noch einmal: Die Imperativserie kulminiert in dem Auftrag, von der persönlich erfahrenen Zuwendung Gottes zu „erzählen“ und hebt so hervor, auf welchem Weg göttliche Rechtleitung ( V. 7 : hadā ) weitergegeben wird: nicht nur durch Wohltaten an anderen, sondern insbesondere auch durch Verkündigung.“ 

 

4 Zum Aufbau

Corpus Coranicum sieht diese Sure im Zusammenhang mit "drei Trostsuren 93, 94 und 108" und in Parallele zum Psalm 13:

„Die theologische Grundaussage der drei Trostsuren 93 , 94  und 108  ist ähnlich: Sie deuten in Form einer direkten Anrede bestimmte Ereignisse im Leben Muḥammads als Resultate einer gnadenvollen Fürsorge Gottes und weisen so – wohl nicht nur für den angesprochenen Verkünder, sondern durchaus auch für eine über ihn hinausgehende Öffentlichkeit von Adressaten – nach, dass Gott in den Lebenslauf Einzelner eingreift und „Schweres“ zu „Leichtem“ wendet bzw. (so Q 93:6–8 ) Mangel in Fülle verwandelt. Aus dieser gnadenvollen Involviertheit Gottes in menschliche Schicksale wird dann eine ethische und religiöse Verpflichtung des Menschen begründet, wie sie ähnlich auch Q 106 aus Gottes Begünstigung der Quraiš folgert. Wie in Q 93  wird der Übergang von der Aufzählung göttlicher Gnadenerweise zu den daraus zu ziehenden normativen Konsequenzen durch einen Reimwechsel markiert. Die Trostsuren individualisieren damit die Aussage von Q 105  und Q 106 : Gott wacht in seiner gütigen Zuwendung nicht nur über das Wohlergehen des mekkanischen Kollektivs, sondern seine Gnade ( niʿma , vgl. 93:11 ) manifestiert sich auch im Lebenslauf Einzelner. Dabei ist die in vielen übrigen frühmekkanischen Suren so prominente Thematik des Jüngsten Gerichts wie in den ḥaram - Suren 105  und 106  weitgehend abwesend, wird jedoch an zumindest einer Stelle ( 93:4 ) kursorisch vorausgesetzt. Die drei Trostsuren leisten überdies (wie die wohl in etwa zeitgleich anzusetzende Sure 97 ) einen wesentlichen Beitrag zur Autorisierung des Koranverkündigers: Muḥammad wird mit Zügen des bedrängten psalmischen Beters ausgestattet, erhält jedoch im Unterschied zu diesem eine direkte göttliche Antwort und wird so mit beträchtlichem religiösen Prestige versehen. Ein Psalmenbezug lässt sich einerseits in einzelnen Topoi der drei Texte ausmachen (vgl. die Anmerkungen). Er liegt jedoch auch auf struktureller Ebene vor, insofern sich so gut wie alle in Q 93 , 94  und 108  verwendeten Bauelemente als Inversionen typischer Bestandteile der psalmischen Gattung des sog. ‚Klagelieds des Einzelnen’ verstehen lassen: Während im psalmischen Klagelied der individuelle Beter zu Gott klagt, nimmt in Sure 93  Gott eine etwaige Klage des koranischen Verkündigers vorweg; während der psalmische Beter Gott um Rettung aus der Not bittet, blickt die Koransure auf dem Verkünder bereits gewährte göttliche Wohltaten zurück. Das psalmische Genre, einzelnen Mitgliedern der koranischen Gemeinde aus seiner liturgischen Verwendung im Judentum und Christentum sicherlich wohlbekannt, wird so  gewissermaßen strukturell überboten. Die angesprochenen Korrespondenzen lassen sich anhand einer Gegenüberstellung von Q 93  und Psalm 13  illustrieren:


Gen 31,29 und Q 103,1 

Köln-Merkenich,
am Montag, den 12. April 2021

 

Laban zeigt seine Macht:

‎יֶשׁ־לְאֵ֣ל יָדִ֔י לַעֲשׂ֥וֹת עִמָּכֶ֖ם רָ֑ע וֵֽאלֹהֵ֙י אֲבִיכֶ֜ם אֶ֣מֶשׁ׀ אָמַ֧ר אֵלַ֣י לֵאמֹ֗ר הִשָּׁ֧מֶר לְךָ֛ מִדַּבֵּ֥ר עִֽם־יַעֲקֹ֖ב מִטּ֥וֹב עַד־רָֽע׃

 (Gen. 31:29 WTT)

 

mE:

Es ist in der Macht meiner Hand mit euch Böses zu tun, aber die Gottheiten eures Vaters, gestern, sprach zu mir: Hüte dich zu reden mit Jaakob vom Guten zum Bösen.

 

Buber/Rosenzweig:

Gottmächtig ists meiner Hand, euch Böses zu erweisen.

Aber der Gott eures Vaters sprach gestern abend zu mir, sprach:

Hüte dich, daß du etwa mit Jaakob vom Guten weg zum Bösen hin redetest.

 

van Dyke:

.  ‎فِي قُدْرَةِ يَدِي أَنْ أَصْنَعَ بِكُمْ شَرًّا، وَلكِنْ إِلهُ أَبِيكُمْ كَلَّمَنِيَ الْبَارِحَةَ قَائِلاً: احْتَرِزْ مِنْ أَنْ تُكَلِّمَ يَعْقُوبَ بِخَيْرٍ أَوْ شَرّ  (Gen. 31:29 AVD)

VOKABELN:

VERBEN:

صنع  , a - tun, machen;

حرز - hüten, hier VIII. Stamm = Reflexiv.

NOMEN:

قدرة , qudra - Macht, Kraft;

اله   pl. آلهة  - Gott;

شر  pl.  شرور - Übel, Böse(s).

PARTIKEL

البارحة  - gestern.

 

 

BEOBACHTUNGEN:

1 Machtgott

יֶשׁ־לְאֵ֣ל יָדִ֔י - isch-l'el jadi: klingt wie eine geläufige Redewendung , kommt aber in der Bibel nur hier vor. Bei "el" klingt in der Tat "El", "Gott" mit an, genauso wie "starker Mann". Buber/Rosenzweig übersetzen dieses Sprachspiel mit Macht und Gott genial.

 

2 deines/eures Vaters

Die Bezeichnung für eine Gottheit   אֱלֹהִים elohim, steht immer im Plural, auch wenn, wie üblich, Einzahl gemeint ist. 

 

Köln-Merkenich, am
Dienstag, den 13. April 2021

 

Das ist nicht unüblich. Auch im Deutschen findet man den Singular etwa  in Verbindung mit den USA: "Die USA hat nach 58 Tagen 100 Millionen Menschen geimpft." (Tagesspiegel 20.03.2021)

In diesem Vers vermischt sich einiges sehr eigentümlich:

- "Gottheit" steht grammatisch im Plural,

- "Vater" steht im Singular und das 

- Personalpronomen ist die zweite Person Plural,

- das definite Verb wiederum im Singular.

Das müsste normalerweise heißen: "die Gottheiten eures Vaters"

Das meint: Die Autoren unterstellen Laban, dass er ganz normal davon ausgeht, dass Jaakob bzw. sein Vater wie er selbst auch mehrere Gottheiten haben. D. h. es wird perspektivisch erzählt!

Diese Nuance geht schon in der Septuaginta in Alexandria verloren. Dort herrscht logische Klarheit und Eindeutigkeit, der Singular des Verbs setzt sich durch:

LXX ὁ δὲ θεὸς τοῦ πατρός σου ἐχθὲς εἶπεν πρός με  (Gen. 31:29 BGT)

LXXD der Gott deines Vaters sagte gestern zu mir

Der Septuaginta folgen die englischen Übersetzungen KJV NAS ESV und die neuere Französische BFC

Hieronymus übernimmt dagegen den Plural des Personalpronomens, so als wenn er in die Höflichkeitsform der Anrede wechseln würde:

VUL Deus patris vestri (Gen. 31:29 VUL)

VULGATA DEUTSCH macht das nicht mit, sie übersetzt wie die Septuaginta:

VULD der Gott deines Vaters

Luther jedoch hat die Vulgata zum Vorbild:

LUT eures Vaters Gott

So auch alle gelisteten deutschen und dänischen Übersetzungen, Mendelssohn, B/M und die jiddische Übersetzung SBJ sowie van Dyke. 

Eine andere Lösung legen BiG und die Rabbinerbibel ZUNZ vor, dort wird "Vater" in den Plural versetzt:

BiG Gottheit eurer Vorfahren

ZUNZ Gott eurer Väter

 

 

 

*

 

 

Q 103,1

بِسۡمِ ٱللَّهِ ٱلرَّحۡمَٰنِ ٱلرَّحِيمِ

وَٱلۡعَصۡرِ

VOKABELN

VERB

عصر  ,i  - auspressen; im III. Stamm (zeigt die Beziehung zwischen Personen und Sachen an): Zeitgenosse sein (!).

NOMEN

عصر - Auspressung;

عصر pl. عصور  - Nachmittag;

                         - Epoche.

PARTIKEL

و  - und; während.

 

mE

Beim Nachmittag

 

PARET KHOURY  

GOLDSCHMIDT NEUWIRTH

Beim Nachmittag

AL AZHAR

Beim Zeitalter

 

CORPUS CORANICUM

Beim Spätnachmittag

 

ANMERKUNGEN

Das Corpus Coranicum erläutert ausführlich die besondere Schwierigkeit dieses Verses:

"wa-l-ʿaṣr] Die arabischen Lexika verzeichnen eine Reihe von z. T. gegensätzlichen Bedeutungen: „Zeit, Zeitspanne“, „Tageszeit“, „Morgen“, „Nachmittag, Abend“; der Dual al-ʿaṣrān wird mit „Tag und Nacht“ erklärt ( Lane, Bd. 5, 2062b ). Da auch andere Suren von Schwüren eröffnet werden, die bestimmte Tageszeiten wie Tagesanbruch, Morgen oder – besonders häufig – die Nacht nennen (Q 74:33, 81:17, 89:1.4, 91:1.4, 92:1, 93:1.2), stellt wohl auch ʿaṣr eine spezifische Zeitangabe dar und bezeichnet nicht allgemein „Zeitspanne“ o. Ä. (so ohne weitere Begründung Cuypers 1999, 47 ). Falls wirklich der Spätnachmittag intendiert ist, so hebt sich Q 103 von allen anderen frühmekkanischen Schwüren bei Tages- und Nachtzeiten ab, die entweder die Nacht oder verschiedene Stadien des Morgens und Vormittags evozieren. Zu grundsätzlichen Hinweisen zu den koranischen Schwüren sowie ihrer wahrscheinlichen, aber bis dato noch nicht hinreichend untersuchten Anlehnung an ein charakteristisches Ausdrucksmittel altarabischer Seher (kuhhān) s. die Anmerkung zu 100:1–5; zu Aufbau und Funktion des hier vorliegenden Schwurtypus s. die Anmerkung zu 93:1.2 mit zahlreichen Parallelstellen."

 

 

 

 

Gen 31,30 

Köln-Merkenich, am
2. Ramadan, Mittwoch, den 14. April 2021
am Donnerstag, den 15. April 2021

 

Laban kommt zur Sache:

‎וְעַתָּה֙ הָלֹ֣ךְ הָלַ֔כְתָּ כִּֽי־נִכְסֹ֥ף נִכְסַ֖פְתָּה לְבֵ֣ית אָבִ֑יךָ לָ֥מָּה גָנַ֖בְתָּ אֶת־אֱלֹהָֽי׃

 (Gen. 31:30 WTT)

 

mE

Und jetzt, ein Gehen bist du gegangen, denn ein Sehnen hast du gesehnt zum Haus deines Vaters. Warum hast du meine Gottheiten gestohlen?

 

Buber/Rosenzweig

Nun denn, musstest deinen Gang du gehn, weil du dich sehntest, sehntest nach dem Haus deines Vaters, -

warum hast du meine Götter gestohlen?

 

van Dyke

؟   ‎وَالآنَ أَنْتَ ذَهَبْتَ لأَنَّكَ قَدِ اشْتَقْتَ إِلَى بَيْتِ أَبِيكَ، وَلكِنْ لِمَاذَا سَرَقْتَ آلِهَتِي  (Gen. 31:30 AVD)

VOKABELN:

VERBEN

ذهب  , - gehen;

 شوق oder  ثاق , u  - Sehnsucht erwecken; VIII. Stamm: sich sehen + الى ;

سرق  , i - stehlen.

PARTIKEL

لأن  + Konjunktiv: damit; lianna + Akkusativ: weil.

 

BEOBACHTUNGEN

1

Die zweifache figura etymologica des Hebräischen - die Wiederholung eines Wortes zur Verstärkung des Ausdrucks z. B. "ein Essen essen" - dieses Verses wird von fast allen Übersetzungen gemieden., in dieser Vermeidung meisterhaft Hieronymus:

VUL esto ad tuos ire cupiebas et desiderio tibi erat domus patris tui cur furatus es deos meos

VULD Es sei! Du wünschtest, zu den Deinen zu gehen, und deine Sehnsucht war das Haus deines Vaters. Warum hast du meine Götter gestohlen?« 

Nicht anders Luther und all die anderen:

L17 Und wenn du schon weggezogen bist und sehntest dich so sehr nach deines Vaters Hause

Ganz anders die Septuaginta:

LXX νῦν οὖν πεπόρευσαι ἐπιθυμίᾳ γὰρ ἐπεθύμησας ἀπελθεῖν

LXXD Jetzt also bist du gegangen; denn mit Sehnsucht sehntest du dich danach

Ansonsten bleiben Buber/Rosenzweig, Jehoasch et moi am Original, Jehoasch:


un atzund (=nun), owuekgiin bistu owuekgegangen, wuiil benken (s.u.: Sehnsucht) hastu sich vorbenkt nach diin vaters huis, almai (warum) aber hostu gegenbet (vom hebräischen ganab, stehlen) miin got?

2  Götter/Gott

Im Hebräischen steht der Plural + Suffix 1. Singular:  אֱלֹהָֽי  - elohai.

Alle eingesehenen Übersetzungen übersetzen den Plural, auch die Lutherbibel von 1545.

Die ältere GN hatte noch "Hausgötter" und die BB spricht von "Götterfiguren". 

Nur die Folgenden suchen Kongruenz zur Vorgeschichte:

LUT L17 ELB meinen Gott D83 

BiG Gottheit 

GNB Hausgott, auch Jehuasch hat

SBJ   

P.S.: Als neue Koran-Übersetzung hinzugenommen habe ich inzwischen das Werk von Hartmut Bobzin: Der Koran. Aus dem Arabischen neu übertragen und erläutert von Harmut Bobzin unter Mitarbeit von Katharina Bobzin. 2. Auflage München 2017.




*


Q 103,2


 

Köln-Merkenich,
am Montag, den 19. April 2021



إِنَّ ٱلْإِنسَـٰنَ لَفِى خُسْرٍ


 VOKABELN:

 NOMEN:

 انسان  pl.  ناس - Mensch; - das zweite Alef steht über den Buchstaben sin und nun dazwischen!

 خسر  chusr - Verlust, Schaden (Wehr S. 277).

 PARTIKEL:

 ان - wenn; ل  + ان  -  leitet eine Behauptung, eine Bestätigung ein.


 mE

 Gewiss, der Mensch, der in einem Verlust ist


 PARET

 Der Mensch kommt (mit seinem gottlosen Handeln) bestimmt zu Schaden,


 KHOURY

 Der Mensch erleidet bestimmt Verlust,


 AL AZHAR

 Der Mensch befindet sich wahrlich in Verlust,


 GOLSCHMIDT

 Wahrlich, der Mensch (geht) ins Verderben


 NEUWIRTH

 Der Mensch befindet sich im Verlust


 BOBZIN

 Siehe, der Mensch ist wahrlich in Verlorenheit


 CORPUS CORANICUM

 Der Mensch steckt im Verlust!


 ANMERKUNGEN:

 CORPUS CORANICUM kommentiert:

 Gemeint ist vielleicht, dass der Mensch aufgrund seines Verhaltens der jenseitigen Seligkeit verlustig geht. Von einem eschatologischen „Verlust“ ist, wie Torrey 1892, 32 , anmerkt, auch in Lukas 9:24 („Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten“) die Rede; in der Pschitta steht hier für gr. ἀπόλλῡμι syr. ḥsar, also die dem arabischen ḫasira bzw. ḫusr entsprechende Wurzel (s. TUK, Nr. 178). Vgl. a. Paulus Brief an die Philipper 3:7.8 (TUK, Nr. 179). Für einen eschatologischen Gebrauch von ḫasira, ḫusr im Koran gibt es noch zahlreiche weitere Belege, s. Torrey 1892, 30–32 . In frühmekkanischer Zeit vgl. noch 79:12 (qālū tilka ʾiḏan karratun ḫāsirah).

TUK = Texte aus der Umwelt des Korans. 



 

 

 

 

Gen 31,31 

Köln-Merkenich,
am Dienstag, den 20. April 2021

 

Jaakob steht Rede und Antwort:

‎וַיַּ֥עַן יַעֲקֹ֖ב וַיֹּ֣אמֶר לְלָבָ֑ן כִּ֣י יָרֵ֔אתִי כִּ֣י אָמַ֔רְתִּי פֶּן־תִּגְזֹ֥ל אֶת־בְּנוֹתֶ֖יךָ מֵעִמִּֽי׃ 

 (Gen. 31:31 WTT)

 

 

mE

Jaakob antwortete und sprach zu Laban: Weil ich mich fürchtete, denn ich sprach: 'nicht dass du deine Töchter mir wegreißt!'

 

Buber/Rosenzweig

Jaakob antwortete, er sprach zu Laban:

Wohl, ich fürchtete mich, denn ich sprach bei mir, du könntest mir dann etwa gar deine Töchter wegrauben, -

 

van Dyke

.  ‎فَأَجَابَ يَعْقُوبُ وَقَالَ لِلاَبَانَ: «إِنِّي خِفْتُ لأَنِّي قُلْتُ لَعَلَّكَ تَغْتَصِبُ ابْنَتَيْكَ مِنِّي (Gen. 31:31 AVD)

VOKABELN:

VERBEN

جوب  oder جاب  , u  - (durch)wandern, duchqueren; III. und hier IV. Stamm: antworten;

خوف  oder  خاف , a - sich fürchten; 1. Person unregelmäßig wie hier: خِفْتُ ;

غصب   , i  - VIII. Stamm: gewaltsam nehmen, rauben.

PARTIKEL

لعل  - vielleicht.

Jehoasch

SBJ

BEOBACHTUNGEN

Merkwürdigerweise fehlt in der Septuaginta, dass Jaakob sich fürchtet! Stattdessen wird an anderer Stelle übertrieben:

LXX ἀποκριθεὶς δὲ Ιακωβ εἶπεν τῷ Λαβαν εἶπα γάρ μήποτε ἀφέλῃς τὰς θυγατέρας σου ἀπ᾽ ἐμοῦ καὶ πάντα τὰ ἐμά (Gen. 31:31 BGT)

LXXD Darauf antwortend aber sagte Jakob zu Laban: Ich sagte nämlich: »Dass du mir nur nicht deine Töchter und alles, was mir gehört, wegnimmst!«

Hatten sie Furcht, Jaakob als ängstlich dastehen zu lassen?



*





Q 103,3


 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, 
den 22. April 2021 



 إِلَّا ٱلَّذِينَ ءَامَنُواْ وَعَمِلُواْ ٱلصَّـٰلِحَـٰتِ وَتَوَاصَوْاْ بِٱلْحَقِّ وَتَوَاصَوْاْ بِٱلصَّبْرِ

 VOKABELN:

 VERBEN

 امن - treu sein; hier IV. Stamm mit "extended Alif": glauben;

 عمل - tun, machen;

 وصى - anraten, empfehlen; hier VI. Stamm, der digitale Lane rät (3055): einander beraten

 NOMEN

 صلاح - Güte, Rechtschaffenheit; davon:

 صالحة - (das Alef steht ÜBER dem Sad), hier Plural, nach Lane, S. 1715: gute Taten;

 حق  pl. حقوق chuquq - Wahrheit;

 صبر  - Geduld.

 PARTIKEL

 الا  illa - wenn nicht; außer;

الذى - Relativpronomen: der, die, das: f:  التى allati , dual: اللذان , dual weiblich:  اللتان  , plural.


mE

außer, diese glauben und tun gute Taten und beraten einander in der Wahrheit und beraten einander in der Geduld.


PARET

ausgenommen diejenigen, die glauben und tun, was recht ist, und die einander (als Vermächtnis) ans Herz legen, sich an die Wahrheit (oder: an das Recht?) zu halten und Geduld zu üben.


KHOURY

außer denjenigen, die glauben und die gute Werke tun, und einander die Wahrheit (Anm.: "oder: das Rechte") nahelegen und die Geduld nahelegen.


AL AZHAR

außer denjenigen, die glauben und rechtschaffene Werke tun und einander die Wahrheit eindringlich empfehlen und einander die Standhaftigkeit eindringlich empfehlen.


GOLDSCHMIDT

Nur die nicht, die gläubig sind, gute Werke üben und einander ermahnen zur Wahrheit, einander ermahnen zur Geduld.


NEUWIRTH

Anders die, die glauben und Gutes tun

und sich zur Wahrhaftigkeit und zu Geduld anspornen!


CORPUS CORANICUM

Außer denen, die glauben und gute Werke tun und einander zur Wahrheit und Geduld anhalten.


BOBZIN

nur die nicht, welche glauben und gute Werke tun,

einander zur Wahrheit ermuntern

und zum Geduldigsein ermuntern.



ANMERKUNGEN

Angelika Neuwirth, Frühmekkanische Suren S. 158, schreibt zu diesem Vers: "Typischer Zusatz der spätmekkanischen Zeit, mit dem die Gläubigen und Tugendhaften von dem Verdikt [s. V. 2: das Verlustiggehen, das jüngste Gericht] ausgenommen werden sollen."

Das erläutert das Corpus Coranicum:

"Bei V. 3 des textus receptus handelt es sich um eine nachträglich eingefügte Ausnahme der Gläubigen von der vorangehenden Rüge. Als solche gibt sie sich durch ihre Länge (13 Silben im Gegensatz zu 2 und 8 Silben in V. 1.2) und durch ihre bereits formelhaft geprägte Terminologie zu erkennen: Die Wendung allaḏīna ʾāmanū wa-ʿamilŭ ṣ-ṣāliḥāti ist charakteristisch für spätmekkanische und medinensische Texte (vgl. 98:7, 65:11, 48:29, 47:12, 45:21.30, 42:22.23.26, 41:8 u. a.); in den drei Fällen, in denen die Formulierung sonst noch in frühmekkanischen Suren erscheint (95:6, 85:11 und 84:25) handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls um Einschübe (s. die Abschnitte Literarkritik zu Q 95, 85 und 84). Überdies weist 103:3 (ʾillă llaḏīna ʾāmanū ... wa-tawāṣau bi-l-ḥaqqi wa-tawāṣau bi-ṣ-ṣabr) große Ähnlichkeit mit 90:17 (ṯumma kāna mina llaḏīna ʾāmanū wa-tawāṣau bi-ṣ-ṣabri wa-tawāṣau bi-l-marḥamah) auf".





 

 

 

 

Gen 31,32 und Q 107,1 

Köln-Merkenich, am Freitag,
den 23. April 2021

 

Jaakob beteuert und gefährdet Leben:

‎עִ֠ם אֲשֶׁ֙ר תִּמְצָ֣א אֶת־אֱלֹהֶיךָ֘ לֹ֣א יִֽחְיֶה֒ נֶ֣גֶד אַחֵ֧ינוּ הַֽכֶּר־לְךָ֛ מָ֥ה עִמָּדִ֖י וְקַֽח־לָ֑ךְ וְלֹֽא־יָדַ֣ע יַעֲקֹ֔ב כִּ֥י רָחֵ֖ל גְּנָבָֽתַם׃

 (Gen. 31:32 WTT)

 

mE

bei wem du deine Gottheiten findest, nicht lebt er gegenüber unseren Brüdern. Finde heraus für dich, was bei mir ist und nimm mit dir; aber Jaakob wusste nicht, dass Rachel sie gestohlen hatte.

 

Buber/Rosenzweig:

bei wem du aber deine Götter findest, der soll nicht leben,

vor unsern Brüdern spür auf, was des Deinen bei mir ist, und nimm dirs.

Jaakob wußte aber nicht, daß Rachel sie gestohlen hatte.

 

van Dyke

.  ‎اَلَّذِي تَجِدُ آلِهَتَكَ مَعَهُ لاَ يَعِيشُ. قُدَّامَ إِخْوَتِنَا انْظُرْ مَاذَا مَعِي وَخُذْهُ لِنَفْسِكَ» . وَلَمْ يَكُنْ يَعْقُوبُ يَعْلَمُ أَنَّ رَاحِيلَ سَرَقَتْهَا (Gen. 31:32 AVD)

VOKABELN:

VERBEN 

جد , u - neu sein, ernst sein, sich bemühen;

عيش oder عاش - leben;

 نظر , u - blicken, untersuchen;

 سرق , i - stehlen.

NOMEN

اخ pl.   اخوة ichwa oder اخوان  - Bruder, Freund.

 

BEOBACHTUNGEN:

1

Die Septuaginta fügt - völlig unvermittelt in meinen Augen - einen erklärenden Satz ein, der sich mir nicht erschließt:

LXX ἐπίγνωθι τί ἐστιν τῶν σῶν παρ᾽ ἐμοί καὶ λαβέ καὶ οὐκ ἐπέγνω παρ᾽ αὐτῷ οὐθέν καὶ εἶπεν αὐτῷ Ιακωβ παρ᾽ ᾧ ἐὰν εὕρῃς τοὺς θεούς σου οὐ ζήσεται ἐναντίον τῶν ἀδελφῶν ἡμῶν (Gen. 31:32 BGT)

LXXD Erkenne wieder, was von dem Deinigen bei mir ist, und nimm es! Und er erkannte bei ihm nichts wieder. Und Jakob sagte: Bei wem du deine Götter findest, er wird nicht leben vor unseren Brüdern! 

 

2

Die Wendung "vor unseren Brüdern" beziehen sowohl die Septuaginta als auch Vulgata auf das Todesurteil Jaakobs:

VUL quod autem furti arguis apud quemcumque inveneris deos tuos necetur coram fratribus nostris (Gen. 31:32 VUL)

VULD Dass du 〈mich〉 aber des Diebstahls bezichtigst: Bei wem auch immer du deine Götter findest,

der soll vor unseren Brüdern getötet werden. 

Damit befinde ich mich nicht in schlechter Gesellschaft, aber ansonsten allein - alle anderen beziehen die Wendung aufs Durchsuchen, was ja auch Sinn macht, als Zeugen.

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am
Montag, den 26. April 2021

 

Q 107

 

بِسْمِ ٱللَّهِ ٱلرَّحْمَـٰنِ ٱلرَّحِيمِ 

 

mE

Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers.

Q 107,1

أَرَءَيْتَ ٱلَّذِى يُكَذِّبُ بِٱلدِّينِ

VOKABELN

VERB

رأى , a  - sehen;

كذب , i  - lügen, leugnen.

NOMEN

دين  pl. ديون  - Schuld; Religion, Glaube; Gericht.

PARTIKEL

أ  - Fragepartikel.

 

 

mE

Siehst du den, der lügt im Gericht?

 

PARET

Was meinst du wohl von dem, der das Gericht (das den Menschen angedroht ist) für Lüge erklärt?

 

KHOURY

Hast du den gesehen, der das Gericht für Lüge erklärt?

AL AZHAR

Siehst du (nicht) denjenigen, der das Gericht für Lüge erklärt?

 

GOLDSCHMIDT

Sahst du den, der das Weltgericht lügenhaft nennt?

 

NEUWIRTH

Was hältst du von dem, der den Gerichtstag leugnet?

 

BOBZIN

Siehst du wohl den, der das Gericht für Lüge erklärt?

 

KARIMI

Hast du gesehen, der leugnet das Gericht?

 

CORPUS CORANICUM

Was meinst du von dem, der das Gericht leugnet?

 

 

 

 

Gen 31,33 und Q 107,2 

Köln-Merkenich,
am Dienstag, den 27. April 2021

 

Labans Suche - für die Leserschaft spannend inszeniert:

‎וַיָּבֹ֙א לָבָ֜ן בְּאֹ֥הֶל יַעֲקֹ֣ב׀ וּבְאֹ֣הֶל לֵאָ֗ה וּבְאֹ֛הֶל שְׁתֵּ֥י הָאֲמָהֹ֖ת וְלֹ֣א מָצָ֑א וַיֵּצֵא֙ מֵאֹ֣הֶל לֵאָ֔ה וַיָּבֹ֖א בְּאֹ֥הֶל רָחֵֽל

 (Gen. 31:33 WTT)

 

mE

Und Laben ging in Jaakobs Zelt und Leas Zelt und ins Zelt beider Sklavinnen und fand nichts; er kam heraus aus Leas Zelt und ging in Rachels Zelt.

 

Buber/Rosenzweig

Laban kam in Jaakobs Zelt und in Leas Zelt und ins Zelt der zwei Mägde und fand nichts,

dann trat er aus Leas Zelt und kam in das Zelt Rachels.

 

van Dyke

.  ‎فَدَخَلَ لاَبَانُ خِبَاءَ يَعْقُوبَ وَخِبَاءَ لَيْئَةَ وَخِبَاءَ الْجَارِيَتَيْنِ وَلَمْ يَجِدْ. وَخَرَجَ مِنْ خِبَاءِ لَيْئَةَ وَدَخَلَ خِبَاءَ رَاحِيلَ  (Gen. 31:33 AVD)

VOKABELN

VERBEN

دخل  , u  - hineingehen;

 خرج - hinausgehen;

وجد  wagad,  يخد jagid  - finden.

NOMEN

خباء   pl. أخبئة - Zelt;

جار   pl. جيران - Nachbar, Schützling.

 

BEOBACHTUNGEN:

1 Zelt/Haus

Die Septuaginta verwandelt die Zelte in Häuser. Das erinnert mich an Luthers Übersetzung von Jh 1,14, wo es im Griechischen wörtlich heißt "Und der Logos wurde Fleisch, und er zeltete unter uns", Münchner Neues Testament, Luther aber übersetzt: "Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns". 

Das Leben in Zelten war den Alexandrinern zu simpel?

 

2 Verzögerung

Die Durchsuchung von Leas Zelt wird zweimal erzählt. Dies verzögernde, retardierende Element, ermöglicht eine besondere Spannung. Die Doppelung übergehen die Septuaginta und Hieronymus - und die beiden Gute Nachricht Übersetzungen, GN und GNB.

 

3 Nachtrag zu Gen 31,32

Wenn man die Wendung "gegenüber unseren Brüdern" zu "er lebt nicht" zieht, wie es die Septuaginta, Hieronymus und ich getan haben, dann eröffnet dies die Möglichkeit, dass der- oder diejenige, bei dem die Götterfiguren gefunden werden, nicht getötet, sondern verbannt wird. In der Antike die - für die Täter - mildere Form der Todesstrafe (s. Der neue Pauly 12/2, Sp. 24), wenn auch meistens im Ergebnis dasselbe, so wie es auch zur Zeit von den Marokkanischen Behörden im europäischen Auftrag gegenüber schwarzafrikanischen Flüchtlingen praktiziert wird.

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich,
am Mittwoch, den 28. April 2021

 

Q 107,2

فَذَٲلِكَ ٱلَّذِى يَدُعُّ ٱلْيَتِيمَ

VOKABELN

PARTIKEL

ذلك   f. تلك pl. أولائك  - jener.

VERB

 يدع ,  ودع   - niederlegen; II. Stamm (Verdoppelung des mittleren Konsonanten = Kausativ- oder Intensivform): Abschied nehmen, verabschieden.

NOMEN

يتيم  pl.   أيتام oder يتامى - Waise.

 

mE

Jener ist derjenige, der den Waisen verabschiedet.

 

PARET

Das ist der(selbe), der die Waise (von sich) wegstößt.

 

KARIMI/COPRUS CORANICUM

Das ist der, der die Waise wegstößt.

 

KHOURY

Das ist der, der die Waise zurückstößt.

 

ULLMANN/WINTER 

Dieser verstößt die Waise

 

HENNING

Er ist es, der die Waise wegstößt

 

NEUWIRTH

Er ist es auch, der die Waise wegstößt

 

GOLDSCHMIDT

Er ist es, der verstößt den Waisen.

 

BOBZIN reimt:

1 Sahst du wohl den, der das Gericht zur Lüge erklärt?

2 Ja, das ist der, der mit der Waise hart verfährt.

 

 

RÜCKERT reimt:

1. O siehst du den, der leugnet das Gericht?   

2. Er ists der hart mit einer Waise spricht, 

 

BEOBACHTUNGEN

Der Corpus Coranicum erläutert: "Statt yaduʿʿu wird auch die Lesart yadaʿu (von waḍaʿa) tradiert ( Muʿǧam, ad loc. )." Das würde meine Übersetzung stützen. Weiter heißt es: "Für die Mehrheitslesung yaduʿʿu spricht jedoch, dass das schärfere „wegstoßen“ inhaltlich angemessener scheint".

Tatsächlich finde ich im Lane, S. 881: 

"دَعَّهُ, aor. ـُ {يَدْعُعُ},  inf. n. دَعٌّ : He pushed him, thrust him, or drove him, away; he repelled him".

 

 

 

 

Gen 31,34 und Q 107,3 

Köln-Merkenich,
am Donnerstag, den 29. April 2021

 

 

Vaters Suche und Tochters Versteck:

‎וְרָחֵ֞ל לָקְחָ֣ה אֶת־הַתְּרָפִ֗ים וַתְּשִׂמֵ֛ם בְּכַ֥ר הַגָּמָ֖ל וַתֵּ֣שֶׁב עֲלֵיהֶ֑ם וַיְמַשֵּׁ֥שׁ לָבָ֛ן אֶת־כָּל־הָאֹ֖הֶל וְלֹ֥א מָצָֽא

 (Gen. 31:34 WTT)

 

mE

Aber Rachel hatte die Ahnengötter genommen und in die Kamelsatteltasche gesteckt; und sie saß auf ihm während Laban das gesamte Zelt durchsuchte und nichts fand.

 

Buber/Rosenzweig

Rachel aber hatte die Wunschlarven genommen und sie in den Sattelkorb des Kamels gelegt und sich darauf gesetzt.

Laban tastete all das Zelt ab und fands nicht.

 

van Dyke

.  ‎وَكَانَتْ رَاحِيلُ قَدْ أَخَذَتِ الأَصْنَامَ وَوَضَعَتْهَا فِي حِدَاجَةِ الْجَمَلِ وَجَلَسَتْ عَلَيْهَا. فَجَسَّ لاَبَانُ كُلَّ الْخِبَاءِ وَلَمْ يَجِدْ  (Gen. 31:34 AVD)

VOKABELN:

أخذ   , jachus  - nehmen;

 وضع - put;

جلس  , i - sich setzen auf etwas  عل, zu jemandem الى ;

جس  , jagussu  - befühlen, erkunden;

 وجد , jegid - finden.

NOMEN

صنم  pl. اصنام  - Götzenbild;

حِدَاجَةٌ - hier versagten meine Wörterbücher. Ich wurde im Lane fündig, dort fand ich: "see حِدْجٌ" und siehe da: "حِدْجٌ A certain thing upon which the women of the Arabs of the desert ride;" (Lane S. 529f).

 

BEOBACHTUNGEN

1

Hiernymus traut dem Kamelsattel nicht und lässt Rachel die Götterfiguren im Strohlager verstecken:

VUL  illa festinans abscondit idola subter stramen cameli et sedit desuper  (Gen. 31:34 VUL)

VULD eilte diese und versteckte die Götzenbilder unter dem Strohlager ihres Kamels und setzte sich darauf, 

2

Terafim, s. dazu die Beobachtungen zu Gen 31,19.

 

 

 

 

*

 

 

Q 107,3

وَلَا يَحُضُّ عَلَىٰ طَعَامِ ٱلۡمِسۡكِينِ

VOKABELN

VERB

حض, u - Im I. und II. Stamm (wie hier): anspornen, antreiben.

NOMEN

طعام  pl.  أطعمة - Speise.

ADJEKTIV

مسكين  pl.  مساكين - arm.

 

mE

und nicht anspornt zur Speise den Armen.

 

PARET

und (die Seinen?) nicht dazu anhält, dem Armen (etwas) zu essen zu geben.

 

KHOURY

und nicht zur Speisung des Bedürftigen anhält.

AL AZHAR / 

CORPUS CORANICUM

und nicht zur Speisung des Armen anhält.

 

NEUWIRTH

und nicht zur Speisung der Armen anhält.

 

GOLDSCHMIDT

Und treibt nicht an zur Speisung des Armen.

 

ULLMANN/WINTER

und spornt niemanden an, den Armen zu speisen.

 

HENNING

und nicht zur Speisung des Armen anspornt.

 

KARIMI

und nicht zur Armenspeisung antreibt.

 

BOBZIN reimt weiter:

1 Sahst du wohl den, der das Gericht zur Lüge erklärt?

2 Ja, das ist der, der mit der Waise hart verfährt.

3 und der nicht zu spenden anspornt, was den Armen nährt.

 

RÜCKERT reimt genial:

1 O siehst du den, der leugnet das Gericht?   

2 Er ists der hart mit einer Waise spricht, 

3 Und treibt zur Armenspeisung nicht. 

 

BEOBACHTUNGEN:

Zu den Versen 2 und 3 ist im Corpus Coranicum zu lesen:

"Die drei Elemente Speisung – Waise – Armer tauchen in früh- und mittelmekkanischer Zeit auch noch in dem Tugendkatalog 90:13–16 auf, Waisen und Arme noch in 89:17.18 (kallā bal lā tukrimūna l-yatīm / wa-lā taḥāḍḍūna ʿalā ṭaʿāmi l-miskīn) und Waisen und Bettler in 93:9 (fa-ʾammă l-yatīma fa-lā taqhar / wa-ʾammă s-sāʾila fa-lā tanhar); vgl. a. 69:34 (wa-lā yaḥuḍḍu ʿalā ṭaʿāmi l-miskīn) und 74:44 (wa-lam naku nuṭʿimu l-miskīn). Es handelt sich dabei also um einen schon früh im Koran auftretenden sozialkritischen Topos. Auf ähnlich stereotype Weise können in der hebräischen Bibel „Witwe und Waise“ (s. Exodus 22:21.22, Deuteronomium 14:29, Maleachi 3:5) und „arm und elend“ (ʿonī we-eḇyôn; z. B. Jeremia 22:16, Ezechiel 18:12, 22:29) kombiniert werden. Die Verdienstlichkeit karitativer Taten und insbesondere der Speisung von Armen wird aber auch im Neuen Testament betont, u. a. in der bekannten Passage Matthäus 25:35 ff., wo sie – wie in der vorliegenden Sure – in einen eschatologischen Zusammenhang gestellt wird: Beim Jüngsten Gericht redet der Menschensohn die Seligen mit den Worten an: „Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; / ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben ...“"

Im Weiteren wird ausgeführt:

" V. 1–3 stellen damit die beständige Gewärtigung des eschatonals Voraussetzung gesellschaftlicher Solidarität dar"

Angelika Neuwirth verweist auch auf Vorbilder "in der monastischen Frömmigkeit" (Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 136)

 

 

 

 

Gen 31,35 und Q 107,4 

Köln-Merkenich,
am Freitag, den 30. April 2021

 

 

Was Rachel aussitzt:

‎וַתֹּ֣אמֶר אֶל־אָבִ֗יהָ אַל־יִ֙חַר֙ בְּעֵינֵ֣י      אֲדֹנִ֔י כִּ֣י ל֤וֹא אוּכַל֙ לָק֣וּם מִפָּנֶ֔יךָ כִּי־דֶ֥רֶךְ      נָשִׁ֖ים לִ֑י וַיְחַפֵּ֕שׂ וְלֹ֥א מָצָ֖א אֶת־הַתְּרָפִֽים׃

 (Gen. 31:35 WTT)

 

mE

Und sie sprach zu ihrem Vater: Es werde doch nicht heiß in den Augen meines Herrn, denn nicht vermag ich aufzustehen vor deinem Angesicht, denn ein Weg der Frauen ist mir. Und er forschte aber fand die Ahnengötter nicht.

 

Buber/Rosenzweig

Sie sprach zu ihrem Vater:

Nimmer entflamme es die Augen meines Herrn, daß ich vor dir nicht aufzustehn vermag,

denn mir ist nach der Art der Weiber.

Er durchstöberte und fand die Wunschlarven nicht.

 

van Dyke

.   ‎وَقَالَتْ لأَبِيهَا: «لاَ يَغْتَظْ سَيِّدِي      أَنِّي لاَ أَسْتَطِيعُ أَنْ أَقُومَ أَمَامَكَ لأَنَّ عَلَيَّ      عَادَةَ النِّسَاءِ» . فَفَتَّشَ وَلَمْ يَجِدِ الأَصْنَامَ  (Gen. 31:35 AVD)

VOKABELN:

VERBEN 

غيظ , i  oder  غاظ - II. und IV. Stamm: wütend machen, erzürnen; HIER VIII. Stamm: "اغتاظ" - wütend, zornig werden;

 أستطاع - können;

فتش  - II. Stamm: untersuchen.

NOMEN

عادة  pl. عادات - Gewohnheit, Sitte, Regel (der Frauen).

 

BEOBACHTUNGEN

1

Was Luther und andere vornehm mit "es geht mir nach der Frauen Weise" ausdrücken, übersetzt Mendelssohn mit "Weiberschwachheit". Die Bearbeitung von Annette Böckler macht dies rückgängig und übersetzt wie die Mehrheit B/M "Weise der Frauen". Die GN, GNB und BB übersetzen schlicht "meine Tage", s. van Dyke.

Jehuasch übersetzt:

 SBJ 

2

Hieronymus wertet:

VUL sic delusa sollicitudo quaerentis est (Gen. 31:35 VUL)

VULD So wurde die Sorgfalt des Suchenden getäuscht.  

 

 

 

 

*

 

 

Q 107, 4

فَوَيۡلٌۭ لِّلۡمُصَلِّينَ

VOKABELN

NOMEN

 ويل  oder ويلة - Unheil, Weh;

 مطل - Betende(r).

 

mE

Und ein Weh für die Betenden

 

GOLDSCHMIDT/ PARET/ KHOURY/ KARIMI/ CORPUS CORANICUM

Wehe den Betenden

 

ULLMANN

Wehe denen, welche zwar beten

 

HENNING

Wehe denn den Betenden

 

NEUWIRTH

Wehe also den Betern

 

BOBZIN

Ja, wehe den Betern

 

RÜCKERT

Weh dem, der sein Gebet spricht,

 

 

 

P. S. :

Vor wenigen Tagen hörte ich in der Kölner Melanchthon-Akademie online einen Vortrag von SUSANNAH HESCHEL über "Jüdischen Islam": So der Titel eines von ihr 2018 veröffentlichten Buches über jüdische Islamwissenschaftler der letzten zwei Jahrhunderte. Diese begründeten in Deutschland die Islamwissenschaft. Mit der deutschen Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden 1933-1945 wurde eine ganze Generation dieser Schulbildung ins Ausland getrieben oder ermordet. Zu den Gründervätern gehört auch Ludwig Ullmann. 

 

ULLMANN

Er veröffentlichte 1840 seine Koranübersetzung. Ich entdeckte, dass ich eine Ausgabe davon besaß: Ohne weitere Angaben herausgegeben vom Goldmann-Verlag 1959 in der 7. Auflage, bearbeitet und erläutert von Leo Winter.

Diese und noch drei weitere ziehe fortan ich mit zu Rate: 

 

HENNING

Die Übersetzung von Max Henning , 1861-1927, erschien 1901 im Reclam Verlag. Dadurch wurde sie sehr bekannt.Die Ausgabe, die mir  vorliegt wurde überarbeitet und eingeleitet von Murad Wilfried Hofmann, 1931-2020, und 2006 in Istanbul gedruckt.

 

KARIMI

Ahmad Milad Karimi veröffentlichte  2008 eine Koranübersetzung, die 2014 in zweiter Auflage der Studienausgabe im Herder-Verlag erschien, versehen mit einem Nachwort von  Bernhard Uhde und des Übersetzers. 

       

RÜCKERT

Friedrich Rückerts (1788-1866) Koranübersetzung ist  vielleicht die bemerkenswerteste von allen. Sie ahmt die Reime der arabischen Vorlage kongenial nach. Die Anfänge der Übersetzungen reichen in die Jahre 1819-1826 zurück. Im Netz unter: http://12koerbe.de/bienengold/islam3.htm#107

Hartmut Bobzin gab diese Übersetzung 1995 neu heraus. Dies war der Anlass zu seiner eigenen Übertragung.

 

 

 

 

Gen 31,36 und Q 107,5 

Köln-Merkenich, am 
Montag, den 3. Mai 2021

 

 

Jaakob sieht rot:

‎וַיִּ֥חַר לְיַעֲקֹ֖ב וַיָּ֣רֶב בְּלָבָ֑ן וַיַּ֤עַן יַעֲקֹב֙ וַיֹּ֣אמֶר לְלָבָ֔ן מַה־פִּשְׁעִי֙ מַ֣ה חַטָּאתִ֔י כִּ֥י דָלַ֖קְתָּ אַחֲרָֽי׃ 

 (Gen. 31:36 WTT)

 

mE

Aber Jaakob erhitzte und stritt mit Laban und Jaakob entgegnete und sprach zu Laban: Was ist mein Vergehen, was ist meine Sünde, dass du entbranntest hinter mir her?

 

Buber/Rosenzweig

Jaakob flammte auf und bestritt Laban,

Jaakob antwortete, er sprach zu Laban:

Was ist meine Abtrünnigkeit, was meine Versündigung,

daß du hetzest hinter mir her?

 

van Dyke

؟   ‎فَاغْتَاظَ يَعْقُوبُ وَخَاصَمَ لاَبَانَ. وَأجَابَ يَعْقُوبُ وَقَالَ لِلاَبَانَ: «مَا جُرْمِي؟ مَا خَطِيَّتِي حَتَّى حَمِيتَ وَرَائِي (Gen. 31:36 AVD)

VOKABELN

VERBEN

غيظ , i  oder  غاظ - II. und IV. Stamm: wütend machen, erzürnen; HIER VIII. Stamm: "اغتاظ" - wütend, zornig werden;

خصم , i - im Streit besiegen; subtrahieren [!]; HIER: III: Stamm: streiten, prozessieren;

جوب oder جاب - (durch)wandern, durchqueren; HIER: IV. Stamm (und III. Stamm): antworten;

 جرم  - Verbrechen begehen;

 خطى - irren, (einen) Fehler begehen;

حمى  , i - schirmen, beschützen; heiß werden, wütend werden.

NOMEN

جرم  gurm oder garam  pl.  أجرام  - Verbrechen, Sünde.

PARTIKEL

حتى  - als Präposition: bis, bis zu; als Konjunktion: dass, so dass; damit, sogar, selbst;

 وراء - hinter.

 

 

 

 

*

 

 

Q 107,5

ٱلَّذِينَ هُمۡ عَن صَلَاتِهِمۡ سَاهُونَ

VOKABELN

VERB

سهو   oder  سها  - unaufmerksam sein;

ADJEKTIVE

سهوان   - zerstreut, vergesslich;

ساه  constr. ساهى - unaufmerksam, nachlässig, zerstreut.

NOMEN

صلاة  pl.  صلوات - Gebet.

PARTIKEL

عن   - Präposition: von, von - weg; auf Grund von.

 

mE

diejenigen, ihr, auf Grund von eurem Gebet, unaufmerksam

 

ULLMANN

aber nachlässig beim Gebete sind

 

RÜCKERT reimt weiter:

1. O siehst du den, der leugnet das Gericht?   

2. Er ists der hart mit einer Waise spricht,   

3. Und treibt zur Armenspeisung nicht.   

4. Weh dem, der sein Gebet spricht,   

5. Und merkt auf sein Gebet nicht,

 

HENNING

Die in ihren Gebeten nachlässig sind,

 

GOLDSCHMIDT

die nachlässig sind bei ihrem Gebet.

 

PARET

die auf ihr Gebet nicht achten

 

KHOURY

die auf ihr Gebet nicht achtgeben,

 

NEUWIRTH

die ihr Gebet nicht ernst nehmen,

 

KARIMI

die aber auf ihr Gebet nicht achten,

 

BOBZIN

die ihr Gebet nicht ehren,

 

CORPUS CORANICUM

die nicht auf ihr Gebet achtgeben,

 

 

 

 

Gen 31,37 und Q 107,6 

Köln-Merkenich, am
Dienstag, den 4. Mai 2021

 

Jaakob verlangt sein Recht:

 

‎כִּֽי־מִשַּׁ֣שְׁתָּ אֶת־כָּל־כֵּלַ֗י מַה־מָּצָ֙אתָ֙ מִכֹּ֣ל כְּלֵי־בֵיתֶ֔ךָ שִׂ֣ים כֹּ֔ה נֶ֥גֶד אַחַ֖י וְאַחֶ֑יךָ וְיוֹכִ֖יחוּ בֵּ֥ין שְׁנֵֽינוּ׃

 (Gen. 31:37 WTT)

 

 

mE

Denn du hast all mein Zeug durchstöbert, was hast du gefunden von deinem ganzen Hauszeug?

Nimm jetzt Platz gegenüber meinen Brüdern und deinen Brüdern und sie mögen richten zwischen uns beiden!

 

 

Buber/Rosenzweig

 - daß du abtastest all mein Gerät?

was hast du von all deinem Hausrat gefunden?

legs hierher vor meine Brüder und deine Brüder,

daß sie entscheiden zwischen uns zweien!

 

 

van Dyke

.  ‎إِنَّكَ جَسَسْتَ جَمِيعَ أَثَاثِي. مَاذَا وَجَدْتَ مِنْ جَمِيعِ أَثَاثِ بَيْتِكَ؟ ضَعْهُ ههُنَا قُدَّامَ إِخْوَتِي وَإِخْوَتِكَ، فَلْيُنْصِفُوا بَيْنَنَا لاثْنَيْنِ  (Gen. 31:37 AVD)

VOKABELN

VERBEN

جس  , jagussu  - befühlen, erkunden; 

وجد  wagad,  يخد  jagid  - finden;

وضع - put;

نصف , u - die Mitte erreichen.

NOMEN

أثاث - Einrichtung, Möbel;

اخ  pl.   اخوة - Bruder.

PARTIKEL/ADVERBIEN

جميع - ganz, alle;

هنا  oder (s. Wehr S. 1213) ههنا - hier;

ل - Bekräftigungs- bzw. Schwurpartikel; damit, um.

 

 

 

BEOBACHTUNGEN:

Der Imperativ  שִׂ֣ים von  שׂים , setzen, stellen, legen, ist ohne eine Präposition. Ich habe es auf Laban bezogen. Alle anderen beziehen ihn auf die gesuchten Gegenstände, kommen aber nicht ohne eine Erweiterung aus. KJV und NAS machen diese in ihrer Übersetzung durch Schrägdruck kenntlich KJV/NAS "set it". So gelesen, wird Jaakobs Aufforderung zu einer Provokation.

Mendelssohn ist die Ausnahme, er nimmt es so wie es da steht: "Lege her" - und macht trotzdem deutlich, was gemeint ist.

Interessant ist die arabische Übersetzung von  ‎יוֹכִ֖יחוּ , von יכח  , rechten, im hifil, wie hier, richten. Van Dyke übersetzt mit Hilfe des Verbes "nasaf": "die Mitte finden"! 

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am
Mittwoch, den 5. Mai 2021

 

Q 107,6

ٱلَّذِينَ هُمْ يُرَآءُونَ

VOKABEL

رأى  , يرى - sehen.

 

 

mE

diejenigen, die gesehen werden

 

 

ULLMANN/ KHOURY/ NEUWIRTH/ CORPUS CORANICUM

und nur gesehen werden wollen

 

RÜCKERT

Will nur, dass ihr ihn seht,

 

HENNING

Die nur dabei gesehen werden wollen

 

GOLDSCHMIDT

Die nur gesehen sein wollen.

AL AZHAR

denjenigen, die dabei (nur) gesehen werden wollen;

 

PARET

die (von den Leuten) gesehen werden wollen

 

KARIMI

ja, wie wollen nur gesehen werden

 

BOBZIN reimt

4 Ja, wehe den Betern

5 die ihr Gebet nicht ehren,

6 die nur gesehen zu werden begehren,

 

 

ANMERKUNGEN

Das Corpus Coranicum verweist auf eine sogar sprachliche Parallele zu Mt 6,5:

"Gegen eine äußerliche Verrichtung des Gebets polemisiert schon Matthäus 6:5: „Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuchler. Sie stellen sich beim Gebet gern in die Synagogen und an die Straßenecken, damit sie von den Leuten gesehen werden (ὅπως φανῶσιν τοῖς ἀνθρώποις = 107:6: allaḏīna hum yurāʾūn)“ ( Rudolph 1922, 13, 16 ; ...)."

Der Literaturhinweis bezieht sich auf:

Wilhelm Rudolph: Die Abhängigkeit des Qorans von Judentum und Christentum, Stuttgart 1922.

 

 

 

 

Gen 31,38 und Q 107,7 

Köln-Merkenich, am
Donnerstag, den 6. Mai 2021

 

Jaakobs ganze Enttäuschung tritt ans Tageslicht:

 

‎זֶה֩ עֶשְׂרִ֙ים שָׁנָ֤ה אָנֹכִי֙ עִמָּ֔ךְ רְחֵלֶ֥יךָ וְעִזֶּ֖יךָ לֹ֣א שִׁכֵּ֑לוּ וְאֵילֵ֥י צֹאנְךָ֖ לֹ֥א אָכָֽלְתִּי׃

  (Gen. 31:38 WTT)

 

 

mE

Diese zwanzig Jahr war ich mit dir, deine Mutterschafe und deinen Ziegen haben nicht fehlgeworfen und Widder des Kleinviehs habe ich nicht gegessen.

 

 

Buber/Rosenzweig

Zwanzig Jahre nun bin ich bei dir:

deine Mutterschafe, deine Ziegen haben nicht fehlgeworfen;

die Widder deiner Tierzucht habe ich nicht gegessen;

 

 

van Dyke

. ‎اَلآنَ عِشْرِينَ سَنَةً أَنَا مَعَكَ. نِعَاجُكَ وَعِنَازُكَ لَمْ تُسْقِطْ، وَكِبَاشَ غَنَمِكَ لَمْ آكُلْ  (Gen. 31:38 AVD)

Heute mit ganz seltenen VOKABELN, der LANE half weiter!

VERB

سقط  - fallen; LANE 1380: fehlgebären.

NOMEN

نعجه  pl.  نعاج oder نعجات  LANE 2815: Mutterschaf;

عنز  oder  عنزة  pl.  عناز oder أعنز   oder عنوز   LANE 2713: Ziege;

كبش  pl.  كباش  - Widder;

غنم  pl.  أغنام - Schafe, Kleinvieh.

 

 

BEOBACHTUNGEN

Das Verb, שִׁכֵּ֑לוּ , von שׁכל  , schachal,  seiner Kinder beraubt werden und in der Intensivform (Piel), Kinder berauben, Miss- oder Fehlgeburt verursachen oder haben übersetzt Mendelssohn kongenial:

M Diese zwanzig Jahre, die ich bei dir gewesen, haben deine Schafe und Ziegen nicht verlammet

Annette Boeckler, die Bearbeiterin von Mendelssohn Bibelübersetzung, hat das in ihrer Neuausgabe leider rückgängig gemacht:

B/M haben deine Schafe und Ziegen nicht fehlgeworfen.

Jehoasch übersetzt mit    

*

 

 

Köln-Merkenich, am
Freitag, den 7. Mai 2021

 

 

Q 107,7

وَيَمۡنَعُونَ ٱلۡمَاعُونَ

VOKALBELN

VERB

منع - hindern, abhalten.

NOMEN

 ماعون pl.  مواعين - Gefäß, Gerät;

[ معونة - Hilfe, Unterstützung  <  عون im III. und IV. Stamm: helfen, beistehen; s. u. Kommentar von Nöldeke!]

 ماعون - NADWI, S. 630: "common necessaries, small kindnesses" [- ohne weitere Angaben!]

 

mE

und sie hindern die Hilfe

 

RÜCKERT

6. Will nur daß ihr ihn seht, 

7. Und weigert das Geräth.

 

ULLMANN

und die, welche dem Notleidenden die Zuflucht (Almosen) versagen.

 

HENNING

Und Hilfe versagen

 

GOLDSCHMIDT

Und verweigern die Unterstützung.

 

PARET

und die Hilfeleistung (auf die jeder Anspruch hat?) verweigern!

 

KHOURY

und die Hilfeleistung verwehren.

 

BOBZIN

4 Ja, wehe den Betern

5 die ihr Gebet nicht ehren,

6 die nur gesehen zu werden begehren,

7 die Hilfeleistung aber verwehren!

 

KARIMI/ NEUWIRTH/ CORPUS CORANICUM

und die Hilfeleistung verweigern!

 

KOMMENTARE

1

Das Nomen ٱلۡمَاعُونَ, almaAun, bereitet Schwierigkeiten, s. Rückert. 

Der Begründer der Islamwissenschaft, Abraham Geiger, 1810-1874, Rabbiner in Bonn, Breslau und Frankfurt, veröffentlichte 1833 seine Dissertation "Was hat Mohammed aus dem Judenthume aufgenommen?" Er erkennt darin einen Hebraismus, S. 58. Dies eröffnete ein neues Verständnis des Verses:

ANGELIKA NEUWIRTH, Frühmekkanische Suren, S 137, und das CORPUS CORANICUM setzten sich in gleicher Weise mit Geiger auseinander. Sie bestätigen den Hebraismus und fassen zusammen:

 

CORPUS CORANICUM:

"Geiger leitet den Ausdruck māʿūn von hebr. māʿôn, „Wohnung“ und auch „Zuflucht“, her und übersetzt V. 7 entsprechend mit „sie verweigern die Obhut“ bzw. „sie geben keinem Hülfesuchenden ein Obdach“. Nöldeke (1910, 28) akzeptiert Geigers Ableitung, lehnt jedoch die Annahme ab, das arabische Wort müsse notwendigerweise dieselbe Bedeutung wie der etymologisch zugrundeliegende hebräische Ausdruck bewahrt haben. Als Beleg zitiert er einen Vers von al-Aʿšā Maimūn, in dem es über den Gelobten heißt, kein „schäumender Euphratkanal“ sei „verschwenderischer als er mit seinen Wohltaten“, bi-ʾaǧwada minhu bi-māʿūnihī; s. TUK, Nr. 180). Der ursprünglich aus dem Hebräischen stammende Ausdruck māʿūn hatte also offenbar bereits in vorkoranischer Zeit die Bedeutung „Wohltat“, „Spende“ o. Ä. angenommen. Nöldekes Position hat sich auch Rhodokanakis angeschlossen, der die eigenständige Bedeutungsentwicklung von arab. māʿūn durch Interferenz mit arab. maʿūna (von ʿ-w-n) erklären will ( Rhodokanakis 1911, 67 f. ). Gleichwohl ist nicht auszuschließen, daß die koranische Verwendung des Ausdrucks bewußt den Anklang an hebräisch māʿôn sucht."

 

2

Auffällig ist die Ähnlichkeit der verwendeten Wörter. Dazu das CORPUS CORANICUM:

"Im Schlussvers sticht die kaum zufällige Wurzelähnlichkeit zwischen māʿūn und dem Verb manaʿa hervor, die zwei unterschiedliche Permutationen desselben Konsonantenbestandes (m-n-ʿ / m-ʿ-n) enthalten; die Verwendung des hapax legomenonmāʿūn (zur Etymologie s. o.) anstelle eines gängigeren Begriffes ist sicherlich auch durch diese Assonanz motiviert. Der Gegensatz zwischen der eigentlich gebotenen „Hilfeleistung“ und ihrer faktischen „Verwehrung“ wird so durch eine sprachliche Ähnlichkeit der betreffenden Worte hervorgehoben".

 

 

 

 

Gen 31,39 und Q 107 

 


Jaakob klagt und weist auf einen Widerspruch hin:

‎טְרֵפָה֙ לֹא־הֵבֵ֣אתִי אֵלֶ֔יךָ אָנֹכִ֣י אֲחַטֶּ֔נָּה מִיָּדִ֖י תְּבַקְשֶׁ֑נָּה גְּנֻֽבְתִ֣י י֔וֹם וּגְנֻֽבְתִ֖י לָֽיְלָה׃ 

 (Gen. 31:39 WTT)

 

mE

Zerrissene Tierteile brachte ich dir nicht; ich selbst ersetzte sie; von meiner Hand forderdest du Gestohlenes tags und Gestohlenes nachts.

 

Buber/Rosenzweig:

Zerrißnes brachte ich dir nicht, stets habe ichs selber versühnt,

aus meiner Hand konntest du fordern, Gestohlnes bei Tag, Gestohlnes bei Nacht.

 

van Dyke

.  ‎فَرِيسَةً لَمْ أُحْضِرْ إِلَيْكَ. أَنَا كُنْتُ أَخْسَرُهَا. مِنْ يَدِي كُنْتَ تَطْلُبُهَا. مَسْرُوقَةَ النَّهَارِ أَوْ مَسْرُوقَةَ للَّيْلِ  (Gen. 31:39 AVD)

VOKALBELN:

VERBEN

حضر  - anwesend sein, kommen zu +الى ;

 خسر ,a   - verlieren;

 طلب , u - suchen, fordern;

سرق  , i  - stehlen, (etwas) rauben +ه; HIER: Partizip Passiv:  مسروق - gestohlen.

NOMEN

فريسة  pl.  فرائس  - Beute, Opfer.

ADJEKTIV

  - gestohlen.

 

BEOBACHTUNGEN:

Für das "ersetzen", Piel (Intensivform) von חטא, chata, fehlen, fand Mendelssohn eine schöne Formulierung:

M Zerrissenes habe ich dir nicht gebracht, ich musste es missen.

ZUNZ übersetzt: Zerrissenes bracht' ich dir nicht heim, ich  musst' es büßen

Die Gute Nachricht führt ausführlich aus:

GN/GNB     Wenn ein Schaf von Raubtieren gerissen wurde, durfte ich es nicht zu dir bringen, um meine Unschuld zu beweisen; ich musste es ersetzen, ganz gleich, ob es bei Tag oder bei Nacht geraubt worden war. 

Ähnlich die Basisbibel, etwas zurückhaltender:

BB Wenn Raubtiere ein Herdentier gerissen hatten, habe ich es dir nicht gebracht, sondern es ersetzt. Du hast sogar Entschädigung verlangt,wenn ein Tier tagsüber oder nachts geraubt worden war.

KORAN

Aus gegebenem Anlass, sei darauf hingewiesen, dass ich mich mit Koranstellen befasse, in denen mir bei meiner ersten Lektüre vor siebzehn Jahren die Thematik  "Barmherzigkeit" begegnete. Es ist für die, die mit dem Koran nicht so vertraut sind, eine Einladung zum Kennenlernen!

Da der Überblick in der versweisen Übersetzung leicht verloren gehen kann, hier am Ende der zuletzt übersetzten Sure diese in einer Synopse der zur Rate gezogenen Übersetzungen:

Köln-Merkenich, am Montag, den 10. Mai 2021

 

P.S.: Zu der merkwürdigen Form  ٱلۡمَاعُونَ , almaAAun. Die ursprüngliche Bedeutung "Obdach, Haus" scheint auf alles übergegangen zu sein, was mit dem Haus zu tun hat, also "Hausrat", später "Gerät". Hier eine weitere interessante Beobachtung. Nikolaus RHODKANAKIS, 1876-1945, geboren in Alexandria, führt in einer Rezension zu Nöldekes zitierten Aufsatz aus:

Gen 31,40 und Q 89,1 

Köln-Merkenich, am
Dienstag, den 11. Mai 2021

 

 

Jaakobs harter Alltag findet Worte:

‎הָיִ֧יתִי בַיּ֛וֹם אֲכָלַ֥נִי חֹ֖רֶב וְקֶ֣רַח      בַּלָּ֑יְלָה וַתִּדַּ֥ד שְׁנָתִ֖י מֵֽעֵינָֽי׃

 (Gen. 31:40 WTT)

 

mE

Am Tag zehrte mich Dürre auf und Frost nachts und mein Schlaf floh von meinen Augen.

 

Buber/Rosenzweig

So wars mit mir:

des Tags verzehrte mich die Hitze, der Frost des Nachts,

mein Schlaf entsank meinen Augen.

 

van Dyke

. ‎كُنْتُ فِي النَّهَارِ يَأْكُلُنِي الْحَرُّ وَفِي      اللَّيْلِ الْجَلِيدُ، وَطَارَ نَوْمِي مِنْ عَيْنَيَّ  (Gen. 31:40 AVD)

VOKABELN

VERB

طير   oder  طار , i - fliegen, eilen.

NOMEN

حر  - Hitze;

 جليد - Eis.

 

BEOBACHTUNGEN:

1 Vorspruch

Nur wenige haben den Vorspruch mit übersetzt, allerdings dann immer mit Ergänzungen, die verschiedentlich auch kenntlich gemacht werden (Kursive oder Klammern):

KJV NAS Thus I was

ESV There I was

EIN So ging es bei mir

ELB <So> erging es mir = BiG, aber ohne Hinweise

SCH Es ging mir so:

NL Het is zo met mij geweest

B/R So wars mit mir

Bereits die Septuaginta und Hieronymus lassen es aus, aber z. B. auch Mendelssohn, B/M und Zunz und  auch Jehuasch.

 

2 Essen

Die Hitze isst einen auf. Dieses krasse Bild vermitteln neben van Dyke mit dem gleichen Verb wie im Hebräischen

KJV (ESV NAS) the drought (heat) consumed me

LSG La cahleur me dévorait

EIN BiG fraß mich die Hitze

ELB ZUR M B/M ZUNZ B/R mE verzehrte mich

D83 D92 blev jeg fortæret af heden - "wurde ich verzehrt"

 

3 der Schlaf flieht

Der Schlaf wird als eine aktive Größe geschildert - er flieht.

Er ist aktiv auch bei Hieronymus

VUL fugiebat somnus ab oculis meis 

VULD der Schlaf floh vor meinen Augen 

NAS ESV my sleep fled from my eyes

LSG le sommeil fuyait de mes yeux

EIN (ELB SCH) ZUR der Schlaf floh meine (von meinen) Augen

NL de slaap van mijn ogen week

D92 søvnen flygtede fra mine øjne

Der Septuaginta passt anscheinend die Eigenständigkeit des Schlafes nicht, sie übersetzte abschwächend

LXX ἀφίστατο ὁ ὕπνος ἀπὸ τῶν ὀφθαλμῶν μου

LXXD Schlaf war fern von meinen Augen

LUT L17 kein Schlaf kam in meine Augen

D83 kendte ikke til søvn

BB GN GNB fankd keinen Schlaf

BiG Schlaf fehlte meinen Augen

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am
Mittwoch, den 12. Mittwoch 2021

 

Q 89

بِسْمِ ٱللَّهِ ٱلرَّحْمَـٰنِ ٱلرَّحِيمِ

 

mE

Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers.

Vgl. Mail vom 19.02.2021 zu Gen 31,16 und Q 93

Q 89,1

وَٱلْفَجْرِ

VOKABELN

NOMEN

فرج  - Morgendämmerung; Anbruch, Anfang.

PARTIKEL

 و - und; während; Schwurpartikel + Genitiv.

 

mE

Bei Während der Morgendämmerung

 

HENNING/ KHOURY/ KARIMI

Bei der Morgenröte

 

GOLDSCHMIDT

Beim Tagesanbruch

 

ULLMANN/ PARET/ AL AZHAR/ BOBZIN

Bei der Morgendämmerung

 

NEUWIRTH

Beim Morgenanbruch

 

CORPUS CORANICUM

Beim Tagesanbruch

 

ANMERKUNGEN

Angelika Neuwirth weist darauf hin (Frühmekkanische Suren, S. 204), dass der Morgen bereits im Psalter eine Gebetszeit ist: Ps 119,147f: 

"147 Ich komme in der Frühe und rufe um Hilfe; auf dein Wort hoffe ich.

 148 Ich wache auf, wenn's noch Nacht ist, nachzusinnen über dein Wort." (L17)

Dies Morgengebet "entspricht dem jüdischen shaharit-Gebet ebenso wie dem christlichen orthros." (204)

Zu ORTHROS s. https://de.wikipedia.org/wiki/Orthros

Zum jüdischen Morgengebet SCHACHARIT (< schachar, Morgenröte), s. https://www.talmud.de/tlmd/das-morgengebet-fuer-werktage/

 

 

 

 

Gen 31,41 und Q 89,2 

Köln-Merkenich, am
Montag, den 17. Mai 2021

 

 

Jaakob zählt zusammen:

‎זֶה־לִּ֞י עֶשְׂרִ֣ים שָׁנָה֘ בְּבֵיתֶךָ֒ עֲבַדְתִּ֜יךָ אַרְבַּֽע־עֶשְׂרֵ֤ה שָׁנָה֙ בִּשְׁתֵּ֣י בְנֹתֶ֔יךָ וְשֵׁ֥שׁ שָׁנִ֖ים בְּצֹאנֶ֑ךָ וַתַּחֲלֵ֥ף אֶת־מַשְׂכֻּרְתִּ֖י עֲשֶׂ֥רֶת מֹנִֽים׃

 (Gen. 31:41 WTT)

 

mE

So ist mir: Zwanzig Jahr diente ich dir in deinem Haus, vierzehn Jahr für deine zwei Töchter und sechs Jahr für dein Kleinvieh und du vertauschtest meinen Lohn zehnmal!

 

Buber/Rosenzweig

Zwanzig Jahre nun sinds mir in deinem Haus,

vierzehn Jahre habe ich um deine zwei Töchter dir gedient, sechs Jahre um deine Tiere,

und zehnmal hast du meinen Lohn geändert.

 

van Dyke

.‎اَلآنَ لِي عِشْرُونَ سَنَةً فِي بَيْتِكَ. خَدَمْتُكَ أَرْبَعَ عَشَرَةَ سَنَةً بَابْنَتَيْكَ، وَسِتَّ سِنِينٍ بِغَنَمِكَ. وَقَدْ غَيَّرْتَ أُجْرَتِي عَشَرَ مَرَّاتٍ  (Gen. 31:41 AVD)

VOKABELN

VERBEN

غير   oder غار - eifersüchtig sein; II. STAMM: ändern, wechseln, tauschen;

أجر  , u - belohnen, II. und IV. STAMM: vermieten, verpachten.

NOMEN

 أجر  pl.  أجور - Lohn;

 اجرة  ugra - Miete, Gebühr, Porto.

 

BEOBACHTUNGEN:

1 gedient

In meiner Übersetzung zog ich das definite Verb "gedient" zu den zwanzig Jahren. Buber/Rosenzweig und mit ihm alle jüdischen Übersetzungen - M B/M ZUNZ, die jiddische SBJ und bereits die LXX LXXD - beziehen es auf die vierzehn Jahre für die Töchter Labans. Dem folgen die englischen und französischen Ausgaben - KJV NAS ESV LSG BFC, die niederländische NL und die dänische von 1992 D92. Auch einige deutsche Übersetzungen: ELB GN GNB BiG.

Mit meiner Version stehe ich dennoch nicht allein. So hat Hieronymus bereits den Vers verstanden und ihm folgen LUT L17 EIN SCH ZUR BB und die ältere dänische Bibelübersetzung D83. Als Beispiel:

L17 So habe ich diese zwanzig Jahre in deinem Hause gedient, 

 

2 Lohn

Die Septuaginta hat das zehnnmalige Wechseln des Lohnes nicht so stehenlassen können (wie schon in Gen 31,7 LXX). Es wird in der Erzählung zuvor auch so nicht vermittelt. Stattdessen schreiben die Alexandriner:

LXX καὶ παρελογίσω τὸν μισθόν μου δέκα ἀμνάσιν (Gen. 31:41 BGT)

LXXD und du hast meinen Lohn um zehn Lämmer falsch berechnet

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am
Dienstag, den 18. Mai 2021

 

Q 89,2

وَلَيَالٍ عَشْرٍ

VOKALBEL

NOMEN

ليلة  pl.  ليال lijaliln oder lijalat - Nacht, Abend.

 

mE

Bei zehn Abenden

 

ULLMANN/ WINTER / KARIMI

und bei den zehn Nächten

 

HENNING

Bei den zehn Nächten!

 

GOLDSCHMIDT

und den zehn (heiligen) Nächten.

 

PARET

bei (einem bestimmten Zeitraum von) zehn (Tagen und?) Nächten

 

KHOURY/ AL AZHAR

und den zehn Nächten,

 

BOBZIN

bei zehn Nächten

 

NEUWIRTH

und den zehn Nächten!

 

CORPUS CORANICUM

und bei zehn Nächten!

 

KOMMENTAR

Corpus Coranicum kommentiert: „Bei Schwüren werden oft Tag und Nacht gegenüber gestellt, Q 74,33f; Q 81,17f u. ö. Nur hier wird die Nacht qualifiziert. "Neuwirth bezieht die zehn Nächte auf das erste Drittel des bereits in vorislamischer Zeit begangenen Wallfahrtsmonats (vgl. Wellhausen 1897, 81 ) und arbeitet auf dieser Grundlage eine beiden Schwurgegenständen gemeinsame kultische Signifikanz heraus: „[W]ie es bei dem täglichen faǧr um eine eng begrenzte, für das Gebet zu nutzende Übergangszeit zwischen Nacht und Tag geht, so gelten die zehn ersten Nächte des Wallfahrtsmonats als eine noch unentschiedene Zeit des Übergangs vor einer definiten göttlichen Entscheidung, in welcher gottesdienstliche Übungen als besonders verdienstvoll angesehen werden.“ ( Neuwirth, „Horizont“, 25 )"

 

 

 

 

Gen 31,42 und Q 89,3 

Köln-Merkenich, am
Mittwoch, den 19. Mai 2021

 

Jaakob zieht ein Resümee:

‎לוּלֵ֡י אֱלֹהֵ֣י אָבִי֩ אֱלֹהֵ֙י אַבְרָהָ֜ם וּפַ֤חַד יִצְחָק֙ הָ֣יָה לִ֔י כִּ֥י עַתָּ֖ה רֵיקָ֣ם שִׁלַּחְתָּ֑נִי אֶת־עָנְיִ֞י וְאֶת־יְגִ֧יעַ כַּפַּ֛י רָאָ֥ה אֱלֹהִ֖ים וַיּ֥וֹכַח אָֽמֶשׁ

 (Gen. 31:42 WTT)

 

mE

Wenn nicht meines Vaters Gott, Abrahams Gott und Jizchaks Furcht für mich gewesen wäre, gewiss,  nun, du hättest mich leer entsandt, mein Elend und die Mühe meiner Hände sah Gott und er hat gestern gerichtet.

 

Buber/Rosenzweig

Wäre nicht meines Vaters Gott für mich gewesen,

Abrahams Gott, Jizchaks Schrecken,

lohnleer ja hättest du mich nun hinweggesandt.

Aber Gott hat das Bedrücktsein und das Mühn meiner Hände gesehen,

und gestern abend hat er entschieden.

 

van Dyke

‎.»  ‎لَوْلاَ أَنَّ إِلهَ أَبِي إِلهَ إِبْرَاهِيمَ وَهَيْبَةَ إِسْحَاقَ كَانَ مَعِي، لَكُنْتَ الآنَ قَدْ صَرَفْتَنِي فَارِغًا. مَشَقَّتِي وَتَعَبَ يَدَيَّ قَدْ نَظَرَ اللهُ، فَوَبَّخَكَ الْبَارِحَةَ  (Gen. 31:42 AVD)

VOKABELN

VERBEN

صرف  , i - abwenden, abbringen;

وبج  - II. Stamm: tadeln, rügen.

NOMEN

هيبة   - Furcht, Respekt, Würde;

مشقة  pl.  مشاق - Mühe;

تعب  pl.  أتعاب - Mühe, Plage, Anstrengung.

ADJEKTIV

فارخ  farich - leer, frei, sinnlos.

PARTIKEL

لولا  - wenn nicht;

بارحة  oder البارحة - gestern.

 

BEOBACHTUNGEN

1

Die Wendung "meines Vaters Gott, Abrahams Gott" verkürzt die Septuaginta zu "den Gott meines Vates Abraham"

LXX ὁ θεὸς τοῦ πατρός μου Αβρααμ

So auch Hieronymus:

VUL Deus patris mei Abraham  

VULD der Gott meines Vaters Abraham 

So verkürzt auch die BFC und erweitert an anderer Stelle

BFC Si le Dieu de mon grand-père Abraham

 

2 leer

Das Adjektiv  ‎רֵיקָ֣ם , rikam, leer, erfolglos, übersetzt Hieronymus besonders krass:

VUL forsitan modo nudum me dimisisses 

VULD vielleicht hättest du mich jetzt nackt entlassen 

 

3 richten

Das von den Übersetzern in Alexandria für  יכח, jakach, rechten, hier Hifil (Kausativ): richten, gewählte Verb ist transitiv und erzwingt eine Ergänzung: 

LXX ἤλεγξέν σε ἐχθές

LXXD er hat dich gestern zurechtgewiesen.

So auch Hieronymus:

VUL arguit te heri

VULD dich gestern angeklagt

Dem folgen 

KJV (ESV) rebuked thee (you) yesternight

NL heeft u gisternacht bestraft

GN GNB BiG und BB übersetzen hier sehr frei:

GN GNB hat er [Gott] sich ... auf meine Seite gestellt

BiG Gott ... hat Klarheit geschaffen

BB hat er [Gott] entschieden, dass ich im Recht bin

 

4 Elend und Mühe

Die beiden Nomen עֳנִי , aani, Elend, Not, und יְגִיעַ , jegiaa, Arbeit, Mühe, verdienen besondere Aufmerksamkeit. Das erste, aani, findet sich mindestens 120 Mal in der hebräischen Bibel, sehr oft  in Hiob und Psalmen. Das zweite nur 17 Mal, in Psalter und Hiob allein 7 Mal, im Pentateuch nur noch in Dtr. 28,33. Spricht das auch für eine späte Entstehung oder zumindest Bearbeitung dieses Textes?

Wie ist dies Paar übersetzt worden?

LXX ταπείνωσίν / κόπον 

LXXD Erniedrigung / Mühe 

VUL adflicationem / laborem

VULD Not / Mühe

KJV NAS (ESV) afflication / toil (labor)

LSG souffrance / travail

BFC humiliation / dur travail 

LUT L17 EIN ZUNZ mE (ELB SCH ZUR M B/M ) Elend  / Mühe (Arbeit)

BiG Elend / Mühsal

NL ellende / inspanning

D83 elendighed / møje

D92 lidelse / slid ("abnutzen" < slide < dt. "schleissen", verschleissen) 

van Dyke ‎مَشَقَّتِي / تَعَبَ 

B/R Bedrücktsein / Mühn

GN und GNB lösen die Nomen in Verben auf:

abgearbeitet / wie schlecht ich dafür behandelt wurde

Die BB ist hierbei etwas zurückhaltender

BB Not / wie hart ich gearbeitet habe

Jehuasch übersetzt mit 

SBJ 


Es hat den Anschein, als wäre hier ein Fremdwort aus der katholischen Liturgie ins Jiddische eingewandert: wohl von "Martyr", "Martyrium", griechisch für Zeuge sein, Zeugnis ablegen, auf Christus bezogen und die Heiligen: Erdulden von Qualen der Folter; Weinreich s. 231 übersetzt mit "torment; labor, pains; hardship". 

 

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am
Donnerstag, den 20. Mai 2021

 

Q 89,3

Die Schwurreihe wird fortgesetzt:

وَٱلشَّفْعِ وَٱلْوَتْرِ

VOKABELN

NOMEN

شفع   - Fürsprache einlegen; 

شفع  pl.  أشفاع   - Teil eines Paares, gerade Zahl; [< VERB: شفع - verdoppeln (Wehr 558), angleichen (Steingass 547)]

وتر   watar pl.  أوتار   - Sehne, Saite;

وتر   witr oder watr oder  وترى - ungerade (Zahl).

 

mE

Beim Geraden und Ungeraden

 

ULLMANN (1840)

Bei dem was doppelt und was einfach ist

 

HENNING (1901)

Bei dem Geraden und Ungeraden.

ODER: Bei dem Doppelten und Einfachen.

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Und beim Doppelten und Einzelnen.

 

PARET (1979, 2001)

bei dem (an Zahl) Geraden und Ungeraden

 

KHOURY (1987, 1992)

und der geraden und der ungeraden (Zahl)

AL AZHAR (1999)

und dem geraden und dem ungeraden (Tag)

 

KARIMI (2009)

beim Geraden und Ungeraden

 

BOBZIN (2010, 2017)

bei geraden und ungeraden

 

NEUWIRTH (2011)

Bei dem Geraden und Ungeraden

 

CORPUS CORANICUM (20.05.2021)

Beim Geraden und Ungeraden!

 

KOMMENTAR
Angelika Neuwirth schreibt dazu (Frühmekkanische Suren, S. 205):

„Der Schwur bei dem Phänomen der geraden und ungeraden Zahlen und damit der Technik des Zählens mag auf die vorher genannten zehn Nächte zurückverweisen, deren Ablauf sich mnemotechnisch mit Hilfe der geraden und ungeraden Zahlen kontrollieren ließ.“


*




Gen 31,43 

Köln-Merkenich, am
Freitag, den 21. Mai 2021

 

 

Was Laban beansprucht und fragt:

‎וַיַּ֙עַן לָבָ֜ן וַיֹּ֣אמֶר אֶֽל־יַעֲקֹ֗ב הַבָּנ֙וֹת בְּנֹתַ֜י וְהַבָּנִ֤ים בָּנַי֙ וְהַצֹּ֣אן צֹאנִ֔י וְכֹ֛ל אֲשֶׁר־אַתָּ֥ה רֹאֶ֖ה לִי־ה֑וּא וְלִבְנֹתַ֞י מָֽה־אֶֽעֱשֶׂ֤ה לָאֵ֙לֶּה֙ הַיּ֔וֹם א֥וֹ לִבְנֵיהֶ֖ן אֲשֶׁ֥ר יָלָֽדוּ׃

 (Gen. 31:43 WTT)

 

mE

Laban antwortete und sprach zu Jaakob: Die Töchter sind meine Töchter und die Söhne sind meine Söhne und das Kleinvieh ist mein Kleinvieh und alles was du siehst: Für mich ist es und für meine Töchter, was mache ich für diese heute oder für ihre Söhne, die sie geboren haben?

 

Buber/Rosenzweig:

Laban antwortete, er sprach zu Jaakob:

Die Töchter sind meine Töchter, die Kinder sind meine Kinder, die Tiere sind meine Tiere,

alles was du siehst, mein ists.

Aber meinen Töchtern - was könnte ich heutigen Tags denen tun oder ihren Kindern, die sie geboren haben!

 

van Dyke

‎فَأَجَابَ لاَبَانُ وَقَالَ لِيَعقُوبَ: «الْبَنَاتُ بَنَاتِي، وَالْبَنُونَ بَنِيَّ، وَالْغَنَمُ غَنَمِي، وَكُلُّ مَا أَنْتَ تَرَى فَهُوَ لِي. فَبَنَاتِي مَاذَا أَصْنَعُ بِهِنَّ الْيَوْمَ أَوْ بِأَوْلاَدِهِنَّ الَّذِينَ وَلَدْنَ؟ (Gen. 31:43 AVD)

VOKABELN

VERBEN

جوب   oder  جاب - durchqueren; IV. STAMM: antworten;

صنع  , a  - tun, machen.

 

BEOBACHTUNGEN

1 Söhne/Kinder

Für Buber/Rosenzweig ist es klar: Die  ‎הַבָּנִ֤ים , habanim, <  בֵּן, ben, sind Kinder. So sehen das auch die englischen und französischen Übersetzungen, Jehuasch in der jiddischen Übersetzung und einige deutsche: LUT L17 SCH D92 BiG (hier tauchen Kinder und Enkel auf) BB.

Aber "Söhne" übersetzen auch einige: die Septuaginta, Hiernonymus,  EIN ELB ZUR NL die ältere dänische Übersetzung D83 und auch Mendelssohn M B/M ZUNZ (GN) GNB.

Wobei am Ende des Verses sowohl die Setuaginta und Hieronymus - der von Kindern und Enkel spricht wie die BiG und GN dann auch - als auch Mendelssohn und ZUNZ - sowie NL - wieder zu "Kindern" wechseln:

M Was kann ich meinen Töchtern, oder ihren Kindern ... nunmehr tun?

 

2 Was gehört wem?

Die nah beieiander stehende zweimalige Präposition ‎לִ , l, für, verleitete mich, das was Laban für sich beansprucht mit seinen Töchtern zusammen zu ziehen, s. o. Damit stehe ich ziemlich allein. Aber nicht ganz. Meine Freunde in Alexandria haben es genauso gesehen: Die Septuaginta übersetzt:

LXX  πάντα ὅσα σὺ ὁρᾷς ἐμά ἐστιν καὶ τῶν θυγατέρων μου 

LXXD alles, was du siehst, gehört mir und meinen Töchtern.

Alle anderen - von Hieronymus an - übersetzen wie Buber/Rosenzweig.

 

3 War da eine Frage?

מָֽה, ma, was? ist ein Fragefürwort und leitet demnach eine Frage ein. Die Gute Nachricht macht daraus eine Aussage:

GN Aber ich kann für meine Töchter und Enkel nun nichts mehr tun.

Die Neuausgabe GNB hat das korrigiert.

 

 

 

 

Gen 31,44 

Köln-Merkenich, am
Mittwoch, den 26. Mai 2021

 

Die unerwartete Wendung und man merkt, wie die Autorinnen und Autoren es verstehen auszudrücken, wie Laban stockend sich selbst dazu ermuntern muss:

‎וְעַתָּ֗ה לְכָ֛ה נִכְרְתָ֥ה בְרִ֖ית אֲנִ֣י וָאָ֑תָּה וְהָיָ֥ה לְעֵ֖ד בֵּינִ֥י וּבֵינֶֽךָ׃

 (Gen. 31:44 WTT)

 

mE

Und nun - geh nun! Wir werden einen Bund schießen, ich und du und er ist zu einem Zeugen zwischen mir und dir.

 

Buber/Rosenzweig

Komm nun also,

wir wollen einen Bund schließen, ich und du,

und etwas sei da zu einem Zeugen zwischen mir und dir.

 

van Dyke

‎» . فَالآنَ هَلُمَّ نَقْطَعْ عَهْدًا أَنَا وَأَنْتَ، فَيَكُونُ شَاهِدًا بَيْنِي وَبَيْنَكَ    (Gen. 31:44 AVD)

VOKABELN

VERBEN

قطع   , a - schneiden;

عهد  , a - kennen.

NOMEN

عهد  pl.  عهود 'uhud - Bekanntschaft, Vertrag, Bund;

شاهد  pl.  شهود - Zeuge.

PARTIKEL

هلم  - los! wohlan!

 

BEOBACHTUNGEN

1 Septuaginta

Die Septuaginta erweitert diesen Vers erheblich:

LXX νῦν οὖν δεῦρο διαθώμεθα διαθήκην ἐγὼ καὶ σύ καὶ ἔσται εἰς μαρτύριον ἀνὰ μέσον ἐμοῦ καὶ σοῦ εἶπεν δὲ αὐτῷ ἰδοὺ οὐθεὶς μεθ᾽ ἡμῶν ἐστιν ἰδὲ ὁ θεὸς μάρτυς ἀνὰ μέσον ἐμοῦ καὶ σοῦ (Gen. 31:44 BGT)

LXXD jetzt also lass uns, ich und du, eine Verfügung verfügen/einen Vertrag schließen und er wird Zeugnis sein zwischen mir und dir. Er aber sagte zu ihm: Siehe, keiner ist bei uns, siehe, Gott ist Zeuge zwischen mir und dir.

Wer spricht? Jaakob? Laban? Gott ist in der Mitte als Zeuge - hier erstmalig so genannt. Es nimmt vorweg, was im Hebräischen in Vers 50 steht. 

 

2 Zeuge - Zeugnis

In der Septuaginta und auch bei Hieronymus wird der "Zeuge",  עֵד,  'ed, zum Zeugnis, 

LXX μαρτύριον

LXXD Zeugnis

VUL ut sit testimonium inter me et te

VULD damit es ein Zeugnis zwischen mir und dir gibt

D. h. der Vertrag, der Bund wird selbst zum Zeugnis. 

Diese Versachlichung vollziehen gleichfalls die ältere französische Übersetzung, LSG, unter den deutschen die ELB, und erstaunlicherweise auch Mendelssohn - und B/M!

Die anderen bleiben - auch die neuer franzöisische Fassung, BFC, bei der personalen Form, so auch ZUNZ:

"er [der Bund] sei zum Zeugen zwischen mir und dir"

Auch Johuasch bleibt personal, der Bund sei

SBJ 

So löst die Basisbibel dies Problem:

BB Aber wir brauchen einen Zeugen für den Vertrag zwischen uns.

Damit kommen wir zu Buber/Rosenzweig zurück: Bei ihnen ist der Bund selbst nicht der Zeuge. 

BB und B/R haben das wohl richtig gesehen!

 

 

 

 

Gen 31,45 Q 80.6 

Köln-Merkenich,
am Montag, den 31. Mai 2021

 

Laben fragt, Jaakob handelt:

‎וַיִּקַּח יַעֲקֹב אָבֶן וַיְרִימֶהָ מַצֵּבָה׃  (Gen. 31:45 WTT)

 

mE

Und Jaakob nahm einen Stein und erhöhte ihn: ein Gedenkstein.

 

Buber/Rosenzweig

Jaakob nahm einen Stein und richtete ihn als Standmal auf.

 

van Dyke

‎فَأَخَذَ يَعْقُوبُ حَجَرًا وَأَوْقَفَهُ عَمُودًا (Gen. 31:45 AVD)

VOKABELN:

VERBEN:

أخذ   , u - nehmen;

وقف  , i  - stehenbleiben, anhalten; hier: IV. STAMM: hinstellen.

NOMEN:

حجر   pl. أحجار  bzw.  حجارة (hidja:ra) - Stein

عمود  pl.  أعمدة  - Säule, Pfeiler.

 

BEOBACHTUNGEN

1 Mazzebe

Jaakob richtet einen Stein auf, sogleich erhält dieser Stein eine andere Bedeutung, er wird umdefiniert. Im Hebräischen zu einer מַצֵּבָה, mazzebe. 

In der ältesten erhaltenen Übersetzung, der jüdischen Gemeinde in Alexandria wird dies als Denksäule verstanden:

LXX  στήλην

LXXD Kultstein

Hieronymus übersetzt:

VUL titulum

VULD Zeichen 〈zur Erinnerung〉 

So ergeben sich drei Gruppen:


Die ZUR übersetzt nicht, sondern benutzt das Wort als Fremdwort:

ZUR und richtete ihn auf als Mazzebe.

Die moderne französische Übersetzung lässt dieses Wort einfach aus:

BFC Jacob prit alors une pierre et la dressa.

Auch eine Lösung.

 

2 richten

Das hebräische Verb,‎ יְרִימֶהָ, jerimah, von  רום , rum, "hoch sein", steht hier in der Kausativfom hifil: hoch machen,  erhöhen. Buber/Rosenzweig übersetzen mit "aufrichten" (so auch LUT L17 EIN ELB und ZUR). 

Mendelssohn verwendet "richten" ohne präpositionale Erweiterung - wie beim Handwerk ("ein Gebäude richten": "die Dachbalken eines Gebäudes aufrichten", Brockhaus/Wahrig), die Bearbeiterin Annette Böckler ließ es unverändert: "richtete ihn zum Denkmal".

 

 

 

 

*


 

Köln-Merkenich, am Dienstag,
den 1. Juni 2021

 

Q 89,6

أَلَمْ تَرَ كَيْفَ فَعَلَ رَبُّكَ بِعَادٍ

VOKABELN

VERBEN

رأى  ,  يرى  - sehen;

فعل  , a  - tun, machen, wirken, wirken auf + Akkusativ  في oder ب ;

PARTIKEL

ألم  - Hat nicht ...? Ist nicht ...?

 

mE

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr auf Aaad gewirkt hat?

 

ULLMANN (1840)

Hast du  noch nicht beobachtet, wie dein Herr mit Ad, ... verfuhr

 

HENNING (1901)

Sahst du nicht, wie dein Herr mit den Ad verfuhr?

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Siehst du nicht, wie dein Herr mit den Aditen verfuhr?

 

PARET (1979, 2001)

 Hast du nicht gesehen, wie dein Herr (seinerzeit) mit den 'Ad (und deren Siedlung) verfahren ist,

 

KHOURY (1987, 1992)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr an den 'Ad gehandelt hat?

AL AZHAR (1999)

Siehst du nicht, wie dein       Herr mit den ´Ad verfuhr,

 

 

KARIMI (2009)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr verfahren ist mit den 'Ad,

 

BOBZIN (2010, 2017)

Sahst du denn nicht, was den Herr den 'Ad antat,

 

NEUWIRTH (2011)

Hast du  nicht gesehen, wie dein Herr getan hat an den 'Ad,

 

CORPUS CORANICUM (20.05.2021)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr an den ʿĀd gehandelt hat,

 

KOMMENTAR

Was hat es mit den 'Ad auf sich? Wikepedia erläutert:

„Die ʿĀd (arabisch عاد, DMG ʿĀd) waren nach dem Koran ein Volk im Gebiet zwischen dem heutigen Oman und Jemen. Laut Koran waren sie die Nachkommen von ʿAd, einem Großenkel von Sem, einem der drei Söhne von Noah, dem Urvater der Semiten.         

Ihre Hauptstadt soll eine Stadt namens Iram gewesen sein. Der Koran berichtet in Sure  89, Vers 6–8, die Stadt sei von Allah zerstört worden, nachdem das Volk begonnen hatte, Götzenbilder anzubeten. Der Prophet Hūd sei zuvor von Allah gesandt worden, um das Volk zu warnen. 

Sie werden im Koran oft gemeinsam mit dem Volk Lots und den Thamud genannt." 

 Zu den hier behaupteten verwandtschaftlichen Beziehungen habe ich im Koran keinen Beleg gefunden. Die englische Ausgabe zum gleichen Eintrag vermeldet nichts dazu:

"ʿĀd (Arabic: عَادٌ‎, Arab people ʿĀd) was an ancient tribe mentioned frequently in the Qurʾan.[1]

ʿĀd is usually placed in Southern Arabia,[2] in a location referred to as al-ʾAḥqāf ("the Sandy Plains," or "the Wind-curved Sand-hills").[1][3] The tribe's members, referred to as ʿĀdites, formed a prosperous nation until they were destroyed in a violent storm. According to Islamic tradition, the storm came after they had rejected the teachings of a Monotheistic prophet named Hud.[1][2] ʿĀd is regarded as one of the original Arab tribes, the "lost Arabs". Their capital may have been what is known as "Iram of the Pillars" in the Qurʾan although that may have been the name of a region or a people.[2][4][5]

Legend

In religious stories, Hud and the tribe of ʿĀd have been linked to a legendary king named ʽAd, who ruled over a region whose capital was "Wūbar".[6]

Mentions in Qur'an

According to the Quran, the ʿĀd built monuments and strongholds at every high point[7] and their fate is evident from the remains of their dwellings.[8][9][10]

There are other mentions of ʿĀd in the Qurʾan, namely Quran 7,[11][12] Q9:70,[13] Quran 11,[14][15][16] Q14:9,[17] Q22:42,[18] Q25:38,[19] Q38:12[20] 40:31,[21] Quran 41,[22][23] Q50:13[24] Q51:41,[25] Q53:50,[26] Q54:18,[27] Quran 69,[28][29] and Quran 89:6.[30][31].“

 Neuwirth sieht den Untergang von den 'Ad in Parallele zum Untergang Atlantis, in beiden Fällen ist von einer "einst großartigen, aber     vom Erdboden verschwundenen Stadt" (205) die Rede. Sie verweist auf die Studie: Jamel Eddine Bencheikh: "Iram ou la clameur de Dieu", 1990.

 

 

 

 

Gen 31,46 und Q 89,7 

Köln-Merkenich, am
Mittwoch, den 2. Juni 2021

 

Jaakob wird zum Bauherrn:

‎וַיֹּאמֶר יַעֲקֹב לְאֶחָיו לִקְטוּ אֲבָנִים      וַיִּקְחוּ אֲבָנִים וַיַּעֲשׂוּ־גָל וַיֹּאכְלוּ שָׁם עַל־הַגָּל׃

 (Gen. 31:46 WTT)

 

mE

Und Jaakob sprach zu seinen Brüdern: Sammelt Steine! Und sie nahmen Steine und machten einen Steinhaufen und aßen dort auf dem Steinhaufen.

 

Buber/Rosenzweig

Und Jaakob sprach zu seinen Brüdern:

Leset Steine auf!

Sie nahmen Steine und machten einen Wall.

Und sie aßen dort auf dem Wall.

 

van Dyke

. ‎وَقَالَ يَعْقُوبُ لإِخْوَتِهِ: «الْتَقِطُوا حِجَارَةً» . فَأَخَذُوا حِجَارَةً وَعَمِلُوا رُجْمَةً وَأَكَلُوا هُنَاكَ عَلَى الرُّجْمَةِ  (Gen. 31:46 AVD)

VOKABELN

VERB

لقط  , u - sammeln; hier: VIII. STAMM: auflesen.

NOMEN:

حجر   pl.      أحجار  bzw.  حجارة (hidja:ra) - Stein;

رجم  pl.  رجمة - Steinhaufen (in der Wüste).

 

 

BEOBACHTUNGEN:

1   גָל, gal

Wie wird das übersetzt, was die Männer bauen? Hier die Übersicht:

LXX βουνόν - von  βουνός - Hügel, Haufen

LXXD VULD Hügel

VUL tumulum

KJV NAS ESV heap

LSG un monceau

BFC un tas - Haufen, Masse, Baustelle!

LUT L17 Haufen / Steinhaufen

SCH ZUR M B/M BiG mE Steinhaufen

EIN Steinhügel

GN GNB BB Hügel / Steinhügel

ZUNZ ELB Haufen

NL steenhoop / hoop steenen

D83 dysse - Hünengrab! - das wurde korrigiert,offenbar wegen der damit verbunden völlig anderen Assoziation:

D92 stendynge - dynge: Haufen

 SBJ    

van Dyke رجمة - N. B.: Plural!

B/R Wall

 

2 LXX

Die Übersetzer in Alexandria hatten die Frage von Laban wohl noch lebendig im Ohr, so dass sie zu diesem Vers ergänzen, was erst in einem späteren Vers folgt:

LXX καὶ εἶπεν αὐτῷ Λαβαν ὁ βουνὸς οὗτος μαρτυρεῖ ἀνὰ μέσον ἐμοῦ καὶ σοῦ σήμερον (Gen. 31:46 BGT)

LXXD Und Laban sagte zu ihm: Dieser Hügel ist heute Zeuge zwischen mir und dir.

 

3 wo?

Fast alle essen "auf" dem, was gemeinsam errichtet wird, jedoch die Niederländer "bij", die Dänen D92 "ved" - bei - (D83 noch "derpå" - darauf) sowie NAS und ESV "by". Und weil man sich das nicht so recht vorstellen kann, arbeiten Buber/Rosenzweig nicht an der Präposition - "auf"/"bei" - sondern verwandeln den Steinhaufen in einen Wall.

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am
Freitag, den 4. Juni 2021

 

Q 89,7

إِرَمَ ذَاتِ ٱلْعِمَادِ

VOKABELN

NOMEN

ذات   pl.   ذوات  - Selbst, Wesen, Person;

عماد  - Stütze, Pfeiler;

         - Taufe [!]

ADVERB

ذات  - selbst, habend, besitzend;

ذات  ist die feminine Form von  ذو  - Besitzer, Inhaber, der (mit etwas) Versehene.

 

[Um den Anschluss zu finden, hier jeweils mit dem Vorvers Q 89,6:]

 

mE

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr auf 'Aaad gewirkt hat,

Iram, die Stütze habend

 

ULLMANN (1840)

Hast du  noch nicht beobachtet, wie dein Herr mit Ad, 

dem Volke von Iram verfuhr, wo Säulen (der Turm) waren,

 

HENNING (1901)

Sahst du nicht, wie dein Herr mit den Ad verfuhr?

mit Iram, der Säulenreichen,

       

GOLDSCHMIDT (1916)

Siehst du nicht, wie dein Herr mit den Aditen verfuhr?

In Iram, das den Turm besaß.

      

PARET (1979, 2001)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr (seinerzeit) mit den 'Ad (und deren Siedlung) verfahren ist,

mit Iram, der (Stadt) mit der Säule,

 

KHOURY (1987, 1992)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr an den 'Ad gehandelt hat,

(der Stadt) Iram, berühmt für ihre Säulen,

AL AZHAR (1999)

Siehst du nicht, wie dein Herr mit den ´Ad verfuhr,

(mit) Iram mit den Stützen,

       

KARIMI (2009)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr verfahren ist mit den 'Ad,

mit Iram und ihren Säulen,

 

BOBZIN (2010, 2017)

Sahst du denn nicht, was den Herr den 'Ad antat,

Iram <mit der Säule>,

 

NEUWIRTH (2011)

Hast du  nicht gesehen, wie dein Herr getan hat an den 'Ad,

an Iram mit den Säulen,

 

CORPUS CORANICUM (20.05.2021)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr an den ʿĀd gehandelt hat,

an Iram mit der Säule,

 

BEOBACHTUNGEN

1

ٱلۡعِمَادِ , alImadi, "Stütze, Pfeiler", steht im Singular. Dennoch verwenden einige den Plural: Ullmann, Henning, Khoury, Al Azhar, Karimi, Neuwirth. Corpus Coranicum hingegen korrigiert hier sozusagen seine Chefin!

 

2

Ullmann und Goldscheidt beziehen diese Bemerkung auf die biblische Erzählung vom Turmbau zu Babel - im Land Aram - "A" wird im Koran oft zu "I": Ibrahim, darauf weist Goldscheidt hin (646).

Corpus Coranicum erläutert:

"Der Ausdruck ʾiram ḏāt al-ʿimād ist ein koranisches hapax legomenon. ʿĀd wird nach kufischer Lesung als nunierter Genitiv aufgefasst (ʿādin), zu dem irama ḏāti l-ʿimād als Apposition steht. Liest man stattdessen ohne Nunation ʿādi oder diptotisch ʿāda (vgl. Muʿǧam,            ad loc. ), bildet ʾiram  ... das nomen rectum einer Genitivverbindung im Sinne von „ʿĀd aus Iram ...“ o. Ä. Der Name Iram erscheint in der Dichtung mehrmals neben ʿĀd oder Ṯamūd, u. a. in der Nisba-Ableitung Iramī (vgl. Horovitz,            Koranische Untersuchungen, 89 ). Obwohl dies indizieren könnte, dass es sich um einen Stammesnamen handelt, wird der Ausdruck auch als Ortsname verwendet, etwa als Bezeichnung eines Berges ( Montgomery            Watt, „Iram“, EI ). Im koranischen Kontext ist Iram am ehesten als Name einer mit den ʿĀd assoziierten Stadt aufzufassen."

Bei den Erläuterungen zur Stelle im Corpus Coranicum wird die  Assoziation an Babel ausdrücklich aufgenommen: 

"Die ʿĀd werden als Bewohner von „Iram mit seinen Säulen“ eingeführt, die Ṯamūd als Erbauer von Felshöhlen, und auch die im Einzelnen nicht transparente Assoziation Pharaos mit        „Pfählen“ dürfte mit architektonischen Aktivitäten zusammenhängen. Es liegt nahe, die Pointe dieser Verweise darin zu erblicken, dass die betreffenden Bauwerke als nach irdischen        Maßstäben zwar imposante, letztlich aber vergebliche und Gottes Vergeltung nicht aufhaltende Versuche menschlicher Selbstverewigung (vgl. die Verwendung der ein solches Streben        explizit benennenden Wurzel ḫ-l-d in 104:3) gewertet werden sollen – eine an die biblische Erzählung vom Turmbau zu Babel (die auch im Hintergrund der Assoziation Pharaos mit besonderen baulichen Leistungen stehen könnte, s. die Anmerkung zu V. 10) erinnernde Wertung. Der scheinbaren Beständigkeit und Nachhaltigkeit dieser Bauwerke setzt V. 13 dann den strafenden Zugriff Gottes entgegen, der alle menschlichen Bemühungen um Unvergänglichkeit auf einen Schlag zunichte macht."

 Angelika Neuwirth bezieht Iram allein auf die zwar großartige, "aber vom Erdboden verschwundene Stadt Iram"(Frühmekkanische Suren, 205).

 

 

 

 

Gen 31,47 und Q 89,8 

Köln-Merkenich, am
Dienstag, den 8. Juni 2021

 

Konsens im Dissens, im Dissens Konsens:

וַיִּקְרָא־לוֹ לָבָן יְגַר שָׂהֲדוּתָא וְיַעֲקֹב קָרָא לוֹ גַּלְעֵד׃ 

 (Gen. 31:47 WTT)

 

mE

Und Laben rief ihn Jegar-Sahaduta', Steinhaufenzeugnis und Jaakob rief ihn Galed, Steinhaufenaugen- und Ohrenzeuge.

 

Buber/Rosenzweig

Laban rief ihn »Jgar Ssahaduta«: Schütthauf-Urkund,

aber Jaakob rief ihn Galed: Wall-Zeuge.

 

van Dyke

‎» .   ‎وَدَعَاهَا لاَبَانُ «يَجَرْ سَهْدُوثَا» وَأَمَّا يَعْقُوبُ فَدَعَاهَا «جَلْعِيدَ (Gen. 31:47 AVD)

VOKABEL

VERB

دعو   oder دعا  , u - rufen.

PARTIKEL

اما   - (einleitendes) Was betrifft ...

 

BEOBACHTUNGEN

1 Labans und Jaakobs Bezeichnungen

Die Bezeichnungen beider für dasselbe sind unterschiedlich.  Es sind außer Buber/Rosenzweig et moi nur noch fünf weitere Übersetzungen derer, die ich zu Rate ziehe, die diese in ihre Sprache übersetzen:

LXX  Βουνὸς τῆς μαρτυρίας - Βουνὸς μάρτυς

LXXD "Hügel des Zeugnisses"  -  "Hügel Zeuge"

VUL tumulus Testis -  acervum Testimonii

VULD  'Hügel des Zeugen'  -  'Haufen des Zeugnisses'

Die Alexandriner und Hieronymus verteilen also die Rollen "sächlich/persönlich" - "Zeugnis/Zeuge" genau umgekehrt, wobei B/R und ich es wie die LXX verstehen.

Septuaginta und Hieronymus enthalten den Leserinnen und Lesern die ursprüngliche Bezeichnung vor. Alle anderen überliefern sie als Fremdworte.

ZUNZ übersetzt die erste Bezeichnung mit "Haufen des Zeugnisses" - wie die LXX.

BiG übersetzt beide mit "Zeugenhügel".

Ausführlich erklärt die Basisbibel:

BB Laban nannte ihn auf Aramäisch Jegar-Sahadata, das heißt: Zeugnishügel;

und Jakob nannte ihn auf Hebräisch Galed, das heißt: Hügelzeuge.

Die BB schließt sich darin der LXX an.

Die dänische Bibel von 1983 erläutert in einer Anmerkung, die erste sei Aramäisch, die zweite Hebräisch und erläutert die Bedeutung mit "vidne-dysse": "Zeugen/Zeugnis-Hünengrabhügel".

 

2 VUL

Hieronymus ergänzt diesen Vers erläuternd:

VUL uterque iuxta proprietatem linguae suae

VULD beide gemäß der Eigenheit ihrer Zunge. 

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am
Mittwoch, den 9. Juni 2021

 

Q 89,8

ٱلَّتِى لَمْ يُخْلَقْ مِثْلُهَا فِى ٱلْبِلَـٰد

VOKABELN

VERB

خلق  , u - schaffen.

NOMEN

مثل  mithl, pl.  أمثال - Gleiche(s), Gleichheit;

مثل  mathal, pl.  أمثال - Gleiche(s), Bild, Vorbild, Gleichnis.

PARTIKEL

الذى- Relativpronomen: der, die, das: f:  التى allati , dual: اللذان , dual weiblich:  اللتان  , plural.

 

[Um den Anschluss zu finden, hier jeweils mit den Vorversen  Q 89,6+7:]

 

mE

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr auf 'Aaad gewirkt hat,

Iram, die Stütze habend,

von der ein Gleiches sie im Land nicht geschaffen haben

 

 

ULLMANN (1840)

Hast du  noch nicht beobachtet, wie dein Herr mit Ad, 

dem Volke von Iram verfuhr, wo Säulen (der Turm) waren,

dergleichen im ganzen Lande nicht aufgeführt wurden?

 

HENNING (1901)

Sahst du nicht, wie dein Herr mit den Ad verfuhr?

Mit Iram, der Säulenreichen,

Der im Land nichts gleich war?

 

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Siehst du nicht, wie dein Herr mit den Aditen verfuhr?

In Iram, das den Turm besaß.

Desgleichen noch nie im Land geschaffen ward.

 

PARET (1979, 2001)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr (seinerzeit) mit den 'Ad (und deren Siedlung) verfahren ist,

mit Iram, der (Stadt) mit der Säule,

dergleichen sonst nirgendwo (wörtlich: nicht im Land) geschaffen worden ist,

 

KHOURY (1987, 1992)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr an den 'Ad gehandelt hat,

(der Stadt) Iram, berühmt für ihre Säulen,

dergleichen nicht erschaffen wurde in den Ländern?

 

AL AZHAR (1999)

Siehst du nicht, wie dein Herr mit den ´Ad verfuhr,

(mit) Iram mit den Stützen,

dergleichen nicht erschaffen wurden in den Landstrichen?

 

KARIMI (2009)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr verfahren ist mit den 'Ad,

mit Iram und ihren Säulen,

dergleichen wurde nicht erschaffen in den Ländern?

 

BOBZIN (2010, 2017)

Sahst du denn nicht, was den Herr den 'Ad antat,

Iram <mit der Säule>,

deren keine wie sie im Land geschaffen ward?

 

NEUWIRTH (2011)

Hast du  nicht gesehen, wie dein Herr getan hat an den 'Ad,

an Iram mit den Säulen,

das nicht seinesgleichen hatte im Lande,

 

CORPUS CORANICUM (20.05.2021)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr an den ʿĀd gehandelt hat,

an Iram mit der Säule,

wie sonst keine Stadt im Lande geschaffen wurde,

 

KOMMENTAR

Corpus Coranicum kommentiert zu diesem Vers zum Verb:

"Da ḫalaqa im Koran sonst immer Gott als Subjekt hat (s. die Anmerkung zu 96:1.2), soll die Wendung lam yuḫlaq miṯluhā vielleicht betonen, dass letzten Endes Gott – und nicht etwa die ʿĀd – als eigentlicher „Schöpfer“ von Iram aufzufassen ist."

 

 

 

 

Gen 31,48 und Q 89,9 

Köln-Merkenich, am
Donnerstag, den 10. Juni 2021

 

 

Laban bestätigt:

‎וַיֹּאמֶר לָבָן הַגַּל הַזֶּה עֵד בֵּינִי וּבֵינְךָ הַיּוֹם עַל־כֵּן קָרָא־שְׁמוֹ גַּלְעֵד׃ 

 (Gen. 31:48 WTT)

 

mE

Und Laban sprach: Dieser Steinhaufen ist heute ein Zeuge zwischen mir und dir, darum ruft man seinen Namen Galed.

 

Buber/Rosenzweig

Laban sprach:

Dieser Wall ist Zeuge zwischen mir und dir am heutigen Tag.

Darum ruft man seinen Namen Galed.

 

van Dyke

‎‎. » وَقَالَ لاَبَانُ: «هذِهِ الرُّجْمَةُ هِيَ شَاهِدَةٌ بَيْنِي وَبَيْنَكَ الْيَوْمَ» . لِذلِكَ دُعِيَ اسْمُهَا «جَلْعِيدَ» .  (Gen. 31:48 AVD)

VOKABELN

VERB

دعو   oder دعا  , u - rufen.

NOMEN

رجم  pl.  رجمة - Steinhaufen (in der Wüste);

شاهد  pl.  شهود - Zeuge.

 

BEOBACHTUNGEN:

1 στήλη - Kultstein

Auf Grund der griechischen Übersetzung von "mazzebe" als  LXX "στήλην" LXXD "Kultstein" in Gen 31,45 steht dies noch aus, aufgenommen zu werden. Die Septuaginta holt dieses in diesem Vers nach und erweitert:

LXX εἶπεν δὲ Λαβαν τῷ Ιακωβ ἰδοὺ ὁ βουνὸς οὗτος καὶ ἡ στήλη αὕτη ἣν ἔστησα ἀνὰ μέσον ἐμοῦ καὶ σοῦ μαρτυρεῖ ὁ βουνὸς οὗτος καὶ μαρτυρεῖ ἡ στήλη αὕτη διὰ τοῦτο ἐκλήθη τὸ ὄνομα αὐτοῦ Βουνὸς μαρτυρεῖ 

LXXD Laban aber sagte zu Jakob: Siehe, dieser Hügel und der Kultstein, den ich aufgestellt habe zwischen mir und dir, dieser Hügel ist Zeuge und dieser Kultstein ist Zeuge. Deswegen bekam er den Namen »Der Hügel ist Zeuge«

Und als Leser frage ich mich: Ist von einem Gegenstand oder von zweien die Rede?

 

2 Laban nennt

ZUNZ weist die Namensnennung Laban zu:

ZUNZ daher nannte er ihn Galed.

Ihm folgen 

ESV "he named"

EIN gab er ihm den Namen

D83 Derfor kalte han den Gal'ed.

BiG deshalb gab er ihm den Namen 

BB Darum gab er ihm den Namen

Damit entsteht eine Spannung zum Vorvers, in der Laban eine andere Bezeichnung benutzt.

 

3 Abmachung - Vertrag

GN GNB und BB erweitern den Vers:

GN GNB "Dieser Hügel ist Zeuge für unsere Abmachung."

BB "Dieser Hügel ist der Zeuge für den Vertrag zwischen uns."

4 Jiddisch: "derdosiker"

Das Demonstrativpronomen הַזֶּה, hasä, übersetzt Jehuasch mit: 

Köln-Merkenich, am
Freitag, den 11. Juni 2021

 

Wenn man bedenkt, dass Laban nur wenige Verse vorher noch damit drohte, dass er alle in seiner Hand habe (Gen 31,29) -  wobei völlig unklar ist, wie er sich das wohl vorgestellt hat, schließlich standen ja auch seine Töchter und Enkelkinder vor ihm, aber so ist das, wenn Menschen vom Gewaltrausch drohen erfasst zu werden -, so hören wir in diesen Versen von einer gewaltigen Gesinnungsänderung! 

 

 

 

 

*

 

 

Q 89,9

وَثَمُودَ ٱلَّذِينَ جَابُوا۟ ٱلصَّخۡرَ بِٱلۡوَادِ

VOKABELN

VERB

جوب   oder جاب  , u  - (durch)wandern, durchqueren; 

جوب   oder جاب  , u - aushöhlen (LANE 480).

NOMEN

صخر   coll.   صخرة  pl.  صخور  - Felsen, Gestein.

واد   constr.   وادى  pl.  وديان  oder  أودية   - Tal, Wasserlauf, Flussbett.

PARTIKEL

الذى- Relativpronomen: der, die, das; welcher, welche, welches: f: التى allati , dual: اللذان , dual weiblich:  اللتان  , plural الذين   pl. f.  اللاتى   

 

[Um den Anschluss zu finden, hier jeweils mit den Vorversen  Q 89,6-8:]

 

mE

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr auf 'Aaad gewirkt hat,

Iram, die Stütze habend,

von der ein Gleiches sie im Land nicht geschaffen haben,

und Thamud, die den Felsen im Tal aushöhlten

 

ULLMANN (1840)

Hast du  noch nicht beobachtet, wie dein Herr mit Ad, 

dem Volke von Iram verfuhr, wo Säulen (der Turm) waren,

dergleichen im ganzen Lande nicht aufgeführt wurden?

Und wie er mit den Leuten von Thamud verfuhr, welche sich Felsen ausgehauen hatten, am Berghang?

 

HENNING (1901)

Sahst du nicht, wie dein Herr mit den Ad verfuhr?

Mit Iram, der Säulenreichen,

Der im Land nichts gleich war?

Und mit den Thamud, die im Tal Felsen aushöhlten?

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Siehst du nicht, wie dein Herr mit den Aditen verfuhr?

In Iram, das den Turm besaß.

Desgleichen noch nie im Land geschaffen ward.

Und mit den Thamuditen, die die Felsen aushöhlten im Tal?

 

PARET (1979, 2001)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr (seinerzeit) mit den 'Ad (und deren Siedlung) verfahren ist,

mit Iram, der (Stadt) mit der Säule,

dergleichen sonst nirgendwo (wörtlich: nicht im Land) geschaffen worden ist,

und (mit) den Thamud, die im Tal (in dem sie wohnten) den Fels aushöhlten,

 

KHOURY (1987, 1992)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr an den 'Ad gehandelt hat,

(der Stadt) Iram, berühmt für ihre Säulen,

dergleichen nicht erschaffen wurde in den Ländern?

Und an den Thamud, die im Tal die Felsen aushauten?

AL AZHAR (1999)

Siehst du nicht, wie dein Herr mit den ´Ad verfuhr,

(mit) Iram mit den Stützen,

dergleichen nicht erschaffen wurden in den Landstrichen?

Und (mit) den Tamud, die im Tal die Felsen aushöhlten?

 

KARIMI (2009)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr verfahren ist mit den 'Ad,

mit Iram und ihren Säulen,

dergleichen wurde nicht erschaffen in den Ländern?

Und den Tamud, die die Felsen im Tal aushauten?

 

BOBZIN (2010, 2017)

Sahst du denn nicht, was den Herr den 'Ad antat,

Iram <mit der Säule>,

deren keine wie sie im Land geschaffen ward?

Und den Thamud, die in den Fels im Tal Höhlen trieben?

 

NEUWIRTH (2011)

Hast du  nicht gesehen, wie dein Herr getan hat an den 'Ad,

an Iram mit den Säulen,

das nicht seinesgleichen hatte im Lande,

und an Thamud, die den Fels ausschlugen im Tal,

 

CORPUS CORANICUM (11.06.2021)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr an den ʿĀd gehandelt hat,

an Iram mit der Säule,

wie sonst keine Stadt im Lande geschaffen wurde,

und an den Tamud, die im Tal den Fels aushöhlten,

 

BEOBACHTUNGEN

ٱلصَّخۡرَ, assachra, steht hier im Singular und auch nicht als Kollektivwort - wie oft im Hebräischen "Berg" für "Gebirge". Den Singular verwenden außer 

PARET auch Bobzin, Neuwirth und das Corpus Coranicum (et moi).

KOMMENTAR

Corpus Coranicum erläutert:

"Der Vers spielt wie die späteren Stellen 7:74, 15:82 und 26:149 auf die bei al-Ḥiǧr (in islamischer Zeit Madāʾin Ṣāliḥ) in die Felsen gehauenen Grabstätten (s. Vidal, „al-Ḥidjr“, EI ) an, die in den genannten koranischen Parallelstellen als „Häuser“ gedeutet werden. Eine Lokalisierung der Ṯamūd in al-Ḥiǧr belegt auch ein bei Horovitz, Koranische Untersuchungen, 106 , zitierter Vers."

Angelika Neuwirth kommentiert (Frühmekkanische Suren S. 206):
 

„Die Thamudäer sind anders als die ‘Ad eine historisch verifizierbare Völkerschaft; zu ihren archäologischen und epigraphischen Spuren auf der Halbinsel siehe Schick (2001). Die profane, außerkoranische Version der Geschichte der Thamud, eine tragische Heldengeschichte, diskutiert J. Stetkevych (1966). Die koranische Neuformulierung mit ihrer paränetischen Stoßrichtung deutet das Handeln der jeweiligen Helden in einen Frevel um (siehe mittel- und spätmekkanisch für Thamud Q 15:80-84, fur ‘Ad Q 7:65-72, 26:123-140), der als Sühne die Vernichtung nichtnur des Täters, sondern der gesamten Völkerschaft nach sich zieht.“ 


Gen 31,49 und Q 89,10 

Köln-Merkenich, am
Montag, den 14. Juni 2021

 

Mizpa wird eingeführt:

‎וְהַמִּצְפָּה אֲשֶׁר אָמַר יִצֶף יְהוָה בֵּינִי וּבֵינֶךָ כִּי נִסָּתֵר אִישׁ מֵרֵעֵהוּ׃

 (Gen. 31:49 WTT)

 

mE

und Mizpah, weil man sagt, dass Jahwe zwischen mir und dir wacht, wenn wir verborgen sind einer vom anderen.

 

Buber/Rosenzweig

Und Mizpa auch: Wacht,

weil er sprach:

Wacht halte ER zwischen mir und dir, wenn wir einander verborgen sind:

 

van Dyke

.  ‎وَ «الْمِصْفَاةَ» ، لأَنَّهُ قَالَ: «لِيُرَاقِبِ الرَّبُّ بَيْنِي وَبَيْنَكَ حِينَمَا نَتَوَارَى بَعْضُنَا عَنْ بَعْضٍ (Gen. 31:49 AVD)

VOKABELN:

VERBEN

رقب  , u - warten, überwachen; hier: III. Stamm: beobachten, überwachen;

  ورى , i  - (Feuer) zünden; III. Stamm: verbergen; hier: VI. Stamm: sich verstecken (vor).

PARTIKEL

 حينما - während, als;

 بعض - Teil;

بعضهم  بعضا  - einander, gegenseitig.

 

BEOBACHTUNGEN

Zugegeben, ein vertrackter Vers. Aber wir sind nicht die ersten, die damit ringen, schon die Kolleginnen und Kollegen in Alexandria lassen das erahnen:

LXX καὶ ἡ ὅρασις ἣν εἶπεν ἐπίδοι ὁ θεὸς ἀνὰ μέσον ἐμοῦ καὶ σοῦ ὅτι ἀποστησόμεθα ἕτερος ἀπὸ τοῦ ἑτέρου

LXXD und »Die Vision«, von der er sagte: Gott möge sie zwischen mir und dir geben, weil wir voneinander Abstand nehmen werden, der eine vom anderen.

Diesen Reim hat sich Hieronymus darauf gemacht:

VUL  intueatur Dominus et iudicet inter nos quando recesserimus a nobis

VULD Der Herr soll hinschauen und zwischen uns urteilen, wenn wir uns voneinander entfernen. 

Luthers Übersetzung von 1545:

L45 vnd sey eine Warte, Denn er sprach, Der HERR sehe dar ein zwischen mir vnd dir, wenn wir von einander komen,

BiG aber auch Hammizpa, 'Beobachtungspunkt', denn, sagte er: "Adonaj möge beobachten, was zwischen mir und dir geschieht, denn ein Mensch bleibt dem anderen verborgen."

L17 und Mizpa; denn er sprach: Der HERR wache als Späher über mir und dir, wenn wir voneinander gegangen sind,

 

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am
Dienstag, den 16. Juni 2021

 

Q 89,10

وَفِرْعَوْنَ ذِى ٱلْأَوْتَادِ

VOKABELN

NOMEN

فرعون   pl.  فراعنة  -  Pharao, Tyrann;

ذو  Genitiv  ذى  Akkusativ   ذا  fem.  ذات mask. pl.  ذوو  oder  أولو  fem. pl. ذوات  -  der (mit etwas) Versehene, Besitzer (von etwas), Inhaber;

وتد   pl.  أوتاد  -  (Zelt-)Pflock, Pfahl.

[Um den Anschluss zu finden, hier jeweils mit den Vorversen  Q 89,6-9:]

 

mE

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr auf 'Aaad gewirkt hat,

Iram, die Stütze habend,

von der ein Gleiches sie im Land nicht geschaffen haben,

und Thamud, die den Felsen im Tal aushöhlten

und einem Pharao, Besitzer der Pfähle,

 

ULLMANN (1840)

Hast du  noch nicht beobachtet, wie dein Herr mit Ad, 

dem Volke von Iram verfuhr, wo Säulen (der Turm) waren,

dergleichen im ganzen Lande nicht aufgeführt wurden?

Und wie er mit den Leuten von Thamud verfuhr, welche sich Felsen ausgehauen hatten, am Berghang,

und mit Pharao, dem Hartnäckigen?

 

HENNING (1901)

Sahst du nicht, wie dein Herr mit den Ad verfuhr?

Mit Iram, der Säulenreichen,

Der im Land nichts gleich war?

Und mit den Thamud, die im Tal Felsen aushöhlten?

Und mit Pharao, dem Herrn der Zeltpflöcke?

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Siehst du nicht, wie dein Herr mit den Aditen verfuhr?

In Iram, das den Turm besaß.

Desgleichen noch nie im Land geschaffen ward.

Und mit den Thamuditen, die die Felsen aushöhlten im Tal?

Und mit Pharao, dem Herrn der Pfähle?

 

PARET (1979, 2001)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr (seinerzeit) mit den 'Ad (und deren Siedlung) verfahren ist,

mit Iram, der (Stadt) mit der Säule,

dergleichen sonst nirgendwo (wörtlich: nicht im Land) geschaffen worden ist,

und (mit) den Thamud, die im Tal (in dem sie wohnten) den Fels aushöhlten,

und (mit) Pharao, dem mit den Pfählen (?),

 

KHOURY (1987, 1992)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr an den 'Ad gehandelt hat,

(der Stadt) Iram, berühmt für ihre Säulen,

dergleichen nicht erschaffen wurde in den Ländern?

Und an den Thamud, die im Tal die Felsen aushauten?

Und an Pharao, dem Besitzer der Pfähle?

AL AZHAR (1999)

Siehst du nicht, wie dein Herr mit den ´Ad verfuhr,

(mit) Iram mit den Stützen,

dergleichen nicht erschaffen wurden in den Landstrichen?

Und (mit) den Tamud, die im Tal die Felsen aushöhlten?

Und (mit) Fir'aun, dem Besitzer der Pfähle,

 

KARIMI (2009)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr verfahren ist mit den 'Ad,

mit Iram und ihren Säulen,

dergleichen wurde nicht erschaffen in den Ländern?

Und den Tamud, die die Felsen im Tal aushauten?

Und dem Pharao mit den Pfählen?

 

BOBZIN (2010, 2017)

Sahst du denn nicht, was den Herr den 'Ad antat,

Iram <mit der Säule>,

deren keine wie sie im Land geschaffen ward?

Und den Thamud, die in den Fels im Tal Höhlen trieben?

Und Pharao, dem Herrn der Pfähle?

 

NEUWIRTH (2011)

Hast du  nicht gesehen, wie dein Herr getan hat an den 'Ad,

an Iram mit den Säulen,

das nicht seinesgleichen hatte im Lande,

und an Thamud, die den Fels ausschlugen im Tal,

und an Pharao mit den Zeltpflöcken,

 

CORPUS CORANICUM (15.06.2021)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr an den ʿĀd gehandelt hat,

an Iram mit der Säule,

wie sonst keine Stadt im Lande geschaffen wurde,

und an den Tamud, die im Tal den Fels aushöhlten,

und an Pharao, dem mit den Pfählen,

 

KOMMENTAR:

Das Corpus Coranicum kommentiert:

"wa-firʿauna ḏĭ l-ʾautād] In den in V. 10 und auch in 38:12 mit Pharao assoziierten „Pfählen“ (ʾautād) erblickt Horovitz eine Anspielung auf Pharaos in 28:38 und 40:36.37 erwähnte Bautätigkeit ( Horovitz, Koranische Untersuchungen, 130 f. ), bei der wohl Fragmente der Sage vom Turmbau zu Babel im Hintergrund stehen ( Speyer, Biblische Erzählungen, 283 ). Für Horovitz’ Deutung der ʾautād spricht, dass die vorliegende Sure auch die ʿĀd und Ṯamūd mit besonderen architektonischen Leistungen in Verbindung bringt (V. 7.8 sowie V. 9)."

Angelika Neuwirth schreibt schlicht: "Die Anspielung auf Pharaos - vielleicht ebenfalls auf Bauaktivitäten deutende - autad [Pfahl] bleibt dunkel". (Frühmekkanische Suren S. 206)

 

 

 

 

Gen 31,50 und Q 89,11 

Köln-Merkenich, am 
Mittwoch, den 16. Juni 2021

 

 

Labans Sorge - weiß er wovon er spricht?

‎אִם־תְּעַנֶּה אֶת־בְּנֹתַי וְאִם־תִּקַּח נָשִׁים עַל־בְּנֹתַי אֵין אִישׁ עִמָּנוּ רְאֵה אֱלֹהִים עֵד בֵּינִי וּבֵינֶךָ׃

 (Gen. 31:50 WTT)

 

mE

Wenn du meine Töchter erniedrigst und wenn du Frauen nimmst trotz meiner Töchter - keiner ist mit uns: Sieh! Gott ist ein Zeuge zwischen mir und dir!

 

Buber/Rosenzweig

bedrückst du je meine Töchter,

nimmst du noch Weiber zu meinen Töchtern,

...!

Sei auch kein Mensch bei uns,

sieh, ein Gott ist Zeuge zwischen mir und dir.

 

van Dyke

.»   ‎إِنَّكَ لاَ تُذِلُّ بَنَاتِي، وَلاَ تَأْخُذُ نِسَاءً عَلَى بَنَاتِي. لَيْسَ إِنْسَانٌ مَعَنَا. اُنْظُرْ، اَللهُ شَاهِدٌ بَيْنِي وَبَيْنَكَ  (Gen. 31:50 AVD)

VOKABELN

VERBEN

ذل , i  - niedrig sein; hier: II. Stamm: erniedrigen.

NOMEN

شاهد   schahid  pl.    شهود schuhud  - Zeuge.

PARTIKEL

ان   - wenn, wenn auch.

 

BEOBACHTUNGEN

1 Labans Skepsis

Der zweite Teil dieses Verses ist in der Septuaginta im Vers 44 bereits vorweggenommen worden. Hier wird er nicht wiederholt. Damit entfällt in der LXX der Aspekt, dass an dieser Stelle Laban der Wirkungskraft des Steinhaufens, der zum Kultstein geworden ist (LXX V. 48), Skepsis bewahrt. 

Das erinnert mich an die philosophische Richtung der Skepsis, die von Pyrrhon von Elis (362-ca. 275 v. Chr.) begründet wurde. Zeitweilig bestimmte sie die platonische Akademie, genannt die "mittlere Akademie", von ca. 268 v. Chr. an. Das wäre genau die Zeit, in der in Alexandria an der Septuaginta gearbeitet wurde, von ca. 250 v. Chr. an.  War die Skepsis in Alexandria so stark vertreten, dass man ihr hier Respekt zollte und keinen Anknüpfungspunkt bieten wollte? Belegt ist, dass sich die Gelehrten zwischen Alexandria und Athen lebhaften austauschten, durch Briefe und Besuche.

 

2 Religion

Eine verlässliche Instanz ist für Laban die Gegenwart eines Dritten, eines Zeugen. Gott muss diese Leerstelle füllen. Einer der klassischen Orte für das Entstehen und Wirken von Religion. So findet sie Anhaltspunkte im Alltag.

Hiernonymus formuliert poetisch:

VUL nullus sermonis nostri testis est absque Deo qui praesens respicit

VULD Es gibt keinen Zeugen für unser Gespräch außer Gott, der gegenwärtig 〈auf uns〉 schaut.« 

 

3 Richter

Für Mendelssohn ist Gott nur als Zeuge offenbar zu wenig, er ergänzt:

M B/M so ist zwar kein Mensch Richter zwischen uns; aber siehe! Gott ist Zeuge zwischen mir und dir.

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am
Donnerstag, den 17. Juni 2021

 

Q 89,11

ٱلَّذِينَ طَغَوْاْ فِى ٱلْبِلَـٰدِ

VOKABELN

VERB

طغو  oder   طغا oder طغى , u  - (Fluß) überfluten; unterdrücken, tyrannisch sein.

PARTIKEL

الذى- Relativpronomen: der, die, das; welcher, welche, welches: f: التى allati; dual: اللذان , dual weiblich:  اللتان  ; plural الذين  , pl. f.  اللاتى .

 

[Um den Anschluss zu finden, hier jeweils mit den Vorversen  Q 89,6-10:]

 

mE

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr auf 'Aaad gewirkt hat,

Iram, die Stütze habend,

von der ein Gleiches sie im Land nicht geschaffen haben,

und Thamud, die den Felsen im Tal aushöhlten

und einem Pharao, Besitzer der Pfähle,

welche im Land unterdrückten

 

ULLMANN (1840)

Hast du  noch nicht beobachtet, wie dein Herr mit Ad, 

dem Volke von Iram verfuhr, wo Säulen (der Turm) waren,

dergleichen im ganzen Lande nicht aufgeführt wurden?

Und wie er mit den Leuten von Thamud verfuhr, welche sich Felsen ausgehauen hatten, am Berghang,

und mit Pharao, dem Hartnäckigen?

Alle diese waren ausschweifend

 

HENNING (1901)

Sahst du nicht, wie dein Herr mit den Ad verfuhr?

Mit Iram, der Säulenreichen,

Der im Land nichts gleich war?

Und mit den Thamud, die im Tal Felsen aushöhlten?

Und mit Pharao, dem Herrn der Zeltpflöcke?

(Diese waren es,) welche (allesamt) im Lande frevelten.

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Siehst du nicht, wie dein Herr mit den Aditen verfuhr?

In Iram, das den Turm besaß.

Desgleichen noch nie im Land geschaffen ward.

Und mit den Thamuditen, die die Felsen aushöhlten im Tal?

Und mit Pharao, dem Herrn der Pfähle?

Und darin mehrten das Verderben.

 

PARET (1979, 2001)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr (seinerzeit) mit den 'Ad (und deren Siedlung) verfahren ist,

mit Iram, der (Stadt) mit der Säule,

dergleichen sonst nirgendwo (wörtlich: nicht im Land) geschaffen worden ist,

und (mit) den Thamud, die im Tal (in dem sie wohnten) den Fels aushöhlten,

und (mit) Pharao, dem mit den Pfählen (?),

(mit ihnen allen) die im Land aufsässig waren

 

KHOURY (1987, 1992)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr an den 'Ad gehandelt hat,

(der Stadt) Iram, berühmt für ihre Säulen,

dergleichen nicht erschaffen wurde in den Ländern?

Und an den Thamud, die im Tal die Felsen aushauten?

Und an Pharao, dem Besitzer der Pfähle?

Sie zeigten im Land ein Übermaß an Frevel

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Siehst du nicht, wie dein Herr mit den ´Ad verfuhr,

(mit) Iram mit den Stützen,

dergleichen nicht erschaffen wurden in den Landstrichen?

Und (mit) den Tamud, die im Tal die Felsen aushöhlten?

Und (mit) Fir'aun, dem Besitzer der Pfähle,

die (sie alle) das Maß (an Frevel) in den Landstrichen überschritten 

 

KARIMI (2009)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr verfahren ist mit den 'Ad,

mit Iram und ihren Säulen,

dergleichen wurde nicht erschaffen in den Ländern?

Und den Tamud, die die Felsen im Tal aushauten?

Und dem Pharao mit den Pfählen?

Denjenigen, die im Lande frevelten

 

BOBZIN (2010, 2017)

Sahst du denn nicht, was den Herr den 'Ad antat,

Iram <mit der Säule>,

deren keine wie sie im Land geschaffen ward?

Und den Thamud, die in den Fels im Tal Höhlen trieben?

Und Pharao, dem Herrn der Pfähle?

Die alle tyrannisch im Lande herrschten

 

NEUWIRTH (2011)

Hast du  nicht gesehen, wie dein Herr getan hat an den 'Ad,

an Iram mit den Säulen,

das nicht seinesgleichen hatte im Lande,

und an Thamud, die den Fels ausschlugen im Tal,

und an Pharao mit den Zeltpflöcken,

die alle widersetzlich waren im Lande

 

CORPUS CORANICUM (17.06.2021)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr an den ʿĀd gehandelt hat,

an Iram mit der Säule,

wie sonst keine Stadt im Lande geschaffen wurde,

und an den Tamud, die im Tal den Fels aushöhlten,

und an Pharao, dem mit den Pfählen,

die im Lande aufsässig waren

 

BEOBACHTUNG

Die Übersetzungsbreite ist erheblich. Ich zweifelte sehr an meiner Variante, die allerdings von Bobzin gestützt wird. Das infant terrible der Islamwissenschaft Christoph Luxenberg (ein Pseudonym) leitet das Verb طغو  , thaRu, wie es auch in Q 96,6 auftaucht, aus dem Syro-Aramäischen mit der Bedeutung "vergessen" ab (318). Welchen Sinn würde dies an dieser Stelle ergeben?

Das Corpus Coranicum befasst sich ausführlich mit der Problematik in ihrem Kommentar zu Q 96,6:

"Ṭaġā bedeutet eigentlich „ansteigen, aufwallen, über die Ufer treten“ o. ä. (vgl. Lane, Bd. 5, 1856b–c ). Diese Grundbedeutung ist auch im Koran reflektiert: So steht in 69:11 in einer Anspielung auf die Sintflut ṭaġă l-māʾ, „das Wasser schwoll an“, in 69:5 wird die die Ṯamūd heimsuchende Katastrophe als ṭāġiyya umschrieben, und in 53:17 heißt es im Kontext einer Visionsbeschreibung: mā zāġă l-baṣaru wa-mā ṭaġā, „Der Blick wich nicht ab noch übertrat er das rechte Maß“. Ansonsten charakterisiert das Verb bereits in frühmekkanischer Zeit den menschlichen Ungehorsam gegenüber Gott und wird dann üblicherweise mit „aufsässig sein, anmaßend sein“ etc. übersetzt (vgl. im Einzelnen 96:6, 91:11, 89:11, 79:17.27, 68:31, 55:8, 53:52, 52:32, 51:53). Zumeist wird dieser moralische Gebrauch als natürliche Weiterentwicklung der ursprünglichen Bedeutung „aufwallen, über die Ufer treten“ verstanden, was durchaus möglich ist. Mit Luxenberg ( Luxenberg 2000, 318 f. ) wäre allerdings zu erwägen, ob die zweite, moralische Verwendungsweise des Verbs nicht auch den Gebrauch von aram. ṭʿā reflektieren könnte (vgl. in diesem Sinne schon Jeffery, Foreign Vocabulary, 202 f. , mit weiteren Literaturangaben). Im Gegensatz zu Luxenberg wäre dabei jedoch nicht primär an die Bedeutung „vergessen“, sondern an „irren, (vom rechten Glauben) abirren, fehlgehen“ zu denken ( Payne Smith 1879–1901, Bd. 1, 1492 ). Diese Hypothese wäre überdies von Luxenbergs wenig wahrscheinlicher Behauptung zu lösen, bei ṭaġā handele es sich gar nicht um eine genuin arabische Wurzel und das Wort sei nur durch die Fehllesung eines von ihm postulierten ursprünglichen Wortlautes ṭaʿā zu erklären. Plausibler ist vielmehr die Vermutung, dass ein vorhandenes arabisches Verb ṭaġā (dessen ursprünglicher Sinn koranisch in 69:5.11 belegt ist) unter dem Einfluss des etymologisch verwandten aramäischen Verbs eine zusätzliche moralische Bedeutungskomponente angenommen hat, die aus der arabischen Innenperspektive wiederum aus der arabischen Grundbedeutung von ṭaġā herleitbar war (diese Deutung verdankt sich Diskussionen mit David Kiltz). Auch unter der Annahme einer möglichen syrischen Interferenz wäre also die traditionelle Übersetzung „aufsässig sein“ durchaus sinnvoll; denn bereits in koranischer Zeit könnten Sprecher des Arabischen beide Gebrauchsweisen von ṭaġā („ansteigen, aufwallen“ einerseits, „aufsässig sein“ andererseits) als Ausprägungen einer gemeinsamen Grundbedeutung „das rechte Maß überschreiten“ interpretiert haben."

 

 

 

 

 

Gen 31,51 Q 89,12 

Köln-Merkenich, am
Freitag, den 18. Juni 2021

 

Laben setzt noch einmal neu an:

‎וַיֹּאמֶר לָבָן לְיַעֲקֹב הִנֵּה הַגַּל הַזֶּה      וְהִנֵּה הַמַצֵּבָה אֲשֶׁר יָרִיתִי בֵּינִי וּבֵינֶךָ׃  (Gen. 31:51 WTT)

 

mE

Und Laban sprach zu Jaakob: Siehe, hier ist dieser Steinhaufen und siehe: Der Gedenkstein, den ich aufgestellt habe, ist zwischen mir und dir

 

Buber/Rosenzweig

Und weiter sprach Laban zu Jaakob:

Da dieser Wall und da das Standmal das ich eingesenkt habe zwischen mir und dir -

 

van Dyke

. ‎وَقَالَ لاَبَانُ لِيَعْقُوبَ: «هُوَذَا هذِهِ      الرُّجْمَةُ، وَهُوَذَا الْعَمُودُ الَّذِي وَضَعْتُ بَيْنِي      وَبَيْنَكَ

  (Gen. 31:51 AVD)

VOKABELN

VERB

وضع - put.

    NOMEN

رجم  pl.  رجمة      - Steinhaufen (in der Wüste);

    عمود  pl.  أعمدة  - Säule, Pfeiler.

 

BEOBACHTUNGEN

1

Die offenbar in der Logik geschulten und von der antiken klassischen Philologie her geprägten Alexandriner scheint es gestört zu haben, dass in der Erzählung Laban erneut anhebt, sie haben diesen Vers bereits in Vers 48 integriert - Vers 51 fällt an dieser Stelle in der LXX komplett aus.

Anders Hieronymus - was zeigt, dass er mit der hebräischen Vorlage arbeitete und eben nicht ausschließlich aus der Septuaginta übersetzte.

 

2

Das Demonstrativpronomen הַזֶּה , hasäh, steht nur einmal im Vers und zwar im Singular. Dennoch verwendet es die KJV zweimal - allerdings als Ergänzung kenntlich gemacht; zweimal auch: LSG BFC LUT L17 EIN ELB SCH M und B/M ZUNZ D83 GN GNB BiG BB B/R und van Dyke.

Ohne Verdoppelung kommen aus: VUL NAS ESV ZUR NL D92 [!] SBJ et moi.

Die Letztgenannten - samt Hiernonymus - lassen es damit offen, ob von zwei Gegenständen oder nur von einem die Rede ist. 

Mendelssohn erzeugt den gleichen Effekt, indem er das Verb im Singular auf beides bezieht, s.u.

 

3

Das Verb יָרִיתִי, jariti, kommt von ירה, und bedeutet "werfen, aufwerfen". Entsprechend übersetzt  

Mendelssohn:

M Hier ist dieser Steinhaufen, und hier ist dies Denkmal, welche ich aufgeworfen habe,

So auch Zunz und sein Team:

ZUNZ und siehe diese Säule, die ich aufgeworfen zwischen mir und dir

Auch die KJV verwendet ein Verb mit der Bedeutung "werfen, aufwerfen":

KJV Behold this heap, and behold this pillar, which I have cast betwixt me and thee

Alle anderen bedienen das Wortfeld errichten (VUL erexi EIN ELB SCH GN GNB LSG élevé D83 D92 rijst), hinstellen (ESV NAS set BFC placé NL gezet BB LSG aufgestellt und van Dyke وَضَعْتُ) und aufrichten (LUT L17 ZUR BiG). Eine Ausnahme sind Buber/Rosenzweig: "eingesenkt": Auf diese Weise wollen sie beides - Wall und Mal - eher als eins verstanden wissen.

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am
Mittwoch, den 23. Juni 2021

 

Q 89,12

فَأَكْثَرُواْ فِيهَا ٱلْفَسَادَ

VOKABELN

VERB

كثير  - viel sein; Komperativ:  أكثر  -  mehr.

NOMEN

فساد - Verdorbenheit.

 

[Um den Anschluss zu finden, hier jeweils mit den Vorversen  Q 89,6-11:]

 

mE

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr auf 'Aaad gewirkt hat,

Iram, die Stütze habend,

von der ein Gleiches sie im Land nicht geschaffen haben,

und Thamud, die den Felsen im Tal aushöhlten

und einem Pharao, Besitzer der Pfähle,

welche im Land unterdrückten

und mehr gibt es in ihm die Verdorbenheit?

 

       

ULLMANN (1840)

Hast du  noch nicht beobachtet, wie dein Herr mit Ad, 

dem Volke von Iram verfuhr, wo Säulen (der Turm) waren,

dergleichen im ganzen Lande nicht aufgeführt wurden?

Und wie er mit den Leuten von Thamud verfuhr, welche sich Felsen ausgehauen hatten, am Berghang,

und mit Pharao, dem Hartnäckigen?

Alle diese waren ausschweifend

und richteten großes Verderben im Land an.

       

HENNING (1901)

Sahst du nicht, wie dein Herr mit den Ad verfuhr?

Mit Iram, der Säulenreichen,

Der im Land nichts gleich war?

Und mit den Thamud, die im Tal Felsen aushöhlten?

Und mit Pharao, dem Herrn der Zeltpflöcke?

(Diese waren es,) welche (allesamt) im Lande frevelten.

Und dort viel Unheil anrichteten.

 

       

GOLDSCHMIDT (1916)

Siehst du nicht, wie dein Herr mit den Aditen verfuhr?

In Iram, das den Turm besaß.

Desgleichen noch nie im Land geschaffen ward.

Und mit den Thamuditen, die die Felsen aushöhlten im Tal?

Und mit Pharao, dem Herrn der Pfähle?

Und darin mehrten das Verderben.

Und darin mehrten das Verderben.

      

PARET (1979, 2001)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr (seinerzeit) mit den 'Ad      (und deren Siedlung) verfahren ist,

mit Iram, der (Stadt) mit der Säule,

dergleichen sonst nirgendwo (wörtlich: nicht im Land)      geschaffen worden ist,

und (mit) den Thamud, die im Tal (in dem sie wohnten) den Fels aushöhlten,

und (mit) Pharao, dem mit den Pfählen (?),

(mit ihnen allen) die im Land aufsässig waren

und darin viel Unheil anrichteten?

      

KHOURY (1987, 1992)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr an den 'Ad gehandelt hat,

(der Stadt) Iram, berühmt für ihre Säulen,

dergleichen nicht erschaffen wurde in den Ländern?

Und an den Thamud, die im Tal die Felsen aushauten?

Und an Pharao, dem Besitzer der Pfähle?

Sie zeigten im Land ein Übermaß an Frevel

und stifteten darin viel Unheil.

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Siehst du nicht, wie dein            Herr mit den ´Ad verfuhr,

(mit) Iram mit den Stützen,

dergleichen nicht erschaffen wurden in den Landstrichen?

Und (mit) den Tamud,        die im Tal die Felsen aushöhlten?

Und (mit) Fir'aun, dem Besitzer der Pfähle,

die (sie alle) das          Maß (an Frevel) in den Landstrichen überschritten

und darin viel Unheil stifteten?

       

KARIMI (2009)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr verfahren ist mit den      'Ad,

mit Iram und ihren Säulen,

dergleichen wurde nicht erschaffen in den Ländern?

Und den Tamud, die die Felsen im Tal aushauten?

Und dem Pharao mit den Pfählen?

Denjenigen, die im Lande frevelten

und viel Verderbnis verbreiteten?

       

BOBZIN (2010, 2017)

Sahst du denn nicht, was den Herr den 'Ad antat,

Iram <mit der Säule>,

deren keine wie sie im Land geschaffen ward?

Und den Thamud, die in den Fels im Tal Höhlen trieben?

Und Pharao, dem Herrn der Pfähle?

Die alle tyrannisch im Lande herrschten

und das Verderben in ihm mehrten?

      

NEUWIRTH (2011)

Hast du  nicht gesehen, wie dein Herr getan hat an den 'Ad,

an Iram mit den Säulen,

das nicht seinesgleichen hatte im Lande,

und an Thamud, die den Fels ausschlugen im Tal,

und an Pharao mit den Zeltpflöcken,

die alle widersetzlich waren im Lande

und viel Unheil anrichteten?

      

CORPUS CORANICUM (23.06.2021)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr an den ʿĀd gehandelt hat,

an Iram mit der Säule,

    wie sonst keine Stadt im Lande geschaffen wurde,

und an den Tamud, die im Tal den Fels aushöhlten,

und an Pharao, dem mit den Pfählen,

die im Lande aufsässig waren

und viel Unheil darin angerichtet haben,

 

BEOBACHTUNG

Die Übersetzung von Goldschmidt ist genial. Ihr schließt sich Bobzin an.

 

 

 

 

Gen 31,52 und Q 89,13 

Köln-Merkenich, am
Donnerstag, den 24. Juni 2021

 

Laben erschafft ein Zeichen, das einen selbst vor dem Bösen bewahrt - gibt es da nicht eine Parallele?

‎עֵד הַגַּל הַזֶּה וְעֵדָה הַמַּצֵּבָה אִם־אָנִי לֹא־אֶעֱבֹר אֵלֶיךָ אֶת־הַגַּל הַזֶּה וְאִם־אַתָּה לֹא־תַעֲבֹר אֵלַי אֶת־הַגַּל הַזֶּה וְאֶת־הַמַּצֵּבָה הַזֹּאת לְרָעָה׃

 (Gen. 31:52 WTT)

 

mE

Ein Zeuge ist dieser Steinhaufen und eine Zeugin der Gedenkstein damit ich nicht zu dir hin diesen Steinhaufen überschreite und damit du nicht zu mir hin diesen Steinhaufen und diesen Gedenkstein überschreitest - zum Übel.

 

Buber/Rosenzweig

Zeuge sei dieser Wall und Zeugin das Standmal:

nicht überschreite je ich diesen Wall zu dir und nicht überschreitest je du diesen Wall zu mir und dieses Standmal zum Bösen!

 

van Dyke

‎ شَاهِدَةٌ هذِهِ الرُّجْمَةُ وَشَاهِدٌ الْعَمُودُ أَنِّي لاَ أَتَجَاوَزُ هذِهِ الرُّجْمَةَ إِلَيْكَ، وَأَنَّكَ لاَ تَتَجَاوَزُ هذِهِ الرُّجْمَةَ وَهذَا الْعَمُودَ إِلَيَّ لِلشَّرِّ  (Gen. 31:52 AVD)

VOKABELN

جوز oder جاز - hindurchkommen; erlaubt sein [!], HIER VI. STAMM: überschreiten, hinausgehen (über  ه) .NOMEN

شاهد  pl.  شهود - Zeuge;

رجم  pl.  رجمة - Steinhaufen (in der Wüste);

عمود  pl.  أعمدة  - Säule, Pfeiler,

شر  pl.  شرور  - Übel, Böse(s).

 

BEOBACHTUNG

1

Vergleichbar ist dieses Erinnerungs- und Mahnzeichen mit dem Zeichen, das sich Gott selbst zur Mahnung setzt, niemals noch einmal alles Leben zu vernichten: Den Regenbogen, Gen 9,12. Dort wird allerdings ein anderes Wort benutzt, ‎אוֹת־הַבְּרִית (Gen. 9:12 WTT), oth-habarith, Zeichen des Bundes.

 

2

Im Hebräischen ist das Mahnzeichen bidirektional, es ist in beide Richtungen hin eine Warnung vor dem Bösen sowohl für Laban als auch für Jaakob; Hieronymus sieht hier nur eine Richtung, die von Jaakob aus:

VUL tumulus inquam iste et lapis sint in testimonio si aut ego transiero illum pergens ad te aut tu praeterieris malum mihi cogitans

VULD Dieser Hügel, sage ich, und der Stein sollen Zeugnis sein, wenn entweder ich ihn überschreite und mich zu dir aufmache oder du 〈an ihm〉 vorbeigehst und Böses gegen mich sinnst. 

Die Schlachterübersetzung folgt ihm darin:

SCH dieser Steinhaufen sei Zeuge und dieses Denkmal ein Zeugnis dafür, daß ich niemals über diesen Steinhaufen hinaus zu dir kommen will und daß auch du niemals in böser Absicht über diesen Steinhaufen oder über dieses Denkmal hinaus zu mir kommen sollst.

In diese Richtung geht die Neuherausgabe von Mendelssohns Übersetzung durch Annette Böckler:

B/M Dieser Steinhaufen nämlich sei Zeuge, und dieses Denkmal sei auch Zeuge, dass ich niemals zu dir vor diesem Steinhaufen vorbeiziehe. Und du niemals zu mir vor diesem Steinhaufen und vor diesem Denkmal vorbeiziehest zum Bösen.

Schlachter und Böckler schließen zugleich damit aus, dass Laban zum Guten an dem Mal vorbeizieht.

Hieronymus, Schlachter und Böckler, unterstellen, dass Laban nur Jaakob Böses zutraut, sich selber aber nicht.

Mendelssohn selbst hat das Verständnis in beide Richtungen noch offengelassen durch eine Kleinigkeit, ein Komma:

M ... vor diesem Denkmal vorbei ziehest, zum Bösen.

Die ältere dänische Übersetzung bezieht die böse Absicht interessanterweise allein auf Laban:

D83 Vidne er denne dysse, og vidne er denne støtte på, at jeg ikke i fjendtlig hensigt vil gå forbi denne dysse ind til dig, og at du heller ikke vil gå forbi den ind til mig.

Die Übersetzung von 1992 hat das korrigiert:

D92 Både stendyngen og stenstøtten skal være vidne på, at jeg ikke i fjendtlig hensigt går ind på dit område forbi stendyngen, og at du heller ikke i fjendtlig hensigt går ind på mit område forbi stendyngen og stenstøtten.

 

 

 

 

+

 

 

Köln-Merkenich, am
Freitag, den 25. Juni 2021

 

Q 89,13

فَصَبَّ عَلَيْهِمْ رَبُّكَ سَوْطَ عَذَابٍ

VOKABELN

VERB

صب  , u - gießen.

NOMEN

رب   pl.  أرباب - Herr, Gott;

سوط   saut  pl.  سياط  oder  أسواط  - Peitsche;

عذاب  pl.  أعذبة  - Bestrafung, Folter, Qual.

 

[Um den Anschluss zu finden, hier jeweils mit den Vorversen  Q 89,6-12:]

 

mE

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr auf 'Aaad gewirkt hat,

Iram, die Stütze habend,

von der ein Gleiches sie im Land nicht geschaffen haben,

und Thamud, die den Felsen im Tal aushöhlten

und einem Pharao, Besitzer der Pfähle,

welche im Land unterdrückten

und mehrten in ihm die Verdorbenheit?

Und es ergoss über sie dein Herr eine Peitsche der Qual

 

ULLMANN (1840)

Hast du  noch nicht beobachtet, wie dein Herr mit Ad, 

dem Volke von Iram verfuhr, wo Säulen (der Turm) waren,

dergleichen im ganzen Lande nicht aufgeführt wurden?

Und wie er mit den Leuten von Thamud verfuhr, welche sich Felsen ausgehauen hatten, am Berghang,

und mit Pharao, dem Hartnäckigen?

Alle diese waren ausschweifend

und richteten großes Verderben im Land an.

Darum ließ dein Herr die Geißel seiner Strafe auf sie niedersausen;

 

HENNING (1901)

Sahst du nicht, wie dein Herr mit den Ad verfuhr?

Mit Iram, der Säulenreichen,

Der im Land nichts gleich war?

Und mit den Thamud, die im Tal Felsen aushöhlten?

Und mit Pharao, dem Herrn der Zeltpflöcke?

(Diese waren es,) welche (allesamt) im Lande frevelten.

Und dort viel Unheil anrichteten.

Da schüttet dein Herr die Geißel der Strafe über sie aus;

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Siehst du nicht, wie dein Herr mit den Aditen verfuhr?

In Iram, das den Turm besaß.

Desgleichen noch nie im Land geschaffen ward.

Und mit den Thamuditen, die die Felsen aushöhlten im Tal?

Und mit Pharao, dem Herrn der Pfähle?

Und darin mehrten das Verderben.

Da schwang dein Herr über sie die Peitsche der Strafe.

 

PARET (1979, 2001)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr (seinerzeit) mit den 'Ad (und deren Siedlung) verfahren ist,

mit Iram, der (Stadt) mit der Säule,

dergleichen sonst nirgendwo (wörtlich: nicht im Land) geschaffen worden ist,

und (mit) den Thamud, die im Tal (in dem sie wohnten) den Fels aushöhlten,

und (mit) Pharao, dem mit den Pfählen (?),

(mit ihnen allen) die im Land aufsässig waren

und darin viel Unheil anrichteten?

Dein Herr ließ die Geißel einer (schrecklichen) Strafe auf sie herabsausen (wörtlich goß die Geißel ... über sie aus).

 

KHOURY (1987, 1992)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr an den 'Ad gehandelt hat,

(der Stadt) Iram, berühmt für ihre Säulen,

dergleichen nicht erschaffen wurde in den Ländern?

Und an den Thamud, die im Tal die Felsen aushauten?

Und an Pharao, dem Besitzer der Pfähle?

Sie zeigten im Land ein Übermaß an Frevel

und stifteten darin viel Unheil.

Da ließ dein Herr auf sie die Geißel einer (schlimmen) Pein fallen.

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Siehst du nicht, wie dein Herr mit den ´Ad verfuhr,

(mit) Iram mit den Stützen,

dergleichen nicht erschaffen wurden in den Landstrichen?

Und (mit) den Tamud, die im Tal die Felsen aushöhlten?

Und (mit) Fir'aun, dem Besitzer der Pfähle,

die (sie alle) das Maß (an Frevel) in den Landstrichen überschritten 

und darin viel Unheil stifteten?

Da schüttete dein Herr auf sie eine Geißel von Strafe aus.

 

KARIMI (2009)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr verfahren ist mit den 'Ad,

mit Iram und ihren Säulen,

dergleichen wurde nicht erschaffen in den Ländern?

Und den Tamud, die die Felsen im Tal aushauten?

Und dem Pharao mit den Pfählen?

Denjenigen, die im Lande frevelten

und viel Verderbnis verbreiteten?

Da schüttete der Herr auf sie eine Geißel der Strafe.

 

BOBZIN (2010, 2017)

Sahst du denn nicht, was den Herr den 'Ad antat,

Iram <mit der Säule>,

deren keine wie sie im Land geschaffen ward?

Und den Thamud, die in den Fels im Tal Höhlen trieben?

Und Pharao, dem Herrn der Pfähle?

Die alle tyrannisch im Lande herrschten

und das Verderben in ihm mehrten?

Doch dein Herr ließ zur Strafe Peitschen auf sie niedergehen.

 

NEUWIRTH (2011)

Hast du  nicht gesehen, wie dein Herr getan hat an den 'Ad,

an Iram mit den Säulen,

das nicht seinesgleichen hatte im Lande,

und an Thamud, die den Fels ausschlugen im Tal,

und an Pharao mit den Zeltpflöcken,

die alle widersetzlich waren im Lande

und viel Unheil anrichteten?

Da goß dein Herr über sie die Flut der Strafe aus.

 

CORPUS CORANICUM (25.06.2021)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr an den ʿĀd gehandelt hat,

an Iram mit der Säule,

wie sonst keine Stadt im Lande geschaffen wurde,

und an den Tamud, die im Tal den Fels aushöhlten,

und an Pharao, dem mit den Pfählen,

die im Lande aufsässig waren

und viel Unheil darin angerichtet haben,

so dass dein Herr eine Strafgeißel über sie ausgoss?

 

BEOBACHTUNGEN

1

Angelika Neuwirth nimmt als einzige der eingesehenen Übersetzungen die Assoziation des Verbes "gießen" in Verbindung mit "Qual, Strafe" zur Sintflut auf. Sie beruft sich auf Untersuchungen, die das Nomen سوط   saut "im Sinne des Äthiopischen/Südarabischen als "Flut" ... deuten." (Frühmekkanische Suren, S. 206)

Das ist durchaus denkbar, da in Äthiopien ein christliches Königtum herrschte und in Südarabien, Himyar, ab dem 4. Jahrhundert bis zur äthiopischen Invasion 525 ein jüdisches Königtum. 

Neuwirth schränkt diese Deutung sogleich wieder ein, indem sie von "von einer Überlagerung der beiden Metaphern des Ausgießens einer Flut und des Schwingens der Geißel" (ebd.) spricht.

 

Corups Coranicuam kommentiert:

"fa-ṣabba ʿalaihim rabbuka sauṭa ʿaḏāb] Weil ṣabba, „ausgießen“, sich mit sauṭ ʿaḏāb im traditionell angenommenen Sinn von „Geißel einer Strafe“ nicht zu einem kohärenten Bild zusammenfügt, will Horovitz sauṭ von äth. sōṭa, „Flut“, ableiten ( Horovitz, Koranische Untersuchungen, 13 ). Möglich ist aber auch, dass hier zwei Metaphern zusammenfließen, die ihrem Sinn nach voneinander unabhängig sind: Einerseits hat Gott seine Strafe „ausgegossen“, so wie es im Buch Ezechiel mehrfach heißt, Gott werde „seinen Zorn“ über Israel „ausgießen“ (z. B. Ezechiel 7:8, 9:8, 36:18); andererseits wird diese Strafe als Züchtigung durch eine Peitsche veranschaulicht und mit einem ursprünglich aus dem Aramäischen stammenden Wort beschrieben ( Jeffery, Foreign Vocabulary, 182 ). Man muss jedenfalls nicht wie Horovitz ṣabba und sauṭ als Elemente eines einzigen Sprachbildes auffassen."

Die Ezechielstellen sind in der Tat aufschlussreich: In Ez 9,8 ist nicht nur von "ausgießen" und "Zorn" die Rede - anlässlich einer Vision von Gottes Strafhandeln als einem Massenmord vom Tempel in Jerusalem ausgehend - , sondern auch vom "Herrn", hebräisch ‎אֲדֹנָי, adonai, arabisch ‎الرَّبُّ , arrabu für Gott, die Gottesanrede auch hier, in Q 89,13.

2

Wenn man der alten Formel folgt, erst taucht ein Motiv bei den Propheten auf, dann in den Schriften und zuletzt in den Liedern, liegt die Vermutung nahe, dass die Sintfluterzählung Gen 6-9 nach dem Vorbild der Vision Ezechiels Ez 9 und Ez 36,17 verfasst wurde: Die Verunreinigung des Landes durch Abgötterei und Gewalttat. Dies entspricht Gen 4,10ff - die Kontaminierung des Bodens durch gewaltsam vergossenes Blut (Brudermord) - und Gen 6,11: "Die Erde aber war verdorben vor Gott, und die Erde war erfüllt mit Gewalttat" (Gen. 6:11 ELB), s. auch das Lamechlied Gen 4,23f! Mit Erde, "äräz", ist der Erdboden gemeint. Durch die Flut wird dieser gereinigt, sonst wäre er für alle Zeit vergiftet und würde keine Frucht mehr tragen. Gottes Bundesschluss mit Noah Gen 9 hat demnach also auch eine ökologische Bedeutung: Dass es nie mehr zu solch einer totalen  Verseuchung des Erdbodens durch Gewalttaten kommt. 

Wenn man bedenkt, wie wir Nordlinge der Erdkugel uns in den letzten Jahrhunderten weltweit aufgeführt haben, sind wir da nicht eher die Kinder Lamechs (Gen 4,23f) als Noahs?

 

 

 

 

Gen 31,53 und Q 89,14 

Köln-Merkenich, am
Dienstag, den 29. Juni 2021

 

 

Die Gottheiten der Väter müssen's richten:

‎אֱלֹהֵי אַבְרָהָם וֵאלֹהֵי נָחוֹר יִשְׁפְּטוּ בֵינֵינוּ אֱלֹהֵי אֲבִיהֶם וַיִּשָּׁבַע יַעֲקֹב בְּפַחַד אָבִיו יִצְחָק׃

 (Gen. 31:53 WTT)

 

mE

Der Gott Abrahams und der Gott Nachors mögen richten zwischen uns - der Gott ihres Vaters; und Jaakob schwur in der Furcht seines Vaters Jizchak.

 

Buber/Rosenzweig

der Gott Abrahams und der Gott Nachors mögen richten zwischen uns, - der Gott ihres Vaters!

Jaakob schwur bei dem Schrecken seines Vaters Jizchak.

 

van Dyke

.   ‎إِلهُ إِبْرَاهِيمَ وَآلِهَةُ نَاحُورَ، آلِهَةُ أَبِيهِمَا، يَقْضُونَ بَيْنَنَا» . وَحَلَفَ يَعْقُوبُ بِهَيْبَةِ أَبِيهِ إِسْحَاقَ

  (Gen. 31:53 AVD)

VOKABELN

VERBEN

قض  , i - richten, urteilen;

 حلف , i - schwören.

NOMEN

 هيبه haiba - Furcht.

 

BEOBACHTUNGEN

1

Die Einfügung des Erzählers  ‎אֱלֹהֵי אֲבִיהֶם, älohai abihäm, der Gott ihres Vaters, fehlt in der Septuaginta , so auch die EIN und GNB. Mendelssohn verbannt diese Ergänzung in die Fußnote "nämlich die Götter ihrer Vorfahren". Die Leningrader Handschrift hat sie. 

Hieronymus hat sie auch. Ein weiterer Beleg, dass Hieronymus aus dem hebräischen Text übersetzte.

Obwohl es grammatisch die gleiche Form ist wie es zuvor zweimal verwendet wird (Gott Abrahams, Gott Nachors) , wird das älohai dieser Ergänzung von Mendelssohn im Plural übersetzt, so auch die BiG.

 

2

Die Form ‎בֵינֵינוּ, beineinu, zwischen uns, ist sehr selten. Normalerweise heißt es im Hebräischen wörtlich "zwischen mir und zwischen dir". Mit dieser Bedeutung kommt es in der Hebräischen Bibel nur noch drei mal vor:

Hiob 9,33, Hiob 34,4 und Hiob 34,37! Ein weiterer Hinweis für die späte - zumindest Fixierung - dieses Textes!

 

3

Der Ausdruck בְּפַחַד אָבִיו יִצְחָק , bephachad awiu jizchak, in der Furcht seines Vaters Jizchak, taucht nur noch einmal auf: Gen 31,42.

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am
Mittwoch, den 30. Juni 2021

 

Q 89,14

إِنَّ رَبَّكَ لَبِٱلْمِرْصَادِ

VOKABELN

NOMEN

مرصاد  - Hinterhalt, Lauer;

بالمرصاد - auf der Lauer.

PARTIKEL

ان  inna - siehe!

 

[Um den Anschluss zu finden, hier jeweils mit den Vorversen  Q 89,6-13:]

 

mE

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr auf 'Aaad gewirkt hat,

Iram, die Stütze habend,

von der ein Gleiches sie im Land nicht geschaffen haben,

und Thamud, die den Felsen im Tal aushöhlten

und einem Pharao, Besitzer der Pfähle,

welche im Land unterdrückten

und mehrten in ihm die Verdorbenheit?

Und es ergoss über sie dein Herr eine Peitsche der Qual.

Siehe! Dein Herr ist dafür auf der Lauer!

 

ULLMANN (1840)

Hast du  noch nicht beobachtet, wie dein Herr mit Ad, 

dem Volke von Iram verfuhr, wo Säulen (der Turm) waren,

dergleichen im ganzen Lande nicht aufgeführt wurden?

Und wie er mit den Leuten von Thamud verfuhr, welche sich Felsen ausgehauen hatten, am Berghang,

und mit Pharao, dem Hartnäckigen?

Alle diese waren ausschweifend

und richteten großes Verderben im Land an.

Darum ließ dein Herr die Geißel seiner Strafe auf sie niedersausen;

denn dein Herr steht, um alles zu beobachten, auf einem Wachtturm. 

(Vermutlich weil er gelesen hat: مرصد  pl. مراصد - Warte, Observatorium?)

 

HENNING (1901)

Sahst du nicht, wie dein Herr mit den Ad verfuhr?

Mit Iram, der Säulenreichen,

Der im Land nichts gleich war?

Und mit den Thamud, die im Tal Felsen aushöhlten?

Und mit Pharao, dem Herrn der Zeltpflöcke?

(Diese waren es,) welche (allesamt) im Lande frevelten.

Und dort viel Unheil anrichteten.

Da schüttet dein Herr die Geißel der Strafe über sie aus;

Denn dein Herr ist wahrlich wachsam.

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Siehst du nicht, wie dein Herr mit den Aditen verfuhr?

In Iram, das den Turm besaß.

Desgleichen noch nie im Land geschaffen ward.

Und mit den Thamuditen, die die Felsen aushöhlten im Tal?

Und mit Pharao, dem Herrn der Pfähle?

Und darin mehrten das Verderben.

Da schwang dein Herr über sie die Peitsche der Strafe.

Wahrlich, dein Herr ist auf der Wacht.

 

PARET (1979, 2001)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr (seinerzeit) mit den 'Ad (und deren Siedlung) verfahren ist,

mit Iram, der (Stadt) mit der Säule,

dergleichen sonst nirgendwo (wörtlich: nicht im Land) geschaffen worden ist,

und (mit) den Thamud, die im Tal (in dem sie wohnten) den Fels aushöhlten,

und (mit) Pharao, dem mit den Pfählen (?),

(mit ihnen allen) die im Land aufsässig waren

und darin viel Unheil anrichteten?

Dein Herr ließ die Geißel einer (schrecklichen) Strafe auf sie herabsausen (wörtlich goß die Geißel ... über sie aus).

Er liegt auf der Lauer (und ist jederzeit bereit einzugreifen).

 

KHOURY (1987, 1992)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr an den 'Ad gehandelt hat,

(der Stadt) Iram, berühmt für ihre Säulen,

dergleichen nicht erschaffen wurde in den Ländern?

Und an den Thamud, die im Tal die Felsen aushauten?

Und an Pharao, dem Besitzer der Pfähle?

Sie zeigten im Land ein Übermaß an Frevel

und stifteten darin viel Unheil.

Da ließ dein Herr auf sie die Geißel einer (schlimmen) Pein fallen.

Dein Herr liegt auf der Lauer.

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Siehst du nicht, wie dein Herr mit den ´Ad verfuhr,

(mit) Iram mit den Stützen,

dergleichen nicht erschaffen wurden in den Landstrichen?

Und (mit) den Tamud, die im Tal die Felsen aushöhlten?

Und (mit) Fir'aun, dem Besitzer der Pfähle,

die (sie alle) das Maß (an Frevel) in den Landstrichen überschritten 

und darin viel Unheil stifteten?

Da schüttete dein Herr auf sie eine Geißel von Strafe aus.

Gewiss, dein Herr wartet ja (auf sie).

 

KARIMI (2009)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr verfahren ist mit den 'Ad,

mit Iram und ihren Säulen,

dergleichen wurde nicht erschaffen in den Ländern?

Und den Tamud, die die Felsen im Tal aushauten?

Und dem Pharao mit den Pfählen?

Denjenigen, die im Lande frevelten

und viel Verderbnis verbreiteten?

Da schüttete der Herr auf sie eine Geißel der Strafe.

Wahrlich, dein Herr ist beharrlich auf der Lauer.

 

BOBZIN (2010, 2017)

Sahst du denn nicht, was den Herr den 'Ad antat,

Iram <mit der Säule>,

deren keine wie sie im Land geschaffen ward?

Und den Thamud, die in den Fels im Tal Höhlen trieben?

Und Pharao, dem Herrn der Pfähle?

Die alle tyrannisch im Lande herrschten

und das Verderben in ihm mehrten?

Doch dein Herr ließ zur Strafe Peitschen auf sie niedergehen.

Siehe, dein Herr ist auf der Wacht.

 

NEUWIRTH (2011)

Hast du  nicht gesehen, wie dein Herr getan hat an den 'Ad,

an Iram mit den Säulen,

das nicht seinesgleichen hatte im Lande,

und an Thamud, die den Fels ausschlugen im Tal,

und an Pharao mit den Zeltpflöcken,

die alle widersetzlich waren im Lande

und viel Unheil anrichteten?

Da goß dein Herr über sie die Flut der Strafe aus.

Denn dein Herr ist auf der Lauer!

 

CORPUS CORANICUM (30.06.2021)

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr an den ʿĀd gehandelt hat,

an Iram mit der Säule,

wie sonst keine Stadt im Lande geschaffen wurde,

und an den Tamud, die im Tal den Fels aushöhlten,

und an Pharao, dem mit den Pfählen,

die im Lande aufsässig waren

und viel Unheil darin angerichtet haben,

so dass dein Herr eine Strafgeißel über sie ausgoss?

Dein Herr liegt auf der Lauer.

 

BEOBACHTUNGEN

Auch hier dient wie im Vers zuvor arabisch ‎الرَّبُّ , arrabu als Gottesbezeichnung, wie im Hebräischen אֲדֹנָי, adonai, und vor allem im jüdischen Gottesdienst als die übliche Gottesanrede.

 

KOMMENTAR

Zum gesamten Abschnitt Verse 6-14 heißt es im Kommentar vom Corpus Coranicum ("Gesätz" ist eine ungewöhnliche Bezeichnung für eine Strophe, sie wird normalerweise für Minnelieder verwendet. Der Begriff wurde, so die Einleitung zum Kommentar, "von Alfred Bloch auf die altarabische Dichtung angewandt und dann von Neuwirth für den Koran" angewandt, https://corpuscoranicum.de/kommentar/einleitung):

„Am zweiten Gesätz ist besonders auffällig, dass alle drei in der Strafliste genannten Kollektive mit besonderen baulichen Leistungen verbunden sind: Die ʿĀd werden als Bewohner von „Iram mit seinen Säulen“ eingeführt, die Ṯamūd als Erbauer von Felshöhlen, und auch die im Einzelnen nicht transparente Assoziation Pharaos mit „Pfählen“ dürfte mit architektonischen Aktivitäten zusammenhängen. Es liegt nahe, die Pointe dieser Verweise darin zu erblicken, dass die betreffenden Bauwerke als nach irdischen Maßstäben zwar imposante, letztlich aber vergebliche und Gottes Vergeltung nicht aufhaltende Versuche menschlicher Selbstverewigung (vgl. die Verwendung der ein solches Streben explizit benennenden Wurzel ḫ-l-d in 104:3) gewertet werden sollen – eine an die biblische Erzählung vom Turmbau zu Babel (die auch im Hintergrund der Assoziation Pharaos mit besonderen baulichen Leistungen stehen könnte, s. die Anmerkung zu V. 10) erinnernde Wertung. Der scheinbaren Beständigkeit und Nachhaltigkeit dieser Bauwerke setzt V. 13 dann den strafenden Zugriff Gottes entgegen, der alle menschlichen Bemühungen um Unvergänglichkeit auf einen Schlag zunichte macht. Die Beständigkeit menschlicher Bauwerke wird übrigens auch in der altarabischen Dichtung thematisiert, vgl. etwa Labīd, Riṯāʾ Arbad, V. 1: „Wir vergehen; unvergänglich sind die Sterne am Himmel, / Bestand haben Berge und Türme“ (vgl. Jones, Early Arabic Poetry, Bd. 1, 81 ); wie im Falle der am Jüngsten Tag ebenfalls der Zerstörung anheimfallenden Berge betont die vorliegende Koranpassage insofern die letztendliche Fragilität eines in der Dichtung als Paradigma von Beständigkeit fungierenden Phänomens.“

 

 

 

 

Gen 31,54 und Q 89,15 

Köln-Merkenich, am 
Freitag, den 2. Juli 2021

 

Eine Schlachtung statt einer Schlacht:

‎וַיִּזְבַּח יַעֲקֹב זֶבַח בָּהָר וַיִּקְרָא לְאֶחָיו לֶאֱכָל־לָחֶם וַיֹּאכְלוּ לֶחֶם וַיָּלִינוּ בָּהָר

 (Gen. 31:54 WTT)

 

mE

Und Jaakob schlachtete eine Schlachtung auf dem Berg und rief seine Brüder zum Brotessen und sie aßen Brot und übernachteten auf dem Berg.

 

Buber/Rosenzweig

Dann schlachtete Jaakob ein Schlachtmahl auf dem Berg

und rief seine Brüder, das Brot zu essen.

Sie aßen das Brot und nächtigten auf dem Berg.

 

van Dyke

. ‎وَذَبَحَ يَعْقُوبُ ذَبِيحَةً فِي الْجَبَلِ وَدَعَا إِخْوَتَهُ لِيَأْكُلُوا طَعَامًا، فَأَكَلُوا طَعَامًا وَبَاتُوا فِي الْجَبَلِ  (Gen. 31:54 AVD)

VOKABELN

VERBEN

ذبح  , a - schlachten;

بيت  oder  بات , i - übernachten.

NOMEN

ذبيح  oder  ذبيحة - Opfer (Lande 954);

طعام   pl.  أطعمة - Speise.

 

BEOBACHTUNGEN

1 trinken

Für die jüdische Gemeinde in Alexandria war es offenbar unvorstellbar gemeinsam zu essen und dabei nicht zu trinken. Ein Symposion lebt geradezu davon, dass ein Kelch mit einem passenden Trinkspruch herumgereicht wird. Also wurde in diesem Vers ergänzt:

LXX καὶ ἔφαγον καὶ ἔπιον  (Gen. 31:54 BGT)

LXXD und sie aßen und tranken

Was dabei verloren ging: Vom Brot ist keine Rede mehr.

 

2 brotlos

Vom Brot ist gleichfalls keine Rede mehr in Luthers Übersetzung:

LUT L17 Und Jakob opferte auf dem Gebirge und lud seine Brüder zum Essen. Und als sie gegessen hatten, 

Ähnlich ELB SCH BB

LSG s frères à manger; ils mangèrent donc und ganz kurz 

BFC  et il invita ses proches à un repas. Après avoir mangé, 

Statt von Brot spricht von einem Mahl NAS EIN ZUR BiG van Dyke, Gastmahl M B/M oder Mahlzeit NL maaltijd D83 D92 måltid oder Opfermahl GN GNB, Speise ZUNZ

 

3 Brot

Ohne solche Metonymie bleiben VUL KJV ESV  B/R mE und die jiddische Übersetzung, sie bleiben beim Brot.

 

4 לין, lin, nächtigen 

Die KJV verwendet dafür ein äußerst seltenes Verb:

and tarried all night in the mount.

Merriam-Webster half weiter:

tar·ry \'ter-ē, 'ta-rē\ vi, tar·ried tar·ry·ing [ME tarien] (14c) 

1 a : to delay or be tardy in acting or doing b : to linger in expectation : wait

2 : to abide or stay in or at a place

Wiktionary English vermeldet (https://en.wiktionary.org/wiki/tarry#English):

„Etymology 1

From Middle English tarien, terien (“to vex, harass, cause to hesitate, delay”), from Old English tirian, tirġan, terġan (“to worry, exasperate, pain, provoke, excite”), from Proto-Germanic *terganą, *targijaną (“to pull, tease, irritate”), from Proto-Indo-European *deregʰ- (“to pull, tug, irritate”). Cognate with Dutch tergen (“to provoke”), German zergen (“to vex, irritate, provoke”), Norwegian Bokmål terge (“to irritate, provoke”), Russian дёргать (djórgatʹ, “to pull, yank, jerk, pluck up”). Compare also Walloon tårdjî (“to be late, to be slow, to wait”).

Verb

tarry (third-person singular simple present tarries, present participle tarrying, simple past and past participle tarried) (dated

1 (intransitive) To delay; to be late or tardy in beginning or doing anything. Synonyms: forestall, put off; see also Thesaurus:procrastinate

2 (intransitive) To linger in expectation of something or until something is done or happens. 

Synonym: abide

3 (intransitive) To abide, stay or wait somewhere, especially if longer than planned. Synonyms: hang about, hang around, linger, loiter; see also Thesaurus:tarry

4 (intransitive) To stay somewhere temporarily

Synonyms: sojourn, stay, stay over, stop, stop over; see also Thesaurus:sojourn

5 (transitive) To wait for; to stay or stop for; to allow to linger. 

Synonyms: await, wait on; see also Thesaurus:wait for

 

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am
Dienstag, den 6. Juli 2021

 

Q 89,15

فَأَمَّا ٱلۡإِنسَٰنُ إِذَا مَا ٱبۡتَلَىٰهُ رَبُّهُۥ

فَأَكۡرَمَهُۥ وَنَعَّمَهُۥ

فَيَقُولُ رَبِّیٓ أَكۡرَمَنِ

VOKABELN

VERBEN

قال   oder  قول , u - sagen;

 كرم  - großzügig, freigebig sein; IV. Stamm: ehren, beschenken;

نعم  - in Wohlstand sein, IV. Stamm gnädig sein.

NOMEN

انسان    pl.  ناس  - Mensch;

 ابتلاه  - Prüfung;

اكرام - Ehrung;

نعمة naAama- Wohlleben, Komfort; نعمة  niAama pl.  نعم  - Gnade, Güte, Wohltat.

PARTIKEL

اما   - was betrifft;

اذا  - als, wenn, ob

ما  - was? das, was.

 

mE

Und was den Menschen betrifft, als wenn das seine Prüfung seines Herrn ist

und seine Ehrung und seine Wohltaten,

spricht er: Mein Herr beschenkt mich.

 

ULLMANN (1840)

Wenn den Menschen sein Herr durch Wohltaten prüft und ihm Ehre und Güte erzeigt, dann sagt er wohl: "Mein Herr hat mich geehrt";

 

HENNING (1901)

Und der Mensch - wenn ihn sein Herr prüft, indem Er ihm in Seiner Großmut Wohltaten zukommen lässt, dann sagt er: "Mein Herr hat mich gewürdigt."

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Und was den Menschen betrifft: wenn dein Herr ihn prüft und und ihn auszeichnet und gnadet, 

So spricht er: Mein Herr hat mich ausgezeichnet.

 

PARET (1979, 2001)

Wenn der Mensch von seinem Herrn in der Weise auf die Probe gestellt wird, daß dieser freigebig (wörtlich großmütig) gegen ihn ist und ihm Wohltaten erweist sagt er: ›Mein Herr war freigebig gegen mich.‹

 

KHOURY (1987, 1992)

Aber der Mensch, wenn sein Herr ihn prüft und großzügig behandelt und ihm ein angenehmes Leben schenkt, sagt: "Mein Herr behandelt mich großzügig."

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Was nun den Menschen angeht, wenn sein Herr ihn prüft und ihn da(bei) freigebig behandelt und ihm ein wonnevolles Leben verschafft, so sagt er: "Mein Herr behandelt mich freigebig."

 

KARIMI (2009)

Doch der Mensch, wenn sein Herr ihn prüft, indem Er sich ihm zuwendet großmütig und gnädig, sagt dann: "Mein Herr hat sich mir großmütig erwiesen."

 

BOBZIN (2010, 2017)

Der Mensch, wenn Gott ihn auf die Probe stellt,

ihn ehrt und Wohltaten auf ihn häuft,

dann spricht er: "Mein Herr behandelt mich ehrenvoll."

 

NEUWIRTH (2011)

Der Mensch aber, wenn sein Herr ihn prüft und ihn ehrt und es ihm angenehm macht,

spricht: "Mein Herr hat mich geehrt."

 

CORPUS CORANICUM (06.07.2021)

Wenn Gott den prüft

und großmütig und gnädig gegen ihn ist,

so sagt er: "Mein Herr war großmütig gegen mich."

 

 

 

 

Gen 32,1 Labans Segen und Q 89,16 

Köln-Merkenich, am Montag,
den 16. August 2021

 

Laban nimmt Abschied, er küsst und segnet seine Töchter und Enkel:

Gen 32,1

‎וַיַּשְׁכֵּם לָבָן בַּבֹּקֶר וַיְנַשֵּׁק לְבָנָיו וְלִבְנוֹתָיו וַיְבָרֶךְ אֶתְהֶם וַיֵּלֶךְ וַיָּשָׁב לָבָן לִמְקֹמוֹ׃ 

 (Gen. 32:1 WTT)

 

mE

Und Laban stand frühmorgens auf und küsste heftig seine Söhne und seine Töchter und segnete sie und ging und Laban kehrte zurück an seinen Ort.

 

Buber/Rosenzweig

Frühmorgens machte sich Laban auf, er küßte seine Enkel und seine Töchter und segnete sie,

dann ging Laban und kehrte an seinen Ort zurück.

 

van Dyke

. ‎ثُمَّ بَكَّرَ لاَبَانُ صَبَاحًا وَقَبَّلَ بَنِيهِ وَبَنَاتِهِ وَبَارَكَهُمْ وَمَضَى. وَرَجَعَ لاَبَانُ إِلَى مَكَانِهِ  (Gen. 31:55 AVD)

VOKABELN

VERB

‎مَض , jamdi - weggehen.

 

BEOBACHTUNGEN

1

Hieronymus lässt Laban noch in der Nacht aufstehen:

VUL Laban vero de nocte consurgens 

VULD Laban aber stand nachts auf 

 

2

Jehuasch hat eine interessante Übersetzung:


Zum Verb  פעדרן, federn, im Jiddisch-Englischen Wörterbuch von Weinreich nichts gefunden.

HILFE: Wer weiß hier weiter?!

 

Köln-Merkenich, am
Dienstag, den 17. August 2021

 

3

Aus mir nicht einsehbaren Gründen fehlt in der LXXD dieser Vers, obwohl die LXX in der Ausgabe von Bible Works ihn gemäß der Edition Alfred Rahlfs von 1935 angibt.

 

 

 

 

*

 

 

Q 89,16

  وَأَمَّآ إِذَا مَا ٱبۡتَلَىٰهُ
  فَقَدَرَ عَلَيۡهِ رِزۡقَهُۥ
  فَيَقُولُ رَبِّیٓ أَهَٰنَنِ

VOKABELN

VERBEN

قدر , i - können, vermögen, (Gott) bestimmen;

هون  oder هان   - leicht, unbedeutend, verächtlich sein; HIER: IV. Stamm: verachten.

NOMEN

 ابتلاه  - Prüfung;

رزق  pl. أرزاق - Lebensunterhalt, Nahrung; tägliches Brot.

PARTIKEL

اما   - was betrifft;

اذا  - als, wenn, ob

ما  - was? das, was.

 

mE 

Und was betrifft, wenn das eine Prüfung ist und er bestimmt für ihn sein tägliches Brot, und er spricht: Mein Herr verachtet mich. 

 

ULLMANN (1840) 

wenn er ihn aber durch Widerwärtigkeiten prüft und ihm seine Nahrung entzieht, dann spricht er: "Mein Herr erniedrigt mich." 

 

HENNING (1901) 

Wenn Er  ihn aber prüft, indem Er ihm Seine Versorgung kurz bemisst, dann sagt er: "Mein Herr hat mich erniedrigt!" 

 

GOLDSCHMIDT (1916) 

Wenn er ihn aber prüft und ihm seinen Unterhalt (kärglich) zumisst, so spricht er: Mein Herr hat mich erniedrigt. 

 

PARET (1979, 2001) 

Wenn das aber in der Weise geschieht, daß er ihm seinen Unterhalt begrenzt (wörtlich abmißt), sagt er: ›Mein Herr hat mich erniedrigt.‹ 

 

KHOURY (1987, 1992) 

Wenn Er ihn aber prüft und ihm seinen Lebensunterhalt bemessen zuteilt, sagt er: "Mein Herr lässt mich Schmach erleiden." 

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de) 

Was (ihn) aber angeht, wenn Er ihn prüft und ihm da(bei) seine Versorgung bemißt, so sagt er: "Mein Herr setzt mich der Schmach aus." 

 

KARIMI (2009) 

Aber wenn sein Herr ihn prüft, indem Er ihm vermindert seinen Unterhalt, dann spricht er: "Mein Herr hat mich erniedrigt." 

 

BOBZIN (2010, 2017) 

Doch wenn Gott ihn auf die Probe stellt 

und ihm seinen Unterhalt knapp zumisst, 

dann spricht er: "Mein Herr demütigte mich." 

 

NEUWIRTH (2011) 

Doch wenn sein Herr ihn prüft und seinen Unterhalt bemisst, 

spricht er: "Mein Herr hat mich gedemütigt." 

 

CORPUS CORANICUM (17.08.2021) 

Wenn Gott ihn aber prüft 

und ihm seinen täglichen Unterhalt knapp abmisst, 

so sagt er: "Mein Herr hat mich erniedrigt." 

 

KOMMENTAR 

Corpus Coranicum https://corpuscoranicum.de/kommentar/index/sure/89/vers/1  vermerkt, dass dem Ausdruck "rizq", رزق , eine aramäische Etymologie zugrunde liegt, mittelpersisch vermittelt: 

"fa-qadara ʿalaihi rizqahū] Zur (über das Aramäische vermittelten) mittelpersischen Etymologie von rizq vgl. Jeffery, Foreign Vocabulary, 142 f. Der Ausdruck erscheint frühmekkanisch noch in 51:22.57 (vgl. a. V. 58, wo Gott als razzāq bezeichnet wird) sowie in 56:82." 

Auch werden die beiden Verse 15 und 16 als nachträglich hinzugefügt betrachtet: 

"Die beiden später hinzugefügten (s. o.) Verse 15.16, die terminologisch auf der Opposition ʾakrama – ʾahāna beruhen, lehnen sich an V. 17 (lā tukrimūna l-yatīm) an und ergänzen die in V. 17–20 aufgeführten innergesellschaftlichen Unterlassungssünden durch den Vorwurf eines allzu wankelmütigen Gottesverhältnisses (dessen positives Gegenstück in anderen Texten mit der Wurzel ṣ-b-r bezeichnet wird)." 

Dies wird ausführlich erläutert: 

"V. 15.16 fallen nicht nur durch ihren sehr lockeren Reim auf, sondern auch dadurch, dass sie inhaltlich lediglich in losem Zusammenhang mit ihrer Umgebung stehen. Zwar formulieren die Verse wie der folgende Abschnitt V. 17–20 einen Vorwurf an den Menschen, der jedoch in der 3. Person Singular und nicht wie V. 17–20 in der 2. Person Plural gehalten ist. Auch inhaltlich stehen die beiden Abschnitte eher nebeneinander: V. 17–20 beklagen einen Mangel an sozialer Solidarität, während V. 15.16 dem Menschen einen Mangel an geduldiger und gläubiger Akzeptanz des ihm von Gott zugeteilten Loses vorwerfen. Die beiden Verse sind deshalb wohl ein späterer Einschub (so Bell, Commentary, zu 89:14–17 nach der Flügel-Zählung, und Neuwirth, Studien, 226 ). Zwar enthält die sicherlich nicht eingeschobene Stelle 70:19–21 eine mit 89:15.16 vergleichbare Gegenüberstellung der Reaktionen des Menschen auf positive und negative Schicksalswendungen, doch bestätigen die stilistischen Differenzen eher noch den Einschubcharakter von 89:15.16: So werden hier anders als in Sure 70 zwei Äußerungen des Menschen wörtlich zitiert, was dem dialektischen Stil späterer mekkanischer Korantexte nahesteht. Auffällig ist auch, dass alle weiteren Stellen, an denen das Verb qadara, „(knapp) zuteilen“, wie in V. 16 mit rizq, „Unterhalt“, verbunden wird, mittelmekkanisch oder später sind (yabsuṭu r-rizqa li-man yašāʾu wa-yaqdiru: 13:26, 17:30, 28:82, 29:62, 30:37, 34:36.39, 39:52, 42:12; ähnlich 42:27; die früheste Stelle dürfte 17:30 sein). 

Wie V. 15.16 weisen auch V. 23.24 und V. 27–30 sehr lose Reime auf und heben sich stilistisch von ihrem Kontext ab; überdies lassen sie sich ohne Brüche in der Gedankenführung aus ihrer Umgebung herausheben. Auch diese Verse dürften deshalb spätere Texterweiterungen sein. Eine entscheidende Bestätigung erfährt diese Einschubhypothese dadurch, dass sich bei einer Aussonderung der Verspaare 15.16, 23.24, 27.28 und 29.30 die Verse 17–20 und 21.22.25.26 (V. 21.22 Vordersatz, V. 25.26 Nachsatz) zwei straff komponierte eschatologische Vierergesätze ergeben (vgl. Neuwirth, Studien, 227 f. mit einer Transkription der mutmaßlichen Urfassung der Sure)." 

 

 

 

 

Gen 32,2 und Q 89,17 

Köln-Merkenich, am 
Mittwoch, den 18. August 2021 

 

Jaakobs Weg bleibt ungewiss: 

‎וְיַעֲקֹב הָלַךְ לְדַרְכּוֹ וַיִּפְגְּעוּ־בוֹ מַלְאֲכֵי אֱלֹהִים׃ 

 (Gen. 32:2 WTT) 

 

mE 

Und Jaakob ging auf seinem Weg und stießen auf ihn Boten Gottes. 

 

Buber/Rosenzweig 

Wie Jaakob seines Wegs ging, 

trafen Boten Gottes auf ihn. 

 

van Dyke 

. ‎وَأَمَّا يَعْقُوبُ فَمَضَى فِي طَرِيقِهِ وَلاَقَاهُ مَلاَئِكَةُ اللهِ  (Gen. 32:1 AVD) 

VOKABELN 

VERBEN 

مضى  , jamdi - gehen; 

لقى , a - begegnen, III. Stamm: begegnen +  Dativ; stoßen auf   +  Akkusativ; erlangen, erreichen, erleiden. 

PARTIKEL   

اما  - was betrifft. 

 

BEOBACHTUNGEN 

Die Septuaginta greift und beugt vor, dass bei Jaakob nicht der Eindruck aufkommt, er benenne etwas (Vers 3), was er nicht zuvor gesehen habe: 

LXX καὶ Ιακωβ ἀπῆλθεν εἰς τὴν ἑαυτοῦ ὁδόν καὶ ἀναβλέψας εἶδεν παρεμβολὴν θεοῦ παρεμβεβληκυῖαν καὶ συνήντησαν αὐτῷ οἱ ἄγγελοι τοῦ θεοῦ (Gen. 32:2 BGT) 

LXXD Und Jakob ging weg auf seinen eigenen Weg. Und als er aufblickte, sah er, dass ein Heerlager Gottes lagerte, und die Boten Gottes begegneten ihm. 

 

 

 

 

*

 

 

Q 89,17 

كَلَّا بَل لَّا تُكۡرِمُونَ ٱلۡيَتِيمَ 

 

Köln-Merkenich, am 
Donnerstag, den 19. August 2021 

 

VOKABELN 

VERB 

كرم  , u - edelmütig sein, großzügig, freigiebig, wohltätig sein; 

NOMEN 

 يتيام  pl.  أيتام oder  يتامى - Waise; 

PARTIKEL 

كلا  - nein! keineswegs! 

بل  - sondern, ja sogar. 

 

mE 

Keineswegs, sondern ihr seid dem Waisen nicht großzügig. 

 

ULLMANN (1840) 

Das ist aber nicht so, ihr achtet der Waisen nicht. 

 

HENNING (1901) 

Doch nein! Ihr haltet die Waise nicht in Ehren. 

 

GOLDSCHMIDT (1916) 

Keineswegs! Ihr achtet die Waisen nicht. 

 

PARET (1979, 2001) 

Nein! Ihr seid (eurerseits) nicht freigebig gegen die Waise 

 

KHOURY (1987, 1992) 

Aber nein, ihr behandelt die Waise nicht großzügig, 

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de) 

Keineswegs! Vielmehr behandelt ihr die Waise nicht freigebig 

 

KARIMI (2009) 

Nein! Ihr seid nicht großmütig zur Waise, 

 

BOBZIN (2010, 2017) 

O nein! Ihr beschenkt die Waise nicht. 

 

NEUWIRTH (2011) 

Ihr aber ehrt die Waise nicht 

 

CORPUS CORANICUM (19.08.2021) 

Nein! Ihr seid nicht großmütig gegen die Waisen, 

 

KOMMENTAR 

Corpus Coranicum weist darauf hin, dass es Handschriften mit dem Verb in der 3. Person Plural gibt. Das sind immerhin vier von insgesamt 11 Handschriften. Die älteste aufgeführte Handschrift von at-Tabari, gestorben 923, hat diese alternative Lesart. 

 

BEOBACHTUNG 

Waise (s. Mail zu Gen 31,26 und Q 93,9 vom 18.03.2021) 

Der Genuswechsel vom ursprünglich ausschließlich maskulinen Gebrauch, auch wenn Frauen gemeint sind (Grimm 27,1046), zum femininen Gebrauch vollzog sich im 18./19. Jahrhundert. Grimm führt dies auf den Einfluss von "Witwe" zurück, "mit dem waise im plural oft verbunden wird" (Grimm 27,1046). Goldschmidt (1916) übersetzt in Q 93,9 noch männlich, hier aber benutzt er die Pluralform, wie Ullmann und merkwürdigerweise auch Corpus Coranicum. Und auch ich kann mich mit der femininen Form nicht anfreunden. Das mag für mich als gebürtigem Hamburger regionale Gründe haben, weil im Norddeutschen die männliche Form länger "als richtiger galt" (Grimm 27,1046). 

 

 

 

 

Gen 32,3 und Q 89,18 

Köln-Merkenich, am Montag 
den 23. August 2021 

 

Wenn Jaakob dachte, er wäre in der Konfrontation mit Laban allein auf sich gestellt, wird er eines besseren belehrt: 

‎וַיֹּאמֶר יַעֲקֹב כַּאֲשֶׁר רָאָם מַחֲנֵה אֱלֹהִים זֶה וַיִּקְרָא שֵׁם־הַמָּקוֹם הַהוּא מַחֲנָיִם 

 (Gen. 32:3 WTT) 

 

mE 

Und Jaakob sprach als er sie sah, "dies ist ein Feldlager Gottes!", und er rief den Namen des Ortes : "Dies ist ein Doppellager, Machanajim." 

 

Buber/Rosenzweig 

Jaakob sprach, als er sie sah: 

Ein Heerlager Gottes ist dies! 

Und er rief den Namen jenes Ortes: Machanajim, Doppellager. 

 

van Dyke 

. » ‎وَقَالَ يَعْقُوبُ إِذْ رَآهُمْ: «هذَا جَيْشُ اللهِ!» . فَدَعَا اسْمَ ذلِكَ الْمَكَانِ «مَحَنَايِمَ (Gen. 32:2 AVD) 

VOKABELN 

VERBEN 

راى  , jara  - sehen; 

دعو  oder  دعا  , u - rufen, nennen. 

NOMEN 

جيش  pl.  جيوش gujusch - Heer, Armee. 

 

BEOBACHTUNGEN 

Die Bedeutung des Namens "Machanajim" am Ende des Verses vermittelt bereits Hieronymus, wobei er die Dualform der Endung im Hebräischen "-ajim" nicht mit überträgt: 

VUL id est Castra. 

VULD das heißt 'Lager'. 

Luther und andere halten eine Erläuterung nicht für nötig. 

Anders Mendelssohn: 

M B/M zwei Lager. 

So auch eine Anmerkung in der Dänischen Übersetzung D83 und die BiG. 

ZUNZ (Doppellager). 

So auch B/R GN GNB EIN BB et moi. 

 

 

 

 

 

 
Köln-Merkenich, am Dienstag, 
den 24. August 2021 

 

Q 89,18 

وَلَا تَحَـٰٓضُّونَ عَلَىٰ طَعَامِ ٱلْمِسْكِينِ 

VOKABELN 

VERB 

حض , chadda, u - anspornen, antreiben, HIER: III. Stamm. 

NOMEN 

طعام  pl.  أطعمة - Speise. 

ADJEKTIV 

مسكين   pl.  مساكين - arm. 

 

mE 

und spornt einander nicht zur Speise für den Armen an 

 

ULLMANN (1840) 

und muntert euch gegenseitig nicht auf, den Armen zu speisen 

 

HENNING (1901) 

und spornt einander nicht zur Speisung des Armen an 

 

GOLDSCHMIDT (1916) 

Und treibt einander nicht an zur Speisung der Armen. 

 

PARET (1979, 2001) 

und haltet euch nicht gegenseitig dazu an, dem Armen (etas) zu essen zu geben, 

 

KHOURY (1987, 1992) 

und ihr haltet nicht zur Speisung des Bedürftigen an. 

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de) 

und haltet euch nicht gegenseitig zur Speisung des Armen an. 

 

KARIMI (2009) 

und ihr haltet nicht an zur Speisung des Armen, 

 

BOBZIN (2010, 2017) 

Und ihr spornt einander nicht an, den Armen zu speisen, 

 

NEUWIRTH (2011) 

und spornt einander nicht an zur Speisung der Armen, 

 

CORPUS CORANICUM (24.08.2021) 

haltet euch untereinander nicht zur Speisung des Armen an, 

 

KOMMENTAR 

https://corpuscoranicum.de/lesarten/index/sure/89/vers/18 

Auch hier gibt es Lesarten, die die 3. Person Plural verwenden. 

 

 

 

 

Gen 32,4 und Q 89,19 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, 
den 25. August 2021 

 

 

Nach der Begegnung mit den Boten Gottes schickt Jaakob nun auch Boten aus - da war doch was mit seinem Bruder?! 

‎וַיִּשְׁלַח יַעֲקֹב מַלְאָכִים לְפָנָיו אֶל־עֵשָׂו אָחִיו אַרְצָה שֵׂעִיר שְׂדֵה אֱדוֹם 

 (Gen. 32:4 WTT) 

 

mE 

Und Jaakob schickte Boten vor sich her zu Essaw seinem Bruder in das Sse'ir, die Gegend von Edom 

 

Buber/Rosenzweig 

Jaakob sandte nun Boten vor seinem Antlitz her zu Essaw seinem Bruder nach dem Lande Sseïr, in Edoms Gefild, 

 

van Dyke 

‎وَأَرْسَلَ يَعْقُوبُ رُسُلاً قُدَّامَهُ إِلَى عِيسُوَ أَخِيهِ إِلَى أَرْضِ سَعِيرَ بِلاَدِ أَدُومَ  (Gen. 32:3 AVD) 

VOKABELN 

VERB 

رسل , a - (Haar) herabhängen; III. Stamm: korrespondieren [!]; HIER IV. Stamm: schicken, senden. 

NOMEN 

رسول  pl.  رسل  rusul - Bote, Gesandter, Apostel. 

 

BEOBACHTUNGEN 

Die Begegnung mit den Boten Gottes, Gen 32,2, könnte verstanden werden als Anregung für Jaakob nun auch Boten auszusenden. Das vermittelt von den eingesehenen Übersetzungen einzig die BiG: 

BiG Dann sandte Jakob seinerseits Boten vor sich her 

 

 

 

 

 

 

Köln-Merkenich, am Freitag, 
den 27. August 2021 
und Montag, den 30. August 2021 

 

Q 89,19 

وَتَأْكُلُونَ ٱلتُّرَاثَ أَكْلاً لَّمًّا 

VOKABELN 

VERB 

لم , ja'lummu - sammeln. 

NOMEN 

تراث  , turath - Erbe, Erbschaft. 

 

mE 

und ihr esst das Erbe, ein Essen was gesammelt wurde. 

 

ULLMANN (1840) 

und ihr verzehrt das Erbe der Unmündigen mit Habgier 

 

HENNING (1901) 

Und braucht das Erbe (des Unmündigen) auf. 

 

GOLDSCHMIDT (1916) 

Und verzehrt das Erbe ganz und gar. 

 

PARET (1979, 2001) 

zehrt vielmehr das Erbe (eurer Schützlinge) vollständig auf 

 

KHOURY (1987, 1992) 

Ihr verzehrt das Erbe ohne Unterschied. 

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de) 

Und ihr verzehrt das Erbe, ja ihr verzehrt es ganz und gar. 

 

KARIMI (2009) 

und ihr verzehrt gänzlich das Erbe! 

 

BOBZIN (2010, 2017) 

und verzehrt das Erbe ganz und gar 

 

NEUWIRTH (2011) 

sondern verzehrt das Erbe gierig selbst 

 

CORPUS CORANICUM (27.08.2021) 

verzehrt die gesamte Erbschaft 

 

BEOBACHTUNGEN 

Goldschmidts Übersetzung hat Bobzin offenbar beeindruckt. 

 

KOMMENTAR 

Dieser Vers bereitet Schwierigkeiten. Dank Nermine und 

CORPUS CORANICUM gibt es einiges Aufhellendes. Corpus Coranicum führt zu diesem Vers aus: 

"wa-taʾkulūna t-turāṯa ʾaklan lammā] „Ihr esst das Erbe auf [alles] zusammensammelnde Weise“ (mit lamm als Apposition zu ʾakl), d. h.: „Ihr verzehrt das gesamte Erbe“. " 

 

Auch hier gibt es Lesarten, vgl. https://corpuscoranicum.de/lesarten/index/sure/89/vers/19 

die statt der 2. Person Plural die 3. Person Plural haben, um V. 17-20 an vorausgegangenen Verse anzugleichen? 

 

 

 

 

Gen 32,5 und Q 89,20 - Q ist besonders zu empfehlen! 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, 
den 2. September 2021 

 

 

Jaakob und Essaw - die Hauptpersonen dieser Novelle: Jaakob nähert sich seinem Bruder an: 

‎וַיְצַו אֹתָם לֵאמֹר כֹּה תֹאמְרוּן לַאדֹנִי לְעֵשָׂו כֹּה אָמַר עַבְדְּךָ יַעֲקֹב עִם־לָבָן גַּרְתִּי וָאֵחַר עַד־עָתָּה׃ 

 (Gen. 32:5 WTT) 

 

mE 

und er befahl ihnen sprechend: So sollt ihr sagen zu meinem Herrn, Essaw: So spricht dein Knecht Jaakob: Bei Laban war ich ein Fremder und ich verweilte bis jetzt 

 

Buber/Rosenzweig 

und gebot ihnen, sprechend: 

So sprecht zu meinem Herrn, zu Essaw: 

So hat dein Knecht Jaakob gesprochen: 

Bei Laban gastete ich und habe bis jetzt gesäumt, 

 

van Dyke 

. ‎وَأَمَرَهُمْ قَائِلاً: «هكَذَا تَقُولُونَ لِسَيِّدِي عِيسُوَ: هكَذَا قَالَ عَبْدُكَ يَعْقُوبُ: تَغَرَّبْتُ عِنْدَ لاَبَانَ وَلَبِثْتُ إِلَى لآنَ  (Gen. 32:4 AVD) 

VOKABELN 

VERBEN 

غرب GHarab, u - fortgehen (Sonne:) untergehen; GHarub, u - fremd sein; HIER V. Stamm "ta-GHarrab": auswandern; 

لبث   , a - verweilen. 

 

BEOBACHTUNGEN: 

Hieronymus lässt Jaakob statt von sich als einem "Knecht" von seinem "Bruder" sprechen: 

VUL haec dicit frater tuus Iacob 

VULD Dies sagt dein Bruder Jakob: 

Davon ist die Gute Nachricht von 1982 geprägt: 

GN 4 Jakob sandte Boten voraus zu seinem Bruder Esau ... 5 Sie sollten seinem Bruder ausrichten: ... 

Die Überarbeitung, die Gute Nachricht Bibel von 1997 korrigiert: 

GNB 5 Sie sollten Esau, seinem Herrn, ausrichten 

 

Das hebräische Wort "adon" oder "adonai", אָדוֹן, "Herr" "mein Herr", ist normalerweise die gebräuchliche Gottesanrede, vgl. Gen 15,2; Gen 15,8. In der Synagoge ist sie die gewöhnliche Lesung an allen Stellen, wo im Hebräischen JHWH steht. Es wird aber auch - wie hier - für Menschen verwendet: Ssarah nennt ihren Mann so: Gen 18,12. Hetiter sprechen Abraham so an: Gen 23,6; Gen 23,11; vgl. Gen 24,9f u. öfters. 

Die BiG übersetzt an dieser Stelle "לַאדֹנִי" mit "meinem Herrn und Gebieter". 

 

 

 

 

 

 

Köln-Merkenich, am 
Freitag, den 3. September 2021 

 

Q 89,20 

وَتُحِبُّونَ ٱلْمَالَ حُبًّا جَمًّا 

VOKABELN 

VERB 

جم  , u - sich sammeln. 

ADJEKTIV 

 جم - reichlich, zahlreich, vielfältig, voll. 

NOMEN 

 مال  pl. أموال - Besitz, Vermögen. 

 

Weil mich diese Verse ganz besonders ansprechen, hier die Verse 89,17-20 im Zusammenhang: 

 

mE 

Keineswegs, sondern ihr seid dem Waisen nicht großzügig 

und spornt einander nicht an zur Speise für den Armen. 

Und ihr esst das Erbe, ein Essen dessen, was gesammelt wurde. 

Und sie lieben den Besitz, ein reichliches Lieben. 

 

ULLMANN (1840) 

Ihr achtet der Waisen nicht 

und muntert euch gegenseitig nicht auf, den Armen zu speisen, 

und verzehrt das Erbe der Unmündigen mit Habgier 

und liebt den Reichtum mit großer Leidenschaft. 

 

HENNING (1901) 

Doch nein! Ihr haltet die Waise nicht in Ehren. 

Und spornt einander nicht zur Speisung der Armen an. 

Und braucht das Erbe (des Unmündigen) auf. 

Und liebt (euer) Vermögen maßlos. 

 

GOLDSCHMIDT (1916) 

Ihr achtet die Waisen nicht. 

Und treibt einander nicht zur Speisung der Armen. 

Und verzehrt das Erbe ganz und gar. 

Und liebt den Reichtum mit großer Liebe. 

 

PARET (1979, 2001) 

Nein! Ihr seid (eurerseits) nicht freigebig gegen die Waise 

und haltet euch nicht gegenseitig dazu an, dem Armen (etwas) zu essen zu geben, 

zehrt vielmehr das Erbe (eurer Schützlinge) vollständig auf 

und liebt Hab und Gut über alles. 

 

KHOURY (1987, 1992) 

Aber nein, ihr behandelt die Weise nicht großzügig, 

und ihr haltet nicht zur Speisung des Bedürftigen an. 

Ihr verzehrt das Erbe ohne Unterschied. 

Und ihr hegt für den Besitz eine allzu große Liebe. 

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de) 

Keineswegs! Vielmehr behandelt ihr die Waise nicht freigiebig 

und haltet euch nicht gegenseitig zur Speisung des Armen an. 

Und ihr verzehrt das Erbe, ja ihr verzehrt es ganz und gar. 

Und ihr liebt den Besitz, ja ihr liebt ihn voll und ganz. 

 

KARIMI (2009) 

Nein! Ihr seid nicht großmütig zur Waise, 

und ihr haltet nicht an zur Speisung des Armen, 

und ihr verzehrt  gänzlich das Erbe! 

Und ihr liebt begehrlich das Vermögen! 

 

BOBZIN (2010, 2017) 

O nein! Ihr beschenkt die Waise nicht. 

Und ihr spornt einander nicht an, den Armen zu speisen, 

und verzehrt das Erbe ganz und gar 

und liebt den Besitz gar sehr. 

 

NEUWIRTH (2011) 

Ihr aber ehrt die Waise nicht 

und spornt einander nicht an zur Speisung der Armen, 

sondern verzehrt das Erbe gierig selbst 

und liebt den Besitz über die Maßen! 

 

CORPUS CORANICUM (03.09.2021) 

Nein! Ihr seid nicht großmütig gegen die Waisen, 

haltet euch untereinander nicht zur Speisung der Armen an, 

verzehrt die gesamte Erbschaft 

und liebt den Besitz über alle Maßen! 

 

KOMMENTAR 

Angelika Neuwirth schreibt dazu, Frühmekkanische Suren 207: 

"Lasterkatalog, der biblische Topoi aufgreift. Die implizite Fordernung nach der Sorge für Waisen und Arme sowie Verzicht auf Besitz reflektiert aber auch den monastischen Sittenkodex (vgl. Andrae 1932: 60ff), der von der neuen Bewegung als verbindlich vertreten wird. Der Vorwurf der Besitzgier, im monastischen Kontext pleonexia, wurde schon vorher erhoben: Q 108:8 .. ("und heftig liebt er den Gewinn" - wörtlich: "das Gut"), ähnlich auch Q 104:2: ... ("der Gut anhäuft und es abzählt")." 

 

LITERATUR: Andrae, Tor: Mohammad, sein Leben und sein Glaube. Göttingen 1932. 

Corpus Coranicum verweist zudem auf Q 107,2-3 und Q 90,11-6. Beide Suren haben wir bereits übersetzt. Biblische Parallelen sind dort vermerkt. 

Besonders wichtig halte ich den Verweis auf mönchisches Leben und Traditionen gemäß Mt 5ff, die sich in diesen Versen widerspiegeln. 

 

BEOBACHTUNGEN 

Die sprachliche Wendung "Besitz lieben" ist so geläufig, dass ihre innere Widerwärtigkeit kaum noch spürbar ist. 

Ich finde die Wendung in einer Rede Buddhas: 

"Fünf Arten der Eigensucht: eigensüchtig den Ort lieben, eigensüchtig den Stamm lieben, eigensüchtig den Besitz lieben, eigensüchtig die Schönheit lieben, eigensüchtig die Lehre lieben." 

[Indische Philosophie: Die Reden Gotamo Buddhos. Asiatische Philosophie - Indien und China, S. 20219 

(vgl. Buddhos Bd. 2, S. 574)] 

In einem chinesischen Lehrgedicht von Mong Dsi: Die Lehrgespräche des Meisters Meng K'o: 

" Darauf erst konnte er sich daran machen, auszuziehen. Wenn Eure Hoheit den Besitz lieben, so teilt ihn mit Euren Leuten. 

[Chinesische Philosophie: Mong Dsï: Die Lehrgespräche des Meisters Meng K'o. Asiatische Philosophie - Indien und China, S. 27809 

(vgl. Mong Dsï, S. 57)] 

Fontane spricht vom "liebgewordenen Besitz" 

[(Vor dem Sturm, Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky, S. 124212, (vgl. Fontane-RuE Bd. 1, S. 89)] 

Und bei Georg Simmel: Philosophie des Geldes: 

"Überall, so hat man gesagt, erzeugt der Besitz Liebe zum Besitz." 

[Simmel: Philosophie des Geldes. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 62436 

(vgl. Simmel-Phil., S. 407)] 

 

 

 

 

Gen 32,6 und Q 89,21 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, 
den 8. September 2021 

 

Jaakob prahlt: 

‎וַיְהִי־לִי שׁוֹר וַחֲמוֹר צֹאן וְעֶבֶד וְשִׁפְחָה וָאֶשְׁלְחָה לְהַגִּיד לַאדֹנִי לִמְצֹא־חֵן בְּעֵינֶיךָ׃ 

 (Gen. 32:6 WTT) 

 

mE 

Und es geschah mir: Rinder und Esel, Kleinvieh und Diener und Sklavinnen und ich schicke aus, um meinem Herrn zu melden, um Gnade zu finden in deinen Augen. 

 

Buber/Rosenzweig 

mir ist Ochs und Esel, Kleinvieh, und Knecht und Magd geworden, 

nun sende ich, meinem Herrn es zu melden, Gunst in deinen Augen zu finden. 

 

van Dyke 

‎.» ‎وَقَدْ صَارَ لِي بَقَرٌ وَحَمِيرٌ وَغَنَمٌ وَعَبِيدٌ وَإِمَاءٌ. وَأَرْسَلْتُ لأُخْبِرَ سَيِّدِي لِكَيْ أَجِدَ نِعْمَةً فِي عَيْنَيْكَ  (Gen. 32:5 AVD) 

VOKABELN 

VERBEN 

صير   oder صار , i - werden, geschehen; 

رسل - (Haar) herabhängen;  IV. STAMM: schicken, senden; 

خبر  , u - erproben, II. STAMM: benachrichtigen; HIER IV. STAMM: benachrichtigen; 

وجد  - finden. 

NOMEN 

بقر - Rinder; 

حمار  pl.  حمير - Esel; 

أمة  pl.  اماء  oder  أموان  - Magd; 

نعمة  n'Ama - Wohlleben;   

نعمة ni'Ama, pl.  نعم ni'Am - Gnade. 

PARTIKEL 

قد  - vor Perfekt: schon, bereits; vor Imperfekt: vielleicht, manchmal. 

لكى  - damit. 

 

BEOBACHTUNGEN 

Die Übersetzer-Gemeinschaft in Alexandria sieht in diesem Vers offenbar zu viele "Leerstellen" (Wolfgang Iser) und demnach Ergänzungsbedarf. Zusätzlich schmälern sie die Prahlerei Jaakobs und lassen ihn von sich selbst als "Sklaven" sprechen. Sie übersetzen: 

LXX καὶ ἀπέστειλα ἀναγγεῖλαι τῷ κυρίῳ μου Ησαυ ἵνα εὕρῃ ὁ παῖς σου χάριν ἐναντίον σου (Gen. 32:6 BGT) 

LXXD und ich habe ausgeschickt, meinem Herrn Esau zu berichten, damit dein Sklave Wohlwollen vor dir findet. 

 

2 Gnade 

Mendelssohn übersetzt ganz wunderbar: 

M B/M Gewogenheit in deinen Augen zu finden. 

Andere übersetzen mit: 

LXX χάριν 

VUL gratiam 

KJV grace 

NAS ESV favor 

LSG grâce 

BFC bon accueil 

LUT L17 SCH ZINK ZUR B/R ZUNZ BB mE Gnade  NL genade D82 D92 nåde van Dyke نِعْمَةً 

EIN BiG Wohlwollen 

ELB Gunst 

GN GNB freundlich aufnimmst 

Ganz einmalig Jehuasch: 

SBJ  

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag und Freitag,
den 9. und 10. September 2021

 

Q 89,21

كَلَّآ إِذَا دُكَّتِ ٱلْأَرْضُ دَكًّا دَكًّا

VOKABELN

VERB

دك , u - ebnen, glätten, zerstören; HIER: Perf. PASSIV, 3. Pers. WEIBLICH wegen الارض .

PARTIKEL

كلا - nein! keineswegs!

اذا - als; wenn;

اذا - (in indirekten Fragen) ob;

اذا - also, deshalb, folglich.

 

mE

Keineswegs! Wenn die Erde eingeebnet wird, ein Erhöhen, ein Erniedrigen 

 

ULLMANN (1840)

So sollte es nicht sein! Wenn die Erde aber in Staub zerfällt

 

HENNING (1901)

Nicht so! Wenn die Erde kurz und klein zermalmt wird.

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Keineswegs. Wenn die Erde in Staub zerfällt.

 

PARET (1979, 2001)

Nein! WEnn (dereinst) die Erde Stück um Stück /zerstoßend und) zu Staub gemacht wird

 

KHOURY (1987, 1992)

Nein, wenn die Erde ganz zu Staub gemacht wird

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Keineswegs! Wenn die Erde eingebnet, ja platt gemacht wird

 

MAHER/Al AZHAR (1999)

Bedenkt! Wenn die Erde (am Jüngsten Tag) zerstoßen und zerstampft wird,

 

KARIMI (2009)

Nicht, wenn die Erde wird durch und durch zermalmt,

 

BOBZIN (2010, 2017)

O nein! Wenn die Erde zerschmettert wird und zu Staub zermahlen

 

NEUWIRTH (2011)

Wenn einmal die Erde zerstoßen wird zu feinem Staub

 

CORPUS CORANICUM (10.09.2021)

Nein! Wenn die Erde Stück um Stück zerstoßen wird

 

BEOBACHTUNGEN

Die jeweiligen Übersetzungen werden mit dem Brustton der Überzeugung vorgetragen, ohne dass Probleme, die allein schon ein Vergleich der Übersetzungen offensichtlich macht, thematisiert werden. Ist es tröstlich zu beobachten, nicht allein mit diesem Vers seine Probleme gehabt zu haben?

Speziell bereitet  دَكًّا دَكًّا , dakkan dakkan, Schwierigkeiten.

Das Wörterbuch "Vocab of Quran by A. A. Nadwi", S. 190, nennt als Stammwort,  دكك , dakak, und führt genau zu diesem Vers aus:

Im klassischen Wörterbuch von LANE wird dieses Verb,  دكك , in folgender Bedeutung angeführt:

"She-camels having their humps broken, bruised, or crushed." Hm, von Kamelstuten ist in Q 89 nicht die Rede?!

Etwas weiter aber noch auf der gleichen Seite wird von NADWI dann - offenbar in übertragenem Sinn - angeführt:

Als substantiviertes Verb würde es heißen: Zerbröckeltes, Zerstäubtes.

M. G. FARID zitiert unter dem Eintrag دك auch diese Stelle in seinem "Dictionary of Quran", S. 272:

"When the earth shall be completely broken into pieces and made level (89:22)." Das wird mit weiteren Stellen abgesichert: Q 69,15; Q 7,144.

Im "Verbal Idoms of Quran", S. 125 heißt es zu dieser Stelle: "When the earth will be reduced to a complete flat". Dann heißt es weiter:

Also im Sinne von "einebnen" - teils ein Erhöhen, teils ein Erniedrigen. Was klingt wie Jes 40,4f:

 4 Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden;

 5 denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hat's geredet.

 (Isa. 40:4-5 L17)

LANE, S. 899, in "An Arab-English Lexicon" nennt allein drei mögliche Bedeutungen dieses Verses: 

„دَكَّ الأَرْضَ, (TA,) inf. n. as above, (Ḳ, TA,) means He made even the elevations and depressions of the earth, or ground. (Ḳ, TA.) أَذَا دُكَّتِ الأَرْضُ دَكًّا, in the Ḳur [lxxxix. 22], means When the earth shall be made level, without hills, (Ibn-ʼArafeh, Bḍ,) and without mountains: or it means, shall become fine dust scattered: (Bḍ:) or shall be shaken so that every building thereon shall be demolished and non-existent. (Jel.)“

http://lexicon.quranic-research.net/data/08_d/092_dk.html#dakBN

Auf der gleichen Seite heißt es weiter: „دَكٌّ An even, or a level, place; ... دَكًّا may be here an inf. n.;“

 

P. S. : Dank an Nermine, die Hinweise führten aus meiner Sackgasse!

 

P. P. S. : Seit dieser Mail habe ich endlich - aus der Fernleihe - auch die Übersetzung des Korans vorliegen, die die Al-AZHAR 1999 herausgab. Sie wurde übersetzt von Moustafa Maher. Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Moustafa_Maher

Wenige Jahre nach ihrem Erscheinen bekam ich sie von einem Freund in Kairo geschenkt. 2006 fragte mich ein bengalischer Freund während einer Falukkafahrt auf dem Nil ob ich - so oft wie ich bereits in Ägypten gewesen wäre - denn schon mal den Koran ganz gelesen hätte. Ich musste ihm gegenüber das wahrheitsgemäß verneinen. Was Anlass genug gab, das schnellstmöglich nachzuholen - mit dieser Übersetzung. Als 2010 der fundamentalistischen Prediger Terry Jones ankündigte einen Koran verbrennen zu wollen, nahm ich dies Exemplar und schenkte es der Moschee vor Ort, Nettetal-Lobberich, und wurde als dortiger evangelischer Pfarrer zahlendes Fördermitglied in ihrem Moscheeverein.

 

 

 

 

Gen 32,7 und Q 89,22 

Köln-Merkenich, am Montag,
den 13. September 2021

 

Wer viel hat - s. die Prahlerei Jaakobs - , bei dem ist viel zu KRIEGen:

‎וַיָּשֻׁבוּ הַמַּלְאָכִים אֶל־יַעֲקֹב לֵאמֹר בָּאנוּ אֶל־אָחִיךָ אֶל־עֵשָׂו וְגַם הֹלֵךְ לִקְרָאתְךָ וְאַרְבַּע־מֵאוֹת אִישׁ עִמּוֹ׃ 

 (Gen. 32:7 WTT)

 

mE

Und die Boten kehrten zurück zu Jaakob sagend: Wir kamen zu deinem Bruder, Essaw: Und auch kommend um dich zu treffen und es sind vierhundert Mann mit ihm!

 

Buber/Rosenzweig

Die Boten kehrten zu Jaakob wieder, sprechend:

Wir sind zu deinem Bruder, zu Essaw gekommen,

aber schon geht er dir entgegen, vierhundert Mann bei ihm.

 

van Dyke

.‎« فَرَجَعَ الرُّسُلُ إِلَى يَعْقُوبَ قَائِلِينَ: «أَتَيْنَا إِلَى أَخِيكَ، إِلَى عِيسُو، وَهُوَ أَيْضًا قَادِمٌ لِلِقَائِكَ، وَأَرْبَعُ مِئَةِ رَجُل مَعَهُ   (Gen. 32:6 AVD)

VOKABELN

VERBEN

رجع  - zurückkehren;

قائل - sagend;

أتى - kommen;

 قادم - kommend.

NOMEN

رسول  pl. رسل - Bote

لقاء - Begegnung, Treffen.

PARTIKEL

 لقاء - gegen.

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch,
den 15. September 2021

 

Q 89,22

وَجَآءَ رَبُّكَ وَٱلْمَلَكُ صَفًّا صَفًّا

VOKABELN

VERBEN

جىء   oder جاء , u - kommen, gelangen;

صفو  oder  صفا , u - klar sein, ungetrübt sein; II. Stamm: klären, reinigen.

NOMEN

ممك    malik pl. ملوك König;

ملأك  oder  ملك  malak pl.  ملائكة oder ملك (Dictonary and Glos of Quran by Penrice s. 140) - Engel, Bote;

 صف  pl. صفوف  - Reihe.

 

mE

Und es kommt dein Herr und die Engel: Reihe um Reihe

 

ULLMANN (1840)

und  dein Herr mit der Engelschar in Reih und Glied kommt

 

HENNING (1901)

Und dein Herr kommt und die Engel, Reihe um Reihe,

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Und dein Herr und die Engel in Reihen kommen.

 

PARET (1979, 2001)

und dein Herr kommt (um Gericht zu halten), und (mit ihm) die Engel, eine Reihe hinter der anderen,

 

KHOURY (1987, 1992)

und dein Herr kommt, und die Engel in Reihen, die eine hinter der anderen,

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

wenn dein Herr erscheint und die Engel Reihe um Reihe schreiten,

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

und dein Herr kommt und die Engel, Reihe um Reihe,

 

KARIMI (2009)

wenn dein Herr kommt und die Engel Reihe um Reihe,

 

BOBZIN (2010, 2017)

und dein Herr mit den Engeln, Reihe auf Reihe, kommt

 

NEUWIRTH (2011)

und dein Herr und die Engel in Reihen herankommen,

 

CORPUS CORANICUM (15.09.2021)

und dein Herr und die Engel in Reihen kommen

 

Köln, am Donnerstag/Freitag, 
den 16./17. September 2021

 

 

BEOBACHTUNGEN

Dass Engel in Reihen stehen ist ungewöhnlich. Von einer Ansammlung in Reihen ist auch Q 18,48 die Rede, dort aber sind es keine Engel, sondern die Menschen, die auf das jüngste Gericht warten:

Q 18,48 وَعُرِضُوا۟ عَلَىٰ رَبِّكَ صَفًّۭا     Sie werden deinem Herrn in einer Reihe vorgeführt. (Corpus Coranicum) 

Eine Parallele ist Q 78,38:  وَٱلۡمَلَٰٓئِكَةُ صَفًّۭا    die Engel in einer Reihe stehen (Corpus Coranicum)

Sonst habe ich dazu weder eine biblische noch eine andere antike Parallelstelle gefunden.

 

 

 

 

Gen 32,8 und Q 89,23 

Köln-Merkenich, am 
Montag, Mittwoch, und Donnerstag,
den 20.,22. und 23. September 2021

 

Jaakob entscheidet eingeschnürt:

‎וַיִּירָא יַעֲקֹב מְאֹד וַיֵּצֶר לוֹ וַיַּחַץ אֶת־הָעָם אֲשֶׁר־אִתּוֹ וְאֶת־הַצֹּאן וְאֶת־הַבָּקָר וְהַגְּמַלִּים לִשְׁנֵי מַחֲנוֹת

 (Gen. 32:8 WTT)

 

mE

Und Jaakob fürchtete sich sehr und es schnürte ihn ein und er teilte das Volk, das mit ihm war und das Kleinvieh und das Rindvieh und die Kamele in zwei Lager.

 

Buber/Rosenzweig

Jaakob fürchtete sich sehr, ihm wurde bang.

Er teilte das Volk das mit ihm war, und Kleinvieh und Rind und Kamele, zu zwei Lagern

 

van Dyke

.  فَخَافَ يَعْقُوبُ جِدًّا وَضَاقَ بِهِ الأَمْرُ، فَقَسَمَ الْقَوْمَ الَّذِينَ مَعَهُ وَالْغَنَمَ وَالْبَقَرَ وَالْجِمَالَ إِلَى جَيْشَيْنِ  (Gen. 32:7 AVD)

VOKABELN

VERBEN

خوف   oder خاف , a - sich fürchten;

ضيق   oder  ضاق , i - eng sein/werden;

قسم  , i - teilen.

NOMEN

أمر   pl.  أمور - Angelegenheit, Sache;

قوم  pl.  أقوام - Stamm, Volk;

جيش  pl. جيوش , dschujusch  - Heer, Armee.

 

BEOBACHTUNGEN

1 eingeschnürt

Das sprachliche Bild im Hebräischen ist drastisch: Das Wort צרר, zarar vermittelt das Bild von "wickeln, einbinden".

In Alexandria wurde für das Griechische das Wort ἠπορεῖτο, von a-poreuo, wörtlich: "ohne Weg", "ausweglos" gewählt.

Hieronymus übersetzt mit perterritus von per-terreo, wörtlich: "vom Schrecken (Terror) durchdrungen".

Weitere Übersetzungen sind:

KJV NAS ESV distressed

LSG d'angoisse

LUT L17 EIN ZUR B/M bange

ELB D92 ZUNZ angst BB Angst

NL het benauwde hem, von nauw: "eng", "begrenzt", s. van Dyke!

BFC  unterlässt die Doppelung und fügt zu einem einzigen Ausdruck:  

BFC Jacoob fut saisi d'une très grande peur.

So verfahren auch

GN GNB erschrak er

BiG geriet in Bedrängnis 

Jehuasch hingegen bewahrt die Doppelung und übersetzt sehr einfühlsam:

2 Volk

Mit "Volk", hebräisch עַם , am, meint wahrscheinlich, so das Theologische Wörterbuch für das Alte Testament Band 6, Spalte 192 ""eine bewaffnete Truppe".

 

 

 *

 

 

 

 

Q 89,23

وَجِاْىٓءَ يَوْمَئِذِۭ بِجَهَنَّمَ‌ۚ يَوْمَئِذٍ يَتَذَكَّرُ ٱلْإِنسَـٰنُ وَأَنَّىٰ لَهُ ٱلذِّكْرَىٰ

VOKABELN

ذكر , u - sich erinnern, gedenken; HIER V. Stamm (reflexiv): sich erinnern

NOMEN

جهنم - Hölle;

ذكرى  pl. ذكريات - Erinnerung.

PARTIKEL

يومئذ - an jenem Tag, damals.

انى - wie?, wo?, woher? wohin?

 

mE

und es wird gebracht an jenem Tag in die Hölle,

an jenem Tag erinnert sich der Mensch

und wie ist für ihn die Erinnerung?

 

ULLMANN (1840)

und an diesem Tage die Hölle herangebracht wird, dann wird der Mensch sich seiner Taten erinnern; aber was soll ihm nun diese Erinnerung?

 

HENNING (1901)

Und an diesem Tage die Hölle herangebracht wird - an diesem Tage möchte der Mensch die Ermahnung annehmen. Aber was nützt ihm dann noch die Ermahnung?

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Und wenn an diesem Tag herangebracht wird die Hölle, dann ermahnt sich der Mensch; aber was soll ihm nun die Ermahnung?

 

PARET (1979, 2001)

und (wenn) an jedem Tag die Hölle herbeigebracht wird, dann (wörtlich: an jenem Tag) (endlich) lässt sich der Mensch mahnen. Doch was soll ihm die (verspätete) Bereitschaft, sich mahnen zu lassen?

 

KHOURY (1987, 1992)

und die Hölle an jenem Tag herbeigebracht wird, an jenem Tag wird der Mensch es bedenken. Was soll ihm aber dann das Bedenken?

 

MAHER/ AL AZHAR (1999)

an jenem Tag wird die Hölle hervorgerückt. An jenem Tag wird sich der Mensch an seine Untaten erinnern, doch was nützt dann die Erinnerung?

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

und herbeigebracht wird an jenem Tag die Hölle, an jenem Tag wird der Mensch bedenken. Wie soll ihm dann die Selbstbesinnung (nützen)?

 

KARIMI (2009)

und wenn die Hölle wird gebracht an jenem Tage, an jenem Tage wird sich der Mensch doch ermahnen lassen. Aber was wird ihm dann das Mahnen fruchten?

 

BOBZIN (2010, 2017)

und die Hölle an jenem Tage bringt -

an jenem Tage lässt der Mensch sich mahnen.

Doch was nützt ihm dann noch die Mahnung?

 

NEUWIRTH (2011)

wenn jenen Tags Gehenna herangebracht wird,

jenen Tags wird sich der Mensch besinnen,

doch was nützt ihm dann die Besinnung?

 

CORPUS CORANICUM (23.09.2021)

und an jenem Tag die Hölle herbeigebracht wird -

an jenem Tag lässt sich der Mensch mahnen.

Doch was soll ihm dann die Mahnung

 

KOMMENTAR

Angelika Neuwirth überträgt den im Koran gebrauchten Ausdruck als Fremdwort "Gehenna". Damit macht sie deutlich, dass es sich hier um ein Wort handelt, das hebräisch-aramäischen Ursprungs ist. Darauf wies schon Abraham Geiger (1810-1874), Rabbiner u.a. in Frankfurt, in seinem epochalen Werk "Was hat Mohammed aus dem Judenthume aufgenommen?", Bonn 1833, S. 48 hin. Es war ursprünglich der Name für das Hinnom-Tal bei Jerusalem, in dem Götzendienste stattfanden. Die Abscheu davor wandelte sich zum Begriff "Hölle".

 

CORPUS CORANICUM kommentiert dazu - unter Sure 78,21:

„Arab. ǧahannam geht letzten Endes auf hebr. gêhinnom zurück, das „Hinnomtal“ bei Jerusalem, welches in der frühjüdischen Apokalyptik von der Jerusalemer Topographie abgelöst und zur Bezeichnung für die Hölle wird (vgl. Frevel 2006 ). Direkter Vorläufer der arabischen Form ist aber wohl nicht das hebräische Wort oder seine talmudische Variante gehinnām, sondern das in der Vokalisierung identische äthiopische gahannam ( Nöldeke 1910, 47 ; Jeffery, Foreign Vocabulary, 105 f. ).“

https://corpuscoranicum.de/kommentar/index/sure/78/vers/21/#anmerkung

Jeffrey vermerkt in der Anmerkung 3, S. 106 zu dem äthiopischen Wort: "of course, is a borrowing from the Heb."

https://archive.org/details/foreignvocabular030753mbp/page/n123/mode/2up

 

BEOBACHTUNGEN

1 sich ermahnen

Die reflexive Bedeutung des Verbes ذكر , zaker, sich erinnern, wird kaum noch wahrgenommen. Am ehesten vermag dies  

GOLDSCHMIDT wiederzugeben: "dann ermahnt sich der Mensch".

Andere setzen dies in den Passiv "sich mahnen lassen":

CORPUS CORANICUM, BOBZIN und PARET.

 

2 nützen

Die Web-Übersetzung  

BUBENHEIM/ELYAS macht deutlich, dass das Verb "nützen" nicht im Text steht. Als erster ergänzte dies HENNING. Ihm folgten MAHER/AL AZHAR, BOBZIN und NEUWIRTH. KARIMI weitet diese Ergänzung sogar noch aus und spricht von "fruchten".

 

3 Hölle herbeibringen

Dass die Hölle herbeigebracht wird (Dank an Nermine für den Hinweis, dass das Verb hier im Passiv steht!), ist eine Vorstellung, für die ich in Bibel und Antike keine Parallele gefunden habe. Mit Gehenna ist auch die Vorstellung eines Fegefeuers verbunden. Dieses - so eine Vorstellung - brennt nicht durchwegs, sondern muss erst angezündet werden. So in einem Gedicht von Umayya ibn abi s-Salt (gestorben um 630 n. Chr.): 

Wenn die Hölle angezündet wird und dann siedet

https://corpuscoranicum.de/kontexte/index/sure/89/vers/1

Liegt hier eine ähnliche Vorstellung zu Grunde? Dass das Fegefeuer herbeigebracht wird?

Euch und Ihnen

 

 

 

 

Gen 32,10 und Q 89,25 

Köln-Merkenich, am Donnerstag,
den 30. September 2021

 

 

Jetzt bringt Jaakob Gott ins Spiel - was für ihn nicht folgenlos bleiben wird...

‎  וַיֹּאמֶר֘ יַעֲקֹב֒ אֱלֹהֵי֙ אָבִ֣י אַבְרָהָ֔ם וֵאלֹהֵ֖י אָבִ֣י יִצְחָ֑ק יְהוָ֞ה הָאֹמֵ֣ר אֵלַ֗י שׁ֧וּב לְאַרְצְךָ֛ וּלְמוֹלַדְתְּךָ֖ וְאֵיטִ֥יבָה עִמָּֽךְ

 (Gen. 32:10 WTT)

 

mE

Und Jaakob sprach: Der Gott meines Vaters Abraham und der Gott meines Vaters Jizchak JHWH, sagend zu mir: Kehr um in dein Land, zu deinen Verwandten und ich mache es dort gut mit dir.

 

Buber/Rosenzweig

Dann sprach Jaakob:

Gott meines Vaters Abraham,

Gott meines Vaters Jizchak,

DU,

der zu mir sprach: Kehre zu deinem Land, zu deiner Verwandtschaft, ich will dir Güte erweisen!

 

van Dyke

‎  وَقَالَ يَعْقُوبُ: «يَا إِلهَ أَبِي إِبْرَاهِيمَ وَإِلهَ أَبِي إِسْحَاقَ، الرَّبَّ الَّذِي قَالَ لِيَ: ارْجعْ إِلَى أَرْضِكَ وَإِلَى عَشِيرَتِكَ فَأُحْسِنَ إِلَيْكَ  (Gen. 32:9 AVD)

VOKABEL

NOMEN

عشير  pl.   عشراء   uschara' - Gefährte, Genosse.

 

BEOBACHTUNGEN

Was hat Gott Jaakob - in den Worten Jaakobs - versprochen?

In den Übersetzungen finde ich zwei Groß-Gruppen, die Griechen und die Lateiner - daneben zwei Besonderheiten: 

N. B. : Die beiden dänischen Versionen!

Was im hebräischen Text auffällt, ist das perspektivische Erzählen:

a) Das Hebräische verwendet als Verb, יטב, jatav, hier im Kausativ Hifil, ein verbalisiertes Adjektiv, טוֹב, tob, "gut" - im Deutschen wäre es "guten" bzw. mit der sonst im Deutschen üblichen Vokal-Erweiterung im Kausativ (vgl. "fallen" - "fällen"; "stark" - "stärken") für "gut machen": "güten". Hier (und Vers 13) ist die einzige Stelle bei den sonstigen Vorkommen dieses Verbes im 1. Buch Mose, die in Verbindung mit Gott steht! Vgl. Micha 2,7!!!

 


b) In Gen 31,3 hat Gott, so die Erzähler, keineswegs in Aussicht gestellt, dass er ihm Gutes tue, sondern "ich will mit dir sein". Das hatte wohl ZINK an dieser Stelle im Ohr, steht aber nicht im Text und raubt diesem Vers eine wesentliche Nuance, s. d).

 


c) Damit wird zweierlei deutlich, zum einen wie Jaakob diese Verheißung aufgefasst hat. Zum anderen wird klar, welche Funktion sie für ihn hat: Als willkommene Verstärkung seiner Vorhaben. Er geriert sich als glücksspielender rücksichtsloser Feldherr, der mal eben die Hälfte seiner Mann- und Frau- Kinder- Knecht- und Viehschaft bereit ist zu opfern, wenn nur eine andere Hälfte übrigbleibt, die ihm ein Überleben ermöglicht. Und dafür soll Gott sein Erfüllungsgehilfe sein.

 


d) Diese feine Ironie der hebräischen Erzählcrew ist schwierig im Deutschen nachzubilden, da der Begriff "gut" und "das Gute" philosophisch im abendländischen Kulturkreis stark vorbelastet ist. Durch Platon ist es an die oberste Stelle der Wertepyramide gerückt. Um die instrumentalisierende Perspektive Jaakobs auszudrücken, wofür Gott nun gut sein soll, kaum geeignet.

 


e) Die Übersetzung mit "wohltun" oder noch extremer bei Buber/Rosenzweig mit "Güte erweisen" ist dennoch nicht unbegründet: Von Gott kann nichts anderes erwartet werden. Damit aber geht die perspektivische Erzählweise dieses Verses verloren.

 


f) Literaturgeschichtlich bin ich gegenwärtig überfragt, welche anderen Beispiele es für das perspektivische Erzählen in der Antike gibt. Es setzt ein gehöriges Maß an Selbstreflexion voraus, die sowohl die Generalsicht des Erzählers beinhaltet als auch diese bezieht auf die jeweilige Einzelsichten der in der Erzählung vorkommenden Personen! Erstaunlich!

 

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch,
den 6. Oktober 2021

 

Q 89,25

فَيَوْمَئِذٍ لَّا يُعَذِّبُ عَذَابَهُۥٓ أَحَد

VOKABELN

VERB

عذب - süß, angenehm sein. HIER II. STAMM: quälen, foltern, bestrafen.

NOMEN

عذاب  pl. أعذبة - Bestrafung, Folter, Qual.

PARTIKEL

يومئذ - an jenem Tag, damals;

أحد   f.  أحدى - einer, jemand.

 

mE

und an jenem Tag bestraft nicht Strafen als einer.

 

ULLMANN (1840)

An diesem Tage wird keiner, außer Allah, strafen

 

HENNING (1901)

An diesem Tag wird keiner strafen wie Er.

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Dann straft niemand (als Gott)

 

PARET (1979, 2001)

An jenem Tag bestraft niemand so wie Gott (wörtlich: er)

 

KHOURY (1987, 1992)

Niemand kann an jenem Tag peinigen, so wie Er peinigt,

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

An jenem Tag erlegt Gott so peinvolle Strafen auf, wie es sonst niemand kann,

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

An jenem Tag wird niemand strafen, so wie Er straft,

 

KARIMI (2009)

An jenem Tag wird keiner bestrafen wie Er

 

BOBZIN (2010, 2017)

An jenem Tag straft keiner so wie er,

 

NEUWIRTH (2011)

jenen Tags wird niemand so hart strafen wie er

 

CORPUS CORANICUM (6.10.2021)

An jenem Tag straft niemand so hart wie dein Herr,

 

 

 

 

Gen 32,11 

Köln-Merkenich, am Dienstag,
den 2. November 2021

 

Jaakob betet - und wie anders nun der Ton!?!

‎  קָטֹ֜נְתִּי מִכֹּ֤ל הַחֲסָדִים֙ וּמִכָּל־הָ֣אֱמֶ֔ת אֲשֶׁ֥ר עָשִׂ֖יתָ אֶת־עַבְדֶּ֑ךָ כִּ֣י בְמַקְלִ֗י עָבַ֙רְתִּי֙ אֶת־הַיַּרְדֵּ֣ן הַזֶּ֔ה וְעַתָּ֥ה הָיִ֖יתִי לִשְׁנֵ֥י מַחֲנֽוֹת׃

 (Gen. 32:11 WTT)

VOKABELN

VERBEN

קטן  - klein sein, unbedeutend;

עבר -   übergehen, vorübergehen.

NOMEN

מַקֵּל - Zweig, Stab.

 

mE

Ich bin unbedeutend all der Freundlichkeiten und all der Treue, die du getan hast deinem Knecht, denn mit meinem Stock habe ich diesen Jordan überschritten und jetzt bin ich zwei Lager!

 

Buber/Rosenzweig

Zu klein bin ich all den Hulden und all der Treue die du an deinem Knecht tatest, mit meinem Stab ja überschritt ich diesen Jordan und jetzt bin ich zu zwei Lagern geworden!

 

van Dyke

‎  صَغِيرٌ أَنَا عَنْ جَمِيعِ أَلْطَافِكَ وَجَمِيعِ الأَمَانَةِ الَّتِي صَنَعْتَ إِلَى عَبْدِكَ. فَإِنِّي بِعَصَايَ عَبَرْتُ هذَا الأُرْدُنَّ، وَالآنَ قَدْ صِرْتُ جَيْشَيْنِ (Gen. 32:10 AVD)

VOKABELN

VERBEN

صنع , a - tun, machen;

عبر , u - durchqueren;

صير oder صار , i - werden, geschehen.

NOMEN

لطف   lutf, pl.   ألطاف - Milde, Freundlichkeit, Güte;

أمان   - Sicherheit, Ruhe;

أمانة   - Treue, Zuverlässigkeit;

عصا   pl. عصى  is'  oder أعص  - Stab, Stock.

PARTIKEL

جميع  - alle, ganz, gesamt.

 

Köln-Merkenich, am 
Mittwoch, den 3. November 2021

 

BEOBACHTUNGEN

1

Den ersten Teil des Satzes übersetzt die Septuaginta mit:

LXX ἱκανοῦταί μοι ἀπὸ πάσης δικαιοσύνης καὶ ἀπὸ πάσης ἀληθείας ἧς ἐποίησας τῷ παιδί σου

LXXD Von aller Gerechtigkeit und von aller Wahrheit, die du an deinem Sklaven geübt hast, ist mir genug getan.

Die Orthodoxe Liturgie liest: Von aller Gerechtigkeit und von aller Wahrheit, die du an deinem Sklaven geübt hast, soll mir genug getan sein.

Das ausschlaggebende Verb ist ἱκανόω, geschickt machen, fähig machen - Verbform von ἱκανός, ή, όν, hinreichend, genügend, genug, reichlich.

Der Gedanke scheint zu sein: Wenn Gott schon etwas gibt, dann kann es nicht einen Mangel hinterlassen.  Das würde Gottes Handeln als ungenügend kennzeichnen.

 

2

Die zentralen Begriffe des Gotteshandeln   חֶסֶד ,chäsäd, hier im Plural!, und אֱמֶת , ämät, werden verschieden übersetzt:


Von "Wahrheit" sprechen nur die antiken Übersetzungen sowie die KJV. "Wahrheit" hatte damals offenbar den Klang, der heute mit "Treue, Glaubwürdigkeit" verbunden wird. Die GN GNB versuchen dies mit einem zusammen gesetzten Ausdruck zu vermitteln "Zusage wahrgemacht".

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag/Freitag,
den 4./5. November 2021

 

Den Plural von chäsädim mit abzubilden stellt die spezielle Schwierigkeit dieses Verses dar. Den Plural ausdrücklich übernommen haben die VUL, KJV, LSG, BFC, EIN, ELB, BiG, van Dyke, Zink, mE und alle jüdischen Übersetzungen: Mendelssohn, , ZUNZ, Buber/Rosenzweig, wörtlich Jehuasch. Andere Übersetzungen verschlucken den Plural, er verschwindet hinter den umfassenden Begriffen wie LUT L17 Barmherzigkeit, SCH ZUR Gnade oder BB Liebe.

 

 

 

 

Gen 32,12 und Q 89,26 

Köln-Merkenich, am Montag,
den 8. November 2021

 

‎  הַצִּילֵ֥נִי נָ֛א מִיַּ֥ד אָחִ֖י מִיַּ֣ד עֵשָׂ֑ו כִּֽי־יָרֵ֤א אָנֹכִי֙ אֹת֔וֹ פֶּן־יָב֣וֹא וְהִכַּ֔נִי אֵ֖ם עַל־בָּנִֽים׃

 (Gen. 32:12 WTT)

VOKABELN

נצל  - nifal: gerettet werden, herausgerissen werden; hifil: herausreißen, retten;

נכה - schlagen.

 

mE

Rette mich doch aus der Hand meines Bruders, aus der Hand Essaws, denn furchtsam bin ich vor ihm, nicht dass er kommt und mich schlägt, eine Mutter samt Söhne.

 

Buber/Rosenzweig

O rette mich doch aus der Hand meins Bruders, aus Essaws Hand! 

Denn ich bin in Furcht vor ihm, dass er kommt und mich schlägt, Mutter über Kindern.

 

van Dyke

‎  نَجِّنِي مِنْ يَدِ أَخِي، مِنْ يَدِ عِيسُوَ، لأَنِّي خَائِفٌ مِنْهُ أَنْ يَأْتِيَ وَيَضْرِبَنِي الأُمَّ مَعَ الْبَنِينَ  (Gen. 32:11 AVD)

VOKABELN

VERBEN

نجو oder  نجا , u - sich retten; II. (wie hier) und IV. Stamm: retten;

أتي  , i - kommen;

 ضرب , i - schlagen.

ADJEKTIV

خلئف - ängstlich.

 

BEOBACHTUNGEN

1

Jehuasch übersetzt:   

זיי מיך מציל

sei mich mazil

Im Jiddischen Wörterbuch von Uriel Weinreich dazu, S. 539: "rescue"

Im Hebräischen ist מציל Hifil Partizip von nazal, s. o. : herausreißen, retten.

 

2

Die Wendung אֵ֖ם עַל־בָּנִֽים , em al-banim, wörtlich: "Mutter über Kindern", s. o. Buber und Rosenzweig, habe ich sonst nur ein einziges Mal im Alten Testament gefunden: Hos 10,14:

 13 Ihr aber habt Frevel gepflügt, Übel geerntet und Lügenfrüchte gegessen. Weil du dich auf deine Wagen verlässt und auf die Menge deiner Helden,

 14 darum soll sich ein Getümmel erheben in deinem Volk, dass alle deine Festungen zerstört werden, gleichwie Schalman am Tage der Schlacht Bet-Arbeel zerstörte, als die Mutter zerschmettert wurde samt den Kindern. (Hos. 10,13-14 L17)

 

Köln-Merkenich, am Dienstag,
den 9. November 2021

 

3

Das Hebräische Wort וְהִכַּ֔נִי, whikani, von נכה, nachah, bedeutet "schlagen" und "erschlagen". Die Todesangst schwingt mit. In den Übersetzungen gibt es zwei Gruppen: Diejenigen, die die Todesangst mitschwingen lassen und die, die sie aussprechen:

וְהִכַּ֔נִי, whikani

*

 

 

Q 89,26

وَلَا يُوثِقُ وَثَاقَهُۥٓ أَحَدٌۭ

VOKABELN

VERB

وثق wathiq, i  - vertrauen, sich verlassen; IV. Stamm: binden.

NOMEN

وثاق  pl. وثق wuthuq - Fessel, Band.

PARTIKEL

أحد - einer, jemand.

 

mE

und keiner fesselt seine Fesseln als einer

 

ULLMANN (1840)

Q 89,25-26

An diesem Tage wird keiner, außer Allah, strafen und fesseln können.

Wörtlich: Niemand wird an diesem Tage mit seiner Strafe strafen, niemand mit seinen Banden binden.

 

HENNING (1901)

Und keiner wird fesseln wie Er.

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Und fesselt niemand seine Fessel.

 

PARET (1979, 2001)

und legt niemand so in Fesseln wie er.

 

KHOURY (1987, 1992)

und niemand kann fesseln, so wie Er fesselt.

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

und Er legt in Fesseln wie sonst keiner.

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

und niemand wird fesseln, so wie Er fesselt.

 

KARIMI (2009)

und keiner fesseln wie Er.

 

BOBZIN (2010, 2017)

und es legt keiner Fesseln an wie er.

 

NEUWIRTH (2011)

und niemand so fest in Fesseln legen wie er!

 

CORPUS CORANICUM (20.05.2021)

und niemand bindet so fest wie er.

 

BEOBACHTUNGEN

Der Vers enthält eine etymologische Figur, Verb und Nomen sind vom gleichen Stamm (einen Tisch auftischen). Das bilden nur nach:  

ULLMANN, GOLDSCHMIDT et moi. 

NEUWIRTH vermittelt immerhin eine Konsonanz "fest ... Fesseln". Khoury und Bubenheim verdoppeln das Verb "fesseln".

 

 

 

 

Gen 32,13 

Köln-Merkenich, am Donnerstag,
den 11. November 2021

 

Jaakob zitiert Gottes Wort:

‎  וְאַתָּ֣ה אָמַ֔רְתָּ הֵיטֵ֥ב אֵיטִ֖יב עִמָּ֑ךְ וְשַׂמְתִּ֤י אֶֽת־זַרְעֲךָ֙ כְּח֣וֹל הַיָּ֔ם אֲשֶׁ֥ר לֹא־יִסָּפֵ֖ר מֵרֹֽב׃

 (Gen. 32:13 WTT)

VOKABELN

VERBEN

שׂים - setzen, stellen, legen;

ספר - zählen, erzählen.

NOMEN

רֹב - Menge, + מִן - wegen der Menge.

 

mE

Und du hast gesagt: Ein Gutes Tun werde ich gut tun mit dir und ich setze deinen Samen wie Sand des Meeres, den niemand zählt wegen der Menge.

 

Buber/Rosenzweig

Du selbst aber hast gesprochen:

Güte will ich dir, Güte erweisen,

will deinen Samen machen wie Sand des Meers, der vor Menge nicht gezählt werden kann.

 

van Dyke

‎  وَأَنْت قَدْ قُلْتَ: إِنِّي أُحْسِنُ إِلَيْكَ وَأَجْعَلُ نَسْلَكَ كَرَمْلِ الْبَحْرِ الَّذِي لاَ يُعَدُّ لِلْكَثْرَةِ (Gen. 32:12 AVD)

VOKABELN

VERBEN

حسن , u - schön sein, gut sein;

جعل , a - setzen, stellen, legen;

عد , u - zählen, hier: passiv: 'uddu, ju'addu.

NOMEN

نسل  pl. أنسال  - Nachkommenschaft.

PARTIKEL

ان - dass.

 

BEOBACHTUNGEN

1  יטב, jatav - gut sein

Der Vers enthält eine etymologische Figur (den Tisch auftischen): Zwei Wörter mit dem gleichen Stamm, hier ist es das Verb יטב, jatav - gut sein; im Kausativstamm: gut machen. Im Vers steht es einmal im Infinitiv und sogleich im Kausativstamm hifil 1. Person singular, Imperfekt.

Der Kausativ wird im Deutschen oft durch Dehnung des ersten Vokals ausgedrückt: fallen - fällen, kurz - kürzen, lachen - lächeln (!), so dass aus "gut" "gütig" wird. Das ist im Hebräischen ein Verb (!) - im Deutschen ist das nicht vorgesehen! Wörtlich müsste es heißen "gütig tun". Martin Arnold, Essen, versuchte im Deutschen die Wendung "gütekräftig handeln" zu etablieren. 

Wörtlich würde dieser Teil lauten: "Ein gütiges Tun werde ich gütig mit dir tun".

 

Köln-Merkenich, am 
Dienstag, den 16. November 2021

 

 

Allein Buber und Rosenzweig sind es, die von "Güte" sprechen.

Hier die bunte Vielfalt der eingesehenen Übersetzungen:


Einen Nachklang der etymologischen Figur ist nur zu finden in der Elberfelder Übersetzung ELB, in der Bibel in gerechter Sprache BiG, bei Jehuasch SBJ, Buber/Rosenzweig et moi.

 

2 zählen

Was im Hebräischen im Aktiv steht wird bereits von der Septuaginta ins Passiv versetzt - und, da es um eine zukünftige Angelegenheit geht, logisch folgerichtig ins Futur:

LXX ἣ οὐκ ἀριθμηθήσεται

LXXD der nicht gezählt werden wird

Fast alle Übersetzungen folgen der Septuaginta, was den Passiv betrifft.

LUT L17 EIN ELB (GNB)und ZINK kommen dem Original sehr nah: (niemand) nicht zählen kann

ZUNZ übersetzt wörtlich: der nicht gezählt wird

BFC und BB finden eine andere Lösung, sie sprechen von BFC innombrables BB unzählbar

Mendelssohn übersetzt: nicht zu zählen ist - ihm folgt die Schlachter-Bibel SCH

 

Köln-Merkenich, am
Donnerstag, den 18.11.2021

 

3 Sand am Meer

Jaakob zitiert Gott. Das bezieht sich auf Gen 28,13-14. Dort wird aber ein anderes Bild benutzt:

"Und dein Samen wird sein wie Erdstaub", Gen 28,14.

Der Vergleich zur Mehrungsverheißung "wie Sand am Meer" taucht im Ersten Buch Mose hier zum ersten Mal auf. Er wirkt auf mich sehr vertraut. Die Überprüfung zeigt ein überraschend anderes Bild.

Die anderen Vorkommen sind übersichtlich:

Gen 41,49 Josef sammelt Getreide "wie Sand am Meer".

In Jos 11,4, 2 Sa 17,11, 1 Makk 11,1 und Off 20,6 bezeichnet es die Masse einer Armee.

In 1 Kg 4,20 meint es die Menge der Israeliten, die gemeinsam isst und trinkt und fröhlich ist!

Hi 6,3: Sein Kummer wiegt schwerer "als Sand am Meer".

Hi 29,18: Hiob dachte seine Tage würden zahlreich werden, "wie Sand am Meer".

Ps 78,27 Gottes Wüstennahrung.

Jes 10,22 Drohwort: "Denn wäre auch dein Volk, o Israel, wie Sand am Meer, so soll doch nur ein Rest von ihm umkehren." Von Paulus zitiert in Röm 9,27.

Jer 15,8 im Rahmen einer Scheltrede Gottes: "Es wurden mehr Frauen zu Witwen unter ihnen, als Sand am Meer ist."

Jer 33,22 Vermehrungssverheißung für die Nachkommen Davids und die Leviten, also nicht ganz Israel: "Wie man des Himmels Heer nicht zählen noch den Sand am Meer messen kann, so will ich mehren die Nachkommen Davids, meines Knechts, und die Leviten, die mir dienen."

Hos 2,1 Vermehrungsverheißung: "Einst aber wird die Zahl der Israeliten sein wie der Sand am Meer".

Erneut fällt die enge Verbindung von Gen 32 zum Hoseabuch auf, vgl. Gen 32,12!

Im apokryphen Gebet von Manasse 1,9 bezeichnet es Masse der Missetaten: "Ich habe ja gesündigt, unzählbar wie der Sand am Meer sind meine Missetaten, Herr, so viele sind es!"

Die knappe wörtliche hebräische Wendung ist dabei nur viermal vertreten: Gen 32,13; Gen 41,49; Jes 10,22 und Hos 2,1.

 

 

 

 

Gen 32,14 und Q 89,27 

Köln-Merkenich, am Mittwoch,
den 24. November 2021

 

 

Das Gebet hat bereits etwas verändert - bei Jaakob:

‎  וַיָּ֥לֶן שָׁ֖ם בַּלַּ֣יְלָה הַה֑וּא וַיִּקַּ֞ח מִן־הַבָּ֧א בְיָד֛וֹ מִנְחָ֖ה לְעֵשָׂ֥ו אָחִֽיו׃ 

 (Gen. 32:14 WTT)

VOKABELN:

VERB

לין- nächtigen.

NOMEN

מִנְחָה - Geschenk, Gabe, Opfer.

 

mE

Und er nächtigte dort in derselben Nacht und er nahm von dem in seine Hand Gekommenen ein Geschenk für Essaw seinen Bruder.

 

Buber/Rosenzweig

Er nächtigte dort in jener Nacht

und nahm von dem was ihm zur Hand gekommen war eine Spende für Essaw seinen Bruder,

 

van Dyke

‎   وَبَاتَ هُنَاكَ تِلْكَ اللَّيْلَةَ وَأَخَذَ مِمَّا أَتَى بِيَدِهِ هَدِيَّةً لِعِيسُو أَخِيهِ (Gen. 32:13 AVD)

VOKABELN

VERBEN

بيت  oder  بات , i - übernachten;

أخذ  , u  - nehmen;

أتى  , i - kommen.

PARTIKEL

تلك  - diese (fem.), von:  ذلك  pl.  أولائك - jener.

 

BEOBACHTUNGEN

1

Die griechische Übersetzung der jüdischen Gemeinde in Alexandria, die Septuaginta, ergänzt ein Verb:

LXX καὶ ἔλαβεν ὧν ἔφερεν δῶρα καὶ ἐξαπέστειλεν Ησαυ τῷ ἀδελφῷ αὐτοῦ

LXXD Und er nahm von dem, was er brachte, Geschenke und schickte sie seinem Bruder Esau,

Hieronymus ordnet das Geschehen zeitlich, was im Hebräischen unterbestimmt scheint:

VUL  cumque dormisset ibi nocte illa separavit de his quae habebat munera Esau fratri suo

VULD Und als er dort in jener Nacht geschlafen hatte, sonderte er von dem, was er hatte, als Geschenke

für Esau, seinen Bruder, ab: 

Ähnlich greift die Gute Nachricht ordnend und erläuternd ein:

GN Jakob wollte die Nacht über noch an diesem Ort bleiben, aber er wollte seinem Bruder schon etwas von seinem Besitz als Geschenk vorausschicken.

Die Überarbeitung, GNB, hat dies korrigiert, verbleibt aber in der zeitlichen Ordnung der Vulgata:

GNB Jakob blieb die Nacht über an diesem Ort. Dann stellte er aus seinem Besitz ein Geschenk für seinen Bruder Esau zusammen.

 

2 Besitz?

Im Hebräischen steht eine etwas gestelzte Wendung, für die ich keinen weiteren Beleg gefunden habe:

‎  מִן־הַבָּ֧א בְיָד֛וֹ - min habba bjado - wörtlich: von dem Gekommenen in seine Hand.

Eine ganze Reihe von Übersetzungen verstehen dies kurzerhand als "Besitz": GN GNB BB BFC D92 ZUR NL.

Andere sehen darin, das, was Jaakob eben "zur Hand" hatte: LSG EIN D83 oder "mit sich führte": So Mendelssohn, B/M und ZUNZ; vgl. NAS und ESV "what he had with him".

Das im Hebräischen ein Partizip steht, das scheint die Zürcher Übersetzung anzudeuten:

ZUR was in seinen Besitz gelangt war

NL ähnlich: van wat in zijn bezit gekomen was

Das Partizip übersetzt hingegen die Elberfelder Übersetzung: 

ELB was in seine Hand gekommen war - so ähnlich auch van Dyke!

Wörtlich übersetzt Jehuasch: פונ וואס אים געקומען צו דער האנט -   von was ihm gekomen zu der hand

Die Bedeutung der Wendung "min habba bjado" - wörtlich: von dem Gekommenen in seine Hand - sehe ich darin: Wird dies als "Besitz" betrachtet, ist es Jaakobs Willkür, Essaw davon Geschenke zu geben. Das Partizip deutet an, dass dieser Reichtum eine Vorgeschichte hat: Es sind Segnungen Gottes. Folglich handelt es sich nicht um Jaakobs Besitz, über den er frei verfügen kann, sondern dann stehen diese Güter durch Jaakob, dem Gesegneten, der ganzen Familie zur Verfügung, um ihr Leben und Überleben zu ermöglichen. Jaakob schickt Essaw was diesem - als Gottes Gaben - zusteht. Das ist der Wandel in Jaakob, den das Gebet in ihm bewirkt hat.

 

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am Montag, 
den 18. November 2021

 

Q 89,27

يَـٰٓأَيَّتُهَا ٱلنَّفْسُ ٱلْمُطْمَئِنَّةُ

VOKABELN

ADJEKTIV

مطمئن - zuversichtlich, beruhigt, sicher.

NOMEN

نفس  nafs pl.  نفوس nufus oder أنفس  anfus - Seele, Geist, Person.

PARTIKEL

يا   - o, ach;

أيها  f.  أيتها - o ... ! Nur vor dem bestimmten Artikel!

 

mE

Ach! Oh sie! die Seele ist die zuversichtliche!

 

ULLMANN (1840)

O du vollkommen beruhigte Seele

 

HENNING (1901)

O du Seele voll Ruhe

 

GOLDSCHMIDT (1916)

o du beruhigte Seele!

 

PARET (1979, 2001)

(Wenn aber einer (wörtlich eine Seele) rechtzeitig den Glauben angenommen hat und ihm bis an sein Lebensende treu geblieben ist, ergeht an ihn (bzw. sie) die Aufforderung Gottes:) ›Der (bzw. Die) du (im Glauben) Ruhe gefunden hast!

 

KHOURY (1987, 1992)

O du Seele, die du Ruhe gefunden hast

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

O du zuversichtliche Seele!

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

O du Seele, die du Ruhe gefunden hast

 

KARIMI (2009)

O du Seele, eingetaucht in Ruhe!

 

BOBZIN (2010, 2017)

"O du befriedete Seele

 

NEUWIRTH (2011)

Oh Seele, die du zuversichtlich bist

 

CORPUS CORANICUM (20.05.2021)

"Du vertrauende Seele!

 

 

 

 

Gen 32,15 und Q 89,28 

Köln-Merkenich, am Freitag, 
den 26. November 2021

 

Jaakob versorgt Essaws Familie:

‎  עִזִּ֣ים מָאתַ֔יִם וּתְיָשִׁ֖ים עֶשְׂרִ֑ים רְחֵלִ֥ים מָאתַ֖יִם וְאֵילִ֥ים עֶשְׂרִֽים׃

 (Gen. 32:15 WTT)

 

mE

zweihundert Ziegen und zwanzig Ziegenböcke, 

zweihundert Mutterschafe und zwanzig Böcke

 

Buber/Rosenzweig

zweihundert Ziegen und zwanzig Böcke,

zweihundert Mutterschafe und zwanzig Widder,

 

van Dyke

‎  مِئَتَيْ عَنْزٍ وَعِشْرِينَ تَيْسًا، مِئَتَيْ نَعْجَةٍ وَعِشْرِينَ كَبْشًا،  (Gen. 32:14 AVD)

VOKABELN

NOMEN

عنز   pl.  عنزة - Ziege;

تيس  pl.  تيوس - Ziebenbock;

نعجة  pl. -at oder  نعاج  - Schaf, Mutterschaf;

كبش  pl. كباش - Widder.

 

 

 

 

 

*

 

 

Q 89,28

ٱرْجِعِىٓ إِلَىٰ رَبِّكِ رَاضِيَةً مَّرْضِيَّةً

VOKABELN

VERBEN

رجع  , i - zurückkehren, HIER: Imparativ!

رضى  , a zufrieden sein (mit ب ); einverstanden sein, gutheißen;

ADJEKTIV

راض   constructus   راضى  pl.  رضاة - zufrieden, einverstanden.

 

mE

Kehre zurück zu deinem Herrn, zufrieden befriedigt

 

ULLMANN (1840)

kehre zurück zu deinem Herrn, vollkommen zufrieden und befriedigt

 

HENNING (1901)

Kehre zu deinem Herrn zurück, zufrieden und (Ihn) zufriedenstellend,

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Kehre zurück zu deinem Herrn zufrieden und befriedigt.

 

PARET (1979, 2001)

Kehr zufrieden und wohlgelitten zu deinem Herrn zurück!

 

KHOURY (1987, 1992)

Kehre zu deinem Herrn zufrieden und von seinem Wohlgefallen begleitet zurück.

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Kehre zufrieden und belohnt zu deinem Herrn zurück!

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

kehre zu deinem Herrn zufrieden und mit Wohlgefallen zurück.

 

KARIMI (2009)

Kehre zurück zu deinem Herrn, zufrieden und von Seinem Wohlgefallen getragen!

 

BOBZIN (2010, 2017)

kehr heim zu deinem Herrn, glücklich und zufrieden

 

NEUWIRTH (2011)

kehre zurück zu deinem Herrn, zufrieden und erfüllt,

 

CORPUS CORANICUM (26.11.2021)

Kehre zufrieden und wohlgefällig zu deinem Herrn zurück;

 

BEOBACHTUNGEN

1 figura etymologica

Im arabischen Text ist eine figura etymologica ("Kampf kämpfen", "Tisch auftischen"), hier zwei Wörter mit der Wurzel رضى,  rd, zufrieden sein. Dies geben wieder Ullmann, Henning, Goldschmidt et moi. 

 

Henning, Khoury und Karimi fügen im Nachsatz Gott als Subjekt ein. Möglicherweise diente als Anknüpfungspunkt dafür das Partizip Passiv des letzten Wortes dieses Verses. Im Alten und Neuen Testament ist es eine übliche Redeweise um zu vermeiden, den Gottesnamen auszusprechen, vgl. Mt 5,4.7. 

 

 

 

 

Gen 32,16 und Q 89,29 

Köln-Merkenich, am
Montag, den 29. November 2021

 

Jaakob enthält Essaw seine Jungtiere nicht vor:

‎  גְּמַלִּ֧ים מֵינִיק֛וֹת וּבְנֵיהֶ֖ם שְׁלֹשִׁ֑ים פָּר֤וֹת אַרְבָּעִים֙ וּפָרִ֣ים עֲשָׂרָ֔ה אֲתֹנֹ֣ת עֶשְׂרִ֔ים וַעְיָרִ֖ם עֲשָׂרָֽה׃ 

 (Gen. 32:16 WTT)

VOKABELN

פרה pl.  פָּרוֹת - Färse, junge Kuh; 

פַּר  pl. פָּרִים - Farre, junger Stier.

 

mE

dreißig nährende Kamele und ihre Jungen, vierzig Färsen, zehn Jungrinder, zwanzig Eselstuten und zehn Eselfohlen

 

Buber/Rosenzweig

dreißig säugende Kamele samt ihren Jungen,

vierzig Färsen und zehn Farren,

zwanzig Graustuten samt zehn Fohlen,

 

van Dyke

‎ ثَلاَثِينَ نَاقَةً مُرْضِعَةً وَأَوْلاَدَهَا، أَرْبَعِينَ بَقَرَةً وَعَشَرَةَ ثِيرَانٍ، عِشْرِينَ أَتَانًا وَعَشَرَةَ حَمِيرٍ 

   (Gen. 32:15 AVD)

VOKABELN

ناقة  pl.  نوق oder نياق  - Kamelkuh;

مرضع  murDiaa  oder  مرضعة  - Amme, Nährmutter - vgl. Q 89,28!

بقر  - Rinder;

ثور  pl.  ثيران - Stier, Bulle;

أتان  - Eselstute (hier versagte mein Wörterbuch, aber LANE S. 14 gab Auskunft!);

حمار  chimar pl.  حمير chamir - Esel.

 

BEOBACHTUNGEN

Kaum eine Übersetzung hat die hebräischen Bezeichnungen für die Jungtiere (s. o.) übernommen. 

"Kuh" wäre auf Hebräisch בקר und "Stier" אַבִּיר (Ps 22,13).

Das fiel offenbar schon den Übersetzern in Alexandria schwer. Im Alt-Griechischen (Pape) fand ich weder einen Ausdruck für Färse (weibliches Rind, das noch nicht gekalbt hat) noch für Farre (Jungstier). 

LXX βόας τεσσαράκοντα ταύρους δέκα  (Gen. 32:16 BGT)

LXXD 40 Rinder, zehn Stiere

Hieronymus hat sich hier offenbar an der Septuaginta orientiert. Denn im Lateinischen (Georges) gibt es sehr wohl Bezeichnungen für die Jungtiere: buculus oder iuvencus für Farre und bucula oder iuvenca für Färse.

Wobei Hieronymos die Zahl seiner Stiere verdoppelt:

VUL vaccas quadraginta et tauros viginti (Gen. 32:15 VUL)

VULD vierzig Kühe und zwanzig Stiere 

Immerhin übersetzt LUT und L17 mit "junge Stiere". Wahrscheinlich, weil Luther  1545 noch mit "Farre" übersetzt hatte.

 

Köln-Merkenich, am Dienstag,
den 30. November 2021

 

Dass Muttertiere und Jungtiere nicht zu knapp gegeben werden, spricht eine eigene Sprache. Sie verkörpern im wörtlichen Sinn die zukünftige Versorgung der Familien in der halbnomadischen Lebensweise, die hier in der Erzählwelt vorausgesetzt wird. Zugleich tritt Jaakob einen Teil seiner eigenen Zukunftsvorsorge ab und vertraut sie seinem Bruder an - und damit in Notfällen auch sich! Die Mutter- und Jungtiere erfüllen die Funktion, die heutigentags dem Kapital zugemessen wird: Zukunftssicherung. Jaakob gibt keine Almosen, sondern Kapital. Wenn Kapital Zukunft sichert, dann nur gemeinsam. 

Diese Thematik geht verloren, wenn die Bezeichnung der Jungtiere entfällt.

 

 

 

 

*

 

 

Q 89,29

فَٱدْخُلِى فِى عِبَـٰدِى

VOKABELN

VERB

دخل  , u - hineingehen, eintreten.

NOMEN

عبادة  - Verehrung, Anbetung, Gottesdienst.

عباد - Diener (LANE S. 1987)

 

mE

und tritt ein zu meinen Dienern.

 

ULLMANN (1840)

tritt hin zu meinen Dienern

 

HENNING (1901)

Und tritt ein unter Meine Diener

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Tritt ein zu meinen Dienern.

 

PARET (1979, 2001)

Schließ dich dem Kreis meiner Diener an

 

KHOURY (1987, 1992)

Tritt in die Reihen meiner Diener ein

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Tritt in die Schar meiner Diener ein!

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Tritt ein unter Meine Diener,

 

KARIMI (2009)

Tritt ein zu Meinen Dienern.

 

BOBZIN (2010, 2017)

und tritt ein zu meinen Knechten,

 

NEUWIRTH (2011)

und tritt ein unter meine Diener

 

CORPUS CORANICUM (30.11.2021)

tritt ein in den Kreis meiner Diener,

-- 

 

 

 

Gen32,17 und Q 89,30 

Köln-Merkenich, am
Mittwoch, den 1. Dezember 2021

 

Jaakob sorgt dafür, dass Raum geschaffen wird:

‎וַיִּתֵּן֙ בְּיַד־עֲבָדָ֔יו עֵ֥דֶר עֵ֖דֶר לְבַדּ֑וֹ וַ֤יֹּאמֶר אֶל־עֲבָדָיו֙ עִבְר֣וּ לְפָנַ֔י וְרֶ֣וַח תָּשִׂ֔ימוּ בֵּ֥ין עֵ֖דֶר וּבֵ֥ין עֵֽדֶר׃

   (Gen. 32:17 WTT)

 

mE

und er gab in die Hand seiner Knechte Herde um Herde gesondert und er sprach zu seinen Knechten: Brecht auf von meinem Angesicht und schafft Raum zwischen den Herden

 

Buber/Rosenzweig

und übergab sie in die Hand seiner Knechte, Herde um Herde besonders,

und sprach zu seinen Knechten:

Schreitet vor meinem Antlitz her und legt Raum zwischen Herde und Herde.

 

van Dyke

‎. » وَدَفَعَهَا إِلَى يَدِ عَبِيدِهِ قَطِيعًا قَطِيعًا عَلَى حِدَةٍ. وَقَالَ لِعَبِيدِهِ: «اجْتَازُوا قُدَّامِي وَاجْعَلُوا فُسْحَةً بَيْنَ قَطِيعٍ وَقَطِيعٍ

   (Gen. 32:16 AVD)

VOKABELN

 

Köln-Merkenich, am
Montag, den 13. Dezember 2021

 

VERBEN

دفع  , a - stoßen, wegstoßen, veranlassen, zahlen;

جوز  oder جاز  - gewinnen, erlangen, VIII. Stamm: in Besitz nehmen;

جعل  , u - zusammenfassen.

NOMEN

قطيع  - Rudel, Herde.

حدة  - Alleinsein, Absonderung, vgl.  وحد !;

قدام  - Vorderteil; als PRÄPOSIITON: vor;

فسحة  - Vorraum, Halle.

 

 

 

 

*

 

 

Q 89, 30

وَٱدْخُلِى جَنَّتِى

VOKABELN

VERB

دخل  , u - hineingehen, hereinkommen.

NOMEN

جنة  pl.  جنان  oder [-at] - Garten, Paradies.

 

mE

und gehe in meinen Garten hinein.

 

ULLMANN (1840)

und geh ein in mein Paradies.

 

HENNING (1901) /  

KARIMI (2009)

und tritt ein in Mein Paradies!

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Tritt ein in mein Paradies.

 

PARET (1979, 2001)

und geh in mein Paradies ein!

 

KHOURY (1987, 1992)

und tritt ein in mein Paradies.

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Und tritt in Meinen Paradiesgarten ein!

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

und tritt ein in Meinen (Paradies)garten.

 

BOBZIN (2010, 2017)

und tritt ein in meinen Garten!

 

NEUWIRTH (2011) / 

CORPUS CORANICUM (13.12.2021)

tritt ein in meinen Garten!

 

KOMMENTAR

Corpus Coranicum und Neuwirth (Frühmekkanische Suren 209) betrachten die Verse 27-30 als hinzugefügt:

„Die später hinzugefügten Verse 27–30 (s. Einleitung) ergänzen das ursprüngliche, auf eine reine Strafandrohung beschränkte Schlussgesätz 5 um eine positive Jenseitsperspektive. Die göttliche Aufforderung der Seligen zum Betreten des „Gartens“ korrespondiert dabei mit der Erwähnung des ǧahannam in V. 23. Auffällig ist, dass alle drei Einschübe – V. 15.16, V. 23.24 und V. 27–30 – wörtliche Reden enthalten: V. 15.16 zitieren die unterschiedlichen Aussagen, mit denen der Mensch auf das ihm jeweils von Gott zugeteilte Los reagiert, V. 23.24 beschreiben die Reaktion des Menschen (al-ʾinsān, wie in V. 15.16) auf die ihm im Jenseits drohende Höllenstrafe und V. 27–30 überbieten die zuvor zitierten, negativ bewerteten Aussagen des Menschen durch Gottes Anrede an die „vertrauende Seele“, die einem Kollektiv von „Dienern“ zugeordnet wird. – Neuwirth erblickt in V. 27–30 einen motivischen Rückbezug auf die Schwureinleitung: „Die am Schluß angesprochene nafs muṭmaʾinna habe eben jene Zuversicht und innere Ruhe in der Sicherheit göttlicher Nähe gefunden, die die zu Anfang evozierten gottesdienstlichen Zeiten in besonderem Maße in sich bergen.“ ( Neuwirth, „Horizont“, 26 )“

 

BEOBACHTUNGEN

Je jünger eine Übersetzungen umso eher wird mit "Garten" statt mit "Paradies" übersetzt.

 

 

 

 

Gen 32,18 Q 90,1 

Köln-Merkenich, am Montag,
den 20. Dezember 2021

 

Jaakob ordnet an:

‎  וַיְצַ֥ו אֶת־הָרִאשׁ֖וֹן לֵאמֹ֑ר כִּ֣י יִֽפְגָּשְׁךָ֞ עֵשָׂ֣ו אָחִ֗י וִשְׁאֵֽלְךָ֙ לֵאמֹ֔ר לְמִי־אַ֙תָּה֙ וְאָ֣נָה תֵלֵ֔ךְ וּלְמִ֖י אֵ֥לֶּה לְפָנֶֽיךָ׃

 (Gen. 32:18 WTT)

 

mE

und er befahl dem Ersten, sagend: Wenn Essaw, mein Bruder, dich trifft und er dich fragt, sagend, 'Von wem bist und und wohin gehst du und von wem sind diese vor deinem Angesicht?'

 

Buber/Rosenzweig

Er gebot dem ersten, sprechend:

Wenn mein Bruder Essaw auf dich stößt

und fragt dich, sprechend: Wessen bist du, wohin gehst du, wessen sind diese vor dir?

 

van Dyke

‎  وَأَمَرَ الأَوَّلَ قَائِلاً: «إِذَا صَادَفَكَ عِيسُو أَخِي وَسَأَلَك قَائِلاً: لِمَنْ أَنْتَ؟ وَإِلَى أَيْنَ تَذْهَبُ؟ وَلِمَنْ هذَا الَّذِي قُدَّامَكَ؟  (Gen. 32:17 AVD)

VOKABELN

VERBEN

امر , u - befehlen;

صدف , i - abwenden; geschehen, s. ereignen; HIER: III. STAMM: antreffen, begegnen.

 

BEOBACHTUNGEN

1 gehören

Die zusammengesetzte Fragepartikel לְמִי , lemi, wörtlich "von wem" wird so wörtlich übersetzt im Griechischen und im Lateinischen. 

LXX τίνος εἶ

VUL cuius es

Das kann im Deutschen schwerlich so wiedergegeben werden:

LXXD VUL Wem gehörst du?

Die KJV und LSG vermag es noch in der Kürze der hebräischen Vorlage zu übertragen:

KJV Whose art thou?

LSG À qui es-tu?

Aber schon die NAS und ESV - und genauso die BFC - kommen nicht ohne ein zusätzliches Verb aus:

NAS ESV To whom do you belong, 

BFC ‹A qui appartiens-tu?

Alle eingesehenen deutschen Übersetzungen - außer Buber/Rosenzweig - sowie D83 erweitern mit "gehören", beispielhaft L17

L17 Wem gehörst du

Die GN GNB D92 fragen:

Wer ist dein Herr?

In den neuzeitlichen Lutherfassungen weitet sich dies im dritten Frageteil zum "Eigentum" aus:

LUT L17 wessen Eigentum ist das

D92 eijer

Luther selbst übersetzte 1545 im dritten Frageteil noch:

L45 vnd wes ists

Nur ZUNZ fragt: "für wen sind diese"

 

2 vor/nach?

Die personalisierte präpositionale Bestimmung   לְפָנֶֽיךָ , lifanaika, wörtlich "von deinem Angesicht", wird in der Septuaginta nach vorne hin verstanden:

LXX καὶ τίνος ταῦτα τὰ προπορευόμενά σου

LXXD und wem gehört das hier, was dir vorauszieht?

So auch Hieronymus, nur mit der umgekehrten Perspektive; darin einzig:

VUL et cuius sunt ista quae sequeris

VULD und wem gehören diese 〈Tiere〉, denen du folgst? 

3 Herde

Ohne weitere Ergänzungen wie die deutsche Vulgataübersetzung "(Tiere)" kommen nicht aus:

NAS these animals

LSG BFC ce troupeau 

NL kudde

D82 drift

D92 hjord

GN GNB Vieh

BB Tiere

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am
Mittwoch, den 22. Dezember 2021

 

Q 90,1

بِسۡمِ ٱللَّهِ ٱلرَّحۡمَٰنِ

 

mE

Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers.

vgl. Mail zu Gen 31,16 Q 93 vom 19.02.2021

لَآ أُقۡسِمُ بِهَٰذَا ٱلۡبَلَدِ

VOKABELN

قسم  , i - teilen; HIER: IV. Stamm: schwören + ب bei.

NOMEN

بلد   pl.  بلاد - Stadt.

PARTIKEL

لا -  nein!; nicht, nein.

 

mE

Nein! Schwöre ich bei dieser Stadt

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Ich schwör's bei dieser Stadt!

 

ULLMANN (1840)

Ich schwöre es bei dieser Landschaft

 

HENNING (1901)

Nein! Ich schwöre bei dieser Stadt.

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Ich schwöre nicht bei dieser Ortschaft.

 

PARET (1979, 2001)

Nein doch! Ich schwöre bei dieser Ortschaft (damit ist Mekka gemeint)

 

KHOURY (1987, 1992)

Nein, Ich schwöre bei diesem Gebiet (Anmerkung: Mekka)

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Ich schwöre bei dieser Stadt, (der Heiligen Stadt Mekka)

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Nein, Ich schwöre bei dieser Ortschaft

 

KARIMI (2009)

Nein, Ich schwöre bei diesem Ort

 

BOBZIN (2010, 2017)

Ich schwöre bei diesem Ort

 

NEUWIRTH (2011)

Soll ich schwören bei dieser Stadt

 

CORPUS CORANICUM (22.12.2021)

Nein, ich schwöre bei diesem Ort

 

KOMMENTAR

1 la - "nein!"

Neuwirth (S. 239) kommentiert: "Siehe zu der trotz Negation affirmativen Schwurformel Bergsträsser (1914:58f;  Anm. 2)." Das verweist auf die Arbeit von Gotthelf Bergsträsser:  Verneinungs- und Fragepartikel und Verwandtes im Kur'an. Leipzig 1914.

In der genannten Anmerkung führt er aus: 

"hier hat sich la, das ursprünglich eine Vorausnahme der Negation des folgenden Satzes war, sekundär mit der Schwurformel zu einer einfachen Beteuerung verschmolzen, die schließlich sogar vor affirmatiaven Sätzen verwendet wurde." 

Dies vergleicht Bergsträsser mit dem Ausruf im Deutschen: ""Nein, was ist er für ein kluger Mensch!"" (S. 59)

Der Name BERGSTRÄSSER führt an die Anfänge des Projektes CORPUS CORANICUM:

Gotthelf Bergsträsser, 1886-1933, stammt aus einem evangelischen Pfarrhaus. Als Orientalist habilitierte er sich in Istanbul. Später lehrte er in Berlin, Königsberg, Breslau, Heidelberg und München. Eines seiner Vorhaben war ein kritischer Apparat zum Koran. Dazu hatte er Aufnahmen von antiken Koranmanuskripten gesammelt. Bergsträsser kam bei einer Klettertour am Watzmann ums Leben. Wikipedia - https://de.wikipedia.org/wiki/Gotthelf_Bergstr%C3%A4%C3%9Fer - schreibt zum Nachlass:

"Ein Archiv von Fotos alter Koranmanuskripte für seinen geplanten Apparatus Criticus zum Koran wurde zunächst von Otto Pretzl weiterbearbeitet, aber dieser starb 1941 bei einem Flugzeugabsturz. Das Archiv erbte Anton Spitaler. Er behauptete später, das Archiv sei bei jenem Bombenangriff auf München 1944, durch den das Gebäude der Bayerischen Akademie der Wissenschaften völlig zerstört wurde, verbrannt. Das traf jedoch nicht zu, vielmehr waren die Fotos bis zu Beginn der 1990er Jahre in Spitalers Besitz.[3] Seitdem befindet sich die Sammlung in der Obhut von Angelika Neuwirth an der Freien Universität Berlin, wo es im Rahmen des Projekts Corpus Coranicum digitalisiert und ausgewertet wird.[4]"

ANM.: 3 - Andrew Higgins: „The Lost Archive: Missing for a half century, a cache of photos spurs sensitive research on Islam's holy text“, The Wall Street Journal, 12. Januar 2008

4 - http://www.bbaw.de/bbaw/Forschung/Forschungsprojekte/Coran/de/blanko.2009-10-21.7368179641  (Verweis scheint nicht mehr zu funktionieren).

 

Neuwirth (S. 239f) nennt Q 95,2-3 und Q 52,1-6 als weitere Belegstellen dafür, dass ein Schwur sich auf Ortschaften bezieht. Dies steht im krassen Gegensatz zu Mt 5,34ff bes. Mt 5,35, wobei die Argumentation ist: Da Jerusalem die Stadt Gottes ist, berührt es die Heiligkeit des Namens Gottes, bei der Stadt zu schwören. Die Christenheit hat diese Schwurabsage nicht lange durchgehalten. Tolstoi hat es in seiner anarchistischen Bedeutung wieder entdeckt. Der Schwur ist die Eintrittsbedingung in die staatliche Sonderwelt der Beamten und Soldaten mit quasi religiösem Anspruch, dass über dem Souverän der Staatsgewalt keine weitere Macht oder andere Größe als bestimmend anerkannt wird. 

 

P. S. : Noch eine nachträgliche Anmerkung zu Q 89,29f: Diese Stelle mit der Aufforderung von seiner angestammten Glaubensgemeinschaft derjenigen beizutreten, die hier vertreten wird, ist nicht unwichtig im Gespräch über religiöse Freiheit: Wenn zum Übertritt aus einer anderen Religion in die eigene eingeladen wird, dann kann dies anderen der eigenen gegenüber kaum vorenthalten werden.

 

 

 

 

Gen 32,19 und Q 92,1 

‎  וְאָֽמַרְתָּ֙ לְעַבְדְּךָ֣ לְיַעֲקֹ֔ב מִנְחָ֥ה      הִוא֙ שְׁלוּחָ֔ה לַֽאדֹנִ֖י לְעֵשָׂ֑ו וְהִנֵּ֥ה גַם־ה֖וּא      אַחֲרֵֽינוּ׃ 

 (Gen. 32:19 WTT)

VOKABEL

NOMEN

‎  מנְחָ֥ה  f. - Geschenk.

 

mE

und du antwortest: Von deinem Knecht, von Jaakkob, ein Geschenk, es wurde entsandt für meinen Herrn, für Essaw und siehe, er ist auch hinter uns.

 

Buber/Rosenzweig

sollst du sprechen:

Deines Knechts, Jaakobs, eine Spende ists, gesandt meinem Herrn, Essaw,

und da, er selber auch ist hinter uns.

 

van Dyke

» .‎  تَقُولُ: لِعَبْدِكَ يَعْقُوبَ. هُوَ هَدِيَّةٌ      مُرْسَلَةٌ لِسَيِّدِي عِيسُوَ، وَهَا هُوَ أَيْضًا وَرَاءَنَا  (Gen. 32:18 AVD)

VOKABELN:

VERB

مرسل  mursal - (ab-)gesandt; herabwallend (Haar); Missionar m.;  von رسل  ,a - (Haar) herabhängen; III. Stamm: korrespondieren; IV. Stamm: schicken, senden. 

NOMEN

هدية - Weg, Art und Weise.

هدية pl. هدايا  - Geschenk.

PARTIKEL

ها  - da!, sieh da!

 

 

 

 

 

*

 

 

Q 92

بِسْمِ ٱللَّهِ ٱلرَّحْمَـٰنِ ٱلرَّحِيمِ

 

mE

Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarms.

Q 92,1

وَٱلَّيْلِ إِذَا يَغْشَىٰ

VOKABELN

غشى ,a   - kommen; decken, bedecken.

PARTIKEL

و - Schwurformel.

اذا - als, wenn.

 

mE

Bei der Nacht, sobald sie kommt

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Bei der Nacht, wann sie dunkelt.

 

ULLMANN (1840)

Bei der Nacht, wenn sie alles mit Finsternis bedeckt,

 

HENNING (1901)

Bei der Nacht, wenn sie verhüllt!

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Bei der Nacht, wenn sie bedeckt.

 

PARET (1979, 2001)

Bei der Nacht, wenn sie (alles mit Finsternis) zudeckt,

 

KHOURY (1987, 1992)

Bei der Nacht, wenn sie (alles) bedeckt,

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Bei der Nacht, wenn sie Dunkelheit verhängt!

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Bei der Nacht, wenn sie (alles) überdeckt,

 

KARIMI (2009)

Bei der Nacht, wenn sie dunkelt,

 

BOBZIN (2010, 2017)

Bei der Nacht, wenn sie sich ausbreitet,

 

NEUWIRTH (2011)

Bei der Nacht, wenn sie alles bedeckt,

 

CORPUS CORANICUM (10.01.2022)

Bei der Nacht, wenn sie bedeckt,

 

BEOBACHTUNG

Mit meiner Übersetzung stehe ich zwar allein, halte sie aber dennoch für möglich und begründet: Dass eine Nacht alles ins Dunkle taucht, ist keine Besonderheit und m. E. nur dann sinnvoll mit einer Bedingung verknüpft, wenn z. B. unsere nächtliche optische Umweltverschmutzung vorausgesetzt wird, wo vor lauter Lampen kaum noch Sterne zu erkennen sind, wenn diese also ausgeschaltet bliebe. Solche Aktionen gibt es hin und wieder ("Earth Night!" - wenigstens eine Nacht ohne Lichtverschmutzung). Was sich jedoch jeden Tag ändert ist der Zeitpunkt des Einbruchs der Nacht. 

Mit meiner Version sehe mich von Rückert bestärkt.

 

Köln-Merkenich, am Montag, den 10. Januar 2022

 

 

 

 

Gen 32,20 und Q 92,2 

Köln-Merkenich, am
Dienstag, den 11. Januar  und
Mittwoch, den 12. Januar 2022

 

Jaakobs Plan weitet sich aus:

‎  וַיְצַ֞ו גַּ֣ם אֶת־הַשֵּׁנִ֗י גַּ֚ם אֶת־הַשְּׁלִישִׁ֔י גַּ֚ם אֶת־כָּל־הַהֹ֣לְכִ֔ים אַחֲרֵ֥י הָעֲדָרִ֖ים לֵאמֹ֑ר כַּדָּבָ֤ר הַזֶּה֙ תְּדַבְּר֣וּן אֶל־עֵשָׂ֔ו בְּמֹצַאֲכֶ֖ם אֹתֽוֹ׃ 

 (Gen. 32:20 WTT)

VOKABELN

VERB

צוה - befehlen;

NOMEN

עֵדֶר - Herde.

 

mE

und er befahl auch dem Zweiten und auch dem Dritten, auch allen hinter den Herden Ziehenden sprechend: Dieses Wort wirst du nun sagen zu Essaw beim Treffen mit ihm

 

Buber/Rosenzweig

Auch dem zweiten gebot er, auch dem dritten, allen auch die hinter den Herden gingen, sprechend:

Nach dieser Rede sollt ihr zu Essaw reden, wann ihr ihn findet,

 

van Dyke

‎  وَأَمَرَ أَيْضًا الْثَانِى وَالثَّالِثَ وَجَمِيعَ السَّائِرِينَ وَرَاءَ الْقُطْعَانِ: «بِمِثْلِ هذَا الْكَلاَمِ تُكَلِّمُونَ عِيسُوَ حِينَمَا تَجِدُونَهُ  (Gen. 32:19 AVD)

VOKABELN

VERBEN

سائر  - gehend, von  سير oder سار - gehen;

وجد, und يجد  , i -  finden.

NOMEN

قطعة  pl.  قطع Stück, Abschnitt, Teil.

PARTIKEL

مثل  - wie, gleichwie;

حينما  - während, als.

NACHTRAG zu Gen 32,19 - 

 

BEOBACHTUNGEN:

- Perspektivisches Erzählen?

Jaakob befiehlt seinem Knecht Essaw zu sagen: "... gesandt meinem Herrn Essaw" (B/R). Das könnte auch  beinhalten, dass der Knecht Jaakoabs nun auf einmal zum Knecht Essaws würde.

Luther räumt diese Doppeldeutigkeit aus und übersetzt: 

L45 LUT L17 sollst du sagen: Es gehört deinem Knechte Jakob, der sendet es als Geschenk seinem Herrn Esau, und er selbst zieht hinter uns her. (Gen. 32:19 L17)

Ihm folgen die Schlachter Bibel, Jörk Zink und neuerdings auch die Basis Bibel (SCH, ZINK, BB).

Die Beseitigung dieser Mehrdeutigkeit findet sich bereits in Luthers Übersetzung von 1545. Damit erweist sich Luther als ein früher Vertreter der Moderne in ihrem Anliegen, Ambiguitäten auszuschließen. Das ist eine geistesgeschichtliche Wende, der wir uns erst in der jüngsten Gegenwart wieder bewusst werden,  vgl. Thomas Bauer: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. Reclam, Stuttgart 2018. 

- מִנְחָה, minchah

Dies Wort wird gemeinhin mit Geschenk, Gabe übersetzt. Allein Buber/Rosenzweig übersetzen mit "Spende" und die Bibel in gerechter Sprache, BiG, mit "Abgabe". Beides kommt der Bedeutung dieser Gabe näher.

In seiner jiddischen Übersetzung verwendet Blumgarten alias Jehuasch ein hebräisches Wort: םתנה , matnah Geschenk, Gabe, Opfergabe.

 

 

 

 

*

 

 

Q 92,2

وَٱلنَّهَارِ إِذَا تَجَلَّىٰ

VOKABELN

VERB

جلى  oder جلا , u - klar sein; HIER V. STAMM: sich zeigen, klar werden.

NOMEN

نهار  pl.  أنهر  anhur oder  نهر  nuhur - Tag.

 

mE

Beim Tag, sobald er klar wird.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) Q 92,1+2

Bei der Nacht, wann sie dunkelt!

Und beim Tag, wann er funkelt!

 

ULLMANN (1840)

bei dem Tage, wenn er strahlend scheint,

 

HENNING (1901)

Beim Tag, wenn er sich enthüllt!

 

GOLDSCHMIDT (1916) Q 92,1+2

Bei der Nacht, wenn sie bedeckt.

Beim Tag, wenn er enthüllt.

 

PARET (1979, 2001)

beim Tag, wenn er (in seiner Helligkeit) erstrahlt,

 

KHOURY (1987, 1992)

und dem Tag, wenn er hell scheint,

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Beim Tag, wenn er hell erstrahlt!

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

und dem Tag, wenn er (in seiner Helligkeit) erscheint,

 

KARIMI (2009) Q 92,1+2

Bei der Nacht, wenn sie dunkelt,

und beim Tag, wenn er glänzend funkelt!

 

BOBZIN (2010, 2017) Q 92,1+2

Bei der Nacht, wenn sie sich ausbreitet,

beim Tage, wenn sein Licht sich weitet,

 

NEUWIRTH (2011)

und dem Tag, wenn er hell strahlt!

 

CORPUS CORANICUM (12.01.2022)

beim Tag, wenn er erglänzt,

 

BEOBACHTUNGEN

Rückert versucht den Reim der koranischen Vorlage nachzubilden. Ihm eifern Karimi und Bobzin nach. Goldschmidt betont das Gegensatzpaar von Tag und Nacht auch im Verb der beiden Verse 92 1 und 2:  bedecken - enthüllen.

 

KOMMENTAR zu Q 92,1+2

Neuwirth, Frühmekkanische Suren S. 229, kommentiert: "Der Schwur bei der Nacht dürfte nicht nur kosmisch, sondern auch liturgisch konnotiert sein" und verweist auf die "Erfahrung von Nachtgottesdiensten". Dies hat sie erläutert in ihrem epochalen Werk "Der Koran als Text der Spätantike. Ein europäischer Zugang", Berlin 2010, S. 291-293. Der Bedeutung von nächtlichen Gebetsszeiten widmet sie darin einen eigenen Abschnitt: S. 131f, "Vigilien als Rahmen der 'Eingebung'". Sie führt aus: "Diese Vigilien dürften in Psalmrezitationen oder wenigstens psalmistisch geprägten liturgischen Gesängen bestanden haben." Belege dafür sind die Anpielungen auf Psalmworte in Q 73,1-9 auf Ps 119,62 (Q 72,2), Ps 113,1 (Q 72,8) und Ps 50,1 (Q 72,9) und fasst zusammen: "Der frühe Koran ist auf weite Strecken Psalmenparaphrase, er ist Teil der spätantiken Psalmenfrömmigkeit, die wir nur eben - da es keine nachweisbaren arabischen Psalmübersetzungen vor dem 9. Jahrhundert gibt - in arabischer Sprache zum ersten Mal im Koran vorfinden."
 

Ich frage mich, inwieweit nicht auch syrische bzw. syrisch-aramäische Psalmübertragungen ausreichen, um eine Rezeptionslinie zum Koran zu bilden, die These von Christoph Luxenberg, "Die Syro-aramäische Lesart des Koran", 2000. Hier wäre das Textcorpus der Syrischen Überlieferung zu konsultieren, das CSCO: Corpus scriptorum christianorum orientalium. Ich denke dabei vor allem an die Werke von Ephräm der Syrer (306-373) und Johannes von Ephesos (gest. 589). Es wären aber auch die Werke von Jakob von Sarug (450-520/21), von Isaak von Ninive (640-700) und Jakob von Edessa (633-708) zu konsultieren. Dieser  wirkte in der Klosterschule von Keneschre (Qenneschrin, Kennesrin - am Westufer des Euphrat), einem damaligen Übersetzungszentrum (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Philosophie der Kaiserzeit und der Spätanike, Band 5/3 S. 2477). 

Gen 32,21 und Q 92,3 

Köln-Merkenich, am Donnerstag,
den 13. Januar 2022

 

Jaakob erläutert seinen Plan:

‎  וַאֲמַרְתֶּ֕ם גַּ֗ם הִנֵּ֛ה עַבְדְּךָ֥ יַעֲקֹ֖ב אַחֲרֵ֑ינוּ כִּֽי־אָמַ֞ר אֲכַפְּרָ֣ה פָנָ֗יו בַּמִּנְחָה֙ הַהֹלֶ֣כֶת לְפָנָ֔י וְאַחֲרֵי־כֵן֙ אֶרְאֶ֣ה פָנָ֔יו אוּלַ֖י יִשָּׂ֥א פָנָֽי

 (Gen. 32:21 WTT)

VOKABELN

VERB

כפר  - qal bedecken; piel sünen, entsühnen, zudecken, vergeben, besänftigen;

נשׂא  - heben.

PARTIKEL

אוּלַי  - vielleicht.

 

mE

und ihr sprecht aus: Siehe, dein Knecht Jaakob ist hinter uns;

denn er sprach: Ich werde wohl sein Angesicht besänftigen mit der Gabe gehend vor meinem Angesicht und so danach werde ich sein Angesicht sehen, vielleicht wird er mein Angesicht heben.

 

Buber/Rosenzweig

und sollt sprechen: Da, auch dein Knecht Jaakob ist hinter uns.

Denn er sprach zu sich:

Bedecken will ich sein Antlitz mit der Spende, die vor meinem Antlitz geht,

danach will ich sein Antlitz sehn,

vielleicht hebt er mein Antlitz empor.

 

van Dyke

‎  وَتَقُولُونَ: هُوَذَا عَبْدُكَ يَعْقُوبُ أَيْضًا وَرَاءَنَا» . لأَنَّهُ قَالَ: «أَسْتَعْطِفُ وَجْهَهُ بِالْهَدِيَّةِ السَّائِرَةِ أَمَامِي، وَبَعْدَ ذلِكَ أَنْظُرُ وَجْهَهُ، عَسَى أَنْ يَرْفَعَ وَجْهِي   (Gen. 32:20 AVD)

VOKABELN

 

Köln-Merkenich, am Freitag,
den 14. Januar 2022

 

VERB

عطف , i - sich neigen (+ الى), Mitleid haben; HIER 10. STAMM: um Mitleid bitten, zu versöhnen suchen;

رفع  - heben.

NOMEN

وجه  pl. وجوه  wudschuh oder  أوجه  audschuh  - Antlitz, Gesicht.

PARTIKEL

ذا  f ذى oder تا pl  أولاء  - dies, diese;

امام - vor;

عسى أن  - es könnte sein, vielleicht.

 
Köln-Merkenich, am Samstag,
den 15. Januar 2022
Köln-Merkenich, am Montag,
den 17. Januar 2022

 

BEOBACHTUNGEN

1 sagte / sagte sich / dachte

Jaakobs Plan wird im Hebräischen als ein Sprechereignis vorgestellt; Dem folgen auch die alten Übersetzungen der Septuaginta, LXX, und Vulgata, VUL; so auch KJV, NAS und NL. 

Luther verlegt dies Geschehen in seiner Übersetzung von 1545 ins Innere: 

L45 Denn er gedacht 

Luther folgen: ESV LUT L17 SCH ZUR D83 D92 M B/M (dachte sich) ZINK GN GNB und BB.

Eine Zwischenstellung nimmt die Übersetzung mit "sagte sich" ein: LSG BFC EIN EILB BiG

Ganz originell die Lösung von Jehuasch:

SBJ   


2 כפר ,kaphar - qal bedecken; piel sünen, entsühnen, zudecken, vergeben, besänftigen

Dieses Verb findet verschiedene Übersetzungen:

LXX ἐξιλάσομαι (Gen. 32:21 BGT) - von ἐξ-ιλάσκομαι - mit sich aussöhnen (Pape 1,882).

Genauso wie das parallele hebräsche Verb findet es sich ausgesprochen häufig im Lev (44x) vor allem im kultischen Kontext.

Hieronymus übersetzt mit

VUL placabo - von placeo, ui, itum, ere - gefallen, gefällig sein.

Entsprechend gehen die späteren Übersetzungen auseinander:

"versöhnen": LUT L17 ELB ZUR M B/M ZUNZ ZINK BiG D83 D92 BB: Versöhnung bitten

"appease": KJV NAS ESV LSG BFC, beide: apaiserai" EIN beschwichtigen 

"günstig stimmen": SCH NL GN GNB

Jehuasch übersetzt:

SBJ  

3 נשׂא  , nas' - heben

Dies Verb übersetzt die LXX mit

LXX προσδέξεται - von προσδέχομαι empfangen, willkommen heißen.

VUL propitiabitur mihi - von propitio, avi, atum, are besänftigen, versöhnen, sich geneigt machen.

KJV NAS ESV accept me

LSG m 'accueillera-t-il favorableme

BFC me fera bon accueil

LUT L17 ELB annehmen

EIN D83 D92 M B/M  ZUNZ ZINK GN GNB BB nimmt er mich freundlich auf

NL ter wille zijn

SCH gnädig ansehen

ZUR nimmt er mich gnädig auf

SBJ  

אויפנעמען

 aufnemen.

 

4   פָּנֶה   panäh - Angesicht, Antlitz

Die Beobachtung, die am ehesten geradezu ins Auge springt ist Folgendes:

In zweiten Teil dieses Verses taucht in einem einzigen Satz viermal das Wort "Angesicht" auf! Das dürfte für die gesamte Bibel ziemlich singulär sein und ist als wichtiges und nicht zu übersehendes Signal zu verstehen.

Die Übesetzergemeinschaft in Alexandria nimmt dieses entsprechend wahr und übersetzt es immerhin noch dreimal - so auch van Dyk.

Hieronymus tilgt dies in seiner Übersetzung, das Signal verschwindet hinter den Personalpronomina: Nicht ein einziges Mal steht bei ihm "Angesicht".

Er hat Nachahmer gefunden:

L45 LUT L17 BFC  NL D83 D92 YIN GN GNB und auch die BB.

Immerhin EINMAL taucht ein Angesicht auf in

KJV NAS ESV LSG M B/M und SBJ.

ZWEIMAL in ZUNZ.

VIERMAL haben allein B/R ("Antlitz") BiG et moi.

Indem das Wort "Angesicht" in diesem Vers getilgt wird, wird die Pointe der Jakob-Esau-Novelle zerstört, s. Gen 32,31 - hier klingt das Wort auch dreimal an! - und vor allem Gen 33,10 (zweimal), der Höhepunkt der gesamten Jaakob-Esau-Novelle!

Was mit Hieronymus begann kann wohl gar nicht scharf genug formuliert werden: Der Pointe wird der Absprungspunkt geklaut - der Ball landet in Gen 33,10 im Korb und keiner weiß woher der Ball und wie er dahin gekommen ist, die Geschichte wird belanglos. Ich nehme das als philologischen Antijudaismus wahr.

Überhaupt wundert mich schon lange, warum die Jaakob-Esau-Novelle so wenig Beachtung findet und frage mich seit wann das der Fall ist. Auch frage ich mich, welche Rolle diese Novelle in der jüdischen Religionspädagogik spielte und spielt. Schließlich geht es nicht um irgendwen, sondern um den Namensgeber Israels!

 

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am Freitag, den 14. 
und Montag, den 17. Januar 2022

 

Q 92,3

وَمَا خَلَقَ ٱلذَّكَرَ وَٱلْأُنثَىٰٓ

VOKABELN

VERBEN

خلق - schaffen, erschaffen;

أنث  'anuth - weiblich sein.

NOMEN

أنث  pl. اناث  - Frau;

خلق  chalq - Schöpfung, Menschheit;

ذكر  pl.  ذكور thukur - männlich, Mann, männliches Glied.

 

mE

Bei dem, was er schuf: Männliches und Weibliches.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Bei dem, was Er schuf Mann und Weib hienieden!

 

ULLMANN (1840)

und bei dem, welcher Mann und Weib erschuf,

 

HENNING (1901)

Und bei Dem, Der Mann und Frau erschuf!

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Bei dem, der Männliches und Weibliches geschaffen:

 

PARET (1979, 2001)

und bei dem, der (wörtlich: bei dem, was) erschaffen hat, was männlich und was weiblich ist.

 

KHOURY (1987, 1992)

und dem, was den Mann und das Weib erschaffen hat!

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Beim Wissen um die Erschaffung vom Männlichen und Weiblichen bei allen Lebewesen!

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

und Dem, Der das Männliche und Weibliche erschaffen hat!

 

KARIMI (2009)

Bei dem, was das Männliche und Weibliche erschaffen!

 

BOBZIN (2010, 2017)

bei dem, der erschuf, was männlich und weiblich!

 

NEUWIRTH (2011)

Bei dem, was er schuf, Männliches und Weibliches!

 

CORPUS CORANICUM (17.01.2022)

bei dem, was Männliches und Weibliches erschuf!

 

BEOBACHTUNG:

Gilt der Schwur dem, der Mann und Frau schuf, oder dem, was Gott geschaffen hat: Mann und Frau?

Hier gibt es zwei Gruppen:

Eine Sonderrolle hat Maher/Al Azhar inne: Der Schwur gilt dem Wissen um das "Männliche und Weibliche" und dieses wird universalisiert - eine globale Schöpfungsethik deutet sich an.

Der Schwur beim Männlichen und Weiblichen erscheint mir hier schlüssig, da zuvor bei Tag und Nacht  geschworen wurde, das würde dem eher entsprechen als der direkte Sprung zur Gottheit.

 

ANMERKUNG

Bobzin hat die erste ernsthafte Gesamtübersetzung des Korans in deutscher Sprache, die des Krefelder Rabbiners Lion Ullmann (1804-1843) mit einem Zitat von Theodor Nöldeke als "jämmerliche Schülerarbeit" diffamiert (im Vorwort zu Bobzins Neuausgabe von Rückerts Koranübersetzung, Baden-Baden 2018, S. XXXV Anm. 68). An dieser Stelle folgt er Ullmann.

 

KOMMENTAR

1 was oder wer?

Angelika Neuwirth begründet ihre Übersetzung (Frühmekkanische Suren 229): "Das kosmische Gegensatzpaar wird durch ein ebenso elementares Gegensatzpaar aus der Menschenwelt, die beiden Geschlechter, fortgeführt."

Sie merkt an: In 

PARETs und Bobzins Übersetzung würde das "ma" - was - durch "man" - wer - ersetzt.

Corpus Coranicum setzt sich mit dieser Position auseinander:

"Neuwirth bezieht nicht auf den Schöpfer, sondern auf das Geschaffene und übersetzt: „Bei dem, was er schuf, Männliches und Weibliches“ ( Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 227 ). Angesichts der Parallele zu 91:5–7, wo eine solche Übersetzung von mā nicht in Frage kommt, ist jedoch die obige Übersetzung vorzuziehen."

Diese sieht man in Folgendem begründet:

"Eine analoge Verwendung des sächlichen wa-mā, „bei dem, was“, statt des eigentlich zu erwartenden wa-man, „bei dem, der“, findet sich in Q 91:5–7 (wa-s-samāʾi wa-mā banāhā / wa-l-ʾarḍi wa-mā ṭaḥāhā / wa-nafsin wa-mā sawwāhā). Wie dort hat der Gebrauch des Neutrums wohl eine enigmatisierende Funktion: Die volle Identität Gottes wird zunächst nur teilweise enthüllt, bevor sich ab V. 4 Gott selbst (V. 7.10.12.13: Verwendung der 1. Person Plural) nicht nur als abstraktes Schöpfungsprinzip, sondern als personaler Richter zu erkennen gibt."

Interessanterweise wird auf textliche Varianten hingewiesen:

"Textkritik: Anstelle von sollen Masʿūd und al-Ḥasan al-Baṣrī allaḏī ḫalaqa gelesen haben; auch eine Lesung mit man wird erwähnt ( Muʿǧam, ad loc. ). Als lectio difficilior muss jedoch das Neutrum gelten."

 

2 Männlich-weiblich

Corpus Coranicum erinnert an Gen 1,27 und verweist auf weitere Koranstellen:

wa-mā ḫalaqa ḏ-ḏakara wa-l-ʾunṯā] Vgl. insbesondere 53:45 (wa-ʾannahū ḫalaqa z-zauǧaini ḏ-ḏakara wa-l-ʾunṯā), 75:39 (fa-ǧaʿala minhu z-zauǧaini ḏ-ḏakara wa-l-ʾunṯā) und 78:8 (wa-ḫalaqnākum ʾazwāǧā); die besondere Hervorhebung der Geschlechterdualität erinnert an Genesis 1:27, wo betont wird, dass Gott den Menschen „als Mann und Frau“ geschaffen hat ( Gibb 1962, 275 ).

 

KORREKTUR zu Q 92,1

VOKABELN

غشى ,a   - kommen; decken, bedecken

 

 

 

 

Gen 32,22 

Köln-Merkenich, am
Mittwoch, den 19. Januar 2022

 

Erneut ist von "Angesicht" die Rede, jaakobzentriert, und zwar das fünfte Mal in Folge, wenn das nicht außergewöhnlich ist:

‎וַתַּעֲבֹ֥ר הַמִּנְחָ֖ה עַל־פָּנָ֑יו וְה֛וּא לָ֥ן בַּלַּֽיְלָה־הַה֖וּא בַּֽמַּחֲנֶֽה׃(Gen. 32:22 WTT)

VOKABEL

VERB

לין - bleiben, übernachten.

 

mE

Und die Gabe ging hinüber vor seinem Angesicht und er übernachtete in dieser Nacht im Lager.

 

Buber/Rosenzweig

Die Spende schritt seinem Antlitz voraus,

er aber nächtigte in jener Nacht im Lager.

 

van Dyke

‎  فَاجْتَازَتِ الْهَدِيَّةُ قُدَّامَهُ، وَأَمَّا هُوَ فَبَاتَ تِلْكَ اللَّيْلَةَ فِي الْمَحَلَّةِ (Gen. 32:21 AVD)

VOKABELN

VERBEN

جوز   oder  جاز, u   - (hin-)durchkommen, erlaubt sein, möglich sein; HIER VIII. STAMM: hindurchgehen, durchqueren;

بيت  oder  بات , i - übernachten.

NOMEN

محل  pl.   محال oder -at - Ort, Stelle, Geschäft.

PARTIKEL

اما - was betrifft;

ف (mit dem folgenden Wort verbunden) - und, dann, sodann.

 

Köln-Merkenich, am 
Donnerstag, den 20. Januar 2022

 

BEOBACHTUNGEN

Wie zu erwarten war, verschwindet auch hier der Ausdruck "vor seinem Angesicht" in ein Personalpronomen, beispielhaft Luther:

L17 So ging das Geschenk vor ihm her; (Gen. 32:22 L17)

Hieronymus dominiert damit fast die gesamte Übersetzerriege, auch van Dyke!

Den ursprünglichen Ausdruck bewahren die Septuaginta, Buber/Rosenzweig, mE und erneut auch die Bibel in gerechter Sprache - Diese Kapitel hat kein Geringerer übersetzt als Frank Crüsemann.

Die Septuaginta übersetzt:

LXX καὶ παρεπορεύοντο τὰ δῶρα κατὰ πρόσωπον αὐτοῦ (Gen. 32:22 BGT)

LXXD Und die Geschenke zogen an seinem Angesicht vorbei

Unwillkürlich stelle ich mir das wie eine Art Parade vor. Wobei aus dem Singular der Gabe hier der Plural "Geschenke" wurde.

 

 

 

 

Gen 32,23 und Q 92,4  

Köln-Merkenich, am
Dienstag, den 25. Januar 2022

 

Jaakob und die Seinen durchqueren den Jabbok

‎  וַיָּ֣קָם׀ בַּלַּ֣יְלָה ה֗וּא וַיִּקַּ֞ח      אֶת־שְׁתֵּ֤י נָשָׁיו֙ וְאֶת־שְׁתֵּ֣י שִׁפְחֹתָ֔יו וְאֶת־אַחַ֥ד      עָשָׂ֖ר יְלָדָ֑יו וַֽיַּעֲבֹ֔ר אֵ֖ת מַעֲבַ֥ר יַבֹּֽק׃

 (Gen. 32:23 WTT)

VOKABEL

VERB

קום - aufstehen.

 

mE

Und er stand in dieser Nacht auf und er nahm seine zwei Frauen und seine zwei Sklavinnen und seine elf Jungen und er durchquerte die Jabbok-Furt.

 

Buber/Rosenzweig

In jener Nacht machte er sich auf,

er nahm seine zwei Weiber, seine zwei Mägde und seine elf Kinder

und fuhr über die Furt des Jabbok,

 

van Dyke

‎  ثُمَّ قَامَ فِي تِلْكَ اللَّيْلَةِ وَأَخَذَ      امْرَأَتَيْهِ وَجَارِيَتَيْهِ وَأَوْلاَدَهُ الأَحَدَ عَشَرَ      وَعَبَرَ مَخَاضَةَ يَبُّوقَ (Gen. 32:22 AVD)

VOKABELN

VERBEN

قوم  oder قام , u - aufstehen;

اخذ  , u  - nehmen;

عبر  , u - durchqueren.

NOMEN

جاريه  pl.  جوار  constructus  جوارى - Sklavin;

مخاضة  pl.  مخاوض machawid - Furt.

 

BEOBACHTUNG

Das ist das zweite Mal, dass ausdrücklich erwähnt wird, dass Jaakob auf seiner Flucht von Haran einen Fluss überquert, s. Gen 32,21.

 

 

 

 

*

 

 

Q 92,4

إِنَّ سَعْيَكُمْ لَشَتَّىٰ

VOKABELN

VERB

شت  , jaschittu - zerstreut werden.

ADJEKTIV

شت  pl. أشتات - zerstreut, aufgelöst, verschieden, mannigfaltig.

NOMEN

سعى  - Lauf, Anstrengungen.

PARTIKEL

ان - siehe! + ل , (dient der Verstärkung - Auskunft von Nermine! vom 20.01.2022, typisch für den eine Bedeutung betonenden Stil  أسلوب توكيد). 

 

mE

Siehe, eure Anstrengungen sind wirklich verschieden.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Q 32,3+4

Bei dem, was Er schuf Mann und Weib hienieden!

Ja, eure Wege sind verschieden.

 

ULLMANN (1840)

euer Streben ist sehr verschieden.

 

HENNING (1901)

Euer Bemühen ist wirklich höchst unterschiedlich.

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Siehe, euer Streben ist verschieden.

 

PARET (1979, 2001)

Euer Eifer (im Handeln) ist unterschiedlch.

 

KHOURY (1987, 1992)

Euer Streben ist wahrlich verschieden.

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Eure Werke sind verschieden (gut und übel)

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Euer Bemühen ist wahrlich verschieden.

 

KARIMI (2009)

Ja, euer Streben ist verschieden.

 

BOBZIN (2010, 2017)

Q 92,3+4

bei dem, der erschuf, was männlich und weiblich!

Siehe, euer Streben ist wahrlich mannigfach.

 

NEUWIRTH (2011)

Wohl, euer Streben ist verschieden!

 

CORPUS CORANICUM (20.05.2021)

Euer Mühen ist verschieden.

 

BEOBACHTUNG

Bobzin eifert Rückert nach, der die durchgehende Reimendung dieser Sure immerhin - auch durchgehend - doppelversig nachahmt.

 

KOMMENTAR

Neuwirth zitiert zustimmend ihren Lehrer: "shatta ("ist verschieden") betont die Entfernung zwischen Gegensätzen (vgl. Spitaler 2000)."

Der Literaturhinweis bezieht sich auf: 

Spitaler, Anton, 2000: "Sattana". In: Philologica, hg. von Hartmut Bobzin, Wiesbaden 2000, S. 290-329.

Corpus Coranicum zum Abschnitt V. 1-4:

„Der einleitende Schwurabschnitt nennt zwei umfassende kosmische Gegensatzpaare (s. die Anmerkung          zu 93:1.2): Das Paar Nacht und anbrechender Tag wird fortgeführt durch einen elementaren Gegensatz der tierischen und menschlichen Sphäre, männlich und weiblich; dabei verweist das zweite Paar (V. 3) mit dem enigmatisierenden „und bei dem, was ... erschuf“ bereits auf Gott, den V. 7.10 durch ihre Verwendung der ersten Person Plural dann als Sprecher der Sure einführen. Die beiden Oppositionen Nacht – Tag und männlich – weiblich präludieren dem im weiteren Verlauf der Sure im Mittelpunkt stehenden moralischen Gegensatz von gut und böse: „Die beiden elementaren Gegensatzpaare der Schwurserie Tag/Nacht, männlich/weiblich bilden die strukturelle Matrix für die Gegensätzlichkeit der Bestrebungen der angesprochenen Menschen, die wiederum gegensätzliche Arten der Vergeltung nach sich ziehen.“ ( Neuwirth, „Horizont“, 24 ) Die Schwuraussage in V. 4 nimmt exposéartig die moralische Verschiedenheit der Menschen vorweg, die der Rest der Sure dann detailliert entfaltet. Wie noch ausführlicher in 91:1–8 stellt die einleitende Schwurpassage damit Symmetrie und Dualität als ein nicht nur die moralische Existenz des Menschen, sondern die gesamte Schöpfung strukturierendes Prinzip dar. Außerordentliche Prominenz erlangt dasselbe Motiv später noch in der gegen Ende der frühmekkanischen Zeit (Gruppe IIIb) anzusetzenden Sure 55 (s. ebd., Analyse).“

 

 

 

 

Gen 32,24 und Q 92,5 

Köln-Merkenich, am 
Mittwoch, den 26. Januar 2022

 

Jaakob bewirkt die Flussquerung:

‎  וַיִּקָּחֵ֔ם וַיַּֽעֲבִרֵ֖ם אֶת־הַנָּ֑חַל וַֽיַּעֲבֵ֖ר אֶת־אֲשֶׁר־לוֹ׃ (Gen. 32:24 WTT)

 

mE

Und er nahm sie und er brachte sie über den Fluss und er brachte das Seine hinüber.

 

Buber/Rosenzweig

er nahm sie, führte sie über den Fluß und fuhr über was sein war.

 

van Dyke

‎  أَخَذَهُمْ وَأَجَازَهُمُ الْوَادِيَ، وَأَجَازَ مَا كَانَ لَهُ  (Gen. 32:23 AVD)

VOKABEL

VERB

جوز  oder جاز , u - (hin-)durchkommen, erlaubt sein, möglich sein; III. STAMM: überschreiten; IV. STAMM (Kausativ wie das hebräische Hifil im Vers!): erlauben; nach WEHR S. 174 auch "to traverse, cross".

NOMEN

واد , constructus  ودى pl. وديان  oder أودية - Tal, Wasserlauf, Flussbett.

 

BEOBACHTUNGEN

Was aus נַחַל, nachal, alles werden kann:

Die ursprüngliche Lutherübersetzung "Wasser" wurde erst in der Reformationsausgabe 2017 korrigiert.

Einige Übersetzungen halten es für überflüssig, dass erneut von einer Flussquerung die Rede ist, und lassen dies aus - so schon Hieronymus. Die erneute Ausgabe der Guten Nachricht, GNB, hat das rückgängig gemacht.

 

Köln-Merkenich, am
Donnerstag, den 27. Januar 2022

 

Damit geht ein Rückbezug auf Gen 31,21 verloren, in dem von "dem Fluss" die Rede ist, gemeint ist der Euphrat, vgl. Ex 23,31; Num 22,5; Jos 24,2 - Hinweis aus ThWAT 5,283. So überquert Jaakob auf der Flucht aus Haran auf dem Weg nach Kanaan zwei Gewässer. Wie das Volk Israel - das nach ihm heißen wird! - bei der Flucht aus Ägypten.

Welche Bedeutung das für den jüdischen Glauben hat, davon gibt ein Essay der französischen Rabbinerin Delphine Horvilleuer, "Überlegungen zur Frage des Antisemitismus", Berlin 2020, beredte Auskunft:
 

„In der Sprache der Bibel ist der Hebräer (Ivri) wörtlich derjenige, der überquert, der Überquerende. Weil er die Welt seiner Kindheit und seiner Herkunft verlassen hat, nimmt Abraham einen Namen an, der sich auf sein Handeln bezieht, den Namen der Überquerung.
Die hebräische Identität, die sich mit ihm ausbildet, ist folglich mit dem Losreißen aus dem Land der Geburt verknüpft. Sie hat keine eigene Herkunft, keinen Anfang. Ein Ägypter kommt aus Ägypten und ein Grieche aus Griechenland, ein Hebräer aber hat kein namensgebendes Ursprungsland. Sein Name verweist nicht auf die Herkunft, sondern auf den Bruch mit der Herkunft.“ S. 22
 

Dazu heißt es: "Er durchquert einen Fluss, der ihm die Richtung in ein gelobtes Land weist". 

Das mehrmalige Nennen der Überquerung allein drei Mal in den Versen Gen 32,22-24 (sowie in Gen 32,11.17+32) und zweimal in diesem Vers! ist darum als ein weiteres (vgl. Antlitz) wichtiges Signal zu verstehen. 

Die einzige, der eingesehenen deutschen Übersetzungen, die von "Bach" spricht, ist ZUNZ! 

Die griechische Übersetzung der jüdischen Alexandriner trifft dabei wohl am Ehesten das Gemeinte. In Hiob 6,15-17 wird beschrieben, was es mit einem nachal auf sich haben kann (Hinweis aus ThWAT 5,362: 

15 Meine Brüder haben treulos gehandelt wie ein Wildbach, wie das Bett der Wildbäche, die vergehen. 

16 Sie sind trübe von Eis, der Schnee verläuft sich in sie. 

17 Zur Zeit, wenn sie wasserarm werden, versiegen sie. Wenn es heiß wird, sind sie von ihrer Stelle weggetrocknet. 

 (Job 6:15-17 ELB6) 

 

 

 

 

 

 

 

Q 92,5 

فَأَمَّا مَنْ أَعْطَىٰ وَٱتَّقَىٰ 

VOKABELN 

VERBEN 

عطا  oder عطو , u - empfangen, nehmen; IV. STAMM (Kausativ) geben, schenken; 

وقى  , i - beschützen, bewahren; VIII. STAMM (Reflexiv der 1. Form!) اتقى ittaqa  -  sich hüten (vor  ه), sich schützen (gegen ه); Gott fürchten. 

 

mE 

Und was betrifft: Wer schenkt und fürchtet Gott 

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) 

Wer fromm ist und gibt Spende, 

 

ULLMANN (1840) 

Der nun gehorcht und gottesfürchtig ist 

ANMERKUNG zu "gehorcht": Oder: der Almosen gibt. 

 

HENNING (1901) 

Was nun den betrifft, der gibt und (Allah) fürchtet 

 

GOLDSCHMIDT (1916) 

Wer nun (Almosen) gibt und gottesfürchtig ist. 

 

PARET (1979, 2001) 

Wenn nun einer (von dem, was er besitzt, anderen etwas ab)gibt und göttesfürchtig ist 

 

KHOURY (1987, 1992),  

BOBZIN (2010, 2017) 

Wer nun gibt und gottesfürchtig ist 

 

MAHER/AL AZHAR (1999) 

Wer Spenden gibt, sich der Frömmigkeit befleißigt 

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de) 

Was nun jemanden angeht, der gibt und gottesfürchtig ist 

 

KARIMI (2009) 

Wer aber spendet und ist fromm 

 

NEUWIRTH (2011) 

Wer gibt und gottesfürchtig ist 

 

CORPUS CORANICUM (27.01.2022) 

Wer gibt, gottesfürchtig ist 

 

BEOBACHTUNG 

Goldschmidts Übersetzung "gottesfürchtig" hat Karriere gemacht - sie hat sich über 100 Jahre lang bewährt! Goldschmidt greift dabei auf ein Wort zurück, das im Deutschen bereits im 10./11. Jahrhundert belegt ist (Der Grimm 8,1236) 

 

KOMMENTAR 

Corpus Coranicum erinnert im Kommentar zu diesem Vers an das biblische "Konzept der Gottesfurcht" mit Belegstellen und das mönchische Frömmigkeitsideal - wichtige Belege für deren Übermittlerfunktion: 

„fa-ʾammā man ʾaʿṭā wa-ttaqā] Das Verb ittaqā, „sich hüten vor“ (s. noch 73:17: fa-kaifa tattaqūna ʾin kafartum yauman yaǧʿalu l-wildāna šībā, in Gruppe IIIb noch 53:32: huwa ʾaʿlamu bi-mani ttaqā) und das zugehörige Substantiv taqwā (96:12: ʾau ʾamara bi-t-taqwā, 91:8: fa-ʾalhamahā fuǧūrahā wa-taqwāhā, 73:56: wa-mā yaḏkurūna ʾillā ʾan yašāʾa llāhu huwa ʾahlu t-taqwā wa-ʾahlu l-maġfirah) fungieren im Koran, wie Scott C. Alexander unterstrichen hat, als Analoga zum biblischen Konzept der Gottesfurcht (yirʾat YHWH, phobos theou, vgl. etwa Psalm 19:10, Sprüche 7:1 oder Jesaiah 11:2.3; s. Alexander, „Fear“, EQ ). Andrae 1932, 68–76 , weist auf die zentrale Rolle der Gottesfurcht in der spätantiken christlichen Mönchsfrömmigkeit hin und betont deren Bedeutung für die frühmekkanischen Suren insgesamt. Vereinzelt könnten ittaqā und taqwā bereits in der altarabischen Dichtung in einem religiösen Sinne verwendet worden sein, doch überwiegt vorkoranisch ganz deutlich ein profaner Gebrauch von ittaqā + Akk. + bi- = „Schutz suchen vor ... bei ...“ (vgl. Izutsu 1964, 235 ). Obwohl ittaqā in 92:5 und 73:17 absolut verwendet wird, dürfte es sich dabei wohl um eine Abbreviatur für einen akkusativischen Gebrauch wie in 73:17 handeln, wo als Gegenstand der Furcht der Jüngste Tag steht (fa-kaifa tattaqūna ʾin kafartum yauman yaǧʿalu l-wildāna šībā). Zu dem an drei Stellen als negatives Pendant der Gottesfurcht gebrauchten Verb istaġnā s. die Anmerkung zu V. 8

Lit.: Andrae, Tor: Mohammed. Sein Leben und sein Glaube. Göttingen 1932. Darin: 

Unter den ersten "Werken der Frömmigkeit" ihrer Gottesfurcht steht im Leben der Mönche "das Almosengeben" (71). Andrae verweist besonders auf Ephrem der Syrer, 306-373 (Afrem):“ 

S. 71 

Andrae vermutet, um diese auffälligen Ähnlichkeiten erklären zu können, dass Mohammed christliche Missionspredigten gehört habe (74).

Eine Alternative wäre, dass Texte aus dem Umfeld der syrischen Kirche und Frömmigkeit selbst Bestandteile des Korans geworden sind, eine im Detail zu prüfende Hypothese. Immerhin beschränkt diese Spur den Kreis der zu prüfenden Literatur - s. Mail vom 12.01.2022 zu Gen 32,20  Q 92,2 -, zunächst jedenfalls, auf Ephrem/Ephräm den Syrer.

 

 

 

 

Gen 32,25 und Q 92,6 

Köln-Merkenich, am
Dienstag, den 8. Februar 2022

 

Jaakob muss kämpfen:

‎  וַיִּוָּתֵ֥ר יַעֲקֹ֖ב לְבַדּ֑וֹ וַיֵּאָבֵ֥ק אִישׁ֙ עִמּ֔וֹ עַ֖ד עֲל֥וֹת הַשָּֽׁחַר׃  (Gen. 32:25 WTT)

VOKABELN:

VERBEN

יתר  - übriglassen; HIER nifal: übrig bleiben, zurück bleiben;

אבק - nifal - der Reflexiv- bzw. Passivstamm - ringen; als Verb taucht es im gesamten AT nur hier und Gen 32,26 auf!

NOMEN

שַׁחַר - Dämmerung.

 

mE

Und Jaakob blieb allein übrig. Und ein Mann rang mit ihm bis zum Aufgang der Dämmerung.

 

Buber/Rosenzweig

Jaakob blieb allein zurück. -

Ein Mann rang mit ihm, bis das Morgengrauen aufzog.

 

van Dyke

.فَبَقِيَ يَعْقُوبُ وَحْدَهُ، وَصَارَعَهُ إِنْسَانٌ حَتَّى طُلُوعِ الْفَجْرِ (Gen. 32:24 AVD)

VOKABELN:

بقى , a - bleiben, übrigbleiben;

وحد , i - einzig, allein sein;

صرع , a - niederwerfen, niederschlagen; III. STAMM: ringen.

NOMEN

وحدة - Alleinsein;

طلوع - Aufsteigen;

فجر - Morgendämmerung.

PARTIKEL

‎  وَحْدَه  wachdahu - er allein.

 

BEOBACHTUNG

Luther 1545 und mit ihm ZUNZ LUT L17 EIN ELB SCH ZUR ZINK BiG übersetzen שַׁחַר,schachar, mit "Morgenröte". Siehe auch LSG und BFC "aurore".

Bubers/Rosenzweigs Übersetzung schließen sich die GN GNB BB und D83 "morgengry"an.

Das Morgen"grauen" hat im Übrigen mit "grauen" ("Furcht empfinden") etymologisch nichts zu tun. Dieses - laut Wahrig - kommt von althochdeutsch "gruen", "schaudern", zu idogermanisch *ghreu "scharf darüber reiben, zerreiben, zermalmen", s. grausam (Brockhaus Wahrig 3, 291);

"grau" hingegen kommt von althochdeutsch "grao", engl. gray, zu indogermanisch *gher - "schimmernd, strahlend, glänzend"; "verwandt mit Greis" (ebd. 290).

"Morgengrauen" klingt in diesem Vers dennoch genial!

Yehuasch übersetzt mit 
SBJ   פרימארגן 

- frimorgn! 


 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch,
den 9. Februar 2022

 

Q 92,6

وَصَدَّقَ بِٱلْحُسْنَىٰ

VOKABELN

VERBEN

صدق , u - aufrichtig sein; die Wahrheit sprechen; sich als richtig erweisen; HIER II. STAMM: für wahr halten, glauben (jemandem  ه), trauen.

حسن , u - schön sein; gut sein.

ADJEKTIVISCH

حسنى  chusna - gute Weise; gute(s) Ende.

NOMEN

حسن  chusn - Schönheit.

Zusammen mit Vers 5:

 

mE

Und was betrifft: Wer schenkt und fürchtet Gott

und in der schönsten Weise glaubt

 

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Wer fromm ist und gibt Spende,

Und glaubt an die Urstände,

 

ULLMANN (1840)

Der nun gehorcht und gottesfürchtig ist

und sich zu der Wahrheit des herrlichsten Glaubens bekennt,

ANMERKUNG zu "gehorcht": "Oder: der Almosen gibt."

 

HENNING (1901)

Was nun den betrifft, der gibt und (Allah) fürchtet

Und das Beste für wahr erklärt

ANMERKUNG zu "das Beste": 

"Was 'das Beste', (arab.: 'al-husna') in Vers 6 und 9 ist - die Wahrheit schlechthin, das Paradies, der richtige Glaube - ist für jede Auslegung offen."

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Wer nun (Almosen) gibt und gottesfürchtig ist.

Und fest glaubt an das Schöne.

 

PARET (1979, 2001)

Wenn nun einer (von dem, was er besitzt, anderen etwas ab)gibt und göttesfürchtig ist

und an das (Aller)beste (d. h. das Paradies?) glaubt,

 

KHOURY (1987, 1992), 

Wer nun gibt und gottesfürchtig ist

und das Allerbeste für wahr hält,

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Wer Spenden gibt, sich der Frömmigkeit befleißigt

und an die höchste Tugend (an das Bekenntnis zu Gott) glaubt,

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Was nun jemanden angeht, der gibt und gottesfürchtig ist

und das Beste für wahr hält,

 

KARIMI (2009)

Wer aber spendet und ist fromm

und glaubt an das Beste,

 

BOBZIN (2010, 2017)

Wer nun gibt und gottesfürchtig ist

und an 'das Schönste' glaubt,

ANMERKUNG S. 772: "'an das Schönste' bi-l-husna, eine Umschreibung für das Paradies.

 

NEUWIRTH (2011)

Wer gibt und gottesfürchtig ist

und die Heilsverheißung als wahr erkennt,

 

CORPUS CORANICUM (09.02.2022)

Wer gibt, gottesfürchtig ist

und an die gute Verheißung glaubt,

ANMERKUNG: "al-ḥusnā] Wörtlich: „das Beste“, „das Schönste“."

 

Köln-Merkenich, am 
Donnerstag, den 10. Februar 2022

 

BEOBACHTUNGEN

Wie im Alten und Neuen Testament zieht hier das Verb "glauben" die Präposition "in" nach sich - und nicht wie im Deutschen (und anders als im Englischen!) leider üblich "an", vgl. 

Gen 15,6  ‎  וְהֶאֱמִ֖ן בַּֽיהוָ֑ה   whä'ämin baJHWH; vgl. Dtr 1,32; 2 Kg 17,14;

Mk 1,15 πιστεύετε ἐν τῷ εὐαγγελίῳ - wörtlich: glaubt im Evangelium

Jh 3,16 ἵνα πᾶς ὁ πιστεύων ἐν αὐτῷ - MNT damit jeder Glaubende in ihm; vgl. Eph 1,1.

Als wenn der Glaube - oder Glaubenswechsel - das Hineingehen in einen anderen Raum ist oder wohl noch näher am sprachlichen Bild, das sich Hineinbegeben in ein anderes Gewand, vgl. Röm 13,14; Eph 4,24; Kol 3,14. Wobei ein Kleid nicht als etwas Äußerliches wahrgenommen wurde, sondern wie das "Bekleiden mit einem Amt" das eigene Verhalten und Benehmen verwandelt.

 

 

 

 

Gen 32,26 und Q 92,7 

Köln-Merkenich, Dienstag bis Donnerstag,
 15./16./17. Februar 2021

 

Das Ringen bleibt nicht folgenlos:

‎וַיַּ֗רְא כִּ֣י לֹ֤א יָכֹל֙ ל֔וֹ וַיִּגַּ֖ע בְּכַף־יְרֵכ֑וֹ וַתֵּ֙קַע֙ כַּף־יֶ֣רֶךְ יַעֲקֹ֔ב בְּהֵֽאָבְק֖וֹ עִמּֽוֹ׃ 

(Gen. 32:26 WTT)

VOKABELN

VERBEN

נגע - berühren, schlagen;

יקע - zerren, sich verrenken;

אבק - ringen.

NOMEN

יָרֵךְ - Oberschenkel.

 

mE

und er sah, dass er ihn nicht überwand und er schlug auf das Hüftgelenk und es verrenkte sich das Hüftgelenk Jaakobs im Ringen mit ihm.

 

Buber/Rosenzweig

Als er sah, daß er ihn nicht übermochte,

rührte er an seine Hüftpfanne,

und Jaakobs Hüftpfanne verrenkte sich, wie er mit ihm rang.

 

van Dyke

‎  وَلَمَّا رَأَى أَنَّهُ لاَ يَقْدِرُ عَلَيْهِ، ضَرَبَ حُقَّ فَخْذِهِ، فَانْخَلَعَ حُقُّ فَخْذِ يَعْقُوبَ فِي مُصَارَعَتِهِ مَعَهُ (Gen. 32:25 AVD)

VOKABELN

VERBEN

قدر , i - können;

علو  oder علا , u oder على  (LANE 2143) - hoch sein, übertreffen;

ضرب  , i - schlagen;

خلع - ablegen, abnehmen, V. STAMM: entzweigehen, ausgerenkt werden; HIER VII. STAMM: es bildet das Passiv (Lane 790);

صرع  - niederwerfen, schlagen; III. STAMM: ringen.

NOMEN

حقة chuqqa  pl. حقق chuqaq - Dose, Gelenkpfanne;

فخذ   pl. افخاذ - Oberschenkel;

مصارعة musarAah - Ringen, Ringkampf.

PARTIKEL

اما  - als, nachdem.

 

BEOBACHTUNGEN

1

Was der unbekannte Ringkämpfer macht, gliedert sich in den eingesehenen Übersetzungen hauptsächlich in zwei Gruppen:


Außer der Reihe u. a. Mendelssohn:

M B/M griff er an den Ballen seiner Hüfte

ZUNZ stieß er

BB packte er Jakob am Hüftgelenk.

Für die Übersetzung "berühren" spricht, dass bereits die älteste Übersetzung in Alexandria das Verb  נגע , ngaa, so verstand. Wie mit reiner Berührung ein Hüftgelenk ausrenken kann, bleibt dann ein Rätsel. Das wollen Mendelssohn und die Basisbibel lösen.

Nach den Regeln des antiken Ringkampfes sind Schläge verboten, das gehört ins Boxen (https://antikersport.uni-mannheim.de/Griechenland/spiel22.html). Das macht die Übersetzung mit "berühren" in Alexandria plausibel: Der bis hierhin unbekannte Ringer, der dem armen Jaakob so dermaßen zusetzt und später als Gott selbst angesehen wird, verletzt keine Regeln!

 

2

Manchmal ist auch bemerkenswert, was nicht dasteht. Wenn man bedenkt, welche hohe Bedeutung der Ringkampf in der Antike hatte - von der ersten ägyptischen Dynastie und dem Gilgamesch-Epos an über Pindar und Homer bis in die Kaiserzeit (DNP 1022) - so hat es m. E. etwas zu sagen, dass in der gesamten Bibel Alten wie Neuen Testaments nur in diesen beiden Versen, Gen 32,25 und 26 von einem Ringkampf die Rede ist.

 

 

 

 

*

 

 

Q 92,7 

فَسَنُيَسِّرُهُۥ لِلْيُسْرَىٰ

VOKABELN

VERB

يسر , jaiser - leicht sein, hier II. STAMM FUTUR: Kausativ.

NOMEN

يسر , jusr - Leichtigkeit, Wohlstand, Reichtum.

 

mE

und wir werden es ihm leicht machen, zur Leichtigkeit

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) 92,5-7

Wer fromm ist und gibt Spende,

Und glaubt an die Urstände,

Den machen wir zum Heil behende.

 

ULLMANN (1840)

dem wollen wir den Weg zur Glückseligkeit leicht machen.

 

HENNING (1901)

Dem machen wir den Weg zum Heil leicht.

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Dem erleichtern wir zum Heil.

 

PARET (1979, 2001)

werden wir es ihm leicht machen, des Heils teilhaftig zu werden.

 

KHOURY (1987, 1992)

dem werden wir das Gute leicht machen.

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

dem werden Wir den Weg zum Heil leicht machen.

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

so werden Wir ihm den Weg zum Leichteren leicht machen.

 

KARIMI (2009)

dem erleichtern Wir das Heil.

 

BOBZIN (2010, 2017)

dem werden wir ein leichtes Los bereiten.

 

NEUWIRTH (2011)

dem  machen wir es leicht zum Leichten.

 

CORPUS CORANICUM (17.02.2022)

dem werden wir es leicht machen, zum Leichten zu gelangen.

 

BEOBACHTUNG

"Leichtigkeit"

Dante durchschreitet in seiner "Göttlicher Komödie" zuerst die Tiefen der Hölle, dort geleitet von Vergil.  Dann erklimmt er den Läuterungsberg und durchquert danach die Himmelsphären. Wie soll das möglich sein? Nach Dante machen einem die sieben Todsünden das Leben schwer und ziehen einen nach unten. Indem er eine Todsünde nach der anderen am Läuterungsberg erkennt und ihm abgenommen wird, wird er zusehends leichter und je höher er kommt, umso einfacher fällt es ihm. An der Spitze angelangt, ist es ihm ein Leichtes die Himmelsphären zu erkunden, hier an der Hand seiner Beatrice, so leicht ist er geworden.

Für Dante friert (!) Mohammed in der Tiefsten aller Höllen zusammen mit Judas und Brutus, in seinen Augen die Verräter schlechthin. Hat er hier dennoch vom Koran etwas übernommen? Im Alten und Neuen Testament ist der Ausdruck für Würde, Ehre und Herrlichkeit mit "Gewicht", "gewichtig sein", verbunden, כָּבֵד/ כָּבוֹד"kabod/kabad". In Q 92 wird dies umgewertet.

 

 

 

 

Gen 32,27 und Q 92,8 

Köln-Merkenich, am Freitag,
den 18. Februar 2022

 

Wem graut beim Morgengraun:

‎  וַיֹּ֣אמֶר שַׁלְּחֵ֔נִי כִּ֥י עָלָ֖ה הַשָּׁ֑חַר וַ֙יֹּאמֶר֙ לֹ֣א אֲשַֽׁלֵּחֲךָ֔ כִּ֖י אִם־בֵּרַכְתָּֽנִי׃ 

 (Gen. 32:27 WTT)

VOKABELN:

VERB

שׁלח  - qal strecken, senden; HIER piel aussenden, loslassen, freigeben.

NOMEN

שַׁחַר - Morgenröte.

 

mE

und er sprach: Lass mich los, denn die Morgenröte steigt auf. Und er antwortete: Ich lasse dich nicht los, außer wenn du mich segnest.

 

Buber/Rosenzweig

Dann sprach er:

Entlasse mich,

denn das Morgengrauen ist aufgezogen.

Er aber sprach:

Ich entlasse dich nicht,

du habest mich denn gesegnet.

 

van Dyke

.»  وَقَالَ: «أَطْلِقْنِي، لأَنَّهُ قَدْ طَلَعَ الْفَجْرُ» . فَقَالَ: «لاَ أُطْلِقُكَ إِنْ لَمْ تُبَارِكْنِي (Gen. 32:26 AVD)

VOKABELN

VERBEN

طلق - II. und IV. Stamm: freilassen;

طلع , a - emporsteigen.

NOMEN

فجر - Morgendämmerung, vgl. V. 32,25!

PARTIKEL

لَمْ - nicht (vor Apokopat bzw. Jussiv).

 

BEOBACHTUNGEN

"Segnen" heißt auf Jiddisch 
 בענטשן 

benetzn, so Jehuasch, SBJ, an dieser Stelle! 

 

 

*

 

 

 

Köln-Merkenich, am Montag, 
den 21 Februar 2022

 

Q 92,8

وَأَمَّا مَنۢ بَخِلَ وَٱسۡتَغۡنَىٰ

VOKABELN

VERBEN

بخل   , a oder u - geizen ( + ب ), geizig sein;

غنى  , a  - reich sein, entbehren können (etwas عن) , X. STAMM. entbehren können ( etwas عن ), nicht brauchen (عن ), verzichten (auf A عن ).

 

mE

Und was betrifft: Wer geizig und unbedürftig ist

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) Verse 5-8

Wer fromm ist und gibt Spende,

Und glaubt an die Urstände,

Den machen wir zum Heil behende.

Wer geizt und gehrt ohn' Ende,

 

ULLMANN (1840)

Der aber geizig ist und nur nach Reichtum strebt

 

HENNING (1901)

Was aber den anbetrifft, der geizig ist und auf niemand angewiesen zu sein glaubt

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Wer aber geizig ist und habgierig.

 

PARET (1979, 2001)

Wenn aber einer geizig ist und selbstherrlich auftritt

 

KHOURY (1987, 1992)

Wer aber geizig ist und sich verhält. als wäre er auf niemanden angewiesen,

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Wer aber geizt, (Gottes Pflichtgaben nicht leistet) sich so gebärdet, als wäre er auf Gott nicht angewiesen,

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Was aber jemanden angeht, der geizt und sich für unbedürftig hält

 

KARIMI (2009)

Wer aber geizig und sich selbst genüge

 

BOBZIN (2010, 2017)

Doch wer da geizig und reich sich dünkt

 

NEUWIRTH (2011)

Wer aber geizt und stolz abweisend ist

 

CORPUS CORANICUM (21.02.2022)

Wer aber geizt, an sich selbst genug hat

 

BEOBACHTUNG

Mich überrascht mit welcher Bandbreite das Verb ٱسۡتَغۡنَىٰ , astaRna, ausgedeutet wird. Von der Ausgangsbedeutung "reich sein" bedeutet es m. E. hier im X. Stamm über solch einen Reichtum zu verfügen, dass man der Ansicht ist, alles zu haben, nichts mehr zu brauchen. Der Unterschied zum prinzipiell alle Grenzen überschreitenden, grenzenlosen Kapitalismus ist auffällig, wo Reichtum den Bedarf nach noch größeren Reichtum weckt. Diese "moderne" Haltung wird hier von Rückert eingeläutet. M. E. ist in diesem Vers eher eine "selbstgefällige" Haltung gemeint. 

Im Übrigen passt die Kunstrichtung, die sich darin gefällt Tabus zu überschreiten, perfekt in die kapitalistische alle Grenzen verneinende Grundauffassung, die mit Karl V. in seinem Motto "Plus Ultra" weltpolitisch bedeutsam wurde (vgl. das spanische Wappen), eben als Gegensatz zum "Non plus ultra", für die die "Säulen des Herakles" - die Meerenge zwischen Gibralter und dem Dschebbel Moussa - stehen. Dante hat dies bereits in seiner Göttlichen Komödie vorweg genommen, indem er vom Lebensende Odysseus' berichtet (Inferno, 26. Gesang): Odysseus hält es in seiner Heimat Ithaka nicht lange aus, sondern bricht mit einer Mannschaft erneut auf, segelt über die Säulen des Herakles hinaus an der Küste  Afrikas entlang und kentert in einem von Gott geschickten Sturm vorm Läuterungsberg. 

In den vorliegenden Übersetzungen erkenne ich drei Gruppen:

Gen 32,28 und Q 92,9 

 


Namensmacht:

‎וַיֹּ֥אמֶר אֵלָ֖יו מַה־שְּׁמֶ֑ךָ וַיֹּ֖אמֶר יַעֲקֹֽב׃ (Gen. 32:28 WTT)

 

mE

Und er sprach zu ihm: Was ist dein Name?

Und er antwortete: Jaakob.

 

Buber/Rosenzweig

Da sprach er zu ihm:

Was ist dein Name?

Und er sprach:

Jaakob

 

van Dyke

.‎ « فَقَالَ لَهُ: «مَا اسْمُكَ؟» فَقَالَ: «يَعْقُوبُ  (Gen. 32:27 AVD)

Q 92,9

وَكَذَّبَ بِٱلْحُسْنَىٰ

VERBEN

كذب , i - lügen; HIER II. STAMM: der Lüge beschuldigen, leugnen;

حسن , u - schön sein; gut sein. 

ADJEKTIVISCH

حسنى  chusna - gute Weise; gute(s) Ende.

STEINGASS S. 278:

"al -husna, what ist good, handsome, best; ... virtue; Islâm; Paradise":

Dictionarie and Glos of Quran by PENRICE S. 35:


LANE S. 571:

"  الأَحْسَنُ denotes the comparative and superlative degrees [of حُسْنٌ]; ... [The fem.] الحُسْنَى↓ is applied to accidents only: not to substances. (Er-Rághib, TA.) It means also, [as an epithet in which the quality of a subst. predominates, That which is better, and that which is best. And hence,] The good final or ultimate state or condition [appointed for the faithful]: (Ḳ:) so, it is said, in the Ḳur xli. 50. (TA.) And The view, or vision, of God; (Ḳ;) accord. to some: but it is said that in the Ḳur x. 27, it means Paradise; and زِيَادَةٌ, which there follows it, means the view, or vision, of the face of God. (TA.) And Victory: and martyrdom: (Th, Ḳ:) whence, [in the Ḳur ix. 52,] إِحْدَى الحُسْنَيَيْنِ [one of the two best things]; (Ḳ;) victory or martyrdom. (Ksh, Bḍ, Jel.) 

NOMEN

حسن  chusn - Schönheit.

 

mE

und leugnet gegenüber dem Schönsten

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) ab Vers 5

Wer fromm ist und gibt Spende,

Und glaubt an die Urstände,

Den machen wir zum Heil behende.

Wer geizt und gehrt ohn' Ende,

Und leugnet die Urstände,

 

ULLMANN (1840)

und die Wahrheit des herrlichsten Glaubens leugnet,

 

HENNING (1901) /  

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Und das Beste für Lüge erklärt,

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Und das Schöne leugnet.

 

PARET (1979, 2001)

und das (Aller)beste für Lüge erklärt,

 

KHOURY (1987, 1992)

und das Allerbeste für Lüge erklärt,

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

und die höchste Tugend für eine Lüge hält,

 

KARIMI (2009)

und leugnet das Beste,

 

BOBZIN (2010, 2017)

und das Schönste leugnet,

 

NEUWIRTH (2011)

und die Heilsverheißung leugnet,

 

CORPUS CORANICUM (25.02.2021)

und die gute Verheißung leugnet

KOMMENTAR

Corpus Coranicum:

"al-ḥusnā] Wörtlich: „das Beste“, „das Schönste“."

BEOBACHTUNG

Dass das Gute schön, das Schönste gut ist, entspricht vollauf der klassischen griechischen Tradition.

καλος, kalos, bedeutet "schön, hübsch, lieblich, edel, recht, geeignet, tauglich ..."; das Substantiv: "das Schöne, das Gute, Ehrenhafte, Tugend, Würde, Anstand, Ehre, ... Freude". MENGE

 

 

 

 

Gen 32,29 und Q 92,10 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, Donnerstag,
den 2. und 3. /Montag, den 7. März 2022

 

Jaakob siegt:

‎  וַיֹּ֗אמֶר לֹ֤א יַעֲקֹב֙ יֵאָמֵ֥ר עוֹד֙ שִׁמְךָ֔ כִּ֖י אִם־יִשְׂרָאֵ֑ל כִּֽי־שָׂרִ֧יתָ עִם־אֱלֹהִ֛ים וְעִם־אֲנָשִׁ֖ים וַתּוּכָֽל׃ 

 (Gen. 32:29 WTT)

VOKABELN

VERBEN

שׂרה - kämpfen;

יכל - können, obsiegen.

PARTIKEL

עוֹד - wiederum, abermal, weiter, ferner;

‎כִּ֖י אִם - vielmehr.

 

mE

Und er sprach: Nicht Jaakob wird weiterhin dein Name genannt werden, vielmehr Jisrael, denn du  hast gekämpft mit Göttern und mit Menschen und du hast gesiegt.

 

Buber/Rosenzweig

Da sprach er:

Nicht Jaakob werde fürder dein Name gesprochen,

sondern Jissrael, Fechter Gottes,

denn du fichtst mit Gottheit und mit Menschheit

und übermagst.

 

van Dyke

. «‎ فَقَالَ: «لاَ يُدْعَى اسْمُكَ فِي مَا بَعْدُ يَعْقُوبَ بَلْ إِسْرَائِيلَ، لأَنَّكَ جَاهَدْتَ مَعَ اللهِ وَالنَّاسِ وَقَدَرْتَ (Gen. 32:28 AVD)

VOKABELN

VERBEN

دعو  oder  دعا , u / rufen;

جهد  - sich anstrengen; HIER III. STAMM: sich anstrengen, kämpfen;

قدر  - können, vermögen.

PARTIKEL

بل  - sondern;

بعد  - noch, später.

فيما oder  في ما - "while" WEHR 860, STEINGASS 811.

 

BEOBACHTUNGEN

1 Gott/Götter

Der Plural אֱלֹהִ֛ים, älohim, steht sonst gleichbedeutend mit dem Singular, vgl. Gen 1,1ff. Das ThWAT bemerkt dazu: "Warum die Pluralform für 'Gott' gebraucht wird, ist noch nicht befriedigend erklärt worden. Vielleicht hat der Plur. auch oder sogar ursprünglich nicht eine Mehrheit, sondern eine Steigerung bezeichnet; dann wäre אלהים soviel wie der 'große', 'höchste' und schließlich der 'einzige 'Gott, d. h. Gott überhaupt". ThWAT1,292.

Hier steht das Wort parallel zum Plural von "Mensch". Das ThWAT nennt darum an anderer Stelle als "übliche Übersetzung": "denn du hast mit Gott (Göttern) und Menschen gestritten und hast sie besiegt!" ThWAT 3,632.

In der Parallelüberlieferung Hos 12,4b-5 ist erst von Gott - hier auch hebräisch der Plural - die Rede, mit dem Jaakob gekämpft hat, und dann von einem Engel, den er besiegt hat.

 

2 gesiegt/beigekommen

Dass ein Mensch, Jaakob, Götter/Gott besiegt ist so anstößig, dass schon die frühesten Übersetzungen dies so nicht stehen lassen können:

Die jüdische Gemeinschaft in Alexandria übersetzt

LXX ὅτι ἐνίσχυσας μετὰ θεοῦ καὶ μετὰ ἀνθρώπων δυνατός (Gen. 32:29 BGT)

LXXD weil du stark wurdest mit Gott und mit den Menschen mächtig.

Hieronymus übersetzt:

VUL quoniam si contra Deum fortis fuisti quanto magis contra homines praevalebis (Gen. 32:28 VUL)

VULD denn wenn du gegen Gott stark gewesen bist, um wieviel mehr wirst du gegen die Menschen die Oberhand gewinnen!

Die christlich geprägten Übersetzungen haben damit weniger Schwierigkeiten. Hier die Übersicht:

KJV NAS ESV prevailed

LSG vainquer

BFC plus fort

LUT L17 EIN SCH hast gewonnen

ELB hast überwältigt

ZUR GN GNB hast gesiegt D83 D92 har sejret

ZINK BiG bist Sieger gelieben

NL hebt overwonnen

Die jüdischen Übersetzungen heben sich leicht davon ab, sie formulieren vorsichtiger. Mendelssohn übersetzt:

M B/M Denn du hast um den Vorzug gestritten, mit göttlichen Wesen, und mit Menschen, und bist ihnen beigekommen.

ZUNZ denn um den Vorrang gekämpft hast du mit göttlichen Wesen und mit Menschen und hast obgesiegt.

Jehuasch SBJ übersetzt wie Mendelssohn mit בייגעקומן , beigekumen.

Buber/Rosenzweig B/R übermagst

Dass ein Mensch mit Gott/Göttern kämpft und siegt ist außergewöhnlich. Es widerspricht so vollständig der Vorstellung des allen überlegenen Gottes, vgl. Rudolf Otto. Wikipedia erwähnt als Parallele:

"Ein Mensch bezwingt oder überlistet eine Gottheit und erlangt so geheimes Wissen oder eine andere Gabe. Beispiele: Menelaos hält Proteus fest, Midas hält Silenos gefangen."

https://de.wikipedia.org/wiki/Jakobs_Kampf_am_Jabbok 

Die Wissenschaft erklärt die in diesem Vers vorliegende Erläuterung des Namens "Israel" durch eine Ableitung des Verbes שׂרה, srh, kämpfen als eine "Volkssetymologie", vgl. https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/israel-at/ch/eaa2726585688c3e7f77766a91b46f5b/ 

Das entscheidende Argument für diese Einschätzung: Wenn ein Gottesname in einem Personennamen vorkommt, ist die Gottheit immer Subjekt, niemals Objekt. Die Bedeutung wäre dann "Gott/El kämpft / herrscht". So taucht der Name "Israel" auch in einem ugaritischen Text auf, KTU 4.623 (ThWAT 3,988). 

Bei aller Liebe und Respekt gegenüber dieser Erläuterung - sehr ausführlich dazu s. ThWAT 3,988f -, auch solch eine Volksetymologie will glaubwürdig, zumindest für die ersten Hörenden und Lesenden nachvollziehbar, plausibel sein. Es muss also etwas vorhanden gewesen sein, an das die Autoren dieses Textes auch bei dieser äußerst ungewöhnlichen Erklärung des Namens Israel anknüpfen konnten. 

Für mich handelt es sich in dieser Erzählung tatsächlich um ein Gotteskampf: Ein Kampf um  Gottesvorstellungen. Israel als das Volk des einen Gottes, als ein Volk ohne Totenkult und Herrschaftskult, und als Volk z. T. mit Sozialformen wie sonst im Alten Orient nicht üblich (vgl. Frank Crüsemann, Die Tora, 2005; ders., Maßstab: Tora, 2004), hat diesen Kampf ständig und geht wohl ständig weiter. Gottesvorstellungen haben prägende Kraft für das eigene Handeln und die eigenen Entscheidungen. In der Erzählung selbst steht immer noch an: Wie begegnet Jaakob/Jisrael seinem Bruder Esau?

 

 

 

 

*

 

 

Q 92,10

فَسَنُيَسِّرُهُۥ لِلْعُسْرَىٰ

VOKABELN

VERB

يسر , a - leicht sein; HIER II. STAMM: leicht machen; oder: milde sein, nachsichtig sein.

NOMEN

عسر usr oder عسرة - Schwierigkeit, Bedrängnis, Not.

 

mE

und wir werden es ihm leicht machen, zur Bedrängnis

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) ab Vers 5

Wer fromm ist und gibt Spende,

Und glaubt an die Urstände,

Den machen wir zum Heil behende.

Wer geizt und gehrt ohn' Ende,

Und leugnet die Urstände,

Den machen wir zum üblen Heil behende.

 

 

ULLMANN (1840)

dem erleichtern wir den Weg zum Elend,

 

HENNING (1901)

dem machen Wir den Weg zum Unheil leicht.

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Dem erleichtern wir zum Elend.

 

PARET (1979, 2001)

werden wir ihn dem Unheil zur leichten Beute werden lassen.

 

KHOURY (1987, 1992)

dem werden Wir die Drangsal leicht machen,

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

dem machen Wir den beschwerlichen Weg zum ewigen Leiden leicht.

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

so werden Wir ihm den Weg zum Schwereren leicht machen;

 

KARIMI (2009)

dem erleichtern wir das Unheil.

 

BOBZIN (2010, 2017)

dem werden wir ein schweres Los bereiten.

 

NEUWIRTH (2011)

dem machen wir es leicht zum Schweren.

 

CORPUS CORANICUM/Nicolai Sinai (01.02.2022)

dem werden wir es leicht machen, zum Schweren zu gelangen;

 

KOMMENTAR

Nach Neuwirth, Frümekkanische Suren, 230, begegnet die Gegenüberstellung von "leicht" und "schwer" wie in diesem Vers bereits "in der altarabischen Dichtung (vgl. auch frühislamisch Abu Sakhr al-Khudhali bei Dmitriev 2008:208f; Nr. VIII.28)."

 

BEOBACHTUNG:

Vom "üblen Heil" zu sprechen, wie Rückert, ist schon allerhand. Es ist so verstörend und vergiftend wie das "Heilige" mit "Krieg" in Verbindung zu  bringen, eine Fügung, an die wir uns weitestgehend gewöhnt haben. Als Gegengift empfehle ich: Carsten Colpe: Der "Heilige Krieg". Benennung und Wirklichkeit. Begründung und Widerstreit. Hain; Hanstein, 1994.

 

 

 

 

Gen 32,30 und Q 92,11 

 


Köln-Merkenich, am Donnerstag,
den 10. März 2022

 

 

Die Namensfrage wird befragt:

‎וַיִּשְׁאַ֣ל יַעֲקֹ֗ב וַ֙יֹּאמֶר֙ הַגִּֽידָה־נָּ֣א שְׁמֶ֔ךָ וַיֹּ֕אמֶר לָ֥מָּה זֶּ֖ה תִּשְׁאַ֣ל לִשְׁמִ֑י וַיְבָ֥רֶךְ אֹת֖וֹ שָֽׁם׃   (Gen. 32:30 WTT)

VOKABELN

VERB

נגד  - vermelden, kundtun, ansagen. Gebräuchlich fast nur im hifil; hier + Aufforderungspartikel.

 

mE

Und Jaakob [!] fragte und sprach: Gib doch deinen Namen an!

Und er sprach: Warum fragst du nach meinem Namen?

Und er segnete ihn dort.

 

Buber/Rosenzweig

Da fragte Jaakob, er sprach:

Vermelde doch deinen Namen!

Er aber sprach:

Warum denn fragst du nach meinem Namen!

Und er segnete ihn dort.

 

van Dyke

‎  وَسَأَلَ يَعْقُوبُ وَقَالَ: «أَخْبِرْنِي بِاسْمِكَ» . فَقَالَ: «لِمَاذَا تَسْأَلُ عَنِ اسْمِي؟» وَبَارَكَهُ هُنَاكَ (Gen. 32:29 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN

1 Bitte

Manche Übersetzungen hören aus der Frage Jaakobs - mit dem neuen Namen ist offenbar noch nicht weit her - eine Bitte heraus. Sehr deutlich die KJV:

KJV  Tell me, I pray thee, thy name. 

Genauso übersetzt Jehuasch:

SBJ 

Dem schließen sich GN GNB BB NAS ESV LSG BiG SCH und ZUR an. 

Sehr höflich klingt die Biber in gerechter Sprache:

BiG Da bat Jakob seinerseits und sagte

Die ältesten Übersetzungen haben hier keine Bitte herausgehört: LXX VUL, auch die jüdischen Übersetzungen von Mendelssohn, Zunz und Buber/Rosenzweig nicht.

 

2 Frage

Die Meisten übersetzen das hebräische לָ֥מָּה, lamah, schlicht mit "warum". Davon weichen ab:

KJV Wherefore is it that thou dost ask after my name?

BB Wozu

EIN ZUR Was

 

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am 
Freitag, den 11. März 2022

 

Q 92,11

وَمَا يُغْنِى عَنْهُ مَالُهُۥٓ إِذَا تَرَدَّىٰٓ

VOKABELN

VERBEN

غنى  , a  - reich sein, entbehren können (etwas عن);

ردى , a - zugrundegehen; II. und IV. STAMM: zu Fall bringen; V. STAMM: fallen.

 

mE

(A) Und was ist Reichsein von ihm für ihn, wenn er gefallen ist?

(B) Und nichts ist Reichsein von ihm für ihn, wenn er gefallen ist.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) - ab Vers 5

Wer fromm ist und gibt Spende,

Und glaubt an die Urstände,

Den machen wir zum Heil behende.

Wer geizt und gehrt ohn' Ende,

Und leugnet die Urstände,

Den machen wir zum üblen Heil behende.

Nichts hilft sein Gut, wann er zum Abgrund rennte.

 

ULLMANN (1840)

und dann, wenn er kopfüber in die Hölle stürzt, dann wird ihm sein Reichtum nichts helfen können.

 

HENNING (1901)

Und sein Reichtum nützt ihm nichts, wenn er hinabgestürzt wird.

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Und was nützt ihm sein Vermögen, wenn er gestürzt wird.

 

PARET (1979, 2001)

Und sein Vermِögen hilft ihm nichts (mehr), wenn er (erst einmal) zu Fall gekommen ist.

 

KHOURY (1987, 1992)

und sein Vermögen wird ihm nichts nützen, wenn er zugrunde geht.

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Wenn er in die Hölle abgeführt wird, wird ihm sein Hab und Gut nicht gegen die qualvolle Strafe helfen

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

und was soll sein Besitz ihm nützen, wenn er sich ins Verderben stürzt?

 

KARIMI (2009)

Sein Vermögen ist nichts, wenn er geht zugrunde.

 

BOBZIN (2010, 2017)

Sein Reichtum hilft ihm nicht, wenn er zugrunde geht.

 

NEUWIRTH (2011)

Nichts nützt ihm mehr sein Gut, wenn er zugrunde geht.

 

CORPUS CORANICUM/Nicolai Sinai/Nora K. Schmid  (05.02.2022)

sein Besitz hilft ihm nicht, wenn er zugrunde geht.

 

KOMMENTAR

Goldschmidt, Bubenheim et moi (A) sehen hier eine Frage, hervorgerufen durch die Fragepartikel  ما , ma.

Corpus Coranicum klärt auf: 

" kann sowohl Fragepronomen („Was hilft ihm sein Besitz?“) wie auch Verneinungspartikel („Sein Besitz hilft ihm nicht“) sein ( Bergsträßer 1914, 29 ); wahrscheinlicher ist hier letzteres. S. die Anmerkung zu 111:2 mit zwei biblischen Intertexten."

Dort wird u. a. auf Ps 39,7 und 1 Tim 6,17-19 verwiesen:

"Die letztendliche Nutzlosigkeit irdischer Reichtümer ist bereits ein biblischer Topos, vgl. Psalm 39:7 („er sammelt Reichtümer und weiß nicht, wer sie ernten wird“) sowie im Neuen Testament den 1. Brief an Timotheus 6:17–19 („Ermahne die, die in dieser Welt reich sind, nicht überheblich zu werden und ihre Hoffnung nicht auf den unsicheren Reichtum zu 

setzen, sondern auf Gott, der uns alles gibt, was wir brauchen“) und Lukas 18:18–30 = Markus 10:17–31."

Das überzeugt mich - s. (B)

Dort wird weiter zur Grammatik erläutert:

"Grammatik: Wie auch in 69:28 und 92:11 kann hier sowohl als Fragepronomen („Was hat ihm sein Besitz geholfen?“) wie auch als Verneinungspartikel („Sein Besitz hat ihm nichts geholfen“) aufgefasst werden (vgl. Bergsträßer 1914, 29 ), doch ist mit Bergsträßer davon auszugehen, dass „die große Anzahl der Parallelen […] auch hier die Negation als wahrscheinlicher erscheinen“ lässt ( ebd., 31, Anm. 2 ). Mit PARET ist das Perfekt wohl resultativ zu verstehen und hat somit einen Gegenwartsbezug ( Kommentar, ad loc. ), zumal die ganz ähnliche, ebenfalls im Kontext jenseitiger Verdammnis stehende Aussage 92:11 (s. den vorangehenden Absatz) statt des Perfekts das Imperfekt enthält, ohne dass ein offenkundiger Bedeutungsunterschied spürbar wäre."

 

BEOBACHTUNG

Es ist interessant zu sehen, welche Phantasien die Rede vom Untergang freisetzt, s. Ullmann und Maher. Es offenbart eigene Untiefen.

 

 

 

 

Gen 32,31 und Q 92,12 

Köln-Merkenich, am Montag, 
Dienstag und Donnerstag
den 14., 15. und 17. März 2022

 

Jaakob sieht Gott.

‎ וַיִּקְרָ֧א יַעֲקֹ֛ב שֵׁ֥ם הַמָּק֖וֹם פְּנִיאֵ֑ל כִּֽי־רָאִ֤יתִי אֱלֹהִים֙ פָּנִ֣ים אֶל־פָּנִ֔ים וַתִּנָּצֵ֖ל נַפְשִֽׁי׃ (Gen. 32:31 WTT)

VOKABELN

נצל  - nifal: gerettet werden, herausgerissen werden; hifil: herausreißen, retten.

 

mE

Jaakob rief den Namen des Ortes Pniel, Angesicht Gottes, denn ich habe gesehen Gottes Angesicht von Angesicht und errettete mein Leben.

 

Buber/Rosenzweig

Jaakob rief den Namen des Ortes: Pniel, Gottesantlitz, denn:

Ich habe Gott gesehn,

Antlitz zu Antlitz,

und meine Seele ist errettet.

 

van Dyke

‎‎  . »  فَدَعَا يَعْقُوبُ اسْمَ الْمَكَانِ «فَنِيئِيلَ» قَائِلاً: «لأَنِّي نَظَرْتُ اللهَ وَجْهًا لِوَجْهٍ، وَنُجِّيَتْ نَفْسِي (Gen. 32:30 AVD)

VOKABELN

VERBEN

دعو  oder  دعا , u / rufen;

نجو oder  نجا , u - sich retten; II. (wie hier) und IV. Stamm: retten.

 

 

BEOBACHTUNGEN

1 Israel

Dass Jaakob umbenannt wurde spielt im Weiteren erst einmal keine Rolle.

 

2 Leben vs Seele

Das hebräische Wort  נֶפֶשׁ, näfäsch, wird sonst gern mit "Seele" übersetzt, klassisch in den Psalmen, vgl. Ps 23,3 "Er erquicket meine Seele" L17; Ps 103,1 "Lobe den Herrn, meine Seele", Luther im Psalter allein 76 mal und in seiner Übersetzung von 1545 auch hier, s.u.

Hier aber übersetzen selbst die revidierten Lutherbibeln mit "Leben" - und das ist auch näher an der Bedeutung des hebräischen Wortes. Es bedeutet auch "Rachen", Jes 5,14, "Nacken", Ps 105,18, aber vor allem "Atem". Ich übersetze immer mit "Leben".

Bei "Seele" klingt im abendländisch-griechisch geprägten Kulturraum etwas anderes mit. Mittelalterliche Altarbilder zeigen Sterbende, deren Seele als ein kleines Imago aus dem Mund fährt. Das Wort "Seele", griechisch ψυχή, psychä, wird bei Homer "nie für den lebenden Menschen gebraucht" (HWPh 9,1/34.740). "Es bezeichnet den Lebensodem, der durch den Mund oder die Wunde den Sterbenden verläßt." (ebd.) Beleg: BRUNO SNELL: Die Entdeckung des Geistes (6. Auflage, 1986) Kap. I.

An Snell anknüpfend legt HERMANN SCHMITZ, Der Leib, Berlin, Boston 2011, dar, dass "seit Demokrit und Platon" als "Seele" das am Menschen ausgelagert wird, "was in seinem Körper nicht unterkommt", was sich z. B. daran zeigt, dass es möglich ist, "sich vom Körper in diese Seele, diesen Geist als den eigentlichen Sitz des Menschseins zurückzuziehen; ... sich von seinem Körper zu distanzieren, gleichsam auf ihn herabzusehen und ihn als Werkzeug zu gebrauchen." (1) "Nach meiner Überzeugung ist die Seele nichts Vorfindbares, sondern ein ideologisches Konstrukt, von den Griechen ausgedacht, um das gesamte Erleben eines Menschen in einer privaten Innenwelt unterzubringen, damit er als Vernunft Herr im eigenen Hause über die unwillkürlichen Regungen, namentlich die leiblichen und die durch sie eingreifenden Gefühle, werden kann." (5) Demnach ein Bemächtigungsbegriff, um zunächst der eigenen teilautonomen Regungen und Empfindungen des Leibes und seiner Organe Herr zu werden, um dann in der Folge über andere Menschen und die Natur Herrschaft auszuüben.

In Kirche und Theologie hat der Begriff "Seele" dazu geführt, die Diesseitsbezogenheit des jüdischen Glaubens und damit auch Jesu und seiner Verkündigung fast vollständig in eine Jenseitsbezogenheit aufzulösen, die sich dem erfassenden Zugriff entzieht und damit zugleich das Refugium für Theologen sichert.

Buber/Rosenzweig übersetzen konsequent mit Seele. Hier auch die Septuaginta, LXXD, Hieronymus, VULD, ELB und ZUNZ und Jehuasch, SBJ.

Am radikalsten ist Mendelssohn, er übersetzt:

M B/M "meine Person ist errettet worden."

 

3 Gottes Angesicht

Es widerspricht völlig gängiger Theologie, dass Gott gesehen werden kann. Klassisch formuliert in Jh 1,18 "Niemand hat Gott je gesehen". Hier wird das Gegenteil vorausgesetzt.

Die hebräische Wendung ‎  פָּנִ֖ים אֶל־פָּנִֽים, panim äl-panim, "von Angesicht zu Angesicht", findet sich im Alten Testament nur fünfmal: Hier in Gen 32,31; Ex 33,11, Dtr. 34,10; Ri 6,22 und Ez 20,35. In allen fünf Stellen geht es um die unmittelbare Gottesbegegnung (vgl. 1 Kor 13,12). Sie wird erzählt von Jaakob/Israel, Mose (2. und 5. Mose; vgl. Sir 45,5) und Gideon. Dort wird Gott von Gideon "Der Herr ist Friede", Ri 6,24, genannt. Jh 14,7 schließt m. E. an diese Tradition an: "Wenn ihr mich erkannt habt, so werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Und von nun an kennt ihr ihn und habt ihn gesehen" L17 (vgl. 1 Jh 1,1-3). Es gehört schon eine gehörige Ignoranz dazu, diese in der Tat nicht zahlreich belegte aber doch bedeutende Tradition, die mit der Überlieferung der Israel-, Mose- und Gideon-Geschichten verbunden ist, zu verleugnen. Hier bildet sie in der elliptischen Erzählstruktur des Zwillingsstreits zwischen Esau und Jaakob den ersten Höhepunkt, vorbereitet in Gen 32,21f, wo das Wort "Angesicht" fünf mal vorkommt. In diesem Vers erklingt das Wort dreimal!

Ist diese geläufigen Gottesvorstellungen zuwider laufende andere Gottesvorstellung der Grund dafür, dass die Esau-Jaakob-Novelle im Vergleich zur Josef-Novelle nach meinem Eindruck weit weniger geliebt wird und kaum bekannt ist?

 

4 errettet

Dass Jaakob/Israel mit Gott ringt und siegt - das ist schon allerhand. Diese Begegnung mit Gott ist seine Rettung. Das wirkt sich im weiteren Verlauf aus. So verstehe ich diesen Vers und sehe mich bestätigt in der Übersetzung von Buber/Rosenzweig, KJV, LSG ELB ZUR NL D82, D92 BiG ZUNZ und SBJ.

So auch im ThWAT6,638: "Die Schlussfolgerung wattinnasel napsi (32,31) unterstreicht die Gegenwart Gottes als Ursache für die Rettung mehr als die Verwunderung darüber, die Begegnung überlebt zu haben."

Andere Übersetzungen stellen das Grauen wieder her, das sie mit der Gottesbegegnung verbinden (s. R. Otto, Das Heilige: tremendum et fasczinosum), und übersetzen:

NAS yet my life has been preserved

So auch ESV LUT L17 EIN ZINK GN GNB BB

Das führt soweit, dass nicht mehr von "retten" die Rede ist, besonders deutlich in der Basisbibel:

BB "und bin am Leben geblieben". 

Damit geht der Bezug zur Bitte Jaakobs um Rettung in Gen 32,12 verloren. Sie wird hier erhört - aber gewiss anders, als es sich Jaakob bzw. die Leserschaft bis dahin vorgestellt hatte.

Jehuasch übersetzt ins Jiddische mit dem hebräischen Wort נצל, nazal:

SBJ       

Luther selbst hat es 1545 noch anders gesehen - sozusagen noch vor-(Rudolf)-ottonisch:

L45 "vnd meine Seele ist genesen"

 

5 mit wem hat Jaakob gerungen?

Im Hebräischen ist in diesem Vers und im Vers 29 von Gott im Plural die Rede, s. dazu die Beobachtungen zu Gen 32,29. Alle Übersetzungen sprechen hier von Gott in der Einzahl. Das Anstößige daran, dass Jaakob/Israel mit Gott ringt und siegt hat Mendelssohn entschärft:

M  B/M "ich habe ein göttliches Wesen gesehen von Angesicht zu Angesicht". 

 

 

 

 

*

 

 

Q 92,12

إِنَّ عَلَيْنَا لَلْهُدَىٰ

VOKABELN

NOMEN

هدى - Anleitung, Weg.

PARTIKEL

ان  inna - siehe!

على  - auf, über, an.

 

mE

Siehe, unser ist der Weg

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) ab Vers 5 

Wer fromm ist und gibt Spende,

Und glaubt an die Urstände,

Den machen wir zum Heil behende.

Wer geizt und gehrt ohn' Ende,

Und leugnet die Urstände,

Den machen wir zum üblen Heil behende.

Nichts hilft sein Gut, wann er zum Abgrund rennte.

Die Leitung ist für unsre Hände,

 

ULLMANN (1840)

Die richtige Leitung der Menschen ist nur unsere Sache,

 

HENNING (1901)

Uns obliegt fürwahr die Rechtleitung.

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Wahrlich, uns ist die Rechtleitung.

 

PARET (1979, 2001)

Es ist unsere (und nicht deine) Aufgabe, (die Menschen) rechtzuleiten.

 

KHOURY (1987, 1992), MAHER/AL AZHAR (1999) und CORPUS CORANICUM SINAI/SCHMID (04.02.2022)

Uns obliegt die Rechtleitung.

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Uns obliegt wahrlich die Rechtleitung

 

KARIMI (2009)

Uns allein obliegt die Rechtleitung!

 

BOBZIN (2010, 2017)

Siehe, uns obliegt die Leitung.

 

NEUWIRTH (2011)

Uns ganz allein obliegt die Leitung,

 

BEOBACHTUNG

Mir half Goldschmidt auf die Sprünge. Er ist der erste, der diesen Vers nicht elliptisch (mit Auslassungen) versteht. Außer PARET und Bubenheim haben sich ihm die späteren angeschlossen!

 

 

 

 

Gen 32,32 Q 92,13 

Köln-Merkenich, am 
Freitag und Montag, den 18. und 21.  März 2022

 

Jaakob/Israel durchquert erneut - vgl. Gen 31,21:

‎  וַיִּֽזְרַֽח־ל֣וֹ הַשֶּׁ֔מֶשׁ כַּאֲשֶׁ֥ר עָבַ֖ר אֶת־פְּנוּאֵ֑ל וְה֥וּא צֹלֵ֖עַ עַל־יְרֵכֽוֹ׃

 (Gen. 32:32 WTT)

VOKABELN:

VERBEN

זרח - aufleuchten, aufscheinen, aufgehen;

צלע - hinken, verrenkt sein, lahmen.

NOMEN

יָרֵךְ - Oberschenkel, Hüftgelenk.

 

mE

Und ihm leuchtete die Sonne auf als er Pnuel durchquerte. Und er war lahmend am Hüftgelenk.

 

Buber/Rosenzweig

Die Sonne strahlte ihm auf, als er an Pniel vorüber war,

er aber hinkte an seiner Hüfte. -

 

van Dyke

‎ . وَأَشْرَقَتْ لَهُ الشَّمْسُ إِذْ عَبَرَ فَنُوئِيلَ وَهُوَ يَخْمَعُ عَلَى فَخْذِهِ  (Gen. 32:31 AVD)

VOKABELN

VERBEN

شرق , u - (Sonne) aufgehen, leuchten;

عبر , u - durchqueren (wie im Hebräischen!);

خمع  - scheint ausgesprochen selten zu sein: STEINGASS 341 "limp, halt"; LANE 812 "he limped, had a slight lameness": Wird von Hyänen oder Wölfen gesagt!, KAZIMIRSKI (frz.) 634.

NOMEN

فخذ   pl. افخاذ - Oberschenkel.

 

 

BEOBACHTUNGEN

1 Pnuel/Pniel

Im hebräischen Text wird der Ort in Vers 31 mit "‎  פְּנִיאֵ֑ל", pniel, angegeben, in Vers 32 mit "‎פְּנוּאֵ֑ל", pnuel.

Diesen Lautwandel geben einige Übersetzungen wieder (Gruppe A). Andere schreiben in beiden Fällen von Pniel (Gruppe C); eine dritte Gruppe in beiden Versen von Pnuel (Gruppe B).


Die Übersetzungen der Gruppen B und C vereindeutigen damit (vgl. Thomas Bauer, Die Vereindeutigung der Welt, Stuttgart 2018) und beseitigen die Irritation, dass der Ortsname in zwei verschiedenen Varianten erscheint. In beiden Fällen hätte der Ortsnamen eine andere Bedeutung. Pnuel würde bedeuten "vision of God" (ISBE Bible Dictionary), Pniel dagegen "face of God" (ebd.)

Die Septuaginta gehört mit zur Gruppe C, geht dabei aber einen eigenen Weg. In beiden Versen nennt sie den hebräischen Ortsnamen nicht, sondern nur die griechische Übersetzung "Εἶδος θεοῦ", Eidos theou, LXXD: "Und Jakob gab jenem Ort den Namen »Aussehen Gottes«". Das würde erklären, warum auch Jehuasch SBJ und Buber/Rosenzweig diesen Weg wählen, die Septuaginta ist die älteste Übersetzung einer jüdischen Gemeinschaft.

Eine Überraschung hält Luther bereit: Seine Übersetzung von 1545 hat noch beide Formen. Die Überarbeitungen der Neuzeit konnten das nicht stehenlassen. Witzigerweise glich die Überarbeitung von 1912 die Verse nach pniel an (Gruppe C), die Lutherbibeln von 1984 und 2017 jedoch nach pnuel und gehören somit zur Gruppe B.

 

2 durchqueren

Das zweifache Durchqueren Jaakobs/Israels eines Flusses bzw. Tals, vgl. Gen 31,21 den Euphrat und hier den Jabbok, erinnert an die Erzählung vom Auszug und Einzug Israels ins "gelobte Land": Erst muss es durchs Rote Meer, Ex 14,21-30, und dann durchzieht es den Jordan, Jos 3,1-4,24; vgl. Gen 32,11!

Das Wort  עבר, aabar, durchqueren, taucht in diesem Teil der Erzählung, von Jaakobs Flucht aus Haran an, Gen 32,11, bis zum Abschluss der Esau- und Jaakob-Novelle in Gen 33,20 zehnmal auf. Es scheint ein Leitbegriff zu sein. So hat es Delphine Horvilleur, eine französische Rabbinerin, aufgefasst, Delphine Horvilleur: "Überlegungen zur Frage des Antisemitismus", Berlin 2020, S. 22, s. o. bereits in Beobachtungen zu Gen 32,24! 

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am
Dienstag, den 22. März 2022

 

Q 92,13

وَإِنَّ لَنَا لَلْأَخِرَةَ وَٱلْأُولَىٰ

VOKABELN

NOMEN

اخره  , pl. -at - letzter, Ende, Anfang;

أول  f.  أولى  pl. أوائل - erster, Anfang.

PARTIKEL

ان inna - siehe!

لنا   - uns.

 

mE

Und siehe, unser ist das Ende und der Anfang.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)  ab Vers 5 

Wer fromm ist und gibt Spende,

Und glaubt an die Urstände,

Den machen wir zum Heil behende.

Wer geizt und gehrt ohn' Ende,

Und leugnet die Urstände,

Den machen wir zum üblen Heil behende.

Nichts hilft sein Gut, wann er zum Abgrund rennte.

Die Leitung ist für unsre Hände,

Unser der Anfang und das Ende.

 

 

ULLMANN (1840)

und das zukünftige und das gegenwärtige Leben hängt von uns ab.

 

HENNING (1901)

Und Unser ist das Künftige (im Jenseits) und das Gegenwärtige (im Diesseits).

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Und wahrlich, unser ist das Jenseits und das Diesseits.

 

PARET (1979, 2001); 

KHOURY (1987, 1992)

Und uns gehört das Jenseits und das Diesseits.

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

und Uns gehören das Diesseits und das Jenseits.

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Und Uns gehört wahrlich das Jenseits und das Diesseits.

 

KARIMI (2009)

und Uns gehören das Jenseits und das Diesseits.

 

BOBZIN (2010, 2017)

Bei uns ist das Jenseits und das Diesseits.

 

NEUWIRTH (2011)

und unser ist das Letzte und das Erste.

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (04.02.2022)

uns gehören Jenseits und Diesseits.

 

BEOBACHTUNGEN

Ende und Anfang/Das Letzte und Erste

Wie ist es zu verstehen, dass alle Übersetzer außer RÜCKERT und NEUWIRTH es an dieser Stelle tunlichst vermeiden irgendeinen biblischen Anklang aufkommen zu lassen?

"Ich bin der Erste und der Letzte" ist in der hebräischen Bibel ein Gottesprädikat:

Jes 44,6 "So spricht der HERR, der König Israels, und sein Erlöser, der HERR Zebaoth: Ich bin der Erste und ich bin der Letzte, und außer mir ist kein Gott." (L17) - vgl. Jes 48,12.

Die verfolgte christliche Gemeinde tröstet sich damit, dass Jesus "Anfang und Ende" ist, Off 21,6, er ist "der Erste und der Letzte", Off 2,8; vgl. Off 22,13, hier das sprichwörtlich "A und O", der erste und letzte Buchstabe des griechischen Alfabets: 

Off 22,13 "Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende." (L17)

Die Umkehrung begegnet in einer Mahnrede Jesu in den Evangelien:

Mt 19,30 "Aber viele, die die Ersten sind, werden die Letzten und die Letzten werden die Ersten sein." (L17), parr Mt 20,16; Mk 10,31; Lk 13,30

Und auch an dieser Stelle Q 92,5-13 geht es um die letzten Dinge.

KOMMENTAR

Zum gesamten Abschnitt 92,5-13 erläutert das Corpus Coranicum:

"Es folgen zwei Antithesen (V. 5–13 und V. 14–21), welche die Verhaltensweisen und Jenseitsschicksale von Seligen und Verdammten miteinander kontrastieren. Die erste besteht aus zwei relativischen Tugend- bzw. Lasterkatalogen (V. 5.6 und V. 8.9), denen jeweils eine Verheißung der dem Guten und dem Bösen zuteil werdenden eschatologischen Vergeltung (V. 7 und V. 10.11) folgt. Diese Ankündigungen stehen in der ersten Person Plural, sind also eindeutig als Gottesrede markiert – ein Mittel literarischer Autorisierung, welches hier neben das dem altarabischen Orakelwesen entnommene Autorisierungsmedium der Schwurserie tritt (vgl. auch den Kommentar zu Q 93 und 94). Paradies und Hölle werden dabei vorerst nicht explizit benannt, sondern durch ein – bereits in 94:5.6 begegnendes – Wortspiel mit den nur in einem einzigen Konsonanten unterschiedenen, dabei jedoch semantisch konträren Wurzeln y-s-r und ʿ-s-r enigmatisiert, wobei beide hier jeweils noch mit dem von der ersten Wurzel abgeleiteten Verbum yassara kombiniert werden (V. 7.10: fa-sa-nuyassiruhū li-l-yusrā / li-l-ʿusrā). Der auf die Verdammnis des Sünders anspielende Vers 10 gewinnt so eine paradoxe, rhetorische Spannung aufbauende Qualität. Die symmetrische Binnengliederung des Gesätzes in eine zweimalige Durchführung des Schemas ‚diesseitiges Verhalten – jenseitige Konsequenz’ unterstreicht ein durch Vokalvariation erzielter Kreuzreimeffekt: V. 5: a(K)Kā, V. 6.7: uKKā, V. 8: a(K)Kā, V. 9.10: uKKā ( Neuwirth, Studien, 35 ). Überdies sind die beiden Hälften der Antithese terminologisch miteinander koordiniert: V. 6 und 9 (wa-ṣaddaqa / kaḏḏaba bi-l-ḥusnā) sowie V. 7 und 10 (fa-sa-nuyassiruhū li-l-yusrā / li-l-ʿusrā) stehen in offensichtlicher Korrespondenz, aber auch V. 5 und 8 sind durch die Verwendung von Antonymen aufeinander bezogen: ʾaʿtā, „geben“ vs. baḫila, „geizen“, ittaqā, „gottesfürchtig sein“ vs. istaġnā, „an sich selbst genug haben“. Der Gebrauch von Antonymen ist auch sonst ein wichtiges Stilmerkmal der Sure, etwa im einleitenden Schwur (Tag vs. Nacht, männlich vs. weiblich) sowie in der die erste Antithese abschließenden theologischen Prädikation (V. 13: Diesseits vs. Jenseits).

V. 11 dürfte noch dem vorangehenden Abschnitt über den Bösen und nicht der theologischen Prädikation V. 12.13 zuzurechnen sein (anders Neuwirth, Studien, 229 und Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 228 ): Der Vers bezieht sich pronominal auf den Bösen zurück und ist lexikalisch mit V. 8 verknüpft (mā yuġnī ʿanhū, „ihm hilft nicht ...“, enthält dieselbe Wurzel ġ-n-y wie istaġnā aus V. 8); überdies markiert das ʾinna in V. 12 einen deutlichen Neueinsatz. V. 11 verursacht damit eine leichte Asymmetrie, insofern er anders als V. 8–10, die streng parallel zu V. 5–7 gebaut sind, im vorangehenden Abschnitt über den Guten keine Entsprechung hat. Die göttliche Selbstprädikation V. 12.13 setzt das zweite und dritte Gesätz voneinander ab: Sie fungiert als eine kompositorische Fuge, die Gottes Macht über Diesseits und Jenseits aussagt und so die Realität der zuvor (und im Folgenden) ausgesprochenen Drohungen und Verheißungen stützt (vgl. a. Cuypers 2000, 98 , der V. 12.13 als Zentrum der gesamten Sure ansieht)."

 

 

 

 

 

Gen 32,33 und Q 92,14 

Köln-Merkenich, am Freitag, Montag, Dienstag und Freitag
den 25./28./29. März und 1. April 2022

 

Brauchtumsklärung:

‎עַל־כֵּ֡ן לֹֽא־יֹאכְל֙וּ בְנֵֽי־יִשְׂרָאֵ֜ל אֶת־גִּ֣יד הַנָּשֶׁ֗ה אֲשֶׁר֙ עַל־כַּ֣ף הַיָּרֵ֔ךְ עַ֖ד הַיּ֣וֹם הַזֶּ֑ה כִּ֤י נָגַע֙ בְּכַף־יֶ֣רֶךְ יַעֲקֹ֔ב בְּגִ֖יד הַנָּשֶֽׁה׃

 (Gen. 32:33-33:1 WTT)

VOKABELN

NOMEN

‎גּיד  - Sehne;

נָשֶׁה - Hüftgegend;

יָרֵךְ  -  Oberschenkel, Hüftgelenk.

PARTIKEL

‎עַל־כֵּ֡ן  - deshalb, deswegen.

 

mE

Deswegen essen die Söhne Jisraels die Hüftsehne des Hüftgelenks vom Oberschenkel bis auf diesen Tag nicht, denn er schlug Jaakkob auf das Hüftgelenk, auf die Sehne der Hüftregion.

 

Buber/Rosenzweig

Darum essen die Söhne Jissraels bis auf diesen Tag die Spannader nicht, die auf der Hüftpfanne liegt,

denn an Jaakobs Hüftpfanne an der Spannader hat er gerührt.

 

van Dyke

. ‎ لِذلِكَ لاَ يَأْكُلُ بَنُو إِسْرَائِيلَ عِرْقَ النَّسَا الَّذِي عَلَى حُقِّ الْفَخِْذِ إِلَى هذَا الْيَوْمِ، لأَنَّهُ ضَرَبَ حُقَّ فَخْذِ يَعْقُوبَ عَلَى عِرْقِ النَّسَا

VOKABELN

VERB

ضرب  , i - schlagen.

NOMEN

عرق  pl.  عروق  uruq - Wurzel, Ader;

نسا  pl.  ansâ'   - "nerve of the hip": STEINGASS 1115!;

فخذ   pl. افخاذ - Oberschenkel;

حق  oder  حقة chuqqa  pl. حقق chuqaq - Dose, Gelenkpfanne.

 

BEOBACHTUNGEN

1 WER berührte/schlug Jaakob?

Die ältere französische Übersetzung lässt hier keine Frage offen - Gott natürlich:

LSG car Dieu frappa Jacob à l'emboîture de la hanche, au tendon.

Andere Übersetzungen behelfen sich  mit dem Passiv, ein wunderbares Mittel, die Täterschaft zu verschleiern:

D92 For Jakob havde fået et slag  (Gen. 32:33 D92)

GN GNB weil Jakob an dieser Stelle geschlagen wurde.

BB Denn dort wurde Jakob beim Ringkampf gepackt.

 

2 BEGRÜNDUNG

Der Übersetzergemeinschaft in Alexandria hat es offenbar nicht genügt, was der hebräische Text hergab und ergänzt, womöglich als Begründung für das Essverbot gemeint:

LXX καὶ ἐνάρκησεν kai enarkäsen

LXXD und er war steif geworden.

HIERONYMUS schließt sich dem an:

VUL et obstipuerit

VULD und 〈Jakob〉 erstarrte.

Das hier benutzte griechische Wort für Erstarren νάρκη, narkä - in der Medizin bekannt als "Narkose" -  stammt vom einem Fisch, "bei dessen Berührung man einen lähmenden elektrischen Schlag bekommt, der Krampfroche", so PAPE im Griechisch-Deutschen Wörterbuch, Band 2, S. 229/Digitale Ausgabe Bildschirmseite 59.979.

 

3 KANNIBALISMUS vs TIERVERWANDTSCHAFT

Das Spotthafte in mir ist geneigt zu sagen, "sieh' da, ein Beleg für antiken Kannibalismus". Wahrscheinlich wird umgekehrt ein Schuh daraus: Weil die Verwandtschaft zu den Tieren noch viel mehr empfunden wurde als heute, konnte ein Brauch, den Verzehr von Tieren einzuschränken, von einem Menschen her begründet werden. Aber im Ernst, kann man Sehnen essen? Als ich noch Fleisch aß, kaute ich mich daran dumm.

Ich bin aber nicht der einzige, der darüber stolpert, s. die GUTE NACHRICHT und die Neubearbeitung, GUTE NACHRICHT BIBEL:

GN GNB Bis zum heutigen Tag essen die Leute von Israel, wenn sie Tiere schlachten, den Muskel über dem Hüftgelenk nicht

 

4 SEHNE vs MUSKEL

Eine Sehne nicht zu verzehren ist eines, ein gut gebratenes Muskelstück schon etwas anderes:

Ist es nicht bemerkenswert, dass Luthers Übersetzung von 1545 nur von jüdischen Übersetzern übernommen wurde?!

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am Freitag,
den 1. April 2022

 

Q 92,14

فَأَنذَرْتُكُمْ نَارًا تَلَظَّىٰ

VOKABELN

VERBEN

نذر  , u  - weihen, geloben; hier IV. STAMM: warnen - jemanden ه , vor ب ; ankündigen - etwas ب ;

لظى  , a - flammen, lodern.

NOMEN  

نار  f.! , pl.  نيران   - Feuer.

 

mE

Und ich habe euch gewarnt: ein Feuer, es lodert!

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) ab Vers 5

Wer fromm ist und gibt Spende,

Und glaubt an die Urstände,

Den machen wir zum Heil behende.

Wer geizt und gehrt ohn' Ende,

Und leugnet die Urstände,

Den machen wir zum üblen Heil behende.

Nichts hilft sein Gut, wann er zum Abgrund rennte.

Die Leitung ist für unsre Hände,

Unser der Anfang und das Ende.

Ich aber warn' euch vor der Feuerblende,

 

ULLMANN (1840)

Darum warne ich euch vor dem gewaltig lodernden Feuer,

 

HENNING (1901)

Darum warne Ich euch vor einem lodernden Feuer!

 

GOLDSCHMIDT (1916)

So warne ich euch vor dem lodernden Fegefeuer.

 

PARET (1979, 2001)

Ich warne euch hiermit vor einem Feuer, das lodert,

 

KHOURY (1987, 1992) / 

NEUWIRTH (2011)

Ich warne euch vor einem lodernden Feuer,

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Ich warne euch vor dem auflodernden Höllenfeuer,

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

So habe Ich euch gewarnt vor einem Feuer, das lodert,

 

KARIMI (2009)

Ich warne euch vor loderndem Feuer,

 

BOBZIN (2010, 2017)

So warne ich euch vor einem Feuer, das lodert,

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (05.03.2022)

So warne ich euch vor loderndem Feuer,

KOMMENTAR

 

CORPUS CORANICUM vermerkt:

"Der Vers ist der wohl früheste koranische Beleg für das Verb ʾanḏara und allgemein für die Wurzel n-ḏ-r"

 

 

 

 

Gen 33,1 Q 92,15 

 


Köln-Merkenich, am Montag,
den 4. April 2022

 

Der Showdown naht:

‎  וַיִּשָּׂ֙א יַעֲקֹ֜ב עֵינָ֗יו וַיַּרְא֙ וְהִנֵּ֣ה עֵשָׂ֣ו בָּ֔א וְעִמּ֕וֹ אַרְבַּ֥ע מֵא֖וֹת אִ֑ישׁ וַיַּ֣חַץ אֶת־הַיְלָדִ֗ים עַל־לֵאָה֙ וְעַל־רָחֵ֔ל וְעַ֖ל שְׁתֵּ֥י הַשְּׁפָחֽוֹת

 (Gen. 33:1 WTT)

VOKABEL

VERB

חצה  - teilen.

 

mE

Und Jaakob erhob seine Augen und sah, siehe: Essaw kam und mit ihm vierhundert Mann; und er teilte die Kinder unter Lea und Rachel und die zwei Sklavinnen auf

 

Buber/Rosenzweig

Jaakob hob seine Augen und sah,

da, Essaw kam und bei ihm vierhundert Mann.

Nun verteilte er die Kinder auf Lea, auf Rachel und auf die zwei Mägde,

 

van Dyke

. ‎ وَرَفَعَ يَعْقُوبُ عَيْنَيْهِ وَنَظَرَ وَإِذَا عِيسُو مُقْبِلٌ وَمَعَهُ أَرْبَعُ مِئَةِ رَجُل، فَقَسَمَ الأَوْلاَدَ عَلَى لَيْئَةَ وَعَلَى رَاحِيلَ وَعَلَى الْجَارِيَتَيْنِ

   (Gen. 33:1 AVD)

VOKABELN

VERBEN

رفع  , a - heben;

قبل  , a - empfangen; HIER IV. STAMM: sich nähern, PARTIZIP;

قسم  , i - teilen.

NOMEN

جارية  pl.  جوار  constructus   جوارى - Sklavin, Mädchen.

 

BEOBACHTUNGEN

1 BRUDER

Es ist ja schon eine Weile her, dass zuletzt von Essaw die Rede war - Gen 32,20 -; so hatten die Übersetzer in Alexandria Erbarmen mit ihrer Leserschaft und erinnern daran, dass es Jaakobs Bruder ist:

LXX ἀναβλέψας δὲ Ιακωβ εἶδεν καὶ ἰδοὺ Ησαυ ὁ ἀδελφὸς αὐτοῦ ἐρχόμενος

LXXD Als Jakob aber aufblickte, sah er, und siehe, sein Bruder Esau kam 

Luther übernahm dies 1545. Die Überarbeitungen von 1984, LUT,  und 2017, L17, haben dies nicht korrigiert. Ein weiterer Beleg dafür, dass sich Luther stark an die Septuaginta angelehnt hat.

 

2 seine Kinder

Luther scheint der Leserschaft nicht vertraut zu haben, schon zu wissen, wessen Kinder da verteilt werden und ergänzt:

L45 Vnd teilet seine Kinder zu Lea, vnd zu Rahel, vnd zu beiden Megden,

So fürsorglich gebärden sich auch LUT L17 NL, beide dänischen Übersetzungen D83 und D92 sowie Mendelssohn und B/M.

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am Dienstag, 
den 5. April 2022

 

Q 92,15

لَا يَصْلَـٰهَآ إِلَّا ٱلْأَشْقَى

VOKABELN

VERBEN

صلى  , i - braten, rösten;

شقى  , a - elend, unglücklich sein; IV. STAMM: elend machen, ins Unglück stürzen.

PARTIKEL

الا  illa - außer.

 

mE

nicht röstet es außer den am Meisten elend zu Machenden.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) ab Vers 5 

Wer fromm ist und gibt Spende,

Und glaubt an die Urstände,

Den machen wir zum Heil behende.

Wer geizt und gehrt ohn' Ende,

Und leugnet die Urstände,

Den machen wir zum üblen Heil behende.

Nichts hilft sein Gut, wann er zum Abgrund rennte.

Die Leitung ist für unsre Hände,

Unser der Anfang und das Ende.

Ich aber warn' euch vor der Feuerblende,

Darin nur brennt der Grundelende,

 

 

ULLMANN (1840)

in welchem nur der Elendeste brennen soll:

 

HENNING (1901)

Nur der Unseligste brennt in ihm,

 

GOLDSCHMIDT (1916)

In dem da bratet der Bösewicht nur.

 

PARET (1979, 2001)

und in dem nur schmoren wird, wer zur Unseligkeit verdammt ist (wörtlich der Unselige)

 

KHOURY (1987, 1992)

in dem nur der Übelste (Unglückseligste) brennt,

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

das nur der schlimmste Frevler, der Ungläubige, erleidet,

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

dem nur der Unseligste ausgesetzt sein wird,

 

KARIMI (2009)

in dem der Unselige brennt nur,

 

BOBZIN (2010, 2017)

in dem nur der Unselige brennt,

 

NEUWIRTH (2011)

in dem nur brennen wird der Elendeste,

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (05.03.2022)

in dem allein der Unselige schmort,

 

KOMMENTAR

Neuwirth, Frühmekkanische Suren S. 231, verweist auf Ps 11,6: 

"Androhungen von infernalen Orten, wenn auch ohne eschatologische Konnotation, kennen auch die Psalmen, vgl. Ps. 11,6 ... ('er regnet auf die Frevler feurige Kohlen und Schwefel, glühender Wind wird ihr Becherlos'). Dieser Referenz stehen weitere aus der Johannesoffenbarung gegenüber."

 

 

 

 

Gen 33,2 und Q 92,16 

Köln-Merkenich, am 
Donnerstag, den 7. April 2022

 

Jaakobs Aufmarsch:

‎  וַיָּ֧שֶׂם אֶת־הַשְּׁפָח֛וֹת וְאֶת־יַלְדֵיהֶ֖ן רִֽאשֹׁנָ֑ה וְאֶת־לֵאָ֤ה וִֽילָדֶ֙יהָ֙ אַחֲרֹנִ֔ים וְאֶת־רָחֵ֥ל וְאֶת־יוֹסֵ֖ף אַחֲרֹנִֽים׃ 

 (Gen. 33:2 WTT)

 

mE

und er stellte die Sklavinnen und ihre Kinder zuerst und Lea und ihre Kinder dahinter und Rachel und Jossef dahinter,

 

Buber/Rosenzweig

die Mägde mit ihren Kindern tat er voran,

Lea und ihre Kinder dahinter,

Rachel und Jossef zuhinterst,

 

van Dyke

‎ وَوَضَعَ الْجَارِيَتَيْنِ وَأَوْلاَدَهُمَا أَوَّلاً، وَلَيْئَةَ وَأَوْلاَدَهَا وَرَاءَهُمْ، وَرَاحِيلَ وَيُوسُفَ أَخِيرًا.

   (Gen. 33:2 AVD)

VOKABELN

VERB

وضع , a'  -  put.

NOMEN

جارية  pl.  جوار  constructus   جوارى - Sklavin, Mädchen.

 

 

BEOBACHTUNGEN

1 AUFZUG

In meinen Ohren ist es eine besondere Art der Ironie der Erzähler dieser Novelle der Armee von Essaw einen Aufzug von Frauen mit Kindern entgegen gehen zu lassen. 

Doch scheint für (fast) alle Übersetzer klar zu sein: Zu einem richtigen Aufmarsch gehört Ordnung.

Der hebräische Text kennt in diesem Vers nur zwei Ortsangaben:רִֽאשֹׁנָ֑ה  , ri'schonah, zuerst, anfangs, und zweimal אַחֲרֹנִֽים , acharonim, zurück, dahinter. Alle eingesehenen Übersetzungen - außer einer - machen daraus drei Ortsangaben.

Die Septuaginta gibt dabei die Richtung vor:

NB: Mendelssohn lehnt sich an L45 an!

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am
Freitag, den 8. April 2022

 

Q 92,16

ٱلَّذِى كَذَّبَ وَتَوَلَّىٰ

VOKABELN

VERBEN

كذب  , i - lügen, II. STAMM leugnen;

 ولى , i - nahe sein, verwalten, herrschen (über - mit Akkusativ - ه oder على ); II. STAMM zuwenden, (jemandem/etwas ه ), sich abwenden (von عن); V. STAMM (Amt) innehabe, in Besitz nehmen.

DAZU, LANE 3061:  "ولى

5. => تَوَلَّى": "He turned himself, الى towards. (Jel, ii. 139.) He turned away (Idem, xix. 50; and Ṣ, Mṣb) عَنْهُ from him, or it. (Ṣ.)"

STEINGASS 1233: ولى V. STAMM: "be invested with power", aber auch: "turn the back, yield, take to flight, turn away; remove to a distance, desist, give up".

 

mE 

der leugnet und sich abwendet

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) ab Vers 5 

Wer fromm ist und gibt Spende,

Und glaubt an die Urstände,

Den machen wir zum Heil behende.

Wer geizt und gehrt ohn' Ende,

Und leugnet die Urstände,

Den machen wir zum üblen Heil behende.

Nichts hilft sein Gut, wann er zum Abgrund rennte.

Die Leitung ist für unsre Hände,

Unser der Anfang und das Ende.

Ich aber warn' euch vor der Feuerblende,

Darin nur brennt der Grundelende,

Der leugnet' und sich wendet ab;

 

ULLMANN (1840)

der nicht geglaubt und den Rücken gewendet hat.

 

HENNING (1901)

Der da leugnet und sich abwendet.

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Der geleugnet und sich abgewandt.

 

PARET (1979, 2001)

wer (die Wahrheit der göttlichen Botschaft) für Lüge erklärt und sich (davon) abwendet.

 

KHOURY (1987, 1992) /  

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

der (die Botschaft) für Lüge erklärt und sich abkehrt.

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

der den Gesandten der Lüge zeiht und sich von der Wahrheit abwendet.

 

KARIMI (2009)

der leugnet und sich abwendet.

 

BOBZIN (2010, 2017)

der leugnet und sich abkehrt.

 

NEUWIRTH (2011)

der leugnete und sich abwandte.

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (05.03.2022)

der leugnet und sich abwandt.

 

KOMMENTAR

Corpus Coranicum erläutert ausführlich die Verwendung des Verbes كذب, kasab, hier im II. STAMM kassaba, leugnen, und verweist auf Ps 5,7. Dort wird dies Wort im Hebräischen verwendet: ‎  כָ֫זָ֥ב, kasaw: 

"Vers 16

allaḏī kaḏḏaba wa-tawallāDie Vorwürfe des „Leugnens“ (des Jüngsten Gerichts) und „Abwendens“ werden auch in 96:13 (ʾa-raʾaita ʾin kaḏḏaba wa-tawallā), 79:21.22 (fa-kaḏḏaba wa-ʿaṣā / ṯumma ʾadbara yasʿā) und 75:32 (wa-lākin kaḏḏaba wa-tawallā) miteinander kombiniert. Vgl. a. noch 88:23 (ʾillā man tawallā wa-kafar), wo kafara anstatt kaḏḏaba steht.

Allgemeines zum koranischen Gebrauch von kaḏḏaba: Das Verb kaḏḏaba stellt eine der zentralen Begrifflichkeiten der frühmekkanischen Verkündigungen dar. Es erscheint in Straflegenden, insbesondere in formularischen Einleitungen oder Zusammenfassungen (s. 91:11.14, 79:21, 69:4 und mittelmekkanisch 54:9.18.23.33; s. Horovitz, Koranische Untersuchungen, 11 ), sowie in paränetischen Passagen, vor allem Drohworten, Lasterkatalogen und Anreden der Verdammten am Jüngsten Tag (52:14, 68:8.44, 73:11, 74:46, 75:32, 77:29, 78:28, 82:9, 83:11.12.17, 84:22, 92:9.16, 95:7, 96:13, 107:1 sowie als Refrain in 55:13.16.18 etc.). Früheste Vorkommnisse sind wohl 107:1 und 95:7, wo das Verb bereits phraseologisch mit ad-dīn („das Gericht“) als präpositionalem Objekt verbunden ist. Später steht dann sehr häufig nur kaḏḏaba, wobei als Objekt jeweils bi-d-dīn mitzuverstehen ist. Angesichts dieses Befundes ist es wahrscheinlich, dass die Begrifflichkeit des „Leugnens“ (vgl. die Verwendung des Verbalsubstantivs takḏīb in 85:15: bali llaḏīna kafarū fī takḏīb) keine koranische Neuprägung ist, sondern bereits zuvor geläufig war. Herkunft und frühere Verwendungsweise des Begriffs wären allerdings noch zu eruieren. „Lügen“ sind ein häufiger Gegenstand psalmistischer Anklagen, s. z. B. Psalm 5:7: „Du lässt die zugrunde gehen, die Lügen (kāzāb) reden“ ( Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 221 ). Als unmittelbarer Hintergrund des koranischen kaḏḏaba kommt jedoch am ehesten syr. kaddeb (wie im Arabischen mit der Präposition b-) in Frage; kaddeb kann „lügen“, „täuschen“, „treulos handeln gegen“ bedeuten, ist aber auch in dem eine propositional fixierte religiöse Wahrheit voraussetzenden Sinn von „leugnen“ bezeugt ( Payne Smith, 1879–1901, Bd. 1, 1678 ). Zu den verschiedenen Gebrauchsweisen von kaḏḏaba vgl. a. die Anmerkungen zu 95:7 und 73:11, zu tawallā s. die Anmerkung zu 88:23."

Angelika NEUWIRTH kommentiert (Frühmekkanische Suren 231) zum Verb tawalla:

"Tawalla begegnet in der altarabischen Dichtung für den Sachverhalt des unehrenhaften Fliehens aus der Schlacht (siehe SEAP, S. 1249). Die gegenteilige, positive Haltung ist das Streben nach dem Antlitz des Herrn ..., siehe V. 20."

SEAP - Albert Arazi, Salman Masalha, Six Early Arab Poets. New Edition and Concordance, Jerusalem 1999.

 

 

 

 

Gen 33,3 und Q 92,17 

 


Köln-Merkenich, 
am Montag/Dienstag/Mittwoch, 
den 25./26./27. April 2022

 

Jaakob/Israel kehrt das Verhältnis um und setzt sich nun selbst an die Spitze und bezeugt seinem Bruder die Ehre:

‎‎‎וְה֖וּא עָבַ֣ר לִפְנֵיהֶ֑ם וַיִּשְׁתַּ֤חוּ אַ֙רְצָה֙ שֶׁ֣בַע פְּעָמִ֔ים עַד־גִּשְׁתּ֖וֹ עַד־אָחִֽיו׃

 (Gen. 33:3 WTT)

VOKABELN

VERBEN

חוה  - sich niederwerfen, sich unterwürfig zeigen "do obeisance" (HOL), hier HISTAFAL, s. u.

נגשׁ - nähern. hier: qal infinitiv.

 

mE

und er querte vor ihnen und warf sich sieben Mal zur Erde nieder bis zu seinem Nähern, bis zu seinem Bruder.

 

Buber/Rosenzweig

selber schritt er vor ihnen her.

Er verneigte sich siebenmal zur Erde, bis er an seinen Bruder herantrat.

 

van Dyke

‎. وَأَمَّا هُوَ فَاجْتَازَ قُدَّامَهُمْ وَسَجَدَ إِلَى الأَرْضِ سَبْعَ مَرَّاتٍ حَتَّى اقْتَرَبَ إِلَى أَخِيهِ   (Gen. 33:3 AVD)

VOKABELN

VERBEN

جوز   oder  جاز, u   - (hin-)durchkommen, erlaubt sein, möglich sein; HIER VIII. STAMM: hindurchgehen, durchqueren;

سجد - sich niederwerfen (im Gebet).

قرب - nahe sein (von من); sich nähern; HIER VIII. STAMM: sich nähern (jemandem  من).

 

BEOBACHTUNGEN

Der Vers hat es in mindestens zweifacher Weise in sich:

1  עבר, abar - queren, überqueren, passieren

In vergangenen Mails habe ich die besondere Bedeutung dieses Verbs bereits hervorgehoben und dazu mit Vorliebe die französische Rabbinerin Delphine Horvilleur aus ihrem Essay "Überlegungen zur Frage des Antisemitismus", Berlin 2020, S. 22, zitiert, vgl. Mails zu Gen 32,32 und Gen 32,24. Zehnmal taucht eine Form dieses Verbs zum Abschluss der Jakaob-Esau-Novelle auf. Viermal wird dabei ein Fluss- oder Ortsname genannt: Gen 31,21 wird "der Fluss" überquert - gemeint ist der Euphrat -, im Gebet Gen 32,11 wird der Jordan genannt, Gen 32,23 der Jabbok und im Gen 32,32 der Ort der Gottesbegegnung, Penuel. Das Verb ist normalerweise transitiv, es zieht ein Objekt nach sich, das auf die Frage antwortet "was wird durch- bzw. überquert". Das ist hier nicht der Fall. Das ist wohl der Grund, warum mit die beiden ältesten Übersetzungen, die Septuaginta aus Alexandria und aus Jerusalem von Hieronymus , ein Anklang an ein "Queren, Passieren", fallen gelassen haben, sondern übersetzen 

LXX  αὐτὸς δὲ προῆλθεν ἔμπροσθεν αὐτῶν

LXXD Er selbst aber ging vor ihnen her

und

VUL  ipse praegrediens 

VULD er selbst ging voran

Das ahmen nach:

ESV went on before them

BFC Lui-même s'avança le premier

LUT L17 ELB SCH ZUR M B/M BiG ging vor ihnen her

EIN trat vor

NL vóór hen uit ging

D83 D92 Gik han foran

ZUNZ ging voran

B/R ZINK schritt er vor ihnen her

GN GNB ging an die Spitze des Zuges

BB Er selbst zog vor ihnen her.

Damit aber geht eine der wichtigsten Pointen der Geschichte verloren.

Nachdem Jaakob in seinem Gebet Gen 32,10ff Gott daran erinnerte, was er ihm bei seiner Rückkehr alles für Wohltaten in Aussicht stellte und er jetzt die Armee von 400 Soldaten von Esau sich nähern sieht und er zuvor sein Gut teilte mit der fatalistischen Begründung , 'trifft's die einen, überleben die anderen und umgekehrt', Gen 32,9, begegnete er, der sich ganz ans Ende des Zuges versteckt hielt, Gen 32,25, Gott selbst, überwindet ihn, s. die Namenserklärung Gen 32,29, und quert nun sozusagen sich selbst, indem er, der Letzte, der Erste wird und unbewaffnet der Armee seines Bruders entgegengeht. Sich auf Gott verlassen hat - wenn es keine Ausrede für eigene Trägheit ist - zur Folge, sich verändern zu lassen. Das hat eine Veränderung in der Gottesvorstellung zur Folge, die treffend in der Erläuterung des Namens Israel ausgedrückt wird, in dem Gott eben NICHT das Subjekt ist, wie sonst üblich in Eigennamen mit einem Gottesnamen - Gott kämpfte - sondern Objekt: Er kämpfte mit Gott, Gen 32,29. Nur als Veränderter ist Jaakob ein Gesegneter, als Gesegneter ist er ein veränderter Veränderer und kehrt die Reihenfolge des Zuges - als Lahmer - um, er setzt sich selbst an seine Spitze.

Einige Übersetzungen haben eine Resonanz auf die früheren Vorkommen dieses Wortes bewahrt, indem sie z. B. von "passieren" sprechen:

KJV he passed over before them

NAS he himself passed on ahead of them

LSG  Lui-même passa devant eux

van Dyke ‎  اجْتَازَ et moi s. o.

Jehuasch in seiner Jiddischen Übersetzung nimmt eine mittlere Position ein:

SBJ 

2 יִּשְׁתַּ֤חוּ , jischtachu

Bible Works erklärt diese Form mit "חוה verb hishtaphel" und bezieht sich auf HOLLADAY, Hebrew and Aramaic Lexicon of the OT, HOL. Dieses Verb finde ich weder in meinen Wörterbüchern, Langenscheidt von KARL FEYERABEND, noch im GESENIUS, nicht im KÖNIG von 1910, und nicht im "Hebrew and Aramaic Dictionary of the Old Testament" von FOHRER, JOCHEN VOLLMER u. a., übersetzt von W. JONSTONE 1973, aber in der deutschen Neuausgabe dieses Werkes von HAWAT, 4. Auflage, 2021 S. 101, "sich neigen, sich  niederwerfen". Noch aus meinem Studium habe ich zwei hebräische Grammatiken, die Kurzfassung von EDEL und die ausführliche von STRACK-JEPSEN. Beide kennen diese Form "histaphel" nicht, vgl. Strack-Jepsen § 41 i, "Seltene Stämme".

Das ThWAT, Band 2, von 1977, Spalten 784ff, Artikel zu חוה von H. D. Preuß, klärt auf, hier Sp. 785: 

Hier ein Beispiel aus dem ugaritischen Baal-Zyklus KTU 1.1-1.6 aus TUAT III, S. 1091ff, hier S. 1105, die Rede ist von Götterboten:

„Über tausend Vorhöfe,  [zehntausend Gebäude] hin

[verneigte er sich zu den Fü]ßen der Anat  [und fiel nieder],

[er wa]rf sich nieder und  e[hrte sie]."

S.  1111:

"Zu Füßen Els verneigte er sich und fiel nieder,

er warf sich zu Boden [und ehrte ihn]."

S. 1276, hier heißt es von der Göttin Anat:

"[Zu Füßen Els neig]te sie sich und fiel nieder,

sie warf [sich nieder und ehrte] ihn.“

Hierzu die Anmerkung 148 ebd., zu "neigte", erwähnt ausdrücklich das gesuchte Verb:

hbr – qyl || hwy Št – kbd »sich neigen, sich erniedrigen« – »(nieder)fallen« || »sich niederwerfen« – »ehren«; Renfroe 1992, S. 42–45.

Den religiösen Aspekt spiegeln die beiden alten Übersetzungen der Septuaginta und Vulgata und ihre deutschen Übersetzungen wider:

LXX προσεκύνησεν ἐπὶ τὴν γῆν

LXXD er fiel ... ehrfürchtig auf die Erde

VUL adoravit pronus in terram

VULD huldigte ihm zur Erde gebeugt 

Dem kommt vielleicht noch am nächsten neben der alten französischen folgende Übersetzungen

LSG  il se prosterna en terre

EIN ELB ZUR ZINK BiG mE warf sich ... zur Erde nieder

D83 D92 kastede sig til jorden

GN GNB warf sich zu Boden

Sonst ist von "beugen" oder "sich verneigen" die Rede:

KJV bowed himself to the ground NAS bowed down to the ground

ESV bowing

BFC s'inclina

LUT L17 (SCH) (ver-)neigte sich NL neerbog

MENDELSSOHN bückte sich zur Erde - so auch Jehuasch

SBJ געבוקט צו דער ערד , gebukt zu der erd

Im MENDELSSOHN hat die Bearbeiterin ANNETTE BÖCKLER eingegriffen:

B/M verbeugte sich zur Erde.

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag,
den 28. April 2022

 

Q 92,17

وَسَيُجَنَّبُهَا ٱلْأَتْقَى

VERBEN

جنب , u - I. und II. STAMM: abwenden, fernhalten; V. und VIII. STAMM: sich fernhalten;

وقى  , i - beschützen, bewahren; VIII. STAMM (Reflexiv der 1. Form!) اتقى ittaqa  -  sich hüten (vor  ه), sich schützen (gegen ه); (Gott) fürchten.

 

mE

und er wird sie* fernhalten, der fürchtet

*das Feuer, "die Flammen", s. Vers 14, im Arabischen feminin.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) ab Vers 16

Der leugnet' und sich wendet' ab;

Was wir dem Frommen wenden ab,

 

ULLMANN (1840)

Weit fern davon aber bleibt der Fromme

 

HENNING (1901)

Doch der Gottesfürchtige wird davor bewahrt,

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Und fern bleibt ihm der Gottesfürchtige.

 

PARET (1979, 2001)

Wer aber fromm und gottesfürchtig ist, wird davon verschont bleiben (oder: ferngehalten werden)

 

KHOURY (1987, 1992)

Ferngehalten davon wird der Gottesfürchtigste werden,

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Verschont davon ist der Fromme,

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Doch davon ferngehalten wird der Gottesfürchtigste werden,

 

KARIMI (2009)

Fern davon ist der Fromme,

 

BOBZIN (2010, 2017)

Der Gottesfürchtige wird vor ihm verschont,

 

NEUWIRTH (2011)

Entkommen aber wird ihm der Gottesfürchtige

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (04.03.2022)

Davon verschont wird der Gottesfürchtige

 

BEOBACHTUNGEN

BUBENHEIM und KHOURY lesen الاتقى , al atqa, als Superlativ. Ein Adjektiv mit Artikel wird in der Tat als Superlativ verstanden. Hier aber kann ich kein Adjektiv erkennen, sondern einen substantivierten Infinitiv.

 

KOMMENTAR

Zum Verb وقى  , i - beschützen, bewahren, s. die Ausführungen zu Q 92,5!

 

 

 

 

Gen 33,4 Q 92,18 

 


Köln-Merkenich, am Freitag und Montag
den 29. April und 2. Mai 2022

 

 

Küsse statt Krieg:

‎וַיָּ֙רָץ עֵשָׂ֤ו לִקְרָאתוֹ֙ וַֽיְחַבְּקֵ֔הוּ וַיִּפֹּ֥ל עַל־צַוָּארָ֖ו וַ֗יִּ֗שָּׁ֗קֵ֑֗ה֗וּ֗ וַיִּבְכּֽוּ׃ (Gen. 33:4 WTT)

VOKABELN

VERBEN

רוץ   - rennen;

קרא  - treffen, begegnen;

חבק  - umarmen;

נשׁק  - küssen, HIER: mit "puncta extraordinaria";

בכה  - weinen.

NOMEN

צַוָּאר  - Nacken, Hals.

 

mE

Und Essaw rannte ihn zu treffen und umarmte ihn und fiel ihm um seinen Hals und küsste ihn und sie weinten.

 

Buber/Rosenzweig

Essaw aber lief ihm entgegen,

er umarmte ihn, fiel ihm um den Hals und küßte ihn.

Und sie weinten.

 

van Dyke

. ‎ فَرَكَضَ عِيسُو لِلِقَائِهِ وَعَانَقَهُ وَوَقَعَ عَلَى عُنُقِهِ وَقَبَّلَهُ، وَبَكَيَا (Gen. 33:4 AVD)

VOKABELN

ركض  , u - laufen, rennen;

لقى  , a - begegnen, treffen, HIER III. STAMM: begegnen (Dativ  ه);

عنق   - II. STAMM: am Hals packen, HIER III. STAMM: umarmen (LANE 2716);

وقع  , a - fallen;

قبل  , a - empfangen, HIER II. STAMM: küssen;

بكى  , i - weinen.

NOMEN

عنق  unuq, pl. أعناق  - Hals, Nacken. 

 

BEOBACHTUNGEN

1 Essaws Lauf

Essaw läuft Jaakob entgegen. Hatte Lukas diese Stelle auch in 15,20, letzter Teilsatz, im Sinn?

Delitzsch übersetzt dies ins Hebräische (1877):

‎  וַיָּרָץ וַיִּפֹּל עַל־צַוָּארָיו וַיִּשָּׁקֵהוּ  (Lk. 15:20 DLZ)

 

2 Beide weinen

Am Ende des Satzes findet ein Subjektwechsel statt: Im Hebräischen steht der Plural,  וַיִּבְכּֽוּ , wajiwku, sie weinten. Das verstärkt die Septuaginta durch einen Zusatz ausdrücklich:

LXX καὶ ἔκλαυσαν ἀμφότεροι

LXXD und sie weinten beide.

Das nehmen modernere Übersetzungen auf

BFC Ils se mirent tous deux à pleurer.

BB Beide fingen an zu weinen.

Und mit einer weiteren Erweiterung die GN GNB

GN GNB Beide weinten vor Freude.

Ob "aus Freude" sei dahingestellt, der biblische Text schweigt sich dazu aus und eröffnet damit im Leser/in der Leserin, bei den Zuhörenden den Raum, sich den doppelten Kontrast vorzustellen. Zum einen: Eben noch kriegslüstern, bereit den Bruder zu töten und jetzt - durch das entwaffnende Entgegenkommen Jaakobs/Israels - die Begegnung in der Umarmung. Und zum anderen: nach der biblischen Erzählung ist es die erste brüderliche Begegnung beider überhaupt, selbst im Mutterbauch lagen sie zum Leidwesen ihrer Mutter Rebekka miteinander im Streit, Gen 25,22-23.

Hieronymus vollzieht die Subjekterweiterung nicht nach:

VUL et osculans flevit

VULD und küsste ihn und weinte.

Auch die Biblia Hebraica Stuttgartensia empfiehlt an dieser Stelle die Lesart in der Einzahl.

 

3 puncta extraordinaria

Die masoretischen Bibelgelehrten, die uns mit der Bibelhandschrift, die in St. Petersburg/Leningrad verwahrt wird, der Codex Leningradensis, und wohl um 1008 in Alt-Kairo entstand, die vollständigste Fassung der Hebräisch-aramäischen Bibel überliefert haben, haben eine Systematik und Durchdringung der sprachlichen Besonderheiten des Textes entwickelt, die bewundernswert ist. Was erst mit Computern der Neuzeit und entsprechenden Algorithmen vielleicht per Knopfdruck zu erheben ist, das markierten sie: Die Mitte der Schrift - wörtlich - nach Anzahl der Wörter - Lev 13,33 - und nach Anzahl der Buchstaben - Lev 11,42. In der Thora - den Fünf Büchern Mose - haben sie zehn Wörter mit besonderen Punkten, "puncta extraordinaria" über den Buchstaben markiert. Sie sollen, so die Überlieferung, etwas anderes anzeigen, als das, was da steht. Hier ist beim Wort  וַ֗יִּ֗שָּׁ֗קֵ֑֗ה֗וּ֗ , wajischschakehu, und er küsste ihn, jeder Buchstabe punktiert. Nach Annette Boeckler, die Bearbeiterin der Mendelssohn Übersetzung, soll es anzeigen, dass hier zu lesen ist "er biss ihn". s. Anhang

https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&ved=2ahUKEwjsgY7hicD3AhVdhv0HHUSFAQ4QFnoECAcQAQ&url=https%3A%2F%2Fwww.weltundumweltderbibel.de%2Ffileadmin%2Fverein%2FDokumente%2FWelt_und_Umwelt%2F2019_03_WUB_downloads_masoreten.pdf&usg=AOvVaw1I-V-PviKwu7iWhpPYRcDA - eingesehen am 02.05.2022

Vermutlich bezieht sie sich auf den Midrasch  Bereishik Rabbah 78,9

Hier wird die Stelle sehr bunt ausgelegt:

"[The word] 'kissed' is dotted [above each letter in the Torah's writing]. Rabbi Shimeon ben Elazar said in every place that you find a lot of text with few dots on top, you need to interpret the dots; when you find a lot of dots on top of a few words you interpret the words. Here neither is the case, rather it teaches that [Esav] was overcome with compassion in that moment and kissed [Yaakov] with all his heart. Rabbi Yannai said to him: If so, why is ['kissed'] dotted? On the contrary, it teaches that [Esav] came not to kiss [Yaakov] but to bite him, but our ancestor Yaakov's neck became like marble and that wicked man's teeth were blunted. Hence, 'and they wept' teaches that [Yaakov] wept because of his neck and [Esau] wept because of his teeth. Rabbi Abahu, in the name of Rabbi Yochanan teaches that from here: "your neck is like the tower of ivory" (Songs 7:4) "

Aus: https://www.sefaria.org/Genesis.33.4?ven=The_Contemporary_Torah,_Jewish_Publication_Society,_2006&vhe=Miqra_according_to_the_Masorah&lang=bi&with=Bereishit%20Rabbah&lang2=en - eingesehen am 02.05.2022

So auch im Talmud der Kommentar Avot D'Rabbi Natan zu dieser Stelle:

"The term for, “and kissed him,” has dots above every letter, to teach that he did not kiss him sincerely. Rabbi Shimon ben Elazar would say: It means that this kiss was sincere, but every other one he gave Jacob was not." 

Aus: https://www.sefaria.org/Genesis.33.4?ven=The_Contemporary_Torah,_Jewish_Publication_Society,_2006&vhe=Miqra_according_to_the_Masorah&lang=bi&with=Avot%20D%27Rabbi%20Natan&lang2=en - eingesehen am 02.05.2022

Durch einen Beitrag von Johannes Weißinger im Jahrbuch Friedenstheologie 2022 des Ökumenischen Institut für Friedenstheologie, "Schlag nach beim Rabbi. Die Kommentare zum Pentateuch und zu den Psalmen von Samson Raphael Hirsch" wurde ich auf dessen Werk aufmerksam. Er hält dieser talmudischen Überlieferung entgegen:

in:  Hirsch, Samson Raphael: Der Pentateuch. Die Genesis. Frankfurt am Main 1903, S. 420.

 

5 Das Erschaffende - die Poesis

Das älteste deutschen Sprachzeugnisse ist das Hildebrandslied. Es schildert das tragische Dilemma, dass im Krieg Vater, Hildebrand, und Sohn, Hadubrand, gegeneinander kämpfen. Das mag eine grässliche Erfahrung widerspiegeln, selbst wenn das Motiv durch die Weltliteratur wandert (vgl. Friedrich Rückerts Nachdichtung "Rostem und Suhrab" von 1838 aus dem iranischen Nationalepos von Firdausi aus dem 10. Jahrhundert, vgl. Art. Hildebrandslied, https://de.wikipedia.org/wiki/Hildebrandslied - eingesehen am 02.05.2022).

Ob eine Erfahrung auch der Esau-Jakob-Novelle und einem ihrer Höhepunkte in diesem Vers zugrundeliegt, mag dahin gestellt sein. Fakt ist: Sie wird und wurde so überliefert. Statt einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Brüdern provoziert das Verhalten des veränderten Jaakobs/Israels eine Verbrüderung. Das jüdische Volk hatte also Grund und Anlass diese Geschichte so zu erzählen.

Mit ihr wird das Handlungspotential derjenigen, die diese Erzählung kennen, enorm erweitert. Sie erschafft etwas, was womöglich zuvor nicht da war. Zugleich wird vermittelt, dass das keine einfache Entscheidung ist, die man mal eben so trifft - seinem Feind unbewaffnet entgegen zu gehen -, sondern einen Kampf voraussetzt; heute würde man sagen, einen Kampf mit sich selbst und seinen festgezurrten  Selbstbildern - wie bei Hildebrand und Hadubrand Stolz und Ehre, Weltbildern ("Recht auf Selbstverteidigung") und Gottesvorstellungen. 

 

 

 

 

 

*

 

 
Köln-Merkenich, am
Dienstag, den 3. Mai 2022

 

Q 92,18

ٱلَّذِى يُؤْتِى مَالَهُۥ يَتَزَكَّىٰ

VOKABELN

VERBEN

أتى , i  - kommen, bringen; HIER IV. STAMM:  'a:ta:, Imperfekt: ju'ti - geben, Früchte tragen DANKE NERMINE!!! (vgl. KAZIMIRSKI S. 9);

زكو  oder  زكا , u - wachsen, zunehmen; HIER V. STAMM (d. i. Reflexiv des 2. Stammes (intensiv- oder Kausativstamm): geläutert werden.

NOMEN

مال pl. أموال - Besitz, Vermögen

 

mE

wer seinen Besitz gibt, wird geläutert werden

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) ab Vers 16 

Der leugnet' und sich wendet' ab;

Was wir dem Frommen wenden ab,

Der von seiner Habe Sühne gab,

 

ULLMANN (1840)

welcher zur Läuterung seiner Seele sein Vermögen als Almosen hingibt

 

HENNING (1901)

Der seinen Besitz hergibt, um sich zu läutern,

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Der sein Vermögen hingibt, um sich zu läutern.

 

PARET (1979, 2001)

wer sein Geld hergibt, um sich (durch Wohltätigkeit) zu reinigen (oder: reinzuhalten)

 

KHOURY (1987, 1992), KARIMI (2009)

der sein Vermögen hergibt, um sich zu läutern,

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

der für die Sache Gottes sein Vermögen gibt, um sich zu läutern.

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de), CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (02.04.2022)

der seinen Besitz hingibt, um sich zu läutern,

 

BOBZIN (2010, 2017)

der sein Gut dahingibt, auf dass er sich läutert.

 

NEUWIRTH (2011)

der sein Gut gibt, um sich zu läutern,

 

KOMMENTAR

Zum Wort زكو,zkw, kennt das CORPUS CORANICUM aramäische Verwandtschaft - hier Kommentar zu Q 91,9:

"Zur Semantik der Wurzel z-k-w/y: Zakā bedeutet im Arabischen ursprünglich „wachsen, gedeihen“; die koranische Bedeutung der Wurzel, die primär die Vorstellung moralischer Reinheit ausdrückt, ist am ehesten als semantische Angleichung an aramäisch דכא (syr. dḵā, vgl. hebr. זכא) zu erklären ( Nöldeke 1910, 25, Anm. 3 ; Jeffery, Foreign Vocabulary, 152 f. ), während die durch die Wurzel ṭ-h-r ausgedrückte Vorstellung kultischer Reinheit altarabisch ist ( Watt 1953, 100 ). Torrey nimmt an, dass der Bedeutungsangleichung von arab. z-k-w/y an sein aramäisches Homonym jüdischer Sprachgebrauch zugrunde liege ( Torrey 1933, 141 ), doch hat Andrae eine Reihe von Parallelstellen aus der syrischen Literatur beibringen können ( Andrae 1926, 200 ). Wie auch bei anderen semantisch vom Aramäischen bzw. Syrischen beeinflussten Begrifflichkeiten (z. B. ṣallā, „beten“) wird man dabei nicht ohne weiteres davon ausgehen dürfen, dass die betreffende Sinnverschiebung erstmals im Koran auftritt. Wahrscheinlicher ist vielmehr, dass sie bereits in vorkoranischer Zeit im Zuge des kulturellen Kontakts mit der aramäischsprachigen Bevölkerung des Fruchtbaren Halbmonds stattfand (so Bell 1926, 51 ). 

Umstritten ist darüber hinaus, inwieweit verbale Verwendungen der Wurzel z-k-w/y im Koran allgemein als denominale Ableitungen von zakāt, „Almosen“, aufzufassen sind: Horovitz etwa versteht bereits die frühesten koranischen Vorkommnisse der Wurzel im spezialisierten Sinn von „Almosen geben“ ( Horovitz, Proper Names, 206 ); vgl. auch Schulthess 1912 , der den vorliegenden Vers mit „Ein gutes Geschäft macht (für’s Jenseits), wer Almosen gibt“ übersetzt. Zwar scheint die spätmekkanische Stelle 35:18 (fa-man tazakkā fa-ʾinnamā yatazakkā li-nafsihī) diesen Sinn von tazakkā bereits vorauszusetzen, und spätestens in Medina werden die betreffenden Verben dann ganz zweifellos als Denominativa zu zakāt, „Almosen“, verwendet. Gleichwohl lassen sich frühe Vorkommnisse von tazakkā wie 80:3.7 und 87:14 eher im allgemeineren Sinn von „sich moralisch läutern“, „moralisch rein sein“ verstehen; vor allem in 91:9 bezeichnet zakkā ganz unzweifelhaft die moralische „Läuterung“ der Seele. Zugunsten einer konkretisierenden Gleichsetzung von tazakkā mit „Almosen geben“ könnte frühmekkanisch allenfalls 92:18 (allaḏī yuʾtī mālahū yatazakkā, „der seinen Besitz hingibt, um yatazakkā“) angeführt werden (so Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 221 , was jedoch nicht mit der von ihr ebd., 227 gewählten Übersetzung harmoniert). Doch auch hier ist die Deutung „der seinen Besitz hingibt, um Almosen zu spenden“ keineswegs zwingend; die allgemeinere Übersetzung „der seinen Besitz hingibt, um sich (moralisch) zu läutern“ ist zumindest genauso passend und wird hier angesichts des in etwa zeitgleich verkündeten Verses 91:9 vorgezogen. Doch stellt die enge Verknüpfung von tazakkā mit dem Spenden von Besitz in 92:18 sicherlich einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur semantischen Verengung des Verbes auf das Almosengeben dar."

Gemeint - זכא finde ich in meinen Wörterbüchern nicht - ist wohl das hebräische Wort זכה, "rein, unschuldig", vgl. ThWAT 2,569ff und im Aramäischen זכו, vgl. ThWAT-ARAMÄISCH  237ff. Hier wird dazu ausgeführt, 238:

Gen 33,5 und Q 92,19 

 


Köln-Merkenich, 
am Mittwoch, Donnerstag, Montag und Dienstag,
den 4./5./9. und 10. Mai 2022

 

Ein Dialog unter Brüdern:

‎  וַיִּשָּׂ֣א אֶת־עֵינָ֗יו וַיַּ֤רְא אֶת־הַנָּשִׁים֙ וְאֶת־הַיְלָדִ֔ים וַיֹּ֖אמֶר מִי־אֵ֣לֶּה לָּ֑ךְ וַיֹּאמַ֕ר הַיְלָדִ֕ים אֲשֶׁר־חָנַ֥ן אֱלֹהִ֖ים אֶת־עַבְדֶּֽךָ׃

 (Gen. 33:5 WTT)

VOKABELN

VERBEN

נשׂא - heben;

חנן - gnädig sein.

 

mE

Und er erhob seine Augen und sah die Frauen und die Kinder und sprach:

Wer sind diese bei dir?

Und er sprach:  Die Kinder sind es, von denen gilt, dass sich Gott gnädig erwiesen hat deinem Knecht.

 

Buber/Rosenzweig

Dann hob er seine Augen und sah die Weiber und die Kinder

und sprach:

Wer sind diese dir?

Er sprach:

Die Kinder sinds, die Gott deinem Knecht vergönnt hat.

 

van Dyke

."ثُمَّ رَفَعَ عَيْنَيْهِ وَأَبْصَرَ النِّسَاءَ وَالأَوْلاَدَ وَقَالَ: «مَا هؤُلاَءِ مِنْكَ؟» فَقَالَ: «الأَوْلاَدُ الَّذِينَ أَنْعَمَ اللهُ بِهِمْ عَلَى عَبْدِكَ  (Gen. 33:5 AVD)

VOKABELN

رفع  , a - heben;

نصر - schauen;

نعم - in Wohlstand leben; HIER IV. STAMM (Kausativ!): gnädig sein (jemandem  على ); gewähren (jemandem  على ; etwas ب  ); angenehm machen.

PARTIKEL: 

هذا  , f. هذه   hathihi, dual هذان  hathani, dual f. هاتان hatani, pl. هؤلاء  ha'ula'i - dieser, diese, dieses; dies.

 

BEOBACHTUNGEN

1 חנן , chanan

Die Antwort Jaakobs ist elliptisch, im Hebräischen und Arabischen zeigt dies in der Regel einen Nominalsatz an. Ergänzt wird eine Form von "sein". Im Deutschen haben wir Nominalsätze z. B. in Sprichwörtern, "wo kein Kläger, keine Klage" oder "wie du mir, so ich dir". 

Die Konjunktion אֲשֶׁר ,aschär, wird meistens behelfsweise übersetzt mit "von denen gilt:". Diese Offenheit wird auf verschiedene Weise in den Übersetzungen geschlossen. Die Herausforderung besteht dabei darin, wie das finite Verbחָנַ֥ן, chanan, dabei vorkommt. Dabei tauchen folgende Varianten auf:


LXX τὰ παιδία οἷς ἠλέησεν ὁ θεὸς τὸν παῖδά σου (Gen. 33:5 BGT)

LXXD Die Kinder, mit denen sich Gott deines Sklaven erbarmte.

VUL parvuli sunt quos donavit mihi Deus servo tuo

VULD Es sind die kleinen Kinder, die Gott mir, deinem Sklaven, geschenkt hat.

M B/M Es sind die Kinder, womit Gott deinen Knecht begnadigt hat.

WESTERMANN allein übersetzt in seinem Kommentar mit "begnadet".

Der Anklang an "Gnade" ist bei den meisten Übersetzungen verloren gegangen - auch bei Luther, bei dem es besonders verwundert, ist es doch sonst für ihn ein Leitbegriff; er findet sich in den jüdischen Übersetzungen von Mendelssohn, B/M und Zunz, sowie bei Schlachter, Westermann und ELB NL D83 und D92 et moi. 

Die Septuaginta steht allein mit einer Form von "erbarmen". 

Jehuasch geht einen eigenen Weg. Er übersetzte:

SBJ   

2 dienerlos

Dass Jaakob sich selbst als Sklave/Diener bezeichnet, passt wohl moderneren Übersetzungen nicht. Es findet sich nicht in der BFC und nicht in der GNB!

BFC «Les enfants que Dieu m'a accordés», répondit Jacob.

GNB "Das sind die Kinder, die Gott mir geschenkt hat", sagte Jakob.

 

3 Frauen

HIRSCH, Pentateuch, Genesis S. 421,  fällt auf, dass Jaakob in seiner Antwort nicht von den Frauen spricht, nach denen sein Bruder gefragt hat.

NACHTRAG zu Gen 33,4  "und sie weinten"

Die Zusammensetzung der Schminke am französischen Hof und ihre europäischen Nachahmer brachte es mit sich, dass es höchst unschicklich aussah und roch, wenn Männer weinten. Daher mag der Spruch kommen, "Männer weinen nicht". In der Antike war dies - wie auch Gen 33,4 - gänzlich undenkbar. In der Illias und besonders der Odyssee sind es vor allem Männer, die weinen.

 

 

 

 

*

 

 

Q 92,19

وَمَا لِأَحَدٍ عِندَهُۥ مِن نِّعْمَةٍ تُجْزَىٰٓ

VOKABELN

نعم , a - in Wohlstand leben;

جزى , a - vergelten, belohnen, bestrafen, ausgleichen.

NOMEN

نعمة , naaama - Wohlleben;

نعمة , niaama pl. niaam - Gnade, Wohltat, Güte.

PARTIKEL

ما  - mit Perfekt: nicht;

احد f. احدى - einer, eine, jemand;

عند  - bei, neben.

 

mE

und keiner bei ihm von einer Wohltat belohnt wird

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) 

Und suchte keinen Lohn dafür hienieden

 

ULLMANN (1840)

und der von keinem Vergeltung seiner Wohltaten verlangt

 

HENNING (1901)

Und nicht als Lohn für erhaltene Wohltaten,

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Und niemand eine Wohltat erweist, um sie sich vergelten zu lassen.

 

PARET (1979, 2001)

nicht dass jemand bei ihm eine Wohltat guttäte, die (damit) heimgezahlt würde

 

KHOURY (1987, 1992)

nicht das jemand bei ihm einen Gunsterweis guttäte, der vergolten werden müsste,

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Niemand hat bei ihm eine Gabe gut, die er zu begleichen hat.

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

und niemand hat bei ihm eine Gunst (anzurechnen), die vergolten werden müsste.

 

KARIMI (2009)

ohne zu suchen dafür den Lohn,

 

BOBZIN (2010, 2017)

Es gibt bei ihm für keinen eine Wohltat, die vergolten werden müsste,

 

NEUWIRTH (2011)

und keine Gunst erweist des Lohnes wegen

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (01.04.2022)

ohne dass jemand bei ihm Anrecht auf die Vergeltung einer Wohltat hätte,

 

 

 

 

Gen 33,6 und Q 92,20 

 


Köln-Merkenich, am 
Mittwoch, den 11. Mai 2022

 

Esau wird Ehre entboten

‎וַתִּגַּ֧שְׁןָ הַשְּׁפָח֛וֹת הֵ֥נָּה וְיַלְדֵיהֶ֖ן וַתִּֽשְׁתַּחֲוֶֽיןָ׃ (Gen. 33:6 WTT)

VOKABELN

נגשׁ  - sich nähern;

חוה - STAMM HISTAFAL sich verbeugen, s. Gen 33,3

 

mE

Und die Sklavinnen näherten sich, sie und ihre Kinder, und sie verbeugten sich.

 

Buber/Rosenzweig

Die Mägde, sie und ihre Kinder, traten herzu und verneigten sich.

 

van Dyke

.فَاقْتَرَبَتِ الْجَارِيَتَانِ هُمَا وَأَوْلاَدُهُمَا وَسَجَدَتَا (Gen. 33:6 AVD)

VOKABELN

VERBEN

قرب - nähe sein (von من), sich nähern (jemandem من); HIER VIII. STAMM (= Reflexiv der 1. Form): sich nähern (jemandem  من );

سجد , u - sich niederwerfen (im Gebet).

 

BEOBACHTUNGEN

1

Luther sieht sich genötigt dem Verb "sich neigen" ein Objekt folgen zu lassen:

LUT L17 und neigten sich vor ihm.

L45 vnd neigten sich fur jm.

Die jüdischen Übersetzungen Mendelssohn, Zunz und Hirsch übersetzen mit "bückten sich", Jehuasch mit 

SBJ   האבן זיך געבוקט , hobn sich gebukt

 

2

Was in Gen 33,3 ausdrücklich gesagt wird, ergänzt hier die ältere dänische Übersetzung

D83 kastede sig til jorden (verbeugten sich zur Erde)

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag,
den 12. Mai 2022

 

Q 92,20

إِلَّا ٱبْتِغَآءَ وَجْهِ رَبِّهِ ٱلْأَعْلَىٰ

VOKABELN

VERB

بغى , i - 1) begehren, 2) unterdrücken, Unrecht tun; HIER VIII. STAMM: wünschen, erstreben.

NOMEN

وجه  pl. وجوه oder  اوجه - Gesicht, Antlitz;

رب  pl.  أرباب arbab - Herr;

أعلى  f.  عليا ulja pl. على uulan - oberer, Oberhöchster.

PARTIKEL

الا  illa  - außer.

 

mE

außer es erstrebt seines obersten Herrn Gesicht

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) ab Vers 19

Und suchte keinen Lohn dafür hienieden

Nur dass ihm sei das Antlitz seine hohen Herrn beschieden;

 

 

ULLMANN (1840)

sondern nur dahin strebt, das Angesicht seines Herrn, des Allerhöchsten, zu schauen.

 

HENNING (1901)

Sondern nur im Trachten nach dem Angesicht seines Herren,

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Sondern aus Verlangen nur nach dem Antlitz seines Herrn, des Höchsten.

 

PARET (1979, 2001)

sondern aus reiner Hingabe an seinen (aller)höchsten Herrn (wörtlich: nur im Streben nach dem Antlitz seines (aller)höchsten Herren).

 

KHOURY (1987, 1992)

sondern in der Suche nach dem Antlitz seines Herrn, des Allerhöchsten.

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Er gibt nur Gott, dem Allerhöchsten zuliebe.

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

sondern (er handelt) im Trachten nach dem Angesicht seines höchsten Herrn.

 

KARIMI (2009)

sondern allein aus dem Streben nach dem Antlitz seines Herrn, des Höchsten.

 

BOBZIN (2010, 2017)

es sei denn, im Trachten nach dem Wohlgefallen seines höchsten Herren.

 

NEUWIRTH (2011)

nur im Streben nach dem Antlitz deines Herrn, des Höchsten.

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (04.04.2022)

sondern nur im Streben nach dem Angesicht seines höchsten Herrn;

 

BEOBACHTUNGEN

Welche Art von Frömmigkeit ist es, in diesem Vers das "Antlitz Gottes" verschwinden zu lassen? Ist es gotteslästerlich davon zu sprechen? Merkwürdigerweise verbinden sich die Übersetzungen der Al Azhar/Maher mit der von Bubenheim/Elyas und Bobzin.

 

KOMMENTAR

1 des Herrn Antlitz suchen

Corpus Coranicum erkennt hier eine biblische Wendung:

"Die Wendung ist, wie Baljon 1953 gezeigt hat, ein biblischer Topos, s. etwa Psalm 27:8: אֶת־פָּנֶ֖יךָ יְהוָ֣ה אֲבַקֵּֽשׁ, „Dein Gesicht, Herr, will ich suchen” (vgl. a. Psalm 105:4, 2 Samuel 21:1, Hosea 5:15); s. a. Rippin 2000 ."

LIT.: Baljon, J. M. S. : To seek the face of Godʼ in Koran and Hadith. In: Acta Orientalia 21, S. 254-266, 1950-1953.

Rippin, A.: "Desiring the face of God": the Qur'ānic symbolism of personal responsibility. In: Literary structures of religious meaning in the Qur'ān. Ed. Issa J.Boullata. S. 117-124. Richmond (Surrey), 2000; https://bibliographies.brillonline.com/entries/index-islamicus/desiring-the-face-of-god-the-quranic-symbolism-of-personal-responsibility-A250859

 

2 allerhöchster Herr

Auch dies ist eine Formulierung, die Parallelen in der Bibel hat:

„al-ʾaʿlāMit dem Gottesnamen elyôn bietet der gerade zitierte Psalmvers 9:3 auch eine Parallele zu dem koranischen Gottesattribut al-ʾaʿlā ( Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 256 ); vgl. a. Numeri 24:16, Deuteronomium 32:8 sowie Psalm 21:8, 46:5 u. a., wo ʿelyôn (ohne Artikel) ebenfalls als Gottesname steht. Nicht als eigenständiger Gottesname, sondern als Attribut begegnet das Wort in אֵ֥ל עֶלְיֽוֹן, „höchster Gott“, s. Genesis 14:18–20.22; vgl. auch das neutestamentliche theos hypsistos, das etwa in Markus 5:7, Lukas 8:28, Apostelgeschichte 7:48 u. a. erscheint ( Ahrens 1930, 43 ; vgl. ausführlicher TUK, Nr. 268). Auch das koranische al-ʾaʿlā fungiert als Attribut und erscheint bezogen auf Gott immer nach rabb + Possesivsuffix (vgl. neben dem vorliegenden Vers noch 79:24 und 92:20). Die engste biblische Parallele zur koranischen Verwendung bieten deshalb Stellen wie Psalm 47:3 und 97:9, wo jeweils YHWH elyôn steht, traditionell gelesen als ādônāy (= rabb) elyôn.“

 

 

 

 

Gen 33,7 und Q 92,21 

 


Köln-Merkenich, am Freitag,
den 13. Mai 2022

 

Die Ehrerbietung Esau gegenüber wird fortgesetzt:

‎ וַתִּגַּ֧שׁ גַּם־לֵאָ֛ה וִילָדֶ֖יהָ וַיִּֽשְׁתַּחֲו֑וּ וְאַחַ֗ר נִגַּ֥שׁ יוֹסֵ֛ף וְרָחֵ֖ל וַיִּֽשְׁתַּחֲוֽוּ׃ 

 (Gen. 33:7 WTT)

 

mE

Es näherten sich auch Leah mit ihren Kindern und sie verneigten sich und danach kam Josef näher und Rachel und sie verneigten sich.

 

Buber/Rosenzweig

Auch Lea trat herzu und ihre Kinder und sie verneigten sich.

Danach trat Jossef herzu und Rachel und sie verneigten sich.

 

van Dyke

.‎   ثُمَّ اقْتَرَبَتْ لَيْئَةُ أَيْضًا وَأَوْلاَدُهَا وَسَجَدُوا. وَبَعْدَ ذلِكَ اقْتَرَبَ يُوسُفُ وَرَاحِيلُ وَسَجَدَا    (Gen. 33:7 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN

1 Singular/Plural

Im zweiten Teil des Satzes steht im Hebräischen der Singular "trat Jossef herzu" B/R, obwohl Josef und Rachel gemeint sind.

Das hat die Septuaginta so nicht stehen lassen können und übersetzt mit einer Pluralform:

LXX καὶ μετὰ ταῦτα προσήγγισεν Ραχηλ καὶ Ιωσηφ καὶ προσεκύνησαν

LXXD und danach näherten sich Rachel und Joseph und sie fielen ehrfürchtig nieder.

Ebenso führen die Pluralform LUT L17 ELB ZUR EIN NL ZUNZ SBJ und erstaunlicherweise auch WESTERMANN.

 

2 Josef und Rachel

In Vers 2 wurde als Reihenfolge genannt Rachel und Josef. Hier erscheinen beide in umgekehrter Reihenfolge, erst Josef dann seine Mutter. Im Targum Jonathan zu dieser Stelle wird dies gewürdigt: Joseph "hid her by his stature", 

https://www.sefaria.org/Genesis.33.7?ven=The_Contemporary_Torah,_Jewish_Publication_Society,_2006&vhe=Miqra_according_to_the_Masorah&lang=bi&with=Targum%20Jonathan%20on%20Genesis&lang2=en

So auch HIRSCH, "da trat Josef als Ritter schützend vor die Mutter", Pentateuch S. 421.

Die Septuaginta hat diese Umkehrung nicht übernommen, sondern Josef nachgestellt, s. o.

 

3 verneigten

HIRSCH sind die Verse 6 und 7 eine längere Ausführung wert, Pentateuch S. 421. Nach ihm hat sich Lea NICHT verneigt, sondern nur die Kinder. Sein Argument: Im Vers 6 steht das Verb "verneigen" in der femininen Form - es bezieht sich auf die Sklavinnen und ihre Kinder, die sich verneigen. Die sonstige Regel, dass wenn ein männliches Wesen anwesend ist, das Verb männlich ist, wird hier also missachtet. Im ersten Teil von Vers 7 dagegen steht das Verb in der männlichen Form, bezieht sich nach Hirsch also nur auf die Kinder, die sich verneigen, nicht auf Lea. Das ist eine schöne Beobachtung. Dagegen spricht, dass bei Rachel und Josef erneut die plurale männliche Form steht und hier beide gemeint sind, der Junge und seine Mutter.

 

Köln-Merkenich, am Samstag,
den 14. Mai 2022

 

Nachdem meine Frau und ich über diesen Vers sprachen und ich eine Nacht darüber geschlafen habe, kann ich der Beobachtung von HIRSCH etwas abgewinnen, wenn auch meine Begründung anders ist (oder ich habe Hirsch noch nicht recht verstanden?) 

HIRSCH war ja bereits aufgefallen, dass Jaakob in seiner Antwort auf die Frage seines Bruders Esau, was mit den Frauen und Kindern ist, nur auf die Kinder antwortet - frei nach dem Motto: 'Meine Frauen gehen dich nichts an', Gen 33,5. 

In Gen 33,6 wird von den Sklavinnen und ihren Kindern berichtet, dass sie sich nähern - in der weiblichen Form Plural. "Und sie warfen sich nieder", steht auch in der femininen Form im Plural. Hier ist also zweimal das Signal: Die Kinder zählen jetzt nicht mit, es verbeugen sich die Sklavinnen. D. h. Erwachsene werden hier von den Kindern unterschieden.

Gen 33,7: Auch Lea naht und ihre Kinder; "und sie verbeugten sich" steht im Plural in der maskulinen Form: D. h.: Jetzt sind die Kinder gemeint - aber nicht Lea!

Zum Schluss treten Josef und Rachel herzu. Der Plural ist auch hier männlich, meint jetzt aber Rachel mit - es sei denn es wäre von Josef im Plural die Rede, "Ihre Majestät!", was ein schöne Verklammerung der Jakob-Esau-Novelle mit der Josefs-Erzählung wäre, oder ist das zu weit hergeholt?

Hier die Argumentation von HIRSCH mit weiteren interessanten Aspekten, Pentateuch S. 421:

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am Montag,
den 16. Mai 2022

 

Q 92,21

وَلَسَوْفَ يَرْضَىٰ

VOKABELN

VERB

رضى  , a - zufrieden sein (mit ب), Wohlgefallen finden (an عن), einverstanden sein.

PARTIKEL

ل - Bekräftigungs- und Schwurpartikel; dienst zum Ausdruck des Dativs;

سوف - Futurpartikel.

 

mE

und wird dafür zufrieden sein.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Einst wird er seyn zufrieden.

 

ULLMANN (1840)

Dieser wird einst mit seiner Belohnung sehr zufrieden sein.

 

HENNING (1901)

Er wird gewiss zufrieden sein.

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Und zufrieden sein wird er dereinst.

 

PARET (1979, 2001)

Er wird (mit dem Lohn, der ihm dereinst zuteil wird) zufrieden sein.

 

KHOURY (1987, 1992)

Und wahrlich, er wird zufrieden sein.

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Ihm wird Gottes Wohlgefallen gewiss zuteil werden.

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Und er wird wahrlich zufrieden sein.

 

KARIMI (2009)

Wahrlich, er wird zufrieden sein.

 

BOBZIN (2010, 2017)

Dann wird er gewiss zufrieden sein.

 

NEUWIRTH (2011)

Der wird zufrieden werden.

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (01.04.2022)

er wird zufrieden sein.

 

BEOBACHTUNGEN

MAHER/AL AZHAR verstehen das Verb يَرۡضَىٰ, jerda, als Substantiv:

رضى -  Zufriedenheit, Einverständnis, Wohlgefallen. Wahrscheinlich, weil sie das لَ, l, vor dem Zukunftspartikel nicht als Vergewisserung, Assertion verstehen - s. die Übersetzer, die hier von "wahrlich" (KHOURY, BUBENHEIM/ELYAS, KARIMI) oder "gewiss" (HENNING, MAHER/AL AZHAR, BOBZIN) sprechen - , sondern als Dativ, Maher personal, ich sächlich, so auch PARET, in der Klammer länger ausgeführt.

 

KOMMENTAR

Zum gesamten Abschnitt Verse 14-21 heißt es im Kommentar vom Corpus Coranicum ("Gesätz" ist dabei eine ungewöhnliche Bezeichnung für eine Strophe, sie wird normalerweise für Minnelieder verwendet. Der Begriff wurde, so die Einleitung zum Kommentar, "von Alfred Bloch auf die altarabische Dichtung angewandt und dann von Neuwirth für den Koran" angewandt, https://corpuscoranicum.de/kommentar/einleitung):

"Das dritte Gesätz verhält sich in zweierlei Hinsicht chiastisch zum zweiten: Zum einen wird die Reihenfolge Seliger – Verdammter (V. 5–7 und V. 8–11) jetzt invertiert (V. 14–16 Verdammter, V. 17–20 Seliger); dabei werden die beiden auf den Seligen bezogenen Außenkomponenten dieses Chiasmus, V. 5–7 und V. 17–20, durch den Gebrauch von ittaqā und ʾatqā (V. 5 und 17) miteinander in Bezug gesetzt. Andererseits sind auch die einzelnen Hälften der Antithese jeweils spiegelbildlich aufgebaut: In V. 5–7 und V. 8–11 ging zunächst ein Tugend- bzw. Lasterkatalog voraus, auf den dann jeweils ein Drohwort bzw. eine Verheißung folgten, während in V. 14–16 und V. 17–20 Drohung und Verheißung an erster Stelle und die für den Seligen und den Verdammten charakteristischen diesseitigen Handlungsweisen an zweiter Stelle stehen.

Beide Gesätze sind auch noch insofern aufeinander bezogen, als sich die zweite Antithese (V. 14 ff.) insgesamt als eine Entfaltung und Konkretisierung des ersten (V. 5 ff.) verstehen lässt. Das Jenseitsschicksal von Seligen und Verdammten wird im zweiten Gesätz zunächst noch durch ein Wortspiel (V. 7.10) umschrieben; erst der Anfangsvers des dritten Gesätzes (V. 14) vereindeutigt die recht unbestimmte Drohung aus V. 10 („dem werden wir es leicht machen, zum Schweren zu gelangen“) zum Bild des lodernden Höllenfeuers. Die daraus resultierende dramaturgische Sequenz von rätselhafter Anspielung und schockierender Entschlüsselung erinnert an die in anderen frühen Suren auftretenden Lehrfragen, bei denen eine Gerichtsdrohung durch die Verwendung eines ungewöhnlichen Begriffs zunächst mit einer kalkulierten Unverständlichkeit operiert, die dann durch ein lexikalisch geradlinigeres Höllenszenario aufgelöst wird (vgl. Q 104:4 ff.: „Nein! Gewiss wird er in den Trümmerer (al-ḥuṭama) geworfen, / Was lehrt dich, was der Trümmerer ist? / Das entfachte Feuer Gottes, / welches die Herzen verschlingt!“). Eine analoge Sequenz aus Enigma und eschatologischer Auflösung liegt Q 102:3–8 zu Grunde.

Das dritte Gesätz stellt noch unter zwei weiteren Gesichtspunkten eine Entfaltung des zweiten dar: Erstens wird der Gegensatz zwischen Gutem und Bösem jetzt terminologisch auf den Punkt gebracht, insofern beide nicht nur durch Relativsätze (man ...) qualifiziert, sondern mit prägnanten Bezeichnungen (V. 15: al-ʾašqā, V. 17: al-ʾatqā) belegt werden. Zweitens geht die Charakterisierung des „Gottesfürchtigen“ in V. 17–20 (die um zwei Verse länger als der vorangehende Negativteil ist und insofern im Zentrum des dritten Gesätzes steht) näher auf Motive und Umstände der bereits in V. 5 angesprochenen Mildtätigkeit der Seligen ein: Der Gottesfürchtige gibt um seiner ethischen Reinheit willen (V. 18) und nicht aufgrund weltlicher Beweggründe wie der Rückerstattung empfangener Wohltaten (V. 19); er gibt, wie der vorletzte Vers mit dem Zitat einer ursprünglich biblischen Metapher verdichtend festhält, „im Streben nach dem Angesicht seines Herrn“.

Der Text schließt mit einer erneuten Verheißung. Wie in allen anderen frühmekkanischen Suren ist die dem Seligen angekündigte „Zufriedenheit“ (vgl. insb. 93:5) auch hier eschatologisch (und nicht im Sinne einer „spirituellen Ausgeglichenheit“, so Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 234 ) zu verstehen."

 

 

 

 

Gen 33,8 und Q 94 

 


Köln-Merkenich, am Dienstag und Mittwoch,
den 17. und 18. Mai 2022

 

Esau fragt:

‎וַיֹּ֕אמֶר מִ֥י לְךָ֛ כָּל־הַמַּחֲנֶ֥ה הַזֶּ֖ה אֲשֶׁ֣ר פָּגָ֑שְׁתִּי וַיֹּ֕אמֶר לִמְצֹא־חֵ֖ן בְּעֵינֵ֥י אֲדֹנִֽי׃

 (Gen. 33:8 WTT)

VOKABELN:

VERBEN

פגשׁ - treffen, begegnen;

מצא - erreichen, erlangen, finden.

NOMEN

מַחֲנֶה  - Lager, Heer.

 

mE

Und er sprach: Was ist für dich all das ganze Heer, dieses, das ich traf? Und er antwortete: Um Gnade zu finden in den Augen meines Herrn.

 

Buber/Rosenzweig

Er sprach:

Was hast du vor mit all diesem Lager, auf das ich gestoßen bin?

Er aber sprach:

Gunst zu finden in den Augen meines Herrn.

 

van Dyke

‎.«لأَجِدَ نِعْمَةً فِي عَيْنَيْ سَيِّدِي»  ‎ : فَقَالَ: «مَاذَا مِنْكَ كُلُّ هذَا الْجَيْشِ الَّذِي صَادَفْتُهُ؟» فَقَالَ (Gen. 33:8 AVD)(Gen. 33:8 AVD)

VOKABELN

صدف

- 1 abwenden; 2 geschehen, sich ereignen; HIER III. STAMM: antreffen, begegnen;

جد  - neu sein, sich bemühen, streben; HIER IV. STAMM: sich bemühen, erneuern.

NOMEN

نعمة  niaama,  pl.  نعم  niaam - Gnade, Wohltat, Güte.

 

BEOBACHTUNGEN

1 FRAGE

Die Frageform  מִ֥י לְךָ֛ , mi lcha, kommt nur zweimal in der hebräischen Bibel vor, hier und Gen 19,12; dort meint es "(noch) jemand mit dir?" Fast alle eingesehenen Übersetzungen formulieren wie beispielshaft LUT:

LUT L17 ELB EIN SCH ZUR M B/M BiG NL D83 D92 Was willst du

Die englischen und französischen Übersetzungen machen es sich nicht ganz so leicht:

KJV What meanest thou

NAS ESV What do you mean

LSG À quoi destines-tu

BFC Que comptais-tu faire

ZUNZ und HIRSCH weichen ab: 

ZUNZ HIRSCH Was soll dir

Ähnlich Jehuasch:

SBJ   וואס איז ביי דיר 

  , wos is bei dir

2 מַחֲנֶה, machanah, Lager, Heer

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag,
den 19. Mai 2022

 

Q 94

بِسْمِ ٱللَّهِ ٱلرَّحْمَـٰنِ ٱلرَّحِيمِ

VOKABELN

VERBEN

رحم , a - sich erbarmen

NOMEN

رحم pl.  أرحام - Mutterleib, Gebärmutter - wie im Hebräischen das gleiche Wort!

 رحمة - Erbarmen, Mitleid, Gnade

ADJEKTIVISCH

رحمان  oder  رحمن  - barmherzig

 رحيم - barmherzig (Beiname Gottes).

 

mE

Im Namen Gottes, des barmherzigen Erbarmers.

 

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Im Namen Gottes, des allbarmherzigen Erbarmers (aus Sure 1, S. 3)

 

ULLMANN (1840)

Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen.

 

HENNING (1901)

Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen!

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Allbarmherzigen.

 

PARET (1979, 2001)

Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes.

 

KHOURY (1987, 1992)

Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen.

 

MAHER/Al AZHAR (1999)

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen.

 

KARIMI (2009)

Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers

 

BOBZIN (2010, 2017) / 

NEUWIRTH / 

CORPUS CORANICUM: 

Im Namen Gottes, des barmherzigen Erbarmers

 

 

BEOBACHTUNGEN s. dazu den Eintrag oben  zu Gen 31,6 und Q 93.




Gen 33,9 und Q 94,1 

 


Köln-Merkenich, am Freitag,
den 20. Mai 2022

 

Ein kleines Weltereignis:

‎  וַיֹּ֥אמֶר עֵשָׂ֖ו יֶשׁ־לִ֣י רָ֑ב אָחִ֕י יְהִ֥י לְךָ֖ אֲשֶׁר־לָֽךְ׃ 

 (Gen. 33:9 WTT)

NOMEN/PARTIKEL

יֵשׁ - Eigentum, Vorhandensein; sein, da sein, es gibt.

 

mE

Und Essaw sprach: Da ist reichlich bei mir, mein Bruder, es sei für dich was bei dir ist.

 

Buber/Rosenzweig

Essaw sprach:

Ich habe viel, mein Bruder, bleibe dein was dein ist.

 

van Dyke

‎.» فَقَالَ عِيسُو: «لِي كَثِيرٌ، يَا أَخِي. لِيَكُنْ لَكَ الَّذِي لَكَ(Gen. 33:9 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN:

Das kleine Welterereignis ist: Das letzte Mal als aus Essaws Mund von seinem Bruder die Rede war, klang es so:

Und Esau war Jakob gram um des Segens willen, mit dem ihn sein Vater gesegnet hatte, und sprach in seinem Herzen: Es wird die Zeit bald kommen, dass man um meinen Vater Leid tragen muss; dann will ich meinen Bruder Jakob umbringen. (Gen. 27:41 L17)

Wie anders klingt es jetzt!

Die Septuaginta traut dem Braten nicht. Sie lässt das Possesivpronomen "mein" aus, schließlich ist Essaw der Stammvater von Edom und der Edomiter und damit hatte man nicht die besten Beziehungen, spätestens seitdem sie an der Zerstörung Jerusalems 587 v. Chr. mitgewirkt haben, vgl. Ps 137,7-9; Jes 34,5ff u. ö., ein Ereignis, das Juden nach Ägypten fliehen ließ - Jeremia allerdings unfreiwillig Jer 43,7 . 

LXX εἶπεν δὲ Ησαυ ἔστιν μοι πολλά ἄδελφε ἔστω σοι τὰ σά (Gen. 33:9 BGT)

LXXD Esau aber sagte: Ich habe viel, Bruder; behalte du das Deinige.

Die dänischen Übersetzungen schließen sich an, für mich unerklärlich:

D83 Men Esau sagdt: "Jeg har nok, broder; behold du, hvad dit er!"

D92 Men Esau sagde: «Jeg har rigeligt, bror. Behold du, hvad der er dit.»

Es ist nicht so, dass man das im Griechischen und Dänischen nicht sagen könnte, wie Gen 27,41 zeigt:

LXX ... ἵνα ἀποκτείνω Ιακωβ τὸν ἀδελφόν μου

LXXD  ... damit ich meinen Bruder Jakob töte.

(D83)/D92 Så vil jeg slå min bror (broder) Jakob ihjel.

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am Montag,
den 23. Mai 2022

 

Q 94,1

أَلَمْ نَشْرَحْ لَكَ صَدْرَكَ

VOKABELN

VERB

شرح  ,a - zerschneiden, öffnen, erklären.

NOMEN

صدر  pl.  صدور sudur  - Brust, Busen; Anfang, Frühzeit.

PARTIKEL

الم  - hat nicht? ist nicht?

 

mE

Haben wir dir nicht deine Brust geöffnet?

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Erschlossen wir dir nicht die Brust,

 

ULLMANN (1840)

Gaben wir nicht deiner Brust Aufschließung,

 

HENNING (1901)

Haben wir nicht deine Brust geweitet 

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Erschlosen wir dir nicht deine Brust?

 

PARET (1979, 2001)

Haben wir dir nicht deine Brust geweitet (d. h. haben wir dir nicht (wieder) Mut gemacht?)

 

KHOURY (1987, 1992) / 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Haben Wir dir nicht deine Brust geweitet

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

haben Wir dir nicht deine Brust aufgetan

 

KARIMI (2009)

Haben wir dir nicht geweitet die Brust

 

BOBZIN (2010, 2017)/ NEUWIRTH (2011)/ CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (01.04.2022)

Haben wir dir nicht die Brust geweitet,

 

BEOBACHTUNG

صدرك, sadraka

Nicht alle übersetzen das Possesivsuffis   ك, ka, "dein", beim Nomen صدر, sadr, "Brust" mit. Außer Rückert sind es auffallernderweise die neueren Übersetzungen, die hier den Text glätten.

KOMMENTAR

 

CORPUS CORANICUM setzt sich mit einer islamischen Tradition auseinander und erwähnt eine Psalmstelle, Ps 4,2, als Parallele:

"ʾa-lam našraḥ laka ṣadrakDer Vers verbindet sich in der islamischen Tradition mit der Legende von einer durch Engel vorgenommenen Öffnung von Muḥammads Brust zum Zwecke der Reinwaschung seines Herzens. Gegen die Annahme, dass sich hierin der ursprüngliche Sinn des Verses findet, sprechen einerseits traditionskritische Untersuchungen der betreffenden Überlieferung (s. Birkeland 1955 und Rubin 1995, 59–75 ), andererseits die Tatsache, dass das Verb šaraḥa, „weit öffnen“, in Verbindung mit dem Objekt ṣadr, „Brust“, auch an anderen Koranstellen einen idiomatischen Sinn hat: Es bedeutet entweder „jemandem Erleichterung verschaffen“ (vgl. die Bitte Moses’ in Q 20:25) oder aber, ergänzt um einen weiteren Präpositionalausdruck wie li-l-ʾislām, „jemandes Herz für den Glauben / Unglauben öffnen“ (Q 6:125, Q 16:106, Q 39:22; s. Ambros, Dictionary, s. v. š-r-ḥ ; vgl. auch Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 90 ). Wie auch in V. 2 und 4 könnte dabei eine psalmische Bildsprache im Hintergrund stehen, vgl. Psalm 4:2: בַּ֭צָּר הִרְחַ֣בְתָּ לִּ֑י, „In der Not hast du mir Weite geschaffen“ (vgl. Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 90 , wo allerdings keine konkrete Psalmenstelle genannt wird). – Einen unmittelbaren Einsatz im Register göttlicher Wir-Rede weisen auch die verwandten Texte 97:1 und 108:1 auf."

Weitere Bibelstellen mit ähnlicher Konnotation können genannt werden:

2 Sa 22,20 Er führte mich hinaus ins Weite, er riss mich heraus; denn er hatte Lust zu mir. (L17)

Ps 18,20 Er führte mich hinaus ins Weite, er riss mich heraus; denn er hatte Lust zu mir. (L17)

Ps 31,9 und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes; du stellst meine Füße auf weiten Raum. ( L17)

Ps 118,5 Aus der Bedrängnis rief ich zum HERRN, der Herr erhörte mich und schuf mir weiten Raum. (ZUR)

NEUWIRTH, Frühmekkanische Suren, 90, führt zu صدر, sadr, "Brust" aus: 

"sadr bezeichnet ja nicht ausschließlich die Körperzone, sondern ist als Sitz psychischer Vorgänge und Eingenschaften bereits in der altarabischen Dichtung weitgehend austauschbar  mit qalb ("Herz"...)."



Gen 33,10 und Q 94,2 und Nachtrag zu Gen 33,3-4 

 


Köln-Merkenich, am Dienstag,
den 24. Mai 2022

 

Der zweite Höhepunkt der Jaakob-Esau-Novelle:

‎  וַיֹּ֣אמֶר יַעֲקֹ֗ב אַל־נָא֙ אִם־נָ֙א מָצָ֤אתִי חֵן֙ בְּעֵינֶ֔יךָ וְלָקַחְתָּ֥ מִנְחָתִ֖י מִיָּדִ֑י כִּ֣י עַל־כֵּ֞ן רָאִ֣יתִי פָנֶ֗יךָ כִּרְאֹ֛ת פְּנֵ֥י אֱלֹהִ֖ים וַתִּרְצֵֽנִי׃ 

 (Gen. 33:10 WTT)

VOKABELN:

VERBEN

מצא - finden, erlangen, treffen;

רצה - Wohlgefallen haben, erfreut werden.

NOMEN

מִנְחָה - Gabe, Opfergabe.

PARTIKEL

‎אַל־נָא  - nicht doch!

‎עַל־כֵּן - darüber, darum (HAWAT 2021 S. 257)

 

mE

Und Jaakob sprach:

Nicht doch! Dass ich doch Gnade finde in deinen Augen und du meine Gabe aus meiner Hand nimmst, denn darum: Ich sah dein Antlitz wie ein Sehen des Antlitz Gottes und du hast mich erfreut

 

Buber/Rosenzweig

Jaakob sprach:

Nimmer doch!

möchte ich doch Gunst in deinen Augen gefunden haben,

daß du meine Spende aus meiner Hand nehmest.

Denn ich habe nun doch einmal dein Antlitz angesehn, wie man Gottheitsantlitz ansieht,

und du warst mir gnädig,

 

van Dyke

.‎ فَقَالَ يَعْقُوبُ: «لاَ. إِنْ وَجَدْتُ نِعْمَةً فِي عَيْنَيْكَ تَأْخُذْ هَدِيَّتِي مِنْ يَدِي، لأَنِّي رَأَيْتُ وَجْهَكَ كَمَا يُرَى وَجْهُ اللهِ، فَرَضِيتَ عَلَيَّ (Gen. 33:10 AVD)

VOKABELN

VERBEN

وجد  - finden, antreffen, erlangen;

أخذ  , u - nehmen;

رضى  , a - zufrieden sein; Wohlgefallen finden (an عن ).

NOMEN

نعمة niaama, pl. نعم  - Gnade, Wohltat, Güte;

وجه  pl.  وجوه - Gesicht, Antlitz.

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, 
den 25. Mai 2022

 

 

BEOBACHTUNGEN

1  חֵן, chen

Hier begegnet das gleiche Schema wie in Gen 33,8, s. d.

Davon weichen GN und GNB ab:

GN Wenn du mir nichts nachträgst

GNB Wenn du mir wieder gut bist

 

2 מִנְחָה, minchah

Im Wort klingt sowohl eine sakrale, "Opfergabe", wie eine profane Bedeutung, "Geschenk", mit (ThWAT 4,991). Als Opfergabe erscheint das Wort in Gen 4,3-5; Ex 30,9; Lev 7,37 u. ö. Somit ist mit diesem Wort die Brudermorderzählung von Kain und Abel präsent (Gen 4,1-16). Als "Geschenk" oder Tribut finden wir es in Gen 32,21f.

In diesem Vers changiert das Wort zwischen Beidem, beide Bereiche werde gleichzeitig berührt (vgl. ThWAT 4,995f).

Diese m. E. bewusste Doppeldeutigkeit geht bei den meisten Übersetzungen verloren, z. B. indem von "Geschenk" die Rede ist, so bereits mit der Septuaginta:

Am ehesten vermittelt diese Ambiguität vielleicht noch die Übersetzung mit "Gabe" mE oder "Spende", B/R und ausdrücklich beides in einem Wort und darin ausgesprochen geschickt HIRSCH:

HIRSCH "Huldigungsgeschenk"!

 

3  כִּרְאֹ֛ת פְּנֵ֥י אֱלֹהִ֖ים, ki re'oth peni elohim

Das zweimalige Vorkommen des Wortes "Angesicht" nimmt auf, was mit Gen 32,21f und Gen 32,31 vorbereitet wurde. Die Begegnung mit dem Angesicht Gottes - ein Ausdruck, der sonst nur in Ps 42,3 vorkommt -, Gen 32,31, kommt zu ihrem Höhepunkt in der barmherzigen, von Gnade erfüllten Begegnung der ehemaligen Feinde. 

Dass diese Begegnung zwischen zwei Männern, zwei Brüdern, mit einer Gottesbegegnung vergleichen wird, ist singulär im Alten Testament. 

Entsprechend nah an einer Gotteslästerung klingt dieser Vers. Bereits die Septuaginta hat das Anstößige daran soweit wie möglich herausgenommen, indem dort vom Konjunktiv die Rede ist:

LXX εἶδον τὸ πρόσωπόν σου ὡς ἄν τις ἴδοι πρόσωπον θεου

LXXD Deswegen sah ich dein Angesicht, wie einer wohl das Angesicht Gottes sehen dürfte

Hieronymus folgt dieser Versetzung in den Möglichkeitsfall:

VUL sic enim vidi faciem tuam quasi viderim vultum Dei esto mihi propitius

VULD Ich habe nämlich dein Gesicht so gesehen, wie wenn ich das Angesicht Gottes gesehen hätte. 

Andere verstärken den Vergleich:

MENDELSSOHN hat das Anstößige verringert, in dem von "göttlichen Wesen" spricht. 

HIRSCH ist noch einen Schritt weitergegangen, bei ihm verschwindet das Anstößige ganz:

HIRSCH wie zu einem Richter aufgeschaut

 
Köln-Merkenich, am Freitag und Samstag,
den 3. und 4. Juni 2022

 

BENNO JACOB (s. u.) findet hier "die Sprache des Kultus. Das Erscheinen beim Heiligtum am Wallfahrtsfest heißt: Das Antlitz der Gottheit sehen, oder, was dasselbe ist, sich vor ihm sehen lassen (Ex 23,15.17; Ex 34,20.23; Dtr 16,16). Dabaei darf man nicht mit leeren Händen erscheinen." (S. 646)

 

 

 

 

*

 

 

Q 94,2

وَوَضَعْنَا عَنكَ وِزْرَكَ

VOKABELN

VERB

وضع , a - setzen, stellen, legen;

NOMEN

وزر  wisr, pl.  أوزار - Last, Bürde, Verantwortung, Sünde.

PARTIKEL

عن - von, von - weg, auf Grund von, als Ersatz für.

 

mE

und wir stellen von dir weg deine Last

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) von Vers 1 an

Erschlossen wir dir nicht die Brust,

Und nahmen ab dir deine Last

 

ULLMANN (1840)

haben deine Bürde erleichtert,

 

HENNING (1901)

Und deine Last von dir genommen,

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Und wir nahmen dir ab deine Last

 

PARET (1979, 2001)

dir deine Last abgenommen

 

KHOURY (1987, 1992) /  

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

und dir deine Last abgenommen

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

dir deine Bürde abgenommen,

 

KARIMI (2009)

und dir abgenommen die Last,

 

BOBZIN (2010, 2017)

dir nicht abgenommen deine Last,

 

NEUWIRTH (2011)

und die Bürde von dir genommen

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (05.05.2022)

und haben wir nicht die Bürde von dir genommen,

KOMMENTAR

 

CORPUS CORANICUM verweist darauf, "Entlastung des Rückens ist ein psalmisches Motiv, s. Psalm 81:7: הֲסִיר֣וֹתִי מִסֵּ֣בֶל שִׁכְמ֑וֹ כַּ֜פָּ֗יו מִדּ֥וּד תַּעֲבֹֽרְנָה, „Ich habe seine Schultern von der Last befreit, seine Hände sind vom Tragkorb erlöset.“ Vgl. auch Jes 9,3. Gibt es dazu Belege aus der syrisch-aramäischen Predigtliteratur?

 

NACHTRAG zu Gen 33,3+4

Durch ein Gespräch mit dem Leiter der Melanchthon-Akademie, Köln, Martin Bock, wurde ich auf den jüdischen Genesis-Kommentar von Benno Jacob, Berlin 1934, Neudruck Stuttgart 2000, aufmerksam. Und bin hocherfreut mein Verständnis dieser Verse weitestgehend bei ihm bestätigt zu sehen, S. 645 (Gu. steht für den Genesis-Kommentar von Gunkel):

Auf meine Lehrer im Alten Testament bin ich noch nachträglich sauer, weil sie mir die Tradition der jüdischen Schriftauslegung nicht vermittelten, vielleicht, weil sie es selber nicht wussten. Ich war blind dafür, denn während des Studiums las ich das Jüdische Lexikon rauf und runter und Teile aus der Enzyklopädia Judaica, aber dies blieb mir verborgen.

 

Gen 33,11 und Q 94,3 Nachtrag zu Gen 33,10 

 

Köln-Merkenich, am
Donnerstag, den 9. und Sonntag, den 12. Juni 2022
vor Bad Dürkheim, am Samstag, den 11. Juni 2022

 

Die Versöhnung wird besiegelt:

‎  קַח־נָ֤א אֶת־בִּרְכָתִי֙ אֲשֶׁ֣ר הֻבָ֣את לָ֔ךְ כִּֽי־חַנַּ֥נִי אֱלֹהִ֖ים וְכִ֣י יֶשׁ־לִי־כֹ֑ל וַיִּפְצַר־בּ֖וֹ וַיִּקָּֽח׃

 (Gen. 33:11 WTT)

VOKABELN 

VERBEN

בוא - hineingehen, HIER HOFAL: gebracht werden.

פצר - in jmd. dringen, nötigen.

 

mE

Nimm doch meine Segnung, die dir gebracht wurde, denn mich gnädigte Gott und weil ich alles hab; und er drang in ihn und er nahm.

 

Buber/Rosenzweig

so nimm denn meine Segensgabe, die dir gebracht worden ist!

Gott hat mich ja begünstigt, ich habe ja von allem.

Er drang in ihn, und er nahms.

 

van Dyke

.خُذْ بَرَكَتِي الَّتِي أُتِيَ بِهَا إِلَيْكَ، لأَنَّ اللهَ قَدْ أَنْعَمَ عَلَيَّ وَلِي كُلُّ شَيْءٍ» . وَأَلَحَّ عَلَيْهِ فَأَخَذَ  (Gen. 33:11 AVD)

VOKABELN

VERBEN

اتى  , a - kommen, bringen (jemandem etwas ه  ب );

لح  , i  - (Verwandtschaft) eng sein, nah sein; HIER IV. STAMM: drängen (zu على).

 

 

BEOBACHTUNGEN

1  בְּרָכָה, beracha - Segnung

a - Mit diesem Wort wird klar, dass die reichlich geschenkten Gaben kein Bestechungsversuch sind oder der Beschwichtigung dienen, sondern als Gaben Gottes verstanden werden. Es sind seine Gaben und nicht Eigentum Jaakobs, sie stehen also dem Bruder und seinem Clan zu. Das ist das Gleiche, was ich wahrnehme, wenn das Neue Testament erzählt, dass Jesus fünf Brote und zwei Fische nimmt und dankt: Damit sind es Gaben Gottes, sie gehören ihm und mit ihnen ist so umzugehen, wie es Gott, wie es der Barmherzigkeit gemäß ist, und teilt, Mt 14,19 par.

 

b - Zugleich verweist dies Wort auf den Ursprung der brüderlichen Entzweiung zurück: Vater Isaak hat nur einen Segen, den hat Jaakok mit Hilfe seiner Mutter erlistet, Gen 27,35. Was damals entzweite verbindet nun: Die Segnungen gehören beiden. Segen ist kein Haben (Gier, Kapitalismus) oder Sein (Status, Stand) - ihn so oder so zu verstehen führte zum Bruderzwist - , sondern ein Teilen (Gemeinschaft).

So auch HIRSCH, S. 422:

"בכורה [bechurah, Erstgeborener] und  ברכה [baracha, Segen] waren die beiden Punkte, die sie entzweit hatten. Über beide spricht sich Jakob aus."

So zunächst auch SEEBASS S. 408: "Mit dem Stichwort berakah wird im Kontext von Kap. 27 Empfindliches berührt." Jedoch fährt er fort: "An unserer Stelle wirkt es ganz unbefangen, weil der Segenswunsch für einen Herrschenden mit zugehöriger Gabe situationsgemäß ist. Ein den Konflikt von Kap. 27 lösendes Wort kann man hier nicht finden." Damit hat Seebass die jüdische Auslegung und mein Verständnis dieser Stelle abserviert. Seebass aber weiter: "Vielmehr ist es kein Reizwort mehr, Esau kann akzeptieren, dass Jakob ein Begnadeter ist und ihm einen Segenswunsch erteilt." Was m. E. widersprüchlich ist, denn der Verlust des Reizwertes setzt eine Veränderung und zwar gemessen an Gen 27,35, voraus. Seebass' Betonung der religionsgeschichtlichen Parallelen (Hofritual) würde nur dann uneingeschränkt gelten, wenn auch in diesem Vers wie in V 10 von  מִנְחָה, menacha, Geschenk, die Rede wäre, was es nicht ist.

 

c - Längst nicht alle eingesehenen Übersetzungen lassen den Bezug zu Gen 27,35 erkennen. Es ergeben sich zwei Gruppen, eine die von "Segen" und eine, die von "Geschenk" oder "Gabe" spricht und eine Mischgruppe, die beides verbindet. Die Septuaginta wie auch Hieronymus (aber nicht VULD!) benutzen hier jeweils das gleiche Wort wie in Gen 27,35!

Die Gute Nachricht, GN, lässt das Wort ganz aus und verweist mit „es“ auf Vers 10, wo von „Geschenk“ – NB als Übersetzung eines anderen Wortes! – die Rede war.

WEST erzählt im Kommentar die Erzählung nach, dort spricht er von "Segen".

Wo aber an dieser Stelle nicht von "Segen" die Rede ist, fehlt sozusagen der zweite Brückenpfeiler, der mit Gen 27 aufgebaute Spannungsbogen läuft ins Leere.

 

2 Die Logik der Vollkommenheit (Unteilbarkeit): 

"Segnung" steht im Hebräischen im Singular, so wie im Hebräischen auch im Singular vom "Gebirg" die Rede ist. Jaakob gibt reichlich, und sagt, dennoch, dass er alles hat. Hier begegnet mir die Logik der Vollkommenheit (zur früheren Verwendung des gleichbedeutenden Begriffs „Logik der Unteilbarkeit“ s. mein „Zelt der Friedensmacher“, Norderstedt 2019, S. 30): Was vollkommen ist, wird nicht weniger, wenn es geteilt wird. Der in Gen 27 unteilbare Segen (ThWAT 1,830 zu Gen 27,7 und Gen 27,37f) bleibt auch hier in der Einzahl. 

Anders die Septuaginta, die den Plural verwendet. 

JACOB S. 647 fällt dazu auf: "Esau sagt, ich habe viel, kann also auch mehr gebrauchen, Jacob, ich habe alles (was ich brauche, kann also unbesorgt abgeben)."

Die Übersetzung der überarbeiteten Lutherübersetzungen verunklaren m. E. diese Bedeutung:

LUT L17 ich habe von allem genug

Interessanterweise übersetzte Luther selbst noch anders:

L45 ich habe alles gnug

 

3 חַנַּ֥נִי channani, „gnädigte mich“ (mE): 

Im Hebräischen steht eine Verbform von  חנ, "Gnade". Das ist ein biblischer Leitbegriff und man sollte annehmen, dass dies auch hier in den Übersetzungen berücksichtigt wird. Bereits Hieronymus scheint dies gleichgültig zu sein. Ihm sind nicht wenige gefolgt:

Jehuasch hat hier, wie an den anderen vergleichbaren Stellen:    

SBJ  

ווייל גאט האט מיר געלייטזעליקט

 weil got hat mich geleutselikt! In Gen 27,35 übersetzt Jehuasch mit dem Hebraismus 

ברכה

 „baracha“.

„Gnädigen“ ist i. Ü. kein Neologismus, laut GRIMM, Deutsches Wörterbuch 4,608, gab es einst das Wort "gnädigen", im Neuhochdeutschen von „gnaden“ verdrängt, dies ist inzwischen auch verloren gegangen. Der Nominalstil bzw. die adjektivische Verwendung haben sich durchgesetzt.

 

 

Nachtrag zu Gen 33,10

PHILIPPSON S. 175 formuliert in seinem Kommentar, wie ich es mich nicht getraute: "Das Ausdruck כראת פני אלהימ ["wie man schaut das Antlitz Gottes", PHILL S. 176]  hat seine tiefe Bedeutung, denn es zeigt Gott im Begriffe der Barmherzigkeit"

 

 

 

 

*

 

 

Q 94,3

ٱلَّذِىٓ أَنقَضَ ظَهْرَكَ

VOKABELN

VERB

نقض  , u - zerstören, niederreißen, zerreißen; HIER IV. STAMM: "to weigh heavily (ظهره on s.o.'s back)" WEHR S. 1163.

NOMEN

ظهر thar pl.   ظهور  thuhur, oder  أظهره - Rücken.

 

mE

die so schwer auf deinem Rücken lag

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) von Vers 1 ab:

Erschlossen wir dir nicht die Brust,

Und nahmen ab dir deine Last,

Darunter du gebeugt dich hast?

 

ULLMANN (1840)

welche deinen Rücken drückte?

 

HENNING (1901)

Die so schwer auf deinem Rücken lastete?

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Die deinen Rücken gedrückt.

 

PARET (1979, 2001)

dir dir schwer auf dem Rücken lag

 

KHOURY (1987, 1992)

die deinen Rücken schwer erdrückte,

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

die schwer auf deinem Rücken lastete,

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

die deinen Rücken niederdrückte

 

KARIMI (2009) von Vers 1 an

Haben wir dir nicht geweitet die Brust

und dir abgenommen die Last,

darum du gebeugt dich hast?

 

BOBZIN (2010, 2017)

die schwer auf deinem Rücken lag

 

NEUWIRTH (2011)

dir dir im Nacken lastete,

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (06.05.2022)

die deinen Rücken niederdrückte,

 

BEOBACHTUNG

Auch für diesen Vers findet sich ein ähnlich klingender biblischer Vers. Jes 10,27 spricht von der Last auf der Schulter und vom Joch auf dem Nacken, das Gott abnehmen wird. Dies rückt durch die Übersetzung von Angelika Neuwirth noch näher: 

L17 Zu der Zeit wird seine Last von deiner Schulter weichen und sein Joch von deinem Halse, ja, das Joch wird von deinem Nacken genommen.

Die Verse Sure 94,1-3 mit ihren biblischen Parallelen scheinen zu einem Bedeutungs-Cluster oder rhetorischen Motiv-Cluster zu gehören, das – aus der eigenen Predigtpraxis gesprochen – durchaus in der Predigtkultur zu Hause ist. Es wäre reizvoll Predigten daraufhin zu untersuchen, ob und wenn ja welches und wieviele solcher Cluster vorkommen (hier: bedrückt / Last / Rücken /  Nacken / befreien / abnehmen etc.)

Solch ein Cluster begegnet z. B. auch bei Jeremias Widersacher, Hananja. Er kündigt an, Jer 28,11:

L17 Und Hananja sprach in Gegenwart des ganzen Volks: So spricht der HERR: Ebenso will ich zerbrechen das Joch Nebukadnezars, des Königs von Babel, ehe zwei Jahre um sind, und es vom Nacken aller Völker nehmen.

 

 

 

 

Gen 33,12 Q 94,4 

 

Köln-Merkenich, am Montag/Dienstag
den 27./28. Juni 2022

 

Brudernähe:

‎ וַיֹּ֖אמֶר נִסְעָ֣ה וְנֵלֵ֑כָה וְאֵלְכָ֖ה לְנֶגְדֶּֽךָ׃ 

 (Gen. 33:12 WTT)

VOKABELN

VERB

נסע  - herausreißen, weiterziehen, wandern.

 

mE

Und er sprach: Lass uns aufbrechen und weitergehn und ich gehe an deiner Seite

 

Buber/Rosenzweig

Dann sprach er:

Laß uns nun aufbrechen und weitergehn, und ich will dir zuseiten gehn.

 

van Dyke

‎»  ثُمَّ قَالَ: «لِنَرْحَلْ وَنَذْهَبْ، وَأَذْهَبُ أَنَا قُدَّامَكَ  (Gen. 33:12 AVD)

VOKABELN

VERBEN

رحل  , a - aufbrechen, abreisen;

ذهب  , a - gehen.

 

BEOBACHTUNGEN

Mein vorgefasste Meinung war, "dies wird ein Vers sein, an dem es gewiss wenig zu beobachten gibt." Weit gefehlt:

 

1 gerade

Die jüdische Übersetzergemeinschaft in Alexandria hat offenbar Probleme damit sich vorzustellen, dass Esau und Jaakob mit ihren Clans Seite an Seite ziehen. Sie übersetzen - für mich jedenfalls - völlig überraschend und geben damit selbst der deutschen Übersetzung der Septuaginta Probleme auf:

LXX πορευσόμεθα ἐπ᾽ εὐθεῖαν

LXXD werden auf schnellstem Weg gehen - Anmerkung: "auf schnellstem Weg: wörtlich auf direktem Weg."

Das kann so übersetzt werden, da εὐθεῖαν von εὐθύς stammt, was soviel heißt wie "gerade" und als Adverb "geradezu, geradeaus, geradewegs, sofort".

 

2 נֶגֶד , nägäd, vor/neben

Einige Übersetzungen sehen hier statt eines Nebeneinanders ein Hintereinander. Allen voran die King James Version:

KJV and I will go before thee.

So auch NAS EAS LSG ELB D83 D92 BiG ZINK und die christlichen Kommentatoren WEST SOGG und SEEB, aber auch die TANAKH-Übersetzung der amerikanischen jüdischen Bibelgesellschaft JPS, s. u. Im Kommentar bemerkt SARNA, 231, dazu immerhin :"Literraly, 'corresponding to you.'"

Sonst übersetzen alle übrigen jüdischen Übersetzungen mit einer Form von "neben dir":

MENDELSSOHN ich will neben dir gehen

Ähnlich: ZUNZ HIRSCH JAC und PHIL, dem schließen sich an: BFC LUT L17 EIN SCH Nl B/R van Dyke mE

JEHUASCH übersetzt: 
און איך ווגל גיין לעבן דיר 

un ich wel geen lebn dir

לעבן 

", meint tatsächlich "leben" und wird laut Weinreich 566 auch adverbial verwendet "near, beside". Mein Gott, was für eine schöne Sprache, in der "leben" bedeutet, "nah bei jemandem zu sein"! 

Diesmal hat Hieronymus es m. E. ganz wunderbar getroffen: 

VUL eroque socius itineris tui 

VULD und ich werde Begleiter auf deinem Weg sein 

Die hebräische Partikel  נֶגֶד , nägäd, gibt für sich betrachtet beides her, sowohl die Bedeutung "neben" als auch "vor". Die einzige Parallelstelle Ps 89 (90),8 meint allerdings klar "vor". Im Hebräischen ist hier beides möglich, genauso wie bei Hieronymus. Ob "vor" oder "neben" verdeutlicht m. E. hingegen, ob die Übersetzer der neu gewonnenen Gemeinschaft der Zwillingsbrüder trauen oder nicht. Beispielhaft SEEBASS , der zwischen Esau und Jaakob nur das Verhältnis von "Schutzpatron", 408, und "Begünstigter", 411, sieht. Er meint zur gesamten Erzählung "dass sie den Punkt der Versöhnung ... nicht akzentuiert", was er mit Blick auf Gen 33,4 (Esau läuft Jaakob entgegen und umarmt und küsst ihn) wieder einschränkt: "Man kann sie allenfalls förmlich und besonders taktvoll in V 4 vollzogen sehen." 

 

3 JPS, SARNA - ein aktueller jüdischer Kommentar 

Dank eines Hinweises von Ulrich Berzbach, Judaist und Hebräischerlehrer in Köln, wurde ich auf den Genesiskommentar der amerikanischen jüdischen sozusagen "Bibelgesellschaft", der Jewish Publication Society, JPS, von NAHUM M. SARNA, Philadelphia, New York, Jerusalem 1989, aufmerksam. Sarna kommentiert hier die in den Synagogen in Amerika offenbar weithin anerkannte englische  "TANAKH"-Übersetzung (Vorwort S. -VI). 

 

 

 

 

 

 

Q 94,4 

وَرَفَعْنَا لَكَ ذِكْرَكَ 

VOKABELN 

VERB 

رفع  , a - heben, erheben, aufheben. 

NOMEN 

ذكر  , thikr - Gedenken, Erinnerung, Anrufung (Gottes). 

 

mE 

und wir haben dein Gedenken erhöht 

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) 

von Vers 1 an

Erschlossen wir dir nicht die Brust, 

Und nahmen ab dir deine Last, 

Darunter du gebeugt dich hast? 

Und hoben dein Gedächtnis fast? 

 

ULLMANN (1840) 

Und haben wir nicht deinen Ruf großgemacht? 

 

HENNING (1901) / CC s. u.! 

Und (haben Wir nicht) dein Ansehen erhöht? 

 

GOLDSCHMIDT (1916) 

Und wir erhoben deinen Ruf. 

 

PARET (1979, 2001) 

und dir dein Ansehen (wörtlich deinen Ruf) erhöht? 

 

KHOURY (1987, 1992) /  

KARIMI (2009) 

und dir deinen Ruf erhöht? 

 

MAHER/AL AZHAR (1999) 

und dein Ansehen erhöht? 

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de) 

und dir dein Ansehen erhöht? 

 

BOBZIN (2010, 2017) 

und haben wir nicht deinen Ruf erhöht? 

 

NEUWIRTH (2011) 

und dein Gedenken erhöht? 

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (02.05.2022) 

und haben wir nicht dein Ansehen erhöht? 

 

KOMMENTAR 

CORPUS CORANICUM, NEUWIRTH zitierend, verweist auf Ps 154,14: 

"Neuwirth verweist wiederum auf eine psalmische Parallele, nämlich Psalm 145:14:סוֹמֵ֣ךְ יְ֭הוָה לְכָל־הַנֹּפְלִ֑ים וְ֜זוֹקֵ֗ף לְכָל־הַכְּפוּפִֽים „Der Herr stützt alle, die fallen, / und richtet alle Gebeugten auf“ ( Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 91 ...)." 

 

NEUWIRTH weist nach, dass dhikr "in der altarabischen Dichtung noch nicht im Sinne von 'Ansehen', sondern ausschließlich von 'Erinnerung, Gedenken' geläufig" ist (91). Sie verweist auf die Sammlung der Sechs frühen arabischen Dichter, SEAP, 476, und führt weiter aus: 

"Die Bewahrung und Steigerung des Ansehens (hasab) sind ein zentrales Anliegen im pagan-heroischen Denken. In der Sure scheint aber weniger an innerweltliches Ansehen als an den besonderen Status des Angesprochenen vor Gott gedacht zu sein, vgl. Ps 8,5: ... ('Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?')" 91 

Ps 8,5: ‎  ה־אֱנ֥וֹשׁ כִּֽי־תִזְכְּרֶ֑נּוּ וּבֶן־אָ֜דָ֗ם כִּ֣י תִפְקְדֶֽנּוּ (Ps. 8:5 WTT) van DYKE: ‎  فَمَنْ هُوَ الإِنْسَانُ حَتَّى تَذكُرَهُ؟ وَابْنُ آدَمَ حَتَّى تَفْتَقِدَهُ؟  (Ps. 8:4 AVD) ANGELIKA NEUWIRTH verweist ferner auf 4 Esr 10,57: "'denn du bist gesegneter als viele, du wurdest genannt vor dem Allerhöchsten wie nur wenige sonst'." 91 

Merkwürdigerweise hat die aktuelle Fassung von CORPUS CORANICUM sich von dieser Einsicht ohne Angabe von Gründen wieder entfernt. 

 

 

 

 

Gen 33,13 und Q 94,5 

 

Köln-Merkenich, an den Mittwochen, 
den 29. Juni/ 10. August und 
Freitag, den 12. August 2022 

 

 

Nichts übertreiben: 

‎ וַיֹּ֣אמֶר אֵלָ֗יו אֲדֹנִ֤י יֹדֵ֙עַ֙      כִּֽי־הַיְלָדִ֣ים רַכִּ֔ים וְהַצֹּ֥אן וְהַבָּקָ֖ר עָל֣וֹת עָלָ֑י      וּדְפָקוּם֙ י֣וֹם אֶחָ֔ד וָמֵ֖תוּ כָּל־הַצֹּֽאן׃ 

 (Gen. 33:13 WTT) 

VOKABELN 

VERBEN 

עול - säugen; 

דפק - (hart) schlagen, 

ADJEKTIV 

רַךְ  - schwach, dünn, mager. 

 

mE 

Und er sprach zu ihm: Mein Herr ist erkennend, dass die Kinder schwach sind und das Kleinvieh und die Kühe sind säugend vor mir und sie einen Tag hart antreiben - stirbt alles Kleinvieh! 

 

Buber/Rosenzweig 

Er aber sprach zu ihm: 

Mein Herr weiß, 

dass die Kinder zart sind, 

und ich habe für die Schafe und Rinder, die säugen, zu sorgen, 

übertriebe man sie einen Tag, stürben alle Schafe. 

 

van Dyke 

‎.فَقَالَ لَهُ: «سَيِّدِي عَالِمٌ أَنَّ الأَوْلاَدَ      رَخْصَةٌ، وَالْغَنَمَ وَالْبَقَرَ الَّتِي عِنْدِي مُرْضِعَةٌ،      فَإِنِ اسْتَكَدُّوهَا يَوْمًا وَاحِدًا مَاتَتْ كُلُّ الْغَنَمِ 

(Gen. 33:13 AVD) 

VOKABELN 

VERBEN 

علم alim, a - wissen, kennen; 

رضع  - saugen, II. und IV. Stamm: säugen; 

كد , u - sich anstrengen, HIER X. STAMM: "استكدّهُ: he fatigued or wearied or jaded him" LANE 2595. 

ADJEKTIV 

رخص  rachs - zart, weich. 

 

BEOBACHTUNGEN 

1 Herr 

Die GNB ist die einzige (der eingesehenen Übersetzungen), die die Anrede nicht mit "Mein Herr" übersetzt, sondern mit einer komplementären Form: 

GNB Hör deinen Diener! 

WESTERMANN bemerkt, dass die Anrede "Mein Herr!" in Spannung steht zu v 9, dort sprach Esau Jaakob mit "mein Bruder" an, "jetzt weist diese Anrede auf einen bleibenden Abstand." 641 

 

2 LXX gebärend, nicht säugend - M B/M HIRSCH/KJV 

Die Septuaginta verwandelt die säugende in eine gebärende Herde: 

LXX καὶ τὰ πρόβατα καὶ αἱ βόες λοχεύονται  ἐπ᾽ ἐμέ (Gen. 33:13 BGT) 

LXXD und die Schafe und die Rinder sind dabei, für mich zu werfen 

Sie konnten sich wohl in Alexandria eine ziehende Herde mit Mutter- und Jungtieren gut vorstellen, aber nicht - in der Tat gut nachvollziehbar -, wenn die Jungtiere zur Welt kommen! 

Auch bei MENDELSSOHN und andere verschwinden die säugenden Muttertiere  : 

M (B/M) dass ich auch beim kleinen und großen Vieh für die S(s)chwächlichen sorgen muss 

HIRSCH und die Schafe und Rinder liegen in ihrem Gedeihen mir ob 

KJV and the flocks and herds with young 

 

3  דפק,daphak - hart schlagen - A 

KJV übersetzt kurz mit "overdrive". 

Ihr folgen weder ESV NAS noch TANAKH, sie sprechen von "driven hard". 

Ansonsten wird zumeist so übersetzt, dass eine Form von  "treiben" vorkommt, beispielhaft LUT: 

LUT  wenn sie ... übertrieben würden 

So auch L17 ZUNZ PHIL WEST u.a. 

BiG stellt den Zusammenhang mit der Bedeutung "schlagen" ausdrücklich her: 

BiG triebe man sie ... mit Schlägen an 

SOGG kürzt ab und übersetzt "ermüden". 

Ähnlich D83 overanstrenger 

 

4  דפק,daphak - hart schlagen - B 

Nahe der Pyramiden sah ich von einem Kleinbus aus wie ein Bauer auf seinen Esel eindrosch, immer und immer wieder und je länger je härter: Er stand mitten auf dem Bahnübergang der Schienen der Linie Kairo-Assuan und bewegte sich kein Stück. Die Bahn ist dafür bekannt, dass sie wegen eines Esels nicht bremst. Da schob sich ein Zug um die Kurve und fuhr mit lautem Hupen direkt auf den Esel zu. Im Nu waren einige Männer zur Stelle und hoben kurzerhand den Esel mitsamt seiner Last von der Stelle. Mit Eseln kann man keinen Krieg führen, vgl. Sach 9,9. Wer weiß, warum ist es dem Esel nicht zuzutrauen, dass er sehr wohl wusste wo er stand und womöglich es für erträglicher hielt, vom Zug zerfetzt, als von Menschen so gedemütigt zu werden? 

Das Verb kommt in der gesamten hebräischen Bibel nur dreimal vor: Außer hier noch in Ri 19,22 und Hld 5,2 - beide Male in der Bedeutung von "(heftig) klopfen, schlagen". 

 

 

 

 

 

 

Köln-Merkenich, am 
Donnerstag/Freitag, den 11. /12. August 2022 

 

Q 94,5 

فَإِنَّ مَعَ ٱلْعُسْرِ يُسْرًا 

VOKABELN 

NOMEN 

عسر usr oder  عسرة - Schwierigkeit, Bedrängnis, Not; 

يسر  jusr  -  Leichtigkeit, Wohlstand, Reichtum. 

PARTIKEL 

فان  - denn; 

مع  - mit, zusammen, trotz. 

 

mE 

denn trotz der Schwierigkeit ist es eine Leichtigkeit 

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) - ab Vers 1 

Erschlossen wir dir nicht die Brust, 

Und nahmen ab dir deine Last, 

Darunter du gebeugt dich hast? 

Und hoben dein Gedächtnis fast? 

Wol kommt durchs Schwere Hehres. 

 

ULLMANN (1840) 

Wahrlich, mit dem Schweren kommt auch das Leichte; 

 

HENNING (1901) 

Doch wahrlich, mit (jeder) Schwierigkeit kommt (auch) Erleichterung! 

 

GOLDSCHMIDT (1916) 

Wahrlich, mit dem Unglück das Glück. 

 

PARET (1979, 2001) 

Wenn man es (einmal) schwer hat, stellt sich gleich die Erleichterung ein.                               

 

KHOURY (1987, 1992) 

Wahrlich, mit der Erschwernis gibt es eine Erleichterung,                                                                              

 

MAHER/AL AZHAR (1999) 

Mit dem Schweren kommt die Erleichterung. 

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de) 

Also gewiss, mit der Erschwernis ist Erleichterung, 

 

KARIMI (2009) 

Ja, mit dem Schweren kommt die Erleichterung. 

 

BOBZIN (2010, 2017) 

Darum siehe, mit dem Schweren kommt auch Leichtes 

 

NEUWIRTH (2011) 

Denn mit dem Schweren ist auch Leichtes, 

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (04.02.2022) 

Mit dem Schweren kommt Leichtes, 

 

KOMMENTAR 

NEUWIRTH schreibt in ihrem Kommentar: "Die Gegensatzkombination YSR/'SR begegnet bereits in der altarabischen Dichtung: Einem Vers von Tarafa (19:63, siehe SEAP, S. 727) zufolge obliegt es den aisar, den "Unbeschwerten", die Härten ('usr) der Armen ". 

SEPA: Six Early Arab Poets, Jerusalem 1999. Eine Sammlung früher arabischer Dichtung mitsamt einer Konkordanz! 

 

BEOBACHTUNGEN 

1 Nominalsatz 

Im Arabischen steht ein Nominalsatz, d. i. ein Satz mit Nomen ohne ein definiertes Verb, z. B. "wo kein Kläger, keine Klage". Für die Übersetzung ins Deutsche ist dabei ein Form von "sein" zu ergänzen. Das tun aber die Wenigsten, genauer gesagt nur drei: Die Internetübersetzung Bubenheim/Elyas, Angelika Neuwirth et moi. Alle anderen eingesehenen Übersetzungen malen diese - von der deutschen Sprache aus gesehen - Leerstelle aus. Am weitesten geht dabei PARET, der dafür gelobt wurde, den Koran am genauesten übersetzt zu haben. Er löst eines der Nomen in ein Verbalsatz auf: PARET Wenn man es (einmal) schwer hat 

 

2 Bekräftigungsformel 

Dieser und der nächste Vers bilden den Mittelpunkt dieser Sure. Dies hervorzuheben gelingt im Arabischen durch Wortähnlichkeit "YSR/'SR", s. o.  Kommentar, und Wiederholung. Doch im Deutschen ist dieser Gegensatz "leicht/schwer" auf ähnliche Weise wie im Arabischen nur schwer nachzubilden. Nur Rückert fällt's leicht: 

RÜCKERT durchs Schwere Hehres 

Vermutlich mit der Absicht, diesen Vers auf andere Art hervozuheben ist Ullmann (1840) wohl als erster auf die Idee gekommen eine Bekräftigungsformel vorauszuschicken. Sie klingt vertraut, da sie auch in anderen Suren vorkommt, vgl. 12,91; 11,22; 40,43, vielleicht aber wohl eher, weil sie besonders häufig im Neuen Testament, aber auch im Alten Testament verwendet wird. ULLMANN sind HENNING, GOLDSCHMIDT und sogar KHOURY gefolgt. KARIMI und BOBZIN vermeiden diesen alt- und neutestamentlichen Anklang, wollen aber auf eine Bekräftigungsformel nicht verzichten 

KARIMI Ja, 

BOBZIN Darum siehe - 

Das klingt feierlich, findet sich aber m. W. im koranischen Text an keiner einzigen Stelle und erinnert eher an NIETZSCHEs "Also sprach Zarathustra". Dort kommt es als Beschwörungsformel allein 73 Mal vor. 

PARET, MAHER/Al AZHAR, NEUWIRTH, CORPUS CORANICUM et moi kommen ohne solch eine Formel aus - sie steht schlicht nicht im Text. 

 

3 Neues Testament 

Dennoch hat  ULLMANN wohl etwas empfunden, was tatsächlich einen Anklang im Neuen Testament findet: Der Gegensatz von schwer/leicht begegnet im Jesuswort in Mt 11,30: 

Mt 11,30 Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht 

und bei Paulus, hier eschatologisch und sozusagen chiastisch gewendet: 

2 Kor 4,17 Denn unsre Bedrängnis, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit 

 

 

 

 

Gen 33,14 und Q 94,6 

 

Köln-Merkenich, am Montag/Dienstag, 
den 15./16. August 2022 

 

Die leisen Schritte der Langsamkeit, Kinder geben das Maß vor: 

‎  יַעֲבָר־נָ֥א אֲדֹנִ֖י לִפְנֵ֣י עַבְדּ֑וֹ וַאֲנִ֞י אֶֽתְנָהֲלָ֣ה לְאִטִּ֗י לְרֶ֙גֶל הַמְּלָאכָ֤ה אֲשֶׁר־לְפָנַי֙ וּלְרֶ֣גֶל הַיְלָדִ֔ים עַ֛ד אֲשֶׁר־אָבֹ֥א אֶל־אֲדֹנִ֖י שֵׂעִֽירָה 

 (Gen. 33:14 WTT) 

VOKABELN 

VERB 

נהל  - piel: geleiten; HIER hitpael: weiterziehen: In dieser Form einzig im AT. Sonst in der Genesis nur noch in Gen 47,17. Ansonsten in: Ex 15,13, 2 Chr 28,15 und 2 Chr 32,22, Ps. 23,2 (!) und Ps 31,4 sowie dreimal im Deuterojesaja, bes. Jes 40,11, auch zum Schafehüten! (Jes 49,10; Jes 51,18) 

NOMEN 

מְלָאכָה  - Unternehmen, Mission, Dienst, Werk, Arbeit. 

ADJEKTIV 

אַט oder לְאַט  - langsam, leise. Dies Wort kommt auch sehr selten in der Hebräischen Bibel vor: Außer an dieser Stelle in: 2 Sam 18,5; 1 Kg 21,27; Ijob 15,11; Jes 8,6. 

 

mE 

Es gehe doch mein Herr vor meinem Angesicht, seinem Knecht, vorüber und ich, ich ziehe langsam weiter mit dem Schritt des Werks vor meinem Angesicht und dem Schritt der Kinder bis ich komme zu meinem Herrn nach Se'ir. 

 

Buber/Rosenzweig 

Schreite doch mein Herr seinem Knecht voran, 

und ich will hinwandeln nach meiner Gemächlichkeit, 

im Schritt der Habe vor mir und im Schritt der Kinder, 

bis ich zu meinem Herrn nach Sseïr komme. 

 

van Dyke 

‎‎  .»  لِيَجْتَزْ سَيِّدِي قُدَّامَ عَبْدِهِ، وَأَنَا أَسْتَاقُ عَلَى مَهَلِي فِي إِثْرِ الأَمْلاَكِ الَّتِي قُدَّامِي، وَفِي إِثْرِ الأَوْلاَدِ، حَتَّى أَجِيءَ إِلَى سَيِّدِي إِلَى سَعِيرَ  (Gen. 33:14 AVD) 

VOKABELN 

جزأ , hier VIII. Stamm: "sich begnügen"? 

سوق  oder  ساق - (Vieh) treiben, HIER VIII. Stamm = Reflexiv der 1. Form; 

مهل - langsam sein; 

جىء  oder جاء - kommen, gelangen. 

NOMEN 

مهل  mahl - Langsamkeit, Muße; 

ملك milk pl. املاك amlak- Besitz, Eigentum. 

PARTIKEL 

اثر  ithra - nach, als Folge von. 

 

BEOBACHTUNGEN 

1   רֶגֶל rägäl - Fuß, Bein, Schritt 

Die Septuaginta übersetzt hier wörtlich: 

LXX καὶ κατὰ πόδα τῶν παιδαρίων ἕως τοῦ με 

LXXD und entsprechend dem Fuß der Kinder 

 

2 VULGATA 

HIERONYMUS lässt die Herde verschwinden und Jaakob den Spuren Esaus folgen: 

VUL et ego sequar paulatim vestigia eius 

VULD und ich werde seinen Spuren langsam folgen 

 

3 אַט oder לְאַט  - langsam, leise 

Dies Wort findet eine bunte Mischung in den Übersetzungen, extrem GN GNB: 

KJV softly 

NAS at my leisure 

ESV TANAKH slowly 

LSG BFC lentement 

L45 meilich 

LUT L17 EIN SCH ZUR ZINK BiG WEST gemächlich ZUNZ B/R ELB SEEB Gemächlichkeit 

NL gemak 

D83 D92 i ro 

M B/M langsamen Zug nachführen 

JACOB in Langsamkeit PHIL nach meiner Langsamkeit VAN DYKE مَهَلِي 

BB mE langsam 

GN GNB dir ... folgen, so schnell es mit den Kindern und Tieren möglich ist - NB: Hier verschwindet die Langsamkeit! 

HIRSCH stillen Gang 

SBJ 

WESTERMANN kommentiert S. 641:

Jakob verweist "auf den Unterschied der beiden Züge ... Esau führt einen Zug von vierhundert Mann, Jakob einen Zug mit Herden, Frauen und Kindern ..." Sie werden also "nicht gemeinsam weiterziehen, sondern getrennt bleiben." S. 642: "Der Erzähler will ... sagen: Eine Versöhnung zwischen Brüdern braucht nicht in jedem Fall ein Zusammenleben zu bedingen; sie kann sich auch darin auswirken, dass sich beide in Frieden trennen und jeder in seiner Welt und auf seine Weise lebt."

In der Tat, vierhundert Soldaten werden kaum leise von dannen ziehen, sondern eher mit "Gedröhn" (Jes 9,4).

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch/Donnerstag/Freitag,
den 17./18./19. August 2022

 

Q 94,6

إِنَّ مَعَ ٱلْعُسْرِ يُسْرًا

VOKABELN - s. Q 94,5

NOMEN

عسر usr oder  عسرة - Schwierigkeit, Bedrängnis, Not;

يسر  jusr  -  Leichtigkeit, Wohlstand, Reichtum

PARTIKEL

ان inna - siehe!

مع  - mit, zusammen, trotz.

 

Q 94,5-6:

 

mE

Denn trotz der Schwernis ist Leichtigkeit.

Siehe! Trotz der Schwernis ist Leichtigkeit!

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) 

ab Vers 1

Erschlossen wir dir nicht die Brust,

Und nahmen ab dir deine Last,

Darunter du gebeugt dich hast?

Und hoben dein Gedächtnis fast?

Wol kommt durchs Schwere Hehres.

Wol kommt durchs Schwere Hehres

 

 

ULLMANN (1840)

Wahrlich, mit dem Schweren kommt auch das Leichte;

mit Drangsal kommt auch Genüge.

 

HENNING (1901)

Doch wahrlich, mit (jeder) Schwierigkeit kommt (auch) Erleichterung!

Doch wahrlich, mit (jeder) Schwierigkeit kommt (auch) Erleichterung!

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Wahrlich, mit dem Unglück das Glück.

Ja, mit dem Unglück das Glück.

 

PARET (1979, 2001)

Wenn man es (einmal) schwer hat, stellt sich gleich die Erleichterung ein.  

(Noch einmal:) Wenn man es (einmal) schwer hat, stellt sich gleich auch Erleichterung ein. 

wörtlich: Mit dem Schweren ist (immer auch) Leichtes (verbunden). 

 

KHOURY (1987, 1992)

Wahrlich, mit der Erschwernis gibt es eine Erleichterung, 

ja, mit der Erschwernis gibt es eine Erleichterung.

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Mit dem Schweren kommt die Erleichterung.

Ja, mit dem Schweren kommt die Erleichterung.

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Also gewiss, mit der Erschwernis ist Erleichterung,

gewiss, mit der Erschwernis ist Erleichterung.

 

KARIMI (2009)

Wahrlich, mit dem Schweren kommt die Erleichterung.

Ja, mit dem Schweren kommt die Erleichterung.

 

BOBZIN (2010, 2017)

Darum siehe, mit dem Schweren kommt auch Leichtes

Siehe, mit dem Schweren kommt auch Leichtes.

 

NEUWIRTH (2011)

Denn mit dem Schweren ist auch Leichtes,

mit dem Schweren ist auch Leichtes.

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (04.07.2022)

Mit dem Schweren kommt Leichtes,

mit dem Schweren kommt Leichtes!

 

BEOBACHTUNGEN:

S. zu Q 94,6 mit Verweis auf Mt 11,30 und 2 Kor 4,17.

 

 

 

 

Gen 33,15 und Q 94,7 

 

Köln-Merkenich, am Dienstag/Mittwoch/Donnerstag
den 23./24./25. August 2022

 

Ohne Waffen leben:

‎ וַיֹּ֣אמֶר עֵשָׂ֔ו אַצִּֽיגָה־נָּ֣א עִמְּךָ֔ מִן־הָעָ֖ם אֲשֶׁ֣ר אִתִּ֑י וַ֙יֹּאמֶר֙ לָ֣מָּה זֶּ֔ה אֶמְצָא־חֵ֖ן בְּעֵינֵ֥י אֲדֹנִֽי׃

 (Gen. 33:15 WTT)

VOKABELN

VERBEN

יצג - nur im Hifil oder Hofal, Hifil: stellen, stehen machen, stehen lassen;

מצא - finden, erlangen, treffen.

PARTIKEL

‎לָ֣מָּה - wozu? warum?

 

mE

Und Essaw sprach: Ich stelle aber doch für dich welche von meinen Leuten.

Und er sprach: Warum das, ich habe Gnade gefunden in den Augen meines Herrn!

 

Buber/Rosenzweig

Essaw sprach:

So will ich dir beistellen von dem Volke, das mit mir ist.

Er aber sprach:

Wozu das?

möge ich nur Gunst in meines Herrn Augen finden!

 

van Dyke

‎‎ . « فَقَالَ عِيسُو: «أَتْرُكُ عِنْدَكَ مِنَ الْقَوْمِ الَّذِينَ مَعِي» . فَقَالَ: «لِمَاذَا؟ دَعْنِي أَجِدْ نِعْمَةً فِي عَيْنَيْ سَيِّدِي  (Gen. 33:15 AVD)

VOKABELN

VERBEN

ترك , u - lassen, verlassen, zurücklassen;

دعو  oder  دعا , u - rufen, nennen, herbeirufen; WEHR S. 326 "appeal to s.o."

وجد , i - finden

NOMEN

قوم qaum  pl. أقوام - Stamm, Volk, Nation;

نعمة  pl. نعم - Gnade.

 

BEOBACHTUNGEN

Die Antwort Jaakobs wird zumeist als Bitte oder Wunschsatz formuliert, s. Buber/Rosenzweig und Luther:

B/R möge ich  nur Gunst in meines Herrn Augen finden!

L17 Lass mich nur Gnade vor meinem Herrn finden.

Oft findet sich ein Bedingungssatz, z. B. Schlatter:

SCH Wozu das? Wenn ich nur Gnade finde vor den Augen meines Herrn!

Die Form des Verbes אֶמְצָא, ä'maz', zeigt nicht solch eine auffordernde Form, einen Kohortativ.                                                 

Aus diesem Grunde finden sich Übersetzungen, die indikativisch (mE) übersetzen:

EIN Wozu? erwiderte Jakob, ich finde ja das Wohlwollen meines Herrn.

BiG Wozu das? Ich finde ja Wohlwollen und Zuwendung  in den Augen meines Herren.

Der Rabbiner Benno Jacob übersetzt mit Hilfe des Futurs:

JACOB wozu das, ich werde Gunst in den Augen meines Herrn finden.

Ganz ungewöhnlich die jüdische englische Übersetzung im Kommentar der Jüdischen "Bibelgesellschaft", JPS, von Sarna herausgegeben:

TANAKH Oh no, my lord is too kind to me!

Westermann merkt in seinem Kommentar, S. 642 an:

"Das Angebot [Esaus, mE] gibt ihm die Möglichkeit, seinem Bruder noch ein drittes Mal zu sagen, daß es ihm allein darauf ankommt, von ihm wieder angenommen zu sein." - 

NB: Dies steht anstelle eines Bruderkrieges, der kurz vorm Ausbruch stand!

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch/Donnerstag,
den 24./25. August 2022

 

Q 94,7

فَإِذَا فَرَغْتَ فَٱنصَبْ

VOKABELN

VERBEN

فرغ  , a - leer, fertig sein (mit  من), beendigen (etwas من), sich widmen (einer Sache الى); V. STAMM frei sein, s. u. Beobachtungen.

نصب  , u - aufstellen, IV. STAMM zuteilen, ermüden. Zur Stelle s. LANE S. 2800, s. u. Beobachtungen!

PARTIKEL

اذا  - als, wenn; also, deshalb.

 

mE

und wenn du fertig bist, dann ermüde!

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Drum, bist du fertig, hebe dich,

 

ULLMANN (1840)

Wenn du (das Gebet) vollendet hast, dann mühe dich (um die Verbreitung des Glaubens)

 

HENNING (1901)

Und wenn du (mit etwas) fertig bist, dann bemühe dich weiter.

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Und wenn du fertig bist, sei emsig.

 

PARET (1979, 2001)

Wenn du nun (mit etwas) fertig bist, dann (bleib nicht untätig, sondern wende dich einer neuen Aufgabe zu und) mühe dich ab (auch wenn du dabei in Schwierigkeiten gerätst. Sie werden nicht unüberwindlich sein, und du wirst es nachher wieder leichter bekommen)(?).

 

KHOURY (1987, 1992)

Wenn du fertig bist, dann mühe dich ab

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Bist du mit der Verkündigung fertig, strenge dich im Gebet an

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Wenn du nun fertig bist, dann strenge dich an

 

KARIMI (2009)

Wenn du  nun bist fertig, dann mühe dich,

 

BOBZIN (2010, 2017)

Wenn du frei bist, dann bemühe dich

 

NEUWIRTH (2011)

wenn du nun frei bist, mühe dich

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (03.07.2022)

Wenn du nun frei bist, so mühe dich

 

BEOBACHTUNGEN

1   

Neuwirth, Bobzin und Corpus Coranicum übersetzen das erste Verb mit "frei sein". Das überrascht. Diese Bedeutung hat das Verb im V. Stamm, der aber liegt hier nicht vor (es fehlt das anlautende "it" und die Verdoppelung des Mittelvokals).  Corpus Coranicum selbst übersetzt im Kommentar das Verb folgendermaßen: "Fariġa, „mit etwas fertig werden“". 

 

2 نصب, nasab/nasiba

Corpus Coranicum erläutert die Bedeutung des zweiten Verbes mit: "naṣiba, „sich mühen“". Das kann ich nicht nachvollziehen. Im IV. Stamm, der hier vorliegt hat es die Bedeutung "sich abmühen". Lane führt in seinem kollosalen Wörterbuch zu dieser Stelle näher aus, S. 2800:

" فَإِذَا فَرَغْتَ فَٱنْصَبْ [[Ḳur, xciv. 7,] signifies And when thou shalt have finished thy prescribed prayers, fatigue thyself in supplication: (Ḳatádeh, Jel:) or when thou shalt have finished the obligatory prayers, fatigue thyself in the performance of the voluntary."

Was sagen andere Wörterbücher?

Im "Dictionary and Glos of Quran by Penrice", John Penrice, 1818-1892, S. 147 finde ich zu diesem Verb 

"To place, fix, errect, afflict; ... To use dilgense as at 94,7, ... "And when thou hast finished (thy relexation) be instant (in prayer, or in thanks to God)."" Hier frage ich  mich: Hat sich die Ausdeutung des Korans auf das Wörterbuch zurückübertragen?

Im "Vocab of Quran by A. A. Nadwi", S. 665 steht zur Wurzel    ن  ص  ب : 

"(1) to fix (a plant, tree, stone) in the soil, to raise, establish

(2) to use diligence, to be instant, to toil, labour."

Im "Dictionary of Quran by M. G. Farid" - Malik Ghulam Farid, 1897-1977, war laut Wikipedia/ englisch ein bedeutender "Ahmadiyya scholar" - S. 778, findet sich die Version von Bobzin etc., s. o.:

"And when thou art free, strive hard".

 

3

Offenbar hat dieser Vers für eine Reihe von Übersetzern zu viele Leerstellen (vgl. Iser), die gemäß ihrem Frömmigkeitsverständnis gefüllt werden, an Ullmann knüpfen hierbei fast alle an. 

PARET ergänzt sehr ausführlich. Immerhin macht er dies kenntlich. Das zarte Fragezeichen in der Klammer am Ende seiner Übersetzung deutet wohl an, dass er sich so sicher dabei nicht ist.

Gen 33,16 und Q 94,8 

 


Köln-Merkenich, am Freitag und Montag,
den 26. und 29. August 2022

 

Statt Bürger- und Bruderkrieg - eine schiedlich, friedliche Trennung:

‎ ‎:וַיָּשָׁב֩ בַּיּ֙וֹם הַה֥וּא עֵשָׂ֛ו לְדַרְכּ֖וֹ שֵׂעִֽירָה (Gen. 33:16 WTT)

 

mE

Am selben Tag kehrte Essaw auf seinen Weg nach Sseir zurück.

 

Buber/Rosenzweig

Essaw kehrte am selben Tag seines Wegs nach Sseïr zurück,

 

van Dyke

.‎  فَرَجَعَ عِيسُو ذلِكَ الْيَوْمَ فِي طَرِيقِهِ إِلَى سَعِيرَ (Gen. 33:16 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN

 לְדַרְכּ֖וֹ, ledarko, auf seinen Weg

Für Hieronymus scheint es nicht möglich oder nicht angebracht zu sein, einen Weg einer Person zuzuordnen, dass jemand "seinen Weg" hat. Der Weg scheint eine eigene Größe zu sein - wenn man bedenkt, welche Bedeutung die Heerstraßen im Römischen Reich hatten (und zuvor schon im Perserreich!), verwundert dies nicht zumal diese Eigentum des Römischen Reiches waren (DNP 11,1033; DNP 12/2, 164ff: "Viae publicae"). So übersetzt Hieronymus etwas ausführlicher:

VUL reversus est itaque illo die Esau itinere quo venerat in Seir (Gen. 33:16 VUL)

VULD Daher kehrte Esau an diesem Tag auf dem Weg, auf dem er gekommen war, nach Seïr

zurück. 

MENDELSSOHN lässt den Weg ganz weg:

M Esav ging denselben Tag zurück nach Seir.

Die Bearbeiterin der Neuausgabe, Annette Böckler, hat dies - stillschweigend - korrigert:

B/M Esaw ging denselben Tag seinen Weg zurück nach Se'ir.

Weglos übersetzen gleichfalls Einheitsübersetzung und Schlatter:

EIN Esau kehrte an jenem Tag um und zog nach Seïr zurück.

SCH So kehrte Esau am gleichen Tag wieder nach Seir zurück.

HIRSCH hat in seinem Kommentar genau dieses Wort problematisiert und weist darauf hin, S. 423: 

"Es ist ja das letzte Mal, daß wir Jakob und Esau zusammen sehen, von da an trennen sich ihre Lebenswege völlig." Das bis dahin Geschilderte versteht er als "Wahr- und Anzeigen wie einst am Ende der Tage sich die Beziehungen Jakobs und Esaus zu einander gestalten werden."

SARNA, JPS, S. 231, erinnert daran, dass dies - so behauptet auch Westermann in seinem Kommentar, S. 642: "Essaw ... begegnet hier zum letztenmal" - keineswegs die letzte Begegnung war: Essaw und Jaakob beerdigen gemeinsam ihren Vater Isaak: Gen 35,29.

 

 

 

 

*

 

Köln-Merkenich, am Montag, 
den 28. August 2022

 

Q 94,8

وَإِلَىٰ رَبِّكَ فَٱرْغَب

VOKABELN

VERB

رغب , a - wünschen, begehren (etwas  ), mögen; mit   : verabscheuen; HIER IV. STAMM. begierig machen.

NOMEN

رب  pl. ارباب - Herr.

Jeweils ab Vers 7

 

mE

und wenn du fertig bist, dann ermüde!

Und bis zu deinem Herrn, er dann begierig macht.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Drum, bist du fertig, hebe dich,

Zu deinem Herrn bestrebe dich!

 

ULLMANN  (1840)

Wenn du (das Gebet) vollendet hast, dann mühe dich (um die Verbreitung des Glaubens)

und flehe demütig zu deinem Herrn. 

 

HENNING  (1901)

Und wenn du (mit etwas) fertig bist, dann bemühe dich weiter.

Und widme dich ganz deinem Herrn.

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Und wenn du fertig bist, sei emsig.

Und zu deinem Herrn stehe.

 

PARET (1979, 2001)

Wenn du nun (mit etwas) fertig bist, dann (bleib nicht untätig, sondern wende dich einer neuen Aufgabe zu und) mühe dich ab (auch wenn du dabei in Schwierigkeiten gerätst. Sie werden nicht unüberwindlich sein, und du wirst es nachher wieder leichter bekommen)(?).

Und stell dein Verlangen (ganz) auf deinen Herrn ein!

 

KHOURY (1987, 1992)

Wenn du fertig bist, dann mühe dich ab

und richte deine Wünsche auf deinen Herrn aus.

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Bist du mit der Verkündigung fertig, strenge dich im Gebet an

und wende dich deinem Herrn allein zu!

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Wenn du nun fertig bist, dann strenge dich an

und nach deinem Herrn richte dein Begehren aus.

 

KARIMI (2009)

Wenn du  nun bist fertig, dann mühe dich,

und nach deinem Herrn trachte!

 

BOBZIN (2010, 2017)

Wenn du frei bist, dann bemühe dich

und richte dein Begehren auf deinen Herrn!

 

NEUWIRTH (2011)

wenn du nun frei bist, mühe dich

und strebe deinem Herrn zu!

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (03.07.2022)

Wenn du nun frei bist, so mühe dich

und strebe deinem Herrn zu!

 

BEOBACHTUNG

Mich erinnert der Schlussvers dieser Sure an die jüdische Weisung, die auch im Neuen Testament von Jesus betont wird, "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt«. Mt 22,37, Zitat aus Dtr 6,5. Nach der grammatischen Form des Verbs - IV. Stamm, also Kausativ - ist es Gott, der das Begehren nach ihm weckt. "Der Herr" ist m. E. in diesem Vers Subjekt und nicht der Angesprochene.

 

 

 

 

Gen 33,17 

 


Köln-Merkenich, am Mittwoch und Freitag
den 31. August, 2. September und 
Mittwoch, den 7. September 2022

 

Jaakob wird sesshaft:

‎וְיַעֲקֹב֙ נָסַ֣ע סֻכֹּ֔תָה וַיִּ֥בֶן ל֖וֹ בָּ֑יִת וּלְמִקְנֵ֙הוּ֙ עָשָׂ֣ה סֻכֹּ֔ת עַל־כֵּ֛ן קָרָ֥א שֵׁם־הַמָּק֖וֹם סֻכּֽוֹת׃ 

 (Gen. 33:17 WTT)

VOKABELN

VERB

נסע - herausziehen, ausreißen, aufbrechen, wegziehen;

NOMEN

מִקְנֶה  - Besitz, Vieh;

סֻכָּה f.  - Laubhütte, Hütte.

 

mE

Und Jaakob zog weiter nach Ssukkoth und er baute sich ein Haus und für sein Vieh machte er Hütten, darum wird der Name des Orte Ssukkoth, Hütten, gerufen.

 

Buber/Rosenzweig

Jaakob aber zog nach Ssukkot.

Er baute sich ein Haus, und für seinen Vieherwerb machte er Hütten.

Darum ruft man den Namen des Orts Ssukkot, Hütten.

 

van Dyke

‎‎.«وَأَمَّا يَعْقُوبُ فَارْتَحَلَ إِلَى سُكُّوتَ، وَبَنَى لِنَفْسِهِ بَيْتًا، وَصَنَعَ لِمَوَاشِيهِ مِظَلاَّتٍ. لِذلِكَ دَعَا اسْمَ الْمَكَانِ «سُكُّوتَ  (Gen. 33:17 AVD)

VOKABELN

VERBEN

رحل , a - aufbrechen, HIER VIII. STAMM (Reflexiv der I. Form): aufbrechen, wegziehen;

صنع , a - tun, machen;

دعو  oder دعا , u - rufen.

NOMEN

ماشية  pl. مواش - Vieh;

مظلة  pl.  مظال  oder -at - Schirm, Schutzdach.

PARTIKEL

اما  - was betrifft.

 

BEOBACHTUNGEN

1 Pointenverderber

Es gibt Übersetzungen, die die Pointe mit der Bedeutung des Ortsnamens "Ssukoth, Hütten" nicht mit übersetzen:

KJV NAS ESV 

LUT L17 ELB SCH ZUR

NL

D92

WEST 

Bei SOGG fehlt die ganze zweite Hälfte des Verses.

Für jüdische Leser, die des Hebräischen mächtig sind, erübrigt sich die Übersetzung: 

SBJ M B/M ZUNZ HIRSCH JACOB PHIL TANAKH

Für alle anderen aber fehlt der Verweis auf das Laubhüttenfest und Verweilen in Laubhütten, Ssukoth, für einen ganzen Monat, vgl. Lev 23,42 und Neh 8,14ff.

Ludwig Phillipson, 1858, S. 177, fällt auf, dass gewöhnlich für Tiere keine Hütten gebaut werden, das Vieh steht Tag und Nacht jahrüber im Freien, dies verstoße "ganz gegen die orientalische Sitte".

Für mich ein Hinweis, dass hier mit aller Gewalt eine Erklärung für die Herkunft des Ortsnamens geschaffen werden musste, eine Ortsetymologie.

 

2 Hütte oder Felsennische

Die Darstellungen der Geburt Jesu unterscheiden sich wesentlich je nachdem ob sie aus der ost- oder westkirchlichen Tradition stammen. Da es im Nahen Osten unüblich war für Tiere Unterstände zu bauen und dies der Ostkirche alltäglich präsent war, kommen Ochs und Esel, Maria und Joseph mit dem Kind in Felsennischen zusammen. In Westrom wurden Hütten gemalt. Sie könnten zu ihren Gunsten auf diese Stelle, Gen 33,17, verweisen. Weihnachten und das Laubhüttenfest zur Erinnerung an den Auszug aus Ägypten wären auf diese Weise mit der Erzvätertradition Israels verbunden.

Lukas selbst spricht nur von einer Krippe und vom Duktus her ist klar, dass er eine Krippe in der Herberge meint, vgl. Petersmann, Leo: Weihnachten. In: Deutsches Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt 12/2021, https://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/archiv?tx_pvpfarrerblatt_pi1%5Baction%5D=print&tx_pvpfarrerblatt_pi1%5Bcontroller%5D=Item&tx_pvpfarrerblatt_pi1%5BitemId%5D=5347&cHash=2c87e2f9d945ba3db7ecb6feb19bc491

 

 

 

 

Gen 33,18 Q 106,1 

 


Köln-Merkenich, am Donnerstag/Freitag,
den 8./9. September 2022

 

Ein friedlicher, - nach allem, was vorausgegangen ist, -  unerwarteter Abschluss:

‎  וַיָּבֹא֩ יַעֲקֹ֙ב שָׁלֵ֜ם עִ֣יר שְׁכֶ֗ם אֲשֶׁר֙ בְּאֶ֣רֶץ כְּנַ֔עַן בְּבֹא֖וֹ מִפַּדַּ֣ן אֲרָ֑ם וַיִּ֖חַן אֶת־פְּנֵ֥י הָעִֽיר׃

 (Gen. 33:18 WTT)

VOKABEL

VERB

חנה  -  sich beugen, sich lagern, wohnen.

 

mE

Und Jaakob kam wohlbehalten zur Stadt Sichem, das ist im Land Kanaan, ein Weg von Padan-Aram; und er wohnte im Angesicht der Stadt.

 

Buber/Rosenzweig

Jaakob kam befriedet in die Stadt Sichem, die im Land Kanaan ist,

bei seiner Heimkunft von der Aramäerflur,

und lagerte angesichts der Stadt.

 

van Dyke

.  ‎  ثُمَّ أَتَى يَعْقُوبُ سَالِمًا إِلَى مَدِينَةِ      شَكِيمَ الَّتِي فِي أَرْضِ كَنْعَانَ، حِينَ جَاءَ مِنْ فَدَّانِ      أَرَامَ. وَنَزَلَ أَمَامَ الْمَدِينَةِ  (Gen. 33:18 AVD)

VOKABELN

VERB

نزل  , i -  absteigen (!), lagern, wohnen.

PARTIKEL

حين  - während, bei, als, zur Zeit da.

 

BEOBACHTUNG

שָׁלֵ֜ם, schalem - Ortsnamen oder Adverb

Die Übersetzer in Alexandria haben darin einen Ortsnamen gelesen. 

LXX  καὶ ἦλθεν Ιακωβ εἰς Σαλημ πόλιν Σικιμων 

LXXD Und Jakob kam nach Salem, der Stadt der Sikimer

Hieronymus folgt dieser Vorgabe:

VUL transivitque in Salem urbem Sycimorum 

VULD Und er ging hinüber nach Salem, einer Stadt der Sichemer, 

In der Neuzeit wird dies vertreten von

KJV And Jacob came to Shalem, a city of Shechem

ZUR So gelangte Jakob, als er von Paddan-Aram kam, nach Salem, der Stadt Schechems

und ausführlich begründet von Westermann:

WEST Und Jakob kam nach Salem, der Stadt Sichems

Er verweist auf ein Dorf namens Salim in der Nähe von Sichem (WEST S. 644).

Andere neuzeitliche Übersetzer verstehen das Wort adverbial:

ESV (NAS) And (Now) Jacob came safely to the city of Shechem 

LSG heureusement

BFC sain et sauf

NL veilig ("sicher")

D83 uskadt ("unversehrt"), D92 i god behold

SOGG heil und gesund

SEEB als ein unversehrter

Zink lässt es aus.

Die jüdischen Übersetzungen sind nicht einheitlich:

M B/M gesund

ZUNZ zusammen mit LUT L17 EIN ELB SCH GN GNB BB BiG HIRSCH PHIL wohlbehalten

JPS safe

Besonders Jacob und 

Buber/Rosenzweig:

JACOB freundschaftlich

B/R befriedet

Jehuasch greift zum Hebraismus:

 SBJ  בשלום 
beselum - nach WEINREICH 686:    "intact, safely, at peace (with)". 

Westermann argumentiert: Seine Fassung hat die antiken Übersetzer auf seiner Seite und, dass die adverbiale Verwendung des Wortes nie zusammen mit Menschen vorkommt (WEST 643f). 

Dem widerspricht Seebass (412 und 414):  "Aber die Grundbedeutung 'heil' ist hier bloß variiert." (SEEB 414) 

Was m. E. entschieden für die adverbiale Bedeutung spricht, ist was SARNA (232) und SEEBASS (413) in ihren Kommentaren festhalten: Von Gen 28,21 aus wird ein Bogen geschlagen, der hier ankommt. 

Gen 28,20a.21: "Wird Gott mit mir sein ... und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der HERR mein Gott sein." L17 S. die Fortsetzung der Erzählung! 

 

 

 

 

 

 

Q 106,1 

بِسْمِ ٱللَّهِ ٱلرَّحْمَـٰنِ ٱلرَّحِيمِ 

لِإِيلَـٰفِ قُرَيْشٍ 

VOKABELN 

لفأ  - abziehen, entrinden, schälen (Knochen), pellen. HIER IV. STAMM (Kausativ): "caused to remain or endure", LANE 2665 (2723); STEINGASS (922): "preserve alive"; KAZIMIRSKI (1009): "laisser quelqu'un on vie". 

ODER 

ألف , 'alif, a - vertraut sein (mit  ه); IV. STAMM (STEINGASS 72): accustom anyone to, become accustomed to; gain one's confidence and favour by intercourse". 

ألّف - "brought them together" - LANE 80 

PARTIKEL 

ل  - Schwurformel 

    - für, zu, wegen, zugunsten. 

 

mE 

Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers. 

Beim Verstetigen der Quraischiten 

 

RÜCKERT (zwischen      1836-1839) 

Die Brüderschaft Koreisch 

 

ULLMANN  (1840) 

Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen. 

Zur Vereinigung der Koreischiten, 

 

HENNING  (1901) 

Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen! 

Auf dass die Quraisch (zu ihrer Sicherheit) zusammenhalten, 

 

GOLDSCHMIDT (1916) 

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Allbarmherzigen. 

An die Vereinigung der Koraischiten. 

 

PARET (1979, 2001) 

Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes. 

Daß die Quraisch zusammenbringen (oder: abhalten, oder: unter Schutzgeleit stellen), 

 

KHOURY (1987, 1992) 

Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen. 

Dafür, dass Er die Quraysh zusammenbringt, 

 

MAHER/AL AZHAR (1999) 

Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen. 

Den Quraischiten habe Ich ein sicheres Leben gewährt. 

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de) 

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen. 

Für die Vereinigung der Quraisch 

 

KARIMI (2009) 

Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers 

Dass die Quraisch zusammenbringen, 

 

BOBZIN (2010, 2017) 

Im Namen Gottes des barmherzigen Erbarmers. 

Dass die Quraisch zusammenführen, 

 

NEUWIRTH (2011) 

Wozu nur das Beharren der Quraish, 

                                          

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (05.08.2022) 

Im Namen Gottes des barmherzigen Erbarmers! 

Für die Gewöhnung der Qurais, 

 

KOMMENTARE 

Dieser Vers wirft solche Probleme auf, dass sie kaum zu übersehen sind. 

PARET hat in seinem Kommentar versucht ihrer Herr zu werden (viel Spaß bei der Lektüre, ich kann nicht alles nachvollziehen:) 

"106,1; 106,2 li-ilafi Quraisin * ilafihim rihlata s-sita'i was-saifi. Der Übersetzung ist der Wortlaut der offiziellen Textausgabe zugrundegelegt. Danach ist das erste Wort sowohl des 1. als auch des 2. Verses Infinitiv des IV. Stammes von alifa, im Genitiv abhängig von der Praposition li-, die den Anfang der ganzen Sure bildet. Bei ilafihim (zu Beginn von Vers 2) liegt dann dieselbe rhetorische Figur der Wiederholung vor, die in s.40,36f.; s.96,15f.; s.96,1f.; s.96,4f. und s.26,132f. belegt ist. Für die (unsichere) Deutung von ilaf (IV) sind drei Möglichkeiten zur Wahl gestellt:        »zusammenbringen«, »abhalten«, »unter Schutzgeleit stellen«.  Bell übersetzt »bringing together«, Blachère »entente (dans la caravane d'hiver et d'été)«. Nun ist aber im Konsonantentext nicht nur a defektiv, also ohne den Buchstaben' geschrieben (was        im Koran sehr häufig vorkommt), sondern zu Beginn von Vers 2 ist sogar das lange i (in ilafihim) // nur durch ein nachträglich eingefügtes Vokalisierungszeichen angedeutet. Außerdem wird von Ibn Mas'ud und 'Ikrima für Vers 1 die Variante ly'lf (defektiv lylf) überliefert (Gesch. des Qor. III, S. 33, Anm. 2; S. 45; Jeffery, Materials, S. 112. 275). Auf Grund dieses Sachverhalts nimmt Birkeland an, daß die beiden ersten Verse ursprünglich gelautet haben: li-ya'lafa Quraisun * ilfahum rihlata s-sita'i was-saifi, und übersetzt: »Qurais in order to protect, * To protect the caravan in winter and summer, (* So shall they worship the Lord of this House...)«. Die Lesung und Deutung des Textes in der Weise, wie er uns jetzt vorliegt, soll sich – nach Birkeland – durchgesetzt haben, nachdem Mohammed von Medina aus angefangen hatte, mekkanische Karawanen zu plündern. (S. 108: »However the Surah was interpreted, a certain connexion between the protection of the caravans and the Lord of the House must be implied. But such a connexion could not possibly be stated by Muhammed in Medinah when he plundered the Meccan caravans! If the Surah, therefore, was recited in Medinah, which, like all other Meccan Surahs, it certainly was, it had to be re-interpreted in one way or another«). Mir leuchtet dieser Gedankengang nicht ein. Wenn man schon am ursprünglichen Wortlaut von Sure s.106 Anstoß genommen hat, war mit einer Abänderung des Textes von li-ya'lafa Quraisun //ilfahum... in li-ilafi Quraisin ilafihim... nicht viel gewonnen. – Blachère berücksichtigt in seiner Übersetzung die beiden Varianten li-ya'lafa Quraisun... (»Que s'entendent les Qoraïch...«) und li-ilafi Quraisin (»A cause de l'entente des Qoraïch...«) als zwei verschiedene Möglichkeiten. Als eine dritte Möglichkeit der Deutung (die er allerdings gleich an erster Stelle bringt) kombiniert er Sure s.106 unmittelbar mit der vorausgehenden Sure s.105, unter Auslassung der Basmala. Diese Kombination ist von Ubai ibn Ka'ab überliefert (siehe Jeffery, Materials, S. 179), wird aber von Blachère ebenso wie von Birkeland mit gutem Grund als sekundär bezeichnet." 

[Kommentar zu Sure 106: Der Koran, S. 522-523; Bildschirmseiten (getrennt mit //) S.  2480-2482] 

 

 

 

 

Gen 33,19 und Q 106,2 

 


Köln-Merkenich, am Montag/Dienstag
den 12./13. September 2022

 

Jaakob schafft Fakten:

‎וַיִּ֜קֶן אֶת־חֶלְקַ֣ת הַשָּׂדֶ֗ה אֲשֶׁ֤ר נָֽטָה־שָׁם֙ אָהֳל֔וֹ מִיַּ֥ד בְּנֵֽי־חֲמ֖וֹר אֲבִ֣י שְׁכֶ֑ם בְּמֵאָ֖ה קְשִׂיטָֽה׃ 

 (Gen. 33:19 WTT)

VOKABELN

VERBEN

קנה - kaufen, erwerben;

נטה - strecken.

NOMEN

חֶלְקָה - Stück Land;

אֹהֶל - Zelt;

קְשִׂיטָה - Kesitha, ein Zahlungsmittel, Geld.

PARTIKEL

מֵאָה - hundert.

 

mE

Und er kaufte das Feldstück, wo sein Zelt ausgespannt war, aus der Hand der Söhne Chamors, des Vaters Sechems, für 100 Kesita.

 

Buber/Rosenzweig

Er erwarb den Feldanteil, wo er sein Zelt gespannt hatte, von den Söhnen Chamors, des Vaters Schchems, um hundert Lämmerwert.

 

van Dyke

.‎  وَابْتَاعَ قِطْعَةَ الْحَقْلِ الَّتِي نَصَبَ فِيهَا خَيْمَتَهُ مِنْ يَدِ بَنِي حَمُورَ أَبِي شَكِيمَ بِمِئَةِ قَسِيطَةٍ (Gen. 33:19 AVD)

VOKABELN

VERB

نصب, u  - aufstellen, (Zelt) aufschlagen.

NOMEN

حقل  chakl, pl.  حقول  chukul - Feld, Acker.

 

BEOBACHTUNG

קְשִׂיטָֽה  - kesitha

Die Übersetzung von 

Buber/Rosenzweig mit "um hundert Lämmerwert" überrascht. Sie kann sich darauf berufen, dass die Septuaginta übersetzt:

LXX ἑκατὸν ἀμνῶν (Gen. 33:19 BGT)

LXXD für 100 Lämmer

Hieronymus schließt sich an:

VUL centum agnis

VULD für 100 Lämmer

Das hat - eben außer 

Buber/Rosenzweig - keine der neuzeitlichen Übersetzungen mehr übernommen.

KJV NAS ESV übersetzen: "for hundred pieces of money"; vgl. BFC "cent pièces d'argent" und NL "voor honderd geldstukken".

Für Luther übersetzt 1545 "hundert grosschen", was in den Luther-Überarbeitungen so nicht stehen bleiben kann, so dass nach über 500 Jahren Geldentwertung aus den Groschen Goldstücke werden:

LUT L17 um hundert Goldstücke

Der GN GNB und BiG war das wohl zu viel des Guten, so liest man dort "Silberstücke".

Mit dem Fremdwort "kesita" behelfen sich LSG D83 D92 SBJ M B/M ZUNZ 

mE 

van Dyke und alle anderen jüdischen Übersetzungen.

Nach SARNA JPS (232) kann es sich nicht um Münzen handeln, da diese erst in der Königszeit auftauchen. Er vergleicht dieses Wort mit dem lateinischen Ausdruck "Pecunia" , von "pecus", "Vieh"; dazu DNP 9,462: Dieser Wort zeigt, "dass in Rom dem Metallgeld das Viehgeld voranging."

Die Juden in Alexandria waren zeitlich dem Text am nächsten dran. Warum sollten sie nicht das R  ichtige getroffen haben? Das Wort selbst taucht in der hebräischen Bibel sonst nur noch zweimal auf: Jos 24,32 - mit wörtlichem Zitat dieses Verses -  und Hi 42,11, dort ist es etwas, das zu einem Goldring äquivalent ist. Mehr wissen wir nicht, ich  jedenfalls nicht.

 

 

 

 

*

 

 

Q  106,2

إِۦلَـٰفِهِمْ رِحْلَةَ ٱلشِّتَآءِ وَٱلصَّيْفِ

VOKALBELN

VERB

ألف , 'alif, a - vertraut sein (mit  ه) STEINGASS 72: "accustom one's self to (acc.)"; IV. STAMM (STEINGASS 72): "accustom anyone to, become accustomed to; gain one's confidence and favour by intercourse".

NOMEN

رحلة  pl. - at - Reise, Fahrt;

شتاء schita'  pl.  اشتية  aschtija - Winter, Regenzeit;

صيف  pl.  أصياف asjaf - Sommer.

 

mE

Zur Gewohnheit der Quraischiten,

gewöhnt euch zu einer Reise des Winters und des Sommers.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Der Brüderschaft Koreisch,

Derselben Brüderschaft zur Handelsreis'

Im Winter und im Sommer!

 

ULLMANN  (1840)

Zur Vereinigung der Koreischiten,

zur Vereinigung der Absendung der Karawanen zur Winter- und Sommerzeit! 

 

HENNING  (1901)

Auf dass die Quraisch (zu ihrer Sicherheit) zusammenhalten,

Zusammenhalten bei ihren Winter- und Sommerkarawanen!

 

GOLDSCHMIDT (1916)

An die Vereinigung der Koraischiten.

An ihre Vereinigung zur Handelsreise im Winter und im Sommer:

 

PARET (1979, 2001)

Daß die Quraisch zusammenbringen (oder: abhalten, oder: unter Schutzgeleit stellen),

die (Karawanen)reise des Winters und des Sommers zusammenbringen,

 

KHOURY (1987, 1992)

Dafür, dass Er die Quraysh zusammenbringt,

dass Er sie zusammenbringt für die Reise des Winters und des Sommers,

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Den Quraischiten habe Ich ein sicheres Leben gewährt.

Um ihnen ein sicheres Leben zu gewähren, habe Ich ihnen die Winter- und die Sommerreise ermöglicht.

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Für die Vereinigung der Quraisch

ihre Vereinigung während der Reise des Winters und des Sommers.

 

KARIMI (2009)

Dass die Quraisch zusammenbringen,

zusammenbringen die Reise im Winter und im Sommer,

 

BOBZIN (2010, 2017)

Dass die Quraisch zusammenführen,

dass sie die Winter- und Sommerkarawane zusammenführen,

 

NEUWIRTH (2011)

Wozu nur das Beharren der Quraish,

ihr Beharren auf den Reisen im Winter und im Sommer.

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (05.08.2022)

Für die Gewöhnung der Qurais,

ihre Gewöhnung an die Winter- und Sommerreise

 

ZUR ERLÄUTERUNG UND KOMMENTAR

1 QURAISCH

"Die Quraisch (arabisch قريش, DMG Quraiš), im Deutschen früher auch Koreischiten genannt, sind ein arabischer Stamm, der zur Zeit des islamischen Propheten Mohammed über Mekka herrschte und bis zum Anfang der Neuzeit eine führende politische Rolle in der islamischen Welt innehatte." Wikipedia, eingesehen am 13.09.2022.

 

2 KOMMENTAR

Nicht nur Paret - s. die Mail zu Q 106,1 vom 9. September 2022 -, auch Corpus Coranicum sehen sich zu einem ausführlichen Kommentar veranlasst:

 

"Verse 1-2

Im Hinblick auf den Ausdruck ʾīlāf in V. 1 und 2 besteht sowohl textkritische als auch semantische Unsicherheit (s. allg. Paret, Kommentar, ad loc. ).

Textkritik: Da das Langalif dem traditionellen rasm zufolge in beiden Versen nur nachträglich in den Konsonantenduktus eingetragen wurde und dasselbe auch für das yāʾ in V. 2 gilt, welches das lange ī von ʾīlāf notiert, wäre für den zweiten Vers prinzipiell auch eine Lesung ʾilf zu erwägen (vgl. in diesem Sinne Muʿǧam, ad loc. ). Jeffery und Birkeland zufolge werden für V. 1 von Ibn Masʿūd u. a. auch die Variante li-yaʾlafa bzw. li-taʾlafa (mit dem Konsonantenduktus l-y-ʾ-l-f) tradiert (vgl. Jeffery 1937, 112, 275 , sowie Muʿǧam, ad loc. ). Birkeland nimmt deshalb als ursprünglichen Wortlaut an li-yaʾlafa Quraiš / ʾilfahum ..., der in medinensischer Zeit zur heutigen Textfassung verändert worden sei (zu seiner Deutung der Sure s. Birkeland 1956 , 102–130; vgl. die Kritik in Paret, Kommentar, ad loc. ). Rubin weist jedoch darauf hin, dass die Ibn Masʿūd zugeschriebene Variante eigentlich la-yaʾlaf (bzw. la-taʾlaf) mit lām al-ʾamr lautet ( Rubin 1984, 184 f. ) und folgendermaßen zu übersetzen wären: „Quraiš sollen sich [an die Verehrung Gottes] halten, / auf dieselbe Weise, wie sie sich an die Winter- und Sommerreise halten.“ Rubin hat sicherlich recht damit, dass diese Lesart Produkt theologischer Reflexion und somit sekundär ist ( Rubin, ebd., 182 ): „On the pure theological level, the idea that the Quran should refer to the benevolence of Allāh towards Quraysh in an early Meccan sura, was entirely intolerable to scholars of the first century A.H. For these scholars, Quraysh could not have possibly enjoyed the benevolence of Allāh, as long as they did not embrace Islam.“ – Für die traditionelle Mehrheitsversion, die zweimal ʾīlāf liest, spricht überdies, dass die Wiederaufnahme eines Wortes im Folgevers ein koranisches Stilmittel ist, das auch in Q 96 (V. 1.2, V. 4.5, V.15.16), 87:18.19 und 40:36.37 zum Einsatz kommt (s. ausführlicher den Kommentar zu 96:1.2).

Lexik: Wie Crone (1987, 204–214) herausgearbeitet hat, dürfte es sich bei einem Großteil der im Zusammenhang mit Q 106:1.2 überlieferten Traditionen um nachträgliche exegetische Spekulationen handeln, bei denen durchweg fraglich ist, ob sie auf genuin historischem Wissen über ein System von als ʾīlāf bezeichneten Schutzabkommen zwischen den Quraiš und den die Handelsrouten flankierenden Beduinenstämmen beruhen. Eine kontrollierbare Deutung des Ausdrucks kann deshalb nur durch Ableitung von der Wurzelbedeutung versucht werden. Alifa kann sowohl „verbunden sein mit“ als auch „sich gewöhnen an“ bedeuten; entsprechend kann der vierte Stamm die Bedeutungen „vereinigen, verbinden“ oder aber „jdn. mit etw. verbunden sein lassen“, insb. im Sinne von „jdn. an etw. (eine Sache, einen Ort) gewöhnen“, transportieren (Lane, Bd. 1, 79b–80b). Die erste Alternative ist die in westlichen Koranübersetzungen gängige (vgl. Paret : „Dass die Quraisch zusammenbringen, / die Reise des Winters und Sommers zusammenbringen“). Dagegen hat Uri Rubin auf überzeugende Weise dafür plädiert, auch die in der obigen Übersetzung zugrunde gelegte Alternative zu erwägen, die in der islamischen Kommentarliteratur durchaus präsent ist. Dieser Deutung zufolge ist Quraiš nicht Subjekt, sondern erstes Objekt von ʾīlāf; wörtlich wäre zu übersetzen: „Aufgrund der Gewöhnung der Quraiš, / ihrer Gewöhnung an die Winter- und Sommerreise ...“. Dabei hat ʾālafa / ʾīlāf aber wohl nicht nur die Bedeutung von „gewöhnen“, sondern „seems to have a more specific meaning of enabling someone to resort habitually to a place under complete protection“ ( Rubin 1984, 170 ; vgl. 175 : „This maṣdar means to remove the hardships of performing something, so that it can be practised habitually, or, at one’s pleasure.“).

In einem kürzlich erschienen Artikel nimmt Rubin allerdings weitgehend Abstand von dieser früheren Deutung ( Rubin 2011 ). Er geht nun davon aus, dass die Erwähnung der quraišitischen Sommer- und Winterreisen nur „ in a tone of disapproval“ gemeint sein könne, „to deplore Quraysh whose winter and summer journey has become their chief preoccupation, while ignoring the benevolence of the lord of the Kaʿba who has provided for all their needs within their own ḥaram. This means that in the eyes of the Qurʾān the repeated winter and summer journey was too excessive and marked the compulsive engagement of Quraysh in an improper habit that stemmed from avaricious pursuit of worldly advantage outside Mecca which contradicted their religious duties.“ ( Rubin 2011, 7 ) Rubins Neudeutung zufolge manifestiert die Sure also ganz und gar kein positives Verhältnis zu den Quraiš, sondern ordnet sich vielmehr in die lange Reihe koranischer Anklagen gegen die Gier und Gottesvergessenheit der Mekkaner ein. Problematisch hieran ist allerdings, dass ein solches Verständnis den Text inhaltlich ganz und gar von Sure 105 ablöst, obwohl diese ihm nicht nur stilistisch näher als alle übrigen Koranverkündigungen steht, sondern auch traditionell eng mit ihm in Verbindung gebracht wird (s. o. Literarkritik). Stattdessen stellt Rubin die vorliegende Sure mit verschiedenen spätmekkanischen und medinensischen Stellen zusammen, die den Wohlstand Mekkas seiner Ansicht nach allein von Gott und nicht von irgendwelchen menschlichen Anstrengungen abhängig machen ( Rubin 2011, 3 ) – meiner Ansicht nach ein tendentiell anachronistisches Vorgehen, welches die spezifische Aussage von Sure 106 an diejenige späteren Koranpassagen assimiliert. Rubins Übersetzung des einleitenden li als missbilligendes lām li-t-taʿaǧǧub („Wonder you at the habitual preoccupation of Quraysh ...“) ( Rubin 2011, 7 ) lässt sich insofern mit den diesem Kommentar zugrundeliegenden chronologischen Prämissen nicht vereinbaren. Umso erstaunlicher ist deshalb, dass Neuwirth – die Q 106 ebenfalls zu den frühesten Koransuren rechnet und ansonsten sehr um Anachronismusvermeidung bemüht ist – Rubins Neudeutung der Sure scheinbar vorbehaltlos übernimmt ( Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 118 und 120 ; sie übersetzt: „Wozu nur das Beharren der Quraish ...“). Wenn Neuwirth zugleich daran festhält, im Hinblick auf Q 105 und 106 von „kollektiv orientierten Providenzversicherungen“ ( Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 45 ) zu sprechen (vgl. auch ebd., 122 : „Q 106 ist ein eng an Q 105 anschließender Text über göttliche Gunstbezeigungen“), so verkennt sie damit, wie grundsätzlich Rubins Umdeutung des Textes einer solchen von Birkeland inspirierten Charakterisierung zuwiderläuft. – Übrigens ist Rubins Gedanke, das einleitende li- sei als lām li-t-taʿaǧǧub aufzufassen, durchaus einleuchtend und impliziert für sich genommen noch nicht, dass die Sure die quraišitischen „Winter- und Sommerreisen“ missbilligt. Man könnte also durchaus auch folgendermaßen übersetzen: „Wie die Quraiš gewöhnt sind, / an die Winter- und Sommerreise gewöhnt sind! / Darum sollen sie dem Herrn dieses Hauses dienen ...“. Die ersten beiden Verse würden also Erstaunen über das regelmäßige Gelingen der „Winter- und Sommerreise“ ausdrücken und dann dazu aufrufen, Gott hierfür den ihm gebührenden Dank abzustatten."

 

 

 

 

Gen 33,20 und Q 106,3 

 


Köln-Merkenich, am Mittwoch/Donnerstag/Freitag,
den 14./15./16. September 2022

 

El, der Gott Isra-Els:

‎  ויַּצֶּב־שָׁ֖ם מִזְבֵּ֑חַ וַיִּ֙קְרָא־ל֔וֹ אֵ֖ל אֱלֹהֵ֥י יִשְׂרָאֵֽל׃ (Gen. 33:20 WTT)

VOKABEL

VERB

נצב  - setzen, stellen, legen, HIER HIPHIL (Kausativ) stellen.

 

mE

Und er stellte dort einen Altar auf und er nannte ihn: El, Gott Israels.

 

Buber/Rosenzweig

Er errichtete dort eine Schlachtstatt

und rief über ihr:

Gottheit Gott Jissraels!

 

van Dyke

‎ ‎.»  وَأَقَامَ هُنَاكَ مَذْبَحًا وَدَعَاهُ «إِيلَ إِلهَ سْرَائِيلَ (Gen. 33:20 AVD)

VOKABELN

VERB

دعو  oder دعا , u - rufen.

NOMEN

مذبح  masbach, pl.  مذابح  masabich - Schlachthaus, Altar.

 

BEOBACHTUNGEN

1 מִזְבֵּ֑חַ- misbeach

Das Wort stammt von זָבַח , sabach, "schlachten", also ein Schlachtmal, s. B/R! Es ist nur - wie HIRSCH, S. 484, bemerkt und  auch WESTERMANN, 645, jedoch ohne Hirsch zu erwähnen - völlig ungewöhnlich, dass hier eine Form des Verbes נצב, nazaw, steht, sonst ist von עָשָׂה , aasah, "machen" oder בָּנָה ,banah, "bauen" die Rede. Die Biblia Hebraica Stuttgartensia, BHS, löst das Problem auf ihre Weise: Sie korrigiert: Dort habe stattdessen מצבה Massebah, Steinmal, zu stehen, und da dieses Wort weiblich ist, müsste dann auch die Präposition weiblich sein, "nannte sie". Damit ist das Problem nicht weg, sondern man hat zwei neue: Warum soll dieser Vers an zwei Stellen so verändert worden sein? Nach Westermann, 645, weil später im Zuge der Kultzentralisation auf Jerusalem solche Masseben, Steinmale, verboten wurden und nun an dieser Stelle "Altar" eingefügt wurde. Nach SOGGIN, 403, fehle aber für diese Operation "jede textkritische Grundlage". 

JACOB, 419, betont, dass "die Abweichung .. wegen ihrer Singularität absichtlich sein muss", und daher zu erklären sei. Er sieht hier, JACOB 888, einen Bogen zu Gen 48,22 gespannt: Jaakob/Israel segnet Josef und vermacht ihm als Erbe Sichem, die Begräbnisstätte für Josef, Jos 24,32. Dies ist die Stelle, die Gen 33,19 fast wörtlich zitiert. 

SEEBASS, 415, widerspricht Soggin mit der gleichen Beobachtung wie Hirsch und Westermann: 

"Dass aber die später (Dtr 16,22) ausdrücklich verbotene Massebe den Namen "El, Gott Israels" haben sollte, war den späten Tradenten gewiss ebenso unerträglich wie in 35,1-15 bei Betel. Man lese also wie üblich "Massebe"." SEEBASS 415

WESTERMANN erläutert, 645:

SARNA (232) ist dies der glücklichen Rückkehr und der Namensänderung Jaakobs in Israel geschuldet. Mit dem Bekenntnis zu El als seinem Gott wird erfüllt, was Jaakob/Isra-El in Gen 28,21 gelobt hatte.

 

2 וַיִּ֙קְרָא־ל֔וֹ  - wajikra'-lo - Wem wird was zugerufen?

SEEBASS übersetzt diesen Vers:

SEEB hieb dort einen Altar aus und rief ihm "El, Gott Israels" zu.

Die Übersetzung Bubers und Rosenzweigs macht auf ähnliche Weise deutlich, dass es als anstößig empfunden wird, einem Stein zu sagen, er sei "El, der Gott Israels".

HIRSCH löst diese Herausforderung ganz elegant, er übersetzt:

HRISCH Dort errichtete er einen Altar zum Denkmal und verkündete sich: Gott ist Gott Israels.

Die Übersetzung "verkündete sich" ist tatsächlich grammatisch möglich, wenn auch ungewöhnlich. Hirsch begründet seine Fassung ausführlich, S. 425: 

Die Septuaginta lässt die erweiterte Präposition ל֔וֹ , lo, schlicht aus und übersetzt:

LXX καὶ ἐπεκαλέσατο τὸν θεὸν Ισραηλ

LXXD und rief den Gott Israels an.

HIERONYMUS empfindet offenbar auch die Anstößigkeit und übersetzt:

VUL invocavit super illud Fortissimum Deum Israhel

VULD und auf ihm rief er den Stärksten, den Gott Israels an.

Die Formel "Fortissimus Deus" findet sich bei Hieronymus, 347-420, sonst in seiner ganzen Bibelübersetzung nicht mehr. Sie ist eine Weichenstellung: Damit hat er den Gott Israels Jupiter angepasst, der als "Jupiter Optimus Maximus" verehrt wurde und mit diesem Superlativ fest im Polytheismus verankert ist. Christen setzten diese Tradition mit dem Bekenntnis DOM fort, Deo Optimo Maximo, vgl. Hartmann, B.: "Tod und Auferstehung der Antiken Religionen". In: Numen, Band 37, 1990, 220-232: https://www.jstor.org/stable/3269864

Luther hat sich 1545 an Hieronymus angelehnt und auf seine Weise das Anstößige beseitigt:

L45 vnd rieff an den Namen des starcken Gottes Jsrael

Dass ein Stein Ort religiöser Verehrung ist, nicht ungewöhnlich. Dies gilt, vgl. SARNA 232, auch für Israel. Auch dass ein Stein benannt wird, dafür gibt es eine Parallele. SARNA 367 ANM. 15  verweist auf 2 Sam 18,18.

Unbeschriftete Masseben, Steinmale, "waren bei der kanaanäischen Vorbevölkerung Palästinas üblich", ThWAT4,1066; vgl. das Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe, HrwG 4, 35f,67. Die dritte Auflage des Lexikons "Religion in Geschichte und Gegenwart", RGG, hatte noch einen Artikel mit der Überschrift "Steine, heilige" von K. Galling, 6,348-350 (Bildschirmseiten 31.314-7). Die 4. Auflage subsumiert dies unter dem Artikel "Kultstätten", 4,1819 von R. A. Knauf. 

Solch ein "Kultbild" "galt nicht als identisch mit der Gottheit, sondern als deren Vergegenwärtigung." In: Der Neue Pauly, DNP 6,905. 

"Im Tempel von Arad (8. Jh. v. Chr.) vertraten zwei Masseben JHWH und seine Aschera." In: RGG 4. Auflage 4,1819.

 

3 Bogen

Hier endet ein von Gen 28,21 her, über Gen 31,13 und Gen 32,29 gespannter Bogen - mit ausgreifender Bedeutung für ganz Israel.

 

4 Drei Tausend Jahre Menschheitsgeschichte - mindestens

Der Beruf des Pfarrers - neben dem des Rabbiners und Imams - ist wohl der einzige, der es regelmäßig - z. B. bei der Predigtvorbereitung - mit sich bringt, sich mit gut dreitausend Jahre Menschheitsgeschichte zu befassen, wie die Auseinandersetzung mit diesem Vers anschaulich zeigt.

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am Freitag,
den 23. September 2022

 

Q 106,3

فَلْيَعْبُدُواْ رَبَّ هَـٰذَا ٱلْبَيْتِ

VOKABELN

VERB

عبد , u - anbeten.

AB VERS 1:

 

mE

Zur Gewohnheit der Quraischiten,

gewöhnt euch zu einer Reise des Winters und des Sommers,

und dafür, dass sie anbeten den Herrn diesen Hauses

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Der Brüderschaft Koreisch,

Derselben Brüderschaft zur Handelsreis'

Im Winter und im Sommer!

Drum sollen sie den Herrn anbeten dieses Hauses

 

ULLMANN  (1840)

Zur Vereinigung der Koreischiten,

zur Vereinigung der Absendung der Karawanen zur Winter- und Sommerzeit! 

Mögen sie den Herrn dieses Hauses verehren,

 

HENNING  (1901)

Auf dass die Quraisch (zu ihrer Sicherheit) zusammenhalten,

Zusammenhalten bei ihren Winter- und Sommerkarawanen!

So mögen sie dem Herren dieses Hauses dienen,

 

GOLDSCHMIDT (1916)

An die Vereinigung der Koraischiten.

An ihre Vereinigung zur Handelsreise im Winter und im Sommer:

Mögen sie doch verehren den Herrn dieses Hauses,

 

PARET (1979, 2001)

Daß die Quraisch zusammenbringen (oder: abhalten, oder: unter Schutzgeleit stellen),

die (Karawanen)reise des Winters und des Sommers zusammenbringen,

(zum Dank dafür) sollen sie dem Herrn dieses Hauses (d. h. der Ka'ba) dienen,

 

KHOURY (1987, 1992)

Dafür, dass Er die Quraysh zusammenbringt,

dass Er sie zusammenbringt für die Reise des Winters und des Sommers,

sollen sie dem Herrn dieses Hauses dienen,

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Den Quraischiten habe Ich ein sicheres Leben gewährt.

Um ihnen ein sicheres Leben zu gewähren, habe Ich ihnen die Winter- und die Sommerreise ermöglicht.

Sie sollen dem Herrn dieses Heiligen Hauses (al-Kaaba) aufrichtig dienen,

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Für die Vereinigung der Quraisch

ihre Vereinigung während der Reise des Winters und des Sommers.

So sollen sie dem Herren dieses Hauses dienen,

KARIMI (2009)

Dass die Quraisch zusammenbringen,

zusammenbringen die Reise im Winter und im Sommer,

daher sollen sie dienen dem Herrn dieses Hauses,

 

BOBZIN (2010, 2017)

Dass die Quraisch zusammenführen,

dass sie die Winter- und Sommerkarawane zusammenführen,

dass sie den Herrn von diesem Haus verehren,

 

NEUWIRTH (2011)

Wozu nur das Beharren der Quraish,

ihr Beharren auf den Reisen im Winter und im Sommer.

Dienen sollen sie dem Herrn dieses Hauses,

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (05.08.2022)

Für die Gewöhnung der Qurais,

ihre Gewöhnung an die Winter- und Sommerreise

sollen sie dem Herrn dieses Hauses dienen,

 

KOMMENTAR

CORPUS CORANICUM verweist auf Parallelen zur Gottesanrede in diesem Vers mit einer nabatäischen Inschrift und christlichen Gebräuchen:

Als bait wird die Kaʿba frühmekkanisch noch in 52:4 bezeichnet. Die Anrede Gottes als rabb hāḏă l-bait entspricht dem in einer nabatäischen Inschrift für Duschara gebrauchten Gottestitel mrʾ bytʾ ( Healey 2001, 92 ; mündlicher Hinweis von David Kiltz). Die Parallele bestätigt die durchaus mit der islamischen Tradition kongruente Ansicht, dass es sich bei der gepriesenen Gottheit um eine ursprünglich im mekkanischen Lokalkult verwurzelte Schutzgottheit handelt. Zum Verhältnis des Gottesnamens Allāh zu dem hier gebrauchten Titel „Herr“ vgl. die Anmerkung zu 95:8 Andrae weist darauf hin, „dass die christlichen Dichter den Gott der Kaʿba als den christlichen Gott betrachtet haben und dass sie folglich an dem dortigen Kultus as an ihn gerichtet teilnehmen konnten“; so schwört etwa ʿAdī b. Zaid in einem Atemzug „beim Herrn Mekkas“ (wa-rabbi Makkata) und dem Gekreuzigten ( Andrae 1926, 39 ).

In der genannten Anmerkung zu Q 95,8 wird zum Gottestitel "Herr" ausgeführt:

Hirschfeld 1902, 30 will im koranischen Gebrauch von rabb + Suffix einen Nachhall des im Judentum als Lesung des Tetragrammatons üblichen ādônāy erkennen. Der Ausdruck rabb selbst entstammt dem Aramäischen und ist sowohl inschriftlich bezeugt als auch in der syrischen Literatur gebräuchlich, wo er wie im Koran für Gott verwendet wird ( Jeffery, Foreign Vocabulary, 136 ); das Wort ist bereits in vorislamischer Zeit ins Arabische eingegangen (s. Böwering, „God and his attributes“, EQ ).

 

 

 

 

Gen 34,1 und Q 106,4 

Köln-Merkenich, am Montag und Dienstag,
den 26. und 27. September 2022


Eine Geschichte um Dina:

‎  תֵּצֵ֤א דִינָה֙ בַּת־לֵאָ֔ה אֲשֶׁ֥ר יָלְדָ֖ה לְיַעֲקֹ֑ב לִרְא֖וֹת בִּבְנ֥וֹת הָאָֽרֶץ׃

 (Gen. 34:1 WTT)

VOKABEL

יצא - ausgehen, heraus-, hervorgehen.

 

mE

Und es ging heraus Dina, eine Tochter Leas, die sie Jaakob geboren hatte, um nach den Töchtern des Landes zu sehen.

 

Buber/Rosenzweig

Dina, die Tochter Leas, die sie Jaakob geboren hatte, zog hinaus, sich unter den Töchtern des Landes umzusehn.

 

van Dyke

‎, وَخَرَجَتْ دِينَةُ ابْنَةُ لَيْئَةَ الَّتِي وَلَدَتْهَا لِيَعْقُوبَ لِتَنْظُرَ بَنَاتِ الأَرْضِ   (Gen. 34:1 AVD)

 

BEOBACHTUNGEN

Manche übersetzen das Verb mit einer Form von "sehen" andere sprechen von "besuchen", diese meistens auch von den "Frauen des Landes", statt von den "Töchtern".

Die Septuaginta benutzt ein kräftiges Verb: καταμαθεῖν von καταμανθάνω - intensiv kennenlernen, erforschen:

LXX καταμαθεῖν τὰς θυγατέρας τῶν ἐγχωρίων (Gen. 34:1 BGT)

LXXD um die Töchter der Einheimischen zu beobachten.

Hieronymus übersetzt mit einer Vorm von "sehen" - video:

VUL ut videret mulieres regionis illius (Gen. 34:1 VUL)

Die deutsche Übersetzung macht daraus "besuchen" - viso, visi, visum, ere, Intensivform von video:

VULD um die Frauen dieser Gegend zu besuchen.

Es gibt folgende Gruppen:

KOMMENTARE

HIRSCH, S. 425, verweist auf Hoh 6,11, ‎  לִרְא֖וֹת בְּאִבֵּ֣י הַנָּ֑חַל (Cant. 6:11 WTT): Ich bin hinabgegangen in den Nussgarten, zu schauen die Knospen im Tal, zu schauen, ob der Weinstock sprosst, ob die Granatbäume blühen. (Cant. 6:11 L17)

JACOB,s. 649, führt aus:

SARNA, S. 233, macht Dina mit verantwortlich für das, was ihr widerfährt:

went out    Girls of marriageable age would not normally leave a rural encampment to go unchaperoned into an alien city. The text casts a critical eye upon Dinah's unconventional behavior through use of the verbal stem y-ts-‘, ‚to go out.‘ Like its Akkadian and Aramaic equivalents, the verb can connote coquettish or promiscuous conduct.“

 

Dagegen setzt SEEBASS, S. 422,  einen anderen Akzent: "Auch bewegt sich z.B. Rahel als Hirtentochter (29,1f) ungeniert unter Männern."

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch,
den 28. September 2022

 

Q 106,4

ٱلَّذِىٓ أَطْعَمَهُم مِّن جُوعٍ وَءَامَنَهُم مِّنْ خَوْفِۭ

VOKABELN

VERBEN

طعم , a - essen; IV. STAMM, Kausativ: zu essen geben, füttern;

أمن , u - treu sein, zuverlässig sein, sicher sein, IV. STAMM, Kausativ, wörtlich: "Sicherheit geben", s. Corpus Coranicum. 

NOMEN

جوع - Hunger;

خوف - Angst, Furcht.

PARTIKEL

من - von; WEHR 1084 u. a. : - "in relation to, with respekt to, toward"; 1085: - "from, away from"; - "against, from".

 

mE

Zur Gewohnheit der Quraischiten,

gewöhnt euch zu einer Reise des Winters und des Sommers,

und dafür, dass sie anbeten den Herrn diesen Hauses,

der sie nährt gegen Hunger und sichert gegen Furcht.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Der Brüderschaft Koreisch,

Derselben Brüderschaft zur Handelsreis'

Im Winter und im Sommer!

Drum sollen sie den Herrn anbeten dieses Hauses

Der sie gespeiset gegen Hunger,

Gefriedet gegen Furcht und Kummer.

 

ULLMANN  (1840)

Zur Vereinigung der Koreischiten,

zur Vereinigung der Absendung der Karawanen zur Winter- und Sommerzeit! 

Mögen sie den Herrn dieses Hauses verehren,

welcher sie in Hungersnot speist und sie vor aller Furcht sichert (ihr Land ist ja heilig).                

 

HENNING  (1901)

Auf dass die Quraisch (zu ihrer Sicherheit) zusammenhalten,

Zusammenhalten bei ihren Winter- und Sommerkarawanen!

So mögen sie dem Herren dieses Hauses dienen,

Der sie mit Nahrung gegen den Hunger versieht und sie sicher macht vor (Anlässen zur) Furcht.

 

GOLDSCHMIDT (1916)

An die Vereinigung der Koraischiten.

An ihre Vereinigung zur Handelsreise im Winter und im Sommer:

Mögen sie doch verehren den Herrn dieses Hauses,

der sie gegen Hunger gespeist.

Und vor Furcht gesichert.

 

PARET (1979, 2001)

Daß die Quraisch zusammenbringen (oder: abhalten, oder: unter Schutzgeleit stellen),

die (Karawanen)reise des Winters und des Sommers zusammenbringen,

(zum Dank dafür) sollen sie dem Herrn dieses Hauses (d. h. der Ka'ba) dienen,

(dem Herrn) der ihnen zu essen gegeben hat, so daß sie nicht zu hungern, und der ihnen Sicherheit gewährt hat, so daß sie sich nicht zu fürchten brauchen.

 

KHOURY (1987, 1992)

Dafür, dass Er die Quraysh zusammenbringt,

dass Er sie zusammenbringt für die Reise des Winters und des Sommers,

sollen sie dem Herrn dieses Hauses dienen,

 der ihnen Speise gegen den Hunger gibt und Sicherheit gegen die Furcht gewährt.

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Den Quraischiten habe Ich ein sicheres Leben gewährt.

Um ihnen ein sicheres Leben zu gewähren, habe Ich ihnen die Winter- und die Sommerreise ermöglicht.

Sie sollen dem Herrn dieses Heiligen Hauses (al-Kaaba) aufrichtig dienen,

Der ihnen Nahrung gegen den Hunger und Sicherheit gegen die Angst gewährte.

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Für die Vereinigung der Quraisch

ihre Vereinigung während der Reise des Winters und des Sommers.

So sollen sie dem Herren dieses Hauses dienen,

Der ihnen Speise nach ihrem Hunger gegeben und ihnen Sicherheit nach ihrer Furcht gewährt hat.

 

KARIMI (2009)

Dass die Quraisch zusammenbringen,

zusammenbringen die Reise im Winter und im Sommer,

daher sollen sie dienen dem Herrn dieses Hauses,

der sie gespeist, wenn sie hungerten und ihnen Sicherheit gewährt, damit sie sich nicht fürchten.

 

BOBZIN (2010, 2017)

Dass die Quraisch zusammenführen,

dass sie die Winter- und Sommerkarawane zusammenführen,

dass sie den Herrn von diesem Haus verehren,

der ihnen Speise gab, so dass sei keinen Hunger leiden,

und ihnen Sicherheit verlieh, so dass sie keine Furcht empfinden.

 

NEUWIRTH (2011)

Wozu nur das Beharren der Quraish,

ihr Beharren auf den Reisen im Winter und im Sommer.

Dienen sollen sie dem Herrn dieses Hauses,

der sie vor Hunger bewahrt und vor Furcht sichert!

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (05.08.2022)

Für die Gewöhnung der Qurais,

ihre Gewöhnung an die Winter- und Sommerreise

sollen sie dem Herrn dieses Hauses dienen,

der sie genährt hat gegen Hunger

und gesichert hat gegen Furcht.

 

BEOBACHTUNGEN

Beim Übersetzen fertige ich zuerst meine Fassung an und lese zur möglichen Korrektur die Übersetzung von Paret. Danach widme ich mich deutschen Übersetzungen des Korans seit Rückert. So hat es mich sehr gefreut, dass Corpus Coranicum die Kausativform von "essen" - also "zu essen geben" mit dem gleichen Verb wie ich in meiner Fassung wiedergibt: "nähren", was Müttern für ihre Kleinkinder vorbehalten ist.

Das entspricht der biblischen Vorstellung eines Gottes, der sein Volk wie eine Mutter nährt:

- Hos 11,4 zu Israel: Ich neigte mich zu ihm und gab ihm zu essen. (Hos. 11:4 L17)

- Ps 104,27 Es wartet alles auf dich, dass du ihnen Speise gebest zu seiner Zeit. (Ps. 104:27 L17)

- Jes 66,11 zu Jerusalem: Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. (Isa. 66:11 L17)

- Weisheit 16,20 Dagegen nährtest du dein Volk mit Engelspeise, und unermüdlich gewährtest du ihnen Brot vom Himmel, das ihnen großen Genuss bereitete und sich bei jedem nach dessen Geschmack richtete. ( L17)

 

KOMMENTARE

CORPUS CORANICUM zum Verb  أمن , 'aman: 

"Zu der Wendung ʾāmanahum min ḫauf vgl. 95:3 (wa-hāḏă l-baladi l-ʾamīn). Das Verb ʾāmana hat hier noch seine genuin arabische Bedeutung „Sicherheit gewähren“, während später die aus dem Nordsemitischen entlehnte Bedeutung „glauben“ vorherrscht "

 

 

 

 

Gen 34,2 

 


Köln-Merkenich, am Donnerstag und Freitag,
den 29. und 30. September 2022

 

Dina wird vergewaltigt:

‎  וַיַּ֙רְא אֹתָ֜הּ שְׁכֶ֧ם בֶּן־חֲמ֛וֹר הַֽחִוִּ֖י נְשִׂ֣יא הָאָ֑רֶץ וַיִּקַּ֥ח אֹתָ֛הּ וַיִּשְׁכַּ֥ב אֹתָ֖הּ וַיְעַנֶּֽהָ׃

 (Gen. 34:2 WTT)

VOKABELN

VERBEN

שׁכב - liegen, sich legen, schlafen, beischlafen;

ענה - gebeugt sein; PIEL: demütigen, zwingen, unterdrücken, niederdrücken, vergewaltigen (HAWAT 262).

 

mE

Und Schechem, ein Sohn des Heviten Chamors, der Fürst des Landes, sah sie und er ergriff sie und beschlief sie und übte Gewalt aus.

 

Buber/Rosenzweig

Da sah Schchem sie, der Sohn Chamors des Chiwwiters, des Landesfürsten.

Er nahm sie weg, lag ihr bei und beugte sie.

 

van Dyke

. فَرَآهَا شَكِيمُ ابْنُ حَمُورَ الْحِوِّيِّ رَئِيسِ الأَرْضِ، وَأَخَذَهَا وَاضْطَجَعَ مَعَهَا وَأَذَلَّهَا (Gen. 34:2 AVD)

VOKABELN

VERBEN

رأى  , a - sehen;

أخذ , u  - nehmen;

ضجع , a  und VIII. STAMM (Reflexivform):    اضطجع oder  اضجع - sich legen, liegen, schlafen.

ذل , u  - niedrig sein, gering sein, verächtlich sein; IV. STAMM (Kausativ): erniedrigen.

 

BEOBACHTUNGEN   

1 וַיִּקַּ֥ח אֹתָ֛הּ, wajjakach 'othahh

Das Verb  לקח, lakach, kann einfach  nur "nehmen" bedeuten. Es ist in diesem Vers das erste von drei Verben. Nach SARNA JPS, S. 234, von "increasing severity uncerscore the brutality of Shechem's assault on Dinah."

Das ist nicht bei allen so erkennbar.

Hiernonymus fällt hierbei völlig aus der Rolle. Dem Verhalten von Schechem scheint er eine - offenbar für ihn - plausible Motivation unterstellen zu müssen. Sie offenbart umso mehr seinen Machismus. Er spricht aber auch als Einziger von "rauben" - vielleicht weil der Raub der Sabinerinnen zur Gründungserzählung Roms gehört? Ein anderer Frauenraub führte - so die antiken Erzählungen - zum zehnjährigen Krieg vor Troja. 

 

2  ענה , aanah - transitiv/intransitiv

Das letzte Verb in dieser Reihe ist im Hebräischen intransitiv. Seine Bedeutung im Deutschen im hier vorliegenden PIEL-Stamm, sogenannter Intensiv-Stamm, verlangt zwingend eine transitive Erweiterung etwa mit einem Personalpronomen: demütigen, zwingen, unterdrücken, niederdrücken, vergewaltigen. Wie die obige Übersicht zeigt, tun dies die meisten Übersetzungen, allen voran bereits die Septuaginta.

Es gibt folgende drei Ausnahmen:

NAS und JPS indem sie verkürzen und das Verb zu einem Adverb umformen:

NAS JPS  lay with her by force - und etwas anders mein Versuch, s. o.

 

 

 

 

Gen 34,3 und Q 96,1 

 


Köln, am Donnerstag, Freitag und Montag,
den 27./28. und 31. Oktober 2022


Der Missbrauch wird fortgesetzt:

‎  וַתִּדְבַּ֣ק נַפְשׁ֔וֹ בְּדִינָ֖ה בַּֽת־יַעֲקֹ֑ב וַיֶּֽאֱהַב֙ אֶת־הַֽנַּעֲרָ֔ וַיְדַבֵּ֖ר עַל־לֵ֥ב הַֽנַּעֲרָֽ׃ 

 (Gen. 34:3 WTT)

VOKABELN

דבק - kleben, anhängen.

 

mE

Und es klebte sein Leben an Dina, der Tochter Jaakobs, und er liebte die junge Frau und er sprach zum Herzen der jungen Frau.

 

Buber/Rosenzweig

Seine Seele aber haftete an Dina, Jaakobs Tochter, er hatte das Mädchen lieb,

und er redete zum Herzen des Mädchens.

 

van Dyke

.  ‎  وَتَعَلَّقَت نَفْسُهُ بِدِينَةَ ابْنَةِ يَعْقُوبَ، وَأَحَبَّ الْفَتَاةَ وَلاَطَفَ الْفَتاةَ (Gen. 34:3 AVD)

VOKABELN

VERB

علق , a - hängen, haften;

لطف , u - gütig, freundlich sein; HIER III. STAMM: freundlich behandeln, liebkosen, streicheln.

 

BEOBACHTUNGEN

1  וַתִּדְבַּ֣ק - watidbak - kleben

Dies ist der gleiche Ausdruck wie auch in Gen 2,24:

L17: "Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen". Deutlicher:

KJV: "Therefore shall a man leave his father and his mother, and shall cleave unto his wife"

 

2 נַפְשׁ֔וֹ - nafschu - Leben

Die Herausforderungen beim Übersetzen dieses Wortes sind bekannt. Luther übersetzte es zumeist mit "Seele" und beförderte damit einen Leib-Seele-Dualismus, der eher im antik-griechischen Denken zu Hause war als in biblisch-hebräischen Vorstellungen. Wohl die berühmteste Stelle ist Gen 2,7:

Luther 1545: "VND gott der HERR machet den menschen aus dem Erdenklos, vnd er blies jm ein den lebendigen Odem in seine Nasen, Vnd also ward der Mensch eine lebendige Seele."

Luther hatte an dieser Stelle ein großes Vorbild: Die Septuaginta übersetzt mit "Seele":

LXX, Gen 2,7: "καὶ ἐγένετο ὁ ἄνθρωπος εἰς ψυχὴν ζῶσαν"

LXXD Gen 2,7: "und der Mensch wurde eine lebendige Seele."

Hier in Gen 34,3 übersetzt Hieronymus: mit "Seele":

VUL et conglutinata est anima eius cum ea

VULD Und seine Seele wurde eng mit ihr verbunden

Luther verwendet überraschenderweise aber hier nicht das Wort "Seele", sondern das Herz Dinas, zu dem Sichem spricht, wandert von ihr zu ihm, ihr Herz wird ihr förmlich enteignet:

L45 Vnd sein hertz hieng an jr, vnd hatte die Dirne lieb, vnd redet freundlich mit jr.

So auch andere, s. Tabelle.

Die Septuaginta hingegen versteht das Wort wie ein Personalpronomen, stattdessen wird Dina mit einer Seele ausgestattet:

LXX καὶ προσέσχεν τῇ ψυχῇ Δινας

LXXD Und er fasste eine Zuneigung zur Seele Dinas

Der Septuaginta folgen z. B. NAS (weitere s. Tabelle):

NAS And he was deeply attracted to Dinah

Um die Ganzheitlichkeit des biblischen Denkens wiederzugeben wird dies Wort auch mit "Leben" übersetzt:

SOGG Sein Leben hing sich an Dina

3 לֵ֥ב - lev - Herz

Das Herz Dinas lässt die Septuaginta verschwinden, was stattdessen auftaucht, überrascht:

LXX καὶ ἐλάλησεν κατὰ τὴν διάνοιαν τῆς παρθένου αὐτῇ

LXXD und er sprach nach dem Denken der jungen Frau zu ihr.

Die deutsche Ausgabe vermerkt in einer Anmerkung dazu: "sinngemäß »sprach auf die junge Frau ein«."

Aber auch Hieronymus entführt Dinas Herz:

VUL tristemque blanditiis delinivit

VULD und er besänftigte die Unglückliche mit Schmeicheleien. 

Das macht offenbar Schule, z. B. KJV:

KJV and spake kindly unto the damsel - N. B. die alte Vergangenheitsform!

Etwas kurios ist die angesehene französische Übersetzung Louis Segond:

LSG et sut parler à son coeur. 

Müsste es nicht "sa coeur" heißen? Sichem überzeugt sich selbst?!

So aber auch die Basisbibel:

BB Er schenkte Dina sein Herz und wollte sie zur Frau haben.

Diejenigen, die Dina ihr Herz lassen sind nicht in der Überzahl, s. Tabelle:

4 Zumutung

Das Opfer zu bewegen, den Täter lieb zu haben, ist die Fortsetzung des sexuellen Missbrauchs im Geistigen - so gesehen hat die Septuaginta ganz recht, diese Dimension hier zu benennen. So verhindert der Täter die Anklage von Seiten des Opfers und muss das Selbstbild von sich, als einem, der Gewalt ausgeübt hat, nicht korrigieren. Die Last liegt ganz beim Opfer und ist damit die klassische Täter-Opfer-Umkehr. Im heutigen Ägypten ist genau dies häufig: Es wird von vergewaltigten Frauen erwartet, ihre Vergewaltiger zu heiraten, vgl. https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/sexuelle-belaestigung-in-aegypten-fast-jede-frau-betroffen-a-1183910.html

Seebass erwähnt, dass dieser Teilsatz verstanden wird als "Die Ehe versprechen", so Gunkel, aber auch JAKOB. Eigentlich würde es jedoch eher "umwerben" meinen (SEEB 423). Ist Seebass' Konzession, "Sichems Verhalten gereicht ihm zwar zur Ehre" (SEEB 423) männliche Täterlogik?

 

 

 

 

*

 

 

 

Köln-Merkenich, am Montag,
den 31. Oktober 2022

 

Q 96,1

بِسْمِ ٱللَّهِ ٱلرَّحْمَـٰنِ ٱلرَّحِيمِ

ٱقْرَأْ بِٱسْمِ رَبِّكَ ٱلَّذِى خَلَق

VOKABELN

VERBEN

قرأ  , u - lesen, deklamieren, studieren;

خلق  , u - schaffen.

 

mE

Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers.

Lies: Im Namen deines Herrn, der schafft

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Lis im Namen deines Herrn der schuf

 

ULLMANN  (1840)

Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen.

Lies im Namen deines Herren, der alles geschaffen hat

 

HENNING  (1901)

Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen!

Lies! Im Namen deines Herren, Der erschuf.

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Allbarmherzigen.

Lies, im Namen deines Herren, der schuf.

 

PARET (1979, 2001)

Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes.

Trag vor im Namen deines Herrn, der erschaffen hat,

 

KHOURY (1987, 1992)

Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen.

Lies im Namen deines Herrn, der erschaffen hat,

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen.

Lies im Namen deines Herrn, Der alles erschaffen hat!

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen.

Lies im Namen deines Herren, Der erschaffen hat,

 

KARIMI (2009)

Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers

Trag vor im Namen deines Herren, der erschuf,

 

BOBZIN (2010, 2017)

Im Namen Gottes, des barmherzigen Erbarmers.

Trag vor im Namen deines Herrn, der schuf,

 

ZIRKER (2003, 2018)

Im Namen Gottes, des Allerbarmenden und Barmherzigen.

Trag vor im Namen deines Herrn, der erschaffen hat,

 

NEUWIRTH (2011)

Lies im Namen deines Herrn, der erschuf,

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (01.09.2022)

Im Namen Gottes, des barmherzigen Erbarmers!

Trag vor im Namen deines Herrn, der schafft,

 

KOMMENTAR

NEUWIRTH verweist in ihrem Kommentar S. 267 auf eine Arbeit von HARTWIG HIRSCHFELD: "Beiträge zur Erklärung des Korân" von 1886, S. 82,  in dem dieser auf biblischen Gebrauch hinwies, s. Gen 12,8; Gen 26,25; Ex 34,5.

Spätere Kommentatoren, vor allem THEODOR NÖLDECKE, "Geschichte des Qorans", bearbeitet von Friedrich Schwally, Leibzig 1909, Band I, S. 81, hätten darauf hingewiesen, dass das hier verwendete Verb "qar'a ("vortragen")" seine liturgische Bedeutung verloren habe und nur noch im Sinne von "Lies!" zu verstehen sei. Neuwirth verweist auf CHRISTOPH LUXENBERG, Die syro-aramäische Lesart des Koran. Ein Beitrag zur Entschlüsselung der Koranssprache, 2000, 278-281, dem enfant terrible der Islamwissenschaft, der Nöldecke u. a. widerspricht: "der Koran übernehme die biblische Bedeutung der Wendung unverändert".

Dieser Auffassung liege jedoch, so Neuwirth, "die statische Vorstellung vom Koran als einer epigonalen Nachbildung biblischer Vorbilder zugrunde", 267.

CORPUS CORANICUM erinnert nicht nur an die Arbeit von Hirschfeld, sondern verweist auch auf Jes 40,5: 

"In Jesaja 40:5 redet eine Stimme den Propheten mit dem Imperativ qrā, „Verkünde!“, an, der arab. iqraʾ entspricht (auch in der Pschitta wird dieselbe Wurzel verwendet)." 

Gemeint ist sicherlich Jes 40,6:

Buber/Rosenzweig: 

Stimme eines Sprechers:

Rufe! [‎  קְרָ֔א -  kera']

Es spricht zurück:

Was soll ich rufen!

alles Fleisch ist Gras,

all seine Holdheit der Feldblume gleich!

Corpus Coranicum interpretiert: 

"96:1 könnte sich damit an den auch liturgisch prominenten Jesaja-Passus anlehnen und den koranischen Verkünder implizit als zweiten Jesaja zeichnen."

 

BEOBACHTUNGEN:

1

Bemerkenswert ist, dass dies eine der wenigen Stellen ist, an denen Neuwirth sich mit Luxenberg direkt auseinandersetzt. Sie verweist auf ihre grundlegende Arbeit "Der Koran als Text der Spätantike", 2010, S. 45-50. In diesem Kapitel wird aber mit keinem Wort Luxenberg erwähnt. Das bestärkt den Eindruck, dass - ohne Nennung des Namens - zumindet dieser Teil von der Auseinandersetzung mit Luxenberg geprägt ist. 

Auch wenn Neuwirth darin recht haben mag, dass die Vorstellung, der Koran sei eine nachahmende  Nachschaffung biblischer Vorlagen zu wenig dem Eigenschöpferischen und besonders der Dynamik der Entstehungsbedingungen des Korans berücksichtigt, so würde dies nicht der Auffassung widersprechen, dass wir in diesem Vers tatsächlich eine Spur vor uns haben, die auf eine liturgische Vorlage der syro-aramäisch sprechenden Christenheit verweist. Ich selbst habe es in einem Gottesdienst erlebt, dass der Liturg alle Anweisungen für den Liturgen mit vorgetragen hat: "Eingangsgebet zur Sammlung der Gemeinde vor Gott" etc. 

 

Angelika Neuwirth verweist auf die falschen Seitenzahlen. Luxenberg setzt sich mit Q 96 auf den Seiten 312-334 auseinander.

 

Der Hinweis, so Neuwirth, "wie bereits aus der vorausgehenden Sure 87 klar wird", hier würde "an eine himmlische Schrift als Vorlage gedacht", 267, ist nicht zwingend. Eher erscheint es mir als eine nachträgliche Rahmung, um diese biblisch-liturgische Tradition zu verdrängen.

 

 

 

 

Gen 34,4 Q 96,2 

 


Köln-Merkenich, am Freitag und Montag,
den 11. und 14. November 2022

 

Sichem übergibt an seinen Vater:

‎  וַיֹּ֣אמֶר שְׁכֶ֔ם אֶל־חֲמ֥וֹר אָבִ֖יו לֵאמֹ֑ר קַֽח־לִ֛י אֶת־הַיַּלְדָּ֥ה הַזֹּ֖את לְאִשָּֽׁה׃

 (Gen. 34:4 WTT)

mE

Und Sichem sprach zu seinem Vater Chamor: Nimm mir dieses Mädchen zur Frau!

 

Buber/Rosenzweig

Dann sprach Schchem zu Chamor seinem Vater, er sprach:

Nimm dieses Kind mir zum Weib!

 

van Dyke

‎.»فَكَلَّمَ شَكِيمُ حَمُورَ أَبِاهُ قَائِلاً: «خُذْ لِي هذِهِ الصَّبِيَّةَ زَوْجَةً (Gen. 34:4 AVD)

VOKABELN

VERB

قائل  - sagend; Sprecher.

NOMEN

صبية  pl.  صبايا  - Mädchen (WEHR 587, LANE 1650); von   صبى   pl.  صبية  oder صبيان - Junge.

 

BEOBACHTUNGEN

1 קַֽח־לִ֛י, kach-li - nimm mir

Es war Vätersache den Söhnen Frauen zu "nehmen": SARNA 367 Anm. 8 weist in seinem Kommentar auf eine Fülle von Stellen hin, in  denen ganz selbstverständlich davon die Rede ist, dass Väter für ihre Söhne Frauen nehmen, u.a. Gen 24,37-40; Gen 25,1. WEST 655 verweist auf Ri 14,2. Hintergrund ist, dass beide Familien der Heirat zustimmen müssen, das kann damals nur über die Väter verhandelt werden.

SARNA fällt auf, dass hier das gleiche Verb wie das gewaltsame "nehmen" von V. 2 genommen wird.

HIRSCH 426 zur Stelle: "der Herr Schechem spricht ziemlich sultanisch. Dass sie seine Frau werde, scheint ihm nur von seinem Wunsche abzuhängen".

Einige Übersetzungen nehmen hier die auf den Vater übertragene oder umgelenkte Bewegungsrichtung weg und übersetzen Sohn-zentriert:

LSG donne-moi

BFC Demande pour moi

ZUR Wirb für mich

D83 Skaf mig den pige til hustru.

D92 in indirekter Rede: Derfor sagde han til sin far Hamor, at han skulle skaffe ham pigen til kone.

WEST BiG Gewinne mir

BB Halt für mich um die Hand dieses Mädchens an

Sonst heißt es durchgehend "Nimm mir" LUT u.v.a.m. bzw. "Get me" KJV etc.

 

2 הַיַּלְדָּ֥ה, hajaldah - das Mädchen

JACOB 650 fällt auf, dass dieser Ausdruck sonst nur noch in Joel 4,3 vorkommt. WEST nimmt das auf und ergänzt: "nur noch an den späten Stellen Sach 8,5; Jl 4,3". Das spricht für eine späte Datierung, zumindest Überarbeitung dieser Erzählung. 

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag,
den 17. November 2022

 

Q 96,2

خَلَقَ ٱلْإِنسَـٰنَ مِنْ عَلَق

VOKABEL

VERB

خلق  , u - schaffen.

NOMEN

انسان  pl.  ناس - Mensch;

علق  - geronnenes Blut.

 

mE

er schuf den Menschen aus Anhänglichkeit

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) von Vers 1 an:

Lies im Namen deines Herrn der schuf,

Den Menschen schuf aus zähem Blut.

 

ULLMANN  (1840)

und der den Menschen aus geronnenem Blut erschuf

 

HENNING  (1901)

Erschuf den Menschen aus einem sich Anklammernden

Anm.: "Mit "dem sich Anklammernden" wird der Befruchtungsvorgang, das Einnisten des Männlichen Samens im weiblichen Ei, plastisch korrekt umschrieben; im Jahr 610 gab es jedoch noch keine entsprechenden medizinischen Kenntnisse.

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Er schuf den Menschen aus einem Blutgerinne.

 

PARET (1979, 2001) von Vers 1 an:

Trag vor im Namen deines Herrn, der erschaffen hat,

den Menschen aus einem Embryo erschaffen hat!

 

KHOURY (1987, 1992) von Vers 1 an:

Lies im Namen deines Herrn, der erschaffen hat,

den Menschen erschaffen hat aus einem Embryo.

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Er erschuf den Menschen aus einem Embryo.

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

den Menschen erschaffen hat aus einem Anhängsel.

 

KARIMI (2009)

erschuf den Menschen aus einem Blutklumpen!

 

BOBZIN (2010, 2017) Von Vers 1 an:

Trag vor im Namen deines Herrn, der schuf,

den Menschen aus Geronnenem schuf!

 

ZIRKER (2003, 2018) von Vers 1 an:

Trag vor im Namen deines Herrn, der erschaffen hat,

den Menschen erschaffen aus einem Klumpen! 

 

NEUWIRTH (2011)

erschuf den Menschen aus einem Klumpen!

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (04.10.2022)

der den Menschen aus etwas Klebrigem schafft!

 

Köln-Merkenich, am Montag,
den 21. November 2022

 

BEOBACHTUNGEN

علق, aalaq

Dem Nomen علق, aalaq, liegt das Verb  علق, aaliq, mit der Bedeutung "hängen, hängenblieben, haften" (Langenscheidt KROTKOFF) zugrunde. Anscheinend daher abgeleitet die Übersetzungen mit "Klebrigem", "Klumpen", "Anhängsel" und "Anklammernden". Neuwirth schreibt dazu in ihrem Kommentar "wörtlich: "Klebriges"", S. 268. Das hat das Corpus Coranicum übernommen.

Die lexikalischen Angaben ""geronnenes Blut, geronnenes Sperpa" und ähnliches", das scheint Neuwirth "aus dem Surentext erschlossen zu sein", 268, also eine nachträglich aus dem Verständnis des Korans her geleitete Übersetzung. Neuwirth verweist auf Grund eines mündlichen Hinweises von Claus-Jürgen Thornton auf "Mischna Avot 3,1: "Woher kommst du? Aus einem stinkenden Tropfen"", 268.

Nach LANE 2133 steht dieses Wort auch für "tenacious love". Nicht auch eine gute Möglichkeit der Übersetzung?!

CORPUS CORANICUM zu diesem Wort:

„laq vgl. frühmekkanisch 75:37–39 ..., in mittelmekkanischer Zeit vgl. 23:12–14 ... Paret, Kommentar, ad loc. führt noch die späteren Parallelstellen 40:67 und 22:5 an. In allen diesen Stellen wird das Nomen unitatis ʿalaqa, „etwas Anhaftendes bzw. Klebriges“ (in Q 96 steht das Kollektivum ʿalaq) in Verbindung mit der stufenweisen Entstehung des Kindes im Mutterleib verwendet und beschreibt das auf den „Samentropfen“ (nuṭfatan min maniyyin yumnā, 75:37; s. die Anmerkung ebd.) folgende embryonale Entwicklungsstadium. Es ist deshalb unwahrscheinlich, dass sich 96:2 auf die biblische Vorstellung einer Erschaffung Adams aus Erde oder Ton beziehen könnte, zumal die natürliche Entstehung des Kindes im Mutterleib auch in weiteren frühmekkanischen Texten als eine „Erschaffung“ (ḫalaqa) durch Gott beschrieben wird, s. 86:5–7

 

KOMMENTAR

PSALM

Neuwirth, 268, sieht in diesem Vers "hymnische Aussagen" darüber, "wie wunderbar das göttliche Schöpfungswerk ist". Das "gehört in den Kontext solcher psalmistischer Ausrufe wie Ps 8,5: ... "Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkt, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?"".

 

ERSTE SURE?

In der islamischen Tradition steht diese Sure am Anfang der Verkündigung Mohammeds, sie gilt als Anfang des Korans. Neuwirth bestreitet dies, das ist "angesichts des mit der Formal iqra' bi-smi rabbika [s. V. 1, Erg.: 

mE] vorliegenden liturgischenTopos problematisch. Sie würde vor allem eine gewaltsame Trennung des ersten Surenteils Q 96:1-5 vom Fortgang V.6-13 erfordern, die sich angesichts der formalen Interrefentialität zwischen den Surenteilen nicht halten lässt", 269 und verweist auf ihre Studie "Der Koran als Text der Spätantike" (KTS), S. 404-413.  Da hießt es abschließend: "Die Sure gehört ... jenem Typus an, der bereits Interaktionen zwischen Sprecher und Hörern reflektiert - sie kann auch deshalb nicht die erste Verkündigung gewesen sein." KTS 413.

In diesem Kapitel hat Neuwirth i. Ü. noch übersetzt:

"erschuf den Menschen aus einem Klumpen (geronnenen Bluts)!" KTS 409.

 

 

 

 

Gen 34,5 und Q 96,3 

 


Köln-Merkenich, am Dienstag und Mittwoch,
den 22. und 23. November 2022

 

Die Stille vor dem Sturm:

‎וְיַעֲקֹ֣ב שָׁמַ֗ע כִּ֤י טִמֵּא֙ אֶת־דִּינָ֣ה בִתּ֔וֹ וּבָנָ֛יו הָי֥וּ אֶת־מִקְנֵ֖הוּ בַּשָּׂדֶ֑ה וְהֶחֱרִ֥שׁ יַעֲקֹ֖ב עַד־בֹּאָֽם׃

   (Gen. 34:5 WTT)

VOKABELN

VERBEN

טמא - unrein werden; HIER (Intensivstamm) piel: entehren, schänden;

חרשׁ - qal: taub sein; HIER (Kausativ) hifil: stillhalten, schweigen.

 

mE

Und Jaakob hörte, dass Dinah, seine Tochter, geschändet worden war und seine Söhne, sie waren bei seinem Vieh auf dem Feld. Und Jaakob hielt still bis zu ihrem Kommen.

 

Buber/Rosenzweig

Jaakob hatte gehört, daß man Dina seine Tochter bemakelt hatte,

da aber seine Söhne bei seinem Vieh auf dem Feld waren, schwieg Jaakob, bis sie kämen.

 

van Dyke

.‎  وَسَمِع يَعْقُوبُ أَنَّهُ نَجَّسَ دِينَةَ ابْنَتَهُ. وَأَمَّا بَنُوهُ فَكَانُوا مَعَ مَوَاشِيهِ فِي الْحَقْلِ، فَسَكَتَ يَعْقُوبُ حَتَّى جَاءُوا (Gen. 34:5 AVD)

VOKABELN

VERBEN

نجس  , a oder u - unrein, unsauber sein; HIER II. STAMM: verunreinigen, beschmutzen;

سكت  , u - schweigen, verstummen.

NOMEN

ماشيه  pl. مواش - Vieh;

حقل   pl. حقول  - Feld.

PARTIKEL

اما  - was betrifft.

 

BEOBACHTUNGEN

1 טִמֵּא֙ , timma'

JACAOB, 650,  verweist zur Erläuterung dieses Wortes auf das "Kultusgesetz" und WESTERMANN, 650, nennt es "ein kultischer Begriff". Er hält dabei fest, dass es bezogen auf eine Frau nur noch im Ezechiel vorkommt: Ez 18,6.11.14; Ez 23,17; Ez 33,26. Auch dies würde wieder auf eine späte Entstehung bzw. Fixierung dieser Erzählung hindeuten. Dennoch sind HIRSCH und JACOB die einzigen, die mit "entweiht" übersetzen. Zumeist heißt es "entehrt":

Die Jiddische Übersetzung von Jehuasch alias Solomon Blumgarten knüpft an die Septuaginta an:

SBJ   האט פאראומרייניקט

- hot vorumreinikt

Buber/Rosenzweig gehen einen eigenen Weg:

B/R bemakelt

Die Basisbibel nimmt die kultische Nähe des Begriffs ganz heraus und übersetzt

BB vergewaltigt

Hieronymus enthält sich dem allen. Er übersetzt dies Wort nicht und schweigt dazu:

VUL quod cum audisset Iacob

VULD Als Jakob das gehört hatte 

Nach SEEBASS, 423, war die Schande, "dass ein Unbeschnittener mit Jacobs Tochter schlief." Als wenn nicht die Vergewaltigung allein schon das Unrecht gewesen sei.

Indem jedoch die Vergewaltigung zu einem kultisch-religiösen Unrecht erklärt wird, wird das Verbrechen zusätzlich gewaltig aufgeladen. BENNO JACOB, 650, erläutert diesen Vorgang ausdrücklich:

"Im Kultursgesetz ist טִמֵּא֙ mit einer Person als Objekt  stets nur deklarativ = als unrein erklären, denn die Unreinheit ist nicht eine materiell übertragene Affektion, sondern nur eine vom Gesetz statuierte Relation, also nur symbolisch." Aber gerade das Symbolische kann äußerst wirkungsvoll sein, s. Ernst Cassirer: "Philosophie der symbolischen Formen".

Sprachgeschichtlich interessant ist folgende Beobachtung:

Für Luther war es genug zu sagen:

L17 Und Jakob erfuhr, dass seine Tochter Dina geschändet war

Die GN GNB et moi betonen darüber hinaus den Passiv:

GNB Jakob hörte, dass seine Tochter Dina geschändet worden war

 

2  וְהֶחֱרִ֥שׁ, wehächäris

Die meisten übersetzen mit "schweigen" bis auf diese Ausnahmen:

KJV held his peace

BFC il ne fit rien

EIN behielt die Sache für sich

ZUR GN GNB unternahm nichts

D92 sagde han ingenting - "sagte er nichts"

BB wartete er ab

 

3 Subjekt

Damit die Zuordnung eindeutig ist, erwähnt die Septuaginta eigens noch, wer der Täter ist:

LXX Ιακωβ δὲ ἤκουσεν ὅτι ἐμίανεν ὁ υἱὸς Εμμωρ Διναν τὴν θυγατέρα αὐτοῦ

LXXD Jakob aber hörte, dass Emmors Sohn seine Tochter Dina geschändet hatte.

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, 
den 24. November 2022

 

Q 96,3

ٱقْرَأْ وَرَبُّكَ ٱلْأَكْرَمُ

VOKABELN

قرأ  , u - lesen, deklamieren, studieren - s V. 1;

كرم , karum, u - großzügig, wohltätig sein; IV. STAMM (Kausativ!): ehren, ehrenvoll behandeln.

ADJEKTIV

اكرم  pl.  اكارم akarim - WEHR 963: "nobler, most generous".

 

mE 

Lies: Und dein Herr ist der Großzügigste

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Lis, dein Herr ists, der dich erkohr

 

ULLMANN  (1840)

Lies, bei deinem Herrn, dem glorreichsten,

 

HENNING  (1901)

Lies! Denn dein Herr ist gütig.

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Lies, bei deinem Herrn, dem Hochgeehrten.

 

PARET (1979, 2001)

Trag (Worte der Schrift) vor! Dein höchst edelmütiger Herr (oder: Dein Herr, edelmütig wie niemand auf der Welt) ist es ja,

 

KHOURY (1987, 1992)

Lies. Dein Herr ist der Edelmütigste,

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Lies! Dein Herr ist der Erhabenste,

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Lies, und dein Herr ist der Edelste,

 

KARIMI (2009)

Trag vor, denn dein Herr ist im Guten unübertrefflich,

 

BOBZIN (2010, 2017)

Trag vor! Denn dein Herr ist's, der hochgeehrte,

 

ZIRKER (2003, 2018)

Trag vor! Dein Herr, der hochherzigste,

 

NEUWIRTH (KTS 2010)

Trag vor, denn dein Herr ist der Großmütige,

 

NEUWIRTH (2011)

Lies! Denn dein Herr ist der Großmütige,

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (04.02.2022)

Trag vor! Dein Herr ist der Großmütige,

 

KOMMENTAR

Angelika Neuwirth schreibt in ihrem epochalen Werk "Der Koran als Text der Spätantike. Ein europäischer Zugang", KTS, 2010, zu der bereits zweimaligen Aufforderung "Lies!":

"Die Anrede "trag vor!" zur Eröffnung des Hymnus selbst ist wie "preise!" (sabbih) in Sure 81 nicht individuell, sondern universal zu verstehen, sie entspricht in ihrer Funktion dem häufig an Psalmanfängen begegnenden halleluyah, "preiset Gott!", und ähnlichen Imperativen." KTS 410

Der Kommentar vom Corpus Coranicum zu diesem Vers bezieht sich bereits mit auf den folgenden Vers:

"Der Ausdruck al-ʾakram lässt sich sowohl als Prädikat zu rabbuka, „dein Herr“, auffassen („Dein Herr ist der Großmütige, / der mit dem Schreibrohr lehrt“), als auch als Attribut dazu, wobei der folgende Relativsatz dann als Prädikat zu verstehen wäre („Dein großmütiger Herr / ist der, der mit dem Schreibrohr lehrt“). Obwohl Paret sich für die zweite Alternative entscheidet, führt er als Argument für die erste Q 6:133 (wa-rabbuka al-ġanīyu) und 18:58 (wa-rabbuka l-ġafūru) an, wo ebenfalls determinierte Elative als Prädikat fungieren ( Paret, Kommentar )."

 

 

 

 

Gen 34,6 und Q 96,4 

 


Köln-Merkenich, am Freitag,
den 25. November 2022


Auf zur Brautwerbung:

‎  וַיֵּצֵ֛א חֲמ֥וֹר אֲבִֽי־שְׁכֶ֖ם אֶֽל־יַעֲקֹ֑ב לְדַבֵּ֖ר אִתּֽוֹ׃ (Gen. 34:6 WTT)

VOKABEL

VERB

יצא - herauskommen, herausziehen, ausziehen.

 

mE

Und Chamor, Schechems Vater, ging heraus zu Jaakob um mit ihm zu reden.

 

Buber/Rosenzweig

Chamor, Schchems Vater, zog nun zu Jaakob, mit ihm zu reden.

 

van Dyke

‎.  فَخَرَجَ حَمُورُ أَبُو شَكِيمَ إِلَى يَعْقُوبَ لِيَتَكَلَّمَ مَعَهُ (Gen. 34:6 AVD)

VOKABEL

VERB

خوج  - hinausgehen, herausgehen, herauskommen.

 

BEOBACHTUNGEN

1 Doppelbewegung

SARNA, 234, vermerkt in seinem Kommentar, dass in diesem Vers das gleiche Verb verwendet wird wie in V 1: יצא, jaza', "herauskommen, herausziehen, ausziehen". 

Längst nicht allen ist dies aufgefallen und formulieren in beiden Versen gleich. 

Genau gleich übersetzen: LXX, LXXD, VUL, VULD, KJV, NAS, ESV, BiG,

van Dyke, JACOB, HIRSCH et moi. 

SARNA,  234, schreibt dazu: "this second "going out" is intended to ameliorate the desastrous consequences of the first."

 

2 Perspektive

Dabei macht es einen Unterschied, ob eine andere Person "hinausgeht" oder "herauskommt". Im ersten Fall verbleibt der Erzähler - oder die Person, aus deren Perspektive erzählt wird - zurück. Im anderen Fall geht es zu ihm hin. Wird in diesem Vers also die Perspektive von Jaakob eingenommen, zu dem Chamor herauskommt, oder von Chamor, der aus seiner Stadt hinausgeht?

So ergeben sich zwei Gruppen und eine mit Besonderheiten:

mE vermischt beide Perspektiven: "ging heraus" – aperspektivisch?

 

3 Brautwerbung

Chamors Redeabsicht ist die Brautwerbung - darauf weist SARNA, 234, hin. Seine Belege: 1 Sam 25,39; Ri 14,7; Hhl 8,8.

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am Freitag,
den 26. November 2022

 

Q 96,4

ٱلَّذِى عَلَّمَ بِٱلْقَلَمِ

VOKABELN

VERB

علم  ,a - wissen, können; HIER II. STAMM (Intensiv, Kausativ): lehren, unterrichten.

NOMEN

قلم  pl.  أقلام - Rohrfeder, Schreibfeder, Stift, Schrift.

 

mE

der durch die Schrift lehrte

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) von Vers 3 an:

Lis, dein Herr, ists der dich erkohr,

Der unterwies mit dem Schreiberrohr;

 

ULLMANN  (1840)

der den Gebrauch der Feder lehrte

 

HENNING  (1901)

Der durch die (Schreib-) Feder  gelehrt hat -

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Der den Griffel (führen) gelehrt.

 

PARET (1979, 2001)

der den Gebrauch des Schreibrohrs gelehrt hat (oder: der durch das Schreibrohr gelehrt hat),

 

KHOURY (1987, 1992)

der durch das Schreibrohr gelehrt hat,

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Der das Schreiben mit dem Schreibrohr lehrte.

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Der (das Schreiben) mit dem Schreibrohr gelehrt hat,

 

KARIMI (2009)

der durch das Schreibrohr nahe brachte,

 

BOBZIN (2010, 2017) von Vers 3 an:

Trag vor! Denn dein Herr ist's, der hochgeehrte,

der mit Schreibrohr lehrte,

 

ZIRKER (2003, 2018)

er hat mit dem Schreibrohr gelehrt,

 

NEUWIRTH, KTS, 409 (2010)

der mit dem Schreibrohr gelehrt hat

 

NEUWIRTH (2011)

der mit dem Schreibrohr lehrte

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (04.10.2022)

der mit dem Schreibrohr lehrt,

 

KOMMENTAR

قلم , qalam

Corpus Coranicum: "Qalam ist aus dem Äthiopischen entlehnt und geht letztlich auf gr. kalamos zurück ( Jeffery, Foreign Vocabulary, 242 f. )."

Was ist mit dem "Schreibrohr" gemeint? Corpus Coranicum widerspricht Neuwirth:

"Dass Gott „mit dem Schreibrohr lehrt“, ist dabei wohl in dem Sinne zu verstehen, dass das, was er offenbart, von seinen menschlichen Adressaten schriftlich niedergelegt wird (zu der für die koranischen Ersthörer vorauszusetzenden Assoziation von Offenbarung und Verschriftlichung s. ausführlicher Sinai 2006:112–116 ). Vielleicht meint das frühmekkanisch sonst nur noch in einem Schwur (68:1) begegnende Wort qalam aber auch ein himmlisches Schreibrohr, mit dem Gott die „wohlverwahrte Tafel“ aus 85:22 beschreibt bzw. welches von den anderswo erwähnten himmlischen Schreiber (80:13–16, 82:10–12) verwendet wird. Neuwirth vertritt sehr dezidiert diese Interpretation ( Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 270 ) und verweist als Beleg auf den Schwur Q 68:1 (wa-l-qalami wa-mā yasṭurūn), den sie als Referenz auf die himmlischen Schreiberengel versteht. Doch ließe sich der Schwur vielleicht genauso gut auf menschliche Schreibkunst als Garant zuverlässiger Bewahrung und Weitergabe göttlicher Offenbarungen beziehen, was ein entsprechendes Verständnis auch des vorliegenden Verses 96:4 stützen würde. Für diese Position spricht, dass alle übrigen (allerdings deutlich späteren) Verwendungen des Wortes qalam, die im Plural ʾaqlām stehen (in 31:27 und 3:44), irdische Schreibrohre bzw. Losstäbchen (3:44) bezeichnen."

NEUWIRTH, Frühmekkanische Suren 270, zieht den Rahmen noch weiter:

"Erst aus dem Prolog einer etwas späteren Sure, Q 55, wird die Nähe der koranischen Vorstellung von der Vermittlung des Gotteswortes andie Welt zu spätantiken Logosvorstellungen klar ersichtlich: Es ist die Deutung der Welt als eines Zeichensystems, eines 'Textes', der sich aus einer himmlischen Schrift speist, die der Vorstellung einer hinter der empirischen Welt stehenden Welt der Ideen nahekommt (siehe KTS, S. 158-163)."

Auf den genannten Seiten behandelt sie die Frage: "Inliberation oder koranische Logos-Theologie?", KTS 158. Gemeint ist, ob die Schriftwerdung des Korans ein von der christlichen Inkarnation her geprägte Vorstellung ist oder doch eher von der stoischen Logos-Philosophie herstammt. Neuwirth verweist auf Q 55 und stellt fest, "dass sich Sure 55 mit Logos-Vorstellungen auseinandersetzt", KTS 163."Inliberation" ist ein Kunstwort, dass parallel zum Wort "Inkarnation" von Harry A. Wolfson geprägt wurde: "The Philosophy of the Kalam" dort S. 244f, so KTS 163. Beim Koran geht es aber weniger um eine Schrift, sondern "vielmehr  die - auswendig vorgetragene - Rezitation. Was also aufrechtzuerhalten ist, ist die Analogie der Logos-Verkörperung; im inkarnierten Wort Gottes im Christentum und im akustisch präsenten Wort Gottes im Islam." KTS 166.

Mein Freund, langjähriger Kollege im Oberbergischen und Mitlesende dieser Bibel- und Koranlese Allan Grave hat schon früh auf die Parallelität der Fleischwerdung Gottes, Jh 1,14, im christlichen Glauben und der Schriftwerdung oder besser Laut-Werdung Gottes im Koran hingewiesen, dies zunächst mündlich und demnächst in der Auseinandersetzung damit in: ders.: Zwischen den Gärten. Dort verweist Allan Grave auf die islamische Wissenschaft Kalam.

In Hiob 38,33 ist von einer ""Himmelsschrift"" die Rede "als bildliche Umschreibung für die Gestirne als die himmlischen Gesetzgeber der Geschicke auf der Erde", ThWbAT 7,1257:  ‎  מִשְׁטָר֣ , mischtar,  von  שְׁטָר֣ , schreiben.

 

 

 

 

Gen 34,7 und Nachtrag zu Q 96,1 

 


Köln-Merkenich, am Donnerstag, 
den 15. Dezember 2022

 

Es wird heiß:

‎  וּבְנֵ֙י יַעֲקֹ֜ב בָּ֤אוּ מִן־הַשָּׂדֶה֙ כְּשָׁמְעָ֔ם וַיִּֽתְעַצְּבוּ֙ הָֽאֲנָשִׁ֔ים וַיִּ֥חַר לָהֶ֖ם מְאֹ֑ד כִּֽי־נְבָלָ֞ה עָשָׂ֣ה בְיִשְׂרָאֵ֗ל לִשְׁכַּב֙ אֶת־בַּֽת־יַעֲקֹ֔ב וְכֵ֖ן לֹ֥א יֵעָשֶֽׂה׃ 

 (Gen. 34:7 WTT)

VOKABELN

VERBEN

עצב - kränken, schmerzen; hitpael: sich grämen, zürnen;

חרה - heiß werden.

NOMEN

נְבָלָה - Schandtat.

 

mE

Und die Söhne Jaakobs kamen vom Feld denn sie hatten gehört und sie waren erzürnt, die Männer, und es wurde ihnen sehr heiß, denn eine Schandtat geschah an Israel beim Beschlafen der Tochter Jaakobs und so soll nicht gemacht werden.

 

Buber/Rosenzweig

Jaakobs Söhne aber kamen vom Feld, als sies hörten.

Die Männer vergrämten sich, es entflammte sie sehr,

denn eine Schande hatte er Jissrael angetan, Jaakobs Tochter beizuliegen,

so darf nicht getan werden.

 

Köln-Merkenich, am Freitag, 
den 16. Dezember 2022

 

van Dyke

‎وَأَتَى بَنُو يَعْقُوبَ مِنَ الْحَقْلِ حِينَ سَمِعُوا. وَغَضِبَ الرِّجَالُ وَاغْتَاظُوا جِدًّا لأَنَّهُ صَنَعَ قَبَاحَةً فِي إِسْرَائِيلَ بِمُضَاجَعَةِ ابْنَةِ يَعْقُوبَ، وَهكَذَا لاَ يُصْنَعُ. 

   (Gen. 34:7 AVD)

VOKABELN

VERBEN

اتى , i - kommen;

غضب , a - zornig, ärgerlich sein;

غيظ   oder  غاظ , i - wütend machen, erzürnen; VIII. STAMM: wütend, zornig werden;

صنع , a - tun, machen;

ضجع , a VIII. STAMM  اضطجع oder  اضجع  - sich legen, liegen, schlafen; HIER: III. STAMM (drückt eine Beziehung aus [!]) + Partizip + Substantivendung - Googgle übersetzt schlicht mit "Koitus".

NOMEN

حقل  pl. حقول - Feld, Acker;

قباحة - Häßlichkeit.

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch,
den 28. Dezember 2022

 

BEOBACHTUNGEN

1 JEHUASCH

Die jiddische Übersetzung von Solomon Blumgarten alias Jehuasch enthält einige Besonderheiten:

a)  

די מענער האבן זיך געקלעמט 

  "di mener hobn sich geklemt" - zum letzten Wort WEINREICH S. 419: קלעמען   , "grieve"

 

b) 

נבלה אקעגן ישראל

"nbolah okegn israel": Das erste Wort ist das identische hebräische Wort für "Schandtat", s. o., zum zweiten Wort WEINREICH S. 725: Verweist dort auf: אנטקענן, was sich auf S. 739 findet "opposite ... against".

 

c) 

טאר ניט געטאן ווערן

"tor nit geton wern": WEINREICH zu טאר601: "not be ... forbidden to".

 

2 WESTERMANN

a) Westermann verweist darauf, dass das Verb "עצב - kränken, schmerzen" das gleiche ist wie in Gen 6,6: "als Gottes Reaktion auf die Bosheit der Menschen" (West 655) - was nicht folgenlos bleiben kann.

b)  Westermann vertritt die Ansicht, dass gerade in diesem Vers zwei Erzählungen vernäht worden sind, eine "Familienerzählung" (West 652) und eine "Stammeserzählung" (West 653). Hier wird mit Hilfe von 2 Sam 13,12 (West 656) in der Erzählung sozusagen nachgebessert.

 

3 LXX

Der starke Ausdruck "so tut man nicht" wird von der Septuaginta abgeschwächt:

LXX καὶ οὐχ οὕτως ἔσται

LXXD und so wird es nicht sein!

 

4 Israel

Kaum wurde der neue Name für Jaakob eingeführt, Gen 32,28, ist er schon ein Kollektivausdruck. Das ist er aber auch schon - darauf weist PHILLIPSON 179 hin - in Gen 33,20, dort eine Altarbezeichnung. JACOB 651 verwahrt sich dagegen, dass hier ein "Anachronismus" vorläge, vielmehr sind dies "Worte und ein Urteil der Tora selbst im Sinne ihrer Leser, um zu erklären, dass die Brüder mit Recht über das Ereignis tiefunglücklich sind." Womit Jacob - der jeglicher Quellenscheidung in der Genesis widerspricht - so etwas wie einen letzten Redakteur voraussetzt. 

 

5 BigS

Die Übersetzung "Bibel in gerechter Sprache" verwandelt den zweiten Teil des Verses in direkte Sprache der erzürnten Männer:

BigS Aber als sie davon hörten, kamen die Söhne Jakobs vom Feld. Die Männer fühlten sich gekränkt und ihr Zorn entbrannte heftig: »Ja, er hat eine Schandtat in Israel begangen, als er die Tochter Jakobs vergewaltigte. So etwas darf nicht getan werden.«

 

 

 

*

 

 

ERGÄNZUNG zu Q 96,1

Vor einiger Zeit wurde ich auf die Publikation "Koran und Bibel: Ein synoptisches Textbuch für die Praxis" von WOLFGANG REINBOLD, Göttingen 2022 aufmerksam gemacht. Sie setzt auf umfassende Weise fort, was JOHANN-DIETRICH THYEN mit "Bibel und Koran. Eine Synopse gemeinsamer Überlieferungen", Köln 1989 (3. Auflage ebd. 2000) begonnen hatte. Thyen versucht die "Verwandtschaft beider 'Heiliger Schriften'" (Vorwort von Olaf Schumann IV) aufzuzeigen und so der christlichen Leserschaft den Koran näher zu rücken. Entsprechend sind dort biblische Texte der Ausgangspunkt zu dem vergleichbare Koranstellen herangeführt werden.

Anders Reinbold: Er legt die Koranübersetzung von KHOURY zugrunde und verweist am Rand auf biblisch-jüdische und christliche Texte - also einschließlich Talmud - sowie Hadithe und einige weitere spätantike Texte, u. a. Apuleius und Ephrem der Syrer. Damit hat Reinbold etwas vorgelegt, was mit dem Projekt CORPUS CORANICUM mitangelegt ist: "Umwelttexte" zum Koran zu sammeln vgl. https://corpuscoranicum.de/de/verse-navigator/sura/96/verse/1/intertexts

REINBOLD zitiert zu Q 96,1 nicht nur Jes 40,6, sondern auch Gen 12,8 und Ex 34,5: An allen drei Stellen kommt eine Form des hebräischen Verbes "Yikra'" vor, gleichbedeutend mit dem Verb "قرأ  , u - lesen, deklamieren, studieren" in Q 96,1:

REINBOLD 879, rechter Rand:

"[Und Abraham] baute dort dem Herrn einen Altar und rief [hebr. yikra'] den Namen des Herrn an, Gen 12,8"

"Da kam der Herr hernieder in einer weißen Wolke und trat daselbst zu ihm [Mose]. Und er rief aus [hebr. yikra'] den Namen des Herrn. Ex 34,5"

 

 

 

 

Gen 34,8 und Q 96,5 

 


Köln-Merkenich, 
am Montag/Dienstag, den 9./10. Januar 2023

 

Chamors Bitte - aber wo ist Dina?

‎ וַיְדַבֵּ֥ר חֲמ֖וֹר אִתָּ֣ם לֵאמֹ֑ר שְׁכֶ֣ם בְּנִ֗י חָֽשְׁקָ֤ה נַפְשׁוֹ֙ בְּבִתְּכֶ֔ם תְּנ֙וּ נָ֥א אֹתָ֛הּ ל֖וֹ לְאִשָּֽׁה׃

 (Gen. 34:8 WTT)

VOKABEL:

חשׁק - an jemanden hängen, lieben (HAWAT 2021, S. 124).

 

mE

Und Chamor sprach zu ihnen: Schechem, mein Sohn, hängt sein Leben an eure Tochter, gebt sie ihm doch zur Frau!

 

Buber/Rosenzweig

Chamor redete mit ihnen, sprechend:

Schchem mein Sohn -

seine Seele hangt an eurer Tochter,

gebt sie ihm doch zum Weib!

 

van Dyke

‎وَتَكَلَّمَ حَمُورُ مَعَهُمَ قَائِلاً: «شَكِيمُ ابْنِي قَدْ تَعَلَّقَتْ نَفْسُهُ بِابْنَتِكُمْ. أَعْطُوهُ إِيَّاهَا زَوْجَةً

   (Gen. 34:8 AVD)

VOKABEL

علق , a - hängen, haften; HIER II. STAMM: hängen, festmachen, anknüpfen.

 

BEOBACHTUNG

1 חשׁק - chaschaq

Das ThWAT 3,281 führt dazu aus, dass dieses Verb besonders im deuteronomistischen Kontext die unverbrüchliche und absichtliche Bindung bezeichnet: Von Salomo zu seiner Bautätigkeit, 1 Kg 9,19, eines Krieges zu einer Sklavin, Dtr 21,11, Schechem zu Dinah und eben auch Gott zu seinem Volk: Dtr 10,15; vgl. Jes 38,17. Dies Wort ist also dem Synonym  אהֵב, ahab, in keiner Weise nachgeordnet oder ironisch gebrochen gemeint. So auch SEEBASS, 420: Das Verb "hat stets einen positiven Sinn".

Das wird von der Tradition offenbar auch so gesehen:

LXX προείλατο τῇ ψυχῇ τὴν θυγατέρα ὑμῶν

LXXD hat mit der Seele eure Tochter erwählt

VUL Sychem ... adhesit anima filiae vestrae

VULD Die Seele Sichems ... hat such an eure Tochter gehängt.

So auch ELB SCH ZUR  ZUNZ D83 WEST 

LUTHER verändert den Ton.

L45 Meines sons Sichems hertz sehnet sich nach ewer Tochter

LUT  L17: Das Herz meines Sohnes Sichem sehnt sich nach eurer Tochter

So auch die KJV:

KJV The soul of my son Shechem longeth for your daughter

Ähnlich ESV NAS TANAKH

Das öffnet weitere Varianten:

LSG Le coeur de Sichem ... s'est attaché à 

BFC Mon fils Sichem est amoureux de cette jeune fille.

So zuvor MENDELSSOHN:

M B/M Mein Sohn ..., seine Seele ist in eure Tochter verliebt

D92 Min søn Sikem har tabt [< tabe: verlieren] sit hjerte til jeres søster. (Gen. 34:8 D92)

Von "lieben" spechen GN GNB BB:

GN Mein Sohn ... liebt das Mädchen

HIRSCH sexualisiert:

HIRSCH Schechems,  meines Sohnes, Seele hat Lust an eurer Tochter

Sehr deutlich Jehuasch:

SBJ  

גלוסט
gelüst

Ähnlich BiG und SEEBASS:

BiG Mein Sohn ... hängt mit seinem Verlangen an eurer Tochter

SEEBASS Das Verlangen meines Sohnes ... hängt an eurer Tochter.

Somit zeigen sich vier Gruppen:

Merkwürdig SOGGIN: Er lässt diesen Teil des Verses aus.

 

2 נֶפֶשׁ - näfasch

Die Übersetzungeschichte dieses Verses beweist, dass "näfäsch" pronominal aufgefasst werden kann, SCHLACHTER z. B.:

SCH Mein Sohn Sichem hängt an eurer Tochter

Es wird auch mit "Herz" übersetzt oder eben vom Kontext her bestimmt als "Verlangen", aber eben keineswegs immer als "Seele":

3 Und wo bleibt Dina?

HIRSCH, 428, weist in seinem Kommentar darauf hin - wie auch SARNA, 235, - dass sich Dina nach wie vor in der Stadt befindet. HIRSCH: "So aber, die Tochter und Schwester im Räuberverließ, mit Vater und Bruder verhandeln, heißt nur: eine formelle Zustimmung zu einer bereits vollzogenen Gewalt erschwindeln wollen."

Auch WESTERMANN, 656, bemerkt: "Die Werbung um Dina für seinen Sohn bringt Hamor vor, ohne auf die Vergewaltigung einzugehen." Ähnlich SEEBASS, 424.

 

 

 

 

*

 

 

 

Köln-Merkenich, am
Mittwoch, den 11. Januar 2023

 

Q 96,5

عَلَّمَ ٱلْإِنسَـٰنَ مَا لَمْ يَعْلَمْ

VOKABELN

VERB

علم  aalim, a - wissen; HIER II. STAMM (Kausativ!): lehren.

NOMEN

انسان  pl. ناس - Mensch.

PARTIKEL

ما   - das, was;

لم  - nicht.

 

mE  - zusammen mit Vers 4

der durch die Schrift lehrte.

Er lehrte den Menschen, was er nicht wusste.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) ab Vers 3

Lis, dein Herr ists der dich erkohr,

Der unterwies mit dem Schreibrohr;

Den Menschen unterwies er

In dem was er nicht weiß zuvor.

 

ULLMANN  (1840)

der den Gebrauch der Feder lehrte

und den Menschen lehrt, was er nicht gewusst hat.

 

HENNING  (1901)

Der durch die (Schreib-)Feder gelehrt hat -

Den Menschen gelehrt hat, was er nicht wusste. 

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Der den Griffel (führen) gelehrt.

Er lehrte den Menschen, was er nicht kannte.

 

PARET (1979, 2001)

der den Gebrauch des Schreibrohrs gelehrt hat (oder: der durch das Schreibrohr gelehrt hat), 

den Menschen gelehrt hat, was er (zuvor) nicht wußte.

 

KHOURY (1987, 1992) - s. HENNING

der durch das Schreibrohr gelehrt hat,

den Menschen gelehrt hat, was er nicht wusste.

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Der das Schreiben mit dem Schreibrohr lehrte.

Er lehrte den Menschen, was er nicht wusste.

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de) s. 

KHOURY + HENNING

Der (das Schreiben) mit dem Schreibrohr gelehrt hat,

den Menschen gelehrt hat, was er nicht wusste.

 

KARIMI (2009)

der durch das Schreibrohr nahe brachte,

den Menschen lehrte, was er nicht wusste!

 

BOBZIN (2010, 2017)

der mit dem Schreibrohr lehrte,

den Menschen, was er nicht wusste, lehrte.

 

ZIRKER (2003, 2018)

er hat mit dem Schreibrohr gelehrt,

den Menschen gelehrt, was er nicht wusste.

 

NEUWIRTH (2011)

der mit dem Schreibrohr lehrte,

den Menschen lehrte, was er nicht wusste.

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (03.01.2023)

der mit dem Schreibrohr lehrt,

den Menschen lehrt, was er nicht wusste!

 

KOMMENTAR

1 Neuplatonismus

NEUWIRTH hält in ihrem Kommentar, 270, kategorisch fest: "Qalam als irdisches Werkzeug kommt im Koran nicht vor." Gedacht sei "an das Schreibrohr der himmlischen Schreiber (Q 80:15), die die himmlische Tafel (... Q 85:22) beschreiben". 270 Durch Q 55 würde deutlich, welche Vorstellung hier im Hintergrund prägt:

"Erst aus dem Prolog einer etwas späteren Sure, Q 55, wird die Nähe der koranischen Vorstellung von der Vermittlung des Gotteswortes an die Welt zu spätantiken Logosvorstellungen klar ersichtlich: Es ist die Deutung der Welt als eines Zeichensystems, eines >Textes<, der sich aus einer himmlischen Schrift speist, die der Vorstellung einer hinter der empirischen Welt stehenden Welt der Ideen nahekommt (siehe KTS [Neuwirth, Der Koran als Text der Spätantike, 2010], S. 158-163)." 270

In dem zitierten Werk (KTS,2010) verweist Neuwirth auf  den Johannesprolog Jh 1,1-5 und Philo (161, 162).

Wirken in der Auffassung einer himmlisch-göttlichen Schrift  altägyptische Auffassungen fort? Vgl.:

"Die Hieroglyphen-Sch.[rift] wurde von den Ägyptern als eine Gottesgabe verehrt. Sie war kein menschliches Machwerk, sondern ein Teil göttlicher Schöpfung" (HWPh Bd. 8, S. 1426/Bildschirmseite 34452)

 

2 qalam pl. aqlam

Corpus Coranicum erinnert daran, dass dies arabische Wort aus dem Griechischen kommt:

"Qalam ist aus dem Äthiopischen entlehnt und geht letztlich auf gr. kalamos zurück ( Jeffery, Foreign Vocabulary, 242 f. )."

Dabei wird 

NEUWIRTH vehement widersprochen: Sie verweisen auf die Verwendung des Plurals von qalam, aqlam: 

"dass alle übrigen (allerdings deutlich späteren) Verwendungen des Wortes qalam, die im Plural ʾaqlām stehen (in 31:27 und 3:44), irdische Schreibrohre bzw. Losstäbchen (3:44) bezeichnen."

 

3 zu: v 1-5

Corpus Coranicum kommentiert zusammenfassend:

"V. 1–5 stellen so zwei grundsätzliche Weisen göttlicher Zuwendung, Schöpfung und Offenbarung, durch eine mit gleichen Mitteln geleistete stilistische Hervorhebung in einen auch sonst im Koran zu beobachtenden Zusammenhang (s. 87:1–8, 86:11–14 und 55:1–4 mit Anmerkungen bzw. Kommentar; zur Durchführung derselben Thematik in Q 95 und 90 s. Neuwirth, „Horizont“, 14–16 ). Dabei ist Schöpfung hier wie auch sonst im Koran nicht vorrangig als einmaliger, primordialer göttlicher Akt zu verstehen, sondern als die sich im geregelten Naturablauf – etwa der Entstehung menschlicher Wesen im Mutterleib – fortwährend manifestierende Zuwendung Gottes."

 

 

 

 

Gen 34,9 und Q 96,6 – sowie ein Nachtrag zu Q 96,4 

 


Köln-Merkenich, am Donnerstag/Freitag,
den 11./12. Januar 2023

 

Ein guter Vorschlag? Und was sagen die Töchter dazu?

‎וְהִֽתְחַתְּנ֖וּ אֹתָ֑נוּ בְּנֹֽתֵיכֶם֙ תִּתְּנוּ־לָ֔נוּ וְאֶת־בְּנֹתֵ֖ינוּ תִּקְח֥וּ לָכֶֽם׃

 (Gen. 34:9 WTT)

VOKABEL

VERB

חתן - nur im Hitpael ("der reflexive und mediale Intensivstamm", Edel 25): sich verschwägern. Von חָתָן - Schwiegersohn.

 

mE

lasst uns miteinander ehelich verwandt werden: Eure Töchter gebt ihr uns und unsere Töchter nehmt ihr euch.

 

Buber/Rosenzweig

Verschwägert euch mit uns,

eure Töchter gebt uns und unsre Töchter nehmt euch,

 

van Dyke

. ‎  وَصَاهِرُونَا. تُعْطُونَنَا بَنَاتِكُمْ، وَتَأْخُذُونَ لَكُمْ بَنَاتِنَا  (Gen. 34:9 AVD)

VOKABELN

VERBEN

صهر, a - (Metall) schmelzen; HIER III. STAMM (Relativ, für Beziehungen): verschwägert werden (mit ه);

عطو  oder  عطا, u  - empfangen, nehmen.

 

BEOBACHTUNGEN

1  הִֽתְחַתְּנ֖וּ, hitchattenu, sich verschwägern

Dieses Verb taucht in dieser Form - so WESTERMANNm 656 - nur noch in Dtr 7,3; Jos 23,12 und Ezr 9,14 auf. Dort wird genau dieses Vorhaben verboten. Damit erscheint mir der Kontext klar: Eine lehrhafte Erzählung aus der nachexilischen spätdeuteronomischtischen Tradition der Abgrenzung.

Das Verb ist die Verbalisierung von חתָן, chatan, Schwiegersohn, also wörtlich "verschwiegersohnen".

Im Arabischen dient das Wort für Metalllegierungen als bildgebender Teil für die metaphorische Bedeutung im III. Stamm der Beziehungen ausdrückt, für die Verschwägerung - ein schönes Bild: Was hart ist wird weich und verbindet sich dann fest!

Auf der Suche nach der Bedeutung des deutschen Wortes "Schwager" stoße ich auf keine andere Bedeutung als eben diese:

"mittelhochdeutsch swāger, althochdeutsch swāgur, swāger, eine Ableitung zu dem altdeutschen Wort für Schwäher, das germanisch *swehura-Schwiegervater“ lautete. Das Wort ist seit dem 8. Jahrhundert belegt." BELEG: Friedrich Kluge, bearbeitet von Elmar Seebold: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24., durchgesehene und erweiterte Auflage. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2001, Stichwörter: „Schwager“, „Schwäher“, Seite 830. - Wiktionary

Die Lutherbibeln LUT L17 übersetzen "verschwägert euch", so auch viele andere der deutschsprachigen Übersetzungen, s. auch B/R, sowie D83.

JEHUASCH bringt das hebräische Wort selbst: 
 און זייט זיך מתחתן מיט אונדז 
 - un seit sich metchattan mit unds. 

KJV hingegen folgt der Vorgabe des Septuaginta 

LXX ἐπιγαμβρεύσασθε ἡμῖν 

LXXD Heiratet mit uns! 

KJV make ye marriages with us 

Hieronymus folgt auch der LXX: 

VUL iungamus vicissm 

VULD lasst uns gegenseitige Eheverbindungen eingehen! 

ESV Make marriages 

NAS TANAKH intermarry with us 

LSG BFC  Alliez-vous avec nous 

NL Ga huwelijks banden met ons aan 

BiG geht überhaupt mit uns Heiratsbeziehungen ein! 

BB Unsere Familien könnten untereinander heiraten 

Eher umschreibend: 

D92 så vi bringer os i familie med hinanden 

Diese Möglichkeit hat kein anderer als LUTHER selbst am radikalsten ergriffen: 

L45 Befreundet euch mit uns 

 

2 Patriarchat

Wer noch Anschauungsmaterial dafür sucht, was das Patriarchat ausmacht: Hier ist es mit Händen zu greifen: Die Gewalt der Väter darüber zu bestimmen, wer Mutter der Nachkommen wird. Diese Vollmacht wird hier selbstverständlich vorausgesetzt und ist damit streng genommen die institutionalisierte Form der Vergewaltigung. In anderen Gesellschaften bestimmt die Frau wer Vater ihrer Kinder wird. Das bestärkt meine These, dass das Patriarchat eine Erfindung derer ist, die - einmal unter einmaligen Umständen an die Herrschaft einer größeren Gruppe von Menschen gelangt - dafür sorgen, dass diese Familie an der Macht bleibt. Extremform dafür ist im antiken Ägypten die Geschwisterehe der pharaonischen Kinder. Das tröpfelte dann von oben nach unten durch und verbreitete sich als maßgebend in der Gesellschaft.

 

 

 

 

*

 

 

NACHTRAG zu Q 96,4

Auch nach längerem Studium der verschiedenen Übersetzungen halte ich - bislang - an meiner Übersetzung dieses Verses fest:

Q 96,4-5

der [gemeint ist Gott] durch die Schrift lehrte.

Er lehrte den Menschen, was er nicht wusste.

 

qalam meint gewiss Schreibrohr oder -feder, aber eben auch Schrift. Mit "Schrift" wäre aber auch der Übergang zum 5. Vers klarer: Die Wissenserweiterung wurde durch die Schrift möglich, nicht durch das Schreibrohr. 

Auf der Suche danach das Thema der religiösen Bedeutung der Schrift zu vertiefen, stieß ich auf ein merkwürdiges Phänomen: Es gibt in den gängigen Lexika keinen Eintrag über "Schrift" als religiöses Phänomen, weder in den RGG's 3.und 4. Auflage, der TRE noch im Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe, HrwG. Einzig das HWP geht ein wenig darauf ein. Der Neue Pauly informiert über antike Schreibsysteme, aber nimmt die religiöse Bedeutung der Schrift nicht in den Blick.

Dabei war dies in der Antike durchaus üblich:

In Ägypten gilt der Gott THOT, dargestellt als ibis- oder pavianköpfig, als derjenige, der die Schrift gegeben hat:

"Die Schrift ist selbst von ihm her. Er hat sie gegeben und nicht nur sie, sondern auch die geordnete Rede ... Von Th.[ot] stammen .. die Satzungen, die das Gemeinschaftsleben der Menschen bestimmen. Er ist "Herr der Gesetze". Vor allem leiten sich aber die alten heiligen Schriften auf ihn zurück, die "Gottesworte" ..." In: Hans BONNET: Reallexikon der Ägyptischen Religionsgeschichte, RÄRG, Berlin, New York, 2. Auflage 1971, Art. Thot, S. 808b.

Thot hat Macht über die Sprache und wirkt durch sie:

"Als Organ des Schöpfergottes hat Th.[ot] notwendig am Uranfang seine Stätte. So wird er zum ersten aller Geschöpfe", RÄRG 809b.

Das wiederum erinnert an Spr 8,22f, hier spricht die Weisheit:

"Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her.

Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war."

Wie aber kann man sich eine Rezeptionsgeschichte vorstellen, die von diesen Alt-Ägyptischen Vorstellungen ins spätantike Mekka bzw. Petra - neben Mekka dem in Richtung Westen anderen kulturellen und wirtschaftlichen wichtigen Umschlagplatz - reicht?

In der griechischen Adaption wurde Thot mit Hermes gleichgesetzt. Das könnte eine Traditionsbrücke sein, galt Hermes doch auch als Gott der Kaufleute. Warum sollte es im polytheistischen Heiligtum der Kaaba nicht auch einen Platz für die Verehrung von Hermes gegeben haben? Mohammed heiratete eine Kauffrau und war als Kaufmann unterwegs, Petra gehörte zu den Stationen der Karawanen im Westen.

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am Montag,
den 16. Januar 2023

 

Q 96,6

كَلَّآ إِنَّ ٱلْإِنسَـٰنَ لَيَطْغَىٰٓ

VOKABELN

VERB

طغو  oder  طغا oder طغى , a - überfluten; unterdrücken; WEHR 656: vorherrschen, bestimmen, sich durchsetzen, dominieren.

PARTIKEL

كلا kalla - nein! keineswegs!

ان  inna - siehe!

 

mE

Nein! Siehe, der Mensch ist einer um zu bestimmen,

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Ach ja, der Mensch wird übermüthig,

 

ULLMANN  (1840)

So ist es. Wahrlich, der Mensch übernimmt sich frevelhaft, 

 

HENNING  (1901)

Doch nein! Der Mensch ist wahrlich rebellisch,

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Keineswegs. Wahrlich der Mensch wird widerspenstig.

 

PARET (1979, 2001)

Nein! Der Mensch ist wirklich aufsässig,

 

KHOURY (1987, 1992)

Nein, der Mensch zeigt ein Übermaß an Frevel,

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Der Mensch aber kann überheblich jedes Maß überschreiten,

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Keineswegs! Der Mensch lehnt sich wahrlich auf,

 

KARIMI (2009)

Doch nein, übermütig ist der Mensch,

 

BOBZIN (2010, 2017)

Doch nein! Siehe, aufsässig ist der Mensch fürwahr,

 

ZIRKER (2003, 2018)

Nein, der Mensch handelt gesetzlos,

 

NEUWIRTH (2011)

Doch nein, der Mensch ist widerspenstig,

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid ("1.0.2023")

Doch nein! Der Mensch ist aufsässig,

 

BEOBACHTUNGEN

Dieser Vers ist nur verständlich zusammen mit dem Folgenden ...

Auffällig ist, dass ANGELIKA NEUWIRTH sich hier der Übersetzung von GOLDSCHMIDT anschließt! 

 

 

 

 

Gen 34,10 

Köln-Merkenich, am Mittwoch/Donnerstag
den 18./19. Januar 2023


Ein spannendes Angebot:

‎  וְאִתָּ֖נוּ תֵּשֵׁ֑בוּ וְהָאָ֙רֶץ֙ תִּהְיֶ֣ה לִפְנֵיכֶ֔ם שְׁבוּ֙ וּסְחָר֔וּהָ וְהֵֽאָחֲז֖וּ בָּֽהּ׃ 

 (Gen. 34:10 WTT)

VOKABELN

VERBEN

ישׁב  - setzen, stellen, legen;

סחר - umherziehen, Handel treiben;

אחז  - erfassen, ergreifen, festhalten; HIER NIFAL: besitzen.

 

mE

und ihr wohnt mit uns und das Land wir vor eurem Angesicht sein: Wohnt und verkehrt auf ihm und besitzt in ihm.

 

Buber/Rosenzweig

und siedelt mit uns.

Das Land wird vor euch offen sein,

siedelt, bereist es, ergreift Hufe darin!

 

van Dyke

.‎»وَتَسْكُنُونَ مَعَنَا، وَتَكُونُ الأَرْضُ قُدَّامَكُمُ. اسْكُنُوا وَاتَّجِرُوا فِيهَا وَتَمَلَّكُوا بِهَا   (Gen. 34:10 AVD)

VOKABEL

VERBEN

تجر , u - Handel treiben;

ملك , u - besitzen, beherrschen.

 

BEOBACHTUNGEN

1   וּסְחָר֔וּהָ -wesacharuha

Das Verb סחר, umherziehen, Handel treiben, wurde in der Antike sowohl von der Übersetzergemeinschaft in Alexandria als auch von Hieronymus in Jerusalem im zweit genannten Sinn verstanden:

LXX ἐμπορεύεσθε ἐπ᾽ αὐτῆς 

LXXD reist darin - mit der Anmerkung: "auch reist darin als Händler, treibt Handel"

Das griechische Verb  em-poreyomai hat exakt die gleiche Doppelbedeutung, Pape 1,816/Bildschirmseite 28.224: "hingehen, -reisen, marschieren ... Handelsmann sein, Handel treiben".

VUL exercete negotiamini

VULD treibt Handel 

Dem schließen sich LUT L17 KJV NAS ESV BFC EIN 

van Dyke und SCH an.

L45 werbet

GN wird elegisch:

GN GNB tauscht eure Erzeugnisse gegen die unseren ein.

MENDELSSOHN bricht mit dieser Tradition:

M B/M  zieht darin herum

ZUNZ PHIL JACOB verkehret

JEHUASCH genauso:

SBJ  

פארקערט דרינען 
vorkert drinen

HIRSCH B/R bereist es

TANAKH move about

SARNA 235 weist darauf hin, dass die Antike dieses Verb anders las!

WEST tut euch darin um - WESTERMANN verweist auf Gen 42,34; Jer 14,18.

SOGG durchquert es ohne weiteres

SEEB durchwandert es - SEEBASS, 424,  verweist auf seinen Artikel zu diesem Verb in dem ThWAT 5,814-819: Darin stellt der dar, dass die Grundbedeutung "umherziehen, sich frei bewegen" sei, nur das Partizip habe die Bedeutung von "Handel treiben". Von daher schreibt Seebass, 424: "saher heißt hier nicht "Handel treiben"". Sein Hauptbeleg: Gen 42,34, s. a. Gen 34,21.

Die Übersetzungen der Neuzeit schließen sich dem an.

ELB verkehrt darin

ZUR tut euch darin um

BB zieht umher

NL trek erin rond

D 83 D 92 drog frit omkring

 

2  וְהֵֽאָחֲז֖וּ בָּֽהּ, wehaachasu bah

Das Verb "אחז  - erfassen, ergreifen, festhalten; HIER NIFAL: besitzen" wird durch die Präposition בְּ, be, präzisiert, hier mit femininen Suffix, bezogen auf  הָאָ֙רֶץ, haarez, feminin, das Land.

Gemeint ist also nicht das Land selbst. So auch die Übersetzung ins Griechische:

LXX ἐγκτήσασθε ἐν αὐτῇ

LXXD macht Erwerbungen in ihm.

Das nimmt TANAKH auf:

TANAKH acquire holdings in it 

D83 saml eder eijendom der!

Noch Luther 1545 hat:

L45 gewinnet drinnen

HIERONYMUS macht das Land zum Akkusativobjekt:

VUL possidete eam

VULD nehmt es in Besitz! 

LUT L17 folgen nun - anders als LUTHER selbst 1534! - Hieronymus:

LUT L17 werdet ansässig 

ELB macht euch im Land ansässig

SCH erwerbt Grundbesitz!

ZUR lasst euch hier nieder

ZUNZ macht euch ansässig darin.

SBJ 
באפעסטיקט אייך אין איר
bofestikt euch in ir

GN wieder elegisch:

GN GNB Wenn ihr wollt könnt ihr auch Grund und Boden erwerben.

BB lasst euch nieder!

BiG verfügt darüber

D92 bliv bofaste her

JACOB siedelt auch an darin. JACOB, 653, verweist auf Gen 47,27; Nu 32,30; Jos 22,9.19 und das "Recht der Ersitzung 



erlangen".

PHIL machet euch ansässig in ihm.

WEST werdet ansässig. Er verweist, WEST 657, auf die gleichen Parallelstellen wie JACOB ohne ihn zu erwähnen. Nach WESTERMANN, 657, ist dieses Wort der "Terminus für das Ansässigwerden Israels in Kanaan bei P." 

SOGG werdet dort ansässig.

B/R ergreift Hufe darin!

Am sprechendsten ist m. E. die Übersetzung von van Dyke:

van Dyke وَتَمَلَّكُوا بِهَا , watamallaku biha -das Verb ملك , malak, u - besitzen, beherrschen, bildet die Grundform für das Substantiv "ملِك", malik: König - der Besitzer, der Beherrscher. Allein darum benötigt ein König einen Thron, den er be-sitzt, s. u.

Hier eine Übersicht:

SEEBASS weicht ab:

SEEB lasst euch von ihm festhalten!

Zur intransitiven Verwendung von "besitzen", s. mE, liest sich im GRIMM 1,Sp. 1625 Z. 45 ff:

"Das goth.bisitan hat geringen umfang und steht nur intransitiv; in den übrigen dialecten herscht transitivbedeutung vor und geht aus von leiblichem aufsitzen, wiebeliegen ist auf einem liegen,betreten auf einen treten."

 

 

 

 

Gen 34,11 und Q 96,8 

 


Köln-Merkenich, am Montag/Dienstag,
den 30./31. Januar 2023


Da ist Dina - in Sichems Rede! - wieder gegenwärtig:

‎  וַיֹּ֤אמֶר שְׁכֶם֙ אֶל־אָבִ֣יה וְאֶל־אַחֶ֔יהָ אֶמְצָא־חֵ֖ן בְּעֵינֵיכֶ֑ם וַאֲשֶׁ֥ר תֹּאמְר֛וּ אֵלַ֖י אֶתֵּֽן׃

 (Gen. 34:11 WTT)

VOKABEL

VERB

מצא - finden, treffen, stoßen auf.

 

mE

Und Sichem sprach zu ihrem Vater und ihren Brüdern: Möge ich doch Gnade finden in euren Augen und was ihr mir sagt, werde ich tun,

 

Buber/Rosenzweig

Schchem sprach zu ihrem Vater und zu ihren Brüdern:

Möge ich Gunst in euren Augen finden!

was ihr mir zusprechen werdet, will ich geben,

 

van Dyke

. ‎ ثُمَّ قَالَ شَكِيمُ لأَبِيهَا وَلإِخْوَتِهَا: «دَعُونِي أَجِدْ نِعْمَةً فِي أَعْيُنِكُمْ. فَالَّذِي تَقُولُونَ لِي أُعْطِي  (Gen. 34:11 AVD)

VOKABELN

VERBEN

دعو  oder  دعا, u - rufen, einladen, auffordern;

وجد oder يجد  - finden;

عطو oder عطا - empfangen, nehmen; III. und IV. STAMM: geben, gewähren, schenken.

NOMEN

نعمة   niaama, pl. نعم - Gnade, Güte.

 

BEOBACHTUNGEN

1 DINA

Auf einmal ist Dina wieder präsent. Das Hebräische leistet dies allein durch zwei feminine Suffixe (Personalpronomen) an den Nomen "Vater" und Brüdern".

Das Vertrauen in die Leserschaft, dass sie weiß, wer gemeint ist, bringen vor allem neuere Übersetzungen nicht auf, aber auch die ehrwürdige französische zu Anfang des 20. Jahrhunderts nicht:

LSG Sichem dit au père et aux frères de Dina

BFC Sichem lui-même vint dire au père et aux frères de la jeune fille

GN GNB BB sagte zu Dinas Vater und zu ihren Brüdern

 

2 geben/tun/zahlen

Das hebräische Verb אֶתֵּֽן, von נתן, meint "geben, übergeben, gestatten; setzen, stellen, legen, tun, machen, zu etwas machen" (Feyerabend 176, der darin GESENIUS 529ff folgt). Meine Übersetzung war ich schon gewillt unter dem Eindruck der überwältigenden Mehrheit aller Übersetzungen mit "geben" anzupassen, als mich HIRSCHs Übersetzung bestätigte:

HIRSCH Was ihr mir sagen werdet, will ich thun.

TANAKH übersetzt schnörkellos:

JPS I will pay whatever you tell me. 

Das klingt nach Wiedergutmachung - wie es auch Westermann, 657, sieht. SEEBASS, 424, hört hier hingegen  die"Sprache der Liebe, nicht ausdrücklich ein Angebot zur Wiedergutmachung" - ist das Machistisch?

 

3 Einschub?

Für WESTERMANN, 657, ist der Fall klar: Gerade weil hier nur die Suffixe ohne das Beziehungswort "Dina" stehen, sind die Verse 11+12 spätere Einschübe. Der Satz könnte sich auf v 7 beziehen oder vielmehr auf einen "Satz mit Sichem als Subjekt, der jetzt fehlt." Nun ja, so kann man auch die Existenz von Einhörnern beweisen.

 

 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag,
den 2. Februar 2023

 

Q 96,8

إِنَّ إِلَىٰ رَبِّكَ ٱلرُّجْعَىٰٓ

VOKABELN

PARTIKEL

ان inna - siehe!

NOMEN

رجعى  - STEINGASS 404 "return; reply to a letter"; KAZIMIRSKI 828 "Retour".

 

mE

Siehe! Zu deinem Herrn ist die Rückkehr!

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) von Vers 6 an

Ach ja, der Mensch wird übermüthig,

Wenn Gott ist gütig;

Doch einst kommt er demüthig!

 

ULLMANN  (1840)

Aber die Rückkehr ist zu deinem Herrn.

 

HENNING  (1901)

Wahrlich, zu deinem Herrn ist die Rückkehr!

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Wahrlich, zu deinem Herrn ist die Rückkehr.

 

PARET (1979, 2001)

(Doch) zu deinem Herrn kehrt (dereinst) alles zurück 

(Zu deinem Herrn ist die Rückkehr).

 

ASAD (1980/2009)

denn, siehe, zu deinem Erhalter müssen alle zurückkehren.

Anm. 4 S. 1175: "Wörtl. "ist die Rückkehr (ar-rudsch'a)"."

 

KHOURY (1987, 1992)

Zu deinem Herrn erfolgt die Rückkehr.

 

MAHER/AL AZHAR (1999); ZIRKER (2003, 2018)

Zu deinem Herrn ist die Rückkehr.

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Gewiss, zu deinem Herrn wird die Rückkehr sein.

 

KARIMI (2009)

Die Heimkehr doch führt zu deinem Herrn!

 

BOBZIN (2010, 2017)

Siehe, zu deinem Herrn ist die Rückkehr.

 

NEUWIRTH (2011)

Doch zu deinem Herrn ist die Rückkehr.

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (04.01.2023)

Doch zu deinem Herrn führt die Rückkehr!

 

KOMMENTAR

Nach ASAD, 1175, ist das Wort "Rückkehr" ein "Hauptwort", das sowohl meint ""jeder wird unentrinnbar vor Gott zum Gericht gebracht werden" als auch "alles was existiert, geht auf Gott als seine Quelle zurück." Das letzte Verständnis steht gegen "die hochmütige Vorstellung ...., dass der Mensch jemals selbstgenügend und daher "Herr über sein eigenes Schicksal " sein könnte". Das bezieht sich auf V 7.

Das würde diesen Vers aus dem Zusammenhang mit der Armutsfrömmigkeit in V 7 lösen und zu einem Grundsatz machen.

 

 

 

 

Gen 34,12 und Q 96,9 

 


Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 8. Februar und
Montag/Dienstag,
den 20./21. März 2023

 

Schechem ist zu allem bereit:

‎  הַרְבּ֙וּ עָלַ֤י מְאֹד֙ מֹ֣הַר וּמַתָּ֔ן וְאֶ֙תְּנָ֔ה כַּאֲשֶׁ֥ר תֹּאמְר֖וּ אֵלָ֑י וּתְנוּ־לִ֥י אֶת־הַֽנַּעֲרָ֖ לְאִשָּֽׁה׃ 

 (Gen. 34:12 WTT)

VOKABELN

NOMEN

מֹהַר - Brautgeld;

מַתָּן - Gabe, Geschenk.

 

mE

steigert mir gegenüber Brautpreis und Gabe äußerst, ich werde doch geben so wie ihr mir es sagt, doch gebt mir die junge Frau zur Ehefrau.

 

Buber/Rosenzweig

erhöht mir noch so sehr Brautpreis und Morgengabe,

ich wills geben, wie ihr mirs zusprecht,

aber gebt mir das Mädchen zum Weib!

 

van Dyke

." ‎  كَثِّرُوا عَلَيَّ جِدًّا مَهْرًا وَعَطِيَّةً، فَأُعْطِيَ كَمَا تَقُولُونَ لِي. وَأَعْطُونِي الْفَتَاةَ زَوْجَةً (Gen. 34:12 AVD)

VOKABELN

NOMEN

مهر mahr, pl.  مهور muhur - Mitgift, Brautgeld;

عطية pl.  عطايا - Gabe, Geschenk;

فثاة pl. فتيات - Mädchen, junge Frau.

 

BEOBACHTUNGEN:

1 Jiddisch

Jehuasch übersetzt ins Jiddische:
מערט אויפ מיר נדן און מתנות ביז זאר 

 mert auif mir nadn un mattnut bis gor 

"Mattnut" ist das hebröische Wort für "Gabe" und "Geschenk", s. u. und "nadn" ist "Mitgift, Lötzsch, Jiddisches Wörterbuch 2018, 125. 

Besonders interessant ist "gor". Lötzsch,84, dazu: 

  

 

gor ganz; af der ~er welt auf der ganzen Welt; ~doß gelt das ganze Geld, in ~ der schtub im ganzen Haus; ~asoj? ist das so? ~! auf keinen Fall! ~ - ~ ganz und gar (äußerst); bis ~ äußerst 

 

2 junge Frau 

JACOB, 653, bemerkt den Unterschied zu V 4: 

"In den Verhandlungen wird in der Sprache des Gesetzes geredet, daher vor der Gegenseite  הנערה, gegenüber dem intimen  הילדה v. 4 vor dem Vater."

 

 

BUBER/ROSENZWEIG hatte V 4 mit "dieses Kind" übersetzt ! 

 

3 Wissen um die Schuld 

SARNA, 235, führt in seinem Kommentar aus: 

„The amount is usually fixed by custom. Shechem’s indicated readiness to pay far beyond that constitutes a tacit recognition oft he need to make reparations.“

 

WESTERMANN, 657, sieht es genauso: 

„V. 8. ist die Vergewaltigung nicht genannt; die gleichen Worte könnten gesprochen sein, wenn sie gar nicht geschehen wäre, sondern Sichem sich nur in Liebe der Dina zugewandt hätte. Die Werbung Sichems in V. 11 dagegen ist ganz von der voraufgegangenen Tat bestimmt: ihretwegen ist Sichem bereit jeden Preis zu zahlen, den die Brüder Dinas von ihm verlangen, um damit das Vergehen zu sühnen.“ 

SEEBASS, 424, hört etwas anderes heraus: 

"Sichem [...] will nur Gunst finden, alles geben, was ihm auferlegt wird - das ist Sprache der Liebe, nicht ausdrücklich ein Angebot zur Wiedergutmachung." Und fährt fort und verbindet dies Thema mit dem nächsten: 

„Im Gegenteil, wie in 24,53 die Brautgaabe für die Familie und das Geschenk (mattan) für die Braut unterschieden werden, spricht Sichem in V 12a als ein Gutsituierter. (Nach Ex 22,15f hätte er nur die Brautgabe zahlen müssen, wäre er ein Israelit.) Erst V 12b kommt zur Hauptsache – eine bittende Unterstützung, dass Chamor Dina (neben Sichem) taktvollerweise mitgebracht hatte. Nur so kann die förmliche Übergabe erbeten werden (V 12b).“ 

 

 

 

3 Brautgeld und Gabe 

Die LXX hat nur einen Begriff: 

LXX πληθύνατε τὴν φερνὴν (Gen. 34:12 BGT) 

LXXD Erhöht die Mitgiftforderung 

Zu den beiden hebräischen Begriffen, מֹהַר, "mohar", Brautgeld und מַתָּן, "mattan", Gabe, führt Westermann, 657, aus: 

„מהר ist die Brautgabe oder das Heiratsgeld […] Das Wort begegnet im Bundesbuch Ex 22,15.16, wo מהר eine besondere Rolle bei einer Verführung spielt; sonst nur noch 1S 18,25. Während der מהר an an die Familie der Braut gezahlt wird, ist מתן wahrscheinlich das Geschenk an die Braut von den Gaben an die Familie unterschieden.“

 

 

Dem widerspricht SOGGIN, 408: "'Preis und Geschenke': darunter sollte man [...] nur den Brautpreis, mohar, und nichts weiteres verstehen." Er könnte sich dafür auf die LXX berufen!

SEEBASS, 420, widerspricht: "Fehlt [gemeint ist "Gabe"] in LXX, kaum richtig." Aber auch ohne Belege.

 

 

 

 

*

 

 

 

Q 96,9-10

أَرَءَيْتَ ٱلَّذِى يَنْهَىٰ

عَبْدًا إِذَا صَلَّىٰٓ

VOKABELN

VERBEN

رأى  , jara - sehen;

نهى , a - verbieten, untersagen;

صلى salla - II. STAMM: beten.

PARTIKEL

أ - Fragepartikel;

اذا - wenn, als.

 

mE

Siehst du den, der einem Knecht verbietet, wenn er betet?

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Siehst du ihn, ders verbietet,

wann einer betet?

 

ULLMANN  (1840)

Was hältst du von dem,

welcher unseren Diener vom Beten abhalten will?

 

HENNING  (1901)

Hast du den gesehen, der es untersagt,

Dem Diener (Allahs), dass er betet?

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Siehst du auf den, der hindert,

Den Diener, wenn er betet?

 

PARET (1979, 2001)

Was meinst du wohl von dem, der 

einem Sklaven (oder: einem Diener (Gottes)) wehrt, wenn er das Gebet verrichtet? 

 

ASAD (1980/2009)

HAST DU jemals den betrachtet, der zu verhindern sucht,

dass ein Diener (Gottes) betet?

(Wörtlich: "der einem Diener (Gottes es) verbietet, wenn er betet"

 

KHOURY (1987, 1992)

Hast du den gesehen, der da wehrt

einem Diener, wenn er betet?

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Hast du jenen gesehen, der

einem Gottesdiener zu beten verbietet?

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Siehst du denjenigen, der abhält

einen Diener, wenn er betet?

 

KARIMI (2009)

Hast du gesehen: der es verwehrt

einem Gottesdiener, wenn er betet?

 

BOBZIN (2010, 2017)

Sahst du denn den, der behindert

einen Knecht, wenn er betet?

 

ZIRKER (2003, 2018)

Was meinst du von dem, der untersagt

einem Diener, wenn er betet?

 

NEUWIRTH (2011)

Was meinst du von dem, der hindert

einen Diener, wenn er betet?

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (02.02.2023)

Was meinst du von dem, der hindert

einen Diener, wenn er betet?

 

REINBOLD (2022) - PARALLELSTELLEN aus Judentum, Christentum und Islam

Hadith 1224, Muslim:



KOMMENTARE

عبد, abd, Knecht 

CORPUS CORANICUM führt dazu mit Bezug auf NEUWIRTH aus:

"Der Ausdruck ʿabd ist zweideutig und könnte sowohl allgemein einen „Diener“ Gottes meinen als auch den gesellschaftlichen Status des „Sklaven“. Nöldeke und Schwally vertreten mit aller Entschiedenheit die erste Alternative ( GdQ, Bd. 1, 83 ; s. ebd., Anm. 1: „Ich brauche kaum zu bemerken, daß die Erklärung des عبد (V. 7) durch ‚Mensch‘ überhaupt ... gänzlich verfehlt ist“). Obwohl sie ihre Deutung auf außerkoranische Überlieferungen gründen, lassen sich auch gute innertextliche Indizien finden: Nicht nur die in V. 9 vorausgesetzte Befugnis des Gescholtenen zum Aussprechen von Verboten, sondern auch seine aus V. 17 zu erschließende Verfügungsgewalt über eine Anhängerschar vermitteln recht deutlich den Eindruck einer gesellschaftlichen Statusdifferenz zwischen ihm und dem ʿabd, was für die Deutung von Nöldeke und Schwally spricht (gegen das eher skeptische Votum in Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 271 ). Andererseits spricht jedoch nichts gegen die Annahme, dass der Ausdruck ʿabd zugleich mit der religiösen Bedeutung des „Gottesdieners“ spielt. Wie sich insbesondere im Schlussgesätz (V. 9) zeigt, besteht die zentrale Aussage der Sure ja gerade darin, dass der eigentliche Souverän des Geschehens nicht der in prototypische Selbstherrliche aus V. 9 ist, sondern vielmehr Gott. Die Doppelbedeutung des Wortes ʿabd bringt den damit eingeforderten Perspektivwechsel gleichsam auf den Punkt: Wo jemand, der ausschließlich innerweltlichen Sozialkonventionen verhaftet ist, nur einen ʿabd qua Sklaven erblickt, sieht der Gläubige in erster Linie einen ʿabd qua Gottesdiener, der im Zweifelsfalls seinem himmlischen Herrn mehr zu gehorchen hat als seinem irdischen (vgl. die ausdrückliche göttliche Gehorsamsforderung in V. 19). – Neuwirth mutmaßt, der Ausdruck ʿabd könne auch den Verkünder selbst meinen ( Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 271 )."

 

 

 

 

Gen 34,13 und Q 96,11 

 


Köln-Merkenich, am Dienstag/Donnerstag/Freitag,
den 28./30./31.03.und
Mittwoch, den 12. April 2023

 

Die Einleitung des 2. Aktes:
‎וַיַּעֲנ֙וּ בְנֵֽי־יַעֲקֹ֜ב אֶת־שְׁכֶ֙ם וְאֶת־חֲמ֥וֹר אָבִ֛יו בְּמִרְמָ֖ה וַיְדַבֵּ֑רוּ אֲשֶׁ֣ר  טִמֵּ֔א אֵ֖ת דִּינָ֥ה אֲחֹתָֽם׃

‎  (Gen. 34:13 WTT)

VOKABELN

VERB

טמא - unrein sein; HIER PIEL, Kausativ: unrein machen, schänden.

NOMEN

מִרְמָה - Betrug, Verrat, Lüge.

 

mE

Die Söhne Jaakobs antworteten Schechem und Chemor, seinem Vater, mit einer Lüge, sie sprachen, weil er ihre Schwester Dinah geschändet hatte,

 

Buber/Rosenzweig:

Die Söhne Jaakobs antworteten Schchem und Chamor seinem Vater trüglich,

sie redetens, weil er Dina, ihre Schwester bemakelt hatte,

 

van Dyke

‎، فَأَجَابَ بَنُو يَعْقُوبَ شَكِيمَ وَحَمُورَ          أَبَاهُ بِمَكْرٍ وَتَكَلَّمُوا. لأَنَّهُ كَانَ قَدْ نَجَّسَ          دِينَةَ أُخْتَهُمْ  (Gen. 34:13 AVD)

VOKABELN

VERBEN

جوب   oder جاب , u - (durch-)wandern; HIER IV. STAMM antworten;

نجس , najis, a - oder نجس, najus, u - unrein; HIER II. STAMM verunreinigen.

NOMEN

مكر makr - List; von  مكر makar, u - täuschen.

BEOBACHTUNGEN

1  מִרְמָה, mirmah

Für dieses Wort finde ich in den eingesehenen Übersetzungen 5 Varianten, z. T. Gruppen. Die erste ist die älteste:

Was mich am meisten überrascht: Die Tatsache, dass es überhaupt  genannt wird. Hier springt der Erzähler aus seiner Rolle heraus   und kommentiert das Geschehen. Er nimmt vorweg, was den  Hörenden/Lesenden erst später auffallen wird, dass hier   getäuscht wird bzw. eine List - wie bei Odysseus (steckt da mehr  dahinter?) - eingesetzt wird. Einer  möglichen Entrüstung darüber wird damit geschickt vorgebeugt.

JACOB, 654, verweist darauf, dass dieses Wort "derselbe Ausdruck [ist] wie [Gen] 27,35 von Jakob und 29,25 ... von Laban und Jakob." Den Zusammenhang deutet JACOB, 654, so:

"Jakob hatte den Vater betrogen, dafür war er von Laban betrogen worden ... Aber er soll auch noch eine Gelegenheit erhalten, an seinen Kindern einen Betrug  zu erleben und zu verdammen." (Hervorhebungen im Original gesperrt.)"

SARNA, 236, verweist darauf, dass nur mit einer List es der weit  unterlegenen Partei möglich ist, Dinah zu befreien. 

 

2

HIERONYMUS führt einen Affekt ein:

VUL saevientes ob stuprum sororis (Gen. 34:13 VUL)

VULD wütend wegen der Schändung ihrer Schwester

Wobei stuprum heißen kann: Schändung, Entehrung, Vergewaltigung, Ehebruch, Hurerei.

 

3 וַיְדַבֵּ֑רוּ, wajidabberu

Nach WESTERMANN, 651, ist dieser Vers "syntaktisch schwierig und als nachträglich eingefügt zu erkennen." Mit der syrischen Überlieferung S stellt er dies Wort vor מִרְמָה, mirmah, d. h. die Reihenfolge wird verdreht. Dem widerspricht JAKOB, 654, ausdrücklich. SEEBASS,  424, sieht hier, dass die syrische Übersetzung - inhaltlich korrekt - "glättet".

 

 

 

 

*

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch,
den 12. April 2023

 

Q 96,11

أَرَءَيْتَ إِن كَانَ عَلَى ٱلْهُدَىٰٓ

VOKABELN

VERB

رأى  ,              jara - sehen.

NOMEN

هدى  - Anleitung, Weg.

 

mE

Siehst du, dass er auf dem Weg war?

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Siehst du wohl, ob er ist geleitet,

 

ULLMANN  (1840)

Glaubst du wohl, dass er sich auf der richtigen Bahn befinde

 

HENNING  (1901)

Hast du gesehen, ob er auf dem rechten Weg ist

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Siehst du, ob er ist in der Rechtleitung?

 

PARET (1979, 2001)

Meinst du (etwa), dass (wörtlich: ob; eigentlich: wenn) er rechtgeleitet ist

ASAD (1980/2009)

Hast du betrachtet, ob er auf dem rechten Weg ist

 

KHOURY (1987, 1992)

Was meinst du? Ob er da der Rechtleitung folgt,

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Wie wäre es, wenn er rechtgeleitet wäre,

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Siehst du! Obwohl er nach der Rechtleitung verfährt,

 

KARIMI (2009)

Hast du gesehen, ob er rechtgeleitet ist

 

BOBZIN (2010, 2017)

Sahst du denn, ob er rechtgeleitet ist

 

ZIRKER (2003, 2018)

Was meinst du, ob er der Führung folgt

 

NEUWIRTH (2011)

Was meinst du, ob er der Rechtleitung folgt

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (03.03.2022)

Was meinst du: Dass er rechtgeleitet ist 

 

 

 

 

Gen 34,14 und Q 96,12 

Köln-Merkenich, am Dienstag/Mittwoch/Donnerstag,
den 18./19./20. April 2023

 

Es wird verhandelt?

‎וַיֹּאמְר֣וּ אֲלֵיהֶ֗ם לֹ֤א נוּכַל֙ לַעֲשׂוֹת֙ הַדָּבָ֣ר הַזֶּ֔ה לָתֵת֙ אֶת־אֲחֹתֵ֔נוּ לְאִ֖ישׁ אֲשֶׁר־ל֣וֹ עָרְלָ֑ה כִּֽי־חֶרְפָּ֥ה הִ֖וא לָֽנוּ׃

 (Gen. 34:14 WTT)

VOKABELN

NOMEN

עָרְלָה - Vorhaut;

חֶרְפָּה - Schmach, Schande, Scham.

 

mE

Und sie sprachen zu ihnen: Wir können nicht machen, was diese Rede ist, zu geben unsere Schwester einem Mann mit einer Vorhaut, denn eine Schande ist sie für uns.

 

Buber/Rosenzweig

sie sprachen zu ihnen:

Wir vermögen dies nicht zu tun,

unsre Schwester einem Mann zu geben, der eine Vorhaut hat,

denn das wäre uns eine Schmach.

 

van Dyke

‎.فَقَالُوُا لَهُمَا: «لاَ نَسْتَطِيعُ أَنْ نَفْعَلَ هذَا الأَمْرَ أَنْ نُعْطِيَ أُخْتَنَا لِرَجُل أَغْلَفَ، لأَنَّهُ عَارٌ لَنَا  (Gen. 34:14 AVD)

VOKABELN

VERB

طوع  oder  طاع , u - gehorchen, HIER X. STAMM: können, vermögen;

فع , a - tun, machen;

غلف ghallaf - einwickeln.

NOMEN

أمر   amr 1. pl.  أوامر awamir - Befehl, Auftrag; 2. pl.  أمور  ummur - Sache, Angelegenheit;

غلاف  pl. -at oder غلف ghuluf  oder غلفة aghlifa  - Umschlag, Hülle, Futtural, Vorhaut;

عار  pl.  أعيار - Schande, Schmach.

 

BEOBACHTUNGEN

1 Zwei statt Elf

Die SEPTUAGINTA löst die Geschlossenheit der Brüder auf, lässt sie nicht einheitlich sprechen, sondern stattdessen Simeon und Levi, zweifach qualifiziert: Als Dinas Brüder und Leas Söhne. Die Vorstellung, dass da elf Männer wie aus einem Munde sprechen, rief - so vermute ich - wohl zu sehr die Nähe zum griechischen Theater hervor, das selbstverständlich auch in Alexandria gepflegt wurde, wo ein Chor im Hintergrund das Geschehen kommentiert. Laut WESTERMANN, 651, hält dies J. SKINNER für die ursprüngliche Lesart.

LXX καὶ εἶπαν αὐτοῖς Συμεων καὶ Λευι οἱ ἀδελφοὶ Δινας υἱοὶ δὲ Λειας

LXXD und Simeon und Levi, Dinas Brüder, Leias Söhne, sagten zu ihnen:

 

2 unerlaubt und frevelhaft

HIERONYMUS kann es nicht bei dem einen Wort "Schmach" bzw. "Schande" belassen, es muss rhetorisch geschickt, aufgewertet werden und um einen rechtlichen Aspekt erweitert werden - für römische Leser offenbar nicht unwichtig, ob sie sonst an Frevel denken würden, die erlaubt seien, z B. Romulus Frauenraub aus dem Volk der Sabiner? Würde ja zum Thema passen.

VUL quod inlicitum et nefarium est apud nos

VULD weil es bei uns unerlaubt und frevelhaft ist.

3 חֶרְפָּה, charpah - Schande - Schmach - reproach

Hier finden sich - neben der VUL - folgende Gruppen:

Jehuasch hat in seiner jiddischen Übersetzung das hebräische Wort.

Es fällt auf, dass es ausschließlich jüdische Übersetzungen sind, die von "Schmach" sprechen.

"Schande" kommt etymologisch vom indogermanischen Verb "*(s)kam'bedecken, verhüllen'; verwandt mit Scham" (Brockhaus Wahrig). Bei "Schmach" klingt mehr "Kränkung, Entehrung" mit, was etymologisch auf althochdeutsch smahi zurückgeführt wird, "' Schmähung; Unehre'; ursprünglich und daneben 'Kleinheit, Niedrigkeit'; zu smahi 'klein, gering, niedrig, verächtlich', zu indogermanisch *sme(i)k- 'zerriebenes, winziges Körnchen'" (Brockhaus Wahrig, Abkürzungen aufgelöst). 

JACOB, 654, kommentiert, "sie hätten ... Schimpfreden ... zu erwarten." Demnach "muss die Beschneidung auch von den Fremden als eine Ehre und Verpflichtung dieses Hauses [gemeint ist Haus und Familie Jaakobs] gegolten haben". 

SARNA, 236, hört hier abgrundtiefe Ironie heraus: "It should be noted that the speech of the brothers is heavy with irony: The part of the body used by Shechem in his violent passion will itself become the source of his own punishment!"

WESTERMANN, 658, notiert, dass hier eine religiöse Begründung für die Beschneidung nicht gegeben wird. Ein Grund, warum hier kein Teil bzw. Bearbeitung der Priesterschrift vorliege.

SEEBASS, 425, bemerkt: "Unbeschnittenheit als Schande begegnet übrigens nur noch 1 Sam 17,26". (Goliat)

 

 

 

 

*

 

 

 

Q 96,12

أَوْ أَمَرَ بِٱلتَّقْوَىٰٓ

VOKABELN

أمر  , u - befehlen, bestellen (s. o.!)

NOMEN

تقوى - Gottesfurcht.

 

mE ab Vers 11

Siehst du, dass er auf dem Weg war?

Oder befiehlt er in der Gottesfurcht?

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Siehst du wohl, ob er ist geleitet,

Und Frömmigkeit verbreitet?

 

ULLMANN  (1840)

Glaubst du wohl, dass er sich auf der richtigen Bahn befinde

und nur Frömmigkeit gebiete?

 

HENNING  (1901)

Hast du gesehen, ob er auf dem rechten Weg ist

Oder Gottesfurcht gebietet?

Anm. "Oder 'Gottesbewusstsein'"

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Siehst du, ob er ist in der Rechtleitung?

Oder auffordert zur Gottesfurcht?

 

PARET (1979, 2001)

Meinst du (etwa), dass (wörtlich: ob; eigentlich: wenn) er rechtgeleitet ist

oder befiehlt, gottesfürchtig zu sein?

 

ASAD (1980/2009)

Hast du betrachtet, ob er auf dem rechten Weg ist

oder mit Gottesbewusstsein befasst ist?

"Wörtlich: 'oder Gottesbewusstein (taqwa) aufträgt'"

 

KHOURY (1987, 1992)

Was meinst du? Ob er da der Rechtleitung folgt,

oder ob er die Gottesfurcht gebietet?

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Wie wäre es, wenn er rechtgeleitet wäre,

oder wenn er Frömmigkeit geboten hätte?

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Siehst du! Obwohl er nach der Rechtleitung verfährt,

oder die Gottesfurcht gebietet?

 

KARIMI (2009)

Hast du gesehen, ob er rechtgeleitet ist

oder ob er zur Gottesfürchtigkeit auffordert?

 

BOBZIN (2010, 2017)

Sahst du denn, ob er rechtgeleitet ist

oder Gottesfurcht befiehlt?

 

ZIRKER (2003, 2018)

Was meinst du, ob er der Führung folgt

oder die Gottesfurcht gebietet?

 

NEUWIRTH (2011)

Was meinst du, ob er der Rechtleitung folgt

oder Gottesfurcht gebietet?

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (04.03.2023)

Was meinst du: Dass er rechtgeleitet ist 

oder Gottesfurcht gebietet?

 

KOMMENTAR

CORPUS CORANICUM verweist für das Nomen  تقوى taqwa, auf Sure 92,5 und den Ausführungen dazu:

Q 92,5 Wer gibt, gottesfürchtig ist

Dazu der Kommentar:

„fa-ʾammā man ʾaʿṭā wa-ttaqāDas Verb ittaqā, „sich hüten vor“ (s. noch 73:17: fa-kaifa tattaqūna ʾin kafartum yauman yaǧʿalu l-wildāna šībā, in Gruppe IIIb noch 53:32: huwa ʾaʿlamu bi-mani ttaqā) und das zugehörige Substantiv taqwā (96:12: ʾau ʾamara bi-t-taqwā, 91:8: fa-ʾalhamahā fuǧūrahā wa-taqwāhā, 73:56: wa-mā yaḏkurūna ʾillā ʾan yašāʾa llāhu huwa ʾahlu t-taqwā wa-ʾahlu l-maġfirah) fungieren im Koran, wie Scott C. Alexander unterstrichen hat, als Analoga zum biblischen Konzept der Gottesfurcht (yirʾat YHWH, phobos theou, vgl. etwa Psalm 19:10, Sprüche 7:1 oder Jesaiah 11:2.3; s. Alexander, „Fear“, EQ ). Andrae 1932, 68–76 , weist auf die zentrale Rolle der Gottesfurcht in der spätantiken christlichen Mönchsfrömmigkeit hin und betont deren Bedeutung für die frühmekkanischen Suren insgesamt. Vereinzelt könnten ittaqā und taqwā bereits in der altarabischen Dichtung in einem religiösen Sinne verwendet worden sein, doch überwiegt vorkoranisch ganz deutlich ein profaner Gebrauch von ittaqā + Akk. + bi- = „Schutz suchen vor ... bei ...“ (vgl. Izutsu 1964, 235 ). Obwohl ittaqā in 92:5 und 73:17 absolut verwendet wird, dürfte es sich dabei wohl um eine Abbreviatur für einen akkusativischen Gebrauch wie in 73:17 handeln, wo als Gegenstand der Furcht der Jüngste Tag steht (fa-kaifa tattaqūna ʾin kafartum yauman yaǧʿalu l-wildāna šībā).“

 

BEOBACHTUNG

Was trägt die Übersetzung "Gottesfürchtigkeit", KARIMI, im Unterschied zur "Gottesfurcht" aus?

 

 

 

 

Gen 34,15 und Q 96,13 

Köln-Merkenich, am Freitag/Montag/Dienstag/Mittwoch, 
den 21./24./25./26. April 2023

 

Die Bedingung:

‎אַךְ־בְּזֹ֖את נֵא֣וֹת לָכֶ֑ם אִ֚ם תִּהְי֣וּ כָמֹ֔נוּ לְהִמֹּ֥ל לָכֶ֖ם כָּל־זָכָֽר

 (Gen. 34:15 WTT)

VOKABELN

VERBEN

אות - NUR NIFAL: zusammenkommen, übereinkommen;

מול - beschneiden.

NOMEN

זָכָר - Mann. 

PARTIKEL

אַךְ  - ja gewiss, jedoch, nur;

כְּמוֹ  - wie; Relativprononmen.

 

mE

Ja gewiss stimmen wir in diesem mit euch überein, wenn ihr lebt wie wir: jeder Mann von euch beschnitten.

 

Buber/Rosenzweig

Jedoch um dieses willfahren wir euch:

wenn ihr werdet wie wir, dass sich alles Männliche unter euch beschneide.

 

van Dyke

.‎غَيْرَ أَنَّنَا بِهذَا نُواتِيكُمْ: إِنْ صِرْتُمْ مِثْلَنَا بِخَتْنِكُمْ كُلَّ ذَكَرٍ (Gen. 34:15 AVD)

VOKABELN

نوى , i - beabsichtigen;

صير oder صار - werden; geschehen, sich ereignen;

ختن - beschneiden.

NOMEN

ذكر  dhakar, pl.  ذكور dhukur - männlich, Mann.

PARTIKEL

غير - ander(r); andere(r) als, verschieden von.

 

BEOBACHTUNGEN

1   נֵא֣וֹת ... אִ֚ם- zusammenkommen, übereinkommen ... wenn

Die Septuaginta erweitert diesen Teil:

LXX ἐν τούτῳ ὁμοιωθησόμεθα ὑμῖν καὶ κατοικήσομεν ἐν ὑμῖν ἐὰν (Gen. 34:15 BGT)

LXXD Dadurch werden wir uns euch angleichen und bei euch wohnen, wenn 

HIERONYMUS greift zu einem römischen Spezialbegriff:

VUL ed in hoc valebimus foederari si (Gen. 34:15 VUL)

VULD Aber unter dieser 〈Bedingung〉 werden wir uns verbünden können: Wenn 

In weiteren Übersetzungen ergeben sich folgende Gruppen:

HIRSCH, 428, versteht אות als "das geistige Mittel, womit irgend eine Erkenntnis bewirkt wird." (Hervorhebung i. O. gesperrt)

JACOB, 655, sehr ausführlich:

WESTERMANN, 658, sieht Autoren der PRIESTERSCHRIFT am Werk.

SOGGIN, 410, bestätigt diese Beobachtung:

„Was die Beschneidung betrifft, welche für Jakobs Söhne die unerlässliche Bedingung für jede engere Beziehung bildet, setzt sie Kap. 17, „P“, voraus und spricht also eindeutig gegen eine Frühdatierung der Erzählung. Sie verweist ferner auf die Makkabäerzeit und die darauffolgende, als die Konversion zum Judentum, ob sie nun spontan (aus Gewissensgründen) oder erzwungen (die Idumäer unter Johannes Hyrkanos I.) stattfanden.“
Eine interessant zeitliche späte Zuordnung.


 

 

 

 

*

 

 

 

Q 96,13

أَرَءَيْتَ إِن كَذَّبَ وَتَوَلَّىٰٓ

VOKABELN

رأى  , jara - sehen;

كذب , i - lügen;

ولى , i - nahe sein, folgen; HIER V. STAMM: (ein Amt) innehaben, bekleiden; übernehmen (Langenscheidt, KROTKOFF). LANE ergänzt 3061: "He turned away"; WEHR 1288 wie KROTKOFF plus: "to turn away", so auch STEINGASS 1233.

 

mE ab Vers 11

Siehst du, dass er auf dem Weg war?

Oder befiehlt er in der Gottesfurcht?

Siehst du, dass er lügt und sich abwendet?

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) ab Vers 9

Siehst du ihn, ders verbietet,

Wann einer betet?

Siehst du wohl, ob er ist geleitet,

Und Frömmigkeit verbreitet?

Siehst du wohl, ob er leugnet und wegschreitet?

 

ULLMANN  (1840) ab Vers 11

Glaubst du wohl, dass er sich auf der richtigen Bahn befinde

und nur Frömmigkeit gebiete?

Was hältst du wohl davon, wenn er unsere Verse des Betrugs beschuldigt und denselben den Rücken wendet?

 

HENNING  (1901)

Hast du gesehen, ob er auf dem rechten Weg ist

Oder Gottesfurcht gebietet?

(Anm. "Oder 'Gottesbewusstsein'")

Hast du gesehen, ob er etwa (die Wahrheit) als Lüge verwirft und sich abkehrt?

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Siehst du, ob er ist in der Rechtleitung?

Oder auffordert zur Gottesfurcht?

Siehst du, wie er leugnet und sich abwendet?

 

PARET (1979, 2001)

Meinst du (etwa), dass (wörtlich: ob; eigentlich: wenn) er rechtgeleitet ist

oder befiehlt, gottesfürchtig zu sein?

Meinst du (nicht vielmehr), dass (wörtlich: ob; eigentlich: wenn) er (die Wahrheit der göttlichen Botschaft) für Lüge erklärt und sich (davon) abwendet? 

(Oder: 11 Was meinst du, gesetzt den Fall, er wäre rechtgeleitet 12 oder würde befehlen, gottesfürchtig zu sein? 13 Was meinst du, wenn er (die Wahrheit der göttlichen Botschaft) für Lüge erklärt und sich (davon) abwendet? (Was ist besser? Darüber kann man doch nur einer Meinung sein!); 

oder: 11 Was meinst du, wenn er (d.h. der eine) rechtgeleitet ist 12 oder befiehlt, gottesfürchtig zu sein? 13 Was meinst du, wenn er (d.h. der andere) (die Wahrheit der göttlichen Botschaft) für Lüge erklärt und sich (davon) abwendet? (Was ist besser? Darüber kann man doch nur einer Meinung sein!).)

 

ASAD (1980/2009)

Hast du betrachtet, ob er auf dem rechten Weg ist

oder mit Gottesbewusstsein befasst ist?

("Wörtlich: 'oder Gottesbewusstein (taqwa) aufträgt'")

Hast du betrachtet, ob er (nicht) vielleicht (die Wahrheit) der Lüge zeiht und (ihr) den Rücken kehrt?

 

KHOURY (1987, 1992)

Was meinst du? Ob er da der Rechtleitung folgt,

oder ob er die Gottesfurcht gebietet?

Was meinst du? Ob er wohl (die Botschaft) für Lüge erklärt und sich abkehrt?

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Wie wäre es, wenn er rechtgeleitet wäre,

oder wenn er Frömmigkeit geboten hätte?

Wie ist es, wenn er den Gesandten Gottes der Lüge zeiht und sich von ihm abwendet?

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Siehst du! Obwohl er nach der Rechtleitung verfährt,

oder die Gottesfurcht gebietet?

Siehst du! Wie (wäre es) wenn er (die Botschaft) für Lüge erklärt und sich abkehrt?

 

KARIMI (2009)

Hast du gesehen, ob er rechtgeleitet ist

oder ob er zur Gottesfürchtigkeit auffordert?

Hast du gesehen: der leugnet und sich abwendet?

 

BOBZIN (2010, 2017)

Sahst du denn, ob er rechtgeleitet ist

oder Gottesfurcht befiehlt?

Sahst du denn, ob er leugnet und sich abkehrt?

 

ZIRKER (2003, 2018)

Was meinst du, ob er der Führung folgt

oder die Gottesfurcht gebietet?

Was meinst du: Ob er leugnet und sich abkehrt?

 

NEUWIRTH (2011)

Was meinst du, ob er der Rechtleitung folgt

oder Gottesfurcht gebietet?

Was meinst du, ob er leugnet und sich abwendet?

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (04.03.2023)

Was meinst du: Dass er rechtgeleitet ist 

oder Gottesfurcht gebietet?

Was meinst du: Dass er leugnet und sich abwendet?

 

BEOBACHTUNGEN:

RÜCKERT und GOLSCHMIDT konnten den Vers so stehen lassen. Dann folgt eine Zeit, dass vermeintliche Leerstellen aufgefüllt werden müssten, mit mehreren Varianten PARET. Seit KARIMI kehrt man zu Goldschmidt und Rückert wieder zurück.

 

 

 

 

Gen 34,16 und Q 96,14 

 


Köln-Merkenich, am Donnerstag/Freitag,
den 27./28. April 2023


Eine Aussicht? Und wer fragt die Töchter?

‎וְנָתַ֤נּוּ אֶת־בְּנֹתֵ֙ינוּ֙ לָכֶ֔ם וְאֶת־בְּנֹתֵיכֶ֖ם נִֽקַּֽח־לָ֑נוּ וְיָשַׁ֣בְנוּ אִתְּכֶ֔ם וְהָיִ֖ינוּ לְעַ֥ם אֶחָֽד׃

 (Gen. 34:16 WTT)

 

mE

Und wir geben unsere Töchter euch und eure Töchter nehmen wir und wir werden mit euch wohnen und wir werden ein Volk sein.

 

Buber/Rosenzweig

Dann wollen wir euch unsre Töchter geben und eure Töchter uns nehmen

und wollen mit euch siedeln, dass wir zu einem einzigen Volke werden.

 

van Dyke

.نُعْطِيكُمْ بَنَاتِنَا وَنَأْخُذُ لَنَا بَنَاتِكُمْ، وَنَسْكُنُ مَعَكُمْ وَنَصِيرُ شَعْبًا وَاحِدًا  (Gen. 34:16 AVD)

VOKABELN

NOMEN

شعب pl. شعوب schu'ub - Volk, Volksstamm. 

 

BEOBACHTUNGEN

1 Töchter - Frauen

Die jüdische Übersetzergemeinschaft in Alexandria differenziert - es ist ja nicht jede Tochter bereits heiratsfähig:

LXX καὶ ἀπὸ τῶν θυγατέρων ὑμῶν λημψόμεθα ἡμῖν γυναῖκας

LXXD und von euren Töchtern uns Frauen nehmen 

Vgl. BiG:

BiG eure Töchter uns zu Frauen nehmen

 

2  ‎  עַ֥ם, aam - γένος  - Volk - Familie

Die Septuaginta nimmt die Aussicht auf die Verbindung zu einer Gemeinschaft etwas zurück, indem sie einen Vergleich einführt. Dann übersetzt sie das hebräische עַ֥ם, aam. mit γένος, genos. Hier habe ich erwartet, dass in der  deutschen Übersetzung der Septuaginta auch "Volk" steht. Stattdessen ist zu lesen:

LXX καὶ οἰκήσομεν παρ᾽ ὑμῖν καὶ ἐσόμεθα ὡς γένος ἕν.

LXXD und wir werden wie eine Familie sein.

In der Tat, γένος, genos, lässt sich übersetzen mit "Volk", aber ursprünglich bedeutet es "Nachkommen", "Verwandte" - Familie liegt also nah.

An die Septuaginta schließt die jüdische englische Übersetzung TANAKH an:

TANAKH and become as one kindred.

Ansonsten wird mit "Volk" übersetzt.

 

3 gegenseitig?

Beim Lesen des Hebräischen habe ich im zweiten Teilsatz erwartet, dass dort steht "und eure Töchter gebt ihr uns", das wäre ein ausgewogenes Verhältnis der Gegenseitigkeit. Stattdessen findet kein Subjektwechsel statt, die Jaakobsöhne geben und nehmen. So auch fast alle eingesehenen Übersetzungen. Doch bereits HIERONYMUS hat daran Anstoß genommen:

VUL tunc dabimus et accipiemus mutuo filias nostras ac vestras

VULD Dann werden wir unsere Töchter und eure geben und im Tausch nehmen 

Die dänischen Übersetzungen verschleiern die Härte  etwas, die jüngere noch mehr als die ältere:

D83 og ægte eders døtre - 'und heiraten eure Töchter'

D92 og vi kan gifte os med jeres døtre - 'und wir können uns mit euren Töchtern verheiraten'

Ähnlich GNB und BB

GNB und wir können eure Töchter heiraten

BB Dann geben wir euch unsere Töchter zu Frauen und heiraten eure Töchter.

Am Weitesten geht die GN:

GN Dann können wir uns mit euch durch gegenseitige Heirat verbinden

KOMMENTAR

JACOB, 655, hält fest:  "Sichem hatte als ein Unbeschnittener ihre Schwester entehrt [...], und das war nicht wieder gut zu machen."

 

 

 

 

*

 

 

 

Köln-Merkenich, am Freitag,
den 28. April 2023

 

Q 96,14

أَلَمْ يَعْلَم بِأَنَّ ٱللَّهَ يَرَىٰ

VOKABELN

VERBEN

علم , a - wissen;

راى , jara يرى - sehen.

PARTIKEL

ألم  - verneinte Frage: Hat nicht ...? Ist nicht ...?

بان binna - damit, dass.

 

mE ab Vers 11

Siehst du, dass er auf dem Weg war?

Oder befiehlt er in der Gottesfurcht?

Siehst du, dass er lügt und sich abwendet?

Weiß er nicht, dass Gott sieht?

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) ab Vers 9

Siehst du ihn, ders verbietet,

Wann einer betet?

Siehst du wohl, ob er ist geleitet,

Und Frömmigkeit verbreitet?

Siehst du wohl, ob er leugnet und wegschreitet?

Weiß er nicht, dass ihn Gottes Blick begleitet?

 

ULLMANN  (1840) ab Vers 11

Glaubst du wohl, dass er sich auf der richtigen Bahn befinde

und nur Frömmigkeit gebiete?

Was hältst du wohl davon, wenn er unsere Verse des Betrugs beschuldigt und denselben den Rücken wendet?

Weiß er denn nicht, dass Allah alles sieht?

 

HENNING  (1901)

Hast du gesehen, ob er auf dem rechten Weg ist

Oder Gottesfurcht gebietet?

(Anm. "Oder 'Gottesbewusstsein'")

Hast du gesehen, ob er etwa (die Wahrheit) als Lüge verwirft und sich abkehrt?

Weiß er nicht, dass Allah (ihn) sieht?

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Siehst du, ob er ist in der Rechtleitung?

Oder auffordert zur Gottesfurcht?

Siehst du, wie er leugnet und sich abwendet?

Weiß er nicht, dass Gott es sieht?

 

PARET (1979, 2001)

Meinst du (etwa), dass (wörtlich: ob; eigentlich: wenn) er rechtgeleitet ist

oder befiehlt, gottesfürchtig zu sein?

Meinst du (nicht vielmehr), dass (wörtlich: ob; eigentlich: wenn) er (die Wahrheit der göttlichen Botschaft) für Lüge erklärt und sich (davon) abwendet? 

(Oder: 11 Was meinst du, gesetzt den Fall, er wäre rechtgeleitet 12 oder würde befehlen, gottesfürchtig zu sein? 13 Was meinst du, wenn er (die Wahrheit der göttlichen Botschaft) für Lüge erklärt und sich (davon) abwendet? (Was ist besser? Darüber kann man doch nur einer Meinung sein!); 

oder: 11 Was meinst du, wenn er (d.h. der eine) rechtgeleitet ist 12 oder befiehlt, gottesfürchtig zu sein? 13 Was meinst du, wenn er (d.h. der andere) (die Wahrheit der göttlichen Botschaft) für Lüge erklärt und sich (davon) abwendet? (Was ist besser? Darüber kann man doch nur einer Meinung sein!).)

Weiß er (denn) nicht, dass Gott sieht (was er tut)?

ASAD (1980/2009)

Hast du betrachtet, ob er auf dem rechten Weg ist

oder mit Gottesbewusstsein befasst ist?

("Wörtlich: 'oder Gottesbewusstein (taqwa) aufträgt'")

Hast du betrachtet, ob er (nicht) vielleicht (die Wahrheit) der Lüge zeiht und (ihr) den Rücken kehrt?

Weiß er denn nicht, dass Gott (alles) sieht?

 

KHOURY (1987, 1992)

Was meinst du? Ob er da der Rechtleitung folgt,

oder ob er die Gottesfurcht gebietet?

Was meinst du? Ob er wohl (die Botschaft) für Lüge erklärt und sich abkehrt?

Weiß er denn nicht, dass Gott (alles) sieht?

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Wie wäre es, wenn er rechtgeleitet wäre,

oder wenn er Frömmigkeit geboten hätte?

Wie ist es, wenn er den Gesandten Gottes der Lüge zeiht und sich von ihm abwendet?

Weiß er nicht, dass Gott alles sieht.

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Siehst du! Obwohl er nach der Rechtleitung verfährt,

oder die Gottesfurcht gebietet?

Siehst du! Wie (wäre es) wenn er (die Botschaft) für Lüge erklärt und sich abkehrt?

Weiß er denn nicht, dass Allah sieht?

 

KARIMI (2009)

Hast du gesehen, ob er rechtgeleitet ist

oder ob er zur Gottesfürchtigkeit auffordert?

Hast du gesehen: der leugnet und sich abwendet?

Weiß er nicht, dass ihn Gott sieht?

 

BOBZIN (2010, 2017)

Sahst du denn, ob er rechtgeleitet ist

oder Gottesfurcht befiehlt?

Sahst du denn, ob er leugnet und sich abkehrt?

Weiß er denn nicht, dass Gott sieht?

 

ZIRKER (2003, 2018)

Was meinst du, ob er der Führung folgt

oder die Gottesfurcht gebietet?

Was meinst du: Ob er leugnet und sich abkehrt?

Weiß er nicht, dass Gott sieht?

 

NEUWIRTH (2011)

Was meinst du, ob er der Rechtleitung folgt

oder Gottesfurcht gebietet?

Was meinst du, ob er leugnet und sich abwendet?

Weiß er denn nicht, dass Gott sieht?

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (04.03.2023)

Was meinst du: Dass er rechtgeleitet ist 

oder Gottesfurcht gebietet?

Was meinst du: Dass er leugnet und sich abwendet?

Weiß er denn nicht, dass Gott sieht?

 

BEOBACHTUNGEN

1 Gott sieht

Dass Gott in umfassender Weise sieht, ist keineswegs eine religiöse Formel, sondern entspricht antiker Phänomenologie: Wird der Sitz der Gottheiten auf einem Berg angenommen, der zudem alle anderen Berge überragt, kann jeder, der dort sitzt, alles wahrnehmen, was darum herum ist und also auch sehr früh erkennen, wenn z. B. jemand diesseits des Berges auf einem Weg ist, der zu einem Ort jenseits des Berges führt - und kann demnach ziemlich zuverlässig den Jenseitigen voraussagen, was geschehen wird.

2 Gott sieht alles

Ullmann dehnt das Gottesattribut "sehen" aus und universalisiert es. So auch Maher und die Al Azhar:

ULLMANN, MAHER dass Allah alles sieht?

Asad u. a. machen immerhin deutlich, dass dies eine Erweiterung ist:

ASAD, KHOURY Weiß er denn nicht, dass Gott (alles) sieht?

Da wirkt es schon erstaunlich, dass die Übersetzungen von 

BUBENHEIM und ZIRKER an (2003) sich dieser Erweiterung - wie schon Rückert u. ähnlich Henning, Goldschmidt und Paret - enthalten haben.

 

KOMMENTAR

ANGELIKA NEUWIRTH verweist in ihrem Kommentar, 272, auf Ps 94,9 und Ps 64,6b:

Ps 94,9:  Der das Ohr gepflanzt hat, sollte der nicht hören? Der das Auge gemacht hat, sollte der nicht sehen? (L17)

Ps 64,9b: "'Sie sprechen: Wer sieht uns schon?'"Neuwirth ergänzt, 272: 

"Der Rekurs auf das hier unterstellte Nichtwissen des Menschen um die Kontrolle ausübende Macht Gottes steht im weiteren Kontext der eschatologischen Wissensenthüllung, von der bereits in Q 102:4-8 die Rede war, die aber erst in den noch folgenden Suren 82:5 und 81:14 konkretisiert wird." 

 

CORPUS CORANICUM zu den Versen 9-14:

"Das dritte Gesätz gibt eine Veranschaulichung der zuvor thematisierten „Aufsässigkeit“, die reale Erfahrungen des Verkünders oder seiner Anhänger spiegeln könnte: Ein Gläubiger wird durch einen anscheinend höhergestellten Mitbürger vom Gebet abgehalten (V. 9.10). Die in Frageform skizzierte Szene wird sogleich von zwei weiteren Fragen kommentiert, die zur Wertung des präsentierten Verhaltens unter religiösem Vorzeichen – anstatt etwa im Rekurs auf soziale Konventionen – auffordern: Gründet ein solches Verhalten auf „Rechtleitung“ (hudā, V. 11) und „Gottesfurcht“ (taqwā) oder manifestiert es vielmehr „Leugnen“ und „Abwenden“ (V. 13)? Eine weitere und letzte Frage wirft dem Gescholtenen vor, die eigentlich wissbare Tatsache zu verkennen, dass „Gott sieht“ (V. 14). Das dritte Gesätz lässt sich damit als exemplarische Veranschaulichung und Überführung der zuvor konstatierten Selbstherrlichkeit (istaġnā, V. 7) des Menschen verstehen. Stilistisch wird der Passus durch die anaphorische Wiederaufnahme der Frageeinleitung ʾa-raʾaita in V.9.11.13 geprägt, die eine Stellungnahme des Hörers einfordert. Literarisch effektvoll ist zudem die Doppelbdeutung des dem bedrängten Gläubigen beigelegten Titels ʿabd, der sowohl „Sklave“ als auch „Gottesdiener“ bedeuten kann; der Ausdruck ist damit aus jeder der beiden in der Sure aufeinanderprallenden Perspektiven – derjenigen verblendeter menschlicher Selbstherrlichkeit und derjenigen einer gläubigen Anerkennung der realen Souveräntität Gottes – deutbar."

 

REINBOLD (2022) - PARALLELSTELLEN aus Judentum, Christentum und Islam

Reinbold verweist zu diesem Vers u. a. auf die Koranstellen Q 2,29 und Q 3,119 und die dortigen Parallelen:

Q 2,29: "Er ist es, der für euch alles, was auf der Erde ist, erschaffen hat, dann hat Er sich zum Himmel aufgerichtet und ihn zu sieben Himmeln gestaltet. Und Er weiß über alle Dinge Bescheid."

 

VERWEIS:

2 Makk 9,5: "Der Herr, der alles sieht, der Gott Israels."

 

 

 

 

Gen 34,17 und Q 96,15 

 


Köln-Merkenich, am Dienstag/Freitag
den 2./5.  Mai 2023

 

Die Tochter?

‎  וְאִם־לֹ֧א תִשְׁמְע֛וּ אֵלֵ֖ינוּ לְהִמּ֑וֹל וְלָקַ֥חְנוּ אֶת־בִּתֵּ֖נוּ וְהָלָֽכְנוּ׃

 (Gen. 34:17 WTT)

VOKABEL

VERBEN

שׁמע  - hören;

מול - beschneiden.

 

mE

und wenn ihr nicht auf uns hört - zu beschneiden -, dann nehmen wir unsere Tochter und wir gehen.

 

Buber/Rosenzweig

Wollt ihr aber auf uns nicht hören, euch zu beschneiden,

nehmen wir unsre Tochter und gehn.

 

van Dyke

 .« ‎ وَإِنْ لَمْ تَسْمَعُوا لَنَا، أَنْ          تَخْتَتِنُوا، نَأْخُذُ ابْنَتَنَا وَنَمْضِي (Gen. 34:17 AVD)

VOKABEL

VERBEN

ختن - beschneiden.

مضى , i - weggehen.

 

BEOBACHTUNGEN

1 unerhört

Hieronymus lässt das Verb "hören" wegfallen und verwandelt den Infinitiv "beschneiden" in ein finites Verb:

VUL sin autem circumcidi nolueritis tollemus filiam nostram et recedemus (Gen. 34:17 VUL)

VULD Wenn ihr euch aber nicht beschneiden lassen wollt, werden wir unsere Tochter nehmen        und weggehen.« 

Das Hören umschreiben:

LUT L17 Wenn ihr aber nicht einwilligen wollte

M B/M Wenn ihr aber nicht folgt, 

EIN Wollt ihr aber von der Beschneidung nichts wissen, 

ZUR Wenn ihr aber nicht bereit seid, 

GN Wenn ihr darauf nicht eingeht

WEST (SOGG) Wenn ihr (jedoch) aber nicht (damit) einverstanden seid

 

2 Töchter / Schwester / Mädchen

Die Septuaginta versetzt die Tochter in die Mehrzahl: 

LXX λαβόντες τὰς θυγατέρας ἡμῶν ἀπελευσόμεθα (Gen. 34:17 BGT)

LXXD werden wir unsere Töchter nehmen und weggehen!

Aus der Tochter eine Schwester machen: BFC LUT (L17 hat's korrigiert!) BB D92

Die GN GNB übersetzen: Mädchen

PHIL , 180, weist auf diese beiden Übersetzungsmöglichkeiten hin. SEEB, 425, bestätigt dies mit Verweis auf ThWAT I,868, Art. bat, H. Haag.

 

 

 

 

*

 

 

Q  96,15

كَلَّا لَئِن لَّمْ يَنتَهِ لَنَسْفَعَۢا  بِٱلنَّاصِيَةِ

 

Köln-Merkenich, am 
Mittwoch, den 10. Mai 2023

 

VOKABELN

VERBEN

نهى  - verbieten; HIER VIII. STAMM in'taha: enden (+ب ), beenden (etwas من);

سفع , a - schlagen.

NOMEN

ناصية  - Schopf.

PARTIKEL

كلا  - nein! keineswegs!

لأن  - + Konj. damit, weil;

ام - nicht

ل - Schwur- und Bekräftigungspartikel.

 

mE

Keineswegs! Weil er nicht aufhört, gewiss! schlagen wir auf den Schopf

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) ab Vers 9

Siehst du ihn, ders verbietet,

Wann einer betet?

Siehst du wohl, ob er ist geleitet,

Und Frömmigkeit verbreitet?

Siehst du wohl, ob er leugnet und wegschreitet?

Weiß er nicht, dass ihn Gottes Blick begleitet?

Wenn er nicht ablässt, wollen wir

Ihn bei den Locken packen,

 

ULLMANN  (1840)

Wahrlich, wenn er nicht ablässt, so wollen wir ihn bei seinen Haaren ergreifen,

 

HENNING  (1901)

Wenn er nicht ablässt, werden Wir ihn gewiss am Schopf ergreifen,

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Keineswegs. Wenn er nicht ablässt, wir fassen ihn gewisslich bei den Stirnlocken.

 

PARET (1979, 2001)

Nein! Wenn er nicht aufhört (mit seinem Tun), werden wir (ihn beim Gericht) bestimmt am Schopf packen,

 

ASAD (1980/2009)

Nein, wenn er nicht ablässt, werden Wir ihn ganz sicherlich auf seine Stirn herunterziehen

ANM., 1176, zu "Stirn":

"Oder: 'bei seiner Stirnlocke' - ein alter arabischer Ausdruck, der die völlige Unterwerfung und Erniedrigung einer Person bezeichnet. ... Doch wie Razi aufzeigt, wird der Begriff 'Stirnlocke' (nasiyah) hier metonymisch gebraucht für den Ort, an dem die Stirnlocke wächst, d. h. die Stirn.

 

KHOURY (1987, 1992)

Nein, wenn er nicht aufhört, werden Wir ihn gewiss am Schopf packen und ziehen,

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

O nein! Wenn er seine Widerspenstigkeit nicht aufgibt, werden Wir ihn am Schopf packen (und in die Hölle ziehen),

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

Keinesweg! Wenn er nicht aufhört, werden Wir ihn ganz gewiss an der Stirnlocke packen und ziehen,

 

KARIMI (2009)

Doch nein, wenn er nicht ablässt, werden Wir ihn gewiss packen am Schopf,

 

BOBZIN (2010, 2017)

Doch nein! Wahrlich, wenn er nicht ablässt,

dann werden wir ihn an der Stirnlocke packen,

 

ZIRKER (2003, 2018)

Nein, wenn er nicht aufhört, packen wir ihn gewiss am Schopf,

 

NEUWIRTH (2011)

Doch  nein! wenn er nicht ablässt,

packen wir ihn bei der Stirnlocke.

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (03.04.2023)

Doch nein! Wenn er nicht ablässt,

so packen wir ihn am Schopf,

 

BEOBACHTUNG

ناصية   - nasiyah

GOLDSCHMIDT ist der erste, der in diesem Wort die Stirnlocke entdeckt.

LANE, 3033, ordnet das Wort den Radikalen  نصى zu  und schreibt:

نَاصِيَةٌ properly, in the language of the [classical] Arabs, The place where the hair grows in the fore part of the head: and hence, the hair of that part; the hair over the forehead; (Az, TA;) [and this is the general meaning;] i. q. قُصَّةٌ and طُرَّةٌ. (Mṣb, art. قص.) The forelock of a horse.

Warum  hier COPRUS CORANIKUM nicht NEUWIRTH folgt, wird nicht erläutert.

 

KOMMENTAR

ANGELIKA NEUWIRTH, 272, verweist auf zwei Psalmstellen Ps 83,17a und Ps 21.13:
„Die Drohung mit einem demütigen Übergriff erscheint zunächst innerweltlich. Sie gibt zugleich Auskunft über den sozialen Status des Angeprangerten; die Stirnlocke ist Zeichen des Freien, ein Standessymbol, auf das nun seine moralische Eigenschaft als lügnerisch und sündhaft projiziert wird. Diese Figur der ‚semantishen Attraktion‘ der Übertragung von Eingeschaften des Trägers (kadhiba, khati'a) auf ein Körperteil ist in der altarabischen poetischen Tradition wie auch im Koran ungewöhnlich; sie begegnet aber in den Psalmen, siehe Ps 83,17a: malle' penehem qalon („Erfülle ihre Gesichter mit Schmach“). – Die Strafe selbst erinnert an eine ebenfalls am Textende stehende Bestrafung von „Hassern“ in Ps 21,13: ki teshitemo shekhem, be-metarekha tekhonen ‘al penehem („Ja, du sollst sie an der Schulter packen, mit deinen Stricken sollst du sie festbinden an ihren Gesichtern“). Im Koran dürfte die Strafe angesichts des Fortgangs aber eschatologisch intendiert sein.“

 

 

 

Gen 34,18 und Q 96,16 

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag/Freitag,
den 11./12. Mai 2023


Was gefällt:

‎ וַיִּֽיטְב֥וּ דִבְרֵיהֶ֖ם בְּעֵינֵ֣י חֲמ֑וֹר וּבְעֵינֵ֖י שְׁכֶ֥ם בֶּן־חֲמֽוֹר׃ 

 (Gen. 34:18 WTT)

 

mE 

Ihre Reden fanden Gefallen in den Augen von Chamor und in den Augen von Schchem, Chamors Sohn.

 

Buber/Rosenzweig

Ihre Rede war gut in den Augen Chamors und in den Augen Schchems, Chamors Sohns,

 

van Dyke

.فَحَسُنَ كَلاَمُهُمْ فِي عَيْنَيْ حَمُورَ وَفِي عَيْنَيْ شَكِيمَ بْنِ حَمُورَ (Gen. 34:18 AVD)

VOKABEL

VERB

حسن - schön sein, gut sein.

 

BEOBACTHUNG

בְּעֵינֵ֣י ,   b'eini , in den Augen

Der Hamburger Altphilologe BRUNO SNELL (1896-1986) nahm wahr - s. bereits frühere Mails zu Gen 27,25;  Gen 32,31 und bes. Gen 31,2 -, dass in der Antike (er entdeckte dies in der Ilias)  Organe ihre relative Selbstständigkeit haben, sie werden nicht von der Ich-Instanz der Vernunft kontrolliert (gefunden in: Hermann Schmitz: Der Leib. Berlin, Boston 2011, S. 137ff).  Das Herz erfasst einen zum Zorn, der Bauch treibt zum Essen an. Im Alten Testament können einem die Gesichtszüge entgleiten (Gen 4,5), die Eingeweide ziehen sich zusammen (Ex 2,6) und führen dazu, sich über Verbote hinweg zu setzen und im Neuen Testament kann das Auge einen verführen (Mt 18,9) oder ärgern (Mt 6,22). Diese relative Autonomie der Organe findet sich auch hier wieder: Den Augen von Chamor und Schchem gefallen die Reden der Kinder Jaakobs.

Bereits die jüdische Übersetzergemeinschaft in Alexandria - einer Hochburg der antiken Philosophie, die großen Wert auf die alles bestimmende Autorität der Vernunft legte - lässt dies verschwinden:

LXX καὶ ἤρεσαν οἱ λόγοι ἐναντίον Εμμωρ καὶ ἐναντίον Συχεμ (Gen. 34:18 BGT)

LXXD  Und die Worte fanden Gefallen vor Emmor und vor Sichem

HIERONYMUS liebt lakonische Kürze:

VUL placuit oblatio eorum Emor et Sychem (Gen. 34:18 VUL)

VULD Ihr Angebot gefiel Hamor und Sichem 

Als Redewendung kommt "in den Augen" vor bei

ELB Und ihre Worte waren gut in den Augen Hamors und in den Augen Sichems (Gen. 34:18 ELB6)

So auch ZUR NL und so ähnlich die jiddische Übersetzung von Jehuasch SBJ:

SBJ 
און זייערע ווערטער זיינען וווילגעפעלן אין די אויגן פון חמורן 

un siere woerter seinen woilgefeln in di auign fun chamorn 

Es fällt auf, dass fast alle jüdisch geprägten Übersetzungen sich an die Vorlage halten z. B. HIRSCH: 

HIRSCH Ihre Worte wurden gut befunden in  Chamors und Schechems, des Sohnes Chamors, Augen. 

So ähnlich auch M B/M ZUNZ JACOB PHIL und B/R s. o. 

Von den christlichen Kommentatoren übersetzt nur SEEBASS mit diesem Hebraismus: 

SEEB Ihre Worte waren gut in Chamors und Sichems Ben-Chamaors Augen 

TANAKH jedoch übersetzt: 

TANAKH The words pleased - wie schon KJV und ESV 

KOMMENTARE 

JACOB, 656, hält fest, dass eine Vereinigung beider Stämme für möglich gehalten wurde. Chamor und Schechem 

müssen ferner erfreut sein, dass es kein unüberwindliches Hindernis gibt, wie es die verschiedene "Rasse" oder das fremde "Blut" wäre. In der Tat ist Rassefremdheit zu keiner Zeit ein Hindernis der Vereinigung mit Israel gewesen, und den Begriff der Reinheit des Blutes hat es nie gegeben. Das Verbot der Ehe mit Kananintern (Ex 34,12ff. Dt 7,3) hat lediglich religiöse, der mit Ammonitern und Moabitern (Dt 23,4ff.) moralische Gründe, ebenso noch bei Es 9,1ff. 12ff. Die Beschneidung machte auch den "Fremdstämmingen" zum Israeliten (Ex 13,43ff.). 

NB: Benno Jacob veröffentlichte seinen Genesiskommentar 1934! 

 

 

 

 

 

 

 

Q 96, 16 

نَاصِيَةٍ كَـٰذِبَةٍ خَاطِئَةٍ 

VOKABELN 

NOMEN 

ناصية  - Stirnlocke, Schopf; 

كذب i - lügen; adj. كاذب - lügnerisch, falsch; STEINGASS 879:  كاذب pl. "kazaba-t" oder "kuzaba-t" "liar"; LANE 762 zu diesem Vers: "a forelock, whose owner is a liar"; 

خطئ   oder  خطأ - irren, einen Fehler begehen;  خاطئ - Sünder. 

 

mE Vers 15 und 16 

Keineswegs! Weil er nicht aufhört, gewiss! schlagen wir auf den Schopf, 

einen Lügnersünderschopf! 

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) ab Vers 9 

Siehst du ihn, ders verbietet, 

Wann einer betet? 

Siehst du wohl, ob er ist geleitet, 

Und Frömmigkeit verbreitet? 

Siehst du wohl, ob er leugnet und wegschreitet? 

Weiß er nicht, dass ihn Gottes Blick begleitet? 

Wenn er nicht ablässt, wollen wir 

Ihn bei den Locken packen, 

Den heuchlerischen meuchlerischen Locken. 

 

ULLMANN  (1840) 

bei seinen lügnerischen und sündhaften Haaren. 

 

HENNING  (1901) 

Dem verlogenen, rebellischen Schopf. 

 

GOLDSCHMIDT (1916) 

Bei den lügenhaften, sündhaften Stirnlocken. 

PARET (1979, 2001), KHOURY (1987, 1992)) und [ZIRKER (2003, 2018) und CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (05.04.2023)] 

einem lügnerischen (,) [und] sündigen Schopf. 

 

ASAD (1980/2009) 

- der lügnerischen, auflehnerischen Stirn! 

 

MAHER/AL AZHAR (1999) 

dem Schopf eines verlogenen, verirrten Menschen. 

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de) 

einer Stirnlocke, einer lügnerischen, einer verfehlt handelnden. 

 

KARIMI (2009) 

dem lügenden, sündigen Schopf. 

 

BOBZIN (2010, 2017) 

einer lügenhaften, sündigen Stirnlocke! 

 

NEUWIRTH (2011) 

einer lügnerischen, sündigen Stirnlocke! 

 

BEOBACHTUNG: 

Schon interessant, was für "sündig" gehalten wird: 

RÜCKERT meuchlerischen Locken 

HENNING  rebellischen Schopf 

ASAD auflehnerischen Stirn 

MAHLER/ELYAS verirrten Menschen 

BUBENHEIM/ELYAS: verfehlt handelnden 

 

 

 

 

Gen 34,19 und Q 96,17 

 


Köln-Merkenich, am Montag/Mittwoch/Freitag,
den 15./17./19. Mai 2023

 

Schchems Begehr und der Stadt Schicksal:

‎  וְלֹֽא־אֵחַ֤ר הַנַּ֙עַר֙ לַעֲשׂ֣וֹת הַדָּבָ֔ר כִּ֥י חָפֵ֖ץ בְּבַֽת־יַעֲקֹ֑ב וְה֣וּא נִכְבָּ֔ד מִכֹּ֖ל בֵּ֥ית אָבִֽיו׃ 

 (Gen. 34:19 WTT)

VOKABELN

VERBEN

אחר - zögern;

חפץ - wünschen, begehren - nur hier in der Gen! Sonst in1/2Sam, 1/2Kön Ps und Jes II!

 

mE

Und der junge Mann zögerte nicht das Wort zu  tun, denn er begehrte die Tochter Jaakobs und er galt als gewichtig im ganzen Haus seines Vaters.

 

Buber/Rosenzweig

und der Jüngling zauderte nicht, die Sache zu tun,

denn er hatte Gefallen an der Tochter Jaakobs.

Er war aber gewichtig vor allem Haus seines Vaters.

 

van Dyke

.‎  وَلَمْ يَتَأَخَّرِ الْغُلاَمُ أَنْ يَفْعَلَ الأَمْرَ، لأَنَّهُ كَانَ مَسْرُورًا بِابْنَةِ يَعْقُوبَ. وَكَانَ أَكْرَمَ جَمِيعِ بَيْتِ أَبِيهِ  (Gen. 34:19 AVD)

VOKABELN

VERBEN

أخر  axxar = II. STAMM - aufschieben, verzögern, aufhalten, HIER V. STAMM: sich verspäten, zurückbleiben.

كرم karum, u - edelmütig, freigiebig, wohltätig sein, HIER IV. STAMM: ehren, ehrenvoll behandeln.

ADJEKTIV

مسرور - erfreut, beglückt.

NOMEN

غلام  ghulam, pl. غلملن  ghilman - Jüngling, Bursche, Diener; von  غلم  ghalim - sinnlich erregt sein!

أمر 'amr, pl.  أمور  'umur - Sache, Angelegenheit.

 

BEOBACHTUNG

חָפֵ֖ץ - chaphas - "gern haben, Gefallen haben; wollen; willens sein, Lust haben" HAWAT 2021, 116.

In der Septuaginta wird dieser Ausdruck des Verlangens fast technisch wiedergegeben:

LXX ἐνέκειτο γὰρ τῇ θυγατρὶ Ιακωβ (Gen. 34:19 BGT)

Das Verb ἔγκειμαι meint wörtlich "darin" oder "darauf stehen/sitzen/liegen". Übertragen dann auch "mit Bitten ... bedrängen" (PAPE 1,107) und: "Ganz versessen auf Etwas sein; ... in Einen verliebt sein", aber auch "Einen feindlich bedrängen, unablässig und dicht hinterher verfolgen" (PAPE 1,107), heute: stalken.

Die deutsche Übersetzung der Septuaginta hat demgemäß:

LXXD er war nämlich ganz versessen auf die Tochter Jakobs

Welche Wendungen finden die anderen Übersetzungen?

Für Hieronymus ist zweifellos klar: 

VUL amabat enim puellam valde  (Gen. 34:19 VUL)

VULD er liebte das Mädchen sehr

Daran schließen die französischen Übersetzungen und GN und GNB an, s. u.

Anders KJV und LUT:

KJV he had deligth in Jacob's daughter

NAS he was delighted with ...

ESV he was delighted in ...

LUT L17 hatte großes Gefallen an

D83 han var indtaget i  - eingenommen von

Das alte dänisch/norwegisch-deutsche Wörterbuch von KAPER, 197, in meiner Ausgabe von 1889, übersetzt "indtage" noch mit "einnehmen", hier: von jmd. eingenommen sein; diese Wendung  hat das NUDANSK ORDBOG von 1987 nicht mehr. Also übersetzt die modernere dänische Bibel:

D92 han holdt meget af

Die niederländische Bibel übersetzt:

NL hij verlangde naar de dochter van Jakob (Gen. 34:19 HSV)

So auch Jehuasch im Jiddischen:

SBJ 

ער האט געגארט נאך 

er hot gegort noch 

WEINREICH, 682, übersetzt das Verb  

גאר 

 gor, mit: "crave vor, yearn for". Wohl von "gehren" - gegenwärtig noch im Deutschen in "begehren" und "Gier". 

Mich erfreut meine Variante bei JACOB wieder zu finden! 

LUTHER übersetzte 1545 kurz und derb: 

L45 denn er hatte lust zu der tochter Jacob 

Warum konnte das in LUT/L17 nicht beibehalten bzw. wiederhergestellt werden? 

Damit hätten wir folgende Gruppen: 




KOMMENTARE

Nach WESTERMANN, 658f, sind die Verse 18 und 19 Dubletten. Dem widerspricht SEEBASS, 425:
„Nach den Spielarten orientalischer Verhandlungen zeugt es von Dummheit, dass Chamor als Verhandlungsführer ohne feste Abmachung mit dem Vater Jakob auf die gestellte Bedingung eingeht (V18). Nach V 19 war allerdings Sichem die treibende Kraft; aus dem verständlichen Grund, der sein ganzes Handeln bestimmte: Er wollte die Tochter Jakobs zur Frau und zögerte nicht. Dass er der Angesehenste im Haus senes Vaters war (V 19b), bereitet V 24 aβ.b vor. Sichem war also jemand, dem man in der Stadt einen Gefallen tun würde; aber ohne Chamor konnte Sichem nicht seinen Plan ausführen (V 18.20-23). V 18 ist also keine Dublette zu V 19 (gegen Westermann, 658f).“

 

 

 

*

 

 

 

Q 96,17

فَلْيَدْعُ نَادِيَهُۥ

VOKABELN

 

Köln-Merkenich, am Montag,
den 22. Mai 2023

 

VERBEN

دعو  oder دعا , u - rufen, nennen, herbeirufen.

NOMEN

ناد  constr. نادى , pl.  نواد  oder أندية - Club, Verein.

PARTIKEL 

ل  - Bekräftigungs-, Schwurpartikel.

 

mE

und rufe er doch seinen Klub herbei!

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Rufe er nur seine Leute!

 

ULLMANN  (1840)

Mag er dann seine Freunde und Gönner rufen;

 

HENNING  (1901)

Mag er ruhig seine Berater rufen.

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Mag er seine Schar herbeirufen.

 

PARET (1979, 2001)

Mag er dann seine Clique herbeirufen!

 

ASAD (1980/2009)

- und dann soll er die Ratgeber seiner eigenen (unechten) Weisheit (zu seiner Hilfe) rufen,

ANM. zu "Weisheit": "Wörtl.: 'seinen Rat'."

 

KHOURY (1987, 1992)

Er soll doch da seine Mitstreiter herbeirufen.

Khoury, Kommentar, 504: "oder: seinen Anhang, der sich um ihn versammelt."

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Er kann seine Anhänger zu Hilfe rufen.

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

So soll er doch seine Genossen rufen.

 

KARIMI (2009)

Mag er doch seine Anhänger rufen!

 

BOBZIN (2010, 2017)

Soll er doch seine Spießgesellen rufen! -

 

ZIRKER (2003, 2018), NEUWIRTH (2011)

Rufe er doch seine Kumpane!

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (05.04.2023)

Mag er doch seine Kumpane herbeirufen -

 

 

 

 

Gen 34,20 Q 96,18 

 


Köln-Merkenich, am Dienstag/Mittwoch,
den 23./24. Mai 2023

 

Es wird beraten:

‎  וַיָּבֹ֥א חֲמ֛וֹר וּשְׁכֶ֥ם בְּנ֖וֹ אֶל־שַׁ֣עַר עִירָ֑ם וַֽיְדַבְּר֛וּ אֶל־אַנְשֵׁ֥י עִירָ֖ם לֵאמֹֽר׃ 

 (Gen. 34:20 WTT)

VOKABEL:

NOMEN

שַׁעַר - Tor.

 

mE

Und Chamor ging und Schchem, sein Sohn, zum Tor ihrer Stadt und sie sprachen zu den Männern ihrer Stadt:

 

Buber/Rosenzweig

Chamor kam und sein Sohn Schchem in das Tor ihrer Stadt,

sie redeten zu den Männern ihrer Stadt, sprechend:

 

van Dyke

‎:  فَأَتَى حَمُورُ وَشَكِيمُ ابْنُهُ إِلَى بَابِ مَدِينَتِهُِمَا، وَكَلَّمَا أَهْلَ مَدِينَتِهُِمَا قَائِلِينَ (Gen. 34:20 AVD)

VOKABELN

اتى , i - kommen, bringen, legen;

كلم , i - verwunden [??!!]; HIER II. STAMM: ansprechen (jemanden  ه), sprechen (mit  ه).

 

BEOBACHTUNG

 אַנְשֵׁ֥י עִירָ֖ם - ansche 'iram

Aus Männern wird das Volk bzw. Bürger. Hieronymus macht's  zwar vor:

VUL locuti sunt populo (Gen. 34:20 VUL) (von loquor, locutus sum, loqui - sprechen)

VULD sprachen zum Volk

Er findet aber wenig Nachahmer. 

Es finden sich drei Gruppen:


Mit einer wunderbaren Ausnahme bildet Jehuasch seine jiddische Übersetzung. Im Jiddischen gibt es natürlich den Ausdruck "Mann", s. Weinreich 196: 

מאנצביל

  - monsbil [vgl. "Mannsbild", GRIMM 12,1579: "noch im vorigen jahrh. und bis in dieses hinein in achtungsvoller rede" mit Belegen von Hebel, Lessing und Goethe], und "Bürger", s. Weinreich 54: 

בירגער

- birger; Jehuasch aber übersetzt:

SBJ 

מענטשן פון זייער שטאט

menschn vun seier stadt

 

KOMMENTARE

Nach WESTERMANN, 659, wird besonders an dieser Stelle deutlich, dass hier zwei Geschichten miteinander verbunden sind und Spannungen zwischen ihnen hier ausgeglichen werden. Er nennt sie "A" - eine Familiengeschichte - und "B"eine politische:
 

„Bei den parallelen Sätzen 18.19 wird noch einmal ganz deutlich, dass es bei A um ein familiäres, bei B um politisches Geschehen geht. Denn 18 wird in 20 fortgesetzt (die Verbindung der beiden Fäden ähnlich in 5-7; hier unterbricht 19 den offenkundigen Zusammenhang von 18 und 20), das Einverständnis Hamors erfordert die Bestätigung durch den Rat der Stadt, während in A das Ansehen Sichems in seiner Familie ausreicht. In der Einleitung 20 hat C [ein Redaktor, Erg. mE] ausgeglichen; der Sprecher in 21-23 ist in B allein Hamor.“ 

 

 

Dem widerspricht SOGGIN, 409f: 

 

 

„Es scheint überhaupt sinnvoller, die Erzählung ausschließlich als Familiengeschichte und nicht als Produkt der Verschmelzung zweier Überlieferungen (einer familiären und einer stammesgeschichtlichen) zu betrachten. Und angenommen, es gäbe tatsächlich zwei ursprüngliche Überlieferungen, dann ist es heute nicht mehr möglich, diese scharf voneinander zu unterscheiden. Anders formuliert: man es hier mit einer Familiengeschichte zu tun, in die auch ethnisch-politische Elemente eingearbeitet wurden. Inwieweit die Erinnerung an tatsächlich ethnisch-politische Begebenheiten die Grundlage dieser von Gewalt und Notzucht, von Liebe und / Tod, von Rache und Raubzug erzählenden Familiengeschichte bildet, sollte unbedingt einer Nachprüfung unterzogen werden. Bei dem heutigen Stand der Forschung ist eine solche Verwurzelung in der Wirklichkeit nicht gerade wahrscheinlich.“ 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Q 96,18 

سَنَدْعُ ٱلزَّبَانِيَةَ 

VOKABELN 

VERB 

دعو  oder دعا , u - rufen, nennen, herbeirufen. 

NOMEN 

زبانية   - LANE, 1214: "Certain angels ... so called because of their thrusting the people of the fire thereto". 

Wahrscheinlich ein plurale tantum; von زبن - stoßen. WEHR, 433: "angels who thrust the damned into Hell". 

PARTIKEL 

س - Futurpartikel. 

 

mE (alle ab Vers 17) 

und rufe er doch seinen Klub herbei! 

Wir rufen die Schubser! 

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) 

Rufe er nur seine Leute! 

Wir rufen die Höllenmeute. 

 

ULLMANN  (1840) 

Mag er dann seine Freunde und Gönner rufen; 

aber auch wir wollen die furchtbaren Höllenwächter rufen. 

 

HENNING  (1901) 

Mag er ruhig seine Berater rufen. 

Wir werden die Strafengel rufen! 

 

GOLDSCHMIDT (1916) 

Mag er seine Schar herbeirufen. 

Wir werden die Höllenwache rufen. 

 

PARET (1979, 2001) 

Mag er dann seine Clique herbeirufen! 

Wir werden (unsererseits) die Schergen (der Hölle) herbeirufen. 

 

ASAD (1980/2009) 

- und dann soll er die Ratgeber seiner eigenen (unechten) Weisheit (zu seiner Hilfe) rufen, 

ANM. zu "Weisheit": "Wörtl.: 'seinen Rat'." 

(indessen) Wir die Kräfte der himmlischen Strafe rufen werden! 

 

KHOURY (1987, 1992) 

Er soll doch da seine Mitstreiter herbeirufen. 

Khoury, Kommentar, 504: "oder: seinen Anhang, der sich um ihn versammelt." 

Wir werden die Schergen herbeirufen. 

 

MAHER/AL AZHAR (1999) 

Er kann seine Anhänger zu Hilfe rufen. 

Wir werden die strengen Höllenwächter herbeirufen. 

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de) 

So soll er doch seine Genossen rufen. 

Wir werden die (Höllen)wache rufen. 

 

KARIMI (2009) 

Mag er doch seine Anhänger rufen! 

Wir werden herbeirufen die Wächter. 

 

BOBZIN (2010, 2017) 

Soll er doch seine Spießgesellen rufen! - 

Wir werden dann die Höllenwächter rufen! 

 

ZIRKER (2003, 2018), 

Rufe er doch seine Kumpane! 

Wir werden die Schergen rufen. 

 

NEUWIRTH (2011) 

Rufe er doch seine Kumpane! 

Wir werden die Zugreifer rufen. 

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai/Nora K. Schmid (03.04.2023) 

Mag er doch seine Kumpane herbeirufen - 

wir werden die Höllendämonen rufen! 

 

KOMMENTARE 

ANGELIKA NEUWIRTH, 273, stellt eine Vermutung zum Ursprung des im Vers verwendeten Nomens an:
„Dem Angeprangerten, der innerweltlich über eine Anhängerschaft verfügt (zu nadi siehe SEAP, S. 1153), wird eine Gegenwehr angedroht, für die offenbar jenseitige Kräfe rekrutiert werden. Der Ausdruck zabaniya dürfte eine – absichtlich enigmatische – Neuprägung zur Unterstreichung der göttlichen Allmacht sein: zabani(ya) entspricht morphologisch dem für Hundenamen geläufigen morphologischen Schema Fa’aLi, verbunden mit der Wurzel ZBN („wegstoßen“) entspricht der Ausdruck wörtlich etwa einem Namen wie „Wehr ab“ (siehe KKK, S. 516).“

 

SEAP: Six Early Arab Poets, Jerusalem 1999; KKK: Rudi Paret, Der Koran, Kommentar und Konkordanz, Stuttgart 1971, Berlin 2001.

PARET, Kommentar, 516/Bildschirmseite 2460f führt aus:

"Über die Etymologie des Wortes / zabaniya ist schon viel gerätselt worden. Jeffery führt u.a. eine Erklärung an, die es aus persisch zabana »(züngelnde) Flamme« ableitet (Foreign Vocabulary, S. 148). Nach Hubert Grimme ist es »ein dunkler Ausdruck, hinter dem sich vielleicht ein alter Dämonenname verbergen könnte« (Mohammed, I, S. 19, Anm. 1). Falls man bei der Erklärung des Worts innerhalb des arabischen Sprachbereichs bleiben will, muß man von der Grundbedeutung des Verbums zabana ausgehen (»ausschlagen«, vom Kamel, das mit seinen Hinterbeinen »ausschlägt«, um einen Melker oder das eigene Junge von seinem Euter fernzuhalten). Ein abschreckender Tier- oder Geistername zabani in der Bedeutung »Schlag aus!« wäre ohne weiteres möglich (nach dem Schema fa'ali, so wie man einen Hund kasabi »Pack an!« nennen kann). Aber selbst wenn man mit der Möglichkeit rechnet, daß der Reimzwang bei der Bildung der Form im Spiel war, kann man kaum annehmen, daß das Appellativum zabaniya (als Plural) aus einem solchen Eigennamen zabani durch Anhängung der Femininendung abgeleitet worden ist."

CORPUS CORANICUM zieht eine Verbindung zu Ephrem, dem Syrer und meint:

"Vers 18

az-zabāniyaWird traditionell auf die Wärter der Hölle gedeutet; die Bedeutung ist jedoch unsicher. Jeffery will den Ausdruck mit syr. dāborē, den „Führern“, die Ephrem zufolge die Verstorbenen zum Gericht führen, in Verbindung bringen, evtl. auch mit Pers. zabān, „Flamme“ ( Jeffery, Foreign Vocabulary, 148 ). Eilers schlägt eine Ableitung aus Mittelpers. zen(dān)bān, „Gefängniswärter“, vor ( Eilers, „Zabāniya“, EI2 ; s. a. Ambros, Dictionary, s. v. z-b-n ). Triftiger als etymologische Rekonstruktionsversuche dürfte jedoch der Hinweis sein, dass der Ausdruck zabāniya auch in der altarabischen Dichtung auftritt und dort dämonenartige Wesen bezeichnet: wa-qawwāda ḫailin naḥwa ʾuḫrā ka-ʾannahā / saʿālin wa-ʿiqbānun ʿalaihā zabāniyah, „[He was] the leader of horses against others [of the enemy]; it was as though they were she-ghūls and swift bringers of destruction, with attendant jinn [= zabāniya, N. S.] riding them“ ( Jones 1992, 100 ). Zu einer überzeugenden inhaltlichen Parallele s. Andrae 1926, 72 f., 145 f. und 153 f. (Ephrem über die Strafengel, die den Verdammten in die Hölle schleppen)."

ANDRAE 1926, 153f, schreibt:

"Der Engel, der die Seele wegführt heißt bei 'Afrem sabbaja* (der Gefangene wegführt) oder dabora (abductor). Muhammed redet (96:19) von der zabanija, die Allah gegen die Sünder ausenden wird. Das Wort wird in Lisan als "diejenigen, die die Menschen wegführen" erklärt und ist wohl im Anschluss an den syrischen Ausdruck gewählt."

*Anm.: Op. Syr. III, 237, 244, 624.

Zur Erläuterung:

"Das Lisan al-Arab (لسان العرب, DMG Lisān al-ʿArab) wurde 1290 von Ibn Manzur fertiggestellt und ist neben dem Tadsch al-Arus des Ibn Murtada († 1790/1791) mit 20 Bänden (in der meistzitierten Kairiner Ausgabe) das bekannteste und umfangreichste Wörterbuch der arabischen Sprache." Wikipedia, Art. Ibn Manzur, https://de.wikipedia.org/wiki/Ibn_Manz%C5%ABr#Lisan_al-Arab, aufgerufen am 24.05.2023.

Damit läge hier ein schöner Beleg für die Nähe des Korans zur christlich-aramäischen Überlieferung vor. Besonders die Bedeutung von Ephrem ist wohl kaum zu überschätzen.

 

 

 

 

Gen 34,21 und Q 96,19 

 


Köln-Merkenich, am Freitag,
den 26. Mai 2023

 

Ein Nehmen und Geben?

‎  הָאֲנָשִׁ֙ים הָאֵ֜לֶּה שְֽׁלֵמִ֧ים הֵ֣ם אִתָּ֗נוּ וְיֵשְׁב֤וּ בָאָ֙רֶץ֙ וְיִסְחֲר֣וּ אֹתָ֔הּ וְהָאָ֛רֶץ הִנֵּ֥ה רַֽחֲבַת־יָדַ֖יִם לִפְנֵיהֶ֑ם אֶת־בְּנֹתָם֙ נִקַּֽח־לָ֣נוּ לְנָשִׁ֔ים וְאֶת־בְּנֹתֵ֖ינוּ נִתֵּ֥ן לָהֶֽם׃ 

 (Gen. 34:21 WTT)

VOKABELN

VERB

סחר  - umherziehen.

 

mE

Diese Männer sind mit uns friedlich und sie besiedeln das Land und sie ziehen darin umher und das Land, siehe, ist weit zu beiden Seiten vor ihnen; ihre Töchter nehmen wir uns als Ehefrauen und unsere Töchter geben wir ihnen.

 

Buber/Rosenzweig

Friedgesinnt uns sind diese Männer,

sie mögen im Lande siedeln und es bereisen,

nach beiden Seiten breitet ja das Land sich vor ihnen;

ihre Töchter wollen wir uns zu Weibern nehmen und unsre Töchter ihnen geben.

 

van Dyke

هؤُلاَءِ الْقَوْمُ مُسَالِمُونَ لَنَا. فَلْيَسْكُنُوا فِي الأَرْضِ وَيَتَّجِرُوا فِيهَا. وَهُوَذَا الأَرْضُ وَاسِعَةُ الطَّرَفَيْنِ  أَمَامَهُمْ. نَأْخُذُ لَنَا بَنَاتِهِمْ زَوْجَاتٍ وَنُعْطِيهِمْ بَنَاتِنَا (Gen. 34:21 AVD)

VOKABELN

VERB

تجر , u - Handel treiben (mit etwas ب );

وسع , a - weit sein.

NOMEN

قوم qaum pl  أقوام 'aqwam - Stamm, Volk, Leute;

طرف   pl  أطراف 'athraf - Ende, Spitze, Rand, Seite.

PARTIKEL

هذا [haːðaː]<f هذه [haːðihiː]; u. Maghr هاته [haːtihiː]; du هذان [haːˈðaːni]; f هاتان [haːˈtaːni]; pl هؤلاء [haːʔuˈlaːʔi]> - dieser, diese, dieses, dies;

امام  - vor, gegenüber.

Köln-Merkenich, am Freitag/Dienstag
den 2./6. Juni 2023

 

BEOBACHTUNGEN

1  שְֽׁלֵמִ֧ים הֵ֣ם אִתָּ֗נוּ, sch'lemim hem 'itanu

Während fast alle Übersetzungen eine Form von "friedlich", "friedsam" oder "friedgesinnt" B/R haben, übersetzt SEEBASS:

SEE Diese Männer sind ungeteilt mit uns.

TANAKH übersetzt anders:

TANAKH our friends

 

2 וְיִסְחֲר֣וּ , wjis'charu

Hieronymus liest dies als "Handel treiben":

VUL negotientur in terra (Gen. 34:21 VUL)

VULD Sie sollen Handel treiben in dem Land 

Von "Handel treiben" sprechen auch: KJV ESV NAS LUT L17 SCH 

van Dyke

EIN und GN GNB sind ähnlich:

EIN ihren Geschäften nachgehen.

Anders Buber und Rosenzweig:

B/R und es [das Land] bereisen

Diese Varianten wären nicht sonderlich erheblich, würde Hieronymus und die ihm Nachfolgenden nicht ein antijüdisches Klischee bedienen.

So gibt es folgende Gruppen:

JACOB, 656, meint seine Übersetzung im Sinn von "sich als Händler darin betätigen".

Völlig aus dem Rahmen - und dabei sprachlich ausgesprochen schön - fällt die ursprüngliche Übersetzung Luthers von 1545:

L45 vnd wöllen im Lande wonen vnd werben

Zur ungewöhnlichen Verwendung von "werben" führt GRIMM aus, Art. "WERBEN, vb." Bd. 29, Sp. 160: 

"werben geht zurück auf die (auszerhalb des germ. nur schwach bezeugte) idg. wz. kuerp 'sich drehen'" ...

"im älteren dt. begegnen zahlreiche anwendungen, die später unüblich werden.

 A.sich drehen, (um)kehren.

 1) 'sich (um eine achse) drehen', 'kreisen', 'schwingen' (vgl. wirbel). vom ahd. bis ins ältere nhd. belegt, danach nur noch mundartlich nachgewiesen" ...

"4)im übergang zu bedeutung I D frühnhd. sich werben 'sich umtun, sich rühren'"

In dieser Bedeutung scheint es Luther gemeint zu haben.

Nur mit der Erweiterung "mit" trägt es die Bedeutung "Handel treiben":

"b)verschiedene konstruktionen, die im nhd. ebenfalls nicht fortleben, finden sich im mhd. auch für die bedeutung 'mit jem. verfahren, an jem. handeln, jem. behandeln'; werben mit:"

 

3 cultoribus indiget (Gen. 34:21 VUL)

Hieronymus erweitert: Hat er die Jakobleute erst zu Händlern gemacht, macht er sie alsbald zu Bauern:

VUL et exerceant eam quae spatiosa et lata cultoribus indiget  (Gen. 34:21 VUL)

VULD und es bestellen; es ist geräumig und weit und benötigt Bebauer. 

 

KOMMENTAR

WESTERMANN, 659, wertet diesen Vers - wie A. Alt - als "wichtiger und unverdächtiger Beleg für die wenigstens teilweise friedliche Einwanderung israelitischer Stämmegruppen in Palästina [...] Ebenso zeigt dieser Satz wie die ganze Rede, dass die Szene dem Beginn der Landnahmezeit angehört, nicht der Väterzeit."

 

 

 

 

*

 

 

 

Q 96,19

كَلَّا لَا تُطِعْهُ وَٱسْجُدْ وَٱقْتَرِب

VOKABELN

VERB

طوع  oder طاع - gehorchen;

سجد , u - sich niederwerfen (im Gebet);

قرب , u - nahe sein (von  ).

PARTIKEL 

كلا - nein! keineswegs.

 

mE (alle ab Vers 17)

und rufe er doch seinen Klub herbei!

Wir rufen die Schubser!

Keineswegs! Du gehorchst ihm nicht; wirf dich nieder und komm näher!

 

Köln-Merkenich, am Dienstag,
den 13. Juni 2023

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Rufe er nur seine Leute!

Wir rufen die Höllenmeute.

Folg' ihm nicht! bet' an und nah'!

 

ULLMANN  (1840)

Mag er dann seine Freunde und Gönner rufen;

aber auch wir wollen die furchtbaren Höllenwächter rufen.

Es wird nicht anders sein! Gehorche nicht ihm, sondern bete Allah an! Ihm nahe dich!

 

HENNING  (1901)

Mag er ruhig seine Berater rufen.

Wir werden die Strafengel rufen!

Doch nein! Gehorche ihm nicht, sondern wirf dich (vor Allah) nieder und nähere dich (Ihm).

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Mag er seine Schar herbeirufen.

Wir werden die Höllenwache rufen.

Keineswegs. Folge ihm nicht; bete (Gott an und ihm) nahe dich.

 

PARET (1979, 2001)

Mag er dann seine Clique herbeirufen!

Wir werden (unsererseits) die Schergen (der Hölle) herbeirufen.

Nein! Gehorche ihm nicht! Wirf dich (vielmehr in Anbetung) nieder und nahe dich (in Demut deinem Herrn)!

 

ASAD (1980/2009)

- und dann soll er die Ratgeber seiner eigenen (unechten) Weisheit (zu seiner Hilfe) rufen,

ANM. zu "Weisheit": "Wörtl.: 'seinen Rat'."

(indessen) Wir die Kräfte der himmlischen Strafe rufen werden!

Nein, gib du nicht acht auf ihn, sondern wird dich (vor Gott) nieder und nahe dich (Ihm)!

 

KHOURY (1987, 1992)

Er soll doch da seine Mitstreiter herbeirufen.

Khoury, Kommentar, 504: "oder: seinen Anhang, der sich um ihn versammelt."

Wir werden die Schergen herbeirufen.

Nein, gehorche ihm nicht. Wird dich vielmehr nieder und suche die Nähe (Gottes).

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Er kann seine Anhänger zu Hilfe rufen.

Wir werden die strengen Höllenwächter herbeirufen.

Höre nicht auf ihn, sondern wirf dich betend nieder und suche die Nähe deines Herrn!

 

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)

So soll er doch seine Genossen rufen.

Wir werden die (Höllen)wache rufen.

Keineswegs! Gehorche ihm nicht, sondern wirf dich nieder und sei (Allah) nah!

 

KARIMI (2009)

Mag er doch seine Anhänger rufen!

Wir werden herbeirufen die Wächter.

Doch nein, gehorche ihm nicht! Wirf dich nieder und nahe dich!

 

BOBZIN (2010, 2017)

Soll er doch seine Spießgesellen rufen! -

Wir werden dann die Höllenwächter rufen!

Doch nein! Gehorch ihm nicht!

Und wirf dich nieder, und nahe dich!

 

ZIRKER (2003, 2018), 

Rufe er doch seine Kumpane!

Wir werden die Schergen rufen.

Nein, gehorche ihm nicht! Wirf dich nieder und nahe dich!

 

NEUWIRTH (2011)

Rufe er doch seine Kumpane!

Wir werden die Zugreifer rufen.

Nein, gehorche ihm nicht!

    Wirf dich nieder und nahe dich!

 

CORPUS CORANICUM Nicolai Sinai / Nora K. Schmid (02.05.2023)

Mag er doch seine Kumpane herbeirufen -

wir werden die Höllendämonen rufen!

Nein, gehorche ihm nicht!

Wirf dich nieder und nahe dich!

REINBOLD zieht zu den letzten Versen zwei Hadithe als Vergleich heran:

Zu V17-18 H 1226:

Und zu V 6-19 H 1224:

H = Die Hadith-Sammlungen von Khoury herausgegeben, 5 Bände, 2008-2011. 

 

BEOBACHTUNG

Der Kommentar von Khoury zur Stelle, 504, ist enttäuschend, rein paraphrasierend:

"Muhammad soll sich nicht einschüchtern lassen, er soll sich ruhig dem Gebet widmen und die Nähe Gottes des Allmächtigen suchen."

Der Subjektwechsel in diesem Vers scheint ihn nicht zu bekümmern.

 

KOMMENTARE

NEUWIRTH, 273, benennt den Subjektwechsel ausdrücklich:

"Die Rede über den Angeschuldigtten schlägt in eine Anrede an den Verkünder um, dem konkret Gebet und allgemein Askese auferlegt werden."

Wie Angelilka Neuwirth auf Askese kommt, bleibt unklar, außer es wird im wörtlichen Sinn verstanden, "Übung".

Sie führt weiter aus und hört einen Anklang zum Psalter heraus:

"Es ist davon auszugehen, dass bereits der vorislamische Gebetsritus Körperhaltungen wie die Proskynese (sudjud) einschloss (siehe Rubin 1987; KTS, S. 332-359). Bei der 'Annnäherung' könnte an die Abhaltung von Vigilien mit Hymnenvortrag gedacht sein, wie sie in Q 73:8-9 und 74:1-5 thematisiert weren; der Vers nähme dann die Aufforderung zur "Lesung" aus V. 1 wieder auf. - Schlussrufe mit Aufruf zu liturgischen Handlungen begegnen auch in Q 94:8, 93:11, 69:52. Solche Imperative haben Entsprechungen in den Psalmen (siehe Ps 149,9: halleluyah)."

Rubin, Uri: "Morning and Evening Prayers", 1987.

KTS = Neuwirths fulminante Arbeit "Der Koran als Text der Spätantike. Ein europäischer Zugang", Berlin 2010.

Ps 149,9: "Halleluja" heißt wörtlich: "Lasst uns Gott loben!"

Neuwirths Beobachtungen bestätigt CORPUS CORANICUM:

"Vers 19

wa-sǧud wa-qtaribDer erste Imperativ ruft zur Niederwerfung auf, die Neuwirth im Rekurs auf Uri Rubin für einen Teil bereits des vorislamischen Gebetsrituals hält ( Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 273 ). Der zweite Imperativ ist weniger konkret und wohl allgemein auf die Teilnahme an gottesdienstlichen Übungen zu beziehen. Vgl. die ebenfalls am Surenschluss stehenden Aufrufe zu Gottesdienst und Gotteslob in 108:2, 93:11, 52:48.49, 56:74 (ursprünglicher Surenschluss?) und 56:96, 69:52, 108:2. Anderswo, etwa in 93:11, stehen am Surenende Aufrufe zur Verkündigungstätigkeit. In funktionaler Hinsicht ist, wie Neuwirth hervorhebt, der psalmische Schlussruf הַֽלְלוּ־יָֽהּ (“Lobet den Herrn”) zu vergleichen, s. etwa Psalm 149:9 ( Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 273 )." 

Zur verbreiteten Vorstellung, diese Sure wäre die allererste und somit älteste von allen bezieht CORPUS CORANICUM Stellung:

"Die verbreitete islamische Tradition, der zufolge 96:1–5 die ersten von Muḥammad verkündeten Koranverse waren, ist insofern aller Wahrscheinlichkeit nach eine spätere prophetologische Konstruktion, auch wenn sie bereits relativ früh in Umlauf gewesen zu sein scheint (s. die ausführliche traditionskritische Untersuchung in Schoeler 1996, 59–117 ; vgl. Rubin 1995, 103–124 ): Die Erzählung, die von Muḥammads Initiation durch den Erzengel Gabriel auf dem Berg Ḥirāʾ berichtet, verarbeitet biblische Topoi (vgl. dazu neben Rubin 1995 noch Mirmehdi 1998, 28–35 und Ǧuʿayyiṭ 1999, 36, 39) und kann schon aufgrund ihres hagiographischen Charakters kaum als historische Quelle gelten (vgl. Ǧuʿayyiṭ 1999, 33–46 mit weiteren Gegenargumenten; optimistischer: GdQ, Bd. 1, 78–83 ; s. die Kritik in Sinai 2008, 150–152 ). Überdies setzt eine Frühdatierung – die ja in den islamischen Quellen nicht für die gesamte Sure, sondern nur für V. 1–5 vertreten wird – voraus, dass V. 6–19 als spätere Erweiterung zu verstehen sind, denn zumindest dass dritte Gesätz unterstellt, dass die koranischen Verkündigungen ihre Hörerschaft bereits in Anhänger und Gegner gespalten haben, kann also unmöglich zur allerfrühesten Schicht der Koranverkündigungen gehören. Dafür, dass V. 6–19 ein späterer Zusatz sind, gibt es textimmanent jedoch keinerlei Indizien (s. u.). Der Text gehört damit zu jenem Surentypus, der bereits eine Interaktion zwischen Sprecher und Hörern reflektiert, er kann folglich nicht die erste koranische Verkündigung gewesen sein, wie die Tradition – sicher auch aufgrund der Wurzelidentität des im Anfangsverses stehenden Verbs iqraʾ mit dem späteren ‚Buchtitel’ qurʾān – annimmt. Überhaupt ist fraglich, ob der einleitende Imperativ auf eine spezifische, in der Biographie des Verkünders präzise verortbare Situation zu beziehen ist: Die Aufforderung gilt allgemein und bezieht neben dem unmittelbar angesprochenen Verkünder wohl auch gewöhnliche Gläubige mit ein. Hier wie in anderen Suren sind aus dem Korantext prophetenbiographische Daten deduziert worden, die dann in einem gedanklichen Zirkel wieder zur Erklärung des Koran eingesetzt werden."

 

 

 

 

Gen 34,23 und Q 1,1

 

Köln-Merkenich, am Montag,
den 28. August 2023
Köln-Merkenich, am Freitag,
den 30. Juni und 18., Montag und Mittwoch, den  21. und 23. August 2023


Es wird geprahlt:
 ‎  מִקְנֵהֶ֤ם וְקִנְיָנָם֙ וְכָל־בְּהֶמְתָּ֔ם הֲל֥וֹא לָ֖נוּ הֵ֑ם אַ֚ךְ נֵא֣וֹתָה לָהֶ֔ם וְיֵשְׁב֖וּ אִתָּֽנוּ׃
  (Gen. 34:23 WTT)
 VOKABELN
 VERB
אות  - nifal: zustimmen (sehr selten?).
 NOMEN
 מִקְנֶה - Besitz, Vermögen, Vieh;
 קִנְיָן - Erkauftes, Eigentum;
 בְּהֵמָה - Tiere, Vieh, Kühe.
 
 mE
 Ihr Vieh, ihr Besitz und all ihre Tiere - sind sie nicht für uns? Ja, stimmen wir doch mit ihnen überein und sie wohnen mit uns.
 
 Buber/Rosenzweig
 Ihr Herdenerwerb, ihr Erworbnes und all ihr Lastvieh, sind sie dann nicht unser?
 Wir wollen ihnen doch willfahren, daß sie mit uns siedeln.
 
 van Dyke
 ‎ أَلاَ تَكُونُ مَوَاشِيهِمْ وَمُقْتَنَاهُمْ وَكُلُّ بَهَائِمِهِمْ لَنَا؟ نُواتِيهِمْ فَقَطْ فَيَسْكُنُونَ مَعَنَا     
    (Gen. 34:23 AVD)
 VOKABELN
 نوى , a - beabsichtigen.
 NOMEN
 ماشية  pl  مواش - Vieh;
 مقتى  muqtanan - Erworbene(s), Erwerbung.
 بهاء - Pracht, Schönheit.
 PARTIKEL
 فقط - nur.
 
 BEOBACHTUNGEN
 1 Frage?
 MENDELSSOHN sieht hier keine Frage:
 M Ihre Herde, ihre Habe, und all ihr Vieh wird ja unser seyn.
 Darin folgt er er interessanterweise ausgerechnet der VULGATA:
 VUL et substantia eorum et pecora et cuncta quae possident nostra erunt
 VULD wird sowohl ihr Vermögen als auch ihr Vieh und alles, was sie besitzen, uns gehören.
 Der VUL folgen BFC SCH D83 D92 GN GNB B/M HIRSCH TANAKH und WEST.
 
 2 Volk?
 Die VUL ergänzt und überhöht den Vorschlag:
 VUL et habitantes simul unum efficiemus populum
 VULD und wenn wir zusammen wohnen, werden wir ein Volk schaffen.« 
 
 KOMMENTARE
 JACOB fällt auf, wie gut strukturiert die Rede ist:
 JACOB 657: 
 SARNA 237 beurteilt die Rede:
 
 Auch WEST 660 fällt auf: Die Aussicht, dass der "Viehreichtum der Zugezogenen  [...] dann in das Eigentum des Gemeinwesens übergehen [wird]", das wurde zuvor verschwiegen: "Aber natürlich hat Hamor davon den Jakobleuten nichts gesagt, er sagt es nur seinen Leuten." Aber warum "natürlich"? Verhandelt man immer so?
 
 

 

 

 

*

 

 

 

Köln-Merkenich, am
 Montag, den 28. August 2023

 

Q 1,1

بِسْمِ ٱللَّهِ ٱلرَّحْمَـٰنِ ٱلرَّحِيمِ

VOKABELN

VERBEN

رحم , a - sich erbarmen

NOMEN

رحم pl.  أرحام - Mutterleib, Gebärmutter - wie im Hebräischen das gleiche Wort!

 رحمة - Erbarmen, Mitleid, Gnade

ADJEKTIVISCH

رحمان  oder  رحمن  - barmherzig

 رحيم - barmherzig (Beiname Gottes).

 

Vgl. Mail vom 19.02.2021 zu Gen 31,16 und Q 93:

mE: Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers. 

PARET: Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes.

KHOURY: Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen.

Al AZHAR: Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen.

NEUWIRTH / CORPUS CORANICUM: Im Namen Gottes, des barmherzigen Erbarmers

Gen 34,24 und Q 1,2

 
Köln-Merkenich, am Dienstag/Donnerstag,

 den 29./31. August 2023,

 Freitag, den 1. September 2023
und Montag/Dienstag, den 16./17. Oktober 2023




Die Hörerschaft gehorcht:
 
 וַיִּשְׁמְע֤וּ אֶל־חֲמוֹר֙ וְאֶל־שְׁכֶ֣ם בְּנ֔וֹ כָּל־יֹצְאֵ֖י שַׁ֣עַר עִיר֑וֹ וַיִּמֹּ֙לוּ֙ כָּל־זָכָ֔ר כָּל־יֹצְאֵ֖י שַׁ֥עַר עִירֽוֹ׃ 
 (Gen. 34:24 WTT)
 VOKABELN
 VERBEN
 יצא - herausziehen, herauskommen, hier: Partizip mask. plural.
 מול - beschneiden, hier: nifal
NOMEN

 שַׁעַר - Tor.
 
mE
Und alle hörten auf Chamor und Schechem, seinen Sohn, die herausgekommen waren aus dem Tor seiner Stadt. Und sie ließen sich beschneiden, alle Mann, alle Herausgekommenen aus dem Tor seiner Stadt.
 
Buber/Rosenzweig
Es hörten auf Chamor und auf Schchem seinen Sohn alle, die aus dem Torrat seiner Stadt zogen:
beschneiden ließ sich alles Männliche, alle die aus dem Torrat seiner Stadt zogen.
 
van Dyke
 فَسَمِعَ لِحَمُورَ وَشَكِيمَ ابْنِهِ جَمِيعُ الْخَارِجِينَ مِنْ بَابِ الْمَدِينَةِ، وَاخْتَتَنَ كُلُّ ذَكَرٍ. كُلُّ الْخَارِجِينَ مِنْ بَابِ الْمَدِينَةِ  (Gen. 34:24 AVD)
VOKABELN
VERBEN
خازج - außen befindlich, vom VERB: خزج - hinausgehen, HIER: III. Stamm. Davon:  - äußere(r), Außen;
ختن - beschneiden, HIER: VIII. Stamm: Reflexiv.
 
 
 BEOBACHTUNGEN
1 seine Stadt
Van Dyke lässt diese Bezeichnung wegfallen. Im Hebräischen,עִיר֑וֹ, - zweimal in diesem Vers! -, soll sie wohl darauf hinweisen, dass die Stadt nicht nur nach dem Sohn Chamors heißt, sondern ihm ge-hört - weswegen die Stadtbewohner halt ge-horchen. Diese Wendung "seine Stadt" fehlt ferner in LSG BFC EIN GN GNB BB sowie in D92. MENDELSSOHN spricht vom "Stadttor":
M B/M  alle, die in das Stadttor hinauskamen.
 
2 ge-horchen
Luther übersetzt tatsächlich mit "gehorchen":
LUT L17 Und sie gehorchten dem Hamor und Sichem, seinem Sohn,
So auch die ältere dänische Übersetzung:
D83 Så adlød ... - von "adlyde" - gehorchen.
Die Doppelbedeutung von jemandem zuhören und gehorchen klingt stark im Jiddischen mit. Dort übersetzt Jehuasch:
SBJ  zugehert = "gehorcht"
TANAKH benutzt ein seltenes Verb: "All who went out of the gate of his town heeded Hamor ..." - to heed - "to give consideration or attention to" (Mirriam-Webster); über das Althochdeutsche huota (Merriam-Webster; Grimm 10,1986) verwandt mit dem deutschen "hüten".

3 alle?
Ganz radikal verkürzt Hieronymus:
VUL adsensi sunt omnes circumcisis cunctis maribus (Gen. 34:24 VUL)
VULD Alle stimmten zu, und alle männlichen Geschlechts wurden beschnitten.
Im Hebräischen schwingt jedoch noch mit, dass es durchaus noch Bewohner der Stadt geben könnte, die die nicht mit dabei waren und darum unbeschnitten blieben, weil sie nicht mit vor die Stadt gezogen waren.
Der Vulgata folgen BFC und D92 BB GN GNB.
GNB Die Männer der Stadt hörten auf die beiden, und alles, was männlich war, wurde beschnitten.

4 Tor
Luther versteht die Wendung mit dem Tor anders. Eine mögliche Einschränkung der Beschnittenen lässt er so nicht gelten. Er erweitert:
LUT L17 alle, die zum Tor seiner Stadt aus und ein gingen (Gen. 34:24 LUT)
Dies Aus- und Eingehen haben ferner: ELB SCH ZUR WEST. Die Elberfelder Bibel macht es immerhin als Erweiterung sichtbar:
ELB alle, die zum Tor seiner Stadt <ein- und> ausgingen.

5 Torrat
Für Buber und Rosenkranz ist klar, dass weniger der Ort - das Stadttor - gemeint ist, sondern metonymisch die Ratsversammlung im Stadttor:
B/R alle, die aus dem Torrat seiner Stadt zogen

6 Septuaginta
Die Übersetzung der jüdischen Gemeinschaft in Alexandria wiederholt den Teil "alle die aus dem Torrat seiner Stadt zogen" nicht, sondern schreibt stattdessen:
LXX καὶ περιετέμοντο τὴν σάρκα τῆς ἀκροβυστίας αὐτῶν πᾶς ἄρσην (Gen. 34:24 BGT)
LXXD und sie ließen sich am Fleisch ihrer Vorhaut beschneiden, jeder, der männlich war
War den Hellenisten in Alexandria nicht unmittelbar klar, was mit Beschneidung gemeint war?
Nach WESTERMANN  651 ist dies die ursprüngliche Lesart s.u.

7 beschneiden
Es  macht einen Unterschied ob es heißt, dass die männliche Bevölkerung "sich beschneidet" oder "sich beschneiden lässt". Die hebräische Form ist NIFAL und lässt Beides zu. Vorherrschend ist die passive Form: "ließen sich beschneiden" oder "wurden beschnitten". JEHUASCH übersetzt mit dem hebräischen Wort:
SBJ זיינען געמלט (mit dem hebräischen Wort s. o.!) "seinen gemalt"
Nur LUTHER von 1545 und L84 übersetzen aktiv:
LUT L45 Und sie ... beschnitten alles ...
 
 
KOMMENTAR
HIRSCH 429f fällt auf, dass die Bezeichnung für die Bewohner der Stadt an dieser Stelle fürs die hebräische Bibel einmalig ist. Sonst heißt es ‎  בָּאֵ֥י שַֽׁעַר־עִירֽוֹ  - ba'i schaAr Iro, Gen 23,18: "wo eine städtische Volksversammlung, ein Gemeinderat, über [einen] Fall zu entscheiden hatte" (430). Hirsch vermutet, dass hier Bauern gemeint sind, "die ihr Beruf täglich hinaus aufs Land führte. Demnach wären vielleicht Chamor und Schechem Gutsherren der ganzen Gegend, die Leute von ihnen abhängig und ihnen hörig, gewöhnt, sich dem Herbsten zu unterwerfen." (430)
 
SARNA, 237,  vermerkt die Assoziation des Verbs "herausgehen" zum Beginn der Geschichte in den Versen Gen 34,1 und 6! 

WESTERMANN, 660, sieht in der zweifachen Verwendung von "alle, die zum Tor ..." hier "sicher ein Schreibirrtum" und übersetzt aus der Septuaginta zurück ins Hebräische: "את בשר ערלתם", - Vorhaut: עָרְלָה, und verweist auf Gen 17,14.23. Sein Beleg: Die Biblia Hebraica, herausgegeben von Rudolf Kittel, BHK.
Dass sich alle Männer an einem Tag beschneiden ließen hält Westermann für "unwahrscheinlich".

SOGGIN lässt die Verdoppelung gleichfalls aus. Ihm fällt auf, dass die neue Ausgabe der Biblia Hebraica Stuttgartensia, BHS, hierzu schweigt: "Die Problem wird in BHS nicht erwähnt." 408

SEEBASS, 426, schließt sich beiden nicht an und wiederholt die Phrase. Er vermutet, dass an dieser Stelle die kriegsfähigen Männer gemeint sind, und verweist u. a. auf Am 5,3, eine Vermutung, die bereits JACOB 657 erwogen und mit Verweis auf Gen 23,18 verworfen hatte.  


*



 Köln-Merkenich, am
 Dienstag/Donnerstag, den 12./14. und Freitag, 
 den 15. September 2023


Q 1,2
 ٱلْحَمْدُ لِلَّهِ رَبِّ ٱلْعَـٰلَمِينَ
VOKABELN
NOMEN
 عالم  pl. [-u:n] oder   عوالم Awa:lim - Welt, Universum.

mE
Der Dank ist Gott, der Herr der Welten.
 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)
Gelobt sei Gott, der Herr der Welten!
 
ULLMANN (1840)
Lob und Preis sei Allah, dem Herrn aller Weltenbewohner,
 
HENNING (1901)
Lob sei Allah, dem Weltenherrn.
 
GOLDSCHMIDT (1916)
Preis Gott, dem Herrn der Weltbewohner
 
BELL (1937)
Praise belongs to Allah, the Lord of the worlds,
 
PARET (1979, 2001)
Lob sei Gott, dem Herrn der Menschen in aller Welt
 
ASAD (1980/2009)
Aller Preis gebührt Gott allein, dem Erhalter aller Welten,
 
KHOURY (1987, 1992)
Lob sei Gott, dem Herrn der Welten,
ANM.: "Oder: der Weltenbewohner."
 
MAHER/AL AZHAR (1999)
Lob sei Gott, dem Schöpfer der Welten,
 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)
(Alles) Lob gehört Allah, dem Herrn der Welten,
 
KARIMI (2009)
Das Lob Gott, dem Herrn der Welten,
 
BOBZIN (2010, 2017)
Lobpreis sei Gott, dem Herrn der Weltenbewohner,
 
ZIRKER (2003, 2018)
Das Lob gebührt Gott, dem Herrn aller Welt,
 
NEUWIRTH (2017)
Lob sei Gott, dem Herrn der Welten,
 
QUR'AN SEMINAR (2016/7)
Praise be to God, Lord of the Worlds: 
Louange à Allah, Seigneur de l’univers 
 
CORPUS CORANICUM (Angelika Neuwirth und Dirk Hartwig unter Mitarbeit von Ali Aghaei und Tolou Khademalsharieh, 12.09.2023)
Lob sei Gott, dem Herrn der Welten
 
REINBOLD (2022) - PARALLELSTELLEN aus Judentum, Christentum und Islam, S. 2:
Ps 41,14: Gelobt sei der Herr, der Gott Israels, von Ewigkeit zu Ewigkeit!
Ps 72,18: Gelobt sei Gott der Herr, der Gott Israels, der allein Wunder tut!
2 Kor 1,3: Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes.
Apg 17,24: Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darinnen ist, er, der Herr des Himmels und der Erde.
Midrasch Genesis rabba 91 (42,6): Als in den Tagen David Hungersnot ausbrach, bat er [Jakob] für die Menschen vor Gott um Erbarmen und sprach: Herr der Welten! ...
 
BEOBACHTUNG UND KOMMENTAR
 ٱلْعَـٰلَمِينَ  , l-ʿālamīna
Mit dem letzten Wort dieses Verses hat es offenbar seine Schwierigkeiten. Bereits GOTTSCHEIDT, 621, greift in den geschriebenen Text ein und betont: 

"die übliche Übersetzung 'der Welten' ist somit unrichtig." Wobei er sich offenbar auf Rückert bezieht und Ullmanns Übersetzung stärkt.
LANE, II 2192, ordnet das Nomen dem Verb  علم , kennen, wissen, zu: "That by means of which one knows", von daher, II 2193, "the world ob mankind", also dem III. STAMM (drückt "Beziehungen zwischen Personen und Sachen aus", Grammatik von Kamil Schukry und Rudolf Humberdrotz, Berlin/München 1958, 1979, S. 170). Diese Ableitung erscheint mir ziemlich gekünstelt. Vielmehr liegt wohl ein Lehnwort vor, s. u.
Im Wörterbuch von PENRICE, 99, heißt es zu genau der Form, die hier im Koran steht "عالمين": "olique plur. of  عالم A world; The worlds spoken of in the Korân are taken to mean the three species of rational creatures, viz. men, genii, and angels." - Was in meinen Augen eher das Problem anzeigt als die Lösung.
Das französische Wörterbuch von KAZIMIRSKI, 1743, vermerkt: 

 Sie lässt beide Übersetzungen, Ullmann/Goldschmidt und Rückerts, zu.
 PARET erläutert im Kommentar (Bildschirmseite 1103f//Buchseite 12):

"Das Wort 'alam(un) ist Lehnwort aus dem Aramäischen. Es bedeutet eigentlich »Welt« (Plural »die Welten«). Mit dem koranischen 'alamun sind aber speziell die Bewohner der Welt gemeint. Die Übersetzung von rabb al-'alamin mit »Herr der Menschen in aller Welt« ist zwar etwas umständlich, scheint aber dem Sinngehalt des Ausdrucks einigermaßen gerecht zu werden. – Geo Widengren möchte rabb al-'alamin neuerdings wieder mit »Herr der Welten« übersetzt wissen (Muhammed, The Apostle of God, and his Ascension, Uppsala 1955, S. 8f.). Doch ist zu bedenken, daß 'alamun an vielen Stellen des Korans kaum etwas anderes als »Menschen« bedeuten kann. // So ->6,90 / ->12,104 / ->38,87 / ->68,52 / ->81,27; ->25,1; ->29,10; ->26,165; ->15,70."

NEUWIRTH geht in ihrem Kommentar "Der Koran. Band 2/1: Frühmittelmekkanische Suren", Berlin 2017, S. 91, näher auf die grammatische Gestalt ein: Es "wird von 

'alam [...] ein Adjektiv abgeleitet, eine "nisbe" auf -i gebildet. So entsteht 'alamiyun, im Casus obliquus: 'alamyin, die kontrahiert dann 'alamin lautet."

NEUWIRTH, 2017, und der CORPUS CORANICUM wehren sich dagegen, dass hier einfach von "Menschen" (so PARET) die Rede sei: "Für die Bezeichnung 'Herr der Menschen' stände rabb an-nās, wie in Q 114:1 zur Verfügung. Vielmehr entspricht das Epithet rabb al-ʿālamīn dem aus der jüdischen Liturgie bekannten hebräischen ribbon ʿolam, 'Herr der Welt', das eschatologisch konnotiert ist, denn ʿolam steht sowohl für die diesseitige als auch die jenseitige Welt, siehe TUK, Nr. 349, siehe auch TUK, Nr. 596."


Es ist verlockend der aramäisch-hebräischen Spur zu folgen.
עולם  , 'olam bzw.  עלם , 'alam, meint eine lange zurückliegende Zeit, "etwas Uraltes", ThWAT 5,1147, Art. 1144-1159 von HORST DIETRICH PREUß, vgl. Jer 2,20; Ps 25,6. An anderen Stellen verweist es auf Zukünftiges, vgl. Ps 77,8 - hier im Plural! (1148). Im Danielbuch (1156) wandelt sich der Begriff hin zu "Weltzeit" und "Welt", vgl. Dan 2,44; 7,14.18; 12,2f, vorbereitet von "Jes 40,28?; Ps 104,5; 148,6?".
Das bedeutet, der Begriff "Welt" wurde vom Zeitlichen her geprägt.
In aramäischen Texten in Palmyra kann עלם , 'alam "die Bedeutung 'Welt" und in apokalyptischen Texten auch 'Weltzeit' annehmen." ThWB-ARAM 575, Art. 574-577, von HERBERT NIER.
In Palmyra "tritt 'lm als 'Welt' im Göttertitel 'Herr der Welt' auf. So bezeichnet man in Palmyra Ba'alsamin als mr' 'lm' 'Herr der Welt' [...] Weitere Belege für diesen Titel finden sich in einer arabischen Inschrift aus Mada'in in Salih" (576). Im Danielbuch heißt es, dass "das letzte Königreich le'alemin  nicht zerstört", (577) wird, zu Dan 2,44.


ERGÄNZUNG
Bei der Koran-Bearbeitung sind zwei Werke hinzugekommen, die regelmäßig konsultiert werden:
QUR'AN SEMINAR (2016/7)
 Dies ist ein von Mehdi Azaiez, Gabriel S. Reynolds, Tommaso Tesei, Hamza M. Zafer herausgegebene Sammlung von englischen und französischen Kommentaren zu den ersten 50 Suren, erschienen bei De Gruyter): "The Qur’an Seminar Commentary. Le Qur’an Seminar. A Collaborative Study of 50 Qur’anic Passages. Commentaire collaboratif de 50 passages coraniq."
 
BELL (1937): Das ist die Übersetzung samt Kommentar von Richard Bell, Edingburgh, von 1937. Von ihm stammt die bahnbrechende Arbeit "The Origin of Islam in its Christian Environment", 1925. 

Gen 34,25

Köln-Merkenich, am Mittwoch,
den 18. Oktober 2023



 Guten Morgen,
 
 ein Massenmord - wie Odysseus an den Freiern?
 ‎וַיְהִי֩ בַיּ֙וֹם הַשְּׁלִישִׁ֜י בִּֽהְיוֹתָ֣ם כֹּֽאֲבִ֗ים וַיִּקְח֣וּ שְׁנֵֽי־בְנֵי־יַ֠עֲקֹב שִׁמְע֙וֹן וְלֵוִ֜י אֲחֵ֤י דִינָה֙ אִ֣ישׁ חַרְבּ֔וֹ וַיָּבֹ֥אוּ עַל־הָעִ֖יר בֶּ֑טַח וַיַּֽהַרְג֖וּ כָּל־זָכָֽר׃ 
 (Gen. 34:25 WTT)
 VOKABELN
 VERBEN
 כאב - Schmerz erleiden, leiden;
 הרג - töten.
 NOMEN/ADVERB
 חֶרֶב - Schwert;
 בֶּטַח - Sicherheit, Vertrauen; adverbial: sicher, sorglos.
 
 
mE
Und es geschah: Am dritten Tag, an dem dem gelitten wird, nahmen zwei Söhne Jaakobs, Schimon und Lewi, Brüder Dinas, jeder sein Schwert und sie gingen in die sorglose Stadt und töteten alle Mann.
 
Buber/Rosenzweig
Aber am dritten Tag, während sie in Schmerzen waren,
nahmen zwei Söhne Jaakobs, Schimon und Lewi, Vollbrüder Dinas, jeder sein Schwert,
sie kamen über die sorglose Stadt und brachten alles Männliche um,
 
van Dyke
  فَحَدَثَ فِي الْيَوْمِ الثَّالِثِ إِذْ كَانُوا مُتَوَجِّعِينَ أَنَّ ابْنَيْ يَعْقُوبَ، شِمْعُونَ وَلاَوِيَ أَخَوَيْ دِينَةَ، أَخَذَا كُلُّ وَاحِدٍ سَيْفَهُ وَأَتَيَا عَلَى الْمَدِينَةِ بِأَمْنٍ وَقَتَلاَ كُلَّ ذَكَرٍ 
(Gen. 34:25 AVD)
VOKABELN
VERBEN
 حدث , u - geschehen;
 وجع  , a - Schmerz empfinden; V. Stamm: Schmerz leiden, wehklagen, (jemanden) bemitleiden;
 أمن  amuna - treu sein, zuverlässig sein;
 قتل , u - töten.
NOMEN
 سيف  pl. سيوف sujuf - Schwert, Säbel;
 أمن  amn - Sicherheit, Frieden.
 
 

Köln-Merkenich, am Montag,
den 30. Oktober 2023

 
BEOBACHTUNGEN


בֶּטַח - bätach - Vertrauen, Sicherheit, sorglos
Das hebräische Wort steht hinter dem Nomen "Stadt" und bezieht sich somit auf sie. In meinem ersten Übersetzungsversuch bezog ich es jedoch - intuitiv? - auf die beiden Brüder, "sie gingen sorglos in die Stadt". Buber/Rosenzweig lehrten mich etwas Besseres, s. o. Der Vergleich der Übersetzungen ergibt, dass ich nicht der Einzige bin, der es so - wie ich anfangs - liest, interessanterweise allen voran die Septuaginta und mit einer starken Variante Hieronymus. Andere nicht weniger einfallsreich: 



Köln-Merkenich, am Dienstag,
den 31. Oktober 2023

 
Im Artikel zu diesem Stamm בטח ThWAT, 1,608-615, schreibt ALFRED JEPSEN:
"Gutgläubig waren die Sichemiten, Gen 34,25. / Sie fühlten sich sicher, denn die ברית [berith, Bund] war ja abgeschlossen. Umso bedenklicher war das Handeln der beiden Jakobssöhne, die diese Sorglosigkeit ausnutzen! (בטח [batach] ist zu העיר [haIir, die Stadt]zu ziehen; nicht die Jakobssöhne fühlen sich sicher, sondern eben die Einwohner der Stadt). Ähnlich die Situation in Lais, Ri 18, 7. 10. 17." 610f
Sarna, 367, Anm. 16, erwähnt jüdische Kommentare für beide Varianten:
"The first possibility [die Brüder erläuternd] is supported by LXX, Gen. R. 80:9, Rashi, Radak, the second [bezogen auf die Stadt] by Targ. Onk., Targ. Jon., Rashbam, Bekhor Shor, Shadal" und verweist auf Ri 6,18; 7,25; 1 Sam 14,29; 1 Chron 2,7.
Umso größer das Erstaunen darüber, dass die jüdische Übersetzergemeinschaft in Alexandria dies anders las. Warum?
 
Bei der überragenden Bedeutung, die Homer in der Antike hatte, nimmt es nicht Wunder, dass der Blick der Ausleger für das Alte und Neue Testament immer mal wieder auch darauf fällt, ob eine Homer-Rezeption nachweisbar ist. Zum Neuen Testament hat dazu vor einiger Zeit Dennis R. MacDonald, The Homeric Epics and the Gospel of Mark. London 2000, eine interessante Debatte angeregt. Zum Alten Testament vgl.:
Maren R. Niehoff, Hrsg.: Homer and the Bible in the Eyes of Ancient Interpreters. Leiden. Boston, 2012.
Meik Gerhards: Homer und die Bibel: Studien zur Interpretation der Ilias und ausgewählter alttestamentlicher Texte. Neukirchen-Vluyn, 2015.
Göran Eidevall, Hrsg.: Homer and the Bible, Upssala 2016.
 
Warum diese Hinweise? Der Massenmord an den Männern in Sichem, weil der Königssohn dieser Stadt, nachdem sogar die ganze Stadt heißt, die einzige Tochter Jaakobs vergewaltigt hatte, erinnert doch sehr an den Abschluss und Höhepunkt der Odyssee: Dem Massenmord von Odysseus und seines Sohnes Telemachos an den Freiern, die die alleingelassene Penelope während der Abwesenheit Odysseus (10 Jahre Krieg und 10 Jahre Heimfahrt) in ihrem Palast in Ithaka bedrängten und um ihre Hand anhielten und die sie - gemäß dem antiken Brauch - die gesamte Zeit über zu bewirten hatte. 
 
Das könnte ein Hinweis darauf sein, warum dieser Vers in Alexandria so verstanden wurde: Diese Erzählung bietet die sonst nicht ganz so häufig vorkommende Gelegenheit, die Jaakobsippe als kriegerische Helden listig und stark wie Odysseus erscheinen zu lassen - ähnlich wie Abraham im Krieg der Könige, Gen 14, siegreich bleibt und Lot aus Gefangenschaft befreit.
 
KOMMENTARE:
JACOB, 658, erwähnt Maimonides, IX,14, der die Ermordung aller Einwohner Sichems damit rechtfertigt, "dass sie den Sichem nicht, wie sie hätten tun sollen, abgeurteilt haben."
 
WESTERMANN, 651, behauptet apodiktisch und folglich ohne Belege: "בטח bezieht sich auf Simeon und Levi, nicht auf die Stadt." 
In seinem Kommentar, 660, scheint m. E. das Motiv auf, warum Westermann an der Quellenscheidung liegt:
"In der alten Erzählung (A) also töteten Simeon und Levi nur Sichem, um die Schande ihrer Schwester zu sühnen. Sie nahmen ihre Schwester mit und zogen ab (oder: entkamen)."
Warum dann dieser Racheakt später ausgeweitet wurde zu einem Massaker - diese Frage bliebt unbeantwortet.

 
Das schreibe ich in den Tagen, als nach einem grässlichen Massaker vor allem an der Jugend Israels durch Hamas-Anhänger der Staat Israel hingeht und der Hamas die Vernichtung angedroht hat und dabei große Teile Gazas in eine Steinwüste verwandelt.

 

*



 

Köln-Merkenich, am Dienstag,
den 7. November 2023



 Q 1,3

 ٱلرَّحْمَـٰنِ ٱلرَّحِيمِ
VOKABELN
VERBEN

 رحم , a - sich erbarmen

NOMEN

 رحم pl.  أرحام - Mutterleib, Gebärmutter - wie im Hebräischen das gleiche Wort!

  رحمة - Erbarmen, Mitleid, Gnade

ADJEKTIVISCH

 رحمان  oder  رحمن  - barmherzig

  رحيم - barmherzig (Beiname Gottes).
 
mE - von Q 1,2 an
Der Dank ist Gott, der Herr der Welten,
des Barmherzigen, des Erbarmers
 
RÜCKERT (zwischen 1836-1839)
Gelobt sei Gott, der Herr der Welten!
Der Allbarmherzige, der Erbarmer,
 
ULLMANN (1840)
Lob und Preis sei Allah, dem Herrn aller Weltenbewohner,
dem gnädigen Allerbarmer,
 
HENNING (1901)
Lob sei Allah, dem Weltenherrn,
Dem Erbarmer, dem Barmherzigen,
 
GOLDSCHMIDT (1916)
Preis Gott, dem Herrn der Weltbewohner.
Dem Allerbarmer, dem Allbarmherzigen.
 
BELL (1937)
Praise belongs to Allah, the Lord of the worlds,
The Merciful, the Compassionate.
 
PARET (1979, 2001)
Lob sei Gott, dem Herrn der Menschen in aller Welt,
dem Barmherzigen und Gnädigen,
 
ASAD (1980/2009)
Aller Preis gebührt Gott allein, dem Erhalter aller Welten,
dem Allergnädigsten, dem Gnadenspender,
 
KHOURY (1987, 1992)
Lob sei Gott, dem Herrn der Welten,
ANM.: "Oder: der Weltenbewohner."
dem Erbarmer, des Barmherzigen,
 
MAHER/AL AZHAR (1999)
Lob sei Gott, dem Schöpfer der Welten,
dem Gnädigen, dem Barmherzigen,
 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)
(Alles) Lob gehört Allah, dem Herrn der Welten,
dem Allerbarmer, dem Barmherzigen,
 
KARIMI (2009)
Das Lob Gott, dem Herrn der Welten,
dem Barmherzigen und dem Erbarmer,
 
BOBZIN (2010, 2017)
Lobpreis sei Gott, dem Herrn der Weltenbewohner,
dem barmherzigen Erbarmer,
 
ZIRKER (2003, 2018)
Das Lob gebührt Gott, dem Herrn aller Welt,
dem Allerbarmenden und Barmherzigen,
 
NEUWIRTH (2017)
Lob sei Gott, dem Herrn der Welten,
dem barmherzigen Erbarmer,
 
QUR'AN SEMINAR (2016/7)
Praise be to God, Lord of the Worlds:                     Louange à Allah, Seigneur de l’univers
Merciful to all,                                                               Le Tout Miséricordieux,
Compassionate to each!                                             le Très Miséricordieux,
  
CORPUS CORANICUM (Angelika Neuwirth und Dirk Hartwig unter Mitarbeit von Ali Aghaei und Tolou Khademalsharieh, 7.11.2023)
Lob sei Gott, dem Herrn der Welten,
dem barmherzigen Erbarmer,
 
REINBOLD (2022) - PARALLELSTELLEN verweist u. a. auf:
- Ex 34,6: Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber, und er rief aus: HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue (L17)
- Ps 86,15: Du aber, Herr, Gott, bist barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte und Treue. (L17)
- Ps 103,8: Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte. (L17)


KOMMENTARE
CORPUS CORANICUM wie NEUWIRTH, 91, betonen:

"Da V. 1 nicht Teil des Textes ist – die Fātiḥa wird in einigen Riten bis heute ohne die Basmala rezitiert (siehe Neuwirth, Neuwirth 1991:348) –, ist die Prädikation an dieser Stelle nicht Wiederholung, sondern emphatische Einführung des neuen Titels."

Köln-Merkenich, am Donnerstag,
den 9. November 2023


BEOBACHTUNG
Der Zusammenhang von رحم, racham, Gebärmutter und Erbarmen ist unverkennbar. Im Hebräischen ist dies  רֶ֫חֶם,  רַ֫הַם  , rächäm, racham, "Mutterleib, Frauenschoß; pl. Inneres, Mitgefühl, Erbarmen", HAWAT 2021, 323, und  רחם , racham, "lieben, sich erbarmen, barmherzig sein" ebd.
Laut HWbAT 7,477 ist der etymologische Zusammenhang ungeklärt.
Die Erfahrung, dass sich beim Mitleid das Innere zusammenzieht, kann ja verschiedentlich gemacht werden.
Mir erscheint die Bezeichnung Gottes als einer, der sich erbarmt, als eine Feminisierung der Gottesvorstellung. Sie ist - den Eindruck erwecken die Texte Q 1,3 und Ex 34,6 - so unerhört, dass sie mit großem Nachdruck vorgetragen werden muss.
Dieses scheint einigen Übersetzern nicht genug zu sein, sie müssen es verstärken und ausweiten: 
RÜCKERT Der Allbarmherzige
ULLMANN BUBENHEIM Allerbarmer
GOLDSCHMIDT Allerbarmer, dem Allbarmherzigen
ASAD dem Allergnädigsten
ZIRKER Allerbarmenden
QUR'AN SEMINAR Merciful to all, Compassionate to each //  Le Tout Miséricordieux, le Très Miséricordieux

Gen 34,26 und Q 1,4

Köln-Merkenich, am Montag,
 den 20. November 2023

Gen 34,26

Das Befreiungs-Massaker:
וְאֶת־חֲמוֹר֙ וְאֶת־שְׁכֶ֣ם בְּנ֔וֹ הָרְג֖וּ לְפִי־חָ֑רֶב וַיִּקְח֧וּ אֶת־דִּינָ֛ה מִבֵּ֥ית שְׁכֶ֖ם וַיֵּצֵֽאוּ׃
(Gen. 34:26 WTT)
VOKABELN
VERB
הרג - töten.
NOMEN
פֶּה - Mund, (beim Schwert:) Schneide, Schärfe.
חֶרֶב - Schwert
 
mE
und Chamor und Schechem , seinen Sohn, töteten sie mit der Schneide des Schwerts. Und sie nahmen Dina aus Schechems Haus und zogen fort.
 
Buber/Rosenzweig
auch Chamor und Schchem seinen Sohn brachten sie um,
mit dem Biß des Schwerts.
Dann nahmen sie Dina aus Schchems Haus und zogen davon.
 
van Dyke
وَقَتَلاَ حَمُورَ وَشَكِيمَ ابْنَهُ بِحَدِّ السَّيْفِ، وَأَخَذَا دِينَةَ مِنْ بَيْتِ شَكِيمَ وَخَرَجَا (Gen. 34:26 AVD)
VOKABELN
VERB
قتل , u - töten.
NOMEN
حد  chadd  pl.  حدود  chudud - Rand, Kante, Schneide, Grenze, Strafe;
سيف  pl. سيوف sujuf - Schwert, Säbel.
 
 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, 
 den 6. Dezember 2023



 BEOBACHTUNGEN
 1 
 JEHUASCH übersetzt ins Jiddische mit dem hebräischen Wort für "töten" s.o.:
 האבן זיי געהרגעט מיטן שארף פון שווערד
 hobn sii geharget mitn schorf vun schwerd
 
 2 לְפִי־חָ֑רֶב - lphi-charäb
 Die meisten übersetzen "mit der Schärfe des Schwertes", vgl. LUT L17 ELB SCH NL LSG etc.
 JACOB und BUBER/ROSENZWEIG lassen sich es nicht nehmen, diese Metonymie im Deutschen wieder zu geben:
 JACOB erschlugen sie dem Schwerte zum Fraß
 B/R mit dem Biß des Schwerts

Köln-Merkenich, am Mittwoch,
 den 13. Dezember 2023



KOMMENTAR
JACOB, 658, erläutert: "Das Schwert hat einen 'Mund', denn es 'frisst', d. h. bringt ums Leben."
 Zugleich betont Jacob: "Es ist selbstverständlich, dass die zwei Menschen Simeon und Levi nicht ganz allein die Stadt überfallen und sämtliche Personen darin umgebracht haben können. Dieser Einwand hätte dasselbe Gewicht, als wenn man sich bei einem Satze: der Feldherr schlug eine Brücke [...] darüber aufhalten wollte, dass er das unmöglich allein habe machen können. Die Tora will nicht den Feldzug an sich schildern - sie geht mit größter Eile darüber hin - sondern nur die Verantwortlichen nennen."
 
SARNA, 238, beobachtet: "The entire affair began wit Dinah 'going out' and being 'taken' (vv. 1,2). It concludes with the same two verbs, but in reverse order. As far es Simeon and Levi are concerned, the account is settled."
 
WESTERMANN, 660, s. zu Gen 34,25, lässt das Motiv erkennen, warum ihm wohl an der Quellenscheidung liegt. Im Gegensatz zu JACOB liegt ihm daran auf diese Weise herauszuarbeiten: "In der alten Erzählung (A) also töteten Simeon und Levi nur Sichem, um die Schande ihrer Schwester zu sühnen."
 
SEEBASS, 426, kommentiert die Spannung zwischen der Nennung von zwei Namen und dem Ausmaß des Tuns: "Der Tradition geht es nur um den Sieg über einen riesig überlegenen Feind, und zwar nicht im Jahwekrieg!" 
 
Die Ungeheurlichkeit des Massenmordes ist weiter keine Bemerkung wert. Anders als HIRSCH, der den ganzen Abschnitt im Zusammenhang kommentiert.
 
 
 

*

  

Q 1,4

 مَـٰلِكِ يَوْمِ ٱلدِّينِ

mE - von Q 1,2 an
Der Dank ist Gott, der Herr der Welten,
des Barmherzigen, des Erbarmers,
König des Gerichtstags
  
RÜCKERT (zwischen 1836-1839)
Gelobt sei Gott, der Herr der Welten!
Der Allbarmherzige, der Erbarmer,
Der König des Gerichtstags.
  
ULLMANN (1840)
Lob und Preis sei Allah, dem Herrn aller Weltenbewohner,
dem gnädigen Allerbarmer,
der am Tag des Gerichtes herrscht.
  
HENNING (1901)
Lob sei Allah, dem Weltenherrn,
Dem Erbarmer, dem Barmherzigen,
Dem Herrscher am Tages des Gerichts!
  
GOLDSCHMIDT (1916)
Preis Gott, dem Herrn der Weltbewohner.
Dem Allerbarmer, dem Allbarmherzigen.
Dem Herrscher am Tag des Weltgerichts.
  
BELL (1937)
Praise belongs to Allah, the Lord of the worlds,
The Merciful, the Compassionate.
Wielder of the Day of Judgement.
ANM.: "'the one who has (it) in his power,' oder 'possessor.'"
  
PARET (1979, 2001)
Lob sei Gott, dem Herrn der Menschen in aller Welt,
dem Barmherzigen und Gnädigen,
der am Tag des Gerichts regiert!
  
ASAD (1980/2009)
Aller Preis gebührt Gott allein, dem Erhalter aller Welten,
dem Allergnädigsten, dem Gnadenspender,
dem Herrn des Tages des Gerichts!
  
KHOURY (1987, 1992)
Lob sei Gott, dem Herrn der Welten,
ANM.: "Oder: der Weltenbewohner."
dem Erbarmer, des Barmherzigen,
der Verfügungsgewalt besitzt über den Tag des Gerichtes!
  
MAHER/AL AZHAR (1999)
Lob sei Gott, dem Schöpfer der Welten,
dem Gnädigen, dem Barmherzigen,
dem Alleinherrscher am Tag des Jüngsten Gerichts!
  
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)
(Alles) Lob gehört Allah, dem Herrn der Welten,
dem Allerbarmer, dem Barmherzigen,
dem Herrscher am Tag des Gerichts.
  
KARIMI (2009)
Das Lob Gott, dem Herrn der Welten,
dem Barmherzigen und dem Erbarmer,
dem Herrscher am Tages des Gerichts.
  
BOBZIN (2010, 2017)
Lobpreis sei Gott, dem Herrn der Weltenbewohner,
dem barmherzigen Erbarmer,
dem Herrscher am Tages des Gerichts.
  
ZIRKER (2003, 2018)
Das Lob gebührt Gott, dem Herrn aller Welt,
dem Allerbarmenden und Barmherzigen,
dem Herrscher am Tages des Gerichts.
  
NEUWIRTH (2017)
Lob sei Gott, dem Herrn der Welten,
dem barmherzigen Erbarmer,
dem König des Gerichtstags!
  
QUR'AN SEMINAR (2016/7)
Praise be to God, Lord of the Worlds:                     Louange à Allah, Seigneur de l’univers
Merciful to all,                                                               Le Tout Miséricordieux,
Compassionate to each!                                             le Très Miséricordieux,
Lord of the Day of Judgment.                                    Maitre du Jour de la rétribution
   
CORPUS CORANICUM (hg. von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften durch Dirk Hartwig und Angelika Neuwirth unter Mitarbeit von Ali Aghaei und Tolou Khademalsharieh. Betaversion: Stand 13.12.2023)
Lob sei Gott, dem Herrn der Welten,
dem barmherzigen Erbarmer,
dem König des Gerichtstags!
 
 
BEOBACHTUNGEN
1 KÖNIG
Verblüffend wie die Übersetzergemeinschaft mit Rückert mit "König"einsetzt , dies verlässt - am weitesten davon entfernt sich BELL mit einem auch im Englischen sehr seltenen Ausdruck "wielder" -, längere Zeit beim "Herrn" oder "Herrscher" verweilt und mit Neuwirth wieder zum "König" zurückkehrt. Neuwirth übersetzte so bereits in ihrem epochemachenden Werk "Der Koran als Text der Spätantike. Ein europäischer Zugang", Berlin 2010, 372.
Das Motiv dafür, den "König" zu vermeiden, mag die Nähe zu Mt 25,31ff  (vgl. Ps 96,10) gewesen sein, die damit vermieden wurde, hier aber für mein Empfinden sehr deutlich anklingt. Bei PARET z. B. ist dieser Anklang  vollständig verschwunden. Auch eine Form von Antijudaismus.
 
Der Kommentar von ANGELIKA NEUWIRTH, "Der Koran. Band 2/1: Frühmittelmekkanische Suren", Berlin 2017, 92, zitiert ausführlich Mt 25,31, sowie aus der bis heute in den Kirchen des Ostens sehr weit verbreiteten Liturgie des Chrysostomos: "'[...] und eine gute Rechtfertigung vor dem furchterregenden Richterthron Christi erbitten wir'" und fährt fort: "Das hier angesprochene eschatologische Königtum Gottes wird vor allem im Introitus der Sonntagsliturgie abgerufen. 
 
2 GERICHTSTAG

 NEURWIRTH, 2017,92, kommentiert: "Yaum al-din entspricht syrisch (Peschitta) yoma de-dina" mit Verweis auf die grundlegende Arbeit von THEODOR NÖLDEKE, Geschichte des Qorans, Göttingen, 1860, 113f, Anm. IV.

CORPUS CORANICUM ist mit NEUWIRTH 2017 textidentisch.
 

Das schreibe ich am 68. Tag des Gazakrieges mit bereits über 18.000 Toten "durch Gegenschläge des israelischen Militärs".
(QUELLE: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1417316/umfrage/opferzahlen-im-terrorkrieg-der-hamas-gegen-israel/ - eingesehen am 13.12.2023). Nun  muss die Vertreibung der bereits in den Süden Gazas Geflohenen nach Sinai befürchtet werden (vgl. Washington Post, Today's WorldView vom 12.12.2023, https://s2.washingtonpost.com/camp-rw/?trackId=5ca5d5ac9bbc0f613ac2a858&s=6577ea1572c9dd4824baafc6&linknum=5&linktot=86&linknum=5&linktot=86 - eingesehen am 13.12.2023).

 

Gen 34,27 und Q 1,5

Köln-Merkenich, 
am Freitag, den 15. Dezember 2023

Gen 34,27

Sichem wird geplündert:
בְּנֵ֣י יַעֲקֹ֗ב בָּ֚אוּ עַל־הַ֣חֲלָלִ֔ים וַיָּבֹ֖זּוּ הָעִ֑יר אֲשֶׁ֥ר טִמְּא֖וּ אֲחוֹתָֽם׃ (Gen. 34:27 WTT)
VOKABELN
VERBEN
בזז - plündern;
טמא - unrein sein/werden, HIER PIEL: verunreinigen, schänden, vergewaltigen.
ADJEKTIV
חָלָל - durchbohrt, verwundet, getötet, erschlagen.


mE
Die Söhne Jaakobs gingen über die Erschlagenen und plünderten die Stadt, die ihre Schwester vergewaltigt hatten.
 
Buber/Rosenzweig
Jaakobs Söhne waren über die Erstochnen gekommen und hatten in der Stadt gebeutet,
weil die ihre Schwester bemakelt hatten,
 
van Dyke
.‎  ثُمَّ أَتَى بَنُو يَعْقُوبَ عَلَى الْقَتْلَى وَنَهَبُوا الْمَدِينَةَ، لأَنَّهُمْ نَجَّسُوا أُخْتَهُمْ (Gen. 34:27 AVD)
VERBEN
قتل, u - töten;
نهب , a - plündern, rauben;
نجس , a oder u - unrein, unsauber sein; HIER II. STAMM: verunreinigen, beschmutzen.

 
BEOBACHTUNGEN
1  עַל־הַ֣חֲלָלִ֔ים, aal-hachalalim
Buber und Rosenzweig lassen die Grundbedeutung "durchbohren" mit ihrer Übersetzung "Erstochenen" durchscheinen.
Der jüdischen Übersetzergemeinschaft in Alexandria erschien dieser Satz doch zu arg, so dass sie von den "Traumatisierten", Verwundeten spricht:
LXX οἱ δὲ υἱοὶ Ιακωβ εἰσῆλθον ἐπὶ τοὺς τραυματίας (traumatias) (Gen. 34:27 BGT)
LXXD Die Söhne Jakobs aber gingen hinein zu den Verwundeten
 
2 DINA
Die Septuaginta erwähnt Dina namentlich, sie rechnen mit vergesslichen Leserinnen und Lesern?
LXX καὶ διήρπασαν τὴν πόλιν ἐν ᾗ ἐμίαναν Διναν τὴν ἀδελφὴν αὐτῶν (Gen. 34:27 BGT)
LXXD und sie plünderten die Stadt, in der sie ihre Schwester Dina geschändet hatten
 
3 STADT
Im Hebräischen wird die gesamte Stadt der Täterschaft der Vergewaltigung beschuldigt.
In Alexandria konnte man diese Verallgemeinerung und Ausweitung offenbar nicht durchgehen lassen und schränkt ein:
LXX καὶ διήρπασαν τὴν πόλιν ἐν ᾗ ἐμίαναν Διναν τὴν ἀδελφὴν αὐτῶν (Gen. 34:27 BGT)
LXXD und sie plünderten die Stadt, in der sie ihre Schwester Dina geschändet hatten (Hervorhebung mE)
 
4 HIERONYMUS
Hieronymus kann es sich nicht vorstellen, dass zwei Söhne Jaakobs die Stadt plündern. Er greift in den Text ein und bewertet das Tun als Rache:
VUL quibus egressis inruerunt super occisos ceteri filii Iacob et depopulati sunt urbem in ultionem stupri 
VULD Als sie hinausgegangen waren, stürzten sich die anderen Söhne Jakobs auf die Erschlagenen und plünderten die Stadt als Rache für die Schändung 
 
5 בזז, basas - plündern
In schonungsloser Offenheit wird deutlich, dass "Krieg" von "kriegen", sich gewaltsam etwas nehmen, d. h. rauben, kommt - nicht zuletzt und zumeist Frauen. Heute heißt "kriegen" auch, dass die Rüstungsindustrie Steuergelder vom Staat für ihre Rüstungs"güter" kassiert, also ein Raubzug auch gegen die Bedürftigen im eigenen Staat geführt wird.
Dieses Verb taucht hier (sowie in Vers 29) zum ersten Mal in der Genesis auf; es wird sonst in der Thora nur noch in Numeri 31,9.32 und 53 und im Deuteronomium, Dtr 2,35; 3,7 und 20,14, (vgl. Jos 8,2.27) verwendet - ein Hinweis darauf, dass hier ein später Text vorliegt? In Dtr 20 schreibt das Kriegsgesetz vor, wie außer-kanaanäische Städte zu plündern sind:

13 Und wenn sie der HERR, dein Gott, dir in die Hand gibt, so sollst du alles, was männlich darin ist, mit der Schärfe des Schwerts schlagen.
14 Nur die Frauen, die Kinder und das Vieh und alles, was in der Stadt ist, die ganze Beute, sollst du unter dir austeilen und sollst essen von der Beute deiner Feinde, die dir der HERR, dein Gott, gegeben hat. (Deut. 20:13-14 L17)
In Jesaja 10,2.6 ist es Teil der Drohbotschaft gegen das eigene Volk.

 
 

Köln-Merkenich, am Mittwoch,
den 10. Januar 2024


KOMMENTARE
HIRSCH, 430, verurteilt den Massenmord: Zu V 25ff: "Nun beginnt das Tadelnswerte, das wir keineswegs zu entschuldigen brauchen. Hätten sie Sichem und Chamor erschlagen, es wäre kaum etwas dagegen zu reden. Allein, sie haben die wehrlosen, preisgegebenen Menschen nicht geschont, ja, sie haben noch mehr gethan, haben geplündert, haben überhaupt die Ortsbewohner das Verbrechen des Gutsherrn mit büßen lassen. Das war durch nichts gerechtfertigt."

JACOB, 658, sieht es anders. Simeon und Levi  "ziehen die letzten Konsequenzen des Kriegsrechtes gegen eine feindliche Stadt des Auslandes Dt 20,14".

WESTERMANN, 661, sieht in V. 27 den Beginn einer ursprünglich eigenen Geschichte, zu "abrupt" der Beginn des Satzes.

 
SEEBASS, 427, verteidigt den Massenmord. "Die Stadt war dabei zu behaften, dass weder in den Verhandlungen mit Jakob noch mit dem Rat Sichems Delikt auch nur erwähnt worden war. Die Verunreinigung [i. e. Vergewaltigung, mE] wird hier also als politische Tat, nicht nicht als juridische gewertet, so dass moralisch Dtn 20,10-14 entspricht (Jacob, 658)."
 
Erschreckend wie schnell Theologen zur Rechtfertigung von Grausamkeiten zur Hand sind.
 
 

*

 

Q 1,5

إِيَّاكَ نَعْبُدُ وَإِيَّاكَ نَسْتَعِينُ


Köln-Merkenich, am Donnerstag/Freitag,
 den 11./12. Januar 2024

VOKABELN
VERB
عون  , a - helfen, beistehen, HIER X. STAMM: um Hilfe bitten. (DANK an Nermine!)
PARTIKEL
إيا  - "mit Suffix zur Bezeichnung des Akkusativs" (Kropfitsch, Langenscheidt 2023).

 
mE - von Q 1,2 an
Der Dank ist Gott, der Herr der Welten,
des Barmherzigen, des Erbarmers,
König des Gerichtstags,
dir dienen wir, dich bitten wir um Hilfe
   
RÜCKERT (zwischen 1836-1839)
Gelobt sei Gott, der Herr der Welten!
Der Allbarmherzige, der Erbarmer,
Der König des Gerichtstags.
Dir dienen wir, dich rufen wir um Hilf' an.
   
ULLMANN (1840)
Lob und Preis sei Allah, dem Herrn aller Weltenbewohner,
dem gnädigen Allerbarmer,
der am Tag des Gerichtes herrscht.
Dir allein wollen wir dienen, und zu dir allein flehen wir um Beistand.
   
HENNING (1901)
Lob sei Allah, dem Weltenherrn,
Dem Erbarmer, dem Barmherzigen,
Dem Herrscher am Tages des Gerichts!
Dir dienen wir und zu Dir rufen wir um Hilfe.
 
GOLDSCHMIDT (1916)
Preis Gott, dem Herrn der Weltbewohner.
Dem Allerbarmer, dem Allbarmherzigen.
Dem Herrscher am Tag des Weltgerichts.
Dir wollen wir dienen, dich um Hilfe anrufen.
 
BELL (1937)
Praise belongs to Allah, the Lord of the worlds,
The Merciful, the Compassionate.
Wielder of the Day of Judgement.
     ANM.: "'the one who has (it) in his power,' oder 'possessor.'"
Thee do we serve, and on Thee do we call for help;
   
PARET (1979, 2001)
Lob sei Gott, dem Herrn der Menschen in aller Welt,
dem Barmherzigen und Gnädigen,
der am Tag des Gerichts regiert!
Dir dienen wir, und dich bitten wir um Hilfe.
   
ASAD (1980/2009)
Aller Preis gebührt Gott allein, dem Erhalter aller Welten,
dem Allergnädigsten, dem Gnadenspender,
dem Herrn des Tages des Gerichts!
Dich allein beten wir an; und zu Dir allein wenden wir uns um Hilfe.
   
KHOURY (1987, 1992)
Lob sei Gott, dem Herrn der Welten,
      ANM.: "Oder: der Weltenbewohner."
dem Erbarmer, des Barmherzigen,
der Verfügungsgewalt besitzt über den Tag des Gerichtes!
Dir dienen wir, und Dich bitten wir um Hilfe.
   
MAHER/AL AZHAR (1999)
Lob sei Gott, dem Schöpfer der Welten,
dem Gnädigen, dem Barmherzigen,
dem Alleinherrscher am Tag des Jüngsten Gerichts!
Dir allein dienen wir, und Dich allein bitten wir um Hilfe und Beistand.
   
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)
(Alles) Lob gehört Allah, dem Herrn der Welten,
dem Allerbarmer, dem Barmherzigen,
dem Herrscher am Tag des Gerichts.
Dir allein dienen wir, und zu Dir allein flehen wir um Hilfe.
   
KARIMI (2009)
Das Lob Gott, dem Herrn der Welten,
dem Barmherzigen und dem Erbarmer,
dem Herrscher am Tages des Gerichts.
Dir dienen wir und Dich bitten wir um Hilfe:
   
BOBZIN (2010, 2017)
Lobpreis sei Gott, dem Herrn der Weltenbewohner,
dem barmherzigen Erbarmer,
dem Herrscher am Tages des Gerichts.
Dir dienen wir, dich rufen wir um Hilfe an.
   
ZIRKER (2003, 2018)
Das Lob gebührt Gott, dem Herrn aller Welt,
dem Allerbarmenden und Barmherzigen,
dem Herrscher am Tages des Gerichts.
Dir dienen wir, und dich bitten wir um Hilfe.
   
NEUWIRTH ((KTS 2010)2017)
Lob sei Gott, dem Herrn der Welten,
dem barmherzigen Erbarmer,
dem König des Gerichtstags!
Dir dienen wir, (und) dich rufen wir um Hilfe an!
   
QUR'AN SEMINAR (2016/7)
Praise be to God, Lord of the Worlds: 
Merciful to all,

Compassionate to each!

Lord of the Day of Judgment.

It is You we worship, and upon You we call for help. 

Louange à Allah, Seigneur de l’univers. 
Le Tout Miséricordieux, le Très Miséricordieux,

Maître du Jour de la rétribution.

C’est Toi [Seul] que nous adorons, et c’est Toi [Seul] dont nous implorons secours. 
   
CORPUS CORANICUM (hg. von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften durch Dirk Hartwig und Angelika Neuwirth unter Mitarbeit von Ali Aghaei und Tolou Khademalsharieh. Betaversion: Stand 12.1.2023)
Lob sei Gott, dem Herrn der Welten,
dem barmherzigen Erbarmer,
dem König des Gerichtstags!
Dir dienen wir und dich rufen wir um Hilfe an!
 
 
 
BEOBACHTUNGEN
1 "allein"
LUTHER fügte in seine Übersetzung von Röm 3,28 eine Partikel im Sinne einer Allaussage ein, einer umfassenden Exklusivität, was Wellen schlug:
"So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben." (L17) Dieses "allein" steht weder im Griechischen noch im Lateinischen. Luther wurde dafür massiv kritisiert und in seiner Schrift  "Vom Sendbrief vom Dolmetschen" (1530) begründet er dies nicht nur ausführlich, sondern auch sehr geschickt. Denn es geht darum den Sinn des Originals in der Übersetzung wieder zu geben.
Dieser Grundsatz mag diejenigen inspiriert haben, in dieser Sure das "allein" einzufügen, ULLMANN als erster und gleich zweimalig. Ihm folgen ASAD, MAHER - d. i. die Al-Azhar Übersetzung - BUBENHEIM und die französische Fassung vom QUR'AN SEMINAR, dort allerdings in Klammern.
Die Einfügung von "allein" kann als sehr fromm empfunden werden. Sie ist allerdings tatsächlich nicht ohne Anhalt im Text. ANGELIKA NEUWIRTH, 100, erläutert: "Das anaphorische [rückwärtsverweisende, mE] iyaka (V. 5) betont die Exklusivität  des Angerufenen". Er soll nicht nur in Not angerufen, sondern auch im Gottesdienst verehrt werden.
 
2 wir
NEUWIRTH (2017, 92/93) hält eine bemerkenswerte Beobachtung fest: "Mit dieser [in diesem Vers vollzogenen, mE] doppelten Wir-Aussage erweist sich der Text explizit als Gebet einer Glaubensgemeinde. Er verstößt damit gegen die für Suren / geltende Regel, dass der Sprecher Gott und der Angesprochene/die Angesprochenen der Prophet bzw. seine Gemeinde ist." ... "Viele  ähnlich litaneihafte Anrufungen aus anderen Liturgien ließen sich nennen, etwa aus der Chrysostomos-Liturgie (als Antwort auf das Hochgebet): [...] 'Dich loben wir, dich preisen wir, dir danken wir, Herr, und an dich richten wir unsere Bitten, unser Gott'".
REINBOLD, 2, verweist u. a. auf folgende Parallelen:
"Aber dem HERRN, eurem Gott, sollt ihr dienen, so wird er dein Brot und dein Wasser segnen, und ich will alle Krankheit von dir wenden." (Ex 23,25 L17)
"Und sie schrien zum HERRN und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir den HERRN verlassen und den Baalen und den Astarten gedient haben; nun aber errette uns aus der Hand unserer Feinde, so wollen wir dir dienen." (1 Sam 12,10 L17)
Mich erinnert dieser Vers an den sogenannten Landtag von Sichem, Jos 24. Josua beendet seine Rede mit:
"Ich aber und mein Haus wollen dem HERRN dienen." (Jos 24,15 L17)
Und das Volk antwortet zuletzt: 
"Darum wollen wir auch dem HERRN dienen; denn er ist unser Gott." (Jos 24:18 L17)
 


Gen 34,28 und Q 1,6

Köln-Merkenich, am Montag und Mittwoch,
 den 15. und 17. Januar 2024


Der Raub in seiner Fülle:
 
‎אֶת־צֹאנָ֥ם וְאֶת־בְּקָרָ֖ם וְאֶת־חֲמֹרֵיהֶּ֑ם וְאֵ֧ת אֲשֶׁר־בָּעִ֛יר וְאֶת־אֲשֶׁ֥ר בַּשָּׂדֶ֖ה לָקָֽחוּ׃ 
(Gen. 34:28 WTT)
VOKABELN
NOMEN
צֹאן - Kleinvieh, Schafe und Ziegen
 
mE
ihr Kleinvieh, ihre Rinder, ihre Esel, was in der Stadt und was auf dem Feld war, das nahmen sie.
 
Buber/Rosenzweig
sie nahmen ihre Schafe, ihre Rinder, ihre Esel und was in der Stadt und was auf dem Feld war,
 
van Dyke
.‎  غَنَمَهُمْ وَبَقَرَهُمْ وَحَمِيرَهُمْ وَكُلَُّ مَا فِي الْمَدِينَةِ وَمَا فِي الْحَقْلِ أَخَذُوهُ (Gen. 34:28 AVD)
VOKABELN
VERB
أخذ , u - nehmen.
NOMEN
غنم pl.  اغنام - Schafe;
بقر - Rinder;
حقل pl. حقول chuqul - Feld.
 
‎BEOBACHTUNG
HIERONYMUS genügt die Grausamkeit der Plünderung offenbar nicht. Bei ihm wird Stadt und Feld noch verwüstet - was wohl der Erfahrung römischer Raubzüge entspricht:
VUL oves eorum et armenta et asinos cunctaque vastantes quae in domibus et in agris erant
VULD indem sie ihre Schafe und die Rinder und die Esel und alles verwüsteten, was in den Häusern und auf den Feldern war. 
 
KOMMENTAR
WESTERMANN, 661, sieht in diesen Versen, 28f, "[d]as eigentliche Motiv des Unternehmens [...]: Es wird ein Raubzug geschildert, bei dem die Plündernden reiche Beute machen. Die wortreiche Aufzählung in 28f. macht es vollends klar, dass dahinter die Freude am erfolgreichen Überfall einer israelitischen Stammesgruppe auf eine kanaanäische Siedlung steht. Hier haben wir es nicht mit einer familiären Affäre, sondern mit einem Völkerkrieg zu tun." SEEBASS, 427, referiert dies zustimmend.
 
 

*

 

Köln-Merkenich, am
 Donnerstag, den 25. Januar 2024

 

Q 1,6

ٱهْدِنَا ٱلصِّرَٲطَ ٱلْمُسْتَقِيمَ

VOKABELN
VERB
هدى , i - führen.
NOMEN
صزاط - Weg;
مستقيم - gerade, rechtschaffen, (math.) Gerade.

mE
Führe uns den geraden Weg
 
RÜCKERT (zwischen 1836-1839)
Führ' uns den Weg, den graden.
 
ULLMANN (1840), GOLDSCHMIDT (1916)
Führe uns den rechten Weg,
 
HENNING (1901)
Leite uns den rechten Pfad.
 
BELL (1937), QUR'AN SEMINAR (2016/7)
Guide us the straight path,
 
Guide-nous dans le droit chemin, 
 
ASAD (1980/2009), BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)
Leite uns den geraden Weg -
 
PARET (1979, 2001), KHOURY (1987, 1992), MAHER/AL AZHAR (1999), ZIRKER (2003, 2018), NEUWIRTH (2011), CORPUS CORANICUM Dirk Hartwig, Angelika Neuwirth u. a. (25.01.2024)
Führe uns den geraden Weg,
 
KARIMI (2009)
Leite uns recht auf dem Weg, dem geraden,
 
BOBZIN (2010, 2017)
Leite uns den rechten Weg,
 
REINBOLD (2022) - PARALLELSTELLEN aus Judentum, Christentum und Islam
Jes 26,7 - Der Pfad für den Gerechten ist eine gerade Bahn, gerade ist der Weg des Gerechten, du bahnst ihn. (ZUR)
Hos 14,10 - Die Wege des HERRN sind gerade, und die Gerechten gehen auf ihnen, aber die sich vergehen, kommen auf ihnen zu Fall. (ZUR)
Ps 27,11 - HERR, weise mir deinen Weg und leite mich auf ebener Bahn um meiner Feinde willen. (L17)
Ps 107,4-7 - Sie irrten umher in der Wüste, auf verödetem Weg, fanden keine Stadt, in der sie wohnen konnten, 5 waren hungrig und durstig, und ihre Seele verzagte in ihnen. 6 Da schrien sie zum HERRN in ihrer Not, und er befreite sie aus ihrer Bedrängnis 7 und führte sie auf dem richtigen Weg, dass sie zu einer Stadt gelangten, in der sie wohnen konnten. (ZUR)
Sir 2,6 - Vertraue Gott, so wird er sich deiner annehmen; geh gerade Wege und hoffe auf ihn! (L17)
 
BEOBACHTUNG
Die Gemeinsamkeiten lassen sich in folgenden Gruppen darstellen:

Dabei ergibt sich das merkwürdige Bild, dass sich Bobzin mit Ullmann in der gleichen Gruppe befindet, jener hält von diesem sonst nicht viel, s. o. zu Q 92,3.
 
KOMMENTAR
Corpus Coranicum und Neuwirth, 2011, 93:

"hdina ṣ-ṣirāṭa l-mustaqīm] Das letztlich auf die jüdisch-christliche Zwei-Wege-Lehre zurückverweisende Bild des rechten Weges erhält durch die Fātiḥa seine Standardformulierung. Es entspricht fast wörtlich Ps. 27,11: u-neḥenī be-oraḥ mišōr (»und leite mich auf dem geraden Weg«; siehe GdQ I, S. 114, Anm. V). Zu ṣirāṭ – ursprünglich lateinisches Lehnwort aus strata via (»geebnete Straße«) – siehe FVQ, S. 196f. Damit verweist das Wort auf das aus der Anschauung bekannte römische Straßensystem, wo sich Heerstraßen in gerader Linie durch weite Landstriche ziehen. Der metaphorische Gebrauch des Wortes sollte aber bereits üblich gewesen sein. Denn der Ausdruck ṣirāṭ mustaqīm wird in Q 15:41 noch vorterminologisch im Sinne von »rechtes Vorgehen« in einer Auseinandersetzung Gottes mit Iblīs, dem Menschenverführer, gebraucht: hāḏā ṣirāṭun ʿalayya mustaqīm (»das ist mir ein gerader Weg«, Q 15:41); erst nach der Durchsetzung der Fātiḥa wird er offenbar für die göttliche Leitung der Menschen insgesamt reserviert."

Gen 34,29 und Q 1,7


Köln-Merkenich, am

 Freitag/Montag, den 26./29. Januar 2024

 

Gen 34,29 

Krieg ist kriegen wollen: Kinder- und Frauenraub:
 
וְאֶת־כָּל־חֵילָ֤ם וְאֶת־כָּל־טַפָּם֙ וְאֶת־נְשֵׁיהֶ֔ם שָׁב֖וּ וַיָּבֹ֑זּוּ וְאֵ֖ת כָּל־אֲשֶׁ֥ר בַּבָּֽיִת׃ 
(Gen. 34:29 WTT)
VOKABELN
VERBEN
שׁבה - gefangen nehmen;
בזז - plündern.
NOMEN
חַיִל - Besitz;
טַף - kleine Kinder;
אִשָּׁה pl. נָשִׁים oder אִשֹּׁת - Frau.
 
mE
Und all ihren Besitz und all ihre kleinen Kinder und ihre Frauen: nahmen sie gefangen. Und plünderten alles, was vor Ort war.
 
Buber/Rosenzweig
all ihren Reichtum, all ihr Kleinvolk und ihre Weiber fingen und beuteten sie,
alles was im Hause war.
 
van Dyke
‎.وَسَبَوْا وَنَهَبُوا كُلَّ ثَرْوَتِهِمْ وَكُلَّ أَطْفَالِهِمْ، وَنِسَاءَهُمْ وَكُلَّ مَا فِي الْبُيُوتِ (Gen. 34:29 AVD)
VOKABELN
VERBEN
سبى , i - gefangen nehmen;
نهب , a - rauben, plündern.
NOMEN
ثروة  pl.  ثروات - Reichtum. 

BEOBACHTUNGEN


1 Kinderraub - Frauenraub
In Alexandria war man sich beim Übersetzen dieses Verses wohl nicht so sicher, wie deutlich man vom Kinderraub sprechen soll oder nicht. Es ist die Rede von  σώματα, somata, Leibern - gemeint: Sklaven - und vom "Hausstand", ἀποσκευὴν, aposkeuän - von ἀποσκευή, apo-skeuä: wörtlich: was weggepackt werden kann. Beim Frauenraub gab es wohl diese Skrupel nicht, immerhin befand man sich damit in bester Gesellschaft, die Römer erzählten ja ähnliches (Raub der Sabinerinnen). So liest sich der Vers in der Septuaginta:
LXX καὶ πάντα τὰ σώματα αὐτῶν καὶ πᾶσαν τὴν ἀποσκευὴν αὐτῶν καὶ τὰς γυναῖκας αὐτῶν ᾐχμαλώτευσαν καὶ διήρπασαν ὅσα τε ἦν ἐν τῇ πόλει καὶ ὅσα ἦν ἐν ταῖς οἰκίαις (Gen. 34:29 BGT)
LXXD Und alle ihre Körper und ihren ganzen Hausstand und ihre Frauen machten sie zu Gefangenen und sie plünderten alles, was in der Stadt war, und alles, was in den Häusern war.
Wie stellt man sich das bei den Frauenräubern vor: Die Frauen sollen dann die lieben, die ihre Männer, Väter und Brüder erschlagen haben?
In der Erzählung vom Raub der Sabinerinnen von Titus Livius wird immerhin berichtet, dass die geraubten Frauen - außer einer, die Romolus zur Frau nimmt - noch "jungfräulich" gewesen seien, der Vorwurf des Ehebruchs wird also sorgsam vermieden. Und Romolus fleht die Frauen an, "die römischen Männer als ihre neuen Ehemänner zu akzeptieren." (Titus Livius, Ab Urbe Condita, 1,9, In: https://de.wikipedia.org/wiki/Raub_der_Sabinerinnen)
 
2 Keine Redundanz
Hiernonymus streicht den ersten und den abschließenden zusammenfassenden Versteil:
VUL parvulos quoque et uxores eorum duxere captivas (Gen. 34:29 VUL)
VULD Auch ihre Kinder und ihre Frauen führten sie als Gefangene weg. 
 
3 ‎  בַּבָּֽיִת, babajith, im Haus
Im Hebräischen kann der Singular ein Kollektivum ausdrücken, wie im Deutschen "das Gebirge", statt "die Berge". Westermann, Seebass, Buber und Rosenzweig übersetzen wörtlich und wortgleich mit den jüdischen Übersetzungen von Mendelssohn, Zunz, Jacob und Philippson (anders die Tanakh/Sarna, sie hat den Plural!): "alles was im Hause war", vgl. Jehuasch, Hirsch, KJV:
SBJ     אלץ וואס אין הויז  alez was in häus 
HIRSCH alles, was im Hause.
KJV and spoiled even all that was in the house
Bereits in Alexandria wird es ausgeweitet:
LXX ὅσα τε ἦν ἐν τῇ πόλει καὶ ὅσα ἦν ἐν ταῖς οἰκίαις
LXXD alles, was in der Stadt war, und alles, was in den Häusern war.
Auch van Dyke, sonst immer sehr wörtlich dabei, spricht von "den Häusern":
Van Dyke وَكُلَّ مَا فِي الْبُيُوتِ "und alles was in den Häusern war"
So auch die übrigen europäischen Übersetzungen, stellvertretend dafür L17:
L17 alles, was in den Häusern war.
Die ältere dänischen Übersetzungen lässt "das Haus" einfach aus:
D83 udplyndrede byen for alt, hvad der var der.
Für WESTERMANN, 651, gehört dieser Vers als "Zusatz" zu Vers 26, womit der Singular kein Problem wäre; entsprechend seine Übersetzung in der Einzahl.
SOGGIN dehnt auf andere Weise aus:
SOG plünderten alles, was sich im Palast befand.
 
KOMMENTAR
Für Westermann, 651,661f, ist dieser Passus deutlich nach Num 31,9-11 gestaltet, aus dem  Vernichtungskrieg gegen die Medianiter. Ein Argument für seine Zusatz-Theorie ist folgende Beobachtung, 661: "Bei diesem Satz fällt auf, dass das gleiche Verb schon am Ende von 27 steht; es ist dann hier kaum kaum möglich. Dies und die Störung im Text lassen erkennen, dass es sich um eine Randglosse handelt, die zu 26 hinzugesetzt worden war und dann an falscher Stelle in den / Text hineinkam; denn nur zu 25.26 passt  בבית, von den Übersetzungen deswegen korrigiert."
JACOB, 658, dazu: "Sie verfahren wie mit einer feindlichen heidnischen Stadt (Dtr 20,13)."
 
 

*


 

Köln-Merkenich, am Freitag/Montag
 den 2./5. Februar 2024

 
 

Q 1,7

صِرَٲطَ ٱلَّذِينَ أَنْعَمْتَ عَلَيْهِمْ غَيْرِ ٱلْمَغْضُوبِ عَلَيْهِمْ وَلَا ٱلضَّآلِّينَ
VOKABELN
VERBEN
نعم , a - gut leben, sorgenfrei leben, genießen, HIER IV STAMM: schenken, gewähren.
مغضوب عليه - der, dem man zürnt.
ضال - irrend.
 
V 6+7:
 
mE
Führe uns den geraden Weg,
einen Weg, den du ihnen schenkst, nicht der, der ihnen zürnt und nicht den Irrenden.
  
RÜCKERT (zwischen 1836-1839)
Führ' uns den Weg, den graden.
Den Weg derjenigen, über die du gnadest,
Deren auf die nicht wird gezürnt, und deren die nicht irrgehn.
 
ULLMANN (1840)
Führe uns den rechten Weg,
den Weg derer, welche sich deiner Gnade freuen - und nicht den Pfad jener, über die du zürnst oder die in die Irre gehen!
 
HENNING (1901)
Leite uns den rechten Pfad.
Den Pfad derer, denen Du gnädig bist, nicht derer, denen Du zürnst, und nicht der Irrenden.
 
GOLDSCHMIDT (1916)
Führe uns den rechten Weg,
Den Weg derer, denen du huldvoll bist.
Über die nicht gezürnt wird, die nicht irregehen.
 
BELL (1937)
Guide us the straight path,
The path of those upon whom Thou hast bestowed good,
Not (that) of those upon whom anger falls, or those who go astray.
 
PARET (1979, 2001)
Führe uns den geraden Weg,
den Weg derer, denen du Gnade erwiesen hast, nicht (den Weg) derer, die d(ein)em Zorn verfallen sind und irregehen!
 
ASAD (1980/2009)
Leite uns den geraden Weg -
den Weg jener, denen Du Deine Segnungen erteilt hast, nicht jener, die (von dir) verdammt wurden, noch jener die irregehen!
 
KHOURY (1987, 1992)
Führe uns den geraden Weg,
den Weg derer, die Du begnadet hast, die nicht dem Zorn verfallen und nicht irregehen.
 
MAHER/AL AZHAR (1999)
Führe uns den geraden Weg,
den Weg derer, denen Du die Gnade (des wahren Glaubens) erwiesen hast und nicht derer, die sich Deinen Zorn zugezogen haben und in die Irre gegangen sind!
 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)
Leite uns den geraden Weg,
den Weg derjenigen, denen Du Gunst erwiesen hast, nicht derjenigen, die (Deinen) Zorn erregt haben, und nicht der Irregehenden!
 
KARIMI (2009)
Leite uns recht auf dem Weg, dem geraden,
dem Weg derer, die von Deiner Gnade getragen, 'und nicht dem Weg derer, über die Dein Zorn waltet,' und derer, die in die Irre gehen!
 
BOBZIN (2010, 2017)
Leite uns den rechten Weg,
den Weg derer, denen du gnädig bist,
nicht derer, denen gezürnt wird,
noch derer, welche irregehn!
 
ZIRKER (2003, 2018)
Führe uns den geraden Weg,
den Weg derer, denen du Gnade schenkst, denen nicht gezürnt wird und die nicht irregehen!
 
NEUWIRTH (2011), CORPUS CORANICUM Dirk Hartwig und Angelika Neuwirth u.a. (05.02.2024)
Führe uns den geraden Weg,
den Weg derer, denen du Huld erwiesen hast,
     nicht derer, auf denen dein Zorn lastet,
     und nicht derer, die irregehen.
 
QUR'AN SEMINAR (2016/7)
Guide us the Straight Path,
The path of those upon whom Your grace abounds,
Not those upon whom Your anger falls,
Nor those who are lost.
 
Guide-nous dans le droit chemin, 
le chemin de ceux que Tu as comblés de faveurs, non pas de ceux qui ont encouru Ta colère, ni des égarés.
 
 
REINBOLD (2022) - PARALLELSTELLEN aus Judentum, Christentum und Islam zu Vers 7:
Esra 8,22 -  Die Hand unseres Gottes ist zum Besten über allen, die ihn suchen, und seine Stärke und sein Zorn gegen alle, die ihn verlassen. (L17)
1 Thess 5,9 - Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, die Seligkeit zu besitzen durch unsern Herrn Jesus Christus. (L17)

BEOBACHTUNGEN
SUBJEKTWECHSEL
M. E. liegt im Vers 7 ein Subjektwechsel vor. Bei den eingesehenen Übersetzungen gibt es drei  Gruppen:
KEINEN Subjektwechsel vollziehen:
Ullmann, Hennig, Maher, Karimi, Neuwirth, Qur'an Seminar
Den PASSIV benutzen:
Rückert, Goldschmidt, Bell, Khoury, Bobzin und Zirker.
Die dritte Gruppe ermöglicht BEIDE Lesarten durch Klammersetzungen:
Paret, Asad und Bubenheim.

KOMMENTAR
Corpus Coranicum und Neuwirth 2011,94, schreiben zur ersten Gruppe "»die, denen du Huld erwiesen hast«":

"Die erste Gruppe, allaḏīna ʾanʿamta ʿalaihim (»die, denen du Huld erwiesen hast«), ist nicht eindeutig zu bestimmen; die Formulierung bezeichnet anderswo (z.B. Q 19:58) von Gott ausgezeichnete Gerechte allgemein, hier könnte aber speziell an die in Mittelmekka in den Vordergrund tretenden Christen gedacht sein, deren Geschichten in mittelmekkanischer Zeit im Zentrum des Interesses stehen und deren Protagonisten explizit mit göttlicher Huld oder Barmherzigkeit in Verbindung gebracht werden".

In der zweiten Gruppe, die Gegenstand des Zorns werden, Juden lesen zu wollen sei anachronistisch, da eine Auseinandersetzung mit ihnen erst in Medina stattfindet. 

"Die Ausfüllung dieser Kategorie bleibt also dem Hörer/Leser überlassen."

Die von Reinbold beigebrachten biblischen Parallelen zeigen hingegen die Gängigkeit dieses Motivs.


Zur dritten Gruppe: "Aḍ-ḍāllīn (»die Irregehenden«) ist dagegen in Mittelmekka als Standardbezeichnung für die paganen Gegner eindeutig, so schon frühmekkanisch, siehe z.B. Q 56:51, 92."


Gen 34,30 und Q 112,1

Köln-Merkenich, am Donnerstag, 
den 15. und 22. Februar 2024 


 Vater Jaakob/Israel stellt sich gegen zwei seiner Söhne:
 
‎וַיֹּ֙אמֶר יַעֲקֹ֜ב אֶל־שִׁמְע֣וֹן וְאֶל־לֵוִי֘ עֲכַרְתֶּ֣ם אֹתִי֒ לְהַבְאִישֵׁ֙נִי֙ בְּיֹשֵׁ֣ב הָאָ֔רֶץ בַּֽכְּנַעֲנִ֖י וּבַפְּרִזִּ֑י וַאֲנִי֙ מְתֵ֣י מִסְפָּ֔ר וְנֶאֶסְפ֤וּ עָלַי֙ וְהִכּ֔וּנִי וְנִשְׁמַדְתִּ֖י אֲנִ֥י וּבֵיתִֽי׃
 (Gen. 34:30 WTT)
 VOKABELN
עכר - jemanden schaden, ins Unglück stürzen; HOLLADAY "make s. one taboo"; SOGGIN 409 „‘in Ungnade fallen lassen‘“;
באשׁ - stinken, HIER HIFIL Gestank erregen;
אסף - sammeln, HIER NIFAL gesammelt werden, sich versammeln;
נכה - schlagen;
שׁמד - vernichten.
NOMEN
מְתִים - Mann, Leute;
מְתֵ֣י מִסְפָּ֔ר - wenige Leute.
 
mE
Und Jaakob sprach zu Schimon und Levi: Ihr stürzt mich ins Unglück, indem ihr mich stinkend gemacht habt bei dem Bewohner des Landes, beim Kanaaniten und beim Persiten. Ich bin gering an Zahl und sie versammeln sich gegen mich, mich zu schlagen und und mich zu vernichten, mich und mein Haus.
 
Buber/Rosenzweig
Aber Jaakob sprach zu Schimon und zu Lewi:
Ihr zerrüttet mich,
da ihr mich stinkend gemacht habt beim Insassen des Landes, bei dem Kanaaniter und bei dem Prisiter!
Ich bin nur zählige Leute,
rotten die sich zusammen wider mich, werden sie mich schlagen,
und ich werde vertilgt, ich und mein Haus.
 
van Dyke
 فَقَالَ يَعْقُوبُ لِشَمْعُونَ وَلاَوِي: «كَدَّرْتُمَانِي بِتَكْرِيهِكُمَا إِيَّايَ عِنْدَ سُكَّانِ الأَرْضِ الْكَنْعَانِيِّينَ وَالْفِرِزِيِّينَ، وَأَنَا نَفَرٌ قَلِيلٌ. فَيَجْتَمِعُونَ عَلَيَّ
."وَيَضْرِبُونَنِي، فَأَبِيدُ أَنَا وَبَيْتِي 
VOKABELN
VERBEN
كدر - trübe sein, trübe werden, getrübt sein, HIER II. STAMM: trüben, betrügen, ärgern, stören;
 بير oder  بار - zugrunde gehen, HIER IV. STAMM: vernichten, ausrotten.
 NOMEN
 نفر   pl.  انفر - Person, Mann, Gruppe.
 ADJEKTIV
 كرية - widerlich, verhasst.
 PARTIKEL
 ايا + Suffix: dient zur Bezeichnung des Akkusativs.
 
 

Köln-Merkenich, 
am Montag/Dienstag/Mittwoch und Donnerstag,
den 11.-14. März 2024

 


 BEOBACHTUNGEN

1  עֲכַרְתֶּ֣ם אֹתִי֒ לְהַבְאִישֵׁ֙נִי֙, Acharttäm 'athi lhaw’ischeni

Hier dreht sich alles um zwei ganz starke Ausdrücke, die zwei Verben עכר, Awar, schaden, ins Unglück stürzen, und באשׁ, b’sch, stinken, hier in der Kausativ-Hifilform, Gestank erregen.

Die Septuaginta übersetzt:

LXX μισητόν με πεποιήκατε ὥστε πονηρόν με εἶναι πᾶσιν 

LXXD Ihr habt mich verhasst gemacht, sodass ich für alle […]ein Böser sein muss

Das ästhetisches Urteil, also ein Urteil der Wahrnehmung – „stinkend gemacht“ – wird ins Moralische gewendet: „ein Böser sein muss“.

HIERONYMUS vertauscht zum einen die Reihenfolge und schwächt außerdem ab:

VUL turbastis me et odiosum fecistis 

VULD Ihr habt mich in Unruhe gebracht und mich verhasst gemacht

Irgendetwas, das an „Gestank“ erinnern könnte, ist verschwunden.

Ähnlich LUT und L17

L17 Ihr habt mich ins Unglück gestürzt und in Verruf gebracht 

Anders LUTHER selbst:

L45 Jr habt mir vnglück zugericht, das ich das ich stincke 

Luthers Erbverwaltern scheint dies peinlich zu sein.

Ein ähnlicher Prozess lässt sich in den englischen Übersetzungen feststellen. Die KJV übersetzte noch:

KJV Ye have troubled me to make me to stink

NAS und ESV (TANAKH) hingegen:

NAS You have brought trouble on me, by making me odious (Gen. 34:30 NAS)

„odious“ ist auch ein starker Ausdruck, „abstoßend“. Dabei klingt zwar „odour“, „Geruch“ an, aber Gestank würde „stench“ oder – s. KJV als Verb – „stink“ heißen. Auch im Lateinischen sind „odium“, Hass, und „odor“, „Geruch“ etymologisch nicht verwandt (MENGE). Der Geruchsausdruck ist übergegangen auf die Wirkung, die er auslöst.

Diesen Übergang ist auch bei anderen Übersetzungen zu verzeichnen:

LSG Vous me troublez, en me rendant odieux

BFC Vous m'avez causé du tort en me rendant odieux

D92 D83 I styrter mig i ulykke ved at lægge mig for had 

Eigen die GN:

GN Was habt ihr mir da angerichtet! Die Bewohner des Landes werden mich jetzt hassen wie einen Todfeind.

Die GNB hat den ersten Teil revidiert:

GNB Ihr habt mich ins Unglück gebracht.

Ähnlich wie LUT: EIN SCH ZUR HIRSCH JACOB

JEHUASCH  findet eine eigene bemerkenswerte Lösung:

איר האט מיך פאראומגליקט, מיך צו פארמיאסן ביי 

ir hat mich verumglikt, mich zu vermiausn bei

LÖTSCH 72 dazu: „farmíeßn vermiesen“

WEINREICH 551: מיאוסן   miausn: „ugly, loathsome, hate, be disgusted“.

Der Ausdruck „mies“ ist erst im 19. Jahrhudnert über das Jiddische und Rotwelsche in Berlin in die deutsche Alltagssprache übergegangen (https://de.wiktionary.org/wiki/mies - 12.03.2024). Er geht auf das Hebräische מאס ,mas, „verwerfen, missachten, geringschätzen, widerrufen“, MATHEUS 2022, zurück. Ob es eine Verbindung zum griechischen μισέω, miseo, „hassen“ gibt?

Übersetzungen, die den „Gestank“ oder einen entsprechenden Ausdruck beibehalten, sind in der Minderzahl:

ELB Ihr habt mich ins Unglück gebracht, indem ihr mich stinkend macht

NL ullie hebben mij in het ongeluk gestort door mij in een kwade reuk te brengen 

M B/M ihr habt mich betrübt, dass ihr mich stinkend*) gemacht
 *) d. h. verhasst gemacht

SEEB Ihr habt mich zum Tabu gemacht, indem ihr mich zum Gestank habt werden lassen

sowie L45 KJV BUBER/ROSENZWEIG et moi, s.o.

ZUNZ geht einen Mittelweg:

ZUNZ ihr habt mich betrübt, dass ihr mich übelberüchtigt machet

PHIL ihr habt mich betrübt, dass ihr mich berüchtigt macht

 

 

2 VERNICHTUNGSANGST

Zum ersten Mal erscheint hier im biblischen Zusammenhang die Vernichtungsangst, die Angst vor der Vernichtung des jüdischen Volkes. In Ex 2 wird diese Angst ausformuliert – der Pharao weist die Hebammen (Ex 1,16) und dann sein Volk an, alle Söhne der „Hebräer“ zu töten, nur die Mädchen überleben zu lassen (Ex 1,22). Das ganze Buch Ester handelt davon, dass das jüdische Volk durch die Tat der Ester davor gerettet wird, ausgerottet zu werden.

Historisch taucht zum ersten Mal der Versuch das jüdische Volk als religiöse Gemeinschaft zu beseitigen im Seleukidenreich auf. In seiner Weltgeschichte „Geschichte des Antisemitismus. I. Von der Antike bis zu den Kreuzzügen", Worms, 2. Auflage 1979 (1977),  erwähnt LEON POLIAKOV (Band I,1) Antiochus VII. (+129 v. Chr.) und – den „Stoiker Posidonios von Apamäa“ zitierend – dessen „Absicht […], die jüdische Rasse gänzlich auszurotten, ‚denn als einziges von allen Völkern weigert es sich, irgend eine gesellschaftliche Beziehung zu anderen Völkern zu unterhalten und betrachtete dieselben alle als Feinde‘.“

Ob dies der historische Rahmen für diese Erzählung ist, ist allerdings äußerst fraglich, es wäre eine sehr späte Ansetzung. Der Text lag jedoch bereits vor dieser Zeit in Alexandria zur Übersetzung vor.
Möglicherweise schimmert hier eine andere Erinnerung durch. Nach der Trennung Israels in ein Nord- und ein Süd-Reich, vermutlich 926 v. Chr., wurde das Nord-Reich besonders mit der Jaakob-Tradition in Verbindung gebracht. Die Abspaltung wurde in Sichem beschlossen (1 Kg 12; 2 Chr 10) und die erste Hauptstadt unter dem Nord-Reich-König Jerobeam I. (vermutlich +907 v. Chr.) war Sichem. Das Nord-Reich wurde 724 v. Chr. von den Assyrern zerstört und große Teile der Bevölkerung in sein Reich deportiert (2 Kg 17,23). Dies ist zugleich das Ende der Geschichte der zehn Stämme des Nordreiches. Es blieben im Süden die Stämme Juda und Benjamin – also das Ende der Nachfahren von 10 Söhnen Jaakobs, fast seines ganzen Hauses.

Es entspricht der Art und Weise wie die Deuteronomistische Geschichtsschreibung – vom 5. Buch Mose an bis zum 2. Buch der Könige – die Geschichte Israels deutete: Israels Niederlagen und Katastrophen werden auf eigenes Versagen zurückgeführt. Nach der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier und die Zwangsverschleppung der Oberschicht Jerusalems nach Babylon wurde so der Verlust von Land und Tempel mitsamt seinem Tempelkult mit dem jüdischen Glauben in Übereinstimmung gebracht. Hier könnte ein Hinweis – wie eine nachträglich Prophezeihung – ein vaticinium ex eventu, vgl. das Buch Daniel – darauf vorliegen, wie das Ende der 10 Stämme des Nordreichs zu verstehen sei.
 

 

3 EHEFRAUEN

Dies Kapitel birgt eine abgründige Tiefe in dem, was es – und die weiteren Kapitel, allerdings mit einer Ausnahme, – verschweigt: Wenn die Söhne Jaakobs zu den Stammvätern der Zwölf Stämme Israels werden, wer sind dann ihre Ehefrauen? Es wird allein von Juda erzählt, Gen 38,1, dass er eine Kanaaniterin, Schua, heiratet. In dem vorliegenden Kapitel wurde erzählt, dass die Söhne Jaakobs die Kinder und Frauen der Stadt Sichems entführten, Gen 34,29. So ergibt auf der Erzählebene die Frage: Wurden die Frauen dieser Stadt, deren Männer von den Söhnen Jaakobs ermordet wurden, also die Mütter des Volkes Israels? Auch wenn die Abfolge der Stammväter Abraham, Isaak und Jaakob mit ihren Frauen sehr konstruiert erscheint, was verbirgt das Schweigen über die Erzmütter der Stämme Israels?

 

 

KOMMENTARE

HIRSCH, 430ff, verurteilt die Tat der Brüder uneingeschränkt, 430: „das Tadelnswerte, das wir keineswegs zu entschuldigen haben.“ Eine Verurteilung, die ich bei WESTERMANN und den anderen Kommentatoren nicht finde. 
HIRSCH, 430, weiter: 

„Hätten sie Schechem und Chamor erschlagen, es wäre kaum etwas dagegen zu reden. Allein sie haben die wehrlosen, preisgegebenen Menschen nicht geschont, ja, sie haben noch mehr gethan, haben geplündert, haben überhaupt die Ortsbewohner das Verbrechen des Gutsherrn mit büßen lassen. Das war durch nichts gerechtfertigt. Jakob wirft ihnen daher auch vor, ihr habt mich ‚getrübt‘“.

Hirsch kann dieser Erzählung dennoch etwas abgewinnen, 431:

„wenn wir zuletzt das Volk geworden sind, an dessen Händen am wenigsten vergossenes Blut klebt, wenn wir das mildeste, weichherzigste Volk geworden sind, dies nicht etwa in unserer Schwäche, in etwaiger Feigheit beruhe […] Wir können auch das Schwert schwingen, können auch blutdürstig werden. Unsere Menschlichkeit und Milde sind Früchte der Erziehung, die Gott uns durch unser Geschick und sein Gesetz hat angedeihen lassen.“ (Hervorh. i. Orig.)

Im Fluch Jaakobs Gen 49,5-7, sieht Hirsch, 431, vorausgebildet, „dass das materielle Heft in Israel nie in ihre Hände zur maßlosen Ausschreitung gelangen könne, ihr kräftiger […] Geist aber betend, erhaltend und rettend in allen Kreisen des Volkes gegenwärtig und wirksam bleibe.“ „[S]päter“ – gemeint ist Ex 32,28, d. i. der Masssenmord der Leviten auf Geheiß von Moses am eigenen Volk, das zuvor das sogenannte goldene Kalb verehrt hatte –  wenden sie das Schwert gegen ihresgleichen, „wo es galt, rücksichtslos […] „die Brüder aus der eigenen Entartung empor zu retten.“

SARNA 238 zitiert Jaakobs Verfluchung von Levi und Simeon in Gen 49,5-7. 
 Er verweist darauf, dass der o. g. erste Ausdruck „literally an ellipsis for ‚muddy the waters‘, ist, „figuratively used for ‚disturb the peace, cause trouble.‘.“

Zum Zweiten Ausdruck vermerkt er „Elipsis for ‚making my breath to stink.‘“ In der Fußnote, 367, verweist er auf Ex 5,21.

WESTERMANN 662 verweist außerdem auf 1 Sam 13,4 und 2 Sam 10,6.

SOGGIN 411: „Die Tat der beiden und der restlichen Brüder wird von [Jakob] verurteilt, doch nicht weil sie an sich niederträchtig wäre, sondern weil sie ihn teuer zu stehen kommen könnte: schließlich war er als Fremder in diesem Gebiet wegen seines Viehbestandes in hohem Maß vom guten Willen der Bewohner abhängig.“ Soggin sieht kaum Berührungspunkte zu Gen 49,5-7.

SEEBASS 427 vermerkt: „Die Schwere des Vorwurfs ‚tabuisieren‘ zeigt 1Kön 18,17f (Elia gegen Ahab) sowie Jos 6,18; 7,25. Um so mehr fällt auf, dass Jakob keinen moralischen Vorwurf erhebt.“ Im Unterschied zu Gen 49,5-7a, 428, „wo es um Sippenethos geht“.

 

 

*

 

Q 112

بِسْمِ ٱللَّهِ ٱلرَّحْمَـٰنِ ٱلرَّحِيمِ

Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers.

Vgl. dazu die Einträge zu Q 93 vom 19.02.2021

 

Q 112,1

قُلْ هُوَ ٱللَّهُ أَحَد

Köln-Merkenich, am Freitag,
 den 15. März 2024

VOKABELN

قل - sag!, sprich! von  قول oder قال - sagen.

 

mE

Sprich: Er, Gott, ist einer.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)
Sprich: Gott ist Einer,
 
ULLMANN (1840)
Sprich: „Allah ist der alleinige, einzige
 
HENNING (1901)
Sprich: „Er ist der Eine Gott,
 
GOLDSCHMIDT (1916)
Sprich: Er ist der einzige Gott.


BELL (1937)
Say: „He ist Allah, One,
 
PARET (1979, 2001),  ZIRKER (2003, 2018)
Sag: Er ist Gott, ein Einziger.
 
ASAD (1980/2009)
Sag: „Er ist der Eine Gott:
 
KHOURY (1987, 1992)
Sprich: Er ist Gott, ein Einziger,
 
MAHER/AL AZHAR (1999)
Sprich: „Er ist Gott, der Einzige,
 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)
Sag: Er ist Allah, ein Einer,
 
KARIMI (2009)
Sag: „Er ist Gott, der Eine.
 
BOBZIN (2010, 2017)
Sprich: „Er ist Gott, der Eine,
 
NEUWIRTH (KTSA 2010)
Sprich: Er ist Gott, einer,

 

REINBOLD (2022) - PARALLELSTELLEN aus Judentum, Christentum und Islam
Zitiert u. a. 

Dtn 6,4-5:

4 Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer.

5 Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.

1 Kor 8,4-6

4 Was nun das Essen von Götzenopferfleisch angeht, so wissen wir, dass es keinen Götzen gibt in der Welt und keinen Gott als den einen.

5 Und obwohl es solche gibt, die Götter genannt werden, es sei im Himmel oder auf Erden, wie es ja viele Götter und viele Herren gibt,

6 so haben wir doch nur einen Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind und wir zu ihm, und einen Herrn, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn.
 
BEOBACHTUNGEN

1 Allah

Drei Übersetzungen benutzen den Gottesnamen „Allah“: Ullmann, Bell und Bubenheim.

 

2 einer/einzig

Es gibt zwei Fraktionen, die einen übersetzen das letzte Wort mit „einer/der Eine“, die anderen mit einer Form von „einzig“.

Mit einer Form von einer übersetzen: 

Rückert, Hennig, Bell, Asad, Bubenheim, Karimi, Bobzin, Neuwirth und mE.

Mit einer Form von einzig übersetzen:

Ullman, Goldschmidt, Paret, Zirker, Khoury und Maher/Al Azhar.

 

KOMMENTAR

BELL, 2,685, merkt zu  One“ an: „The construction of the clause is uncertain; the pronoun is usually taken separately, equivalent to „It (i e the truth) is Allah is One“ Hirschfeld suggested that the verse was influenced by the Jewish sh’ma‘ (Deut. VI 4), which might explain the unusual use of ahad

 

NEUWIRTH legt in ihrer epochemachenden Schrift „Der Koran als Text der Spätantike [KTSA]. Ein europäischer Zugang“, Berlin 2010, 194f, dar, dass diese Sure zur Rahmung des gesamten Korans gehört. Statt mit einer Geschichte zu enden, der Koran „endet mit dem Wort ‚einer‘, ahad“, ernimmt […] am Ende zum Gottesbild in Abgrenzung zu den beiden älteren Religionen Stellung.“ 195

Am Ende ihres Werkes bezieht sie diese Sure explizit auf „das christliche Credo“, 761, das Glaubensbekenntnis von Nizäa, Nizäno-Konstantinopolitanum, 762. Dort stellt sie diesen Vers neben das Sch’ma Israel, Dtr 6,4 und dem Beginn des Glaubensbekenntnisses: „Wir glauben an einen Gott“.

„Es ist schwer zu überhören, dass der Anfangsvers qul huwa llahu ahad, „Sprich: Gott ist einer“, eine freie Übersetzung des jüdischen Glaubensbekenntnisses ist, shema‘ Jisra’el, adonei elohenu adonai ehad, „Höre Israel: Der Herr, unser Gott, ist einer.“ (Dtn 6,4) Das Schlüsselwort „einer“, ehad, klingt im arabischen Text mit ahad, „einer“, noch unüberhörbar durch. Diese ‚Mehrstimmigkeit‘ zweier Texte in einem ist erkauft durch eine ‚Ungrammatikalität‘, einen Verstoß gegen die arabische Grammatik, die hier statt des im Reim stehenden Nomens ahad das Adjektiv wahid erfordern würde. Ungrammatikalität bezeichnet in der Theorie des Poetikforschers Michael Riffaterre ein sprachliches Phänomen, das durch seine Auffäligkeit im eigenen Text auf einen anderen Text verweist, in dem es ‚normal‘ ist. Was zunächst als Regelwidrigkeit erscheint, erweist sich – nach Erkennen des ‚anderen Textes‘ – als Brücke zwischen zwei einander erhellenden Texten.“ 763

 

Gen 34,31 und Q 112,2

Gen 34,31

Köln-Merkenich, am Montag bis Freitag,
 den 3.-7. Juni 2024

 
Die Söhne rechtfertigen sich:
 
וַיֹּאמְר֑וּ הַכְזוֹנָ֕ה יַעֲשֶׂ֖ה אֶת־אֲחוֹתֵֽנוּ׃ (Gen. 34:31 WTT)
 
VOKABELN:
NOMEN
זֹנָה   - Im neuen Wörterbuch von Frank Matheus, 2022: "unverheiratete, sexuell selbstbestimmte Frau (Jos 2,1ff); Prostituierte, Hure".
PARTIKEL
הֲ - leitet eine (auch rhetorische) Frage ein.
 
mE
Und sie antworteten: Machte er nicht unsere Schwester wie zu einer Prostituierten?
 
Buber/Rosenzweig
Sie aber sprachen:
Soll man denn an unsrer Schwester wie an einer Hure tun dürfen?!
 
van Dyke
. » فَقَالاَ: «أَنَظِيرَ زَانِيَةٍ يَفْعَلُ بِأُخْتِنَا؟ (Gen. 34:31 AVD)
VOKABELN
NOMEN
نظير pl.  نظراء - Gleiches; auch als ADJEKTIV "gleich", vom Verb نظر, u  - sehen - Dank an Nermine in Kairo!
زان  pl. زناة - Ehebrecher, Hurer.
PARTIKEL
أ  - leitet eine Frage ein!
 
BEOBACHTUNGEN
1 Jiddisch
Die Jiddische Übersetzung von Jehuasch hat eine merkwürdige Konstruktion:

Hobn sie gesagt: sol man asoi mit a sonah (Hebräisch: Prostituierte) sich bagejn mit undser schwester?
Zum Verb באג''ן  finde ich im "Jiddisches Wörterbuch" von Ronald Lötzsch, Dudenverlag 2018, 48: sich bagéjn: "auskommen".
Das Institut für Jüdische Studien an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf durch Frau Prof. Dr. Marion Aptroot - Dank an Brian Michaels für den Tipp! - half weiter:

"es handelt sich hier um 'bageyn zikh mit'. Das bedeutet: 'verwenden, benutzen, gebrauchen; sich verhalten gegenüber.'" 

Das Deutsche Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm führt zu "begehen" aus, Band 1, Sp. 1290: Nach neun verschiedenen Bedeutungen und zuletzt zum recht seltenen intransitiven Gebrauch heißt es danach:

"10)desto häufiger ist das reflexive sich begehen, und zwar 
a)sich vertragen, sich begatten: 

der plumpe bär ... begehet sich mit seiner bärin.
Brockes 7, 46; [...]

b)zusammen leben, mit einander umgehn: 

mit einander lieplich sie
sich begiengen, als ich las. Frib. Trist. 2671;[...]

c) sich eines oder mit einem begehn, auch ohne casus, abgeben, behelfen, betragen: wes begiengen sie sich? (was thaten sie) Keisersb. ausg. der jüd. J 5; er begieng sich mit allen lastern. Münster 301; lieber hauswirt, ich habe zwelf kind, und ist keins dein, denn das erst, des du sicher bist, denn das erst jar bin ich fromb gewesen, und hast mein wenig gedacht, ob ich zu beiszen oder zu brechen, zu essen oder zu trinken hett, darumb so hab ich mich begangen wie ich mochte. sch. und ernst cap. 246; 

wer sich jetzt kaufens wil begon,
der musz oft sein warsagen lon.
Agricola spr. 698; 

so gibt man einem jeden ein ehrliche underhaltung, damit er sich hinfürter wol ernehren und begahn mag. Fronsp. 3, 151b; o wehe dem vatter, des kinder sich mit dieser schnöden kunst begon müssen. Wickram bilger H 3; 

wil lieber mich mit krieg begon.
trag. Joh. C 8; 

man sol sich weidelich mit lebendiger bewegung begehn und auf die tugent wacker sein. Petr. 19a; denn auch die männer sich ehbruchs an solchen orten begangen. 28a; 

wie die kinder sich begehn, also hält den brauch
Curtius mit seiner fraw. kinder kratzen auch.
Logau 3, zug. 81; 

wie er alle zeit, wo es ernst gegolten, sich ehrsam und ernstlich begangen. Brandts Taubmann 51. 

d)während heutzutage die bedeutung b fast, und c ganz erloschen ist, gebrauchen wir sich begehen für begangen werden, committi, z. b. der ganze frohe frühling ist voll mord in drei elementen, nur dasz sich der mord noch stiller im lauten meere begeht, in welchem kein leben anders lebt als von einem andern leben. J. Paul dämmerungen 4." Die Jiddische Form scheint die Verwendung c) zu vermitteln."


 
 
2 KJV
KJV und NAS übersetzen זוֹנָ֕ה, Prostituierte, mit "harlot":
KJV And they said, Should he deal with our sister as with an harlot? (Gen. 34:31 KJV)
Ein merkwürdiges Wort! Wer sich in die Geschichte dieses Wortes begibt, dem/der tut sich ein Kosmos auf und eine Geschichte, die bis an die vorchristlichen Zeiten europäischer Kultur und Religion heranreicht:
 
Im Merriam-Webster wird es auf das Alt-Französische "herlot beggar, vagabond" zurück geführt.
Dazu finde im Mittellateinischen Wörterbuch, MLW, Band 4, Sp. 995 (https://mlw.badw.de/fileadmin/user_upload/Files/MLW/OpenAccess/MLW_vol._04-3_h-hystrix__CC_BY-NC_.pdf - abgerufen am 05.06.2024):

"herlio, -are. (francog. vet. herliier; v. DEAF H. p. 420sq.) baculis et pilis vel conis ludere – mit Stöcken und Bällen oder Kegeln spielen (de re v. op. cit.) : v. vol. II. p. 532,64."
 

Gibt es eine Nähe zum "Harlekin"? Das englische Wiktionary ist dazu:
Art. "harlequin": 

"From earlier Harlicken, from Middle French Harlequin (in Italian Arlecchino, the name of a popular servant character in commedia dell'arte plays), from Old French Harlequin, Halequin, Herlequin, Hellequin, Hierlekin, Hellekin (a demon, malevolent spirit), probably of Germanic origin, connected to the Old English figure of Herla Cyning (“King Herla”, a mythical figure identified with Woden) or possibly to Old Frisian helle kin, Old English helle cyn, Old Norse heljar kyn (“the kindred of Hell”). Related to Middle English Hurlewain (“a mischievous sprite or goblin”)."

Die italienische Wikipedia-Seite führt aus:
Art. "Arlecchino":

"Quanto alla radice del nome, è di origine germanica: Hölle König (re dell'inferno), traslato in Helleking, poi in Harlequin, con chiara derivazione infernale. Questa interpretazione "infernale" del nome è di chiara matrice cristiana. In epoca pagana era credenza condivisa in tutto il centro e nord Europa che nel periodo "oscuro" (invernale) dell'anno e in occasione di feste particolari una schiera composta di spiriti dei morti corresse per il cielo e sulla terra, con a capo una divinità a seconda del pantheon del luogo. Questa Caccia Selvaggia pagana è divenuta poi la schiera dei morti inquieti (i "dannati") sotto il cristianesimo. I nomi sono numerosi per designare questa cavalcata spaventosa. Il francese Hellequin viene forse dal danese erlkonig. Inizialmente, le Hellequins - o Herlequins - erano le donne che cavalcavano con la dea della morte Hel, durante le cacce notturne. Ma passando nella cultura francese, Hel divenne un uomo, il re Herla o Herlequin (dall'antico inglese Herla Cyning poi erlking, tedesco Erlkönig, danese erlkonig, allerkonge, elverkonge, cioè, letteralmente, il "re degli elfi"). Secondo studi più recenti, questo etimo "vulgato" deriva da un'interpretazione medievale, mentre in realtà il nome discende da un termine *harjaleika-, sempre riferito alla schiera dei morti, ma senza riferimenti alla nozione di "re"[2]."
BELEG: Marcello Meli, L’Arlecchino boreale, in «L’immagine riflessa», IX (2000), pp. 75-107: 80-82., n.s., pp. pp. 75-107: 80-82.

In DeepL-Übersetzung:


"Was die Wurzel des Namens betrifft, so ist er germanischen Ursprungs: Hölle König, übersetzt in Helleking, dann in Harlequin, mit einer klaren höllischen Ableitung. Diese "infernalische" Interpretation des Namens ist eindeutig christlich. In heidnischen Zeiten herrschte in ganz Mittel- und Nordeuropa der Glaube vor, dass während der "dunklen" (Winter-)Zeit des Jahres und an besonderen Festen eine Schar von Totengeistern durch Himmel und Erde zieht, angeführt von einer Gottheit, die dem lokalen Pantheon entspricht. Diese heidnische Wilde Jagd wurde später im Christentum zum Heer der ruhelosen Toten (der "Verdammten"). Es gibt zahlreiche Namen für diese furchterregende Kavalkade. Das französische Hellequin stammt vielleicht vom dänischen erlkonig ab. Ursprünglich waren die Hellequins - oder Herlequins - die Frauen, die mit der Todesgöttin Hel bei nächtlichen Jagden ritten. Doch mit dem Übergang in die französische Kultur wurde Hel zu einem Mann, König Herla oder Herlequin (von altenglisch Herla Cyning, dann erlking, deutsch Erlkönig, dänisch erlkonig, allerkonge, elverkonge, d. h. wörtlich "König der Elfen"). Nach neueren Untersuchungen entstammt dieses "vulgarisierte" Etymon einer mittelalterlichen Deutung, während der Name in Wirklichkeit von einem Begriff *harjaleika- abstammt, der sich wiederum auf die Schar der Toten bezieht, jedoch ohne Bezug auf den Begriff "König"[2]. "

"Hölle" darf hier wohl weniger im "christlichen" Sinn verstanden werden, als Aufenthaltsort für die verdammten Seelen, sondern wohl eher als die dunkle und unangenehme Jahres- bzw. Tageszeit.


Das Dictionnaire Étymologique de l'Ancien Français (DEAF) - https://deaf.hadw-bw.de/ -  führt weiter. Dort wird tatsächlich eine Verbindung zum "Harlekin" gesehen - sowie zur Prostitution:
 
Art. Herlot:

"Herlot m. est une dérivation de HERLA, nom du chef de la mesnie Hellequin, avec le suffixe dimin. -OTTU, pouvant désigner des personnes, est possible. Le sens étymologique en serait *“un des suivants de Herla”. Sur la base des seules attestations tirées du TristBér on a défini herlot par “vagabond, fripon, coquin” (DC; FEW), “Landstreicher, Lump” (TL), “garçon, jeune homme; polisson, débauché, ribaud” (Brüll). Les att. mangl et mlt. améliorent cette base: ribaldi et hereloti de loco ad locum currentes… otiose viventes (ca. 1220; “vagrant” LathamDict 1135b); quidam qui se harlotos appellant vagi et otium foventes… congregaciones et [conventicul]a necnon contractus illicitos juxta ritum suum contra honestatem ecclesie… faciunt (1263; “hedge-priest”, ib. et 479a); Eadmodnesse is ilich þeose cointe hearloz (var. herloz, harloz)… HARE FLOWINDE CWEISE ÞET HA PUTTEÐ EAUER FORÐ [= mlt. humilitas assimulatur prudentibus [harlot]is… LathamDict] (av. 1200 ms. ca. 1230 Ancr. Riwle; MED 4,493b; cp. AncrRiwlecH ci-dessous); etc. Le sens originel peut dès lors être précisé: “vagabond motivé par l’ascèse ou par l’oisiveté, éventuellement vivant d’aumônes”. La somme des att. dessine l’évolution sémantique vers “vagabond menant une mauvaise vie”, d’où aussi, en mfr. “homme de mauvaise vie”. Attesté surtout en Angleterre (mangl. “id.” ca. 1380)(3). – Les rapports avec aocc. arlot, dès ca. 1227, JaufrB 8986; PMula Rn, Rn 1,22a(4), cat. arlot, dès ca. 1284, Llull, Blanq. (écrit à Montpellier), AlcM 1,813b, esp. arlote, dep. Berceo, Corom2 1,336b [‘du fr.’; auj. régional; informations touchant l’afr. inexactes], it. arlotto, dep. déb. 14es., Battaglia 1,661 (indépendant de it. arlecchino, dep. av. 1655, CortZol 72b), ne sont pas élucidés: emprunts au français? (Cp. FEW 16,202n11.)Rem.: Gdf 4,458b herbot, Tristan, est erroné: lire herlot, v. ci-dessous. – Gdf 1,626c berlot “?”, Tristan, est également à lire herlot (Delbouille MélWartb1 177n8; renvois dans Gdf même: 1,400a, sub arlot, herlot). – S. Gregory définit TristBérG 3644 et 3649 “procurer” (“maquereau”), 3976 “good-for-nothing, rogue”: ces termes ne nuisent pas particulièrement à la traduction, mais aux trois endroit il s’agit de Tristan déguisé en lépreux mendiant que l’auteur (au vers 3976 par la bouche d’Iseut même) n’aurait pas dénigré à ce point. L’éd. B traduit par ‘vaurien’.⁠]"
BELEG:
"(3) Rothwell NM 97,430 s’appuie sur la glose scurra : harlot (JGarlUnH2 169) pour se demander si le sens ‘sexuel’, soit ‘prostituée’, attesté en mangl., n’existait pas déjà en agn. au 13es. Le ms. date de la fin du siècle. Mlt. scurra m. désigne un serviteur et un mercenaire, mais aussi une personne dépréciée (v. DC 7,377bc; Niermeyer 949a; Latham 427a). Il ne semble pas possible de supposer un sens évolué sur la base de cette seule glose."

In DeepL-Übersetzung:

"Herlot m. ist eine Ableitung von HERLA, dem Namen des Anführers des Mesnies Hellequin, mit dem Suffix dimin. -OTTU, das Personen bezeichnen kann, ist möglich. Die etymologische Bedeutung wäre *"einer der Nachfolger von Herla". Auf der Grundlage der einzigen Belege aus dem TristBér wurde herlot definiert als "Vagabund, Schelm, Schelm" (DC; FEW), "Landstreicher, Lump" (TL), "Knabe, junger Mann; Schelm, Zügelloser, Schurke" (Brüll). Die Att. mangl und mlt. verbessern diese Grundlage: ribaldi et hereloti de loco ad locum currentes... otiose viventes (ca. 15. Jahrhundert). 1220; "vagrant" LathamDict 1135b); quidam qui se harlotos appellant vagi et otium foventes... congregaciones et [conventicul]a necnon contractus illicitos juxta ritum suum contra honestatem ecclesie... faciunt (1263; "hedge-priest", ib. und 479a); Eadmodnesse is ilich þeose cointe hearloz (var. herloz, harloz)... HARE FLOWINDE CWEISE ÞET HA PUTTEÐ EAUER FORÐ [= mlt. humilitas assimulatur prudentibus [harlot]is... LathamDict] (av. 1200 ms. ca. 1230 Ancr. Riwle; MED 4,493b; cp. AncrRiwlecH weiter unten); etc. Die ursprüngliche Bedeutung kann daher wie folgt präzisiert werden: "Vagabund, der durch Askese oder Müßiggang motiviert ist und eventuell von Almosen lebt". Die Summe der Attribute zeigt die semantische Entwicklung hin zu "Vagabund, der ein schlechtes Leben führt", woraus sich auch im Frz. "homme de mauvaise vie" ergibt. Vor allem in England belegt (mangl. "id." ca. 1380)(3). - Die  Beziehungen zu aocc. arlot, seit ca. 1227, JaufrB 8986; PMula Rn, Rn 1,22a(4), cat. arlot, seit ca. 1284, Llull, Blanq. (schreibt in Montpellier), AlcM 1,813b, esp. arlote, dep. Berceo, Corom2 1,336b ['aus dem Frz.'; heute regional; ungenaue Informationen über das Frz.], it. arlotto, ab Anfang 14, Battaglia 1,661 (unabhängig von it. arlecchino, ab 1655, CortZol 72b), nicht geklärt: Entlehnungen aus dem Französischen? (Cp. FEW 16,202n11.) Rem.: Gdf 4,458b herbot, Tristan, ist falsch: herlot lesen, s. unten. - Gdf 1,626c berlot "?", Tristan, ist ebenfalls als herlot zu lesen (Delbouille MélWartb1 177n8; Verweise in Gdf selbst: 1,400a, sub arlot, herlot). - S. Gregory definiert TristBérG 3644 und 3649 "procurer" ("Makrele"), 3976 "good-for-nothing, rogue": Diese Begriffe schaden der Übersetzung nicht besonders, aber an allen drei Stellen handelt es sich um Tristan, der als bettelnder Leprakranker verkleidet ist, den der Autor (in Vers 3976 durch den Mund von Isolde selbst) nicht so verunglimpft hätte. Die Eds. B übersetzt mit 'Schurke'].
 BELEG:
"(3) Rothwell NM 97,430 stützt sich auf die Glosse scurra: harlot (JGarlUnH2 169), um zu fragen, ob die im Mn. belegte Bedeutung 'sexuell', d. h. 'Prostituierte', nicht schon im Agn. des 13. Der Ms. stammt aus dem Ende des Jahrhunderts. Mlt. scurra m. bezeichnet einen Diener und Söldner, aber auch eine herabgesetzte Person (s. DC 7,377bc; Niermeyer 949a; Latham 427a). Es scheint nicht möglich zu sein, allein aufgrund dieser Glosse eine weiterentwickelte Bedeutung anzunehmen."

Die ESV traut dem Wort schon nicht mehr, dass es auch verstanden wird, und übersetzt:
 ESV But they said, "Should he treat our sister like a prostitute?" (Gen. 34:31 ESV)
 
3  עשׂה, 'sa - machen
Dies herbräische Verb wird in den Übersetzungen wiedergegeben mit
KJV deal 
NAS ESV TANAKH treat LSG traitera BFC traiter
LUT L17 handeln
EIN ELB SCH ZUR GN GNB BB HIRSCH PHIL WEST SOGG SEEB behandeln NL behandelen D83 D92 behandle
M halten: "Soll er unsere Schwester wie eine Hure halten?
ZUNZ verfahren: "Soll man wie mit einer Buhldirne mit unserer Schwester verfahren?"
B/R tun dürfen JACOB getan: "also wie eine Hure soll einer unserer Schwester getan haben?!"
van Dyke يَفْعَلُ  mE machte
 
 
KOMMENTARE
Nach JACOB 659 kann Jakob auf die Äußerung der beiden Sohne nicht antworten. Das Kapitel endet mit einem Dilemma:

"Mit diesem Ausruf, auf den Jakob stumm bleiben mss, schließt das Kapitel. Es gab aus dem Dilemma keinen Ausweg." JACOB 659

JACOB verwahrt sich dagegen diese Erzählung in spätere Zeiten anzusieden. Auch eine Gleichsetzung der Stadt mit Sichem lehnt er ab:


"Man kann aber nicht einmal mit Bestimmtheit sagen, dass die Stadt dieses Kapitels das historische Sichem ist. So benannt wird sie keinmal." JACOB 659

SARNA vergleicht das Ende dieses Kapitels mit dem letzten Satz im Buch Jona:


"The two brothers have the last word. As with the Book of Jonah, the closing rhetorical question provides an irresistible argument. The women of Israel are not to be regarded as objects of abuse. They cannot be dishonored with impunity." SARNA 238

Ist der Frauen- und Kinderraub, V 29, kein Missbrauch? Was bedetuet "keine Straflosigkeit"? 


Um - männliche - Rache und Gewalt am geschicktesten rechtfertigen zu können, werden immer wieder Frauen in die Opferrolle gedrängt. Wurde Dina gefragt, was für sie "keine Straflosigkeit" bedeuten würde? Der zehnjährige Krieg um Troja entzündete sich an einem Frauenraub, der nicht straflos bleiben durfte. Krieg und Frauenraub zementierten das damals noch junge Patriarchat.
 
WESTERMANN 663 schreibt zur Haltung der beiden Brüder Simeon und Levi, dies sei "im Keim ein Nationalgefühl, für das das Töten um der eigenen Ehre willen etwas Notwendiges geworden war. Darin aber stehen sie in einem Gegensatz zu Jakob, ihrem Vater, der von nun an nicht mehr rückgängig zu machen ist". Gilt damit Jakob als rückständig?
 
SEEBASS 428 kommentiert: 

"Die Antwort Semeons und Levis (V 31) entkräftet offenbar nicht die vom Vater gesehene Gefahr. Sie zeigt nur eine Opposition gegen den Vater, die zu weiteren Untaten und zu einem endgültigen Urteil des Vateres führen musste: 49,5-7 [...]. Denn zur Hure hatte Sichem Dina keinesfalls gemacht. der ganze Plot steht dagegen."

Das beschreibt das offene Ende dieser Erzählung recht gut. Klingt für mich aber verharmlosend.

 Biografien von Prostituierten weisen darauf hin, dass bei vielen von ihnen eine gebrochene Liebesbeziehung und eine Vergewaltigung oft der Anfang dafür bildeten. Jakob M. R. Lenz (1751-1792) thematisiert dies in seinem Drama "Die Soldaten" (1776) und verschärft herausgearbeitet von Bernd A. Zimmermann (1918-1970) in seiner gleichnamigen Oper (1965) - jüngst in Köln wieder aufgeführt. 
 
 

 *



Q 112,2


اللَّهُ الصَّمَدُ

VOKABEL
ADJEKTIV
صمد - ewig, unvergänglich (Langenscheidt 2023).
 
mE 
Gott ist der Ewige.

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)
Ein ewig reiner,
 
ULLMANN (1840)
und ewige Gott (der unwandelbare).
 
HENNING (1901)
Allah, der Absolute.
ANM.: "Arab.: "As-samad": Der Undurchdringliche; von dem alles abhängt und der selbst völlig unabhängig ist; die Erstursache."
 
GOLDSCHMIDT (1916)
Der unwandelbare Gott.
 
BELL (1937)
Allah, the Eternal;
ANM.: "So most moderns, but no satifactory devivation of the word in this sense has been suggested; Arab commentators take the word as meaning 'the one to whom recourse is had,' 'the chief.' The Semiotic root, smd, seems to mean 'to bind together' 'The Undivided' might give the sense".

PARET (1979, 2001)
Gott, durch und durch (er selbst)(?) (wörtlich der Kompakte) (oder: der Nothelfer(?), wörtlich der, an den man sich (mit seinen Nöten und Sorgen) wendet, genauer: den man angeht?).

 ASAD (1980/2009)
Gott der Ewige, der Unverursachte
Ursache all dessen, was existiert.
ANM.: "Diese Übertragung vermittelt nicht mehr als eine ungefähre Bedeutung des Begriffs as-samad, der im Qur'an nur einmal vorkommt und für Gott allein verwendet wird. Er schließt die Vorstellungen von Erstursache und ewigem, unabhängigen Sein ein, in Verbindung mit dem Gedanken, dass alles Existierende oder Vorstellbare zu Ihm als seine Quelle zurückgeht und daher von Ihm hinsichtlich seines Beginns wie auch siener fortwährenden Existenz abhängig ist."

KHOURY (1987, 1992)
Gott, der Undurchdringliche.
ANM.: "Oder: der Souveräne, der in allen Anliegen angegangen wird."

MAHER/AL AZHAR (1999)
Gott, der allein Anzuflehende.

BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)
Allah, der Überlegene.

KARIMI (2009)
Gott, der Vollkommene.

BOBZIN (2010, 2017)
Gott, der Beständige.

ZIRKER (2003, 2018)
Gott, der Allüberlegene.

NEUWIRTH (KTSA 2010, 194)
Gott, der Beständige.

BEOBACHTUNGEN und KOMMENTARE
Gottesattribut
Wenn - wie ASAD betont - der Begriff "as-samad" nur ein einziges Mal im Koran vorkommt, dann ist es schon erstaunlich, wie viel manche Übersetzer darüber zu wissen vorgeben. Streng genommen kann von einem Hapaxlegomenon nichts genaues gesagt werden, es sei denn, es kann aus anderen Kontexten heraus schlüssig übertragen werden.

Nach WEHR 613 gehört zu den Grundbedeutungen des Verbs "samada" "to betake o.s., repair, [...] to turn, apply o. s. [...] to defy, brave, withstand [...] to stand up [...], resist, oppose [...], to hold out [...]; to maintain or hold one's ground ([...] against an opponent), remain unaffected".
Danach wird angeführt: "samad lord; eternal, everlasting (epithet of God)".
 
STEINGASS 592 führt aus: "head of the family; independent lord and master; everlasting, God; massive; enduring; people without subsistence or recources"! Ähnlich KAZIMIRSKI 1369 mit folgender Erweiterung: "Massif, qui n'est pas creux en dedans" - was für BOBZIN, s. u. von Bedeutung zu sein scheint.
 
PARET, Kommentar 530/Bildschirmseite 2500 räumt, ein: "Die Bedeutung des Ausdrucks as-samadu ist ganz unsicher." Er verweist auf einen Beitrag von R. Köbert, dieser "vermutet, in samad eine Lehnübersetzung aus hebräisch sur ('Fels') als Bezeichnung für Gott". 530/2501
 Ich halte dies durchaus für möglich, vgl. Dtr 32,4; Dtr 32,17, vgl. Dtr. 32,37; 2 Sam 22,2; 2 Sam 22,32 (צ֖וּר , zur); Ps 18,3; vgl. 1 Kor 10,4.
 
BOBZIN 778 konzidiert ähnlich in seinem Anhang: "die Ermittlung der genauen Bedeutung dieses nur an dieser Stelle im Koran vorkommenden Wortes ist schwierig. Als Grundbedeutung dürfte 'massiv, kompakt, solid' anzunehmen sein. Von dieser Bedeutung ausgehend ist übersetzt. - In der älteren christlichen, vor allem byzantinischen Polemik gegen den Islam diente dieser Vers als Beleg für die vermeintlich materialistische Gottesauffassung des Korans."
 
NEUWIRTH, KTSA 752, parallelisiert diesen Vers mit dem Nizäno-Konstantinopolitanum:
 "Wr glauben an einen Gott" - zu Vers Q 112,1 - "den Vater, den Allmächtigen, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, den Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren". Einige Übersetzer scheinen genaus dies mit in diesem Vers vernommen zu haben.

Gen 35,1 und Q 112,3

Köln-Merkenich, am Montag/Dienstag
 den 10./11. Juni 2024


Zum ersten Mal seit Langem ist wieder von Gott die Rede:
 
 ‎וַיֹּ֤אמֶר אֱלֹהִים֙ אֶֽל־יַעֲקֹ֔ב ק֛וּם עֲלֵ֥ה בֵֽית־אֵ֖ל וְשֶׁב־שָׁ֑ם וַעֲשֵׂה־שָׁ֣ם מִזְבֵּ֔חַ לָאֵל֙ הַנִּרְאֶ֣ה אֵלֶ֔יךָ בְּבָרְחֲךָ֔ מִפְּנֵ֖י עֵשָׂ֥ו אָחִֽיךָ׃
(Gen. 35:1 WTT)
VOKABELN
VERB
ברח - fliehen;
ראה  - sehen, HIER NIFAL: sich zeigen, erscheinen, sichtbar sein.
NOMEN
מִזְבֵּחַ - Altar.
 
mE
Und es sprach Gott zu Jaakob: Steh auf, ersteige Beth-El und siedle dort und mache dort einen Altar für Gott, dem sich dir Zeigenden in deinem Fliehen vorm Antlitz Esaus deines Bruders.
 
Buber/Rosenzweig
Gott sprach zu Jaakob:
Mache dich auf, steige nach Bet-El hinan und verweile dort,
und errichte dort eine Schlachtstatt
der Gottheit, die von dir sich sehen ließ, als du vor Essaw deinem Bruder entwichst.
 
van Dyke
 قَالَ اللهُ لِيَعْقُوبَ: «قُمِ اصْعَدْ إِلَى بَيْتَِ إِيلَ وَأَقِمْ هُنَاكَ، وَاصْنَعْ هُنَاكَ مَذْبَحًا ِللهِ الَّذِي ظَهَرَ لَكَ حِينَ هَرَبْتَ مِنْ وَجْهِ عِيسُو أَخِيكَ  AVD G  (Gen. 35:1 AVD)
VOKABELN
VERBEN
صعد , a - aufsteigen;
قوم , u - aufstehen; IV. STAMM اقام : aufstellen, einrichten;
صنع , a - herstellen, machen;
ظهر  - sichtbar werden, erscheinen, sich zeigen.
NOMEN
مذبح  pl. مذابح - Schlachthof, Altar [gleiche Wort wie im Hebräischen!];
هرب  - Flucht;
وجه  pl. وجوه - Gesicht, Antlitz.
PARTIKEL
حين - zur Zeit von, während.
 
 
BEOBACHTUNGEN
1 נִּרְאֶ֣ה , nir'äh
Das hier verwendete Verb  רא, r'a, sehen, wird in der eher reflexiven Form verwendet, "sich zeigen", wörtlich "sich sehen lassen". Die Übersetzungen gliedern sich in folgende Gruppen:

Aus dem Rahmen fallen folgende Übersetzungen, die ältere dänische Fassung:
D83 for Gud, som åbenbarende sig
Und sehr schön Jehuasch:
SBJ   זיך באוויזן צו דיר , sich beweisen zu dir
 
2 Der Zwang zur Eindeutigkeit
Gott redet von sich in der dritten Person? Oder, wer ist gemeint?
JACOB differenziert:
JACOB: mache dort einen Altar der Gottheit, die dir erschienen ist, als du ...
 
SEEBASS weicht die Dissonanz ähnlich auf:
SEEB errichte dort El einen Altar, der dir erschien, als du ...
Ähnlich SOGGIN:
SOGG Errichte dort einen Altar jenem Gott, der dir auf der Flucht [...] erschienen ist.
Alles vereindeutigen gerade die Übersetzungen, die sich um eine moderne Sprache bemühen - sie können die Ambiguität nicht ertragen; es scheint eine Folge ihrer angeblichen Frömmigkeit zu sein, die das - besonders in der Gottesrede - nicht zulässt:
BFC «En route! Va t'installer à Béthel, où tu me construiras un autel. C'est là que je me suis manifesté à toi lorsque tu fuyais pour échapper à ton frère Ésaü.» (Gen. 35:1 BFC)
GN GNB baue mir einen Altar, denn dort bin ich dir erscheinen, als du ...
BB Errichte dort einen Altar für mich! Denn ich bin dir erschienen, als du ...

 

Köln-Merkenich, am Freitag,
 den 14. Juni 2024

 

KOMMENTARE
HIRSCH, 432, und PHILIPPSON, 182f, verweisen auf Gen 28,10ff: Jaakob erfüllt sein Gelübde, Gen 31,13.
JACOB, 660f, legt Wert darauf, dass Jaakob zu einer Wallfahrt, aufgerufen wird: " עֲלֵ֥ה ist das Wort für die Wallfahrt (Ex 34,24)", 661.
nach JACOB, 661, kann ישׁב in diesem Vers mit Verweis auf V 16 nicht "wohnen" bedeuten, sondern "harre dort", vgl. Bubers Übersetzung!
Das hat die älteste Übersetzung, die griechische in Alexandria, anders gesehen:
LXX οἴκει ἐκεῖ (Gen. 35:1 BGT)
LXXD wohne dort
So auch Hieronymus:
VUL habita ibi
VULD wohne dort.
Dem folgen: 
KJV ESV dwell there
LSG demeures-y 
LUT L17 PHIL wohne daselbst, 
ELB SCH ZUNZ wohne dort
NL ga daar wonen
Ähnlich:
EIN ZUR ZINK BB SOGG (BiG) lass dich dort (da) nieder!
D 92 slå dig ned der
Etwas schwächer:
NAS live there
D83 bliv der
M B/M (GN GNB WEST SEEB) bleibe da (dort)
HIRSCH (Jakob, B/R) (ver)weile dort
TANAKH remein there
Die BFC zieht sich aus der Affäre und übersetzt diesen Teil überhaupt nicht:
BFC «En route! Va t'installer à Béthel, où tu me construiras un autel. C'est là que ... (Gen. 35:1 BFC)

Richtig elegant Jehuasch:
SBJ זיץ דארטן   , sei dortn.

 

 

*

 

 

Köln- Merkenich, am Dienstag, 
den 2. Juli 2024

 

Q 112,3

لَمْ يَلِدْ وَلَمْ يُولَدْ

VOKABELN

ولد , يلد ialidu - gebären, zeugen.

 

mE

Er hat nicht gezeugt und ist nicht gezeugt worden.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Hat nicht gezeugt und ihn gezeugt hat keiner,
  
 ULLMANN (1840), HENNING (1901)
 Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt,
  
 GOLDSCHMIDT (1916)
 Er zeugt nicht und ward nicht gezeugt.
  
 BELL (1937)
 He brought not forth, nor hath He been brought forth;
 
 PARET (1979, 2001)
 Er hat weder gezeugt noch ist er gezeugt worden.
 
 ASAD (1980/2009)
 Er zeugt nicht und Er ist auch nicht gezeugt;
 
 KHOURY (1987, 1992)
 Er hat nicht gezeugt, und er ist nicht gezeugt worden,
 
 MAHER/AL AZHAR (1999)
 Weder zeugt Er, noch ist Er gezeugt worden.
 
 BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de), ZIRKER (2003, 2018)
 Er hat nicht gezeugt und ist nicht gezeugt worden,
 
 KARIMI (2009)
 Nicht hat Er gezeugt und nicht ist Er gezeugt.
 
 BOBZIN (2010, 2017)
 er zeugt nicht und wurde nicht gezeugt,
 
 NEUWIRTH (KTSA 2010, 194)
 Er zeugt nicht, noch wurde er gezeugt,


 
KOMMENTAR

REINHOLD zitiert hierzu den ersten Artikel des Nicäno-Konstantinopolitanum:

Wir glauben an den einen Gott,
den Vater, den Allmächtigen,
der alles geschaffen hat,
Himmel und Erde,
die sichtbare und die unsichtbare Welt.
Und an den einen Herrn Jesus Christus,
Gottes eingeborenen Sohn,
aus dem Vater geboren vor aller Zeit:
Gott von Gott, Licht vom Licht,
wahrer Gott vom wahren Gott,
gezeugt, nicht geschaffen,
eines Wesens mit dem Vater;
durch ihn ist alles geschaffen.

 

Damit knüpft Reinhold an NEUWIRTH, KTSA, 761ff, an:

„Der koranische Vers 112:3 […] klingt wie ein Echo des nizänischen Glaubenssatzes, „gezeugt – nicht geschaffen“. – Der Vers weist allerdings die Aussage des Nizänums genethenta ou poiethenta, „gezeugt, nicht geschaffen“, unmissverständlich zurück. Es ist bemerkenswert, dass er dazu einen gegenüber dem Original kaum weniger empathischen Doppelausdruck einsetzt lam yalid walam yulad, „er zeugte nicht, noch wurde er gezeugt“, also in seiner rhetorisch markanten Form eng am ‚übersetzten‘ Text bleibt. Eine negative Theologie wird hier etabliert, erreicht durch die eindeutig als solche erkennbare Inversion eines lokal  geläufigen Schlüsseltextes“. (764)

Gen 35,2 und Q 112,4


 

Köln-Merkenich, 

Montag, den, 15. Juli 2024 


Gen 35,2


Jaakob greift durch:
 
וַיֹּ֤אמֶר יַעֲקֹב֙ אֶל־בֵּיתֹ֔ו וְאֶ֖ל כָּל־אֲשֶׁ֣ר עִמֹּ֑ו הָסִ֜רוּ אֶת־אֱלֹהֵ֤י הַנֵּכָר֙ אֲשֶׁ֣ר בְּתֹכְכֶ֔ם וְהִֽטַּהֲר֔וּ וְהַחֲלִ֖יפוּ שִׂמְלֹתֵיכֶֽם׃
VOKABELN
VERBEN
סור - weichen, hier: HIFIL entfernt werden, weggenommen werden;
טהר – rein sein, rein werden;
חלף – vorbei gehen, vorüber gehen, hier HIFIL: wechseln, ersetzen, vertauschen.
ADJEKTIV
נֵכָר - fremd;
NOMEN
שִׂמְלָה – Kleidung, Kleid.
 
mE
Und Jaakob sprach zu seinem Haus und allen, die mit ihm waren: entfernt die fremden Götter, die unter euch sind und reinigt euch und wechselt eure Kleider!
 
van Dyke
فَقَا َل يَ ْعقُو ُب لِبَيْتِهِ َو ِل ُك ِل َم ْن َكا َن َمعَهُ: «ا ْع ِزلُوا الآ ِل َهةَ ا ْلغَ ِريبَةَ الَّتِي بَ ْينَ ُك ْم َوتَ َط َّه ُروا َوأَ ْب ِدلُوا ثِيَابَ ُك ْ
VOKABELN
VERBEN
عزل , i – absondern, isolieren;
طهر , u – rein sein.
ADJEKTIV
غريب pl.  غرباء  ghuraba‘ – fremd.
NOMEN
ثوب  pl.   ثياب – Kleid.
 
 
Buber/Rosenzweig
Jaakob sprach zu seinem Haus und zu allen, die bei ihm waren:
Beseitigt die Götter der Fremde, die in eurer Mitte sind!
reinigt euch! wechselt eure Gewänder!
 

Köln-Merkenich, am Dienstag, 
den 13. August 2024

 
BEOBACHTUNGEN
1
Die Jiddische Übersetzung lässt rätseln. Im letzten Teil des Verses heißt es:
בייט אובער קליידער  - bejt euber kleider
Weinreich, 698, und das neue Jiddisch-Englische-Wörterbuch von Beinfeld und Bochner, 168, weisen übereinstimmend zu diesem Wort aus: „modification, change“.
Warum hier eine Form von „bieten“ steht – das klärt das Grimmsche Wörterbuch, Band 2, Spalte 8, auf: „häufig gilt bieten im handel und wandel, bei tausch und kauf“.
Zu אובער, klärt gleichfalls Beinfeld/Bochner, 55, auf: „איבערבייטן“ - oiberbietn: „change (of clothes)“.
 
 

Köln-Merkenich, am Donnerstag/Freitag,
den 15./16. August 2024

 
2 Götter, Gottheiten, Idole
Die Pluralform von אֱלֹהִים, „Gott“, lässt in der Übersetzung Varianten zu. Im Englischen sind es einfach „gods“, KJV NAS ESV, TANAKH; so auch die französischen, dänischen und niederländischen Übersetzungen. Im Deutschen gibt es die Möglichkeit von „Göttern“ und „Gottheiten“ zu reden. Luther und die Mehrheit der deutschen Übersetzungen benutzen „Götter“. Nur die BGS spricht von „Gottheiten“. JACOB allein kann die Nähe von „Gott“ und „Göttern/Gottheiten“ sprachlich nicht gelten lassen und übersetzt „Idole der Fremde“.
Die Septuaginta übersetzt:
LXX τοὺς θεοὺς τοὺς ἀλλοτρίους
LXXD „die fremden Götter" – nach SEEBASS, 438: „anderen Götter“.


KOMMENTARE
1 FREMD
Nach HIRSCH, 432, steht  , „fremd“, nie allein, immer „in Verbindung mit einem Stat. constr.“. Es scheint darum „nicht adjektivisch der Fremde, sondern ein Substant. abstr.: die Fremde zu sein. Entsprechend übersetzt er „die Götter der Fremde“. Damit sei nicht nur das „Ausland“ gemeint, sondern auch die „nichtjüdische Welt und das nichtjüdische Wesen im Gegensatz zur Judenheit und zum Judentum“. Er stellt aber keine inhaltliche Verbindung zum Voraus erzählten Massenmord und -raub her.
SEEBASS, 436, übersetzt im Widerspruch zu HIRSCH: „Entfernt die Götter des Auslands“.

2 GÖTZEN
PHILIPPSON, 183, JACOB, 661, und SARNA, 240, verstehen in ihren Kommentaren die Gottheiten als „Götzen“, JACOB verweist auf Jos 24,23; Ri 10,16, 1Sam 7,3 und 1Chr 33,15 mit fast wortgleichen Wendungen. Deswegen bräuchte man „‘[a]n die von Rahel mitgebrachten Teraphim (31,19) allein […] nicht zu denken‘“, zitert SEEBASS, 440, JACOB, 661.
Anders SARNA, 240, es könnten die Terafime gemeint sein, die Rahel von ihrem Vater geraubt hat, vgl. 31,19. In Gen 31,30.32 heißen sie auch „Götter“ (SARNA 367, ANM. 3). Ähnlich WESTERMANN, 667: „Götterbilder werden als ‚Götter‘ bezeichnet; vgl. 31,19; Ex 20,23.“ SOGGIN, 414: „‘Die Gottheiten‘ meint hier die Götterbilder; zu ihnen steht der Gott, der Jakob erschienen ist, im Gegensatz.“
SEEBASS, 438: „Noch geht es […] um den Bruch mit der Vergangenheit im Ausland.“

3 VERHÄLTNIS ZU KAP. 34
SARNA, 239, sieht einen klaren Zusammenhang dieses Kapitels zu Kap. 34: „Chapter 34 ist dominated by the theme of defilement; this chapter opens with the subjekt of purification.“
WESTERMANN, 670f, sieht überhaupt keinen Zusammenhang der beiden Kapitel. Reinigung und Entfernung der Götter ist für ein einzig und allein auf die bevorstehende“Gottesbegegnung“, 670, bezogen. Er sieht hier eine „Kombination von Ex 19,10f. [waschen und Kleider reinigen] und Jos 24,14 [„die fremden Götter abzutun“, 670 ]“. 671, als Tat eines „späte[n] Verfasser[s] R“, 671.
SOGGIN sieht, statt einer Beziehung zu Kap. 34, viel mehr diejenige zu Jos 24,14.23 sowie Ri 10,6ff, bes. Ri 10,14.16, „dtr. Texte“, 416.
SEEBASS sieht einen Bezug, zunächst jedoch verbindet er das Kapitel mit den Erzählungen davor: Hier wird die „Heimkunft, die in Kap. 34 unterbrochen wurde“, 438, weiter erzählt.
Dann aber geht es um den „Bruch mit den im Ausland gebrauchten Kultbildern und Amuletten.“
„Man findet hier also eine Hinwendung zu Gott, die man in Kap. 34 vermisste, und durch den Akzent der Heimkunft löst sich 35,1-15 von den Feindseligkeiten in Kap. 34.“ 438.
„Nach 34,29 entführten die Jakobssöhne Gefangene aus Sichem“, 439.
Dass es sich bei der Absage an die Götter auch um die größtmögliche Entfernung von einer Gewaltgeschichte mit ihren Voraussetzungen, dem Gewaltglauben, handeln könnte, wird nicht gesehen.

*

 
 

Köln-Merkenich, am Dienstag, 
 den 20. August 2024

 

Q 112,4

وَلَمْ يَكُن لَّهُ كُفُوًا أَحَدٌ
VOKABELN
ADJEKTIV
كفو  oder كفوء - gewachsen, ebenbürtig.
 
 
mE – von Vers 1 an:
Sprich: Er, Gott, ist einer.
Gott ist der Ewige.
Er hat nicht gezeugt und ist nicht gezeugt worden.
Und es gibt für ihn nicht einen einzigen Ebenbürtigen.
 
RÜCKERT (zwischen 1836-1839)
Sprich: Gott ist Einer,
Ein ewig reiner,
Hat nicht gezeugt und ihn gezeugt hat keiner,
Und nicht ihm gleich ist einer.
 
ULLMANN (1840)
Sprich: „Allah ist der alleinige, einzige
und ewige Gott (der unwandelbare).
Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt,
und kein Wesen ist ihm gleich.“
   
HENNING (1901)
Sprich: „Er ist der Eine Gott,
Allah, der Absolute.
Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt,
Und es gibt keinen, der ihm gleicht.“
 
GOLDSCHMIDT (1916)
Sprich: Er ist der einzige Gott.
Der unwandelbare Gott.
Er zeugt nicht und ward nicht gezeugt.
Und niemand ist ihm gleich.
   
BELL (1937)
Say: „he is Allah, One,
Allah, the Eternal;
He brought not forth, nor hath He been brought forth;
Co-equal with Him there hath never been any one.”
 
PARET (1979, 2001)
Sag: Er ist Gott, ein Einziger,
Gott, durch und durch (er selbst)(?)
(wörtlich: der Kompakte) (oder: der Nothelfer(?), wörtlich:  der, an den man sich (mit seinen Nöten und Sorgen) wendet, genauer: den man angeht?).
Er hat weder gezeugt, noch ist er gezeugt worden.
Und keiner ist ihm ebenbürtig.
 
ASAD (1980/2009)
Sag: „Er ist der Eine Gott:
Gott der Ewige, die Unverursachte Ursache all dessen, was existiert,
Er zeugt nicht und Er ist auch nicht gezeugt;
und es gibt nichts, das mit Ihm verglichen werden könnte.“
 
KHOURY (1987, 1992)
Sprich: Er ist Gott, ein Einziger,
Gott, der Undurchdringliche.
Er hat nicht gezeugt, und er ist nicht gezeugt worden,
und niemand ist Ihm ebenbürtig.
 
MAHER/AL AZHAR (1999)
Sprich: „Er ist Gott, der Einzige.
Gott, der allein Anzuflehende.
Weder zeugt Er, noch ist Er gezeugt worden.
Ihm gleicht niemand.“
 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de)
Sag: Er ist Allah, ein Einer,
Allah, der Überlegene.
Er hat nicht gezeugt und ist nicht gezeugt worden,
und niemand ist Ihm jemals gleich.
 
ZIRKER (2003, 2018)
Sag: „Er ist Gott, ein Einziger,
Gott, der Allüberlegene.
Er hat nicht gezeugt und ist nicht gezeugt worden.
Nicht einer ist ihm gleich.“
 
KARIMI (2009)
Sag: „Er ist Gott, der Eine.
Gott, der Vollkommene.
Nicht hat Er gezeugt und nicht ist Er gezeugt.
Und nicht gleich ist Ihm einer!“
 
BOBZIN (2010, 2017)
Sprich: „Er ist Gott, der Eine,
Gott, der Beständige,
er zeugt nicht und wurde nicht gezeugt,
und keiner ist ihm ebenbürtig.“
 
NEUWIRTH (KTSA 2010, 194)
Sprich: Er ist Gott, einer,
Gott, der Beständige.
Er zeugt nicht, noch wurde er gezeugt,
und keiner ist ihm gleich.
 
 
BEOBACHTUNGEN
Der Zeitform dieses Verses kommt BELL am nächsten:
BELL Co-equal with Him there hath never been any one.
BUBENHEIM ahmt dies zeitliche Dimension nach, indem er „jemals“ einfügt:
BUBENHEIM „und niemand ist Ihm jemals gleich.“
 
KOMMENTAR
REINHOLD verweist auf Jes 46,5 und zitiert Jes 40,25: „Mit wem wollt ihr mich also vergleiche, dem ich gleich sei?, spricht der Heilige.“
 
NEUWIRTH, KTSA 2010, 764, führt zu diesem Vers aus:
„Dieser bisher einfach als besonders nachdrückliches Bekenntnis zum Monotheismus gelesene Vers ist auffällig. Er führt das im Koran einmalige kufuwun für ‚gleich‘ ein, um damit den theologisch schwerwiegenden Begriff homoousios, griechisch für ‚in der Natur gleich‘, wiederzugeben. Er invertiert damit aber nicht nur nizänische Bekenntnis der Wesensgleichheit Christi mit dem Vater, homoousios to patri, sondern er übertrifft es insofern, als er den bloßen Gedanken, dass irgendjemand Geschaffener mit Gott wesensgleich sein könnte, epistemisch ausschließt – von der Wesensgleichheit eines Sohnes ganz zu schweigen.“
 
Synoptisch stellt sie diese Sure neben Dtr 6,4 (s. o.) und dem Nizänum-Konstantinopolitanum, KSTA 762:

Gen 35,3 und Q 109,1

Köln-Merkenich,
am Mittwoch/Donnerstag, den 21./22. August 2024

                                                                                 

Gen 35,3

 

         וְנָק֥וּמָה וְנַעֲלֶ֖ה בֵּֽית־אֵ֑ל וְאֶֽעֱשֶׂה־שָּׁ֣ם מִזְבֵּ֗חַ לָאֵ֞ל הָעֹנֶ֤ה אֹתִי֙ בְּיֹ֣ום צָֽרָתִ֔י וַיְהִי֙ עִמָּדִ֔י בַּדֶּ֖רֶךְ אֲשֶׁ֥ר הָלָֽכְתִּי׃ 

VOKABELN

VERB

ענה - antworten.

NOMEN

מִזְבֵּחַ - Altar;

צָרָה - Not.

 

mE

Lasst uns aufstehen und hinausgehen nach Beth-El. Und ich errichte dort einen Altar für den mir am Tag meiner Not antwortenden Gott, die mit war auf dem Weg, den ich gegangen bin.

 

Buber/Rosenzweig

aufmachen wollen wir uns und hinansteigen nach Bet-El,

dort will ich eine Schlachtstatt errichten der Gottheit,

die mir erwiderte am Tag meiner Drangsal,

die bei mir gewesen ist auf dem Weg, den ich ging.

 

van Dyke

ولنقم ونصعد الى بيت ايل. فاصنع هناك مذبحا لله الذي استجاب لي في يوم ضيقتي وكان معي في الطريق الذي ذهبت فيه 

VOKABELN

VERBEN

قوم oder قام,u – aufstehen;

صعد saaida, a – aufsteigen;

صنع, a – herstellen, machen;

جوب oder جاب - durchqueren, HIER X. STAMM: reagieren, gewähren (ل eine Bitte), Folge leisten (ل dat.);

ذهب  , a – gehen.

NOMEN

ضيق  - Enge, Mangel, Sorge, Armut (Kropfitsch, Langenscheidt2023). Woher das auffällige ت vor dem Suffix? Meine Arabischlehrerin in Kairo lüftet das Geheimnis: ضيق kann auch feminin sein: ضيقة! Vielen Dank!

WEHR 642 zur femininen Form: „poverty; anguish“. Laut STEINGASS 621: „one of the stations of the moon”, ansonsten “distress” und wie Wehr.

PARTIKEL

ل - Bekräftigungspartikel.

 

BEOBACHTUNGEN

1 Wer baut den Altar?

Die Übersetzergemeinschaft in Alexandria konnte es sich offenbar nicht vorstellen, dass einer allein einen Altar errichtet. Sie verwandelt die 1. Person Singular in die 1. Person Plural:

LXX καὶ ποιήσωμεν ἐκεῖ θυσιαστήριον τῷ θεῷ 

LXXD und machen wir dort eine Opferstätte

HIERONYMUS folgt der Septuaginta:

VUL ut faciamus ibi altare 

VULD damit wir dort einen Altar errichten

Keiner der eingesehenen Übersetzungen – mit einer Ausnahme – folgt dem. Auch interessanterweise Luther 1545 nicht! Das beweist, dass Luther durchaus den Hebräischen Text zu Rate zog und nicht ausschließlich aus der Septuaginta übersetzte!

Die Ausnahme ist ein moderner Kommentator: Horst Seebass übersetzt kommantarlos:

SEEB So wollen wir aufbrechen, nach Betel hinaufziehen und dort EL einen Altar errichten 

 

2 am Tag meiner Not

Dieser Singular stört. Trotzdem wurde er über bis in die Neuzeit hinweg mit transportiert, z. B.

EIN am Tag meiner Bedrängnis 

LUTHER 1545 weicht ab:

L45 zur Zeit meiner Trübsal

Er findet einige Nachfolger: 

So die Lutherbibeln L84 und auch die Reformationsbibel L17.

SCH zur Zeit meiner Not

WESTERMANN übersetzt ohne eine Anmerkung dazu:

WEST zur Zeit meiner Drangsal

SOGG in der Zeit meines Unglücks

Die BASISBIBEL weicht dies weiter auf:

BB als ich in Not war

Ähnlich die dänischen Übersetzungen:

D83 i min trængseltid

D20 dengag jeg war i nød

Selbst die TANAKH folgt dieser Spur:

TANAKH when I was in distress

Ganz ohne Zeitbezug dann die Übersetzungen der GN GNB:

GN GNB in der Not 

 

3 Wer oder was war mit Jaakob/Israel?

Der letzte Satzteil setzt mit einer Form des Verbes היה, hajah, werden, geschehen, ein. Es steht unmittelbar hinter dem Wort צָֽרָתִ֔י, zarathi, meine Not, und müsste sich eigentlich darauf beziehen – so gelesen von Buber/Rosenzweig et moi.

Das sehen alle anderen eingesehenen Übersetzungen, von der Septuaginta und Hieronymus angefangen bis zur Basisbibel, anders. Es ist Gott, der mit auf dem Weg war – nicht die Not. Hat hier die Frömmigheit die Hand geführt? Fehlendes Mitleid mit Jaakob, der zuletzt sogar von seinen eigenen Kindern „stinkend gemacht“ wurde, Gen 34,30?

 

Köln-Merkenich, am Freitag, 
den 23. August 2024


KOMMENTARE

HIRSCH, 433, sieht Bethel in Parallele zum Sinai: „Das Hinausziehen zu der Offenbarungsstätte des Vaters in Bethel war für die Jakobsfamilie, was für ihre Urenkel die Versammlung am Sinai war.“

Das Hinaufziehen ist nach JACOB, 661, weniger auf die „300 Meter“ bezogen, die „Betel […] höher als Sichem liegt“, sondern „עלה [aalah] ist das Wort für die Wallfahrt (Ex 34,24).“ Sie ist „die Erfüllung des Gelübdes 31,13.“

PHILIPPSON, 183, erkennt als das vorherrschende „Motiv“ für Jakobs Vorhaben die „Dankbarkeit“, und verweist auf Gen 28,20.

SARNA, 240, verstärkt diesen Eindruck und erkennt in der Sprache dieses Verses liturgische Züge: „a grataeful acknowledgment of God’s benefience. Compare Psalms 20:1: ‚May the LORD answer you in time of trouble / the name of Jacob’s God keep you safe.’”

WESTERMANN, 670, sieht hier die „Sprache der Psalmen“ vorherrschen und vergleicht mit Psalm 120,1.

SOGGIN, 415, verwahrt sich – wie Westermann, 670, - gegen die Auffassung von ALT 1938 hier die „Verbindung mit einer […] alten kultischen Handlung“ zu sehen: „eine Wallfahrtszeremonie von Sichem nach bet-‘el, welche mit der Absage an heidnische Götter verbunden war.“, 416. Hier liegt eher ein deuteronimistischer Text vor, was dies Annahme Alts „unwahrscheinlich“, 415, mache. „Eindeutig sind hingegen die Parallelen zu Jos 24,14.23, einen Text, der über eine ähnliche Handlung, auch mit Sitz in Sichem berichtet, vgl. noch Jdc 10,6ff., bes. Vv 14.15“, beides deuteronomistische Texte.

Nach SEEBASS, 441, wird an die „Laban-Esau-Begegnungen im Lichte des Gelübdes aus 28,20ff“ erinnert.

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am Montag/Dienstag, 
den 26./27. August 2024

 

Q 109

بِسْمِ ٱللَّهِ ٱلرَّحْمَـٰنِ ٱلرَّحِيمِ

Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers.

Vgl. dazu die Einträge zu Q 93 vom 19.02.2021

 

 

Q 109,1

قُلْ يَا أَيُّهَا الْكَافِرُونَ

VOKABELN

PARTIKELN

يا - ach!, oh…!

أيهاa’jjuha oder أيتها a’jjatuha – oh…! (Anrede, nur vor bestimmten Artikel).

NOMEN

كافز   oder كفاز  kuffar – Ungläubige(r).

 

 

mE 

Sprich: Ach, oh ihr Ungläubigen!

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Sprich: O, ihr Leugner!


ULLMANN (1840), 

Sprich: „O Ungläubige,

 

HENNING (1901), BOBZIN (2010, 2017)
Sprich: “O ihr Ungläubigen!


GOLDSCHMIDT (1916), KHOURY (1987, 1992)

Sprich: O ihr Ungläubigen

 
BELL (1937)

Say: „O ye unbelievers,

 

PARET (1979, 2001), ZIRKER (2003, 2018)

Sag: Ihr Ungläubigen!

 

ASAD (1980/2009)

Sag: „O ihr, die ihr die Wahrheit leugnet!

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Sprich: „Ihr Ungläubigen!


BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de), 

Sag: O ihr Ungläubigen,


KARIMI (2009)

Sag: „O Ihr Leugner!

 

KOMMENTAR

PARET bemerkt, Kommentar 527/Bildschirmseite 2492: "Der Vokativ yā aiyuhā l-kāfirūna kommt übrigens sonst im Koran überhaupt nicht vor“. Eine andere Überlieferung von Ibn Mas’ud hat die Form: „yā aiyuhā lladīna kafarū, dagegen in Q 66,7. 

Gen 35,4 und Q 109,2

Köln-Merkenich,
Mittwoch/Donnerstag/Freitag und Samstag,
den 28./29./30. und 31. August 2024

                                                                                 

Gen 35,4

וַיִּתְּנ֣וּ אֶֽל־יַעֲקֹ֗ב אֵ֣ת כָּל־אֱלֹהֵ֤י הַנֵּכָר֙ אֲשֶׁ֣ר בְּיָדָ֔ם וְאֶת־הַנְּזָמִ֖ים אֲשֶׁ֣ר בְּאָזְנֵיהֶ֑ם וַיִּטְמֹ֤ן אֹתָם֙ יַעֲקֹ֔ב תַּ֥חַת הָאֵלָ֖ה אֲשֶׁ֥ר עִם־שְׁכֶֽםa׃

VOKABELN

ADJEKTIV

נֵכָר – fremd, das, die Fremde

VERB

טמן - verstecken.

NOMEN

נֶזֶם – Ring;

אֹזֶן – Ohr,

אֵלָה – Eigenname eines großen Baumes; Eiche, Terebinthe.

 

mE

Und sie gaben Jaakob alle fremden Gottheiten, die in ihrer Hand waren und die Ringe, die in ihren Ohren waren. Und Jaakob verbarg sie unter der Terebinthe, die bei Sichem ist.

 

Buber / Rosenzweig

Sie gaben Jaakob alle Götter der Fremde, die in ihrer Hand, dazu die Weihringe, die in ihren Ohren waren,

und Jaakob verscharrte sie unter der Gotteiche, die bei Sichem ist.

 

van Dyke

فَأَعْطَوْا يَعْقُوبَ كُلَّ الآلِهَةِ الْغَرِيبَةِ الَّتِي فِي أَيْدِيهِمْ وَالأَقْرَاطَِ الَّتِي فِي آذَانِهِمْ، فَطَمَرَهَا يَعْقُوبُ تَحْتَ الْبُطْمَةِ الَّتِي عِنْدَ شَكِيمَ.

VOKABELN

ADJEKTIV

غرب - fremd.

NOMEN

قرط  qurt, pl أقراط - Ohrring;

أذن  usun, pl أذان - Ohr, Henkel;

بطم – Terebinthe(n).

 

 

BEOBACHTUNGEN

1 LXX

Die Septuaginta betont das Endgültige der Trennung von den „fremden Gottheiten“. (Was diesen Ausdruck betrifft vgl. die Beobachtungen zu Gen 35,2, in diesem Vers identisch.) Die LXX ergänzt:

LXX καὶ ἀπώλεσεν αὐτὰ ἕως τῆς σήμερον ἡμέρας.

LXXD und er vernichtete sie bis zum heutigen Tag.

Keiner hat dies übernommen, auch nicht Hieronymus oder Luther.

 

2  אֵלָה, elah - Gotteiche

Frank MATHEUS verzeichnet zu diesem Wort in seinem ausgezeichneten neuen althebräischen Wörterbuch: „Eigenname eines großen Baumes; Eiche, Terebinthe“. Laut Wikipedia sind die Früchte der Terebinthe im Unterscheid zur Eiche für den Menschen ohne Weiteres essbar. Ihre Blätter tragen häufig Gallen, d. s. kleine Auswölbungen, die als Drogen bzw. medizinische Zwecke verwendet werden können.

Bereits die Septuaginta hat hier die Terebinthe gesehen, so auch Hieronymus. Ihr folgen etliche Übersetzungen. Luther, 1545, übersetzt mit „Eiche“, wohl weil er befürchtete, dass sich niemand eine Terebinthe vorstellen kann. Auch das hat Schule gemacht. Mendelssohn – sowie B/M – übersetzt mit „Linde“ und bleibt damit ein Einzelgänger. Einen eigenen Weg gehen die modernen Übersetzungen BFC und die BiG:

BUBER/ROSENZWEIG vermitteln in diesem Vers eine bemerkenswerte Assonanz: Das hebräische Wort für Gott ist אל, el. Es klingt im hebräischen Wort für diesen Baum an „אֵלָה, elah“. Buber und Rosenzweig übersetzen kongenial mit „Gotteseiche“.

Die BASISBIBEL hat sich wohl davon angesprochen gefühlt und übersetzt mit „Orakelbaum“ – die Bedeutung dieses Baumes musste abgewertet werden, die Anspielung ist verschwunden.

 

3 JEHUASCH

JEHUASCH übersetzt im zweiten Satz:

SBJ און יעקב האט זיי באהאלטן „un Jaakob hot sie boholtn“

Das Jiddisch-Englische Wörterbuch BEINFELD/BOCHER, 147, weist tatsächlich die Bedeutung „hidden, covert“ dafür aus. Das GRIMMsche Wörterbuch lässt einen diesmal im Stich auf der Suche  danach, warum „behalten“ im Jiddischen die Bedeutung „verbergen, bedecken“ angenommen hat. Ich vermute viele böse Erfahrungen … JIZCHAK KATZENELSON musste sein Epos von der Vernichtung der polnischen Juden in Warschau, „Das Lied vom ausgemordeten jüdischen Volk“ in seinem KZ-Sonderlager im Elsaß im Boden begraben, damit es erhalten bleiben konnte. Eine weitere Fassung verbarg er im Griff eines Koffers, der aus dem Lager geschmuggelt werden konnte. So konnte direkt nach der Befreiung von Paris durch die Alliierten der Erstdruck erfolgen – etwa zur gleichen Zeit mit seiner Ermordung in Auschwitz.

An dieser Stelle kann auch ein Hebraismus vorliegen. Im Hebräischen bedeutet das Verb טמן, taman, nicht nur „verbergen, verstecken“, sondern auch „beerdigen“, Hi 40,13, sowie Schätze aufbewahren, 2 Kg 7,8 (TWAT 3,366-369, D. Kellermann: Art. טמן). Hier sollen allerdings keine Schätze verborgen werden, sondern Götterbilder für immer in die Gottesferne verschwinden, 

s. u.

 

 

4 Weihringe

GN, GNB sowie BB wollen ihre Leserschaft nicht im Unklaren darüber lassen, warum – überraschenderweise – auch Ohrringe eingesammelt und begraben werden. Sie erläutern:

GN GNB und die Ohrringe, die sie als Amulette trugen

BB und ihre Amulette, die sie an den Ohren trugen

BUBER/ROSENKRANZ übersetzen mit „Weihringe“.

In der Tat sind im Alten Orient Ringe mit Gottesbildern überliefert. Sie wurden von Männern und Frauen getragen (Gerhard Fohrer: Art. „Schmuck“, BHH).

 

4 Abrenuntation

Das fremde Götter beerdigt werden bzw. allein schon, dass dies wie selbstverständlich erzählt wird, ist m. W. ein in der Antike ziemlich einmaliger Vorgang. Dies setzt m. E. die radikale Götterkritik der Propheten voraus, vgl. Mi 1,7; 2 Kg 18,4. Dass dafür ein großer Baum ausgewählt wird, erscheint nach dem antiken Weltbild mit ihren mitunter phantastisch genauen Beobachtungen folgerichtig. Mit seinen Wurzeln, dem kräftigen Stamm und seinem Wipfel, verbindet er alle drei Bereiche der antiken Lebenswelten, Unterwelt, Mitwelt und Himmel (vgl. HrwG 2,110). Wenn man Götter der Unterwelt anvertrauen will – so der von mir vermutete damals selbstverständlich vorausgesetzte Hintergrund dieser Erzählung –, dann ist das ein geeigneter Ort, wie wenn man in eine U-Bahn will, dann braucht man auch einen U-Bahn-Schacht. Liegt hier möglicherweise eine Erklärung dafür vor, warum in Israel der Totenkult – jedenfalls offiziell – verpönt war? Man könnte dann nicht nur den Verstorbenen, sondern auch den – begrabenen – Göttern begegnen. Auf jeden Fall ist die Totenwelt ein Ort der vollkommenen Gottesferne, weil keiner der Toten Gott loben kann, vgl. Ps 115,17, Jes 38,18.

 

KOMMENTARE

SARNA, 240, schreibt zu „buried them“: „This procedure ist unparalleled in the laws and narratives relating to the disposal of pagan cultic images.” In den Anmerkungen, 367, verweist er auf Ex 32,30; Dtr 9,21; 1Kg 15,13; 2 Kg 23,4; 1 Chr 14,12. „This method prescribed in Deuteronomy 7:5,25 is utter destruction, especially incineration.” (240) D. h. „normalerweise“ werden die fremden Gottheiten zerstückelt und verbrannt. Das ist – so vermute ich - wohl auch das Motiv für die Übersetzer in Alexandria, warum sie hinzufügten, dass die Gottheiten bis zum heutigen Tag dort vergraben liegen – keiner kam auf die Idee sie wieder auszubuddeln. Sarna, 240, vermutet, dass mit der Beerdigung unter diesem Baum beabsichtigt gewesen sei, „to neutralize veneration of the terebinth. This cultic objekt […] coult not henceforth be used by a monotheist.”

 

WESTERMANN, 671, hält es für sehr wahrscheinlich, dass die Ohrringe wegen ihre Funktion als Amulette mit vergraben werden. Er sieht in den Versen 2b.4 die „Einfügung“ eines Redaktors,  „der seiner Zeit entsprechend um die Reinheit des Gottesdienstes besorgt ist“, da Götterbilder  „beim Betreten des Landes Jahwes und seiner Heiligtümer beseitigt sein müssen.“ Warum die Terebinthe als Begräbnisort dient, bleibt damit offen.

 

Nach SOGGIN, 415, hat das „Verb taman, das gewöhnlich für ‚verbergen‘ steht, […] hier die im Mittleren Judentum und dann während des Mittelalters in Spanien bezeugte Bedeutung von ‚begraben‘, wo es Synonym der Wurzel qabar wurde.“

 

SEEBASS, 440, argumentiert gegen ein deuteronomistisches Verständnis dieses Textes, weil – s. SARNA – dort vorausgesetzt wird, dass die fremden Gottheiten zerstückelt und verbrannt werden. Er betont: „V. 4 meint […] nichts anderes als einen Bruch mit der Vergangenheit im Ausland […] zugunsten des persönlichen Gottes Jakobs, El von Bet-El, aber noch nicht zugunsten des einen Jahwe, dem zuliebe alle anderen Götter abgelegt werden“. Eine Unterscheidung, die ich nicht recht nachvollziehen kann.

„Da Schmuck häufig mit sakralen Symbolen versehen war (man denke besonders an Ägypten), stehen hier Ohrringe sinnvoll neben den Götterfiguren (vgl. Hos 2,15: Ringe für Baale; Ex 32,2f: für Götterbilder).“ Seebass betont: „Soziologisch ist das Familien- oder Sippenreligion, kein hochpolitischer Akt (gegen Alt).“ Das ist m. E. nicht notwendigerweise voneinander abzugrenzen, denn selbst wenn dem so sein sollte, kann gerade das Familien- oder erst recht Sippenverhalten hochpolitisch sein, wie können sonst Veränderungen in einer Gesellschaft zur Normalität werden?

 

 

*

 

Köln-Merkenich, am Dienstag, 
den 3. September 2024

 

 

Q 109,2

لَا أَعْبُدُ مَا تَعْبُدُونَ

VOKABELN

عبد , u – anbeten, verehren.

 

mE

Ich bete nicht an, was ihr anbetet.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Nicht bet‘ ich an, was ihr anbetet,


ULLMANN (1840), 

ich verehre nicht das, was ihr verehrt,

 

HENNING (1901), (GOLDSCHMIDT (1916)), KHOURY (1987, 1992), BOBZIN (2010, 2017)

Ich verehre nicht, was ihr verehrt. (verehret)

   
BELL (1937)

I serv not what ye serve,

 

PARET (1979, 2001)
Ich verehre nicht, was ihr verehrt (wörtlich: Ich diene nicht dem, dem ihr dient; dem entsprechend in den folgenden Versen),

 

 

ASAD (1980/2009)

Ich bete nicht das an, was ihr anbetet,

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Ich diene nicht dem, was ihr dient.

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de), ZIRKER (2003, 2018), KARIMI (2009)

Ich diene nicht dem, dem ihr dient,

 

 

BEOBACHTUNGEN

Die ursprüngliche Bedeutung des Verbes  عبد, aabad, ist tatsächlich „dienen“ und wird im religiösen Bereich zu „verehren, anbeten“. Seit der Al Azhar-Übersetzung wird wieder größeres Gewicht auf die ursprüngliche Bedeutung gelegt. 

Im Alten Orient hatte dieses „dienen“ nicht nur die Bedeutung von „arbeiten“, sondern konnte auch den Status kennzeichnen, beim König ein wichtiges Amt inne zuhaben, vergleichbar der ursprünglichen Bedeutung von „Minister“, vgl. TWAT 5,982-1012.

 

 

Gen 34,5 und Q 109,3

Köln-Merkenich,
Mittwoch, den 4./11. und 
Donnerstag, den 12. September 2023

                                                                                 

 

Gen 34,5

         וַיִּסָּ֑עוּ וַיְהִ֣י׀ חִתַּ֣ת אֱלֹהִ֗ים עַל־הֶֽעָרִים֙ אֲשֶׁר֙ סְבִיבֹ֣תֵיהֶ֔ם וְלֹ֣א רָֽדְפ֔וּ אַחֲרֵ֖י בְּנֵ֥י יַעֲקֹֽב׃

VOKABELN

VERB

רדף  - verfolgen, nachjagen.

NOMEN

חִתָּה - Schrecken, Angst;

סָבִיב  - Umkreis, Umgebung; adv.: ringsum.

 

mE

Und sie zogen fort. Und es geschah: Ein Gottesschrecken war über den Städten in ihrem Umkreis, so dass sie den Söhnen Jaakobs nicht hinterherjagten. 

 

Buber / Rosenzweig

Dann brachen sie auf.

Und eine Gottesscheu lag auf den Städten, die rings um sie waren,

daß sie nicht nachsetzten Jaakobs Söhnen.

 

van Dyke

ثُمَّ رَحَلُوا، وَكَانَ خَوْفُ اللهِ عَلَى الْمُدُنِ الَّتِي حَوْلَهُمْ، فَلَمْ يَسْعَوْا وَرَاءَ بَنِي يَعْقُوبَ.

VOKABELN

VERBEN

رحل , a – aufbrechen;

سعو , a oder سعى (LANE 1367) - eilen, laufen, streben (إلى   nach)

WEHR, 480: „to run after s. th. (وراء ), pursue, chase (وراء s. th.)”

NOMEN

خوف  chauf – Angst, Furcht.

PARTIKEL

حول  chaula - um, um … herum.

 

BEOBACHTUNGEN

1 LXX und VUL

Die Septuaginta ergänzt eine Ortsangabe und spricht statt von Jaakob – konsequenterweise – von Israel:

LXX καὶ ἐξῆρεν Ισραηλ ἐκ Σικιμων,  … καὶ οὐ κατεδίωξαν ὀπίσω τῶν υἱῶν Ισραηλ.

LXXD Und Israel brach aus Sichem auf,  … und sie jagten den Israeliten [wörtlich: den Söhnen Israels, mE] nicht hinterher.

Bei HIERONYMUS verschwindet nicht nur Jaakob, sondern auch Israel:

VUL et non sunt ausi persequi recedentes [ausi < audeo, ausus sum - wagen]

VULD und sie wagten nicht, die Fortgehenden zu verfolgen.

 

2  חִתַּ֣ת אֱלֹהִ֗ים, chitath älohim

Diese Wendung ist in der Hebräischen Bibel singulär. Es ist zumeist von יִרְאַ֣ת יְ֭הוָה, jir’at JHWH, die Rede, vgl. Spr 1,7; Spr 15,33; 2 Chr 19,9; Jos 22,25 oder von פַּ֥חַד אֱ֝לֹהִ֗ים, pachad älohim, vgl. Ps 36,2; 2 Chr 20,29 bzw. pachad JHWH 2 Chr 19,7.

Die eingesehenen Übersetzungen bevorzugen die Übersetzung „Gottesschrecken“ bzw. „Schrecken Gottes“ und folgen dabei der Septuaginta bzw. Vulgata:

LXX φόβος θεοῦ

LXXD Gottesfurcht

VUL terror Dei

VULD Schrecken Gottes

L17 L84 EIN ZUR HIRSCH SEEB Gottesschrecken

D20 gudsrædsel [rædsel = „Entsetzen, Greuel“]

ELB SCH BiG ZUNZ JACOB PHIL WEST Schrecken Gottes

D83 en Guds rædsel 

KJV ASV ESV terror of God

LSG terreur de Dieu

NL Gods verschrikking

GN und GNB führen weiter aus:

GN GNB Gott aber ließ … einen solchen Schrecken kommen

Ähnlich BFC:
BFC Dieu inspira une telle peur

BB Gott versetzte … in Angst und Schrecken

Luther übersetzte 1545 anders:

L45 Furcht Gottes

Das blieb ohne Nachahmer.

MENDELSSOHN löst sich von seinen Vorgängern:

M B/M Angst von Gott

JEHUASCH in seiner jiddischen Übersetzung und die amerikanische jüdische Übersetzung folgen ihm:

SBJ שרעק פון גאט   schreck fun got

TANAKH terror from God

BUBER und ROSENZWEIG beschreiten einen eigenen Weg:

B/R Gottesscheu 

Weil der hebräische Ausdruck in der Thora einmalig ist, findet sich bei Buber/Rosenzweig der Ausdruck „Gottesscheu“ auch nur einmal – an dieser Stelle.

Bei SOGGIN verschwindet Gott:

SOGG und ein großer Schrecken befiel …

 

KIERKEGAARD, der zwei Bücher über Furcht und Angst schrieb, „Der Begriff Angst“  - zu Gen 2 - und Furcht und Zittern“ – zu Gen 22 –, hat merkwürdigerweise diese Stelle m. W. in seinem Gesamtwerk nicht beachtet. Interessanterweise wird sie auch von RUDOLPH OTTO in seinem Werk „Das Heilige“ nicht wahrgenommen.

 

Dass ein furchtbarer Schrecken Menschen befallen kann, wenn ein religiöses Tabu  - und hier sogar im großen Stil und massenhaft – gebrochen wird, ist plausibel. Nichts erschreckt sosehr, wie die eigene Angst und ihre Projektionen. Hier hat es für meine Augen eher den Anschein, dass die Erzähllogik die Hand führt – wie soll es, für damalige Vorstellungen, sonst nachvollziehbar sein, dass nach solchen Massakern die Söhne Jaakobs ungeschoren davonkommen. Das würde auch die Einzigartigkeit der Ausdrücke und Vorstellungen erklären (Götter werden begraben; „Gottesscheu“).

 

KOMMENTARE

JACOB, 662, verbindet diesen Vers mit Ex 34,24, dass das Volk Gottes beim Wallfahrtsfest ungestört „von den enteigneten Völkern des Landes“ ziehen kann; „die zu ihrem Gotte wallfahrende Schar erschien ihnen wie höhere Wesen (vgl. 9,2), die sie nicht zu verfolgen wagten.“

PHILIPPSON vergleicht mit dem „Schrecken, den Gott auf die Einwohner gesandt hat“ und bezieht sich auf Ex 15,14.15.16.

Ex 15,16: „Es fiel auf sie Erschrecken und Furcht“. Hier werden jedoch andere Ausdrücke verwendet: תִּפֹּ֨ל עֲלֵיהֶ֤ם אֵימָ֨תָה֙ וָפַ֔חַד.

WESTERMANN, 671,  klammert den ganzen Vers ein. Dieser Vers, so legt er dar, beschloss ursprünglich Kap. 34, hier ist wie dort von den „בְּנֵ֥י יַעֲקֹֽב“, den „Söhnen Jaakobs“ die Rede. Warum solch ein Schrecken die Städter in Sichem und ihrem Umfeld befallen haben soll, hinge dann ziemlich in der Luft.  

Nach SEEBASS, 442, ist „Israel“ in der Septuaginta „kollektiv und nicht individuell gemeint“.

Keiner der Kommentatoren befasst sich eingehend mit der „Gottesscheu“.

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am Montag,
den 16. September 2024

 

Q 109,3

وَلَا أَنتُمْ عَابِدُونَ مَا أَعْبُدُ

VOKABEL

NOMEN

عابد Aabid,  عبادpl. Uubad  - Anbeter, Verehrer.

 

mE

Und ihr seid nicht Verehrer dessen, was ich verehre.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Noch wollt ihr beten an, was ich anbete,


ULLMANN (1840), HENNING (1901), PARET (1979, 2001), BOBZIN (2010, 2017)

und ihr verehrt nicht, was ich verehre,

  
GOLDSCHMIDT (1916)

Und ihr seid nicht Verehrer dessen, was ich verehre.

  
BELL (1937)

And ye are not servers of what I serve,


ASAD (1980/2009)

und ihr betet auch nicht das an, was ich anbete

 

KHOURY (1987, 1992)

auch ihr verehrt nicht, was ich verehre.

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Ihr wollt Gott nicht dienen, Dem ich diene.

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de), 

und ihr dient nicht Dem, Dem ich diene.

 

ZIRKER (2003, 2018)

und ihr dient nicht dem, dem ich diene.

 
KARIMI (2009)

und ihr dient nicht Dem, dem ich diene.

 
BEOBACHTUNGEN

1

Die Nominale Verwendung des Wortes „anbeten“ in diesem Vers wird – außer von mir – nur von GOLDSCHMIDT und BELL wiedergegeben. Indem dieses nicht geschieht, wird der Text an dieser Stelle geglättet.

ASSAD und KHOURY haben dementsprechend auch ein anderes arabisches Schriftbild: Khoury, Kommentar 12,589:

Das Alef in zweiter Position – Kennzeichnung des III. Stammes und hier des Nomens – rückt aus dem Zusammenhang in eine Ergänzung:

Statt „عَابِدُونَ“ hier: 

 

2

Die Al Azhar-Übersetzung hat „Gott“ eingefügt. Wenn dort stünde „dem Gott“, wäre damit offen, dass es noch andere Götter gäbe. Dieser Eindruck soll aber offenbar gerade vermieden werden. Die Gott ehrende Verwendung von Großbuchstaben wird bei Bubenheim für den verehrten und nicht verehrten Gott verwendet, was KARIMI korrigiert. ZIRKER liegt diese Geheimnistuerei fern.

 

3

Dass BOBZIN hier wortwörtlich ULLMANN folgt ist nicht frei von Ironie, da dies eine Übersetzung ist, die er an anderer Stelle verächtlich macht (im Vorwort zu seiner Neuausgabe von Rückerts Koranübersetzung, Baden-Baden 2018, S. XXXV Anm. 68, vgl. o. zu Q 92,3).

Gen 35,6 und Q 109,4

Köln-Merkenich,
Dienstag/Mittwoch, den 17./18. September 2024

                                                                                 

Gen 35,6

        וַיָּבֹ֨א יַעֲקֹ֜ב ל֗וּזָה אֲשֶׁר֙ בְּאֶ֣רֶץ כְּנַ֔עַן הִ֖וא בֵּֽית־אֵ֑ל ה֖וּא וְכָל־הָעָ֥ם אֲשֶׁר־עִמֹּֽו׃

 

mE

Und Jaakob kam nach Lus im Land Kanaan, sie ist Beth-El, er und alles Volk, das mit ihm war.

 

Buber/Rosenzweig

Jaakob kam nach Lus im Land Kanaan, das ist Bet-El, er und alles Volk, das bei ihm war.

 

van Dyke

فَأَتَى يَعْقُوبُ إِلَى لُوزَ الَّتِي فِي أَرْضِ كَنْعَانَ، وَهِيَ بَيْتُ إِيلَ. هُوَ وَجَمِيعُ الْقَوْمِ الَّذِينَ مَعَهُ.

VOKABELN

قوم  pl.  أقوام  – Volk, Leute.

 

BEOBACHTUNG

Der Einschub – „das ist Bethel“ – wird von manchen erweitert:

MENDELSSOHN erläutert

M jetzt Beth-El  B/M jetzt „Bet El“
BB das jetzt Bet-El heißt

GN GNB das auch Bet-El heißt
LUTHER hat 1545 übersetzt:

L45 die da BethEl heißt

Die modernen Lutherübersetzungen machen daraus:

L17 L84 das nun Bethel heißt

NL het tegenwoordige Bethel

 

KOMMENTARE

WESTERMANN klammert diesen Einschub ein. Für ihn ist dies eine Glosse, WEST 672. Den ganzen Vers 6 bezeichnet er als „Itinerarsatz aus P“. Er argumentiert: „Dass es aber ein zusammengesetzter Text ist, zeigt sich noch daran, dass in 1 der Ort schon Bethel heißt, in 6 noch Lus […] und erst in 7 den Namen Bethel erhält.“

Für JACOB, 662, ist dies kein Problem: Der Name Lus wird hier darum genannt, weil er für die Kanaanäer trotz aller Umbenennungen Israels nach wie vor Lus heißt: „Der Ort hießt immer noch Lus […], weil er für die Kanaaniter, daher ‚im Lande Kanaan‘ immer Lus blieb.“ 

 

 

*

 

Q 109,4

وَلَا أَنَا عَابِدٌ مَّا عَبَدتُّمْ

 

mE

und ich bin kein Verehrer dessen, was ihr verehrtet

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Noch will ich beten an, was ihr habt angebetet,


ULLMANN (1840), 

und ich werde auch nie das verehren, was ihr verehrt,

 

HENNING (1901)
Und ich werde kein Verehrer dessen sei, was ihr verehrt,

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Ich bin nicht Verehrer dessen, was ihr verehrtet.

  
BELL (1937)

I am not a server of what ye have served,

 

PARET (1979, 2001)
Und ich verehre nicht, was ihr (bisher immer) verehrt habt,

 

ASAD (1980/2009)

Und ich werde nicht das anbeten, was ihr (jemals) angebetet habt.

 

KHOURY (1987, 1992)

Weder ich werde verehren, was ihr verehrt habt,

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Ich werde nie dem dienen, dem ihr dient.

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de), 

Und ich werde (auch) nicht dem dienen, dem ihr gedient habt,

 

ZIRKER (2003, 2018)

Ich diene nicht dem, dem ihr von jeher dient,

 
KARIMI (2009)

Und ich diene nicht dem, dem ihr gedient,

 
BOBZIN (2010, 2017)

und nicht verehre ich, was ihr verehrt habt,

 

BEOBACHTUNG

1 Verbalisierung

In diesem Vers vollziehen immerhin HENNIG, GOLDSCHMIDT und BELL die Verwandlung des Nomens in ein Verb nicht nach.

 

2 Vergangenheit

Das Verb am Ende des Verses steht in der Vergangenheitsform. GOLDSCHMIDT hebt dies einfach und prägnant hervor, andere durch Zusätze:

PARET (bisher immer)

ASAD jemals

ZIRKER jeher

In Vergessenheit gerät, dass Mohammed, wenn er der Sprecher dieser Verse ist, vor seiner Bekehrung selbst zu denjenigen gehörte, von denen sich hier abgegrenzt wird.

 

 

 

Gen 35,7 und Q 109,5

Köln-Merkenich,
Donnerstag, den 19. September 2024

                                                                                 


Gen 35,7

וַיִּ֤בֶן שָׁם֙ מִזְבֵּ֔חַ וַיִּקְרָא֙ לַמָּקֹ֔ום אֵ֖ל בֵּֽית־אֵ֑ל כִּ֣י שָׁ֗ם נִגְל֤וּ אֵלָיו֙ הָֽאֱלֹהִ֔ים בְּבָרְחֹ֖ו מִפְּנֵ֥י אָחִֽיו׃

VOKABELN

VERB

גלה - das Ohr entblößen: öffnen, eröffnen, offenbaren; HIER nifal: „aufgedeckt, entblößt werden, zum Vorschein kommen; enthüllt, offenbart werden“, PONS.

ברח – fliehen.

NOMEN
מִזְבֵּחַ - Altar.

 

mE

Und er baute dort einen Altar und er rief zum Ort: Gott ist ein Gotteshaus, Beth-El, denn dort eröffneten sich ihm die Göttlichkeiten in seinem Fliehen vorm Angesicht seines Bruders.

 

Buber/Rosenzweig

Er baute dort eine Schlachtstatt

und rief dem Ort zu:

Gottheit von Bet-El!

Denn dort hatten sich die Gottmächte ihm offenbart, als er vor seinem Bruder entwich.


van Dyke

وَبَنَى هُنَاكَ مَذْبَحًا، وَدَعَا الْمَكَانَ «إِيلَ بَيْتِ إِيلَ» لأَنَّهُ هُنَاكَ ظَهَرَ لَهُ اللهُ حِينَ هَرَبَ مِنْ وَجْهِ أَخِيهِ.

VOKABELN

VERB

دعو   oder دعا  , u – rufen;

ظهر  - sichtbar werden, erscheinen, sich zeigen.

NOMEN

مذبح  pl. مذابح - Schlachthof, Altar [gleiche Wort wie im Hebräischen!];
 هرب  - Flucht;

وجه  pl. وجوه - Gesicht, Antlitz.

PARTIKEL
حين - zur Zeit von, während.

 

BEOBACHTUNGEN

1 rief zum Ort

Die Wendung וַיִּקְרָא֙ לַמָּקֹ֔ום, jikrah lamakom, ist schon etwas ungewöhnlich. Sie erscheint nur noch in Ri 15,17; 2 Sam 2,16; 2 Sam 6,8 und 1 Chr 13,11. Sonst heißt es z. B. „rief den Namen (von etw.) N.N.“, vgl. Gen 26,20. Diese Zuwendung zum Ort geben wieder:

SBJ  און האט גערופן דעם ארט, un hot gerufn dem ort

SEEB und rief der Stätte zu – er verweist auf Gen 33,20;

B/R rief dem Ort zu:

mE rief zum Ort

 

2 offenbaren

ZOBEL, TWAT, 1, 1020, führt als Grundbedeutung des Verbs גלה, galah, „‘entblößen‘, ‚enthüllen‘ und ‚auswandern‘, ‚weggehen‘, in die Verbannung gehen‘“ an. Im Nifal, mit der Grundbedeutung „reflexiv oder passiv“, Mattheus, Studiengrammatik, 50, erhält es die Bedeutungen: „aufgedeckt, entblößt werden, zum Vorschein kommen; enthüllt, offenbart werden“. In den Übersetzungen ergeben sich zwei Gruppen: 



JEHUASCHs Übersetzung ist bemerkenswert:

SBJ  אנט¯פלעקט  - ent-plekt. 

Das GRIMMsche Wörterbuch, 3,519 führt an: „ENTFLECKEN,  purgare macalas, STIELER 498.“

 

3 Gott von Beth-El

Die Gottesbezeichnung "El" erscheint in diesem Vers drei Mal, einmal vor der Ortsbezeichnung, dann im Ortsnamen und schließlich im Plural, s.u. Die Wendung „אֵ֖ל בֵּֽית־אֵ֑ל“ , el beth-el, ist grammatisch gesehen ein Nominalsatz. JACOB gibt dies wieder: „El ist in Bet-El“.

Bereits die Septuaginta sieht hier wohl eine unnötige Verdoppelung und lässt vor dem Ortsnamen die Gottesbezeichnung weg:

 

LXX  καὶ ἐκάλεσεν τὸ ὄνομα τοῦ τόπου Βαιθηλ

LXXD und er gab dem Ort den Namen Bethel

Hieronymus übersetzt den Ortsnamen und eifert ansonsten der Septuaginta nach und lässt die Gottesbezeichnung fort

VUL et appellavit nomen loci Domus Dei

VULD und nannte den Namen des Ortes ›Haus Gottes‹.

Dem folgen L84 L17.

Luther selbst übersetzte 1545 jedoch 

L45 vnd hies die stet ElBethEl

Dies verbunden mit der Anmerkung: „Das ist / Gott zu BethEl.“

Alle anderen eingesehenen Übersetzungen formulieren wie die KJV mit „El-Beth-El“ oder wie die EIN „Gott von Bet-El“

 

3 Gottheiten – Gott

Der Plural אֱלֹהִ֔ים, älohim, Gottheiten, Götter, vgl. Gen 35,2, wird, verbunden mit einem Verb im Singular, immer im Singular übersetzt. Hier aber steht das Verb im Plural נִגְל֤וּ, naglu. Es müsste also auch für das Nomen ein Plural folgen. Einige jüdische Übersetzungen geben diesen Plural wieder. Alles überragend HIRSCHs Übertragung:

HIRSCH denn dort waren ihm die göttlichen Beziehungen offenbar geworden

JACOB denn dort hatten sich ihm Göttliche offenbart

B/R Denn dort hatten sich die Gottmächte ihm offenbart

mE denn dort eröffneten sich ihm die Göttlichkeiten

Zur Untermauerung meine Wendung kann ich aus dem GRIMMschen Wörterbuch, 8,1382, anführen:  „vereinzelt im plural: wieviel seliger noch die hellen aussichten (des gläubigen christen) in künftige endlose äonen, deren jede sich näher um die gottheit drehet, jede von neuen offenbarungen verklärt. jede eine enthüllung neuer göttlichkeiten Wieland ges. schr. I 2, 347“

 

4 NB Perspektivwechsel

Mitten im Vers erfolgt ein Perspektivwechsel. Auf die Erzählebene folgt die Kommentarebene.

 

Köln-Merkenich, am Freitag, 
den 20. September 2024

 

KOMMENTARE

HIRSCH, 433, bezieht das Bethel aus Jaakobs Flucht, s. Gen 28,19, auf das „Haus“, seine Familie mitsamt allen Kindern und geraubten Frauen, mit dem Jaakob an diesen Ort zurückkehrt: „Jetzt, da er mit einem solchen ‚Hause‘ an die Stätte zurückkehrt, vereinigt er damit den Gedanken, wie in der Gewährung der geistigen und materiellen Kraft zur Erbauung eines solchen „Gotteshauses“ selbst sich die allmächtig waltende Gottheit offenbart, wie […] ein jedes wahrhafte „Gotteshaus“ nicht nur seiner Bestimmung, sondern auch seiner Entstehung nach ein Haus Gottes ist“ und übersetzt mit, 434, „‘Gott des Gotteshauses‘“.

Die Pluralität in der Gottesvorstellung verbindet HIRSCH, 434, mit folgenden Stellen: Dtr 4,7: „Denn wo ist so ein herrliches Volk, dem Götter so nahe sind…“ sowie Jos 24,15f.19; 2 Sam 7,23; 1 Sam 17,26.36 und Jer 10,11; Jer 23,35. Er ergänzt: Es „ waren doch Frauen und Kinder auch Schechem, wie es (oben V. 29) scheint bei ihnen […] Ihnen macht er es an dieser Stätte klar, wie das, was die übrige Welt in ihren Göttern als „betrogene Betrüger“ vergebens sucht, er in Wahrheit in dem  אל בית אל [el beth el] gefunden, der ihm eben hier offenbar geworden.“

JACOB, 662, erinnert an Gen 28,12: Jaakob erschien damals in Bet-El „‚die‘ Elohim, d. h. die Engel“. 

Auch PHILIPPSON, 184, versteht den Plural der Gottesbezeichnung als Hinweis „auf die im Traumgesicht 28,12. geschauten Engel“.

SARNA, 241, möchte dies auch so verstehen, gesteht aber zu, „that these angels dit not ‚reveal‘ themselves, that is, address him“.

Da für WESTERMANN, 672, hier sowieso der Redaktor „R“ am Werk ist, ist für ihn der Wechsel der Ebenen – von der Erzähl- zur Kommentarebene – kein Thema. 

Westermann verteilt bezogen auf die Pluralformen der Gottesbezeichnung die Gewichte für Singular und Plural umgekehrt: „ אלהים [älohim] wird als Plur. kontruiert, נגלו [naglu] aber in singularischer Bedeutung, wie in Gn 20,13.“ Dort steht das Verb התעו, hitaau, hiffil von „wandern“,  תעה[taaha], im Plural, ist aber im Singular gemeint. Auch Westermann bezieht diese Stelle auf Gen 28 zurück.

SOGGIN, 414, hingegen betont: „Man beachte auch den Plural des zu ‘elohim gehörigen Verbs, wo die alten Übersetzungen den Singular gelesen haben.“

SEEBASS, 442, sieht hier – im Anschluss an ZOBEL, TWAT 1,1018-1031, s. o. – bezogen auf das Verb גלה, galah, „das typisch alttestamentliche Verständnis von Offenbarung“ am Werk, „da der Terminus das Öffnen des Ohrs und das Ergehen des Gotteswortes mitumfasst.“

 

*

 

Köln-Merkenich, am Sonntag, 
den 22. September 2024

 

 

Q 109,5

وَلَا أَنتُمْ عَابِدُونَ مَا أَعْبُدُ

 

mE (Verse 1-5)

Sprich: Ach, oh ihr Ungläubigen!

Ich verehre nicht, was ihr verehrt.

Und ihr seid nicht Verehrer dessen, was ich verehre.

Und ich bin kein Verehrer dessen, was ihr verehrtet

und ihr seid nicht Verehrer dessen, was ich anbete.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) (Verse 1-5)

Sprich: O, ihr Leugner!

Nicht bet‘ ich an, was ihr anbetet,

Noch wollt ihr beten an, was ich anbete,

Noch will ich beten an, was ihr habt angebetet,

Noch sollt ihr beten an, was ich anbete.


ULLMANN (1840), 

und ihr wollt nie das verehren, was ich verehre.

 

HENNING (1901)
Und ihr werdet keine Verehrer dessen sein, was ich verehre.

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Und ihr seid nicht Verehrer dessen, was ich verehre.

  
BELL (1937)

Nor are ye servers of what I serve,

 

PARET (1979, 2001)
und ihr verehrt nicht, was ich verehre.

 

ASAD (1980/2009)

und ihr werdet auch nicht (jemals) das anbeten, was ich anbete.

 

KHOURY (1987, 1992)

noch werdet ihr verehren, was ich verehre.

 

 MAHER/AL AZHAR (1999)

Ihr werdet Gott nicht dienen, Dem ich diene.

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de), 

Und ihr werdet nicht DEM dienen, Dem ich diene.

 

ZIRKER (2003, 2018)

und ihr dient nicht dem, dem ich diene.

 
KARIMI (2009)

und ihr dient nicht Dem, dem ich diene.

 
BOBZIN (2010, 2017)

und ihr verehrt nicht, was ich verehre.


BEOBACHTUNG

1 Verdoppelung

Die identische Verdoppelung des Verses 3 an dieser Stelle lässt zwei Klassen von Übersetzungen erkennen – hier scheidet sich Spreu vom Weizen: Solche, die dem Wortlaut vertrauen und solchen, die in der Übersetzung auslegen – ohne es kenntlich zu machen. Rückert gibt hier den Ton an: Die drei letzten z. T. gleichlautenden abgrenzenden bzw. – eher beschreibend genannt – unterscheidenden Verse verteilt er auf die drei Zeiten Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Ähnlich ULLMANN, HENNIG, besonders ausführlich ASAD, aber überraschenderweise auch KHOURY sowie die AL-AZHAR mit MAHER – die noch „Gott“ einfügt, vgl. 109,3. Hingegen bleiben beim Wortlaut als erster GOLDSCHMIDT dann BELL, PARET, ZIRKER, KARIMI und BOBZIN.

Rhetorisch dient die Wiederholung der Verstärkung – vorausgesetzt es handelt sich um denselber Sprecher. Das Historische Wörterbuch der Rhetorik, HWRh, 9, 1372, führt aus: „Wiederholungsfiguren haben nach Ansicht der antiken Rhetoriker eine doppelte Funktion (duplex ratio): Sie dienen primär der ‚Vereindringlichung die meist affektbetont‘ [5] ist. Zentrale Funktion repetitiver Wortfiguren ist also die Erregung von Emotionen im Zuhörer.“ Sie wird auch die „‘Pathosformel‘“ genannt. BELEG: Lausberg, Handbuch §§ 608.

 

2 Verbalisierung

Erneut wird von den meisten Übersetzern das Nomen „Verehrer“ verbalisiert, die Ausnahmen bilden HENNING, GOLDSCHMIDT, BELL et moi. Zur Pluralform s. u. 

 

 

Köln-Merkenich, am Samstag/Sonntag,
den 21./22. September 2024

 

NB: Korrektur zu Q 109,3

Meine Arabischlehrerin aus der am längsten ununterbrochen besiedelten Stadt der Welt, dem pharaonischen und biblischen On, antiken Heliopolis, heutigem Matareya in Kairo, versicherte mir, dass das arabische Wortعابد  , Aaabid, Diener, Knecht, Anbeter, Verehrer, auch einen regelmäßigen Plural kennt, also nicht nur عباد , Uubbad (vgl. PONS, LANGENSCHEIDT, LANE etc.), sondern eben auch عابدون  , Aaabiduna. Das deutet auf eine sprachlich-lokale Besonderheit hin, möglicherweise eine Dialektform. Diese ungewöhnliche Form des Plurals bezeugen STEINGASS 659 und A. A. NADWI, Vocabulary of the Holy Quran,393.

Gen 35,8 und Q 109,6


Köln-Merkenich,
am Montag, den 23. September 2024

                                                                                 

 

Gen 35,8

        וַתָּ֤מָת דְּבֹרָה֙ מֵינֶ֣קֶת רִבְקָ֔ה
וַתִּקָּבֵ֛ר מִתַּ֥חַת לְבֵֽית־אֵ֖ל תַּ֣חַת הָֽאַלֹּ֑ון וַיִּקְרָ֥א שְׁמֹ֖ו אַלֹּ֥ון בָּכֽוּת׃

VOKABLEN

VERB

קבר  - beerdigen, begraben. 

NOMEN

מֵינֶקֶת oder מֵנֶקֶת – Amme;

אַלּוֹן - Eiche.

 

mE

Und Debora starb, Rebekkas Amme; und sie wurde unterhalb Beth-Els begraben, unter der Eiche; und man rief ihren Namen „Träneneiche“.

 

Buber / Rosenzweig

Debora, die Amme Ribkas, starb,

sie wurde begraben unterhalb von Bet-El, unter der Steineiche,

und die nannte man Steineiche des Weinens.

 

van Dyke

وَمَاتَتْ دَبُورَةُ مُرْضِعَةُ رِفْقَةَ وَدُفِنَتْ تَحْتَ بَيْتَ إِيلَ تَحْتَ الْبَلُّوطَةِ، فَدَعَا اسْمَهَا «أَلُّونَ بَاكُوتَ» .

VERBEN

مات  , u – sterben;

دفن  , i – beerdigen, begraben.

NOMEN

مرضع oder مرضعة – Amme;

بلوط - sg. بلوطة – Eiche.

 

BEOBACHTUNGEN

1 Eichel
Die deutsche Septuagintaübersetzung vermerkt sehr genau, dass im Griechischen statt „Eiche“ „Eichel“ übersetzt wurde:

LXX κατώτερον Βαιθηλ ὑπὸ τὴν βάλανον

LXXD unter der Eiche Anm.: „wörtlich Eichel

Im Altgriechischen wird Eiche mit δρυς, drys, bzw. Steineiche mit σμιλαξ, smilax, oder  αρία, aria, übersetzt, DNP 3,904. Ob das in Alexandria anders war?

 

2 אַלֹּ֥ון בָּכֽוּת, ‘allon bachuth, Eiche des Weinens

So die wörtliche Übersetzung. 

So hat auch HIERONYMUS übersetzt:

VUL quercus Fletus

VULD Eiche des Weinens

Interessanterweise ist hier einer der wenigen Fälle, wo Buber/Rosenzweig Hieronymus folgen:

B/R Steineiche des Weinens

ZUNZ Eiche des Weinens

So auch die dänischen und französischen Übersetzungen:

D83 D20 Grædeegen

SBJ chêne des pleurs

SBJ in der Anmerkung: איכנבוים פון געוויין,   aichenbeum fun gewein

Andere betonen den Anlass des Weinens, die Klage:

(L17 L84 L45 SCH GN GNB M M/B) ZUR Klage-Eiche (Klageeiche)

Eine dritte Familie betont die Tränen:

EIN BiG mE Träneneiche

Eine Gruppe übernimmt den Eigennamen als Fremdwort, (z. T. mit nachfolgenden Übersetzung)

KJV Allon-Bachut vgl. ESV ASV TANAKH van Dyke (SBJ M M/B ZUNZ)

 

3 Tod der Amme Deborah

M. E. kann es kulturgeschichtlich nicht hoch genug angesehen werden, dass der Tod einer Amme überhaupt und dann auch noch namentlich erwähnt wird. In der antiken Literatur, z. B. antiken Dramen bleiben Ammen meistens namenlos (Aischylos: Orestie; Euripides: Medeia, Hippolytos, Andromache; Menander: Die Samierin). Sterben und Tod der angeblich Großen wird in der Antike ausführlich erzählt – z. B. Hektors Bestattung seines besten Freundes Patroklos im vorletzten Gesang der Ilias –, aber die Erzählung oder den Bericht vom Tod einer Amme suche ich in der antiken Literatur vergeblich. Ich bin versucht zu vermuten: Mindestens an dieser Stelle in der Genesis waren Frauen am Werk!

 

 

Köln-Merkenich, 
am Dienstag, den 24. September 2024

 

KOMMENTARE

HIRSCH, 434, kann sich keinen Reim darauf machen, „[w]ieso diese, jedenfalls hochbetagte Frau, sich in Jakobs Begleitung befunden […] Der Name des ihr Grab überschattenden Baumes zeigt jedenfalls die Pietät Jakobs für seine Mutter, die er selbst in ihrer betagten Amme also geehrt, dass er deren Verlust schmerzlich beweinte.“

JACOB, 663, verweist auf Gen 24,59: Laban lässt seine Schwester Rebekka „ziehen mit ihrer Amme“ (L17). Er zitiert jüdische Ausleger („Raschi, BSch., Chisk., Redak, Del.") die annehmen, „[D]ass sie der [Gen] 27,45 von Rebekka angesagte Bote an Jakob gewesen sei, was Ramb. bei ihrem hohen Alter für unwahrscheinlich hält, daher er eine andere „Amme“ […] annimmt. Der Midrasch meint, dass auf den Tod Rebekkas, der sonst nicht gemeldet wird, angespielt werde und (Ramb.) daraus sich die Klage erkläre, aber das ist Haggada“, d. i. Erzählkunst. Mit „Ramb.“  ist RaMBaN gemeint, dies ein Akronym für Nachmanides, 1194–1270.

SARNA, 241, widmet dem Vers ein eigenes Kapitel: Der Tod von Frauen wird in der Torah nur ausnahmsweise erzählt, „even the deaths of the matriarchs Rebekah and Leah are passed over in silence.“ Warum also dieser Bericht?, und verweist auf jüdische Ausleger, die dies mit Bezug auf Gen 27,45 erklären, s. o. Dies ist, so rekonstruiert Sarna, 367, Anm. 10, aufgrund des Alters, das die Amme dann haben müsste, „at age 130“ schwer möglich.

Sarna hält es für möglich, dass es Debora-Überlieferungen gab, die keinen Eingang in die Torah gefunden haben. Das Begraben der Gottesbilder unter der Terebinthe, s. Gen 35,4, mag als Stichwortanschluss gedient haben. Sarna vermutet darüber hinaus eine weitere, tiefere Bedeutung: „With the purging of idolatry and the arrival at Bethel, the contacts with Mesopotamia, maintained by each of the patriarchs, are finally and decisively served. The mention of the death of Deborah thus becomes appropriate here for she was a living symbol of that connection.” 

WESTERMANN, 672, verbindet den Vers mit den Wegangaben der Verse 16-20. Dieser Vers stehe „im gleichen Zusammenhang, in dem der Tod Isaaks berichtet wird, 28-29; zu seiner Generation gehört auch noch die Amme Rebekkas.“ Westermann historisiert, 673: „Der Tränenbaum […] erinnert an das Begräbnis nur einer Magd, die aber als Amme der Ahnmutter zur Familie gehört und an die nach ihrem Tode noch lange gedacht wird.“

SOGGIN, 416, vermutet religiöse Bezüge zu antiken Kulten: „Die Erwähnung des Baumes als ‚Träneneiche‘ lässt an eine ursprüngliche Verbindung mit einer sterbenden und wiederauferstehenden Gottheit, deren Tod man beweint, denken, eine Verbindung, die später dadurch verharmlost wurde, dass sie der Erwähnung der Amme weichen musste, von deren Schicksal seit Jakobs Flucht vor Laban nichts mehr gehört wurde.“

SEEBASS, 442, sieht hier eine „weiter Lokaltradition Betels“ und fragt: „Was machte Rebekkas Amme so gewichtig, dass für sie eine Lokaltradition entstand? Vielleicht, weil an der Tränen-Eiche so manche abhängige Frau ihr Herz ausweinen konnte.“ Sie steht stellvertretend für Rebekka. Sein Fazit, 443: „Die Abhängige und der Verheißungssohn Israel gehören zusammen.“

 

 

*

 

 

Q 109,6

لَكُمْ دِينُكُمْ وَلِيَ دِينِ

VOKABEL

NOMEN

دين  pl. أديان – Glaube, Religion.
 

mE 

Für euch euren Glauben und für mich einen Glauben.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Euch euer Gottesdienst und mir der meine!

 

ULLMANN (1840), 

Ihr habt eure Religion, und ich habe meine.“

 

HENNING (1901)

Euch euer Glaube und mir mein Glaube!“

   

GOLDSCHMIDT (1916), BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de), 

Euch eure Religion und mir meine Religion.

  

BELL (1937)

Ye have your religion, and I have mine.”

 

PARET (1979, 2001)

Ihr habt eure Religion und ich die meine.

 

ASAD (1980/2009)

Für euch euer Moralgesetz und für mich meines!“

 

KHOURY (1987, 1992), MAHER/AL AZHAR (1999)

Ihr habt eure Religion, und ich habe meine Religion.

 

ZIRKER (2003, 2018)

Ihr habt eure Religion und ich meine.“

 

KARIMI (2009)

Euch eure Religion und mir meine.“

 

BOBZIN (2010, 2017)

Euch eure Religion und mir die meine!“

 

BEOBACHTUNG

1 euer Glaube

Von RÜCKERT bis BOBZIN lassen die Übersetzungen vermuten, dass in diesem Vers zwei Personalpronomen vorkommen, „eure“ und „meine“ („Religion“ bzw. „Glauben/Gottesdienst“). Dem ist nicht so. Durch die  – N. B. nachträgliche – Vokalisation wird der Eindruck erweckt, es würde ein Suffix für die 1. Person Singular folgen – was nicht der Fall ist. 
Im Text erscheint die eigene Position bestimmt, aber zurückhaltend.

 

2

Im Unterschied zu der Abgrenzung wie sie in den mittleren Versen erscheint, „was ihr verehrt, verehre ich nicht“, wird hier der Eindruck einer wohlwollenden Gleichgültigkeit vermittelt, wie ich sie im ägyptischen Alltag zwischen Christen und Muslimen kennen- und schätzengelernt habe. Im Notfall tritt man füreinander ein – Muslime haben sich nach einem Bombenattentat auf eine Kirche in Alexandria am darauffolgenden Sonntag schützend vor ihre Nachbarkirche gestellt; viele Christen leisten vielfältige Dienste für das Gemeinwohl z. B. in sozialen Einrichtungen – ansonsten weiß man von der Verschiedenheit, aber interessiert sich nicht weiter dafür. Offenbar eine bewährte Form des Zusammenlebens, die sich auf diesen Vers berufen kann.

 

KOMMENTAR

ASAD, 1193 Anm. 3, vermerkt: „Die primäre Bedeutung von din ist ‚Gehorsam‘; insbesondere Gehorsam gegenüber einem Gesetz oder etwas, das als System bestehender – und daher bindender – Bräuche verstanden wird, d. h. etwas mit moralischer Autorität Versehenes: daher ‚Religion‘, ‚Glauben‘ oder ‚religiöses Gesetz‘ im weitesten Sinn dieser Begriffe […]; oder einfach ‚Moralgesetz‘.“ 

Hier möchte der Interpret den Wortlaut bestimmen. Diese Anmerkung ist anachronistisch. Sie setzt begriffsgeschichtlich zum einen – „Moralgesetz“ – Kant bzw. Friedrich Nicolai, Fichte und besonders Schiller voraus, vgl. „Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute“, https://www.dwds.de/r/?corpus=dtaxl&q=Moralgesetz – eingesehen am 24.09.2024. 

Zum anderen wurde der Begriff „Religion“ als übergreifende Bezeichnung verschiedenster Glaubensgemeinschaften erst von Schleiermacher geschaffen (vgl. HrwG 4,420). Beide Begriffe werden sowohl von ASAD als auch anderen, s. o.,  in den Korantext hineinprojiziert.

 

NACHTRAG zu Q 109, 3-5:
Nach BELL, 682, habe diese Sure ursprünglich nur aus den Versen 1,2 und 6 bestanden, die Verse 3-5 „which really add nothing to the sense, have been added later, to strengthen the statement by repitition. But that is hardly probable“.

Gen 35,9

 

Köln-Merkenich,
Mittwoch/Donnerstag/Montag, 
den 25./26./30. September 2024

                                                                                 


Gen 35,9

         וַיֵּרָ֨א אֱלֹהִ֤ים אֶֽל־יַעֲקֹב֙ עֹ֔וד בְּבֹאֹ֖ו מִפַּדַּ֣ן אֲרָ֑ם וַיְבָ֖רֶךְ אֹתֹֽו׃

 

mE

Und Gott erschien Jaakob nochmals als er von Paddan-Aram kam und er segnete ihn.

 

Buber/Rosenzweig

Gott ließ von Jaakob sich noch einmal sehen, als er aus der Aramäerflur gekommen war,

und segnete ihn.

 

van Dyke

وَظَهَرَ اللهُ لِيَعْقُوبَ أَيْضًا حِينَ جَاءَ مِنْ فَدَّانَِ أَرَامَ وَبَارَكَهُ.

VOKABEL

PARTIKEL 

حِينَ - zur Zeit von, bei; zur Zeit, da; während.


 

BEOBACHTUNGEN

1 וַיֵּרָ֨א אֱלֹהִ֤ים , wajira‘ älohim

Diese zunächst gewöhnlich klingende Formulierung ist jedoch in der Torah äußerst selten. Nur noch in Ex 2,25 heißt es

וַיַּ֥רְא אֱלֹהִ֖ים אֶת ־בְּנֵ֣י יִשְׂרָאֵ֑ל

L17 Und Gott sah auf die Israeliten

Mit älohim sonst nur noch in 2 Chr 1,7

נִרְאָ֥ה אֱלֹהִ֖ים לִשְׁלֹמֹ֑ה

B/R ließ Gott sich von Schlomo sehen

Sonst ist von JHWH oder von ‘alau die Rede:

Gen 18,1: וַיֵּרָ֤א אֵלָיו֙

L17 Und der HERR erschien

B/R ER ließ […] sich sehen

Vgl. Gen 26,2; Gen 26,24.

In der Tat steht das Verb hier im NIFAL, also im Stamm, der eine reflexive oder passive Bedeutung vermittelt. Diese Nuance vermittelt die Übersetzung mit dem Wort „erscheinen“ nicht. Dennoch wird allermeist so übersetzt, L17 L84 L45 etc.

KJV etc. „appeared“, 

LSG BFC apparut

NL verscheen

Reflexiv aber war noch die älteste dieser Übersetzungen in Alexandria:

LXX Ὤφθη δὲ ὁ θεὸς Ιακωβ

LXXD Gott aber zeigte sich Jakob

HIERONYMUS aber übersetzt bereits:

VUL apparuit autem iterum Deus Iacob

VULD Aber Gott erschien Jakob wiederum

Ihm folgen dann die Mehrzahl der Übersetzungen.

Reflexiv sind dann erst wieder folgende Übersetzungen:

D83 åbenbarede sig – offenbarte sich

D20 viste sig – zeigte sich

B/R ließ sich  sehen

JEHUASCH übersetzt kongenial:

גאט האט זיך ווידער באוויזן  , got hat sich wieder bewiesn

Passiv übersetzt Hirsch:

HIRSCH Es ward Gott nochmals dem Jaakob sichtbar

 

2 ORTSANGABE

Gottes Erscheinen wird in der LXX in Lus – aus Gen 35,6 entnommen und mit Beth-El gleichgesetzt – verortet, :

LXX Ὤφθη δὲ ὁ θεὸς Ιακωβ ἔτι ἐν Λουζα

LXXD Gott aber zeigte sich Jakob noch einmal in Luza

 

3 PADDAN-ARAM

Die LXX versteht dies offenbar nicht als Eigenname, sondern übersetzt:

LXX παρεγένετο ἐκ Μεσοποταμίας τῆς Συρίας

LXXD als er aus Mesopotamien in Syrien

HIERONYMUS sieht es genauso:

VUL postquam reversus est de Mesopotamiam Syriae

VULD nachdem er aus dem Mesopotamien Syriens zurückgekehrt war

Hier wird – so die Fußnote zum gleichlautenden Teil in Gen 33,18 –  an den „assyrischen Teil Mesopotamiens“ gedacht.
Von Mesopotamien sprechen L84 L45 GN GNB BB und ZINK

Die BiG nähert sich Hiernoymus an:

BiG aramäischen Mesopotamien

Ansonsten wird die Bezeichnung „Paddan-Aram“ übernommen, L17 ELB ZUR etc.

 

 

KOMMENTARE

JACOB, 663f, betont, wie wichtig es ist, dass „das Subjekt zu וַיֵּרָ֨א hier Elohim ist, während es bei Abraham (12,7; 17,1; 18,1) und Isaak (26,2-4.24) stets J-h-w-h gewesen war. Jakob / hat schon nicht mehr die gleichen intimen Offenbarungen. Die Art der Erscheinung wird dem Träume 28,12ff gleichgesetzt.

WESTERMANN, 673, erläutert: „Das Verb ברך ist zu einer Bezeichnung für die Verheißung geworden wie in Gn 48,3 (fehlt Gen 17,6).

SOGGIN, 416, sieht hier die Priesterschrift, P, am Werk: „Nach ‚P‘ ist dies der Anfang des Volks Israel.“ Dabei stört, dass in V 14 eine Kulthandlung beschrieben wird, denn „ ‚P‘ kennt keine vor der Offenbarung am Sinai; auch sind ‚P‘ Stelen unbekannt (Westermann)“, und so fragt Soggin, „könnte es sich um einen redaktionellen Zusatz handeln, am Schluss des Abschnitts?“

SEEBASS bezieht eine Teil des ersten Verses auf Gen 33,18: „V9aβ  ist mit 33,18aβ gleichlautend.“ – „nachdem er aus Paddan-Aram gekommen war“.

 

 

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch,
 den 25. September 2024

 

NACHTRAG zu GEN 35,8 – KOMMENTAR von J. ALBERTO SOGGIN

SOGGIN, 416, hatte angenommen, dass hier „eine ursprüngliche Verbindung mit einer sterbenden und auferstehenden Gottheilt, deren Tod man beweinte“ vorläge. Diese Vermutung steht beziehungslos da und wird von keinem Beleg gestützt. Damit leistet er religionswissenschaftlich vergleichendem Ansatz einen Bärendienst und macht ihn mit dieser Nachlässigkeit unglaubwürdig.

 

In der Tat wurden in der Antike Gottheiten mit Bäumen identifiziert oder standen ihnen nahe: Attis erscheint nach seinem Tod als Pinie / Kiefer, DNP 6,954. Die Zeus-Eiche von Dodona gibt Orakel, Homer, Ilias 16,233-235 (DNP  2,506). Die Eiche galt als sein heiliger Baum. Im pharaonischen Ägypten speist eine Göttin im Ischedbaum  Tote (Bonnet, Reallexikon der Ägyptischen Religionsgeschichte, RÄG, 21971, 82). Im Grab von Thutmosis III. wird der Pharao von einem Isched-Baum – an welchen Baum dabei genau gedacht wird, ist umstritten – genährt. Der Baum selbst also ist die Amme und wird mit Isis angesprochen, RÄG 83:

Der Tote Osiris soll auf Sykomorenzweig gelegt werden, RÄG 83. Isis beweint ihn und erweckt ihn zu neuem Leben. Gottfried Quell, TWNT 3,84, vermutet, dass die klangliche Nähe dieses Baumnamens mit dem Gottesnamen אל „El“, daher rührt, dass „El“ als „Macht“ verstanden wurde: „Vielleicht heißt auch im Zusammenhang mit אל Macht der gewaltige, imponierende Baum, dessen Verehrung bei den Kanaanäern üblich war, im Hebräischen אלה  [elah]: der machthaltige Baum.“ 

Zur Verehrung der Eiche vgl. Ovid, Metamorphosen 8. Buch (Dichtung der Antike, Berlin 2000, Bildschirmseite  12.626 / Ovid, Werke, Berlin 1973, Bd. 1,206): 

„Dort, vieljährigen Stamms, war eine gewaltige Eiche,
Selber ein Wald. In der Mitte umgaben Erinnerungstafeln,
Bänder und Kränze den Baum, Beweise erhörter Gelübde.
Unter ihm drehten sich oft die Dryaden im festlichen Reigen“.

Dryaden waren die Nymphen der Eichen.

SOGGINs Vermutung verweist also m. E. am ehesten in die ägyptische Richtung.

Gen 35,10 und Q 97,1

Köln-Merkenich,
am Mittwoch/Freitag, den 2./4. Oktober 2024

                                                                                 

Gen 35,10

וַיֹּֽאמֶר־לֹ֥ו אֱלֹהִ֖ים שִׁמְךָ֣ יַעֲקֹ֑ב לֹֽא־יִקָּרֵא֩ שִׁמְךָ֨ עֹ֜וד יַעֲקֹ֗ב כִּ֤י אִם־יִשְׂרָאֵל֙ יִהְיֶ֣ה שְׁמֶ֔ךָ וַיִּקְרָ֥א אֶת־שְׁמֹ֖ו יִשְׂרָאֵֽל׃

VOKABEL

PARTIKEL

כִּי אִם - aber, sondern.

 

mE

Und Gott sprach: Dein Name, Jaakob, wird nicht weiter als dein Name Jaakob gerufen werden, sondern Jisrael wird dein Name gerufen werden. Und er rief seinen Namen Jisrael.

 

Buber / Rosenzweig

Gott sprach zu ihm:

Jaakob ist dein Name,

Jaakob werde nicht fürder dein Name gerufen,

sondern Jissrael soll dein Name sein.

Und er rief seinen Namen: Jissrael!

 

van Dyke

وَقَالَ لَهُ اللهُ: «اسْمُكَ يَعْقُوبُ. لاَ يُدْعَى اسْمُكَ فِيمَا بَعْدُ يَعْقُوبَ، بَلْ يَكُونُ اسْمُكَ إِسْرَائِيلَ»  فَدَعَا اسْمَهُ «إِسْرَائِيلَ» .

VOKABEL

PARTIKEL

فيما بعد  - später.

 

BEOBACHTUNGEN

1 Doppelte Anrede?

Luther hat bei seiner Übersetzung 1545 im letzten Versteil Gott gelöscht:

L45 Vnd also heissset man jn Jsrael.

Die doppelte Anrede hat offenbar gestört. Er ist aber nicht der erste, der darüber stolpert.

Die jüdische Übersetzergemeinschaft in Alexandria ist noch radikaler: Hier wurde dieser Teilvers ganz ausgelassen. Genauso die GN. Die GNB hat dies im Sinne der VUL korrigiert:

HIERONYMUS beschreibt:

VUL et appellavit eum Israhel

VULD Und er nannte ihn Israel. 

So auch viele Nachfolger, z. B. L84:

L84 Und so nannte er ihn Israel.

Die direkte Anrede vermitteln:

B/R Und er rief seinen Namen: Jissrael!

Van Dyke wörtlich genauso:

van Dyke فَدَعَا اسْمَهُ «إِسْرَائِيلَ»

SBJ און ער האט גערופן זיין נאמען ישראל   un er hot gerufn sein namen Israel.

Annette Boeckler in ihrer Neuausgabe der Mendelssohn-Übersetzung:

B/M Er nannte ihn also „Jisrael“. 

Bei Mendelssohn noch ohne Anführungsstriche.

 

2 Verse 9 und 10

Hieronymus zieht den Vers 10 eng an den Vers 9 und legt damit das Segnen aus:

VUL benedixitque ei dicens

VULD und segnete ihn, indem er sagte

Westermann verfährt ähnlich, aber nicht ganz so eng:

WEST Und er segnete ihn, und Gott sprach zu ihm

 

3 Isra-El

Dieser Name enthält den Gottesnamen „El“. In der arabischen Schrift wird der Name „Israel“ zwar lautgetreu nachgebildet, im Schriftbild verschwindet aber die Erinnerung daran, dass hier eine Gottesbezeichnung vorliegt.

 

KOMMENTARE

PHILIPPSON, 185, meint: „Mit dem Namen Jisrael sollte überhaupt mehr das Geschlecht als die Person Jakob’s benannt werden“.

JACOB, 664, vermerkt: „Ein zweiter, anderer Name (der den ersten nicht bloß umlautet wie Abraham aus Abram, Sara aus Sarai, s. z. 17,3), verdrängt nicht den ersten, sondern bietet im Gegenteil die Möglichkeit von jetzt ab mit beiden zu wechseln. 
Wir haben also jetzt für den Mann und das Volk denselben rhythmischen Parallelismus Jakob-Israel (Gen 49,2) wie für Gott J-h-w-h–Elohim.“ Es folgt eine Übersicht:

SARNA, 241f erinnert an die Namensumbenennung in Gen 32,28-29, die nicht von Gott selbst, „but an angelic beeing, most likely the celestial patron of Esau [!], who made the pronounce-/ment” – gemeint ist wohl Jaakob. Außerdem „it was made on the other side of the Jordan, the new name “Israel” needs to be confirmed by God Himself in the promised land. The fact that God is said to appear 'again' and that, remarkably, to rationale for the new name is given here, shows a dependency on the earlier narrative.”

WESTERMANN, 673, hält diese Gottesrede, die „nicht, wie 17,2, am Anfang der Rede, sondern erst in V. 11 steht“ mit GUNKEL für eine „Parallele zu Gen 28,10-22“: „Erst R hat sie an diese Stelle gesetzt und entsprechend ändern eingegriffen.“ Den – s. Beobachtung 1 – Nachsatz hält Westermann für „nicht nötig“. „Es könnte eine Verlegenheitswendung dafür sein, dass eine Erklärung des neuen Namens (wie 17,5b) fehlt.“ Die weitere Verwendung beider Namen erklärt Westermann mit der Quellenscheidung, da „P weiterhin ‚Jakob‘ sagt, nicht ‚Israel‘.“

SEEBASS, 443, unterscheidet sich gravierend von Westermann: „Das Gotteswort zur Namensgebung (9b-10) ist feierlich formuliert. Eine 1. Zeile stellt den bisherigen Namen fest, eine 2. enthält die Umbenennung in zwei Gliedern, und abschließend nennt Gott selbst als erster Israel bei seinem neuen Namen.“ Die Etymologie muss dabei nicht wie sonst erfolgen, da bereits in Gen 32,29 erfolgt, sie „brauchte also nicht wiederholt zu werden, aber der formelle Akt war nötig.“ Was in Gen 32,29b „(‚soll gesagt werden‘)“ in Aussicht gestellt wird, soll hier vollzogen werden: „die erstmalige Nennung des Namens durch Gott“. Der Nachsatz sei futurisch zu verstehen „‘Israel wird dein Name werden‘“, und verweist auf Jacobs Kommentar, 664f. Dies deutet Seebass theologisch: „Der Israel-Name stiftet Zukunft.“ Gegen die Behauptung, dieser Vers sei Gen 17,5 nachempfunden, spricht „35,10 ist formvollendeter als 17,5, es kann nur der gebende Teil sein“.

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich,
am Samstag, den 5. Oktober 2024

 

Die bisherigen Koranübersetzungen nahmen die Suren in den Blick in denen von Barmherzigkeit die Rede war und zwar nicht nur im Vorspruch, sondern mehr oder weniger direkt thematisch im Text.  Dieses Vorhaben ist - auf Suren bezogen - nun beendet. Es könnten noch zahlreiche Verse angeführt werden, z. B. Q 2, 261-264 bes. 263; Q 3,92 und Q 76, 8-10 (Dank an Mohammed Elzahar, Kairo – er las diese Verse Anfang September im evangelischen Gottesdienst der Hoffnungsgemeinde in Köln-Chorweiler anlässlich des 25 jährigen Bestehens des Arbeitskreises Ägypten, AKÄ), aber halt keine weiteren ganze Suren.

Im Folgenden wende ich mich verstärkt dem Ansatz von ANGELIKA NEUWIRTH zu. In ihrem Handkommentar zum Koran, (HKK) Berlin 2011ff, nimmt sie die geschichtliche Reihung der Suren durch THEODOR NÖLDEKE, Geschichte des Qurans, von 1860 und bearbeitet von FRIEDRICH SCHALLY, 1909, auf. Nöldeke hatte die Suren inhaltlich danach unterschieden, ob sie eher in die Frühmekkanische, Medinensische oder Spätmekkanische Zeit des Wirkens Mohammeds passen. 

Diese grobe Gliederung wird von Neuwirth im Anschluss an Studien u.a. von NICOLAI SINAI im Detail ausgearbeitet. Dabei spielen philologische, strukturelle und inhaltliche Kriterien eine entscheidende Rolle. Beide nehmen an, dass der Koran prozesshaft und dialogisch entstanden sei. Neuwirth vergleicht es mit einem Telefongespräch, bei dem man nur eine Stimme hört (Neuwirth, HKK I, 25), „andere Stimmen hingegen in der hörbaren Rede referiert oder zitiert werden, vor allem aber als Gegenstimmen zur gehörten Rede dieser erst ihre raison d’être geben“, und spricht von der „‚Dialogizität‘ des Koran“.

Als älteste Surengruppe wird in folgender Reihenfolge angesehen:
 Q 93, 94, 97, 108, 105 und 106. Das von ihr begründete Berliner Koran-Kommentarprojekt „Corpus Coranicum“, im Netz unter corpuscoranicum.de/de, übernimmt dies. Ich werde dafür die Bezeichnung „Berliner (Suren-)Anordnung“ bzw. „Reihenfolge“ verwenden. 

In den – inschahallah – folgenden Übersetzungen folge ich der Suren-Anordnung von Angelika Neuwirth, sofern ich sie nicht bereits übersetzt habe. 

 

Q 97,1

بِسْمِ ٱللَّهِ ٱلرَّحْمَ‍ـٰنِ ٱل‍‍رَّح‍ِ‍ي‍مِ

إِنَّا أَنزَلْنَاهُ فِي لَيْلَةِ الْقَدْرِ

VOKABELN

VERB 

نزل , i – absteigen; HIER IV. STAMM: herunterlassen, wohnen lassen, offenbaren.

NOMEN

ليلة  pl. ليال – Nacht;

قدر  pl. اقدار – Schicksal, Bestimmung; vom VERB قدر - können, vermögen.

PARTIKEL

إنا - siehe.

 

mE

Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers.

Siehe, wir lassen ihn wohnen in einer Nacht der Bestimmung.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Wir sandten ihn hernieder in der Nacht der Macht.


ULLMANN (1840)

Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen.

Wir haben (den Koran) in der Nacht Al-Kadr offenbart.

 

HENNING (1901)
Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen!

Wir haben ihn wahrlich in der Nacht des Schicksals herabgesandt.

Anm.: „Oder: Der Bestimmung; der Allmacht.“

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Allbarmherzigen.

Wahrlich, wir offenbarten ihn in der Nacht der Bestimmung.

Anm.: „Oder Nacht der Macht; vgl. Sura 44 Anm. 1.“ Dort, 639: „Es ist dies die Nacht vom 23. zum 24. Ramadan, die 'heilige Nacht der Bestimmung', in der das Schicksal des Menschen für das ganze Jahr bestimmt wird“. 

  
BELL (1937)

In the Name of Allah, the Merciful, the Compassionate.

Lo, We have sent it (1) down on the Night of Power (2).

Anm.: 1 “‘It’ must refer to something in the original context now lost, usually assumend to be the Qur’an.”

2 “The common translation of the phrase has been retained; 'Night of Decree' would perhaps correspond better to the sense.

 

PARET (1979, 2001)
Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes.

Wir haben ihn (d.h. den Koran) in der Nacht der Bestimmung hinabgesandt.

 

KHOURY (1987, 1992)

Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen.

Wir haben ihn* in der Nacht der Bestimmung hinabgesadt.

Anm.: * "den Koran”.

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen.

Wir sandten ihn (den Koran) in der Nacht der Herrlichkeit herab.


BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de), 

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen.

Wir haben ihn ja in der Nacht der Bestimmung hinabgesandt.

 

ZIRKER (2003, 2018)

Im Namen Gottes, des Allerbarmenden und Barmherzigen.

Wir haben ihn hinabgesandt in der Nacht der Bestimmung.

 
KARIMI (2009)

Im Namen Gottes des Barmherzigen, des Erbarmers

Wahrlich, Wir sandten hin herab in der Nacht der Bestimmung.

 
BOBZIN (2010, 2017)

Im Namen Gottes, des barmherzigen Erbarmers. 

Siehe, wir sandten ihn hernieder in der ‚Nacht der Bestimmung‘.


NEUWIRTH (HKK I)

[bi-smi llahi l-rahmani l-rahim]

Wir sandten es herab in der Nacht der Bestimmung.

 

CORPUS CORANICUM

Im Namen Gottes, des barmherzigen Erbarmers!

Wir sandten es herab in der Nacht der Vorherbestimmung.

 

REINBOLD (2022)
verweist auf: Lk 2,2-14

 

 

BEOBACHTUNGEN

1 Zum Vorspruch s. Q 93 (Sendung vom 19.02.2021)

 

2 أَنزَلْنَاهُ , anzalnahu

Die Offenheit dieses Verses, wer oder was mit dem Personalpronomen 3. Person Singular gemeint ist und worauf es sich bezieht, wird von einer Reihe von Übersetzern schon im Ansatz durch Zusätze oder Anmerkungen getilgt. Erstaunlich, wer die Offenheit zulässt: Schon der erste ernsthafte Übersetzer des Korans, der nicht aus christlich-apologetischer Absicht den Koran übersetzte, sondern aus der Neugier an der arabischen Sprache und den Inhalten des Korans heraus, lässt diese Leerstelle frei: Friedrich Rückert. Henning und Goldschmidt tun ihm gleich. In den Übersetzungen etwa ab der Jahrtausendwende bleibt diese Offenheit.

Mit NEUWIRTH vollzieht sich eine Wende. Wenn immer angenommen wurde, dass der Bezugspunkte männlich sei, führt sie – und Corpus Coranicum folgt ihr – die sächliche Variante ein. Da das Arabisch kein Neutrum kennt, ist dies möglich.

 

3 Nacht der Bestimmung

Ullmann und ironischerweise Bobzin kennzeichnen diesen Begriff als feststehende Bezeichnung. Ullmann, indem er ihn zitiert, Bobzin, indem er ihn recht originell in Anführungsstriche setzt.

Rückerts Übersetzung „Nacht der Macht“ wird nur von Bell übernommen.

 

 

Köln-Merkenich,
am Dienstag, den 8. Oktober 2024

 

 

KOMMENTAR

Nach der Berliner Reihenfolge, gehen dieser Sure die Suren 93 und 94 voraus (s. die Sendungen vom 19.02.2021ff und 19.05.2022ff).

NEUWIRTH, HKK I 97f, setzt sich ausführlich mit dem „bezuglosen Suffix -hu in anzalnahu" (s. Beobachtung 2) auseinander. Nacheinander schließt sie aus, dass dies „auf einen verlorengegangenen Anfang der Sure“ deute – so Nöldeke/Schwally und vorsichtig auch Bell, wobei er festhält: „As to the original context of v 1, nothing can be said with confidence.“ 669 – oder der „Koran“ gemeint sei, im Sinne von „Lesung“. Dieser Begriff „etabliert sich erst in denjenigen etwas späteren Suren, in denen gleichzeitig von dem Auftrag zu ‚lesen‘ und der himmlischen Quelle die Rede ist, d. h. Q 87 und 96. Es kann also nicht um das Herabsenden von Texten gehen, sondern um den Empfang der Inspiration im / Sinne der Ermächtigung zur Verkündigung des Gotteswortes, die aus der transzendenten Welt ‚herabkommt‘.“

Zur „Nacht der Bestimmung“ – s. o. Beobachtung 3 – sieht Neuwirth, 98, eine Entsprechung zum „jüdische[n] Neujahrs- und Pessachfest ebenso wie zu Ostern […] weist aber auch Gemeinsamkeiten mit der Weihnachtsnacht auf“. „Welche Sinngebung vorauszusetzen ist […], ist nicht zu entscheiden.“

NASR HAMID ABU ZAID hat auf die Möglichkeit hingewiesen, dass hier vom vorislamischen Kontext her eine Offenbarung durch „Djinnen, Dämonen“, HKK I 99, die Rede sei.

„Andererseits nimmt das Bild des Herabkommens des Wortes Gottes auch in der christlichen Tradition eine zentrale Stellung ein; das Nizänum formuliert: ‚ ‚katelthonta ek tou ouranou‘, nazala mina l-sama‘. Es könnte sich bei dieser später stereotyp werdenden Formulierung also ebenso um den Reflex einer frühen Logostheologie handeln. Es ist nicht der ‚Text‘, der herabkommt, sondern die ‚Kraft‘, göttliches Wort zu kommunizieren.“ HKK I 99


 

NACHBEMERKUNG

Warum NEUWIRTH die sächliche Form eingeführt hat, erschließt sich mir auch nach ihren Ausführungen nicht. M. E. kann die Herabsendung, die „Einwohnung“, sich auch auf die Schechina beziehen, das jüdische Konzept der Gegenwart Gottes in seinem Volk bzw. in dieser Welt. Zur Schechina sagt die „muslimische Traditionsliteratur […]: ‚Es sitzen nicht Leute in einem der Häuser Allahs zusammen und lesen das Buch Gottes und studieren es miteinander, ohne dass die Sa-/kina [Schechina, mE] auf sie hinabstiege‘.“ F. NIEWÖHNER im Art. „Schechina“ in: HWPh 8,1229. BELEG: I. GOLDZIHER: Über den Ausdruck ‹Sakīna›, in: Abh. zur arab. Philol. 1 (Leiden 1896) 177–204, bes. 194.

Die schwierige Fragen, wie der Koran in der islamischen Theologie verstanden wird, als etwas von Gott  Geschaffenes oder als etwas Göttliches, das wird noch zu vertiefen sein.

Gen 35,11 und Q 97,2

Köln-Merkenich,
Freitag, den 11. Oktober 2024

                                                                              

Gen 35,11

 

וַיֹּאמֶר֩ לֹ֨ו אֱלֹהִ֜ים אֲנִ֨י אֵ֤ל שַׁדַּי֙ פְּרֵ֣ה וּרְבֵ֔ה גֹּ֛וי וּקְהַ֥ל גֹּויִ֖ם יִהְיֶ֣ה מִמֶּ֑ךָּ וּמְלָכִ֖ים מֵחֲלָצֶ֥יךָ יֵצֵֽאוּ׃

VOKABELN 

VERBEN

פרה - fruchtbar sein;

יצא - hinausgehen, ausziehen.

NOMEN

קָהָל - Versammlung, Menge;

חֲלָצַיִם  - Hüfte.

 

mE

Und Gott sprach zu ihm: 

Ich bin der Gott Schaddaj:
Sei fruchtbar und zahlreich! 

Ein Volk und eine Menge Völker wird von dir sein

und Könige ziehen von deinen beiden Hüften aus.

 

Buber/Rosenkranz

Gott sprach zu ihm:

Ich bin der Gewaltige Gott.

Fruchte und mehre dich!

Stamm, Versammlung von Stämmen soll aus dir werden,

Könige fahren von deinen Lenden aus.

 

 

van Dyke

وَقَالَ لَهُ اللهُ: «أَنَا اللهُ الْقَدِيرُ. أَثْمِرْ وَاكْثُرْ. أُمَّةٌ وَجَمَاعَةُ أُمَمٍ تَكُونُ مِنْكَ، وَمُلُوكٌ سَيَخْرُجُونَ مِنْ صُلْبِكَ.

VOKABELN

VERB

ثمر - IV. STAMM أثمر - Früchte tragen;

خرج , u – hinaus-, herausgehen. 

ADJEKTIV

قدير - mächtig.

NOMEN

أمة umma pl. أمم umam – Volk, Nation, Religionsgemeinschaft.

 

 

Köln-Merkenich,
am Samstag, den 19. Oktober 2024

 

BEOBACHTUNG

אֵ֤ל שַׁדַּי, el schaddai, Gott Schaddaj

Dieser Gottesname hat Untiefen, die offenbar nicht ausgelotet werden können, ohne selbst in sie hineinzugeraten. Noch die älteste Übersetzung – die der Übersetzergemeinschaft in Alexan-
dria –, wie bereits oben zu Gen 28,3, vermerkt, begnügt sich in der gesamten Thora, wo diese lange Bezeichnung vorkommt, mit der Übersetzung 

Gen 17,1 „dein Gott“;

Gen 28,3 „mein Gott“, sagt Vater Isaak zu Jaakob; 

Gen 43,14 „mein Gott“, aus der Rede Jaakobs/Israels an seine Söhne; 

Gen 48,3 „mein Gott“, so Jaakob/Israel zu Josef; 

Gen 49,25 „mein Gott“: In Jaakobs/Israels Segenswort für Josef; 

Ex 6,3 „ihr Gott“: in der Gottesrede zu Mose; 

Num 24,4.16, Im Balaam-Wort wird nur einfach mit „Gott“ übersetzt: „Gottschau“.

So eben auch hier, Gen 35,11:

LXX Ἐγὼ ὁ θεός σου

LXXD Ich bin dein Gott!

Der Septuaginta geht es „‘immer […] um die Nähe Gottes, und die wird durch LXX noch unterstrichen‘“ TWAT 7,1103.

Erst HIERONYMUS übersetzt:

VUL Deus omnipotens

VULD Ich bin Gott, der Allmächtige.

Das ist eine entscheidende Weichenstellung. In der Antike wurde Göttlichkeit mit Macht, Herrschaft und Gewalt verbunden. Der Grund dafür scheint zu sein, dass die Machtfülle der Machthaber als derart über- bzw. nicht-menschlich erfahren wurde. Könige und Pharaonen konnten sich als gottnah, gottähnlich, wenn nicht gottgleich ausgeben. Die biblische Überlieferung bricht damit und sieht in ihnen ausschließlich Menschen. Es gibt nicht verschiedene Geschlechter – Herrscher, die von Göttern abstammen und alle anderen –, sondern alle haben einen gemeinsamen Ursprung. 

Nur in Hi 8,5 und Hi 15,25 wird el-schaddaj in der Septuaginta mit παντοκράτωρ, Allmächtiger, wörtlich Allherrscher übersetzt.

Ursprünglich handelt es sich wohl um eine Neubildung, ein Neologismus der Übersetzer in Alexandria, so Martin Stowasser: Art. Pantokrator; in: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/200154/

Mit ihr wird der Trost vermittelt, dass der Gott Israels stärker ist als die bedrohlichen sonstigen Mächte. Es ging ihr also auch hier um die „Nähe Gottes“, TWAT 7,1103.

Ohne diesen Kontext öffnet die Übersetzung von „el schaddaj“ mit „Gott, der Allmächtige“, der antiken Vorstellung der vergöttlichten Herrschaft jedoch wieder Tor und Tür und verschiebt damit den Gesamtrahmen fürs Verständnis der Thora und des ganzen Alten Testaments.

Einige Übersetzungen vermeiden diesen Kurzschluss, indem sie die Bezeichnung als Fremdwort übernehmen:

EIN ZUR TANAKH El-Schaddai, 

JACOB SOGGIN SEEB El Schaddaj – so auch JEHUASCH in seiner jiddischen Übersetzung SBJ.

HIRSCH geht einen eigenen Weg:

HIRSCH Gott, der Allgenügende

Er kann sich auf die Septuagintaübersetzung des Gottesnamens El-Schaddai in Rut 1,20f berufen: „die gelehrte ‚philologische‘ Deutung [zerlegt] den hebr. Ausdruck in die Elemete sae + daj […] und schreibt ό ίκαος (‚der Genügende‘ […])“. (TWAT 7,1103)

Das setzt hellenistische Gottesvorstellungen voraus, wonach Gott vollkommen selbstgenügsam  ist, weil es ihm an nichts mangelt und er Niemandes bedarf.

WESTERMANN möchte sich nicht ganz von HIERONYMUS trennen:

WEST der mächtige Gott

Die BiG übertrifft sogar HIERONYMUS:

BiG Ich bin El Schaddai, die Gottheit, die nährt und zerstört

Die Anmerkung, BiG 2359, will ausweisen, dass dies die etymologische Bedeutung des Gottesnamens wiedergibt. Das ist alles andere als unumstritten, vgl. TWAT 7,1080-1083. Das Fazit der etymologischen Betrachtung lautet: Der Gottesbegriff beruht auf einer mit außerbiblischen Belegen „etymologisch nicht klärbare[n] Basis“, TWAT 1083.

Albright (Belege in TWAT 7,1081) legte eine Beziehung zum akkadischen Wort sadu, ‚Berg‘. Durch das Wortspiel Gen 49,25 mit schadajim, ‚Brüste“ und durch die inhaltliche Beziehung dieses Gottesnamens zur Fruchtbarkeit, legte er als Grundbedeutung „Brust“ nahe. Das wurde weit aufgenommen und führte zu Spekulationen, die el-schaddaj als „‘Gott mit Brüsten‘“ und einen „‘androgynen Monotheismus‘“ verstanden. Der zweite Teil, „die Gottheit, die zerstört“, kann sich auf eine Auslegung von Hi 19,29 berufen, TWAT 7,1084, sowie ein Sprachspiel in Jes 13,6 und Joel 1,15. Wenn aber in der Klangähnlickeit nicht zwei verschiedene Ausdrücke vorausgesetzt werden, funktioniert das Sprachspiel nicht.  Die Selbstverständlichkeit, mit der der Gottesname El Schaddai in der BiG vorgestellt wird, als „die Gottheit, die nährt und zerstört“ ist textlich im Alten Testament nirgends belegt. Sie erinnert eher an Gottesvorstellungen Indiens wie  Shiva. 

GN der alle Macht hat

GNB der Gewaltige

Sonst wird fleißig HIERONYMUS kopiert:

LUT L17 M  B/M allmächtige Gott L45 allmechtige

ELB SCH ZUNZ Gott, der Allmächtige NL D92 D20

KJV NAS ESV God Almighty

LSG BFC Dieu tout-puissant

« Pantokrator » machte als Titel für Christus nach der konstantinischen Wende dann weltpolitische Karriere, s. das Mosaik in der Hagia Sophia. Der solchermaßen vergöttlichte – und auf diese Weise, den Menschen entfremdete, ent-menschlichte – Jesus ermöglichte es dem Christ gewordenen Kaiser sich als „Stellvertreter Gottes/Christi“ – so ein kaiserlicher Titel – dann doch wieder gottähnlich verehren zu lassen:

Byzantinischer Mosaizist des 9. Jahrhunderts: Mosaiken in der Hagia Sophia, Szene: Christus Pantokrator und Kaiser Léon VI. (886-912)


Köln-Merkenich,
am Sonntag/Montag, den 20./21. Oktober 2024

 

KOMMENTARE

Mit HIRSCH, 434f, sind nach JACOB, 664, mit „Volk“ Israel und „‘die Gemeinde von Völkern‘ […] seine Stämme“ gemeint. Diese Verheißung „ist eine Wiederholung der Verheißung an Abraham 1z, 6.16, denn Israel hat zwei Anfänge: Abraham als den ersten Vater […], Jakob als den Vater der Stämme, in denen das sich verzweigt […], beide werden dazu durch eine Umnennung, die einen / Segen für die Zukunft bedeutet, ernannt“. JACOB 664f Er bemerkt, dass „die ganze Rede gehoben und rhythmisch ist.“ JACOB 664.

Dies fällt auch WESTERMANN, 674, auf, ohne dabei Jacob zu zitieren: „Die Sprache der Verheißung ist rhythmisch gedichtet, deutlich in den beiden parallelen Sätzen in 11b und dem Zwei-Rhythmus 12.“ Die Verheißung „erinnert an Gen 1,28, aber auch an 28,3“.

 

 

*

 

 

Q 97,2

وَمَا أَدْرَاكَ مَا لَيْلَةُ الْقَدْرِ

VOKABELN

VERB

درى , i - wissen, HIER IV. STAMM ادرى idra: wissen lassen, lehren.

PARTIKEL

ما - was? + Perfekt: nicht.

 

mE

Und was hat dich wissen lassen, was die Nacht der Bestimmung ist?

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Weißt du, was ist die Nacht der Macht?


ULLMANN (1840)

Was lehrt dich begreifen, was die Nacht Al-Kadr ist?

 

HENNING (1901)
Und was lässt dich wissen, was die Nacht des Schicksals ist?

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Was lehrt dich, was die Nacht der Bestimmung ist?

  
BELL (1937)

What has let thee know what is the Night of Power?

 

PARET (1979, 2001)
Aber wie kannst du wissen, was die Nacht der Bestimmung ist?

 

KHOURY (1987, 1992), ZIRKER (2003, 2018)

Woher willst du wissen, was die Nacht der Bestimmung ist?

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Woher kannst du wissen, was die Nacht der Herrlichkeit ist?

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de), BOBZIN (2010, 2017)

Und was lässt dich wissen, was die Nacht der Bestimmung ist?

 
KARIMI (2009)

Was lässt dich wissen, was ist die Nacht der Bestimmung?


NEUWIRTH (HKK I 2011)

Weißt du, was ist die Nacht der Bestimmung?

 

CORPUS CORANICUM (https://corpuscoranicum.de, 21.10.2024)

Was lässt dich wissen, was die Nacht der Vorherbestimmung ist?

 

BEOBACHTUNG

1 Kausativ

Das Verb steht im IV. Stamm mit kausativer Bedeutung. Im Deutschen wird dies zumeist mit der e-Erweiterung geleistet: fallen > fällen, lachen > lächeln: zum Lachen bringen!, kochen > köcheln, gut sein > gütig sein: das Gute hervorbringen, etc.

Diese kausative Bedeutung wird sehr schön wiedergegeben von ULLMANN, HENNING, GOLDSCHMIDT, BELL, BUBENHEIM, KARIMI und CORPUS CORANICUM. 
NEUWIRTH knüpft an RÜCKERT an, Corpus Coranicum schließt sich dem nicht an.

 

2 Frage

Diese Frage lässt aufhorchen! Wer fragt? Wer wird gefragt? Sie ist so offen formuliert, dass sie sich auch direkt an die Hörerschaft bzw. Leserschaft zu wenden scheint. Das ist außerordentlich. Mir ist keine biblische Parallele bekannt, in der der Text aus dem Kontext herausspringt und sich direkt an die Rezipienten wendet, in dem also der Text den Rahmen für die Lesenden erschafft. Als wenn ein Autor bei einer Lesung fragenderweise sich direkt ans Auditorium wenden würde.

 

KOMMENTARE

NEUWIRTH, HKK I 99, vermerkt:
„Der Name lailat al-qadar verweist deutlich auf göttliche Entscheide, wie sie sich besonders mit der jüdischen Neujahrsnacht und den ihr folgenden zehn Tagen der Umkehr (yamim nora’im) bis zum Versöhnungstag, dem Jom Kippur, verbinden, an dem dann das endgültige göttliche Urteil über das Ergehen der Menschen im neu begonnenen Jahr gefällt wird (siehe dazu Zobel 1936:55-58).“

BELEG: ZOBEL, Moritz: Jahr des Juden in Brauch und Liturgie, Berlin 1936. 

Merkwürdigerweise wird dieser mögliche Bezug im CORPUS CORANICUM nicht erwähnt.


CORPUS CORANICUM setzt sich ausführlich mit LUXENBERG, Weihnachten im Koran, 2003, auseinander:

Luxenberg 2003 fasst arab. qadr als Übersetzung von syr. ḥelqā („Los, Schicksal“) auf; da ḥelqā im Sinne von „Schicksal“ gelegentlich synonym mit der Wendung bēṯ yaldā („Geburt“ bzw. „Geburtshoroskop“) gebraucht wird, was wiederum die im Syrisch-Aramäischen übliche Bezeichnung für „Weihnachten“ ist, schließt er, mit der koranischen lailat al-qadr müsse die Weihnachtsnacht gemeint sein. Nun ist Bedeutungsgleichheit allerdings keine notwendigerweise transitive Relation, d. h. aus der Tatsache, dass A und B sowie B und C bedeutungsgleich sind, folgt nicht, dass auch A und C bedeutungsgleich sein müssen („Bauer“ ist sowohl synonym mit „Landwirt“ als auch mit „Vogelkäfig“, woraus jedoch nicht folgt, dass ein Landwirt ein Vogelkäfig ist). Eine ernst zu nehmende Hypothese wäre Luxenbergs Deutung also allenfalls dann, wenn er konkrete Belege dafür beibringen könnte, dass es eine syrische Wendung lelyā ḏ-ḥelqā gibt, die wie das geläufige bēṯ yaldā zur Bezeichnung der Weihnachtsnacht dient. Den Nachweis dafür bleibt Luxenberg, der sich auf eine Konsultation syrischer Wörterbücher beschränkt, jedoch schuldig.“

 

Als Ergebnis der ausführlichen Überlegungen wird festgehalten:

 

„Bei der lailat al-qadr dürfte es sich also um ein den Adressaten des Koran vertrautes, im altarabischen Kultus beheimatetes Fest handeln, dem vermutlich die in verschiedenen Kulturen anzutreffende Vorstellung zugrunde liegt, dass sich in einer bestimmten Nacht oder auch einer Periode von mehreren Tagen das Schicksal der Menschen im folgenden Jahr entscheidet, weil die betreffende Zeitspanne das gesamte folgende Jahr präfiguriert (vgl. Wensinck 1925 und die darauf bezügliche Zusammenfassung und Kritik bei Wagtendonk 1968, 98–105 ; s. a. Lohmann 1969). Obwohl Wagtendonks medinensische Datierung der Sure alles andere als belastbar ist (s. o.), so können seine Überlegungen zum ursprünglichen Datum der lailat al-qadr durchaus eine gewisse Wahrscheinlichkeit beanspruchen. Ihm zufolge ist die altarabische lailat al-qadr nicht im Ramaḍān zu verorten, der erst in medinensischer Zeit sakralen Status erhält (vgl. 2:185) und innerhalb desselben unter islamischen Autoren überdies keine Einstimmigkeit über den genauen Zeitpunkt der fraglichen Nacht besteht, sondern im Raǧab, der in vorislamischer Zeit den heiligen Monat schlechthin darstellte (Wellhausen 1897 , 98). Als Datum kommt seiner Meinung nach am ehesten der 27. Raǧab in Frage (Wagtendonk 1968, 106–108), ein alter mekkanischer Festtag (vgl. Snouck Hurgronje 1889, 70 f.), der im späteren islamischen Festkalender als die Nacht von Muḥammads Himmelfahrt (lailat al-miʿrāǧ) gefeiert wird. Die Tatsache, dass die lailat al-qadr später in den Ramaḍān verlegt wird, erklärt Wagtendonk als Resultat einer Harmonisierung von Sure 97 mit dem späteren Vers 2:185, demzufolge „der Koran“ im Ramaḍān herabgesandt worden sei.“

BELEGE: 

LOHMANN, Theodor: Die Nacht al-Qadr: Übersetzung und Erklärung von Sure 97, 1969.

SNOUCK HURGRONJE, Christiaan: Aus dem heutigen Leben, Haag 1889.

WAGTENDONK, Kees: Dissertationes ad historiam religionum pertinentes, Leiden 1968.

WELLHAUSEN, Julius: Reste arabischen Heidentums, Berlin 1987.

WENSINCK, Arent J.: Arabic New-Year and the Feast of Tabernacles, Amsterdam 1925.

 

 

NACHTRAG zu Q 97,1 – anzalnahu

1 Zum Verb:

CORPUS CORANICUM weist auf eine Parallele bei EPHREM DER SYRER hin:

Andererseits wird in Ephrems „Hymnen auf die Geburt des Herrn“ von den Engeln das dem arabischen ʾanzala entsprechende syrische Verb naḥḥet gebraucht: Die Engel „haben neue Lobgesänge herabkommen lassen“, heißt es dort (Beck 1959a, 104 f., Nr. 21:3; Übersetzung nach Beck 1959b, 94 f.; zu diesem von Yousef Kouriyhe identifizierten Intertext s. ausführlicher TUK, Nr. 147). Es ist deshalb nicht auszuschließen, dass die Semantik von koran. ʾanzala bzw. tanazzala (V. 4) teilweise auch von solchen christlichen Referenzen bestimmt war.“

BELEGE:

BECK, Edmund: Des heiligen Ephraem des Syrers Hymnen de nativitate (epiphania)[Textus], Louvain 1959.

 

In der Sammlung „Texte aus der Umwelt des Korans“, TUK, -https://corpuscoranicum.de/de/verse-navigator/sura/97/verse/1/intertexts/147 – heißt es ausführlicher zu Hymnen von EPHREM DER SYRER (306-373) „Hymnen auf die Geburt (De Nativitate)“ 21:1-4, TUK 147:

 

"Der Text zeigt, dass die Preisung der lailat al-qadr in Q 97 an christliche Weihnachtshymnen anklingt, indem sie etwa das Motiv der besonderen Sakralität der betreffenden Nacht gegenüber profanen Zeiträumen, sowie das aus der lukanischen Weihnachtsgeschichte entwickelte Herabsteigen der Engel (vgl. Luk 2 […]) aufnimmt. Derartige Überschneidungen sind wohl nicht so zu verstehen, dass die koranische lailat al-qadr mit dem christlichen Weihnachtsfest zu identifizieren ist, sondern eher in dem Sinne, dass die Beschreibung der lailat al-qadr bewusst christliche Motive aufnimmt und überbietet. So findet sich in Q 97:3 statt dem “hundertfachen Lohn” (syr. ʾagreh ḥad be-māʾā meyattar) die Aussage, dass die lailat al-qadr “besser als tausend Monate” sei (ḫayrun min ʾalfi šahrin).

Die Aussage in Luk 2:9, dass zunächst “der Engel des Herrn” (ἄγγελος κυρίου) und später die Engelscharen hinabsteigen, fasst Ephrem mit der knappen Erwähnung von “Engeln und Erzengeln” (malʾākē w-ʾāp rabbay d-malʾākē) zusammen, was dem koranischen Text (Q 97:4) näher entspricht als die ausführliche Beschreibung im Lukasevangelium. Ferner verwendet der Evangelist die Bezeichnung “Engel des Herrn” (ohne den bestimmten Artikel) auch in Luk 1:11, wo dieser Engel explizit mit dem Erzengel Gabriel identifiziert wird (vgl. Luk 1:19). Damit ließe sich die Frage stellen, ob die koranische Erwähnung der Engel und des Geistes (al-malāʾikatu wa ʾr-rūḥu, Vers 4) ebenfalls auf eine Unterscheidung zwischen den gewöhnlichen Engeln und dem Erzengel Gabriel (ǧibrīl) als primärer Vermittler der Offenbarung deutet (siehe Q 2:97).“

 

 

2 „Zum bezugslosen Suffix“, CORPUS CORANICUM, CC

CC weist nach, dass solche “schwebende, d. h. nicht auf ein vorangehendes Bezugswort verweise Suffixe oder Demonstrativa“ ins frühen Suren häufig vorkommen, Q 69,40-43; Q 73,19; Q 74, 54f etc. Der Koran kann kaum damit nicht gemeint sein, denn „ist zweifelhaft, ob das Korpus der von Muḥammad verkündeten Offenbarungen bereits zu diesem Zeitpunkt als ‚der Koran‘ bezeichnet wurde“. … „Der ursprüngliche Grund für den Gebrauch solcher ‚schwebenden’ pronominalen Referenzen könnte gerade darin gelegen haben, dass zu Beginn der frühmekkanischen Zeit noch kein etablierter Eigenname für die von Muḥammad vorgetragenen Texte zur Verfügung stand.“ 

Gen 35,12 und Q 97,3

Köln-Merkenich,
Dienstag, den 22. Oktober 2024

                                                                                 

Gen 35,12

 

וְאֶת־הָאָ֗רֶץ אֲשֶׁ֥ר נָתַ֛תִּי לְאַבְרָהָ֥ם וּלְיִצְחָ֖ק לְךָ֣ אֶתְּנֶ֑נָּה וּֽלְזַרְעֲךָ֥ אַחֲרֶ֖יךָ אֶתֵּ֥ן אֶת־הָאָֽרֶץ׃

 

mE

Und das Land, das ich Abraham und Jizchak gab: 

Dir gebe ich es nun 

und deinem Samen nach dir gebe ich das Land.

 

Buber / Rosenzweig

Das Land,

das ich Abraham und Jizchak gab,

dir gebe ich es,

deinem Samen nach dir gebe ich das Land.

 

van Dyke

وَالأَرْضُ الَّتِي أَعْطَيْتُ إِبْرَاهِيمَ وَإِسْحَاقَ، لَكَ أُعْطِيهَا، وَلِنَسْلِكَ مِنْ بَعْدِكَ أُعْطِي الأَرْضَ

VOKABEL

NOMEN

نسل nasl, pl. انسال ansal - Nachkommenschaft; von نسل u – (Kinder) zeugen. 

 

BEOBACHTUNG

Gegenwart – Futur – Willensbekundung

Das Verb נתן, natan, geben, kommt in diesem Vers dreimal vor. Es wird damit besonders hervorgehoben. 

Die jüdischen Alexandriner haben, wohl aus rhetorischen Gründen – um ‚unnötige‘ Wiederholungen zu vermeiden –, beim zweiten Vorkommen das Verb „geben“ durch ein Hilfsverb ersetzt und „geben“ zum Schluss in den Futur versetzt:

LXX σοὶ ἔσται … δώσω τὴν γῆν ταύτην.

LXXD Es wird dir gehören [wörtlich: sein] … werde ich dieses Land geben!

Mit dem Zusatz „dieses“ wird statt dem Geben das Land hervorgehoben.

HIERONYMUS verkürzt gleichfalls auf ein zweimaliges Vorkommen dieses Verbs und benutzt das Futur:

VUL terramque quam dedi Abraham et Isaac dabo tibi et semini tuo post te

VULD und das Land, das ich Abraham und Isaak gegeben habe, werde ich dir geben und deinem Samen nach dir.«

LUTHER kehrt zum Original zurück, lässt das Verb dreimal erscheinen und kleidet es in eine Willensäußerung ein:

L45 Vnd das Land / das ich Abraham vnd Jsaac gegeben habe / wil ich dir geben / vnd wils deinem Samen nach dir geben.

Das hat Epoche gemacht: Mit wenigen Ausnahmen wird diese Form der Willensbekundung übernommen, selbst von JEHUASCH


BFC und BiG verteilen die Formen zwischen Gegenwart und Futur.

Interessant der Wechsel der älteren Ausgabe der Guten Nachricht, GN, und ihrer Neuherausgabe, Gute Nachricht Bibel, GNB, in der man sich Luther anpasst.

Eine raffinierte Zwischenform nimmt die amerikanische jüdische Übersetzung TANAKH ein. Sie lässt eine Form von „assign“ dreimal vorkommen:

TANAKH The land that I assigned to Abraham and Isaac I assign to you; And to your offspring to come Will I assign the land.”

 

Köln-Merkenich, 
am Montag, den 28. Oktober 2024

 

KOMMENTARE

JACOB, 665, fällt auf: “Ungewöhnlich ist die Wiederholung von אתן; das erste Mal heißt es: Ich verleihe es dir in demselben Sinne, in dem ich es den Vätern verliehen habe, d. h. zugesagt, das andere Mal: deinen Nachkommen werde ich es wirklich einhändigen, denn Jakob ist der letzte Erzvater.”

WESTERMANN, 674, hält fest: “Die Sprache der Verheißungen ist rhythmisch gedichtet, deutlich in den beiden parallelen Sätzen in 11b und dem Zweier-Rhythmus 12.“

SEEBASS, 443f, reflektiert: „Ganz merkwürdig ist der Anschluss von V 12b, er macht die Gabe des Landes an die Nachkommen zu einem selbständigen Akt. In V 12 heißt das Land nicht mehr ausdrücklich das der Fremdlingschaft (anders Isaak zu Jakob 28,4; vgl. 37,1). Israel wird nicht mehr ein Land der Fremdlingschaft: 37,1 wird es das Land der Fremdlingschaft der Väter Jakobs/Israels nennen.“

 

 

*

 

Köln-Merkenich,
am Dienstag, den 29. Oktober 2024

 

 

Q 97,3

لَيْلَةُ الْقَدْرِ خَيْرٌ مِّنْ أَلْفِ شَهْرٍ

VOKABELN

NOMEN

 خير- Gutes, Wohl;

شهر  pl. شهور oder أشهر - Monat.

PARTIKEL

خيرمن  - besser als.

 

mE

Die Nacht der Bestimmung ist besser als tausend Monate.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) von Vers 1 an:

Wir sandten ihn hernieder in der Nacht der Macht.

Weißt du, was ist die Nacht der Macht?

Die Nacht der Macht ist mehr als was

In tausend Monden wird vollbracht.


ULLMANN (1840)

Die Nacht Al-Kadr ist weit besser als tausend Monate.

 

HENNING (1901)
Die Nacht des Schicksals ist besser als tausend Monate.

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Die Nacht der Bestimmung ist besser als tausend Monde.

  
BELL (1937)

The Night of Power is better than a thousand months;

 

PARET (1979, 2001), KHOURY (1987, 1992), BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), ZIRKER (2003, 2018), NEUWIRTH (HKK I 2011)

Die Nacht der Bestimmung ist besser als tausend Monate.

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Die Nacht der Herrlichkeit ist besser als tausend Monate.

 
KARIMI (2009)

Die Nacht der Bestimmung, ja sie ist herrlicher als tausend Monde.

 
BOBZIN (2010, 2017)

Die ‚Nacht der Bestimung‘ ist besser als tausend Monate

 

CORPUS CORANICUM

Die Nacht der Vorherbestimmung ist besser als tausend Monate.

 

BEOBACHTUNG

Monde

Dass RÜCKERT statt „Monat“ das besonders von Luther in seiner Bibelübersetzung geliebte Synonym „Mond“ verwendet, ist – auch wegen der zweifachen chiastischen Assonanz (tausend – vollbracht : Mond) – große Kunst. Bei GOLDSCHMIDT höre ich Respekt gegenüber Rückert heraus. Warum aber geriert sich KARIMI luthertümelnd und fügt zusätzlich noch eine Interjektion ein?
 

KOMMENTARE

NEUWIRTH, 99, kommentiert: „Die Vorstellung von einer Gotteszeit, die die Menschenzeit relativiert, ist biblisch, vgl. Ps 84,11" bzw. Ps 90,4:

Ps 84,11: denn ein Tag in deinen Höfen ist besser als tausend

Ps 90,4: denn tausend Jahre sind vor dir wie ein Tag, der vorbeigeht, und eine einzige Nachtwache

Außerdem verweist sie, 100, auf eine jüdische Haggada, so „könnte mit der Angabe von 1000 Monaten an die Bewegung der Engel von der Erde in den Himmel gedacht sein, die in der jüdischen Haggada mit 500 Jahren bemessen wird (siehe Speyer, BEQ, S. 25, der bPesahim 94a und andere Belege anführt).“

BEQ: Heinrich Speyer: Die biblischen Erzählungen im Quran. Gräfenhainichen 1931; diese Angabe wurde vordatiert, gedruckt wurde es im Jahr 1935, denn Bücher von jüdischen Autoren durften in dem Jahr schon nicht mehr gedruckt werden, Nachdruck 1961 (Wikipedia, Art.: Heinrich Speyer https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Speyer - Stand vom 30.10.2024).

CORPUS CORANICUM sieht erneut eine Parallele bei Ephrem der Syrer:

„In Ephrems Hymnen auf die Geburt wird dieses Motiv speziell mit der Weihnachtsnacht in Verbindung gebracht (Beck 1959a, 104 f., Nr. 21:2; Übersetzung in Beck 1959b, 94 f.): ‚Wollen wir nicht unser (heutiges) Wachen für ein alltägliches Wachen halten! – Es ist ein Fest, dessen Lohn hundertmal größer ist …‘“.

Gen 35,13 und Q 97,4

Köln-Merkenich,
am Donnerstag, den Reformationstag 2024

                                                                                 

 

Gen 35,13

׃בַּמָּקֹ֖ום אֲשֶׁר־דִּבֶּ֥ר אִתֹּֽוa וַיַּ֥עַל מֵעָלָ֖יו אֱלֹהִ֑ים 

VOKABEL

VERB

עלה - hinaufgehen.

 

mE

Und es stieg hinauf, von ihm stieg hinauf Gott, an dem Ort, wo er mit ihm gesprochen hatte.

 

Buber / Rosenzweig

Gott stieg auf, hinauf von ihm, an dem Ort, wo er mit ihm geredet hatte.

 

van Dyke

ثُمَّ صَعِدَ اللهُ عَنْهُ فِي الْمَكَانِ الَّذِي فِيهِ تَكَلَّمَ مَعَهُ.

VERB

صعد  , a – aufsteigen.

PARTIKEL

عن - von, von … weg, über (ein Thema).

 

BEOBACHTUNGEN

1 Zweimal  עלה, aalah, hinaufgehen

Gleich zweimal steht zu Beginn des Verses das Verb עלה, aalah, hinaufgehen.

Das wird bereits in Alexandria als überflüssig angesehen und wird von der Septuaginta nur einmal übersetzt:

LXX ἀνέβη δὲ ὁ θεὸς ἀπʼ αὐτοῦ ἐκ τοῦ τόπου, οὗ ἐλάλησεν μετʼ αὐτοῦ.

LXXD Gott aber stieg von dem Ort, wo er mit ihm gesprochen hatte, hinauf, weg von ihm.

HIERONYMUS verkürzt drastisch:

VUL et recessit ab eo

VULD Und er entfernte sich von ihm.

Nahezu alle eingesehenen Bibelübersetzungen haben diese Reduzierung nachgeahmt. 
Selbst Buber / Rosenzweig verkürzen auf ein Verb, wiederholen aber die Bewegungsrichtung:

B/R  Gott stieg auf, hinauf von ihm

Ähnlich die Bibel in Gerechter Sprache:

BiG Dann stieg die Gottheit auf – weg von ihm

JOHUASCH versteht gleichfalls das zweite Verbvorkommen präpositional, aber auf eigene Weise:

un got hot sich aufgehobn fun über ihm un dem ort wo er hot mit im geredet.

Zwei neuere Übersetzungen, die BASISBIBEL und SOGGIN, weichen ab. Beide füllen das Verb beim zweiten Mal aber mit neuem Sinn:

BB Dann verließ Gott Jakob und den Ort, an dem er mit ihm geredet hatte. Und er fuhr zum Himmel  hinauf.

SOGG Dann verließ Gott ihn und fuhr von dem Ort […] in die Höhe hinauf.

 

2 Vertikal – Horizontal

Der Lakonismus der Vulgata lässt offen, wohin Gott sich entfernt.

Daran kann die neue französische Übersetzung anknüpfen, die es nahelegt, dass Gott horizontal entschwindet:

BFC Puis Dieu s’eloigna 

Dies findet sich gleichfalls in der alten Guten Nachricht:

GN Als Gott ausgeredet hatte, verließ er den Ort

Die Neuausgabe Gute Nachricht Bibel konnte das nicht stehenlassen:

GNB Als Gott zu Ende gesprochen hatte, fuhr er von dem Ort […] in den Himmel empor.

Bei SOGGIN kommen beide Bewegungsrichtungen vor, s. o.

 

3 Himmel

Erstaunlich, wie die Leerstellen (Wolfgang Iser), wohin Gott denn entschwindet, gerade von den neueren Übersetzungen GNB und BB umstandslos zugestopft werden: Gott entweicht in den Himmel.

SOGGIN spricht immerhin „nur“ von der Höhe – kann aber auch diese Leerstelle nicht offen lassen. 

  

vor Mainz, am
Freitag, den 1. November 2024 
Köln-Merkenich, am 
Montag, den 4. November 2024

 

 

KOMMENTARE

Für HIRSCH, 435, bedeutet der Nachsatz, „an dem Ort …“: „Er [Gott, mE], und nicht der Ort, war Basis und Bedingung der dort sichtbar gewordenen besonderen Gottesgegenwart.“

Das halte ich für eine außerordentlich wichtige Beobachtung. Nicht Grund und Boden sind heilig oder machen etwas heilig, sondern Gott.

Wie JACOB, 665, verweist PHILIPPSON, 185, auf Gen 17,22 und Gen 18,33, „um auf feierliche Weise den Schluss einer bedeutsamen göttlichen Aussprache auszudrücken.“ SARNA, 242, nimmt dies auf, dass dieser Vers direkt von Gen 17,22 beeinflusst ist. WESTERMANN, 674, bestätigt dies. SEEBASS, 444, erweitert den Vergleich: „Die Darstellung ist sehr anthropomorph wie in Kap. 17, wohl wie dort als Traditionsrest.“

 

*

 

Köln-Merkenich,
am Donnerstag, den 7. November 2024

 

Q 97, 4

تَنَزَّلُ الْمَلَائِكَةُ وَالرُّوحُ فِيهَا بِإِذْنِ رَبِّهِم مِّن كُلِّ أَمْرٍ

VOKABELN

VERB

نذل - herabsteigen.

NOMEN

ملاك  pl.  ملائكة – Engel;

روح  pl. ارواح  – Geist, Seele, Menschenleben.

إذن  pl.  أذون oder أذونات - Erlaubnis, Anweisung;

امر  pl. أوامر awamir – Befehl; ODER:  امر pl. أمور  umur  -  Sache, Angelegenheit.

 

mE

Es stiegen herab die Boten und der Geist, 

in ihr [der Nacht der Bestimmung] ist in einer Anweisung ihres Herrn ein Befehl von allem.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Die Engel stiegen nieder und der Geist in ihr,

Auf ihres Herrn Geheiß, dass alles sei bedacht.


ULLMANN (1840)

In ihr stiegen die Engel und der Geist, mit Erlaubnis ihres Herrn, mit den Anordnungen Allahs über alle Dinge herab.
Anmerkung zu „Geist“: „Der Engel Gabriel.“

 

HENNING (1901)
In ihr kommen die Engel und der Geist mit ihres Herrn Erlaubnis herab, mit jeglichem Auftrag.

   
GOLDSCHMIDT (1916)

In ihr steigen die Engel nieder und der Geist, mit Verlaub ihres Herrn für alle Dinge.

  
BELL (1937)

In it the angels and the spirit let themselves down, by the permission of their Lord, with regard to every affair

 

PARET (1979, 2001)
Die Engel und der Geist kommen in ihr mit der Erlaubnis ihres Herrn hinab, lauter Logos(wesen). 

 

KHOURY (1987, 1992)

Die Engel und der Geist kommen ich ihr mit der Erlaubnis ihres Herrn herab mit jedem Anliegen.

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Die Engel kommen mit Gabriel auf die Erde hinunter mit Gottes Befehl und Befugnis.

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), 

Es kommen die Engel und der Geist in ihr mit der Erlaubnis ihres Herrn mit jeder Angelegenheit herab.

 

 

ZIRKER (2003, 2018)

Die Engel und der Geist gehen in ihr hinab mit der Erlaubnis ihres Herrn wegen

jeglicher Verfügung.

 
KARIMI (2009)

Die Engel steigen hernieder, und in ihr der Geist, mit der Erlaubnis ihres Herrn, auf jegliches Geheiß.

 
BOBZIN (2010, 2017)

Es stiegen in ihr nieder die Engel und der Geist – 

mit der Erlaubnis ihres Herrn zu jeglichem Geheiß.


NEUWIRTH (HKK I 2011)

Die Engel steigen in ihr herab und der Geist
      mit der Erlaubnis ihres Herrn in jeder Sache.

 

 CORPUS CORANICUM (7.11.2024)

In ihr steigen die Engel und der Geist herab

mit der Erlaubnis ihres Herrn in jeder Sache.

 

 

BEOBACHTUNGEN

1 Gabriel

Was ULLMANN noch zurückhaltend in eine Anmerkung platziert, hat sich in der offiziellen Übersetzung der AL AZHAR verselbständigt: Aus dem „Geist“ wird der Engel Gabriel. Irgendwelche Anklänge an biblische Wurzeln – sei es Gen 1,2; Sach 12,1 als synonym zu Gen 2,7 (TWAT 7,408) oder Lk 1,35 sowie Jh 1 – verschwinden.

PARETs Übersetzung mit „Logos“ oder „Logoswesen“ setzt eine starke Markierung, die Assoziationsketten freisetzt (s. Johannesevangelium, Stoa), s. u. Kommentar.


2 Gott

ULLMANN verdoppelt: Zusätzlich zum „Herrn“ spricht er von „Allah“. Auch hier folgt die AL AZHAR ihm, schreibt allerdings „Gott“.

 

KOMMENTARE

BELL, 669, vermerkt zu diesem Vers: „The exact construction and sense of this phrase are uncertain[.] It is usually taken with the verb ‘let themselves down,’ not with ‘permission.’”

PARET, 517/2463, betont, “wahrscheinlich hat min partitiven Sinn und ist amr in der besonderen Bedeutung »Logos« oder ähnlich […] zu verstehen. Dementsprechend habe ich »lauter Logos(wesen)« übersetzt (als Apposition zu »die Engel und der Geist«).“

Paret verweist auf seinen Kommentar zu 2,109. Dort führt er aus, 25/1138:

„An vereinzelten Stellen scheint aber amr eine Art kosmologische Hypostase im Sinn des griechischen Logos bzw. des jüdisch-aramäischen mēmrā zu bezeichnen. So ⇨10,3 (ṯumma stawā 'alā l-'arši yudabbiru l-amra),16,2 (yunazzilu l-malā'ikata bir-rūḥi min amrihī 'alā man yašū'u min 'ibādihī),97,4 (min kulli amrin). Siehe die Anmerkungen zu diesen Versen, mit weiteren Belegen; ferner Horovitz, Proper Names, S. 188-190; Speyer, S. 4. 24f.; Thomas O'Shaughnessy, The Development of the Meaning of Spirit in the Koran, Rom 1953  (Orientalia Christiana Analecta 139), S. 33-42: »The Spirit from the Amr of the Lord«. Eine genauere Definition von amr ist allerdings kaum möglich.“ 

NEUWIRTH, 101, lehnt die Übersetzung PARETs eindeutig ab: „dem Logos entspricht vielmehr al-qur’an selbst“. Sie verweist auf die Parallelstelle Q 44,3ff, in der Übersetzung von Neuwirth, 102:


„‘Wir sandten es herab in einer gesegneten Nacht, wir sind es ja, die warnen. In ihr wird entschieden jeder weise Auftrag, auf unsere Anordnung, wir sind es ja, die Gesandte schicken.‘“-


„Die Epiphanie von Engeln“, so NEUWIRTH zu diesem Vers, 100, „– seit der Erzählung von der Jakobsleiter (Gen 28,10-17) ein Topos in den nachbiblischen Traditionen – ist ein besonders geläufiges Bild in der christlichen Theologie und Ikonographie“. BELL bezog dieses bereits auf die Weihnachtsgeschichte nach Lukas, Lk 2,10, was LUXENBERG breit aufnahm. Jedoch: „Die Herabkunft von Engeln begleitet vielmehr das – im Koran typologisch der Christusgeburt entsprechende – neue ‚Geburtsereignis‘, die Herabkunft des qur’an-Logos“.
Ferner gilt: „Das Bild setzt das – auch die alte christliche Tradition beherrschende – spätantike, stufenfömrig aufgebaute Weltbild voraus“. Die Erzählung von der Jakobsleiter, Gen 28,10-17, ist „in der Ostkirche als allegorisches Bild für Maria weitgehend präsent“, 101, „Maria wird in alten Hymnen als die Himmelsleiter gepriesen“. NEUWIRTH verweist auf den Akathistos-Hymnos, 3. Stasis, V. 10f: „‘Sei gegrüßt, Himmelsleiter, über die Gott herabgestiegen ist, sei gegrüßt, Brücke, die die Irdischen in den Himmel führt‘". "[I]n der Liturgie des Assumptionsfestes ist der Jakobsleiter-Text Gen 28 eine der drei Festlegungen. Diese allegorische Deutung des Szenarios ist in der Sure nicht reflektiert, doch könnte ds Bild der Himmelsleiter gerade aufgrund seiner christologischen Signifikanz unter monotheistischen Frommen besonders geläufig gewesen sein.“ (101) Das „Verständnis von al-ruh als Botenengel“ findet sich auch in „mittelmekkanischen Zusätzen in frühmekkanischen Suren (Q 78:38, 70:4) und spätere Belege wie 26.193 und 17:25“, 101. NEUWIRTH weist auf „die im nizänischen Glaubensbekenntnis festgehaltene Rolle des Heiligen Geistes als ‚der gesprochen hat durch die Propheten‘“, 101.
CORPUS CORANICUM nimmt die Hinweise von NEUWIRTH auf und erinnert daran, dass schon KARL AHRENS, 1930, auf diesen Zusammenhang hinwies:
BELEG: Karl Ahrens: Christliches im Qoran. Eine Nachlese. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Band 84, S. 15-68, 148-190, 1930.

PARETs Übersetzung wird eingehend geprüft. Fazit:


Logos als christologischer Hoheitstitel, wie er auf die Eröffnungspassage des Johannes-Evangeliums zurückgeht, wird im Koran, wie Hubert Grimme bemerkt hat, nicht mit ʾamr, sondern mit kalimat Allāh wiedergegeben (Speyer, Biblische Erzählungen, 24 f.), sodass die beiden lexikalisch und auch in ihrer theologischen Funktion verwandten Ausdrücke מאמרא / logos in koranischer Terminologie auseinanderfallen; Parets Übersetzung von yudabbiru l-ʾamra mit 'den Logos dirigieren' verdeckt dies.“

 

NACHBEMERKUNG

M. E. ist روح, ruch, Geist, ein Hebraismus, vgl. רוּחַ, ruach. Die Septuaginta übersetzte diesen Ausdruck weitestgehend mit πνεῦμα, pneuma. In ihrer Übersetzung von Ps 104 (103) 4 hat sie „diesen Text als eine Aussage über die ‚geistliche‘ Natur der Engel aufgefasst.“ TWAT 7,418.

Auffallenderweise reflektieren die Kommentare nicht den Zusammenhang von „Geist“ mit dem Gedanken der Vorherbestimmung, wie er in Q 97,4 vorliegt. Hier scheint die stoische Gedankenwelt prägend gewesen zu sein. Vebindungsglied dafür war offenbar die Septuaginta, da „nach Isaacs (15-17) die Bedeutungen von ruah auf das griech. πνεῦμα eingewirkt [haben]: nur im Stoizismus hatte dieses Wort eine zentrale Bedeutung, wo es mit dem λόγος oder νοῦς, der die Welt durchdringt und belebt, identifiziert wurde“, TWAT 7,418.

Vermittelt über die Septuaginta käme hier beides – wie in Q 97,4 – zusammen: Angelologie und Stoizismus.

LITERATUR: Isaacs, M. E.: The Concept of Spirit. A Study of Pneuma in Hellenestic Judaism and its Bearing on the New Testament, Heythrop Monographs 1, London 1976.

Es wäre ein weiterer Beleg für die Entstehung des Korans aus dem Geist der Spätantike.



Köln-Merkenich,
am Freitag/Dienstag/Donnerstag/Freitag, 
den 15./19./21./22 November 2024

Gen 35,14 und Q 97,5


 Gen 35,14

וַיַּצֵּ֨ב יַעֲקֹ֜ב מַצֵּבָ֗ה בַּמָּקֹ֛ום אֲשֶׁר־דִּבֶּ֥ר אִתֹּ֖ו מַצֶּ֣בֶת אָ֑בֶן וַיַּסֵּ֤ךְ עָלֶ֨יהָ֙ נֶ֔סֶךְ וַיִּצֹ֥ק עָלֶ֖יהָ שָֽׁמֶן׃

 

VOKABELN

VERBEN

נצב  hif. – aufrichten, stellen;

נסךְ hif. – ausgießen;

יצק - ausschütten, ausgießen.

NOMEN

נָסִיךְ - Trankopfer;

שֶׁמֶן - Öl.

 

mE

Und Jaakob errichtete ein Gedenkmal an dem Ort, wo er zu ihm gesprochen hatte, ein steinernes Gedenkmal. Und er goß über ihm ein Trankopfer aus und vergoss über ihm Öl.

 

Buber/Rosenzweig

Jaakob erstellte ein Standmal an dem Ort, wo er mit ihm geredet hatte, ein Standmal von Stein,

er goß einen Guß darauf und schüttete Öl darauf.

 

van Dyke

فَنَصَبَ يَعْقُوبُ عَمُودًا فِي الْمَكَانِ الَّذِي فِيهِ تَكَلَّمَ مَعَهُ، عَمُودًا مِنْ حَجَرٍ، وَسَكَبَ عَلَيْهِ سَكِيبًا، وَصَبَّ عَلَيْهِ زَيْتًا

VOKABELN

VERBEN

نصب - aufstellen;

سكب , u – (aus-, ver)gießen;

صب , u – gießen.

NOMEN

عمود pl. أعمدة  – Säule;

تكلم  - Rede, Sprache;

حجر  pl. أحجار oder  حجارة – Stein;

سكيبة  - Wehr, 486: „drink offering, libation“

زيت  pl.  زيوت – Öl.

 

BEOBACHTUNGEN

1 an der Stätte, da er mit ihm geredet hatte, L84

Unwillkürlich lässt einen diese Stelle fragen: Wer spricht mit wem? Jaakob mit Gott oder Gott mit Jaakob? Wer ist Subjekt und übernimmt den aktiven Part? Das Hebräische ist an dieser Stelle zweideutig. Bereits HIERONYMUS hält diese Offenheit nicht aus und verschließt sie mit einer kleinen Ergänzung:

VUL in loco quo locutus ei fuerat Deus

VULD an dem Ort, an dem Gott zu ihm gesprochen hatte

Dies wurde von Generationen von Übersetzern nicht nachgeahmt.

Erst moderne Übersetzungen knüpfen daran wieder an: EIN LSG NL D20 BB und überraschenderweise auch SOGGIN!

Die Bible in gerechter Sprache verwendet ein anderes Mittel um zu vereindeutigen:

BiG an dem Ort, an dem sie mit ihm gesprochen hatte – solange Jakob kein Transvestit ist, fällt er damit als Subjekt aus.

Die moderne französische Übersetzung übergeht diese Herausforderung mit einem einzigen Wort:

BFC Jakob dressa là 

Im Deutschen geht es nicht so geschickt:
GN an der Stelle

Die Überarbeitung der Guten Nachricht, die Gute Nachricht Bibel, kann das so nicht stehen lassen:

GNB an dieser Stelle

 

2 Figura etymologica

Die etymologische Figur ist ein Stilmittel, bei dem der Wortstamm wiederholt wird – z. B. „einen Traum träumen“. In diesem Vers ist es die Wiederholung von נסךְ, nasach, gießen in נָסִיךְ, nasich, Trankopfer.

BUBER/ROSENZWEIG geben diese etymologische Figur wieder:

B/R er goß einen Guß

Doch bereits die Septuaginta und auch HIERONYMUS lassen sich nicht lumpen:

LXX  καὶ ἔσπεισεν ἐπʼ αὐτὴν σπονδὴν

Die deutsche Übersetzung der Septuaginta gibt die Wiederholung des Wortstammes  σπένδω, spendoo, leider nicht wieder:
LXXD und goß ein Trankopfer auf ihn

VUL libans super eum libamina

Der lateinische Wortstamm ist libo: „ein Trankopfer spenden, opfern, weihen“, die deutsche Übersetzung passt leider:

VULD wobei er über ihm Trankopfer darbrachte

Weitere Übersetzungen, die dieses Stilmittel verwenden:

van Dyke  وَسَكَبَ عَلَيْهِ سَكِيبًا, wa sakaba aalaeihi sakiban

Jehuasch gelingt dies Stilmittel mit einem Kniff:

SBJ געגאסן אויפ אים א גיסאפפער , gegosn auif im a gißopfer

ZUNS löst die Aufgabe sehr geschickt:

ZUNZ und spendete darauf eine Spende

Vermutlich hatte JEHUASCH HIRSCH als Vorlage:

HIRSCH goß ein Gußopfer darauf

JACOB goß darauf einen Guß aus

Alle anderen eingesehenen Übersetzungen lassen sich diese Köstlichkeit entgehen, mich leider eingeschlossen. Mir fiel es erst durch den Vergleich mit Bubers Übersetzung auf.

 

KOMMENTARE

HIRSCH, 435, vermutet, die Ölgießung „dürfte die bleibende Weihe des Steines für die Zukunft bedeuten“ und verweist auf Gen 28,18 und 1 Sam 9,6 – gemeint ist wohl 1 Sam 10,1.

JACOB, 665, hebt darauf ab, dass hier eine andere Mazebe gemeint sei, als in 28,22, „das zu betonen ist der Zweck des Zusatzes: an dem Orte, wo (Elohim) soeben mit ihm geredet hatte“. 

Durch die „Apposition: eine mazzeba von (Einem) Stein“ wird deutlich, dass „diese mazzebe nicht bloß von der Grabmazzeba v. 20, sondern von dem Altar v. 7 unterschieden“ wird.

Die „Salbung mit Öl“ hat dabei „mit Opfer nichts zu tun. Zu einem solchen ist das Gußopfer stets nur Begleitung wie schon Hos 9,4; 2 Kg 16,13.15“.

PHILIPPSON, 185f, erinnert daran, dass „der Gebrauch, eine Standsäule zum Andenken einer Begebenheit aufzurichten, dem Oriente entlehnt“ ist. „Hier dient sie Jak.[ob] sogar zur Gottesverehrung […] Deshalb ward dies im mosaischen Gesetz, um nicht Gelegenheit zum / Götzendienste zu geben verboten, [...] s. 3 Mos 26,1."

SARNA, 242, macht deutlich, „[t]he text does not clarify whether this is the rededication of the original pillar of 28,18 or the erection of a new one. […] Hebrew nesekh usually means a wine offering and is nowhere else found in Genesis. Moreofer, it is here poured on the pillar, not on the altar. This combination of anomalies indicates that the ceremony […] is not simply a duplication […] but has an added dimension. An interesting parallel may perhaps be drawn from an inscription by Sennacherib, King of Assyria and Babylonia (704-681 B. C. E.): 'When that palace shall have become old and ruined, may some future prince restore its ruins, look upon the stele with my name inscribet [on it], anoint it with oil, pour out a libation upon it, and return it to its place.'"
BELEG: ANEP, no. 188 (S. 59, 271).

WESTERMANN, 674, deklariert: “V. 14 kann nicht von P sein, denn P kennt weder Malsteine noch Kulthandlungen vor der Sinaitheophanie. Darin sind sich […] alle Ausleger einig.“

Mit ihm vermutet SOGGIN, 416: „könnte es sich um einen redaktionellen Zusatz handeln, als Schluss das Abschnitts?“

SEEBASS, 444, erläutert ausführlich:

*

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, 
 den 4. Dezember 2024

 

Q 97,5

سَلَامٌ هِيَ حَتَّىٰ مَطْلَعِ الْفَجْرِ

VOKABELN

NOMEN

مطلع  pl. مطالع - Ort/Zeit des Anfangs, Anbruch (des Tages), Anfang, Beginn;

فجر  - Morgendämmerung.


mE

Frieden ist sie bis zum Beginn der Morgendämmerung.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) von Vers 1 an:

Wir sandten ihn hernieder in der Nacht der Macht.

Weißt du, was ist die Nacht der Macht?

Die Nacht der Macht ist mehr als was

In tausend Monden wird vollbracht.

Die Engel steigen nieder und der Geist inihr,

Auf ihres Herrn Geheiß, dass alles sei bedacht.

Heil ist sie ganz und Friede, bis der Tag erwacht.


ULLMANN (1840)

Friede und Heil bringt diese Nacht bis zum Erglühen der Morgenröte.

 

HENNING (1901)
Frieden ist sie bis zum Anbruch der Morgenröte.

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Heil ist sie, bis zum Anbruch der Morgenröte.

 


BELL (1937)

It is peace until the rising of the dawn.

 

PARET (1979, 2001)
Sie ist (voller) Heil (und Segen), bis die Morgenröte sichtbar wird (wörtlich: aufgeht).

 

KHOURY (1987, 1992)

Voller Frieden ist sie bis zum Aufgang der Morgenröte.

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Sie ist voller Frieden bis zum Anbruch der Morgenröte.

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), (Bobzin, 2010, 2017)

Friede(n) ist sie bis zum Anbruch der Morgendämmerung.

 

ZIRKER (2003, 2018)

Frieden ist sie bis zum Aufgang des Morgens.

 
KARIMI (2009)

Friede ist sie, bis hereinbricht die Morgenröte.


NEUWIRTH (HKK I 2011)

Segen ist sie bis zum Anbruch der Morgenröte!

 

CORPUS CORANICUM (4.12.2024)

Friede ist sie bis zum Beginn der Morgenröte!

 

BEOBACHTUNGEN 

1 سلم, silm oder salm – Frieden

Im Verlauf der Übersetzungsgeschichte dieses Verses ist ein bemerkenswerter Verlauf erkennbar: Zunächst wird die Fülle dieses Begriffs mit „Heil“, „Ganzheit“ und „Friede“ dreifältig wiedergegeben:

RÜCKERT Heil ist sie ganz und Friede, bis der Tag erwacht.

ULLMANN sowie PARET und KHOURY reduzieren auf zwei:

ULLMANN Friede und Heil

PARET Heil (und Segen)

KHOURY Voller Frieden

Die Übrigen entscheiden sich für nur eine Variante:

„Frieden“: HENNIG, BELL, BUBENHEIM, ZIRKER, KARIMI, CORPUS CORANICUM

„Heil“: GOLDSCHMIDT

„Segen“: NEUWIRTH – sie stellt sich damit in die Tradition von PARET.

 

2 فجر  - Morgendämmerung

Der Begriff „Morgenröte“ (ULLMANN, HENNING, PARET, KHOURY, AL AZHAR, KARIMI, NEUWIRTH, CC) hat eine religiöse Vorgeschichte. Bei den alten Griechen gab es dafür eine eigene Gottheit, Eos, in Rom hieß sie Aurora. 

Jegliche Nähe zu dieser Tradition vermeiden RÜCKERT und ZIRKER – in Ansätzen BUBENHEIM.

 

KOMMENTAR

NEUWIRTH, 102, führt zu diesem Vers aus:

BELEGE: Sells, Michael: Sound, spirit and gender in surat al-Qadr. In: JAOS 11, 1991, S. 239-259.

Die beiden Bewegungen spiegeln sich im Gesang der  Engel zur Geburt Jesu, Lk 2,14, und im Loblied der Menge bei seinem Einzug in Jerusalem, Lk 19,38, wider. 

 

CORPUS CORANICUM verweist erneut, s. Q 97,1, auf EPHREM DER SYRER:

 

salāmun hiya ḥattā maṭlaʿi l-faǧr] „The idea of the night being ‚peace’ recalls descriptions of the Eve of the Nativity“ (Bell, Commentary, ad loc.). Vermutlich denkt Bell dabei vor allem an den Hymnus der Engel aus Lukas 2:14: „Lob sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade“ (vgl. auch Luxenberg 2003 , allerdings ohne Verweis auf Bell). Der friedvolle Charakter der Weihnachtsnacht wird auch in Ephrems „Hymnen auf die Geburt des Herrn“ hervorgehoben (Beck 1959a, 11, 1:88.91; Übersetzung in Beck 1959b, 10; zu diesem von Yousef Kouriyhe identifizierten Intertext vgl. ausführlicher TUK, Nr. 150): „Dies ist die Nacht der Versöhnung; in ihr finde sich keiner (mit) erzürntem und finsterem (Blick). – In dieser alles befriedenden Nacht finde sich keiner, der droht und lärmt! / 〈…〉 An diesem milden Tag lasst uns nicht heftig sein! – An diesem friedlichen Tag lasst uns nicht zornig sein!““

BELEG zu BECK s. o. zu Q 97,1

 

YOUSEF KOURIYHE sowie Nicolai Sinai, Adrian Pirtea (überarbeitet von Vasiliki Chamourgiotaki) führen zu Ephrem der Syrer aus - https://corpuscoranicum.de/de/verse-navigator/sura/97/verse/1/intertexts/150 - eingesehen am 4.12.2024:

 

„Der vorliegende Hymnus betont in Anlehnung an Luk 2:14 (siehe TUK_0622) den besonders friedvollen Charakter des Geburtsfestes Jesu durch eine Reihe von Begriffen wie: Erlösung (purqānā), Verzeihung (šubqānā), Versöhnung (tarʿutā), usw. Die Nähe zur koranischen Schilderung der lailat al-qadr als „Frieden bis zur Morgendämmerung“ (salāmun hīya ḥattā maṭlaʿi ʾl-faǧri, Vers 5) wird dabei insbesondere an Ephrems Aussage ersichtlich, dass die (Weihnachts)nacht „alles friedvoll macht“ (mešayyan kull), ihrerseits ein Echo des Lobgesanges der Engel bei Lukas: „Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede“ (2:14, Einheitsübs.).

Der Gedanke des vollkommenen Friedens und der Versöhnung zwischen Himmel und Erde wird im Christentum eng mit der Offenbarung und dem Herabkommen des göttlichen Wortes in die Welt in Verbindung gebracht, konkret also mit der Menschwerdung des Logos durch die Geburt Christi. Analog dazu wird die „Nacht der Bestimmung“, d.h. des Hinabsendens des Korans zu Muḥammad, ebenfalls als besonders heilig (sie ist „besser als tausend Monate“, vgl. TUK_0147) und friedlich dargestellt. Ähnlich wird an anderer Stelle die Nacht des Hinabsendens als „gesegnet“ (mubāraka) bezeichnet (Q 44:3). Eine gewisse Beeinflussung seitens des christlichen Weihnachtsfestes auf die lailat al-qadr wurde u.a. von Richard Bell postuliert (Bell 1991: p. 563-564). Andere Forscher haben dagegen eine mögliche Ähnlichkeit zu jüdischen oder vorislamischen Festtagen hervorgehoben (Belege bei Marcotte 2003: p. 538). Es bleibt jedoch zu erwägen, ob die Beschreibung in Q 97 nicht vielmehr eine gezielte und bewusste Umarbeitung der christlichen Weihnachtssymbolik ist, die etwa den endgültigen und alle vorherigen Offenbarungen übertreffenden Charakter des Korans unterstreichen soll.“

BELEG: Marcotte, Roxanne D.: Art. Night of Power. In: EI 3,537-538, 2003.

Gen 35,15 und Q 108,1


Köln-Merkenich,
Montag/Dienstag, den 16./17. Dezember 2024

                                                                                 

 Gen 35,15

       וַיִּקְרָ֨א יַעֲקֹ֜ב אֶת־שֵׁ֣ם הַמָּקֹ֗ום אֲשֶׁר֩ דִּבֶּ֨ר אִתֹּ֥ו שָׁ֛ם אֱלֹהִ֖ים בֵּֽית־אֵֽל׃

mE

Und Jaakob rief den Namenn des Ortes, an dem mit ihm dort Gott redete „Beth-El“, Haus Gottes.

 

Buber / Rosenzweig

Jaakob reif den Namen des Ortes, wo Gott mit ihm geredet hatte: Bet-El, Haus der Gottheit!

 

van Dyke

وَدَعَا يَعْقُوبُ اسْمَ الْمَكَانِ الَّذِي فِيهِ تَكَلَّمَ اللهُ مَعَهُ «بَيْتَ إِيلَ» . 15 

 BEOBACHTUNGEN

Das ist ein unscheinbarer Vers und ich fragte mich, was hier schon Besonderes beobachtet werden könnte

Anders als in Vers 13, wo es in beiderlei Richtung verstanden werden kann, wer mit wem geredet hat, heißt es in diesem Vers eindeutig, dass Gott mit Jaakob geredet hatte. Dennnoch eliminieren sowohl WESTERMANN als auch SOGGIN „Gott“ in diesem Vers:

WEST SOGG wo er mit ihm geredet hatte

Damit schaffen sie eine Parallelität zu Vers 13, die so nicht vorliegt.

 

KOMMENTARE

JACOB, 666, betont, dass es hier um „eine unzweideutige Offenbarung“ ginge – im Unterschied zu vorigen Vorgängen an diesem Ort wie „Himmelsleiter, dem heiligen Stein und dem Zehnten“, 665, „im Ausdruck klar und bestimmt, daher auch ohne Einkleidung, wie Mose überhaupt keine Traumoffenbarung erhält.“ 666

WESTERMANN, 674, problematisiert, „dass eine Namensgebung für die Stätte Bethel dreimal berichtet wird, 35,7 mit Altarbau, 28,19 und 35,15 mit dem Errichten eines Malsteins. Nur 28,19 ist dies fest in einer Erzählung verankert“. Er sieht hier einen Redakteur am Werk, der diese Stelle bewusst an Gen 28 „darin angleicht, dass er ihr einen fast gleichen Schluss gibt in 14f; vgl. 28,18.19.“

Auch SOGGIN, 416, vermutet „einen redaktionellen Zusatz […] als Schluss des Abschnitts“.

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, 
den 19. Dezember 2024

 

Q 108,1

 

بِسْمِ ٱللَّهِ ٱلرَّحْمَ‍ـٰنِ ٱل‍‍رَّح‍ِ‍ي‍مِ

إِنَّا أَعْطَيْنَاكَ الْكَوْثَرَ (١)

VOKABELN

VERB

عطو oder  عاطى - geben, HIER IV. STAMM (Kausativ): geben, gewähren, schenken.

NOMEN

كوثر  - „Name eines Flusses im Paradies“: (KROPFITSCH (Langenscheidt) 327); WEHR 990: „much, ample, abundant, plentiful, large quantity”; STEINGASS 900: “principal river of Paradise; plenty, abundance, much; liberal.” 

 

mE 

Wir, wir schenkten dir die Fülle!

 

Köln-Merkenich, am Dienstag,
 den 7. Januar 2025

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Wir haben dir verliehn den Kauther;


ULLMANN (1840)

Wahrlich, wir haben dir Al-Chautsar gegeben.

 

HENNING (1901)
Wahrlich, wir haben dir (Gutes) im Überfluss gegeben.

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Siehe, wir gaben dir die (Gnaden)fülle.
Anm.: „So wörtlich; gilt als Name eines Flusses im Paradies.“

 

BELL (1937)

Verily, We have given thee abundance

Anm.: “Al-kauthar, from the root meaning “many”, ist interpreted as meaning much wealth, or by others as referring to the number of his followers; others again take the word as the proper name of a river or pool in Paradise”

 

PARET (1979, 2001), KHOURY (1987, 1992), ZIRKER (2003, 2018), CORPUS CORANICUM (07.01.2025)

Wir haben dir die Fülle gegeben.

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Wir haben dir die Gabenfülle beschert.

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), 

Wir haben dir ja al-Kautar gegeben.

 
KARIMI (2009)

Beschert haben Wir dir des Guten Fülle.

 
BOBZIN (2010, 2017)

Siehe, wir verliehen dir die Fülle.


NEUWIRTH (HKK I 2011)

Wahrlich, wir geben dir Fülle!

 

BEOBACHTUNGEN:

BELL hat in seiner kleinen Anmerkung zu diesem Vers bereits die ganze Breite entfaltet, wie das Wort „al kauthar“ aufgefasst wird.

Es gibt die Fraktion derer, die darin einen Eigennamen sehen, die es qualitativ wertend, fromm übersetzen und die schlicht von „Fülle“ sprechen – hier gab BELL offenbar den Ton an:

NAMEN: Rückert, Ullmann, Bubenheim,

FROMM: Goldschmidt, Henning, Al Azhar, Karimi,

FÜLLE: Bell, Paret, Khoury, Zirker, Bobzin, Neuwirth, Corpus Coranicum.

 

KOMMENTARE

BELL, 681, beschreibt die Schwierigkeit diese Sure zeitlich einzuordnen:

PARET, 526f, zitiert ausführlich einen Kommentar von Harris Birkeland, The Lord Guideth, Studies on Primitive Islam, Oslo 1956, S. 56-99. Nach ihm bestaunt hier Mohammed die „Fülle“, die sich ihm nach der Heirat mit der Kauffrau Hadiga einstellte, als Gabe Gottes.

 

NEUWIRTH, HKK I, 107, geht auf die Rätsel auslösende grammatische Form dieses nur hier vorkommenden Wortes („Hapaxlegomenon“) ein:

 

„Auffallend ist das morphologisch aus dem Rahmen fallende Hapaxlegomenon kauthar. Kauthar ist eine seltene fau’al-Form (siehe GVGS [Carl Brockelmann: Grundriss der vergleichenden Grammatik der semitischen Sprache, 2 Bände, Berlin, New York 1908-1913, Hildesheim 1961], II, S. 344), die aber auch in der altarabischen Poesie belegt ist (vgl. Ibn Hisham 1858:261 […]) […]
 108:

„Das Nomen kauthar ist als eine Ableitung von KThR in der seltenen Intensivform fau’al auffällig; es steht prägnant für eine offenbar als bedeutend empfundene göttliche Zuwendung.“

 

Im Anschluss an Q 94,1 - „haben wir dir nicht die Brust geweitet“ - geht es nicht „um ‚Reichtum an irdischen Gütern‘“ – gegen PARET und BIRKELAND –, sondern „um die Vermittlung einer inneren Befreiung, um spirituelle Fülle“.

 

Neuwirth, 107, widerlegt zudem LUXENBERGs Ansicht, hier läge „die Arabisierung des syrischen Lexems kuthara („Beständigkeit“)“ vor. Ihr Argument: Tugenden werden indeterminiert benannt, vgl. Q 19,12b-14, nicht wie hier determiniert durch den Artikel. Die Rätselhaftigkeit dieses Begriffs sei beabsichtigt und ginge parallel mit „zahlreichen Fällen von rätselhaft belassenen Begriffen, zumeist aus dem eschatologischen Bereich“. Sie sollen bewusst, 108, „keine Eindeutigkeit erzeugen, so dass die Aussage durch die fortbestehende Deutungsbedürftigkeit […] noch an Gewicht gewinnt.“

 

Köln-Merkenich, am Dienstag,
den 8. Januar 2025

CORPUS CORANICUM zitiert NÖLDEKE / SCHWALLY Geschichte des Qorans, I, 92 Anm. 4: „Kauṯar ‚ist eigentlich ein Adjektiv und bedeutet ‚viel, reichlich, in Fülle’; 〈…〉‘“ mit Verweis auf arabische Dichtung. Die weiteren Belege dafür im neuen Wörterbuch der klassischen arabischen Sprache, WKAS, kann ich gegenwärtig noch nicht einsehen.

In der o. g. Anmerkung wird die Ansicht, hier würde ein Paradiesfluss benannt werden, auf Ibn Hischam, Geschichte des Propheten (geboren in Basra, gestorben in Fustat 829 oder 834) zurückgeführt.

Gen 35,16 und Q 108,2 
sowie ein Nachtrag zu Gen 34,5:
Die Monolatrie (Eingottverehrung) als Mittel zum Zweck des Gottesschreckens



Köln-Merkenich,
Donnerstag, den 9. bis Freitag, den 17. Januar 2025


Gen 35, 16

 

וַיִּסְעוּ֙ מִבֵּ֣ית אֵ֔ל וַֽיְהִי־עֹ֥וד כִּבְרַת־הָאָ֖רֶץ לָבֹ֣וא אֶפְרָ֑תָה וַתֵּ֥לֶד רָחֵ֖ל וַתְּקַ֥שׁ בְּלִדְתָּֽהּ׃

VOKABELN

VERBEN

נסע - aufbrechen, weiterziehen, reisen

קשׁה - schwer sein, hart sein; HIER: piel: es schwer haben.

NOMEN

כְּבָרָה – Streckenmaß; ein kurzes Wegstück.

 

mE

Und sie zogen fort von Beth El und es geschah auf dem Weg des Landes nach Epharata, da gebar Rachel und sie hatte es schwer beim Gebären.

 

Buber / Rosenzweig

Sie brachen auf von Bet-El.

Als es nur noch eine Strecke Lands war, nach Efrat zu kommen,

gebar Rachel,

und es fiel sie hart an über ihrem Gebären.

 

van Dyke

ثُمَّ رَحَلُوا مِنْ بَيْتِ إِيلَ. وَلَمَّا كَانَ مَسَافَةٌ مِنَ الأَرْضِ بَعْدُ حَتَّى يَأْتُوا إِلَى أَفْرَاتَةَ، وَلَدَتْ رَاحِيلُ وَتَعَسَّرَتْ وِلاَدَتُهَا.

VOKABELN

VERB

أتى – kommen;

عسر asura, u – schwierig, hart sein; II. STAMM: erschweren.

PARTIZIP

رحال pl. رحل  – umherziehend, reisend, nomadisierend.

NOMEN

مسافة - Entfernung, Strecke.

 

BEOBACHTUNG

כִּבְרַת, kivrath - eine Wegstrecke

Die Septuaginta zieht den Vers 21 vor und übersetzt dann:

LXX ἐγένετο δὲ ἡνίκα ἤγγισεν χαβραθα εἰς γῆν ἐλθεῖν Εφραθα, 

LXXD Es geschah aber, als er kurz davor stand, bei Chabrathaa ins Land Ephratha zu gehen,

Die Herausgeber der deutschen Übersetzung der Septuaginta erläutern: „Hier liegt […] eine innerhebräische Verschreibung vor, so dass LXX das Wort als Bezeichnung für einen Ort missverstand.“ So auch in Gen 48,7 und 4 Kg 5,19.

HIERONYMUS fügt – aus Gründen die PHILIPPSON, s.u. erläutert – die zeitliche Zuordnung „Frühlingszeit“ ein:

VUL egressus inde venit verno tempore ad terram quae ducit Efratham 

VULD Als er von dort ausgezogen war, kam er zur Frühlingszeit in das Land, das nach Efrata führt.

PHILIPPSON (1811-1889) 186, erläutert, wie HIERONYMUS zur „Frühlingszeit“ kam: „Die Bedeutung von כברת הארץ  [kivrath ha areaz] wurde durch eine agadische [die jüdische Tradition der erzählerischen Auslegung] Ansicht, als sei es von כְּבָרָה [kevarah] „Sieb“ abzuleiten, verwirrt, indem es so die erste Frühlingszeit, in welcher die Erde durch das Pflügen wie ein Sieb durchlöchert sei, bezeichne, dem die Targ.[um – die aramäische Übersetzungen der Thora] und Hieron.[ymus] folgen.“

Nach SEEBASS 450, ist dies Wort „ungedeutet“ und verweist auf Gen 48,7 sowie 2 Kön 5,19, übersetzt aber gleichfalls mit „Landspanne“.

HIRSCH 436, erläutert hingegen, indem er auf die phonetischen Varianten dieses Wortes hinweist, warum hier eine „Strecke“ gemeint sei: „das כ [k] scheint Konjunktion zu sein und פרת , ברד, פרד, פרט [pharath, pharad – hierzu s. HAWAT 2021, 284 -, varad, pharath]  trennen, teilen zu bedeuten, wie wir diese Wurzel auch in ברית  [berith – „Bund“ auf Grund der Art, wie ein Bündnis geschlossen wurde, vgl. Gen 15,9-10.17-18] wieder zu finden glauben.  ברת הארץ hieße demnach: ein Stück Land, eine Strecke.“ 

 

KOMMENTAR

JACOB 666, erläutert, „[m]it dem Folgenden soll begründet werden, warum Rahel nicht im Erbbegräbnis zu Hebron begraben ist: sie starb unterwegs, bevor Jakob dorthin gelangte.“
 Im Weiteren knüpft er stillschweigend an PHILIPPSONs Erläuterungen zu dem Wort כִּבְרַת, kivrath an und erläutert ausführlicher: 

SARNA 243, vermerkt, Jaakob wurde zweimal brutal von Rachel getrennt: In der Hochzeitsnacht durch Labans List und hier durch plötzlichen Kindstod. 

 

 

 

NACHTRAG zu Gen 34,5

Die Monolatrie (Eingottverehrung) als Mittel zum Zweck des Gottesschreckens

 

Die Erzählung von der Beerdigung aller „fremden Gottheiten … unter der Terebinthe, die bei Sichem ist“, Gen 35,4 nach dem grausamen Massaker an der männlichen Bevölkerung von Sichem und dem Frauen- und Kinderraub gibt keine Ruhe. Das mag auch daran liegen, dass der Schrecken vom Massaker vom 7. Oktober 2023 mit der Massengeiselnahme sowie der  anschließende Zerstörung Gazas mit über 40.000 Toten nicht nachlässt. 

Was die Genesis hier erzählt ist so ungeheuerlich, dass ich mich wundere, wie wenig es in den Kommentaren bedacht wurde. 

Jakob und seine Familien schützen sich vor der ansonsten unausweichlichen Rache der Familienangehörigen der Sichemiten, indem sie einen Gottesschrecken provozieren. Darunter darf man sich zurecht eine der größten menschlichen Erschütterungen vorstellen, die Menschen handlungsunfähig machen kann. Die beabsichtigte Herbeiführung solch eines Gottesschreckens, indem alle Götterbilder und mit ihnen ihre Gottheiten in die Unterwelt eingeschlossen werden,  setzt eine gewaltige Distanz gegenüber den religiösen Gewohnheiten der damaligen Zeit voraus. Hier erscheint der Beginn des Monotheismus, zumindest der Monolatrie – der Verehrung nur  eines einzigen Gottes – als Mittel zum Zweck, unter dem Schutz des Gottesschreckens weiter leben zu können. Dieser Gottesschrecken hat dann zwei Voraussetzungen: Zum einen die radikale Abkehr von allen Gottheiten der religiösen Umwelt und Verehrung des einen Gottes Jaakobs / Israels und zum anderen den Polytheismus der Umwelt. Ohne den Vielgottglauben der Umwelt Jaakobs / Israels kann es den Gottesschrecken, der vom Vollzug der Rache abhält, nicht geben. Was an vielen Stellen besonders der prophetischen Verkündigung vermittelt wird – „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht“, Jes 7,9; 2 Chr 20,20; Sir 2,13 – hätte in diesem Phänomen des Gottesschreckens seine reale Basis. „Furcht und Schrecken“, die Gott vermittelt – vgl. Dtr 2,25; Dtr. 11,25 – haben damit eine Israel schützende Funktion – so wie in Gen 9,2 die Nachkommen Noahs vor der Tierwelt durch den Schrecken, den sie verbreiten, geschützt sind, vgl. 2 Makk 15,23. 

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, von Freitag, 
den 17. bis Mittwoch, den 22. Januar 2025

 

Q 108,2

فَصَلِّ لِرَبِّكَ وَانْحَرْ (٢)

VOKABELN

صلى - beten;

نحر  , a - Kehle durchschneiden, schlachten, töten.

 

mE

Und bete zu deinem Herrn und schlachte!

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Bring deinem Herrn Gebet und Opfer!


ULLMANN (1840), HENNING (1901)

Darum bete zu deinem Herrn und opfere.

 

GOLDSCHMIDT (1916)

So bete nun zu deinem Herrn und opfre ihm.

  
BELL (1937)

So pray to thy Lord, and sacrifice.

 

PARET (1979, 2001)
Bete darum zu deinem Herrn und opfere!

 

KHOURY (1987, 1992)

So bete zu deinem Herrn und schächte (Opfertiere).

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Bete deinen Herrn an und schlachte zum Dank Opfertiere!

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), (ZIRKER (2003, 2018)), [KARIMI (2009)], NEUWIRTH (HKK I 2011), CORPUS CORANICUM

[So] bete zu deinem Herrn und opfere.(!)

 
BOBZIN (2010, 2017)

so bete für deinen Herrn und opfere!

 

BEOBACHTUNGEN

1 ل – zu - für

Die Übersetzungen im 21. Jahrhundert haben sich Bell (Ullmann und Hennig bereits zuvor) angeglichen. 

Ungewöhnlich ist die Übersetzung von BOBZIN: Die Partikel ل stiftet Beziehungen. Sie bezeichnet den Dativ und trägt die Bedeutungen von „für, zugunsten, zu, wegen, von (bei Verfassernamen)“ (Langenscheidt, Kropfitsch). Der Unterschied, ob ich zu jemanden oder für ihn bete, ist jedoch erheblich. Es verändert die Subjektstellung radikal. Im ersten Fall stellt sich der Betende in der Regel unter die Gottheit. Im zweiten Fall steht der Betende im Mittelpunkt. Dies entspricht dem neuzeitlichen Subjektzentrismus, dem Bobzin damit Ausdruck verleiht.
In der Literatur habe ich nur in äußerst abgelegenen Schriften Beispiele für das Beten für Gott gefunden (Meinhold, Die Bernsteinhexe, 27; Wander, Sprichwörterlexikon, I, 1697: „Der glaub ziert das gebet für Gott. Henisch, 1633, 35.“)

In der Tradition wird gemäß dem antiken Gottesverständnis betont, dass Gott keine Bedürfnisse hat, vgl. 2 Makk 14,35 (L17): „Du, Herr, bedarfst keiner Dinge.“. 

Bobzins Übersetzung macht hingegen auf die Bedürftigkeit Gottes aufmerksam. 

M. W. ist Jacob Böhme womöglich der erste, der diesen Perspektivwechsel vollzieht:

„Denn Gott bedarf keines andern Dienstes, als daß sich sein Geschöpfe, welches in seinem Leibe ist, nicht von ihm verrücke, sondern heilig sei, wie er ist.“

(In: Digitale Bibliothek: Böhme: Aurora oder Morgenröte im Aufgang. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 11773, (Böhme-Aurora, S. 337)) 

Heidegger nimmt dies auf, indem er betont, „  Der äußerste Gott bedarf des Seyns»“ [20].

(In: Digitale Bibliothek: Historisches Wörterbuch der Philosophie: Seinsgeschichte. HWPh, S. 35518 (HWPh Bd. 9, S. 260); Beleg: Beitr. zur Philos. (Vom Ereignis) [1936–38]. Ges.ausg. III/65 (1989), 408.)

 

2 REINBOLD (2022)
 REINBOLD verweist auf Ex 20,22-24 (L17):

            22        Und der Herr sprach zu ihm: So sollst du den Israeliten sagen: Ihr habt gesehen, dass ich mit euch vom Himmel geredet habe. 

            23        Darum sollt ihr euch keine andern Götter neben mir machen, weder silberne noch goldene sollt ihr euch machen. 

            24        Einen Altar von Erde mache mir, auf dem du dein Brandopfer und Dankopfer, deine Schafe und Rinder, opferst. An jedem Ort, wo ich meines Namens gedenken lasse, da will ich zu dir kommen und dich segnen.

 

 

KOMMENTAR

NEUWIRTH 108 betont, „Opfer sind als Frömmigkeitsübungen auch ein Psalmentopos, vgl. Ps 4,6: […] ‚Opfert rechte Opfer, vertraut auf den Herrn‘“. 

Im Kommentar zu diesem Vers in CORPUS CORANICUM (22.1.2025) verschwindet dieser biblische Bezug. Hingegen wird ausführlich erläutert:

„Die Aufforderung, der Prophet möge sich am vorislamischen mekkanischen Opferkultus beteiligen, war für islamische Exegeten anstößig genug, um dem Verb naḥara hier die sicherlich konstruierte Bedeutung „beim Gebet die Hand zur Kehle (naḥr) heben“ zuzuschreiben (vgl. Ṭabarī, ad loc., Nr. 38191 ff.); auch die Erklärung, der Vers sei auf das islamische Opferfest zu beziehen (ebd., Nr. 38195 f.), wäre für einen frühmekkanischen Text anachronistisch. Tatsächlich erscheinen altarabische Riten auch in einem anderen frühmekkanischen Text als verpflichtend (107:4–6; s. den folgenden Absatz). – Luxenbergs Emendation von wa-nḥar zu wa-nǧar mit der analog zu syr. ngar unterstellten Bedeutung „verharren“ (Luxenberg 2000, 309) stellt einen willkürlichen Eingriff in den Text dar: Naḥara im Sinne von „opfern“ ist keineswegs ein ‚dunkles’ Wort, während das von Luxenberg postulierte Verb naǧara = „verharren“ weder sonst im Koran noch in der altarabischen Dichtung bezeugt ist. Überdies hätte für dieselbe Bedeutung und durchaus reimkonform das koranisch belegte Verb ṣabara zur Verfügung gestanden, so dass für die angenommene Entlehnung von syr. ngar lexikalisch keinerlei Notwendigkeit bestand.

Was das Verb ṣallā betrifft, so wird es auch in 107:4–6 auf die vorkoranische mekkanische Kultpraxis angewendet (vgl. den Kommentar zu Q 107, Abschnitt Literarkritik). Ṣallā ist zweifellos kein genuin arabisches Wort, sondern ein Denominativum zu ṣalāt (vgl. 107:5 und 70:23.34; 73:20, wo explizit zur Verrichtung des Gebets aufgerufen wird, ist ein Einschub), das sich wiederum von aram. ṣloṯā ableitet (Jeffery, Foreign Vocabulary, 198 f.; vgl. auch das Verb sabbaḥa, dessen koranische Verwendung im Sinne von „loben, preisen“ ebenfalls nur durch semantische Interferenz des Syrischen erklärlich ist, s. die Anmerkung zu 87:1). Wie Spitaler 1998, 194, betont, dürfte die unmittelbare Verbindung zum Aramäischen über den Plural ṣalawāt verlaufen, der aram. ṣlauwāṯā entspricht und aus dem dann sekundär der – aramäisierend geschriebene – Singular ṣalāt gebildet wurde. Da das Wort schon in der vorkoranischen Dichtung nachweisbar ist, muss die Entlehnung bereits in vorkoranischer Zeit stattgefunden haben (Jeffery, ebd.). Im frühmekkanischen Koran bezeichnet das Verb ṣallā außer in 108:2 und der Kultkritik in 107:4–6 noch an drei weiteren Stellen eine exemplarische Tugend (75:31: fa-lā ṣaddaqa wa-lāṣallā, 87:15: wa-ḏakara sma rabbihī fa-ṣallā, 96:10: ʿabdan ʾiḏāṣallā).“

 

 

 

Gen 35,17

 

וַיְהִ֥י בְהַקְשֹׁתָ֖הּ בְּלִדְתָּ֑הּ וַתֹּ֨אמֶר לָ֤הּ הַמְיַלֶּ֨דֶת֙ אַל־תִּ֣ירְאִ֔י כִּֽי־גַם־זֶ֥ה לָ֖ךְ בֵּֽן׃

VOKABELN

VERBEN

קשׁה - schwer sein, hart sein; HIER: piel: es schwer haben;

ירא - fürchten;

PARTIZIP

מְיַלְּדֹת – Piel, Partizip: Hebamme, von  ילד, ein Kind bekommen, gebären, zeugen.

 

mE

Und es geschah: Bei der schwierigen Geburt sprach zu ihr die Hebamme: Fürchte dich nicht, ja, sogar dieser ist dir ein Sohn.

 

Buber / Rosenzweig

Es geschah, wie es ihr so hart wurde zu gebären,

die Geburtshelferin sprach zu ihr:

Fürchte dich nimmer,

gewiss, auch dieser wird dir ein Sohn!

 

van Dyke

وَحَدَثَ حِينَ تَعسَّرَتْ وِلاَدَتُهِا أَنَّ الْقَابِلَةَ قَالَتِ لَهَا: «لاَ تَخَافِي، لأَنَّ هذَا أَيْضًا ابْنٌ لَكِ

VOKABELN

VERBEN

حدث , u – geschehen;

عسر – schwer sein, II. STAMM: erschweren;

خوف  oder  خاف, a – sich fürchten.

NOMEN

حين  pl. أحيان – Zeit, Zeitpunkt;

ولادة – Geburt;

قابلة  pl. (-at) oder قوابل – Hebamme.

PARTIKEL

حين – zur Zeit von, bei.

 

1 אַל־תִּ֣ירְאִ֔י  – al-tir’i

Was durchweg – mit Ausnahme von WESTERMANN – mit „fürchte dich nicht“ übersetzt wird, wurde in Alexandria vom hellenistisch geprägten Judentum anders gelesen:

LXX εἶπεν αὐτῇ ἡ μαῖα Θάρσει

LXXD die Hebamme zu ihr sagte: Sei mutig! – von θαρσέω, tharséoo – mit der Bedeutung „gutes Muthes, getrost, zuversichtlich sein“ (PAPE) bis hin zu „kühn sein, Mut fassen“ (MENGE).

An allen alttestamentlichen Stellen, an denen „fürchte dich nicht“ die Rede ist, übersetzt die Septuaginta mit einer Form von  φοβέω, phobéoo - fürchten: „ μὴ φοβοῦ“: Jes 44,2; Dtr. 31,8; Gen 46,3 etc. Nur hier, wo eine Frau angesprochen wird, soll sie ausgerechnet statt sich nicht zu fürchten, tapfer wie ein Krieger sein – wird die Todesgefahr beim Gebären für die Mütter mit Kriegführen verglichen?

Warum ein Sohn zu gebären die Todesangst bei der Geburt vertreibt, leuchtet mir nicht ein. Hier klingt die Hebamme wie eine Kämpferin fürs Patriarchat. Auch jüdische Auslegung hat sich mit dieser Frage befasst, s.u. JACOB.

JEHUASCH übersetzt diese Stelle mit einem Hebraismus:

SBJ זאלסט ניט מורא האבן – solst nit mora habn,  מורא, mora – Furcht.

Die Aufgabe, der Gebärenden die Furcht zu nehmen, misslingt ausgerechnet der GUTEN NACHRICHT:

GN während sie sich noch unter Schmerzen krümmte, rief ihr die Hebamme zu: „Freu dich, es ist wieder ein Sohn!“

Die Revision, die GUTE NACHRICHT BIBEL, hat diesen Fehlgriff berichtigt – leider auf Kosten der dramatischen Schilderung der Geburtsschmerzen:

GNB „Während sie sich unter großen Schmerzen abmühte, rief ihr die Hebamme zu: „Hab keine Angst! Du hast wieder einen Sohn!“

WESTERMANN nähert sich der Septuaginta an – mir ein Rätsel:

WEST Sei getrost!

 

Köln-Merkenich, am Dienstag, 
den 4. Februar 2025

 

KOMMENTARE

JACOB 666 erläutert: „Nach dem Talmud soll die Geburt eines Mädachens schwerer vor sich gehen, als die eines Knaben. Sonach würde das גם [gam, sogar / auch] das זה [säh, dieser] unterstreichen. Heißt es auch, dann bezöge es sich auf 30,24 (raschb.), wo Rahel sich einen zweiten Sohn wünscht.“

SARNA 243 kommentiert: „Rachel is comforted in her death agony by the knowledge that God answered the prayer she had uttered after the birth of Joseph: ‘May the Lord add another son für me.’”

WESTERMANN 675 erläutert, der Ruf “Sei getrost!“ ist „sonst meist ein Wort Gottes“! (so auch SOGGIN 414) „Der gleiche Zuruf in der gleichen Situation 1S 4,20“.

 

 

*

 

Q 108,3

إِنَّ شَانِئَكَ هُوَ الْأَبْتَرُ (٣)

VERB

شنا  a – WEHR 569 hassen; LANE 1604: شنء; vgl. ebd.:

شانئ – „Hating or a hater […] and an enemy

ADJEKTIV

ابتر – gestutzt, schwanzlos, unvollkommen.

 

mE

Wahrlich, dein Feind, er ist der Kastrierte. 

 

Laufdorf / Köln-Merkenich, 
am Donnerstag / Freitag, 
den 13. /14. Februar 2025

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) von Vers 1 an:

Wir haben dir verliehn den Kauther;

Bring deinem Herrn Gebet und Opfer!

Ja, wer dich hasst, der ist ein Abgestumpfter.


ULLMANN (1840)

Der dich hasst, soll kinderlos bleiben.

ANM.: „Dies ist gegen seinen Feind As Ibn Wavel gerichtet, der Mohammed, als ihm seine Söhne starben, spottweise den Kinderlosen (wörtlich: Abgestumpften, Verstümmelten) nannte.“

 

HENNING (1901)
Wahrlich, dein Hasser, er soll abgeschnitten sein.

ANM.: „Von allem Guten, einschließlich Nachkommenschaft, und von der Hoffnung auf das Jenseits.“

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Wahrlich, der dich hasst, er ist der Kinderlose.

ANM.: „Eigentlich der Abgestumpfte, der Verstümmelte; Mohammes hatte keine Söhne und wurd so von seinen Feinden genannt.2

  
BELL (1937)

Verily, it is he who hateth thee who is the docked one.

ANM.: “’Mutilated’ ‘having the tial cut off,’, probably in the sense of having no son. The word has presumably been applied to Muhammed by an enemy.

 

PARET (1979, 2001)
(Ja) dein Hasser ist es, der gestutzt (oder: schwanzlos, d.h. ohne Anhang(?) oder ohne Nachkommen?) ist. (Oder (als Verwünschung): Wer dich hasst, soll gestutzt bzw. schwanzlos sein!)

 

KHOURY (1987, 1992)

Der dich hasst, soll ohne Anhang sein.

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Dein Hasser ist es, dem alle Bande zum Guten abgeschnitten sind.

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024)

Gewiss, derjenige, der dich hasst, - er ist vom Guten abgetrennt.

 

ZIRKER (2003, 2018)

Der dich hasst, der ist des Guten beraubt!

 
KARIMI (2009)

Siehe, dein Hasser ist der Abgestutzte.

 
BOBZIN (2010, 2017)

Siehe, dein Hasser ist der Kinderlose.


NEUWIRTH (HKK I 2011)

Dein Hasser ist der Abgestumpfte.

 

CORPUS CORANICUM (14.2.2025)

Dein Hasser ist der Abgeschnittene.

 

BEOBACHTUNGEN

Der Grobianismus in diesem Vers wird von einer ganzen Reihe von Übersetzungen wenn auch gemildert wiedergegeben. Andere deuten ihn aus. Am meisten überrascht mich, wie anhaltend dieser Vers ethisiert wird:

KOMMENTARE

KHOURY 585 erläutert: „Das Wort abtar heißt wörtlich dem man etwas abgeschnitten hat. Die muslimischen Kommentatoren erwähnen hier verschiedene Namen von Männern, die beim Tod ‚ ‘Abd Allahs, des Sohnes Muhammads von Khadidja, den Propheten verhöhnten und sagten, Muhammad ist nun ohne Anhang.

CORPUS CORANICUM nennt dies u. ä. eine „für die frühe islamische Koranexegese charakteristisch anekdotischen Lesart“. Stattdessen wird sich auf NEUWIRTHs Kommentar (HKK I, 108f) bezogen und die Verbindungen zur Psalmliteratur betont:

ʾinna šāniʾaka huwa l-ʾabtar] Die islamische Tradition deutet V. 3 als Anspielung auf eine konkrete Begebenheit: Mit dem „Hasser“ (šāniʾ) sei ein bestimmter Gegner Muḥammads – von allerdings umstrittener Identität – gemeint, der Muḥammad mit der Äußerung beleidigt habe, er sei ʾabtar – „gestutzt“ bzw. „schwanzlos“ – im Sinne von „ohne männliche Nachkommen“ (vgl. GdQ, Bd. 1, 92 f.). Gegenüber dieser für die frühe islamische Koranexegese charakteristisch anekdotischen Lesart (vgl. zur selben Problematik auch die Anmerkungen zu 93:3, 93:6–8 und 111:2) dürfte eine unspezifischere Deutung vorzuziehen sein, der zufolge „der Ausspruch […] nicht gegen eine bestimmte Person gerichtet ist, sondern gegen jeden, der den Propheten etwa hassen sollte“ (Paret, Kommentar, ad loc.). Für diese Einschätzung Parets spricht auch der – von Paret nicht bemerkte – textreferentielle Charakter des Verses. So hat Neuwirth (Frühmekkanische Suren, 108) auf den Anklang des Begriffs šāniʾ an psalmistische Klagen über Hasser hingewiesen (s. z. B. Psalm 9:14, 41:8, 55:13, 81:16, 86:17, 106:10, 119:85, 139:21). Die Gestalt des „Hassers“ begegnet allerdings auch in der altarabischen Dichtung (vgl. ʿAbīd b. al-Abraṣ in Jones 1996, Bd. 2, 38 f.: wa-kam yaṣīran šāniʾan ḥabību, „wie oft wird ein Freund zu einem Hasser!“). Schließlich hat auch die dem Hasser mit dem Wort ʾabtar angedrohte Entwurzelung eine textreferentielle Dimension (vgl. den von Yousef Kouriyhe identifizierten Intertext Psalm 52:7: „Darum wird Gott dich verderben für immer, dich packen und herausreißen aus deinem Zelt, dich entwurzeln aus dem Land der Lebenden“).“

Gen 38,18

Köln-Merkenich,
Dienstag, den 18. 
bis zum Dollen Donnerstag /
 Weiberfastnacht, 
den 27. Februar 2025

                                                                                 


וַיְהִ֞י בְּצֵ֤את נַפְשָׁהּ֙ כִּ֣י מֵ֔תָה וַתִּקְרָ֥א שְׁמֹ֖ו בֶּן־אֹונִ֑י וְאָבִ֖יו קָֽרָא־לֹ֥ו בִנְיָמִֽין׃

VOKABEL

NOMEN

אָ֫וֶן – Hauch, Nichtigkeit, Götze, Mühe, Arbeit, Ungerechtigkeit, Frevel, Trug.

 

mE

Und es geschah, als ihr Leben herausging, denn sie starb, rief sie seinen Namen Ben-Oni, „Mein-Müh-Sohn“, sein Vater aber rief zu ihm Benjamin, „Zurecht-Sohn“.

 

Buber / Rosenzweig

Es geschah, wie ihr Odem ausfuhr,

denn sie war im Sterben:

sie rief seinen Namen: Benoni, Sohn meines Unheils.

Aber sein Vater rief ihm: Binjamin, Sohn der rechten Hand.

 

van Dyke

وَكَانَ عِنْدَ خُرُوجِ نَفْسِهَا، لأَنَّهَا مَاتَتْ، أَنَّهَا دَعَتِ اسْمَهُ «بَنْ أُونِي» . وَأَمَّا أَبُوهُ فَدَعَاهُ «بَنْْيَامِينَ» .

VOKABELN

VERB

دعو oder دعا ,u – rufen.

PARTIKEL

عند – bei.

 

 

BEOBACHTUNGEN

1 Vater

Die Septuaginta macht aus „sein Vater“ – LXX „ὁ δὲ πατὴρ“, ho dè patär„ LXXD „der Vater aber“.

 

2 Sprechende Namen

Die Septuaginta übersetzt den Namen der Mutter für den Neugeborenen 

LXX Υἱὸς ὀδύνης μου – „hyios odúnäs mou“

LXXD Sohn meines Schmerzes, 

Der Name des Vaters aber wird aus dem Hebräischen übernommen und bleibt unübersetzt: 

LXX ὁ δὲ πατὴρ ἐκάλεσεν αὐτὸν Βενιαμιν

LXXD der Vater aber nannte ihn Benjamin.

HIERONYMOS erläutert beide Namen:

VUL Benoni id est filius doloris mei […] Beniamin id est filius dexterae

VULD Ben-Oni, das heißt ›Kind meines Schmerzes‹. […] Benjamin, das heißt Kind der Rechten.

BFC folgt der VUL :

BFC elle appela l’enfant Ben-Oni – ce qui veut dire « Fils du malheur » - maix son père l’appela Benjamin – « Fils de main droite ». 

Die ältere dänische Übersertzung vermerkt in Anmerkungen:

D83 min lidelses søn […] lykkens søn – ”mein Leidenssohn … Glückssohn” – Erläuterungen dazu s. u.

SBJ  זון פון מיין טרויער – sun fun mein trauer

זון פון דער רעכטער האנט  - sun fun der rechter hant

Unter den deutschsprachigen Bibeln, leistet diese Übersetzungsarbeit auch die Einheitsübersetzung:

EIN gab sie ihm den Namen Ben-Oni – Sohn meiner Not –; sein Vater aber nannte ihn Benjamin – Sohn der Rechten –.

LUTHER lässt es sich nicht nehmen in Anmerkungen zu übersetzen:

L45 BenOni – Heisset meines schmertzen Son.

BenJamin – Heisst der rechten Son.

MENDELSSOHN übersetzt in Klammern:

M B/M Sohn meiner Schmerzen

Sohn des Alters

Wie Mendelssohn auf diese Variante kommt, s. u.

ZUNZ übersetzt – auch in Klammern – nur den ersten Namen

ZUNZ Sohn meines Schmerzes

ZINK „Schmerzenskind“ […] „Glückskind“.

Erläuterung dazu s. u. JACOB.

L84 und L17 vermerken in einer Anmerkung:

L17 „Sohn meines Unglücks“ und „Sohn des Glücks“.

BiG ‚Sohn meiner Kraft, meines Unheils‘ […] ‚ein rechter Sohn‘.

Will hier die BiG noch unbedingt etwas Positives aus dem Verzweiflungsschrei Rachels heraushören? 

BB Schmerzenskind […] Sohn der Rechten.

Diese Übersetzung ist bemerkenswert: Sie wertet Rachel auf – schließlich Jaakobs Lieblingsfrau.

WESTERMANN fügt in Klammern ein:

WEST (Schmerzensknd) […] (Glückskind)

SOGGIN ergänzt und kommentiert:

SOG („Sohn meines Schmerzes“) […] („Sohn meiner Rechten“ [der Glücksseite])

SEEBASS lässt „Ben-Oni“ weg und übersetzt unmittelbar und versetzt den Namen „Benjamin“ in Klammern:

SEEB nannte sie seinen Namen „Sohn meiner Trauer“; aber sein Vater nannte ihn „Sohn zur Rechten“ (Benjamin).

 

 

KOMMENTARE

HIRSCH 436 erläutert die Bedeutungsvielfalt von  און, ‘on: es „scheint in seiner Grundbedeutung die physische, oder moralische Fähigkeit zum Erwerb und Besitz zu sein, daher auch den Anspruch auf ein Gut zu bedeuten. […] Der Missbrauch dieser Erwerbs- und Besitzeskraft heißt: אָ֫וֶן [‚‘oän]“.

Der Verlust des Besitzes erzeugt Schmerzgefühle. Daher: „Sohn meiner Trauer, d. i. Sohn meines Hinscheidens, das man bald betrauern wird.“ Die Umbenennung des Vaters „Sohn der Rechte, d. i. Sohn der Kraft“ kehrt „die heitere Bedeutung des און“ hervor.

JACOB 667 zitiert die jüdische Auslegung: „Sohn der Rechten, welche Seite als glücklich gilt (Redak. [d. i. David Kimchi], Luzz.[ato]), Raschi: weil er ihm geboren wurde, als er von Aram südlich gezogen war […], Raschb.[am] als Sohn der Tage, d. h. des Alters“, mit Verweis auf Dan 12,13; „Ramb.: er wollte das Wort אוני der Mutter nur anders verstanden wissen, wie 49,3; Dtr 21,17, Sohn der Kraft, deren Hand die Rechte ist.“

SARNA 243 erläutert altorientalische Parallelen:

WESTERMANN 676 findet in Rachels Namensgebung die Absicht: „Der Name soll zum Ausdruck geben, dass aus ihren tödlichen Schmerzen Leben hervorgegangen ist.“ Dass die „Rechte“ zugleich die Glücksseite ist, dazu verweist er auf die Namensgebung von Yemen „= Südland und Arabia felix“.

SEEBASS 451 vermerkt: „Nur aus dieser Stelle leitet man alttestamentlich die Bedeutung „Glück“ von jamin ab“, was auf einen Zirkelschluss hindeutet.

 

 

*

 

 

Q 108 – Gesamtwürdigung

 

NEUWIRTH, HKK 110, stellt diese Sure ans Ende einer „Gruppe der Trost- und Preissuren“, Q 93, Q 94 und Q 97, da hier „erstmals eine Konfliktsituation“ aufscheint, „wie sie die vorausgehenden Suren noch nicht kannten. Solche Konflikte werden für die folgenden Suren charakteristisch“. In ihnen findet sie „die Tendenz zur Umwertung von diesseitigen Erfüllungsserfahrungen in spirituelle“ – in dieser Sure wird „mit kauthar spirituelle Fülle als Ausgleich für den Mangel an geneologischer Machtvollkommenheit, nasab, eingeführt.“

CORPUS CORANICUM 27.02.205 fasst zusammen:

„Islamische Kommentatoren verstehen den Text in der Regel als Verteidigung Muḥammads gegen die Beschimpfung, er sei „abgeschnitten“ (d. h. ohne männliche Nachkommen). Aus textimmanenter Perspektive ist eine solche historische Konkretisierung jedoch unsicher. Die Deutung des Textes sollte deshalb vor allem von der typologischen Nähe zu den beiden Suren 94 und 97 ausgehen, die ebenfalls mit göttlicher Wir-Rede einsetzen. Wie Q 93 und 94 ist die Sure in erster Linie ein Trostspruch. V. 1 vergegenwärtigt dem Angeredeten einen früheren göttlichen Gnadenakt, der ähnlich wie in Q 93 und 94 bewusst unbestimmt gelassen wird. V. 2 leitet hieraus die gottesdienstliche Verpflichtung zur Teilnahme am mekkanischen Gebets- und Opferkultus ab, der folglich einer durch biblische Motive inspirierten Ausdeutung offengestanden haben muss. V. 3 schließt noch eine Verheißung an, welche dem Angeredeten den letztendlichen Triumph über etwaige „Hasser“ zusichert; die diesen angedrohte „Abgeschnittenheit“ (ʾabtar) steht dabei im Gegensatz zu der dem Eingangsvers zufolge dem Verkünder zuteil gewordenen Fülle. Eine historische Konkretisierung des Textes ist zu seinem Verständnis folglich keineswegs erforderlich.

Die drei Trostsuren 93, 94 und 108 stellen sehr wahrscheinlich die frühesten Korantexte dar, die genuine Anreden an den Verkünder enthalten; Lehrfragen in der zweiten Person Singular – mā ʾadrāka … – begegnen zwar bereits in 101:2.10 und 104:5 (vgl. a. die ebenfalls in der zweiten Person Singular formulierte rhetorische Frage in 95:7), doch sind diese für sich genommen jeweils auch als generische Hörerbezüge verstehbar, die nicht notwendigerweise den Verkünder als konkretes Individuum intendieren müssen. Wie auf andere Weise auch die Offenbarungsbestätigung Q 97 leisten die Trostsuren damit einen wichtigen Beitrag zur Autorisierung der bis dato vorliegenden koranischen Verkündigungen: Der Verkünder erscheint als eine unmittelbaren göttlichen Zuspruchs würdige Gestalt, etwaige Widerstände oder Einwände gegen die von ihm vorgetragenen Texte dagegen als unbegründete Anfeindungen durch missgünstige „Hasser“ (V. 3). Schilderungen derartiger Anfeindungen sowie Bekundungen des zu ihrer Bewältigung befähigenden Gottvertrauens begegnen auch in zahlreichen Psalmen (dort allerdings nicht als Gottesrede, sondern im Register menschlichen Gebete), zu denen, wie Angelika Neuwirth herausgearbeitet hat (Frühmekkanische Suren, 78–86, 90–93, 108 f., ), die drei Trostsuren eine Reihe von terminologischen Bezügen enthalten; auch in struktureller Hinsicht lassen sich durchaus psalmische Korrespondenzen finden (vgl. neben den jeweils in den Anmerkungen vermerkten Psalmenanklängen insb. die Gegenüberstellung des Aufbaus von Q 93 und Psalm 13 im Kommentar zu Q 93. Muḥammad werden also Züge des bedrängten psalmischen Beters verliehen, doch erhält er im Unterschied zu diesem eine direkte göttliche Antwort; er wird so mit beträchtlichem religiösen Prestige ausgestattet.

Eine weitere Kernaussage sowohl der drei Trostsuren als auch der früheren Suren 105 und 106 besteht darin, dass bestimmte historische Ereignisse und Zustände – die sowohl der kollektiven Lebenswirklichkeit der Mekkaner (Q 105 und 106) als auch der individuellen Biographie Muḥammads (Q 93, 94, 108) zugehören – als Wirkungen gütiger Zuwendungen Gottes lesbar gemacht werden (vgl. ausführlicher und in Auseinandersetzung mit Birkeland Müller 1988). In den genannten Suren manifestiert sich damit ein Umdeutungsprozess, welcher zuvor als Sphären von Kontingenz angesehene Realitätsbereiche zu Wirkungsfeldern eines personalen Akteurs transformiert. Diese innerweltliche Aktivität Gottes engagiert wiederum das ethische und kultische Handeln des Menschen; die göttliche Aktion verlangt eine bestimmte menschliche Reaktion. Es bietet sich an, dies mit der genau umgekehrten Rollenverteilung im altarabischen Opferkult zu kontrastieren: Dort ist es der Mensch, von dem durch Darbringung eines Opfers oder Vollbringung einer sonstigen religiösen Handlung die Initiative ausgeht, während die Gottheit reagiert – vgl. die pointierten Charakterisierungen des altarabischen Polytheismus bei Ammann, 2001, 18 und 33: „Kultstätten sind Wunschstätten, an denen man opfert, um Gott um etwas anzurufen“; „Religion ist bei den alten Arabern kein Glaubenssystem, kein Ort der Reflexion, sie ist im Grunde nicht mehr als ein käuflicher Nothelfer. Der Dichter Labīd bringt den Sachverhalt auf den Punkt: ‚Ich halte die Furcht und das Lob [Gottes] für das beste und gewinnbringendste Geschäft, wenn man in arge Bedrängnis gerät’.““

Gen 35,19

Köln-Merkenich,
Dienstag, den 4./11. März 2025

 

Gen 35,19

 

          וַתָּ֖מָת רָחֵ֑ל וַתִּקָּבֵר֙ בְּדֶ֣רֶךְ אֶפְרָ֔תָה הִ֖וא בֵּ֥ית לָֽחֶם׃

VOKABEL

קבר  - begraben werden.

 

mE

Und Rachel starb. Sie wurde begraben auf dem Weg nach Ephrath, das ist Bethlehem.

 

Buber / Rosenzweig:

Sie wurde begraben auf dem Weg nach Efrat, das ist Betlehem.

 

van Dyke

فَمَاتَتْ رَاحِيلُ وَدُفِنَتْ فِي طَرِيقِ أَفْرَاتَةَ، الَّتِي هِيَ بَيْتُ لَحْمٍ 

VERB

دفن , i - beerdigen.

 

BEOBACHTUNG

ְּדֶ֣רֶךְ – bedäräch

Während des Übersetzens spürte ich deutlich den Zug auf keinen Fall wörtlich „im Weg“ zu übersetzen, sondern zur Variante „am Weg“ auszuweichen. Die Kontrolle meiner Übersetzung an Hand der von Buber / Rosenzweig ermutigte mich, den „Mittelweg“ zu beschreiten.

Umso mehr überraschte mich, dass einige Übersetzungen bei der wörtlichen Fassung geblieben sind:

Die Varianten zeigen deutlich die Verschiebungen im Bereich dessen an, was sich Verstorbenen gegenüber ziemt oder eben nicht, der Pietät. Während es nach jüdischer Auffassung offenbar keinerlei Probleme bereitete, eine Verstorbene „im Weg“ beizusetzen, erscheint dies späteren – außer für die King-James-Version – pietätlos. Besonders auffällig sind die Veränderungen zwischen Vulgata und ihrer deutschen Übersetzung und zwischen den dänischen Übersetzungen D83 und D20. Dabei empfand man es noch bis ins Mittelalter hinein als ausgesprochen angemessen, dass hohe Würdenträger in der Kirche im Mittelgang beigesetzt wurden. Wer z. B. im Londoner Westminster Abbey zum Altar gehen will, schreitet über Grabplatten geistlicher und weltlicher Würdenträger. Sie haben einem im wörtlichen Sinn den Weg gebahnt und – so die Vorstellung innerhalb der hierarchisch geordneten Welt: Wenn der Tag der Auferstehung kommt, müssen sie möglichst nah dran am Geschehen sein – das man dort verortete, wo Christus leibhaftig gegenwärtig ist, am Altar – damit die Altvorderen dann alle, die zu ihnen gehören, sogleich mit sich nehmen können. In der Neuzeit wird dies mehr und mehr unschicklich, die Grabplatten wandern an die Wände – anfangs wohl aus Platzmangel – und in der kapitalistisch geprägten  Neuzeit  müssen die Wege für den Verkehr frei bleiben. Tote stören. Zahllose Wegkreuze an den Straßenrändern mahnen vergeblich zum Innehalten.

 

 

Köln-Merkenich, 
am Mittwoch, den 12. März 2025

 

KOMMENTARE

JACOB 666 betont, dass diese Erzählung begründen soll, „warum Rahel nicht im Erbbegräbnis zu Hebron begraben ist: sie starb unterwegs, bevor Jakob dorthin gelangte.“ Er erläutert ausführlich, 667, die unterschiedlichen Ortsangaben dieser Stelle im Vergleich mit 1Sam 10,2ff und Jer 31,15. Sie lassen sich ohne textliche Veränderungen nicht harmonisieren.

JACOB 668 fügt eine weitere Nuance hinzu: Hier „liegt aber noch eine besondere Absicht“ vor: „Also hat Jakob dem alten Vater nicht mehr die Schwiegertochter und Nichte, die geliebte Rahel vorstellen können!“ Einem Vater – auf Grund dessen Sterbensahnungen der ganze Bruderzwist ausgelöst wurde. Vielleicht eine Anregung mit eigenen Vorbereitungen diesbezüglich etwas zurückhaltend zu sein …

 

 

NACHTRAG zu Gen 34

 

Köln-Merkenich, 
am Freitag, den 14. März 2025

 

Vor wenigen Wochen machte mich Thomas Nauerth, Bielefeld, auf Folgendes aufmerksam: Gen 34 kann als Kommentar „im Sinne einer kritischen Revision“, NAUERTH, Jacoberzählung 145, Anm. 12, zu Dtr. 7,3,: Hier wird eingeschärft, dass Israel keine Einheimischen heiratet, sich mit ihnen nicht „verschwägert“. Philologisch nachweisbar ist diese Beziehung durch die beiden Worte  חתן, chatan, „sich verschwägern“ in Gen 34,9, das sonst im Pentateuch nur noch in Dtr. 7,3 „dem generellen Verschwägerunsverbot“, NAUERTH, Jakoberzählung, 139, vorkommt,  und dem „Rechtsterminius  סחר“, ebd., in Gen 34,12 der außer in 1Sam 18,25 nur noch in Ex 22,16 vorkommt, eine rechtliche Verfügung. Hier zeigt sich eine „kritische Haltung der Schlussredaktion“, ebd. Simeon und Levi vollziehen beispielhaft das deuteronomische Gesetz, und genau das wird vom Ahnherr Jakob / Israel in Gen 34,30 und Gen 49,5-7 verflucht: „eine kritische Kommentierung durch den redaktionaellen ‚Erzähler‘ selbst – auch gegen diese deuteronomistische Torabestimmung. Der / letzte Redaktor scheint die Sichemerzählung benutzt zu haben, um eine massive Kritik an einer bestimmten deuteronomistischen Theologie zu üben.“, 139f. Die „Extremposition“ – die „Exklusivität einer ‚reinen‘ Gemeinde“ wird „in ihrer mörderischen Logik als nicht dem Weg der Väter entsprechend entlarvt.“ Das liegt auf der Linie von Jes 56,1-7, „‘der einzige Fall einer aktuellen Abrogation im Alten Testament‘“, 140, ZITAT: DONNER, 1985, 94.

 

Literaturangaben:

DONNER, H.: Jesaja lvi 1-7: Ein Abrogationsfall innerhalb des Kanons – Implikationen und Konsequenzen, in: Emerton, J. A. (Hg.), Congress Volume Salamanca 1983, VTS XXXVI, Leiden, 1985, S. 81-95.

NAUERTH, Thomas: Untersuchungen zur Komposition der Jakoberzählungen. Auf der Suche nach der Endgestalt des Genesisbuches. Frankfurt am Main 1997.

 

 

*

 

Köln-Merkenich, 
am Dienstag, den 25. März 2025

 

Q 105, 1

بِسْمِ ٱللَّهِ ٱلرَّحْمَ‍ـٰنِ ٱل‍‍رَّح‍ِ‍ي‍مِ

أَلَمْ تَرَ كَيْفَ فَعَلَ رَبُّكَ بِأَصْحَابِ الْفِيلِ (١)

VOKABELN

VERB

راى  - sehen.

NOMEN

صاحب   pl. أصحاب – Besitzer, Herr, Begleiter, Freund;

فيل   pl. افيل – Elefant, Läufer.

PARTIKEL

ألم  - hat nicht…? ist nicht …?

 

mE

Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers.

Hast du nicht gesehen, was dein Herr mit den Besitzern des Elefanten gemacht hat?

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Siehst du nicht, was dein Herr that an den Herrn der Elefanten?


ULLMANN (1840)

Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen.

Hast du denn nicht gesehen, wie dein Herr mit den Führern der Elefanten verfuhr?

 

HENNING (1901)
Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen!

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr mit den Leuten des Elefanten verfuhr?

 

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Allbarmherzigen.

Sahst du nicht, was dein Herr tat an den Besitzern des Elefanten?

  
BELL (1937)

In the Name of Allah, the Merciful, the Compassionate.

Hast thou not seen how thy Lord did with the fellows of the elephant?

 

PARET (1979, 2001)
Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes.

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr (seinerzeit) mit den Leuten des Elefanten verfahren ist? 

 

KHOURY (1987, 1992)

Im Namen Gottesd, des Erbarmers, des Barmherzigen.

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr an den Leuten des Elefanten gehandelt hat?

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen.

Hast du nicht gesehen, was dein Herr mit den Leuten des Elefanten machte?

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), 

Siehst du nicht, wie dein Herr mit den Leuten des Elefanten verfuhr?

 

ZIRKER (2003, 2018)

Im Namen Gottes, des Allerbarmenden und Barmherzigen.

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr an den Leuten des Elefanten gehandelt hat?

 
KARIMI (2009)

Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr mit den Leuten des Elefanten verfuhr?

 
BOBZIN (2010, 2017)

Im Namen Gottes, des barmherzigen Erbarmers.

Sahst du denn nicht, was dein Herr den Leuten des Elefanten antat?


NEUWIRTH (HKK I 2011)

Siehst du nicht, wie dein Herr getan hat an den Leuten des Elefanten?

 

CORPUS CORANICUM (25.03.2025)

Im Namen Gottes, des barmherzigen Erbarmers!

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr an den Leuten des Elefanten gehandelt hat?

 

BEOBACHTUNGEN

1 Elefant

Seit RÜCKERT Elefanten im Plural übersetzte, hat dies – außer ULLMANN – weder BELL noch einer der nachfolgenden deutschen Übersetzungen übernommen. Bei Rückert kann man noch zum Verständnis einbringen, dass diese Zeile auf einen Reim mit der kommenden angelegt ist.

2 تَرَ - tara

Drei geben dieses Verb im Präsenz wieder: RÜCKERT, BUBENHEIM und NEUWIRTH. Obwohl CORPUS CORANICUM sich eng an Neuwirths Übersetzungen anlehnt, hier nicht.

 

Köln-Merkenich, 
am Mittwoch, den 2. April 2025

 

KOMMENTARE

Übereinstimmend wird diese Sure auf eine historische Expedition des christlichen (Vize-)Königs Abrahas von Yemen gegen Mekka in der Mitte des 6. Jahrhunderts n. Chr. bezogen, die plötzlich abgebrochen werden musste. Die Legende sagt, KHOURY, 567: „er habe beabsichtigt, die Schändung der christlichen Kirche durch die Zerstörung der Ka’ba zu sühnen und die Ströme der Pilger von Mekka nach dem Jemen umzudirigieren. Er sei mit einem oder mehreren mächtigen Elefanten hinausgezogen, aber der Leitelefant weigerte sich, gegen die Ka’ba vorzurücken. Dafür hätten für die schwachen Mekkaner Vögel vom Himmel eingegriffen und der Truppe Abrahas eine vernichtende Niederlage bereitet.“ 

BELL bezieht sich als Quelle auf Ibn Hisham, 741; KHOURY führt an: Zamakhshari IV, 797-799; Ibn Kathir IV, 552-556; Qurtubi X, 20, S. 168-174.

NEUWIRTH, 114, ergänzt mit Bezug auf Studien von URI RUBIN und SINAI, 2009, 59-74: „Die paganen Mekkaner konnten sich nach diesem Ereignis als Anrainer eines bedeutenden Kultzentrums etablieren. Ihre so gestärkte Autorität erlaubte ihnen sogar, auf die vorher lebenswichtigen Verträge mit anderen Stämmen zur Sicherung ihres Lebensunterhalts zu verzichten. Diese Hintergründe geben der bescheidenen Evokation des Ereignisses [erg.: in diesem Vers, mE] ihre historische Dimension zurück.

BELEGE: 
Uri Rubin: „The Ilaf of Quraysh”. 1984.
Nicolai Sinai: Fortschreibung und Auslegung, 2009.

NEUWIRTH wie CORPUS CORANICUM lassen an dieser Stelle aus für mich unerklärlichen Gründen unerwähnt, dass es sich um einen christlichen Potentaten handelte.

CORPUS CORANICUM betont, hier „geht es weniger um ‚Strafe‘ als um ‚Rettung‘“.

 

Gen 35, 20 

Köln-Merkenich,
Montag und Dienstag, den 7. und 8. April 2025

                                                                             

 Gen 35,20

          וַיַּצֵּ֧ב יַעֲקֹ֛ב מַצֵּבָ֖ה עַל־קְבֻרָתָ֑הּ הִ֛וא מַצֶּ֥בֶת קְבֻרַֽת־רָחֵ֖ל עַד־הַיֹּֽום׃

VOKABEL

NOMEN

קְבוּרָה - Grab, Grabkammer.

 

mE

Und Jaakob errichtete ein Steinmal auf ihrem Grab; dieses Steinmal ist Rachels Grab bis heute.

 

Buber / Rosenzweig

Jaakob stellte ein Standmal auf ihr Grab,

das ist Rachels Grabmal bis heut.

 

van Dyke

فَنَصَبَ يَعْقُوبُ عَمُودًا عَلَى قَبْرِهَا، وَهُوَ «عَمُودُ قَبْرِ رَاحِيلَ» إِلَى الْيَوْمِ. 20 

VOKABEL

VERB

نصب - u, i  - aufstellen.

NOMEN

عمود pl.اعمدة a’aamida – Säule, Pfeiler, Pfahl, Stiel;

قبر qabr pl. قبور  qubur  – Grab.

 

BEOBACHTUNG

BUBER /ROSENZWEIG vermeiden die Verdoppelung von „Standmal“, so sonst nur noch die GN und BB.

Die GN verwandelt dabei die Erzählung in einen Reiseführer:

GN Stein, der noch heute als Grabmal Rahels gezeigt wird.

VAN DYKE, SOGGIN, und BFC sehen im zweiten Satzteil eine stehende Redewendung:

SOGG das ist die „Stele des Grabes Rahels“ bis zum heutigen Tag.

BFC aujourd’hui encore onla nomme „la Pierre de la tombe de Rachel“.

HIERONYMUS lässt offen, ob Rachel dort noch begraben liegt:

VUL hic est titulus monumenti Rahel usque in praesentem diem

VULD dies ist das Steinmal zum Andenken des Grabes Rahels bis zum heutigen Tag.

 

KOMMENTAR

JACOB, 668, vermerkt aufmerksam: „Wie Jakob der Tod der geliebten Frau getroffen hat, verschweigt die Schrift hier, aber s. 48,7.“

SARNA, 244, fasst die Geschichte des als „Grab Rachels“ bekannten Denkmals zusammen:

SOGGIN, 416, relativiert: „Nach 1Sam 10,2 und Ger 31,15 wurde das Grab in vorexilischer Zeit zum topographischen Bezugspunkt; nach dem Exil wurde es nach Süden, zwischen Jerusalem und Bethlehem verlegt, wohl unter judäischem und antiisraelitischem Gesichtspunkt“.

Nach SEEBASS, 453, ist dies eine „Erzählung […], die den Frauen Israels gewidmet ist. Rahel steht für die damals ausgeprägten Nöte der Geburten, aber vielleicht noch  mehr für eine in Israels Erinnerung große Frau mit ihrem ‚Sohn zu Rechten‘.“ Aber wieso nur „damals ausgeprägten Nöte“: Leiden dasselbe nicht auch heute noch weltweit unendlich viele werdende Mütter?

*


Köln-Merkenich, 
am Mittwoch / Donnerstag, den 9./10. April 2025

 

Q 105,2

 

أَلَمْ يَجْعَلْ كَيْدَهُمْ فِي تَضْلِيلٍ (٢)

VOKABEL

VERB 

جعل , a – machen.

NOMEN

كيد - Machenschaften, Ränke;

تضليل - Irreführung; < ضلل irreführen.

PARTIKEL

ألم - hat nicht…? ist nicht …?

 

mE

Verrückte er nicht ihre Ränke?

(Wörtlich: Hat er nicht ihre Machenschaften zu einer Irreführung gemacht?)

 

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) von Vers 1 an:

Siehst du nicht, was dein Herr that an den Herrn der Elefanten?

Macht‘ er nicht ihre List zu Schanden?


ULLMANN (1840)

Hat er nicht ihre verbrecherische List irregeleitet

 

HENNING (1901)
Hat er nicht ihren Plan scheitern lassen

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Vereitelte er nicht ihren Anschlag?

  
BELL (1937)

Did He not put their scheme awry?

ANM.: „Lit. in misguidance.“

 

PARET (1979, 2001)
Hat er nicht ihre List misslingen lassen

 

KHOURY (1987, 1992)

Hat er nicht ihre List ins Leere gehen lassen

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Hat Er nicht ihren heimtückischen Plan vereitelt?

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), 

Ließ Er nicht ihre List verlorengehen

 

ZIRKER (2003, 2018)

Schickte er nicht ihre List in die Irre

 
KARIMI (2009)

Hat Er nicht ihre List misslingen lassen

 
BOBZIN (2010, 2017)

Ließ er nicht ihre List das Ziel verfehlen


NEUWIRTH (HKK I 2011)

Hat er nicht ihre List in die Irre geführt

 

CORPUS CORANICUM (09.04.2025)

Hat er nicht ihre Pläne in die Irre geleitet

 

BEOBACHTUNG

1  كيد, kid – Ränke, Machenschaften: Kropfitsch, Langenscheidt 2023; 
pl.   كياد List, Betrug, Kniff: Krotkoff, Langenscheidt 1976.

Das Nachdenken über diese Bedeutungsverschiebungen zwischen diesen beiden Wörterbüchern  aus dem gleichen Hause ergäbe mitunter eine hübsche kleine Abhandlung über die Kunst der Lexikografie verbunden mit der Frage, wer hier wen beinflusst: Die Übersetzer, hier speziell  Rückert, die Lexikografen oder umgekehrt?

Zu beobachten ist: Seit Rückert dies Wort mit „List“ übersetzte hat es die deutsche Übersetzerschaft weitgehend übernommen.

Wer mit „List“ übersetzt, hat den Vorteil das arabische „في“, fi, - in, wörtlich aufnehmen zu können. Eine Möglichkeit, die aber erst KHOURY eingeführt hat und ZIRKER und NEUWIRTH aufnehmen. CORPUS CORANICUM vermag zwar die Wörtlichkeit von „fi“, in, zu bewahren, schwenkt aber trotzdem auf „Pläne“ um – vermutlich, weil der moralisch verurteilende (vgl. Ullmann und Al Azhar) oder bewundernde (s. Odysseus) Unterton – je nach Voreingenommenheit – bei „List“ im arabischen Ausdruck anscheinend nicht vorherrscht.

Verglichen mit dem kurzen arabischen Ausgangsvers empfinde ich die Goldschmidtsche Lösung als äußerst gelungen. Im Arabischen taucht viermal der L-Laut auf – vergleiche Khourys und auch Bobzins Varianten –, Goldschmidt hat ihn zweimal an prominenter Stelle platziert: Chapeau! 

 

KOMMENTAR

Weder NEUWIRTH noch CORPUS CORANICUM und auch REINBOLD nicht, verweisen auf die m. E. auffälligen biblischen Parallelen beim Psalmisten und im Buch der Sprüche, jeweils L17: 

Ps 146,9

Der Herr behütet die Fremdlinge und erhält Waisen und Witwen; aber die Gottlosen führt er in die Irre.

Spr 10,17

Zucht bewahren ist der Weg zum Leben; wer aber Zurechtweisung nicht achtet, geht in die Irre.

Spr 12,26

Der Gerechte findet seine Weide; aber die Frevler führt ihr Weg in die Irre.

Spr. 14,22

Die nach Bösem trachten, werden in die Irre gehen; die aber auf Gutes bedacht sind, werden Güte und Treue erfahren.

 

Gen 35,21 und Q 105,3

Köln-Merkenich,
Freitag/Samstag/Sonntag, den 11./12./13. April 2025

                                                                                 


Gen 35,21

 

          וַיִּסַּ֖ע יִשְׂרָאֵ֑ל וַיֵּ֣ט אהלה מֵהָ֖לְאָה לְמִגְדַּל־עֵֽדֶר׃

VOKABELN 

נסע – aufbrechen, ausziehen;

נטה – ausbreiten.

NOMEN

אֹהֶל – Zelt;

מִגְדַּל - Turm;

עֵ֫דֶר - Herde.

PARTIKEL

הָלְאָה - weit weg, weg von, fort von, jenseits von.

 

mE

Und Israel zog fort und breitete sein Zelt von Migdal-Eder entfernt aus.

 

Buber / Rosenzweig

Jissrael brach auf und spannte sein Zelt über Herdenturm hinaus.


van Dyke

ثُمَّ رَحَلَ إِسْرَائِيلُ وَنَصَبَ خَيْمَتَهُ وَرَاءَ مَجْدَلَ عِدْرٍ 

VOKABELN

VERBEN

رحل , a – aufbrechen, weiterziehen;

نصب , u, i – aufstellen, (Zelt) aufschlagen.

PARTIKEL

ثم - dann, darauf.


BEOBACHTUNGEN

1 LXX

Dieser Satz wird in der Septuaginta an Vers Gen 35,16 angehangen.

 

2 ISRAEL – JAAKOB

HIERONYMUS zieht die Verse 20-22 so zusammen, dass die Namensnennung „Israel“ in diesem Vers dabei verloren geht:

VUL 20 erexitque Iacob titulum super sepulchrum eius hic est titulus monumenti Rahel usque in praesentem diem 21 egressus inde fixit tabernaculum trans turrem Gregis 22 cumque habitaret in illa regione

VULD 20 und Jakob errichtete ein Steinmal über ihrem Grab; dies ist das Steinmal zum Andenken des Grabes Rahels bis zum heutigen Tag. 21Als er von dort ausgezogen war, errichtete er ein Zelt jenseits des Turms der Herde. 22Und als er in dieser Gegend wohnte,

Auf die gleiche Weise verschwindet Israel in der GN und GNB:

GN GNB  Dann zog er [Jaakob, V 19] weiter

 

3 HERDENTURM

So übersetzen wörtlich Buber und Rosenzweig diese Ortsangabe, genauso bzw. teilweise:

Die neueren Lutherausgaben folgen hier nicht Luther.

 

KOMMENTARE

HIRSCH 436f beobachtet:

WESTERMANN, 676, hält fest: „35,21.22a ist er einzige Text in Gen 25-36 mit der Bezeichnung Jakobs als Israel.“ Umso mehr fällt die Enteignung Israels in der VUL und GN GNB ins Gewicht.

SOGGIN, 415, fasst die Diskussion um die Quellenscheidung zusammen:

SEEBASS, 454, verstärkt die Beobachtung Westermanns: „Zum ersten Mal sagt der Erzähler Israel statt Jakob.“

 

 

*

 

Köln-Merkenich, 
am Montag/Dienstag, den 28./29. April 2025

 

Q 105,3

وَأَرْسَلَ عَلَيْهِمْ طَيْرًا أَبَابِيلَ (٣)

VOKABELN

VERB

رسل , a - (Haar) herabwallen, III. Stamm: korrespondieren [!], hier IV. Stamm: schicken, senden.

NOMEN

طير - koll. aber auch sg. Pl. طيور thujur o. اطيار  athjar – Vögel;

أَبَابِيلَ - ???

Hier versagen meine Bordmittel. Zu meiner Entlastung schreibt NEUWIRTH, HKK I,114f: „Das sonst nicht nach-/weisbare Wort ababil ist etymologisch nicht erklärbar. […] Die Übersetzung mit ‚Herden, Scharen‘ dürfte dem intendierten Sinn des Verses am ehesten entsprechen“ und verweist auf Bell.

BELL, 678, vermerkt mit vornehmen Understatement: „the meaning of these words is not quite certain.“

CORPUS CORANICUM hingegen meint:

Abābīl (in Apposition zu ṭair, „Vögel“) weist dieselbe Wurzel wie ʾibl (f.), ʾābāl, „Kamel“, auf; vgl. a. ʾabila, was u. a. „sich (wie Kamele) vermehren“ bedeuten kann (Lane, Bd. 1, 7c). Der Ausdruck entspricht der Pluralform faʿālīl, die vorwiegend bei vier- oder fünfkonsonantigen Wurzeln auftritt (z. B. yanābīʿ, von yanbūʿ, „Quelle“, und šayāṭīn, „Teufel“), jedoch auch für dreiradikalige Wurzeln belegt ist (Wright, Bd. 1, 228 f.). Die Lexikographen erklären das Wort als Plural von ʾibāla, „Schar, Herde“ (Jeffery, Foreign Vocabulary, 43 f.). Dass es sich tatsächlich um ein im koranischen Milieu gebräuchliches arabisches Wort handelt, zeigen die von Muth 2007 gesammelten Belege für den Gebrauch von ʾabābīl in der vorkoranischen Dichtung, wo sich der Ausdruck generell mit „Schwärme“ bzw. (angewandt auf Pferde) „Herden“ übersetzen lässt“.

ابالة ibala - WEHR 2 „bundle, bale“.

LANE 9 erläutert die Bedeutung dieses Wortes in dem Eintrag „إِبَّوْلٌ  […] A separate, or distinct, portion of a number of birds, and of horses, and of camels […] And طَيْرٌ أَبَابِيلُ [in the Ḳur cv. 3 means Birds in distinct, or separate, flocks or bevies]“.

KHOURY 12,567 hingegen ist sich sicher: „Das Wort ababil bedeutet entweder: gesammelt, oder: hintereinander, oder: getrennt aus verschiedenen Himmelsrichtungen kommend.“ Ohne Angaben von Quellen oder weiteren Gründen.

PARTIKEL

على - auf, an, bei gemäß, gegen.


 

mE

und schickte gegen sie einen Vogelhaufen


RÜCKERT (zwischen 1836-1839) von Vers 1 an:

Siehst du nicht, was dein Herr that an den Herrn der Elefanten?

Macht‘ er nicht ihre List zu Schanden?

Da er auf sie ein Heer von Vögel sandte


ULLMANN (1840)

und einen Schwarm Vögel gegen sie gesandt

 

HENNING (1901)
Und Vögel in Scharen über sie geschickt,

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Er sandte über sie Vogelschwärme.

  
BELL (1937)

He sent upon them birds in flocks

 

PARET (1979, 2001)
und Scharen von Vögeln über sie gesandt,

 

KHOURY (1987, 1992)

und Vögel in Schwärmen über sie gesandt,

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Er sandte Schwärme von Vögeln über sie,

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), 

und sandte gegen sie Vögel in aufeinanderfolgenden Schwärmen,

 

ZIRKER (2003, 2018)

sandte über sie Schwärme von Vögeln,

 
KARIMI (2009)

und über sie Scharen von Vögeln gesandt,

 
BOBZIN (2010, 2017)

und sandte auf sie nieder Vogelscharen,


NEUWIRTH (HKK I 2011)

und über sie gesandt Vögel in Scharen,

 

CORPUS CORANICUM

und Vogelschwärme über sie gesandt,

 

BEOBACHTUNG

عَلَيْهِمْ - aalihim

Die Übersetzung „gegen sie“ wird immerhin außer von Ullmann auch von Bubenheim gedeckt, sonst geht die Mehrheit von der Bedeutung „auf“ bzw. „über“ aus.

Köln-Merkenich,
am Mittwoch/Freitag/Dienstag und Mittwoch, 
den 30. April/2./6. und 7. Mai 2025

                                                                                 

 

Gen 35,22

 

            וַיְהִ֗י בִּשְׁכֹּ֤ן יִשְׂרָאֵל֙ בָּאָ֣רֶץ הַהִ֔וא וַיֵּ֣לֶךְ רְאוּבֵ֔ן וַיִּשְׁכַּ֕ב֙ אֶת־בִּלְהָ֖ה֙ פִּילֶ֣גֶשׁ אָבִ֑֔יו וַיִּשְׁמַ֖ע יִשְׂרָאֵֽל וַיִּֽהְי֥וּ בְנֵֽי־יַעֲקֹ֖ב שְׁנֵ֥ים עָשָֽׂר׃

VOKABELN

VERB

שׁכב - liegen, sich legen, schlafen, beischlafen.

NOMEN

פִּילֶגֶשׁ - Nebenfrau.

 

mE

Und es geschah, als Israel dieses Land bewohnte: Ruben ging hin und schlief mit Bilha, eine Nebenfrau seines Vaters und Israel hörte es.

Und die Söhne Jaakobs waren zwölf

 

Buber / Rosenzweig

Es geschah, als Jissrael in jenem Lande wohnte: Ruben ging hin und lag Bilha, dem Kebsweib seines Vaters, bei.

Jissrael hörte davon -

Zwölf also waren der Söhne Jaakobs,

 

van Dyke

وَحَدَثَ إِذْ كَانَ إِسْرَائِيلُ سَاكِنًا فِي تِلْكَ الأَرْضِ، أَنَّ رَأُوبَيْنَ ذَهَبَ وَاضْطَجَعَ مَعَ بِلْهَةَ سُرِّيَّةِ أَبِيهِ، وَسَمِعَ إِسْرَائِيلُ.
بَنُو لَيْئَةَ   

VOKABELN

VERBEN

حدش , u – geschehen;

ذهب , a – gehen, weggehen, wegnehmen, rauben;

ضجع , a – liegen, schlafen, HIER VIII. STAMM (reflexiv)  اضطجع : sich hinlegen.

NOMEN

سرية  pl. سرايا – 1: Kompanie; 2: Geheimniskrämerei – vom Verb سرى  , STEINGASS 492: „travel at night“, „V. INF. tasarri […] keep a concubine, live in concubinage.“

 

 

BEOBACHTUNGEN

1 سُرِّيَّةِ , surrijjati – פִּילֶגֶשׁ, pilägäsch – παλλακή, pallakä oder πάλλαξ, pallaks

Woher van Dyke dies Wort سُرِّيَّةِ , surrijjati für „Konkubine“ genommen hat, ist mir ein Rätsel. Ob er es in Anlehnung an eine „Kompanie“, also als „Kumpanin“ von Jaakob verstanden hat, oder vom Heimlichtun beim nächtlichen Reisen?

KROPFITSCH, Langescheidt 2023, vermerkt zu  سرى : 1- fließen; 2 – vornehm; 3 – geheim.

KROTKOFF, Langenscheidt 1982, hatte noch zu 1: „nachts reisen; fließen“.

Übrigens sucht man im deutsch-arabischen Teil vergebens eine Übersetzung für Konkubine, Kebsweib oder Nebenfrau. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Das Schiitische Recht erlaubt den fern von zu Hause arbeiteten Männern an ihrer Baustelle eine befristete Ehe auch mit Prostituierten, die Mut’ah-Ehe. Hier aber geht es um einen Zweitmann für die Nebenfrau von Jaakob – eigentlich ein klassische Ödipus-Konstellation, die abgesehen von Gen 49,3-4, nicht geahndet wurde. Bilha ist die Mutter von Rubens Geschwistern Dan und Naftali.

L45 übersetzt hier mit „Kebsweib“, genauso wie Jehuasch:

SBJ קעבסווייב

Der Ursprung dieses interessanten Wortes, früher einfach auch „Kebse“, ist ungeklärt. Dazu Duden, Herkunftswörterbuch: „Das Wort würde […] eigentlich »Sklavin, weibliche Gefangene« (die zur Beischläferin gemacht wurde) bedeuten“, d. h. eine zur Dauervergewaltigung gezwungene Frau.
Das Deutsche Wörterbuch der Brüder GRIMM, DW, kennt i. Ü. auch den „Kebsmann“, DW 11,374. 

Nicht weniger unklar ist das hebräische Wort פִּילֶגֶשׁ, pilägäsch. Die Ähnlichkeit zum griechischen Ausdruck – und dann auch lateinischen „pellex“ – ist genauso augenfällig wie ungeklärt, TWAT 6,586. Auffällig ist, dass dieses Wort in keinen Rechtstexten vorkommt, 586. „Es findet sich keine explizite Kritik am Konkubinat“, 588.

 

2 LXX GN GNB WEST SOGG

Die Septuaginta ergänzt eine moralische Beurteilung des ödipalen Ehebruchs des Sohnes:

LXX  καὶ πονηρὸν ἐφάνη ἐναντίον αὐτοῦ

LXXD und es erschien böse vor ihm

Von allen eingesehenen Übersetzungen übernehmen dies allein GN – mit Verweis auf die LXX - und GNB:

GN GNB Als Jakob davon erfuhr, empfand er dies als schwere Kränkung.

WESTERMANN und SOGGIN übersetzen so, als würde eine Fortsetzung fehlen:

WEST SOGG Als Israel davon hörte …

WESTERMANN vermutet, als habe die Septuaginta sie ersetzt, WEST 668 „Den freien Raum fühlt G [= LXX, mE] aus“, ähnlich SEEBASS 453: „LXX empfand den Abbruch und ergänzte“.

 

3 VUL

HIERONYMUS übt sich in Understatement:

VUL quod illum minime latuit

VOKABELN

VERB

lateo, -tui, -ere – verborgen sein, versteckt sein. 

PARTIKEL

minime – als Superlativ von parum – zu wenig: keineswegs.

VULD was diesem keineswegs verborgen blieb.

 

5 Sichem und Ruben

Sichems Vergewaltigung Dinas zog ein Massaker nach sich. Und Rubens Ehebruch – (weil die Tatsache, Nebenfrauen zu haben, gesellschaftlich gewöhnlich, wenn auch offenbar nicht institutionalisiert – es findet sich dazu keine Rechtsetzung – war, dann muss auch hier von Ehebruch gesprochen werden): Was hatte er zur Folge? Ein Messen mit zweierlei Maß? Vielleicht sollte glaubhaft gemacht werden, warum ausgerechnet der Stamm, der nach dem Ältesten benannt wurde, später keine führende Rolle inne hatte, sondern stattdessen im Südreich Juda: nach Ruben, Simeon und Levi, Leas vierter Sohn. Nach Simeons und Levis Gewalttat gegen die Sichemiter und Rubens Ehebruch ist jetzt also Juda an der Reihe.

Das wissenschaftliche Bibellexikon, wibilex, Art. Ruben, (https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/ruben) ordnet diesen Vers der „nachexilische[n] Letzt-Redaktion“ zu, die auch in Gen 49 „die Ruben- und Semeon- / Levi-Sprüche ein[fügt].“

„Der Verlust der Erstgeborenenrolle Rubens und der Übergang seiner Bedeutung auf Juda (politisch-geographisch) und Josef (religiös) wird dabei als Strafe für die Bedrohung des väterlichen Erbes durch Ruben verstanden und erzählerisch in Gen 35,21.22a begründet. Unmissverständlich wird dadurch klargemacht, dass der Verlust des Ostjordanlandes als gegeben hinzunehmen ist und Juda nunmehr das Zentrum Israels ausmacht.“

 

 

KOMMENTARE

Nach HIRSCH, 437, habe „Reuben“ nur „sein Lager neben Bilha“ gehabt, ohne Geschlechtsverkehr, „um Jakob zur Wiederannäherung an seine Mutter Lea zu veranlassen“. Nun ja.

JAKOB 668 erinnert daran, dass nach Gen 49,3ff; 1 Chr 5,1, Ruben wegen dieser Tat „die Erstgeburt-Herrschaft genommen worden“ ist. „Zu seiner [Rubens, mE] Verteidigung hatte der Talmud selbst kein Vertrauen, denn er lässt Ruben Buße tun, und die Mischna Meg. IV 9 bestimmte, dass dieser Vers bei der Toralesung nicht [ins Aramäische, so SARNA 245 mE] übersetzt werden soll“.

PHILIPPSON 188 erinnert daran, wie schwer man sich mit diesem Vers getan hat: „Die trad.[itionellen] Erklärer sehen in der folgenden Aufzählung den Nebenbegriff, dass alle Söhne Jak’s fromm und gerecht gewesen, und Ruben nicht wirklich gesündigt.“

WESTERMANN 677 hält diesen Vers für den Anfang einer Erzählung, „[v]on ihr ist aber nur der Anfang erhalten“. Er vergleicht Rubens Tat mit der „Schandtat Sichems an Dina“, „es sind die gleichen Worte, die […] folgen: ''וישמע ב“ . (wajismaa b'' – und es hörte …). Zieht aber keine weiteren Folgen. Westermann weist auf das Verbot Dtr 22,30 (23,1) hin: „Niemand soll seines Vaters Frau nehmen“.

SOGGIN 416 spricht deutlich von „Inzest“ und vermutet gleichfalls einen „verstümmelte[n] Bericht“.

SEEBASS 454 erinnert daran, dass „Inzestverbrechen“ „nach Lev 20,11 mit dem Tode gesühnt“ werden. Er betont, dass Bilha hier nicht als Sklavin bezeichnet wird: „Ruben vergreift sich also an einer Frau seines Vaters (Lev 18,7), die nicht die gleichen Rechte hatte wie Lea und Rahel, aber keine Abhängige war.“ Die Absicht Rubens, so rekonstruiert Seebass, sei es gewesen, dass er „nach 2 Sam (3,7;) 6,21-23 den Vater haben verdrängen und so Dominanz gewinnen wollen.“ (455) Ruben hat also nicht heimlich gehandelt: Der demonstrative Ehebruch als Herrschaftsgebaren. „Noch der Talmud […] kann nicht verstehen, warum Israel nicht sofort reagiert“ 455.

 

*

 

Köln-Merkenich, am Freitag/Montag
den 23./26. Mai 2025

 

Q 105,4

 

تَرْمِيهِم بِحِجَارَةٍ مِّن سِجِّيلٍ

VOKABELN

VERB

رمى , i – werfen.

NOMEN

حجر  pl.  أحجار oder حجارة  – Stein;

سجيل  - LANE 1311: harter, getrockneter Lehm (aus dem Persischen); PENRICE 67 „baked clay“, BELL 678 zu ababil (v. 3) und sijjil: „the meaning of these words is not quite certain.“

 

mE – von Vers 1 an:

Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers.

Hast du nicht gesehen, was dein Herr mit den Besitzern des Elefanten gemacht hat?

Verrückte er nicht ihre Ränke?

Und schickte gegen sie einen Vogelhaufen,

er warf auf sie Ziegelsteinbrocken

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) von Vers 1 an:

Siehst du nicht, was dein Herr that an den Herrn der Elefanten?

Macht‘ er nicht ihre List zu Schanden?

Da er auf sie ein Heer von Vögel sandte

Das sie mit Steinen warf, gebrannten;


ULLMANN (1840)

welcher auf sie Steine von gebranntem Lehm herabwarf?

 

HENNING (1901), BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), 

BOBZIN (2010, 2017)
Die sie mit Steinen aus gebranntem Ton bewarfen

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Die über sie warfen Steine der Hölle.

  
BELL (1937)

Which pelted them with stones of baked clay,

 

PARET (1979, 2001)
die sie mit Steinen von Ton (?) bewarfen,

 

KHOURY (1987, 1992)

die sie mit Steinen aus übereinandergeschichtetem Ton bewarfen,

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

die sie mit höllischen Steinen bewarfen.

 
ZIRKER (2003, 2018)

die sie mit Ziegelsteinen bewarfen,

 
KARIMI (2009)

die sie bewarfen mit Ziegelsteinen,


NEUWIRTH (HKK I 2011)

die sie bewarfen mit hartgebrannten Steinen,

 

CORPUS CORANICUM (23.05.2025)

die sie mit Steinen aus Lehm bewarfen,

 

BEOBACHTUNG

Ausgerechnet GOLDSCHMIDT wertet die Steine theologisch auf und verbindet sie mit der HÖLLE, wie nach ihm die AL AZHAR. Was mit „Steinen aus Lehm“ anderes gemeint sein soll als Ziegelsteine oder Ziegelsteinbrocken, weiß ich nicht. ZIRKER ist jedenfalls der erste, der diesen Schluss zieht, ihm folgt KARIMI. Doch BOBZIN, NEUWIRTH und CC kehren sich wieder davon ab.

 

KOMMENTARE

Nach KHOURY 566, gibt es zum Verb die Lesart der 3. Person männlich:

„yarmihim: Er bewarf sie (nach Abu Hanifa).“ CORPUS CORANICUM ergänzt, dass durch diese Fassung „Gott zum Subjekt des Werfens würde“.

Die vorliegende weibliche Fassung bezieht sich offenbar auf das sowieso ungeklärte Nomen aus Vers 3 „abalil“, das damit als weiblich klassifiziert wird.

NEUWIRTH HKK 115 erläurtert zu dem auch nur hier im Koran vorkommenden Wort sidjdjil (Hapaxlegomeon), „nach Jeffery (FVQ, S. 164) eine Lehnbildung, abgeleitet von lateinisch sigillum […] Der Rückgriff auf ein Lehnwort dient der Enigmatisierung und damit Bedeutungssteigerung des Vernichtungsakts, der im Surentext als wunderbares Eingreifen des im lokalen Heiligtum verehrten Gottes dargestellt wird.“

BELEG: FVO = JEFFERY, Arthur: The Foreign Vokabulary in the Qour‘an, Baroda 1938.

CORPUS CORANICUM verweist auf den Versuch von DE BLOIS dies Wort mit Verweis auf Gen 19,24 zu erklären:

„Vor dem Hintergrund von Genesis 19:24, einer 105:3 strukturell verwandten Beschreibung der Vernichtung von Sodom und Gomorrha („Und Gott ließ auf Sodom und Gomorrha Schwefel und Feuer vom Herrn vom Himmel herabregnen“,וַֽיהוָ֗ה הִמְטִ֧יר עַל־סְדֹ֛ם וְעַל־עֲמֹרָ֖ה גָּפְרִ֣ית וָאֵ֑שׁ מֵאֵ֥ת יְהוָ֖ה מִן־הַשָּׁמָֽיִם), argumentiert er dafür, der Ausdruck min siǧǧīl sei ursprünglich Bestandteil einer vorkoranischen arabischen Nacherzählung der Zerstörung von Sodom und Gomorrha gewesen und habe hier als Pendant zu meʾet yahweh fungiert; siǧǧīl habe eine Art Racheengel bezeichnet, der die von Gott verhängte Strafe ausgeführt habe und den de Blois hypothetisch mit einer in Taymāʾ und Hatra bezeugten Gottheit š-n-g-l-ʾ identifiziert. Dieser ursprüngliche Sinn von siǧǧīl sei aber in koranischer Zeit bereits in Vergessenheit geraten; die sekundäre Bedeutung von siǧǧīl im Koran als Materialbezeichnung habe sich möglicherweise unter dem Einfluss von arab. siǧill (lat. sigillum, gr. sigillion), „(Ton-)Siegel“, entwickelt. Wenn in 51:33 siǧǧīl durch ṭīn ersetzt wird, so werde hier in der aus vorkoranischer Zeit überlieferten Wendung ḥiǧāra min siǧǧīl ein für die Adressaten des Textes verständlicherer Ausdruck eingesetzt.“

Ein Versuch, der mir philologisch nicht recht einleuchtet – wie und warum soll aus „meʾet yahweh“ siǧǧīl“ werden? – zumal de Blois am Ende dann doch nicht ohne das lateinische  Lehnwort auskommt.

BELEG: BLOIS, François de: Ḥijaratun min sijjīl, IN: Acta Orientalia, 60, 58-71, 1999.

 

 

 

 

 

 

 

Köln-Merkenich,
am Montag/Dienstag, den 2./3. Juni 2025

                                                                                 


Gen 35,23

 

 

בְּנֵ֣י לֵאָ֔ה בְּכֹ֥ור יַעֲקֹ֖ב רְאוּבֵ֑ן וְשִׁמְעֹון֙ וְלֵוִ֣י וִֽיהוּדָ֔ה וְיִשָּׂשכָ֖ר וּזְבוּלֻֽן׃

VOKABEL

NOMEN

בְּכֹר oder בְּכוֹר - erstgeboren, Erstgeburt.

 

mE

Leas Söhne sind Jaakobs Erstgeborener Ruben und Schimon und Levi und Jehuda und Issachar und Sebulun.

 

Buber / Rosenzweig

Die Söhne Leas: Ruben, Jaakobs Erstling, Schimon, Lewi und Jehuda, Jissachar und Sbulun.

 

van Dyke

بَنُو لَيْئَةَ: رَأُوبَيْنُ بِكْرُ يَعْقُوبَ، وَشِمْعُونُ وَلاَوِي وَيَهُوذَا وَيَسَّاكَرُ وَزَبُولُونُ. 23 

VOKABEL

NOMEN

بكر  bikr pl. أبكار  abkar – Erstgeborene(r).

 

BEOBACHTUNGEN

1 LEAS ENTEIGNUNG

Im Hebräischen steht ein Nominalsatz. Als Verb im Deutschen kann ein Hilfsverb – eine Form von „sein“ – eingefügt werden, andere übersetzen mit einem Doppelpunkt, s. Buber/Rosenzweig. 

Die GUTE NACHRICHT fügt ein Vollverb ein, was den Text sogleich lebendiger macht. Dies Verb verbindet sie mit einem Possesivpronomen und hat damit unversehens Lea enteignet:

GN Lea gebar ihm Ruben, den Erstgeborenen, ferner …

Die Revision, die GUTE NACHRICHT BIBEL hat dies korrigiert:

GNB Die Söhne, die Lea geboren hatte, waren:

 

2 בְּכוֹר bekur - Erstgeburt

Die BASISBIBEL übersetzt dies Nomen mit „der älteste Sohn“.

JEHUASCH verwendet dies Wort als Hebraismus:

יעקבס בכור ראובן – jakobs bekur rubn

 

 

*

 

Q 105,5

 

فَجَعَلَهُمْ كَعَصْفٍ مَّأْكُولٍ

VOKABELN

VERB

جعل , a – machen.

NOMEN

عصف - LANE 2064 „the leaves, or blades, that are upon the stalk of corn“

 

mE

und machte sie wie geäste Halme.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) von Vers 1 an:

Siehst du nicht, was dein Herr that an den Herrn der Elefanten?

Macht‘ er nicht ihre List zu Schanden?

Da er auf sie ein Heer von Vögel sandte

Das sie mit Steinen warf, gebrannten;

So macht‘ er sie gleich abgefressenen Saaten.


ULLMANN (1840)

So machte er sie gleich abgeweideten Halmen (einer abgeweideten Viehweide).

 

HENNING (1901)
Dann machte Er sie wie ein abgefressenes Feld.

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Und er machte sie gleich abgefressenen Halmen.

  
BELL (1937)

And made them like green blades, eaten down.

 

PARET (1979, 2001)
und (hat er) sie (dadurch nicht saft- und kraftlos) werden lassen wie ein abgefressenes Getreidefeld (wörtlich: wie abgefressene Halme)?

 

KHOURY (1987, 1992)

und sie somit gleich abgefressenen Halmen gemacht?

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

So machte Gott sie zu zerfressenem Laub.

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), 

und sie so wie abgefressene Halme machte?

 

ZIRKER (2003, 2018)

und machte sie wie abgefressene Halme?

 
KARIMI (2009)

und sie dann werden lassen wie abgefressene Halme?

 
BOBZIN (2010, 2017)

und ließ sie wie abgefressene Stengel werden?


NEUWIRTH (HKK I 2011)

und sie wie abgefressenes Gras werden lassen?

 

CORPUS CORANICUM

und sie so abgefressenem Gras gleichgemacht?

 

KOMMENTARE

CORPUS CORANICUM, 03.06.2025, rezipiert NEUWIRTH, HKK I 115:

„Neuwirth verweist als Parallele auf Psalm 37:1–2 („Errege dich nicht über die Bösen / wegen der Übeltäter ereifere dich nicht! // Denn sie verwelken schnell wie das Gras, / wie grünes Kraut verdorren sie“) und 58:8 („Sie sollen vergehen wie verrinnendes Wasser, / wie Gras, das verwelkt auf dem Weg“) und stellt fest: „Die Episode … wird somit biblisch eingefärbt.““

Und führt aus, „dass spätere koranische Straferzählungen sich in der Wortwahl an Sure 105 anlehnen“. „Horovitz bezeichnet die Sure als das „früheste Beispiel einer Straflegende“ (Horovitz, Koranische Untersuchungen, 10 f.)“. Hier aber geht es „weniger um „Strafe“ als um „Rettung““, um „den besonderen göttlichen Schutz zu belegen, unter dem das mekkanische Heiligtum steht“.

„Wenn Q 105 deshalb die Vernichtung der „Leute des Elefanten“ als unmittelbare Tätigkeit Allāhs selbst deutet, so ist dies keineswegs eine Trivialität. Denn bevor Gott wie in späteren Koransuren moralische Normen einfordern und über ihre Verletzung richten kann, muss zunächst einmal seine prinzipielle Wirkmächtigkeit erwiesen sein: „Bevor der Gott sich entfernt, muss er dagewesen sein, in seiner Anwesenheit erfahren sein, muss er in seiner um den Menschen besorgten Initiative erkannt sein.“ (Gottfried Müller 1988, 342). Q 105 betont diese innerweltliche Aktivität Gottes durch die Verwendung der Verben faʿala und ǧaʿala und durch die hypotaktische Unterordnung von V. 4 unter V. 3, die das Werfen der Vögel von einer scheinbar selbständigen Handlung zur Konsequenz einer vorgängigen Initiative Gottes macht.“


*


Köln-Merkenich,

Dienstag, den 24. Juni 2025


Gen 35,24

 

         בְּנֵ֣י רָחֵ֔ל יֹוסֵ֖ף וּבִנְיָמִֽן׃

 

mE

Rachels Söhne sind Joseph und Benjamin.

 

Buber / Rosenzweig

Die Söhne Rachels: Jossef und Binjamin

 

van Dyke

وَابْنَا رَاحِيلَ: يُوسُفُ وَبَنْيَامِينُ 

 

 

BEOBACHTUNG

1 Nominalsatz

Im Hebräischen steht ein Nominalsatz – passend für Listen. Im Deutschen kommen Nominalsätze fast nur noch in Sprichwörtern vor – „Ein Mann, ein Wort“ – oder wenn schriftliche Aufzählungen vorgelesen werden. Septuaginta und Vulgata behalten den Nominalsatz bei, ebenso alle englischen Übersetzungen und fast alle jüdischen Übersetzungen – Mendelssohn ist die Ausnahme. 

Luther löst bereits 1545 den Nominalsatz auf: 

L45 Die Söne Rahel waren Joseph vnd BenJamin

Ihm folgen fast alle – christlichen – deutschsprachigen Übersetzungen und die ältere dänische Übersetzung und ein Kommentator.

In der Übersicht:

2 Enteignung

Die Enteignung Leas in der Übersetzung der GUTEN NACHRICHT im vorangegangenen Vers wurde bereits vermerkt. Die moderne französische Übersetzung BFC macht es genauso:

BFC 23 Léa lui donna …

24 Rachel lui donna

GN Rachel gebar ihm

Von „Söhnen“ ist dann auch keine Rede mehr.

Die Revision der Guten Nachricht hat auch hier nachgebessert:

GNB Die Söhne, die Rahel geboren hatte, waren:

 

 

*

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch/Donnerstag/Montag,

den 26./27./30. Juni 2025

 

 

Q 102,1

بِسْمِ ٱللَّهِ ٱلرَّحْمَ‍ـٰنِ ٱل‍‍رَّح‍ِ‍ي‍مِ

أَلْهَاكُمُ التَّكَاثُرُ (١)

VOKABELN

لهي oder لهو, u – sich vergnügen, HIER IV. Stamm: ablenken;

كثر , u – viel sein, zahlreich sein. HIER VI. Stamm: sich vermehren, sich zusammen tun.

 

mE

Das Sich-Vermehren lenkt euch ab.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Ihr wollt nur mehr Geschlecht und Habe,


ULLMANN (1840)

Das eifrige Streben nach Mehrung des Reichtums beherrscht euch,

 

HENNING (1901)
Es beherrscht euch das Strebennachmehr und mehr.

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Es vergnügt euch die Mehrsucht.

  
BELL (1937)

Emulation occupies you,

 

PARET (1979, 2001)
Die Sucht, mehr zu haben (als andere), hat euch (so sehr von allem höheren Streben) abgelenkt,

 

KHOURY (1987, 1992)

Der Wettstreit um noch mehr lenkt euch ab,

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Euch hat die Vermehrungssucht so lange abgelenkt,

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), 

Die Vermehrung lenkt euch ab,

 

ZIRKER (2003, 2018)

Der Eifer nach mehr lenkt euch ab,

 
KARIMI (2009)

Abgelenkt hat euch das Streben nach Mehr,

 
BOBZIN (2010, 2017)

Abgelenkt hat euch das Streben nach mehr,


NEUWIRTH (HKK I 2011)

Euch beherrscht das Streben nach mehr,

 

CORPUS CORANICUM

Die Habgier lenkt euch ab,

 

 

KOMMENTARE

BELL, 675, kommentiert seine Übersetzung „emulation“: „Rivalry with one another in wealth, or perhaps as to the nunber and strength of their clans.“

KHOURY, 574, kommentiert in ähnlicher Weise: „Der Wettstreit […] um mehr Kinder und Vermögen, oder um mehr Anhang unter den Stämmen, oder um mehr Erfolg im Handel und beim Erwerb des Lebensunterhalts, damit ihr einen Grund zur Prahlerei habt“.

NEUWIRTH, HKK I, 126, setzt sich ausführlich mit den ersten beiden Versen dieser Sure auseinander und bezieht den Vermehrungswunsch auf das Streben seinen Clan und sein Ansehen zu vergrößern. 

CORPUS CORANICUM verstärkt die Sicht, die hier neutestamentliche Anklänge hört. Bemerkenswert: Der Verweis auf Ephrem:

„at-takāṯur] In Q 57:20 ist im Kontext einer abwertenden Charakterisierung des „diesseitigen Lebens“ von einem takāṯur fĭ l-ʾamwāl wa-l-ʾaulād die Rede. Paret übersetzt wörtlich „die Sucht, mehr zu haben“. Sehr wahrscheinlich handelt es sich aber um eine Arabisierung von griech. pleonexia (Künstlinger 1931, 619), bei der der griechische Komparativ pleon durch den arabischen VI. Stamm mit seiner Konnotation der Gegenseitigkeit wiedergegeben wird. Falls der von Künstlinger hergestellte Zusammenhang zutrifft, so dürfte im Hintergrund des koranischen Begriffs der griechische Originaltext des Neuen Testaments stehen, denn die Peschitta gebraucht für pleonexia die Begriffe yaʿnūtā und ʿālobūtā, die dem arabischen Terminus weniger eng entsprechen. An Textstellen vgl. etwa Psalm 119:36 und die Lasterkataloge in Markus 7:21.22, Römerbrief 1:29, 1. Korintherbrief 6:9.10, insb. aber Lukas 12:15 (TUK, Nr. 193): „Dann sagte er zu den Leuten: Gebt acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier. Denn der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch aufgrund seines großen Vermögens im Überfluss lebt.“ Andrae verweist im Zusammenhang mit dem vorliegenden Vers auf Ephrems Beschreibung des Weltmenschen als jemandem, der stets „mehr begehrt“ (sāʾēl yatīrā; s. Andrae 1926, 130).“

Köln-Merkenich,
Mittwoch/Freitag, den 9./11. Juli 2025

                                                                                 

 Gen 35,25

 

                  וּבְנֵ֤י בִלְהָה֙ שִׁפְחַ֣ת רָחֵ֔ל דָּ֖ן וְנַפְתָּלִֽי׃

 

mE

Und die Söhne Bilhas, der Magd Rachels, sind Dan und Naftali

 

Buber / Rosenzweig

Die Söhne Bilhas, der Magd Rachels: Dan und Naftali.

 

van Dyke

وَابْنَا بِلْهَةَ جَارِيَةِ رَاحِيلَ: دَانُ وَنَفْتَالِي

VOKABEL

جارية , pl. جوار – Sklavin, Mädchen.

 

BEOBACHTUNG

1 שִׁפְחָה , schifhah, Sklavin 

LUTHER konnte 1545 dies Wort kaum mit „Sklavin“ übersetzen. Im Sinn von „Leibeigene“ – und nicht als eine Angehörige des Volksstammes der Slawen – taucht das Wort in deutschen Wörterbüchern erst ab dem 18. Jahrhundert auf, vgl. GRIMM, DWB 16,1316. Dennoch behalten fast alle deutschen, englischen und französischen Fassungen samt WESTERMANN und SEOGGIN die Übersetzung „Magd“ bei, so selbst die jüngste eingesehene Übersetzung, die Basisbibel.

KJV ASV handmaid; 

ESV servant, 

TANAKH maid, 

SBJ BFC servante, 

GNB Dienerin

JEHUASCH überliefert hierbei eine bemerkenswerte Variante. Er spricht von

SBJ רחלס דינסט , „Rachels Dienst“.

Dazu GRIMM, DWB 2,1121: „dienst heiszt auch der diener, der dienstbote, der männliche und weibliche. schon im mhd. nicht selten.

Von „Sklavin“ sprechen BiG, 

NL „slavin“, 

D83 und D2000 „trælkvinde“ und 

SEEBASS „Rahelsklavin“.

LXX παιδίσκης

LXXD Sklavin

VUL ancillae

VULD Dienerin

 

2 Sohnlos

Die GUTE NACHRICHT hatte es sich offenbar zur Aufgabe gemacht, die Liste in Prosa umzuwandeln. Dabei taucht das Problem der Wiederholung auf, was im Deutschen als unschön empfunden wird. Entsprechend variiert sie:

GN Von Rahels Magd Bilha stammten Dan und Naftali.

Immerhin werden Bilha ihre Kinder ihr hier nicht enteignet, wie in den Versen zuvor bei ihrer Herrin und Lea, aber von Söhnen ist immer noch nicht die Rede.

Dies hat die Revision korrigiert:

GNB Die Söhne von Bilha, der Dienerin Rachels, waren Dan und Naftali

 

KOMMENTAR

JACOB, 669, bemerkt die chiastische Reihenfolge der Mütter sowie die sprachliche Unterscheidung ob mit oder ohne „und“ eingeleitet: Nach Lea und Rachel – ohne „und“ – folgt erst die Magd Rachels, dann Leas Magd – beide mit „und“. SARNA, 245, stellt den Chiasmus grafisch dar. SEEBASS, 455: „Durch die Frauen wird die Liste chiastisch gegliedert“.

 

 

 

 

*

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag/Freitag,
den 10./11. Juli 2025

 

 

Q 102,2

حَتَّىٰ زُرْتُمُ الْمَقَابِرَ

VOKABELN

VERB

زور  o.  زار, u – besuchen.

NOMEN

مقبرة  pl. مقلبر – Friedhof, Grabstätte.

 

mE

Ihr besucht sogar die Grabstätten.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Und geht darüber zu dem Grabe,


ULLMANN (1840)

bis ihr die Gräber besucht (erreicht – bis in den Tod).

 

HENNING/SCHIMMEL (1901/2023)

Bis ihr die Gräber besucht.

 

HENNING/HOFMANN (1901/2006)

Bis ihr (euere) Gräber aufsucht.

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Bis ihr die Begräbnisplätze aufsuchet.

  
BELL (1937)

Until ye visit the tombs

 

PARET (1979, 2001)
daß ihr sogar die Gräber besuchtet (d.h. daß ihr euch sogar bewogen fühltet, eure verstorbenen Angehörigen in den Wettstreit einzubeziehen). 

 

KHOURY (1987, 1992)

dass ihr (sogar) die Gräber besucht.

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

bis ihr ins Grab gekommen seid.

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), 

bis ihr die Friedhöfe besucht.

 

ZIRKER (2003, 2018)

so dass ihr sogar die Gräber besucht.

 
KARIMI (2009)

bis ihr besucht die Gräber.

 
BOBZIN (2010, 2017)

Sogar die Gräber habt ihr aufgesucht.


NEUWIRTH (HKK I 2011)

bis hin dazu, dass ihr die Grabmäler aufsucht!

 

CORPUS CORANICUM

bis ihr ins Grab kommt.

 

BEOBACHTUNG

Die Übersetzung von Maher/Al Azhar klingt einleuchtend – und vertraut fromm -, ihr fehlt im Arabischen jedoch die dafür notwendige Präposition „ins“, der Artikel allein vor „Grabstätte“ leistet dies m. E. nicht.

Merkwürdigerweise hat CORPUS CORANICUM genau diese Variante gewählt – ohne es zu erläutern. Sprachlich setzt es die von HENNING/HOFMANN vertretene Übersetzung voraus.

 

 

KOMMENTARE

BELL, 675, bietet in einer Fußnote eine alternative Übersetzung: „Until ye die, or according to the more accepted explanation, they so vie as to numbers that they visit the tombs and count the dead.“

PARET, 519, zitiert in seinem Kommentar zustimmend BELL. Er führt sie auf eine „von Zamahsari vertretene Deutung“ zurück. Laut Wikipedia war az-Zamachschar, 1075-1144, „ein muslimischer Koranexeget und Philologe persischer Herkunft“ und zählt zu den Mu’taziliten. Sie betonen den Vorrang der Vernunft gegenüber dem Glauben, demnach ist der Koran von Gott erschaffen und nicht als Rede Gottes präexistent. 

KHOURY, 479, erläutert: „um selbst die Toten einzubeziehen – oder: bis ihr die Gräber erreicht, d. h. euer Leben lang.“ In seinem Kommentar, 547, hießt es: „um auch die Toten als Grund zur Prahlerei zu nehmen, oder: bis ihr alle gestorben seid und in den Gräbern liegt.“

NEUWIRTH, HKK I, 127, weist darauf hin, dass das Verb im Koran nur einmal vorkommt (ein Hapaxlegomenon), entzieht sich also einer vergleichenden Analyse. Es „bezeichnet außerhalb des Koran ein pietätvolles Besuchen, nicht zuletzt von Heiligtümern“ und sieht bei Mohammeds Zeitgenossen hier eine „Nähe zu ihren Ahnen“. Aber auch das Nomen muqabir ist ein Hapaxlegomenon, 128, und „dürfte nicht einfach auf ‚Gräber‘, sondern eher auf sichtbare Grabmäler verweisen“, mit dem Argument: „für das Grab als Ort der Toten steht qabr (vgl. frühmekkanisch: Q 109:9, 82:4) zur Verfügung“. Einen Anflug von Ironie, wie es Bell und die ihm folgenden Ausleger sehen, kann Neuwirth  „in der sonst ernsten Sure“ nicht erkennen: „Die paganen Zeitgenossen beziehen ihre Toten in ihre großen und mächtigen Familienverbände ein. Dagegen nimmt der Verkünder eine abwertende Haltung zur Ahnenverehrung ein“.

Köln-Merkenich, am
Dienstag/Mittwoch, den 15./16. Juli 2025

                                                                                 

 

 

 

 

Gen 35,26

 

וּבְנֵ֥י זִלְפָּ֛ה שִׁפְחַ֥ת לֵאָ֖ה גָּ֣ד וְאָשֵׁ֑ר אֵ֚לֶּה בְּנֵ֣י יַעֲקֹ֔ב אֲשֶׁ֥ר יֻלַּד־לֹ֖ו בְּפַדַּ֥ן אֲרָֽם׃

 

mE

Und Silpas, Leas Magd, Söhne sind Gad und Ascher.

Diese sind die Söhne Jaakobs. Sie wurden ihm in Paddan-Aram geboren.

 

Buber / Rosenzweig

Die Söhne Silpas, der Magd Leas: Gad und Ascher.

Diese sind die Söhne Jaakobs, die ihm in der Aramäerflur geboren wurden.

 

van Dyke

وَابْنَا زِلْفَةَ جَارِيَةِ لَيْئَةَ: جَادُ وَأَشِيرُ. هؤُلاَءِ بَنُو يَعْقُوبَ الَّذِينَ وُلِدُوا لَهُ فِي فَدَّانَِ أَرَامَ.

VOKABEL

جارية , pl. جوار – Sklavin, Mädchen.

 

BEOBACHTUNG

בְּפַדַּ֥ן אֲרָֽם – befeddan aram

Zu „Paddan-Aram“ vgl. die Beobachtungen zu Gen 28,2 und Gen 31,18. L45 schließt sich der Septuaginta an und übersetzt mit „Mesopotamien“.

 

KOMMENTARE

Benjamin und Dina

JACOB 669 lässt es nicht unbemerkt: „von der Geburt  Benjamins in Kanaan ist ausdrücklich genug gesprochen worden, so dass diese Ausnahme stillschweigend vorgesetzt werden durfte.“

PHILIPPSON 188 entschuldigt: „in Bezug auf Binj.[amin, mE] eine unbedeutende Ungenauigkeit im Style.“

JPS 245: „The reader ist expected tacitly to exclude Benjamin, wo was not born there.“

WESTERMANN 678 nimmt an, dass die Liste ursprünglich vor 31,17 stand. „R [der Redakteur oder die Redaktion] konnte sie erst hier nach 35,16-20 bringen.“

Die Liste trägt für ihn die Handschrift der Priesterschrift, 677: „“Typisch für P ist die Systematisierung der Aufzählung und die Einordnung Benjamins in die Reihe der in Padan-Aram geborenen Söhne: Für P ist der aus dem Geschehenen sich ergebende Bestand als das Bleibende wichtiger als die einzelnen Vorgänge, die entsprechend eingeebnet werden. Ebenso typisch ist für P, dass ihm nur die Zwölfzahl der Söhne wichtig ist, Dina wird nicht erwähnt.“ Er ist der Einzige, dem das eine Bemerkung wert ist...

SOGGIN 417 ordnet die Liste gleichfalls P zu: „Nach ihr soll auch Benjamin im Zweistromland geboren sein.“ Was eine Spannung zur vorausgegangenen Erzählung von seiner Geburt erzeugt.

SEEBASS 455: „V 26bβ stößt gegen eine wichtige Kontextangabe: Benjamin wird nicht in Paddan Aram geboren. 

 

*

 

 

Merkenich/Freising, am Freitag, 
den 18./22. Juli 2025

 

 

Q 102,3

 

كَلَّا سَوْفَ تَعْلَمُونَ

VOKABELN

VERB

علم , a – wissen.

PARTIKEL

كلا  - nein! keineswegs! 

سوف - Futurpartikel.

 

mE

Keineswegs! Ihr werdet wissen!

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Einst werdet ihrs erfahren,


ULLMANN (1840)

Gewiss! Ihr erfahrt es bald,

 

HENNING/SCHIMMEL (1901/2023)

Fürwahr, ihr werdet wissen,

 

HENNING/HOFMANN (1901/2006)
Doch nein! Ihr werdet es wissen!

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Keineswegs, später werdet ihr es wissen.

  
BELL (1937)

Nay, but ye shall know,

 

PARET (1979, 2001)
Nein! Ihr werdet (dereinst schon noch zu) wissen (bekommen, was mit euch geschieht).

 

KHOURY (1987, 1992)

nein, ihr werdet es noch zu wissen bekommen.

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Aber nein! Ihr werdet die Folgen zu wissen bekommen.

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), 

Keineswegs! Ihr werdet (es noch) erfahren.

 

ZIRKER (2003, 2018)

Nein, ihr werdet erfahren!

 
KARIMI (2009)

Nein! Einst werdet es wissen ihr.

 
BOBZIN (2010, 2017)

Nein! Ihr werdet’s schon bald wissen!


NEUWIRTH (HKK I 2011)

Doch nein, ihr werdet es zu wissen bekommen!

 

CORPUS CORANICUM

Nein! Ihr werdet zu wissen bekommen!

 

BEOBACHTUNGEN

Die Passivform in folgenden Übersetzungen gibt zu denken:

CC, NEUWIRTH, MAHER/AL AZHAR, KHOURY, PARET (s.u.)

RÜCKERT wählt dafür das Verb „erfahren“, was im Deutschen einen passivischen Klang haben kann, in dem, was ein Menschen erfahren bzw. erlitten hat. In seine Tradition stellen sich ULLMANN, BUBENHEIM und ZIRKER.

Ohne Passiv-Konstruktion übersetzen GOLDSCHMIDT, BELL, PARET, KARIMI et moi, bemerkenswert kurz HENNING/SCHIMMEL und BELL.

KARIMI lehnt sich an Rückert an – mit einer merkwürdigen, für mich unmotivierten Wortstellung – sonst üblich bei gedrechselten Reimen.

Der Satz wirkt unvollständig. Unwillkürlich will man ein Objekt einfügen: „es“. Vor allem aber stellt sich die Frage: Wer ist Subjekt? Auf diese Frage reagiert die Passivform. Im religiösen Kontext erlaubt das passivum divinum von Gott zu sprechen, ohne ihn beim Namen zu nennen. Dies ist ursprünglich im Judentum eine gebräuchliche Redensart, um gar nicht erst in die Versuchung zu geraten, Gottes Namen zu missbrauchen (2. Gebot). So spricht auch Jesus: „Selig sind die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.“ (Mt 5,4). Vgl. 1 Sam 10,16: „du wirst umgewandelt und ein anderer Mensch werden“.

 

KOMMENTARE

KHOURY 547 spiritualisiert: „nach dem Tod durch die Pein des Grabes, oder am Tag der Abrechnung; vgl. 6,67.“

Nach NEUWIRTH, HKK I, 129, ist dies das erste Mal, dass eine eschatologische Enthüllung in Aussicht gestellt wird. In der von ihr gruppierten „Surengruppe II“ wird dies „zu einem zentralen Thema“. Ziel der Verse 3 und 4 ist „die ‚Korrektur‘ einer vorausgehenden irrigen Einstellung […], […] der rückwärtsorientierten Verehrung der Ahnen, der der Verkünder mit einem Ausblick in die Zukunft entgegentritt.“

CORPUS CORANICUM verweist auf die nahezu wortgleiche Stelle Q 78,4+5 und vergleicht die Kritik mit prophetischen Überlieferungen:

„Bemerkenswerterweise stellt die der Sure insgesamt zugrunde liegende Aufeinanderfolge von „Gegenwartskritik“ (V. 1.2) und „Zukunftsaussage“ (V. 3–8) auch eine Grundform der alttestamentlichen Prophetie dar. In der Hebräischen Bibel werden beide Teile in der Regel durch die sog. Botenspruchformel („So hat JHWH gesprochen: …“) getrennt (vgl. Zenger 2004, 422), die in durchgängig als Gottesrede gehaltenen Texten wie den koranischen Verkündigungen allerdings überflüssig wäre; die Abgrenzung zwischen Scheltwort und Gerichtsdrohung kann deshalb in Q 102 und 104 lediglich durch den Ausruf kallā geleistet werden. Die strukturelle Analogie könnte eine wichtige Signalfunktion haben: Sie kennzeichnet den koranischen Text, der zu Gruppe I der frühmekkanischen Suren gehört und damit noch ganz am Anfang der Korangenese steht, als Exemplar einer den Hörern möglicherweise aus Schriftlesungen vertrauten Redegattung, nämlich derjenigen prophetischer Schelt- und Drohsprüche. Zugleich zeigt sich an der Sure, dass selbst die frühesten koranischen Verkündigungen nicht auf eine Nachahmung biblischer Vorbilder zu reduzieren sind, insofern der grundsätzliche Textaufbau zwar an alttestamentliche Formen erinnert, das einleitend angeprangerte Laster der „Habgier“ jedoch eher in – gattungsmäßig ganz anders beschaffenen – neutestamentlichen Texten prominent ist (s. o.)."

Köln-Merkenich,
Freitag/Montag, den 25./28. Juli 2025

 

 

Gen 35,27

 

         וַיָּבֹ֤א יַעֲקֹב֙ אֶל־יִצְחָ֣ק אָבִ֔יו מַמְרֵ֖א קִרְיַ֣ת הָֽאַרְבַּ֑ע הִ֣וא חֶבְרֹ֔ון אֲשֶׁר־גָּֽר־שָׁ֥ם אַבְרָהָ֖ם וְיִצְחָֽק׃

VOKABELN

VERB

גור - als Fremder leben.

NOMEN

קִרְיָה - Stadt.                                                                                 

 

mE

Und Jaakob kam zu Jizchak, seinem Vater, nach Mamre in die Stadt Arba, das ist Hebron, dort lebte als Fremder Abraham und Jizchak.

 

Buber / Rosenzweig

Jaakob kam zu Jizchak seinem Vater nach Mamre, der Burg Arbas, das ist Hebron,

wo gegastet hatte Abraham und Jizchak.

 

van Dyke

وَجَاءَ يَعْقُوبُ إِلَى إِسْحَاقَ أَبِيهِ إِلَى مَمْرَا، قَِرْيَةِ أَرْبَعَ، الَّتِي هِيَ حَبْرُونُ، حَيْثُ تَغَرَّبَ إِبْرَاهِيمُ وَإِسْحَاقُ

VOKABELN

VERB

غرب , u – weggehen (Sonne) untergehen; V. STAMM: in die Fremde gehen.

PARTIKEL

حيث chaithu - wo, wohin.

 

 

BEOBACHTUNGEN

1 קִרְיַ֣ת הָֽאַרְבַּ֑ע – kirjath ha’arbaa

Wird diese Ortsangabe übersetzt oder als Eigenname übernommen?

Es gibt zwei Gruppen:

A

SEPTUAGINTA und LUTHER 1545 übersetzen beide Teile vollständig: 

LXX εἰς πόλιν τοῦ πεδίου (αὕτη ἐστὶν Χεβρων) ἐν γῇ Χανααν

LXXD in die Stadt der Ebene – das ist Hebron – im Lande Kanaan

Den letzten Zusatz hat die GN übernommen, und die GNB wieder getilgt.

L45 Heubtstadt

Wie Luther zu dieser Lösung kommt, ist mir schleierhaft. Im Hebräischen (und Arabischen) heißt „arbaa“ „vier“ – es müsste demnach dann eigentlich „Die vierte Stadt“ heißen.

Aber auch die Septuagintaübersetzung erschließt sich mir nicht. Es scheint eine Erläuterung zu sein, die die geografische Lage von Hebron veranschaulichen möchte.

VUL civitatem Arbee

VULD B/R Stadt Arba

B

Unübersetzt, als „Kiriath-arba“ o. ä. lassen dies stehen:

van Dyke ASV ESV TANAKH L84 L17 EIN ELB SCH ZUR LSG BFC NL D83 D20 SBJ M B/M ZUNZ GN BiG BB HIRSCH PHIL WEST SOGG JAKOB Kirjat ha-‘arba‘

BESONDERHEIT:

ZINK lässt diese Bezeichnung ganz ausfallen und spricht nur von „Mamre“ – er möchte wohl der Leserschaft nicht zu viel „Fremdes“ zumuten.

 

2 גָּֽר – gar

Auch hier erscheinen zwei Gruppen und zwei Besonderheiten:
A
Übersetzungen - außer JACOB alle jüdischen - die das Fremdsein verschwinden lassen. Weil der Fremde keine Ortsrechte hat? 

KJV ASV ESV TANAKH sojourned LSG sejourné

BFC habité

SBJ  געוווינט - gewoint

M B/M HIRSCH PHIL aufgehalten

ZUNZ geweilet 

SOGGIN gelebt

B
Solche die das Fremdsein benennen, darunter: Alle deutschen christlichen Übersetzungen - weil es das antisemitischen Vorurteil, dass Juden eben Fremde sind?
LXX παρῴκησεν

LXXD als Fremde gewohnt

VUL peregrinatus

VULD in der Fremde war

L17 L84 L45 SCH NL WEST als Fremdlinge

EIN ELB ZUR D20 BiG BB GNB Fremde 

GN als Fremde im Land Kanaan

SEEB als Fremdsassen geweilt

BESONDERHEIT:

ZINK als Nomade – Das klingt nach einem erläuternden Zusatz.

C
Außergewöhnlich die Übersetzung von JACOB und BUBER und ROSENZWEIG:

JACOB gastete

B/R gegastet

Das Verb „gasten“ ist seit dem 18. Jahrhundert belegt, GRIMM DWB 4,1475, allerdings „nur dichterisch“. Der Gast wird eingeladen und/oder geduldet. "Gasten" lässt beides in der Schwebe und bezeichnet glänzend die stetige Unsicherheit und Mehrdeutigkeit der Situation.

Die Zwangsarbeiter im Dritten Reich wurden verschleiernd „Fremdarbeiter“ genannt.

https://www.bpb.de/themen/nationalsozialismus-zweiter-weltkrieg/ns-zwangsarbeit/227269/begriffe-fremdarbeiter-zwangsarbeiter-sklavenarbeiter/

Diese Bezeichnung war noch bis 1965 für die besonders seit dem Mauerbau 1961 aus dem Ausland angeworbenen Arbeitskräfte üblich, Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache, DWDS. Sie wurde dann zunehmend von „Gastarbeiter“ verdrängt – ein Widerspruch in sich selbst: Denn ein Gast muss nicht arbeiten. Das Wort war dennoch offenbar bestens dafür geeignet, das Unbehagen – die Erinnerung an einen massenhaften europäischen Gewaltakt – zu verdrängen: „Die Zwangsarbeit in der Zeit des Nationalsozialismus ist eine europaweite Erfahrung ohne Beispiel.“ Sie traf mehr als Zwanzig Millionen Menschen. (Wikipedia, Art. Zwangsarbeit, 28.07.2025).

 

 

*

 

Köln-Merkenich, am
Dienstag, den 29. Juli 2025

 

Q 102,4

ثُمَّ كَلَّا سَوْفَ تَعْلَمُونَ (٤)

VOKABEL

PARTIKEL

ثم thumma – darauf, dann, ferner.

 

mE

Ferner: Keineswegs! Ihr werdet wissen!

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) von Vers 1 an:

Ihr wollt nur mehr Geschlecht und Habe,

Und geht darüber zu dem Grabe.

Einst werdet ihrs erfahren,

Ja einst werdet ihrs erfahren.


ULLMANN (1840)

nochmals, ja bald erfahrt ihr es wie töricht ihr gewesen seid.

 

HENNING/SCHIMMEL (1901/2023)

Wiederum: Fürwahr, ihr werdet wissen (wie töricht ihr wart).

 

HENNING/HOFMANN (1901/2006)
Abermals nein! Ihr werdet es wissen!

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Dann (wiederum:) keineswegs, später werdet ihr es wissen.

  
BELL (1937)

And again, nay, but ye shall know!

 

PARET (1979, 2001)
Noch einmal (wörtlich: Hierauf): Nein! Ihr werdet (es schon noch zu) wissen (bekommen). 

 

KHOURY (1987, 1992)

Noch einmal: Nein, ihr werdet es zu wissen bekommen.

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Gewiß! Ihr werdet die Folgen zu wissen bekommen.

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), 

Abermals: Keineswegs! Ihr werdet (es noch) erfahren.

 

ZIRKER (2003, 2018)

Noch einmal: Nein, ihr werdet erfahren!

 
KARIMI (2009)

Noch einmal: Nein! Einst werdet es wissen ihr.

 
BOBZIN (2010, 2017)

Und nochmals: Nein! Ihr werdet’s schon bald wissen!


NEUWIRTH (HKK I 2011)

Nochmals: Nein, ihr werdet es zu wissen bekommen!

 

CORPUS CORANICUM

Nochmals: Nein! Ihr werdet zu wissen bekommen!

 

BEOBACHTUNG

ULLMANN und HENNING/SCHIMMEL erliegen der Versuchung, die – nach dem verstärkendem Auftakt – wörtliche Wiederholung des vorangegangenen Verses zu erweitern. 

 

KOMMENTAR

KHOURY 547 paraphrasiert sich selbst: „Bekräftigung der vorherigen Drohung, oder am Tag der Auferstehung und der Abrechnung.“

 

 

 

Köln-Merkenich,
Montag bis Samstag, den 18.-23. August 2025

                                                                                 

 

 

Gen 35,28-29

 

וַיִּֽהְי֖וּ יְמֵ֣י יִצְחָ֑ק מְאַ֥ת שָׁנָ֖ה וּשְׁמֹנִ֥ים שָׁנָֽה׃

וַיִּגְוַ֨ע יִצְחָ֤ק וַיָּ֨מָת֙ וַיֵּאָ֣סֶף אֶל־עַמָּ֔יו זָקֵ֖ן וּשְׂבַ֣ע יָמִ֑ים וַיִּקְבְּר֣וּ אֹתֹ֔ו עֵשָׂ֥ו וְיַעֲקֹ֖ב בָּנָֽיו׃  פ

 

VOKABELN

VERBEN

גוע - umkommen, sterben;

אסף - sammeln, einsammeln, HIER NIFAL: gesammelt werden, geerntet werden, sich versammeln;

שָׂבֵעַ - satt, gesättigt;

קבר - beerdigen, begraben.

 

mE

Und die Tage Jizchaks waren Einhundertundachtzig Jahre.

Und Jizchak starb und war tot. Und er wurde versammelt zu seinen Völkern. Er war alt und satt an Tagen. Und es begruben ihn Essau und Jaakob, seine Söhne.

 

Buber / Rosenzweig

Als der Tage Jizchaks hundert Jahre und achtzig Jahre waren, da verschied Jizchak.

Er starb und wurde zu seinen Volkleuten eingeholt, alt, an Tagen satt.

Ihn begruben Essaw und Jaakob seine Söhne.

 


van Dyke

وكانت ايام اسحق مئة وثمانين سنة 
فَأَسْلَمَ إِسْحَاقُ رُوحَهُ وَمَاتَ وَانْضَمَّ إِلَى قَوْمِهِ، شَيْخًا وَشَبْعَانَ أَيَّامًا. وَدَفَنَهُ عِيسُو وَيَعْقُوبُ ابْنَاهُ.

VOKABELN
 VERBEN 

سلم salima , a – unversehrt, wohlbehalten sein, HIER IV. STAMM: ausliefern;

ضم , u – umfassen, enthalten, eingliedern, HIER VII. STAMM: sich anschließen, vereinigt werden;

شبع , a – sich satt essen;

دفن , i – beerdigen.

ADJEKTIV

شبعان  , f. شبعى , pl. شباع – satt, gesättigt. 

NOMEN

قوم  pl. اقوام - Volk, Leute.

 

 

BEOBACHTUNGEN

Diese zwei Verse setzen in der Übersetzergemeinschaft eine Fülle von Varianten frei und halten  in lakonischer Kürze eine Überraschung bereit!

1 JIZCHAK

Im engen Anschluss an den vorausgegangenen Vers verschwindet die erneute Nennung seines Namens im zweiten Vers in der Septuaginta und bei Hieronymus. Dem schließen sich fast alle an.

Jizchak wird im Vers 29 erneut– außer bei Mendelssohn - von allen jüdischen Übersetzungen genannt und von:

KJV ASV ESV

ELB SCH ZUR ZUNZ SBJ HIRSCH JACOB PHIL B/R WEST SEEB van DYKE NL D84 mE 

Buber und Rosenzweig ziehen den Anfang von Vers 29 zum vorausgehenden Vers, was eine schlüssige Lösung ergibt. Sie hat keine Nachfolger gefunden. 

 

2 STERBEN UND TOT SEIN

Sterben und tot sein ist nicht einerlei. Sterben ist der unumkehrbare Prozess zum Tod. Oder anders gesagt und ziemlich krass: „Solange du stirbst, bist du noch nicht tot!“ Es handelt sich bei den beiden Verben also nicht um Synonyme, sondern sie geben genaue Beobachtungen wieder. Mit drei Ausnahme werden die beiden Verben von den eingesehenen Übersetzungen wiedergegeben, allerdings recht unterschiedlich. Zugleich tritt  kulturgeschichtlich der Wandel im Verständnis von Sterben zu Tage:

LXX καὶ ἐκλιπὼν ἀπέθανεν

LXXD Und er erlosch und starb – wörtlich: erlöschend verstarb er

Hieronymus fügt eine Todesursache hinzu:

VUL consumptusque aetate mortuus est

VULD Und verzehrt vom Alter starb er

Neuzeitliche Anthropologie, die vom „Geist“ des Menschen spricht, prägt die folgenden Übersetzungen:

KJV ASV gave up the ghost and died

Wortgleich van DYKE وَمَاتَ فَأَسْلَمَ إِسْحَاقُ رُوحَهُ

ESV TANAKH breathed the last and he died

LSG expira et mourut

SOGG dann hauchte er aus, starb

Bemerkenswert nüchtern Luther „verschied und starb“; ursprünglich noch „nahm ab und starb“; ihm schließen sich viele an, auch Jehuasch:

L17 L84 ELB SCH ZUR M B/M ZUNZ HIRSCH JACOB PHIL B/R WEST SEEB verschied und starb

L45 nam ab vnd starb

SBJפארגאנגען און א'ז געשטארבן   vergangen un is gestorben

 

Nur ein Verb verwenden ZINK, die Einheitsübersetzung und merkwürdigerweise die überarbeitete neuere dänische Übersetzung

ZINK er verschied

EIN dann verschied er.

D2000 Så døde han

 

4 AN TAGEN SATT

Die GN ersetzt diese Formulierung mit:

GN nach einem erfüllten Leben

ZINK satt von langem Leben

 

3 SEINEN VOLKSLEUTEN

Im hebräischen Text steht ein Plural. Bereits die Septuaginta übersetzt dies mit einem Sammelbegriff im Singular. Dem schließen sich Hieronymus und andere, wenn auch verändert, an:

LXX προσετέθη πρὸς τὸ γένος αὐτοῦ

LXXD wurde zu seiner Familie hinzugefügt

VUL populo suo

VULD seinem Volk

So noch Luther 1545

L45 versamlet zu seinem Volck

JACOB versammelt zu seinem Volke

SCH zu seinem Volk versammelt

KJV ASV (ESV) gathered unto (to) his people

D84 samledes til sin slægt

TANAKH He was gathered to his kin

van DYKE قَوْمِهِ

Den Plural geben wieder:

L17 L84 wurde versammelt zu seinen Vätern

EIN ZUR GN wurde mit seinen Vorfahren vereint

M zu seinen Vorfahren eingethan

ZUNZ wurde versammelt zu seinen Stämmen

ELB PHIL mE versammelt zu seinen Völkern

HIRSCH zu seinen Völkern gesammelt

WEST SEEB BiG zu seinen Verwandten versammelt

B/R Volksleuten

SOGG mit seinen Leuten vereint

 

4 LAKONISMUS

Der letzte Satz verbirgt in seiner lakonischen Kürze etwas schier Unvorstellbares: Die Brüder Essau und Jaakob hatten sich entzweit, als ihr Vater sich dem Tode nahe fühlt, Gen 27,2. So beginnt die Essau- und Jaakob-Novelle. Hier begraben beide ihn.

Wie viele Jahre müssen jedoch – nach der Erzähllogik – darüber vergangen sein, dass Jaakob mit seinen Frauen und einer großen Schar von erwachsenen Kindern zurückkommt, sich mit seinem Bruder versöhnt, die Sichemiten massakriert werden und die Familie sich mit einem inszenierten Gottesschrecken rettet, weiterzieht und derweil die Lieblingsfrau ein weiteres Kind gebiert und darüber stirbt? Wenn man von hier aus auf den Anfang der Novelle zurückschaut, entbehrt das Ganze nicht der Ironie. Und der Verdacht kommt auf, dass diese Novelle so konstruiert wurde, um sowohl den Zwist als auch die Versöhnung zwischen „Israel“ und „Edom“ erzählen zu können – zwei Völker, die in einem schwierigen Verhältnis zueinander standen Erst wurde Edom von Israel beansprucht und dann ging – in einer Notlage – Edom als einziges Nachbarvolk nicht gegen Juda aktiv vor: 

 

„[Die Edomiter beteiligten sich] – anders als die anderen Nachbarstaaten – nicht an babylonischen Aktionen gegen die Judäer […]. Die Edomiter mussten den Judäern daher zeitweise geradezu als die einzigen loyalen Nachbarn und so als die einzigen potentiellen Verbündeten erscheinen.

Vor diesem Hintergrund könnten dann gut die um Gen 32f erweiterten Jakob-Esau-Erzählungen erklärt werden (vgl. Wöhrle 2018). Anders als in den älteren Jakob-Esau-Erzählungen wird hier nun die – gerade gegen die älteren Verheißungen – vorgenommene Unterordnung Jakobs unter seinen Bruder Esau dargestellt, was schließlich zur Versöhnung der beiden Brüder führt. Eine solch Esau-freundliche Neuauflage der Jakob-Esau-Erzählungen passt recht gut zur Situation in spätvorexilischer Zeit, als unter den Nachbarvölkern eben nur die Edomiter nicht gegen Juda vorgingen und die Judäer so an einem engen, versöhnten Verhältnis mit diesem Volk interessiert gewesen sein dürften (vgl. Dtn 23,8).“ https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/edom-edomiter 

 

Mit dieser fremden Völkern gegenüber aufgeschlossenen und zugewandten Seite, sie sogar als Verwandte zu verstehen, steht diese Novelle in der Nähe zum Jonabuch vor allem aber zur Ruthnovelle, in der die einander feindlich gesinnten Völker Israel und Moab verschwägert werden – gegen Dtr. 23,4 – und zu den Vorfahren des Königs Davids werden, vgl. Jes 19,18-25 und Jes 56,1-8.

 

 

KOMMENTARE

HIRSCH 538 bemerkt, dass die Reihenfolge der Söhne Jizchaks dem Alter folgen – aus dem Erwerb des Erstgeburtsrechts und der Segnung durch den Vater hat Jaakob keinen „Vorteil gezogen“. Dies bemerkt auch SEEBASS 457: „Der Riss im Vaterhaus hatte zu Zeiten Isaaks keinen endgültigen Bestand, auch wenn er lange währte. Dem entspricht es, dass Esau sogar noch vor Jakob bei Isaaks Bestattung Erwähnung finden kann.“

JACOB 669 betont zum letzten Satz: „So treffen die so sehr verschiedenen Brüder zuletzt am Grabe des Vaters zusammen. Das ist die vollkommene Versöhnung; s. 50,17.“

WESTERMANN 678 sieht auch den Kontrast zum Beginn der Essau-Jaakob-Novelle: „Wenn nach V. 28 Isaak einhundertachtzig Jahre alt wird, also noch lange nach Jakobs Rückkehr weiterlebte, steht das in Widerspruch zu Kap. 27, wo von Isaak als einem Sterbenden gesprochen wird. Dieser Kontrast ist nicht anders zu erklären als durch zwei verschiedene Konzeptionen der Vätergeschichte.“

SOGGIN 417 bestätigt: „Die Formel über den Tod Isaaks ähnelt der vom Tod Abrahams, 25,7ff., während eine Spannung zu 27,1ff. besteht, wo Isaak dem Tod nahe ist.“

SEEBASS 460 fragt vorsichtig ob „nationales Erleben mit Edom“ in die Erzählung mit hineinspielt. Er wirbt dafür, dass der „Isaak-Zyklus“ „Eingang in unsere Theologie“ 460 findet.

 

NACHTRAG: „ISRAEL“

Wann wird „Israel“ zur jüdischen Selbstbezeichnung? Zu dieser Frage veröffentlichte die HaAretz vor kurzem einen interessanten Artikel: YONATAN ADLER: When Did Jews Begin Calling Themselves 'Israel'? in: HaAretz, 30.04.2025, When%20Did%20Jews%20Begin%20Calling%20Themselves%20%27Israel%27%3F%20-%20Archaeology%20-%20Haaretz.com – zuletzt eingesehen am 23.08.2025:

Bis zu seinem Untergang wird in der Antike mit „Israel“ das Nordreich benannt. Die Nachkommen des Südreiches heißen hingegen bis in die Zeit von Alexander dem Großen „Judäer“. „Greek inscriptions on stone and papyrus consistently refer to them as Judeans, never as "Israelites"“. Erst in der Zeit der Hasmonäer erscheint „Israel“ als ihre Selbstbezeichnung: „The Hasmoneans appear to have adopted both the Torah as state law and the Biblical origin story of Israel as their national myth. According to this myth, Judeans have always formed an integral part of a broader nation of "Israel". By the time of the Great Revolt against Rome (66–70 CE), the name "Israel" had become central to Judean self-understanding. Silver shekels minted by the rebels proudly bear the inscription "Shekel of Israel." Decades later during the Bar Kokhba Revolt (132–135 CE), coins proclaim "the freedom" or "redemption of Israel" along with the name the revolt's leader: "Simon, Prince (Nassi) of Israel". Rabbinic literature from this era onward almost invariably uses the term "Israel" in referring to both Jewish individuals and the Jewish people at large. With this, the transformation was completed: Jews and "Israel" had become synonymous.“

 

 

*

 

Köln-Merkenich, 

am Montag, den 25. August 2025

 

Q 102,5

كَلَّا لَوْ تَعْلَمُونَ عِلْمَ الْيَقِينِ

VOKABELN

NOMEN

علم ilm – Wissen, Kenntnis;

يقين - Sicherheit, Gewissheit.

PARTIKEL

لو - wenn, wenn doch.

 

mE

Keineswegs, wenn ihr wisst, ist es ein Wissen der Sicherheit.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

O, dass ihrs sähet recht im Klaren!


ULLMANN (1840)

Könntet ihr doch eure Torheit mit überzeugender Gewissheit einsehen.

 

HENNING/SCHIMMEL (1901/2023)

Fürwahr, wüsstet ihr’s doch mit Gewissheit!

 

HENNING/HOFMANN (1901/2006)
Doch nein! Wenn ihr es nur sicher wüsstet!

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Keineswegs, wenn ihr doch kennen würdet der Gewissheit Kenntnis!

  
BELL (1937)

Nay, but if ye knew with the knowledge of the Certainty,

 

PARET (1979, 2001)
Nein! Wenn ihr doch (schon jetzt) mit Sicherheit Bescheid wüsstet!

 

 

KHOURY (1987, 1992)

Nein, wenn ihr es nur mit Gewissheit wüsstet!

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Wenn ihr nur mit Gewissheit um die Folgen wüsstet!

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), 

Keineswegs! Wenn ihr es nur mit dem Wissen der Gewissheit wüsstet!

 

ZIRKER (2003, 2018)

Nein, wenn ihr nur sicher wüsstet!

 
KARIMI (2009)

Nein! Wenn ihr nur wüsstet, sicher!

 
BOBZIN (2010, 2017)

nein! Wenn ihr’s ganz sicher wüsstet,


NEUWIRTH (HKK I 2011)

Nein, wenn ihr schon sicheres Wissen hättet -

 

CORPUS CORANICUM

Nein! Wenn ihr nur sicher wüsstet!

 

BEOBACHTUNGEN

WISSEN GEWISSHEIT

Im vom Lateinischen geprägten Kulturraum entsteht ein gewisser Sog in diesem Vers mit „wissen“ und „Gewissheit“ zu spielen. Das sieht man besonders schön in der Übersetzung von Bubenheim / Elyas, die von diesem Strudel vollständig erfasst wird:

BUBENHEIM Wenn ihr es nur mit dem Wissen der Gewissheit wüsstet!

Das lateinische „concsientia“ wurde im Mittelalter zunächst im Sinne von „Gewissen“ verstanden, HWPh 1,889.890, später – besonders durch Descartes geprägt – mehr als „Bewusstsein“, HWPh 1,889.890. Im Arabischen folgt das Wort für „Gewissheit“ einer anderen Wurzel als „Wissen“ und wird darum von einigen mit einem Wort wiedergegeben, das einer anderen Wurzel folgt:

BELL Certainty

PARET Sicherheit

Vor allem jüngeren Übersetzungen verwandeln dabei das Nomen in ein Adjektiv:

HENNING/HOFMANN ZIRKER NEUWIRTH BOBZIN KARIMI CC sicher

 

KOMMENTARE

BELL erläutert in einer Fußnote zu „Certainty“:

„I[d] e[st = d. i. mE] probably death, „if ye knew (now) as ye will know at death“; or the phrases might simply mean „with certain knowledge,“ „with a sure eye.““

KHOURY 547 führt diesen Vers bruchlos fort und betätigt sich als frommer Prediger: „und umkehren und euch mit den wichtigen Dingen des Lebens und den Pflichten des Glaubens und des Gehorsams  gegen Gott beschäftigen würdet.“

NEUWIRTH, HKK I, 130, meint, dass hier „ ein […] geraffter irrealen Bedingungssatz vorliegt“.

CORPUS CORANICUM widerspricht, indem weitestgehend vom folgenden Vers aus argumentiert wird.

Köln-Merkenich,
Mittwoch/Donnerstag, den 27./28. August 2025

                                                                                 

 

 

Gen 36,1

 

         וְאֵ֛לֶּה תֹּלְדֹ֥ות עֵשָׂ֖ו ה֥וּא אֱדֹֽום׃ 

 

mE

Dies sind die Nachfahren Essaus, er ist Edom.

 

Buber/Rosenzweig

Dies sind die Zeugungen Essaws, das ist Edom.

 

van Dyke

وَهَذِهِ مَوَالِيدُ عِيسُوَ الَّذِي هُوَ ادُومُ

VOKABEL

NOMEN

مولود  pl.   مواليد – Neugeborenes, Kind, Sohn.

 

BEOBACHTUNGEN

Das hebräische Wort  תֹּלְדֹ֥ות, toledot, stammt von ילד, gebären bzw. zeugen und bedeutet „Geschlecht, Abstammung“ aber auch – übertragen – „Familiengeschichte, Entstehungsgeschichte“ (Feyerabend).

So bilden sich in den eingesehenen Übersetzungen zwei Gruppen: Diejenige, die die Nachkommenschaft betonen und die, die die Geschichte in den Vordergrund stellen:

NACHKOMMENSCHAFT:

So übersetzen bereits die Septuaginta und Hieronymus

LXX  γενέσεις

LXXD Abstammungen

VUL generationes

VULD Generationen

Vgl. LSG posterité

BFC descendants

Als Kollektivbezeichnung im Singular bereits Luther 1545:

L45 L84 L17 PHIL WEST Geschlecht D92 slægt

Die ELBERFELDER steigt aus dem Kollektivausdruck aus:

ELB Geschlechter

Ähnlich

EIN JACOB SOGG Geschlechterfolge M B/M Geschlechtsfolge

ZUNZ GNB HIRSCH Nachkommen

Nah am ursprünglichen Stamm übersetzen

SBJ געבורטן – geburtn

B/R Zeugungen

van Dyke مَوَالِيدُ

 

GESCHICHTE

Dass es da viel zu erzählen gibt, das vermittelt die ältere dänische Übersetzung:

D83 slægtbog – ”Geschlechterbuch”

SCH Geschichte

GN BB Familiengeschichte 

Dies hat die Überarbeitung GNB, s. o., komischerweise nicht übernommen. Aber es ist in die Basis-Bibel hineingeraten!

BiG Geschichte der Kinder

 

BESONDERHEITEN

Die jüdische Übersetzung aus den USA geht einen eigenen Weg:

TANAKH line

SEEBASS übernimmt das Wort als Fremdwort
SEEB sind die Tolodot 

 

2 EDOM

Anstelle der Erläuterung schreibt MENDELSSOHN schlicht

M B/M oder Edom

 

 

KOMMENTARE

HIRSCH, 438, vermutet, dass die „Namensverschiedenheiten in Vergleich mit anderswo Genannten“ – gemeint sind die offenbaren Widersprüche zu Gen 26,34 und Gen 28,9 – bereits darin begründet sein können, dass auch sonst viele Doppelnamen bekannt sind: „Abram, Abraham, Sari, Sara; Esau, Edom“ etc. So können bei verschiedenen Namen doch die gleichen Personen gemeint sein.

PHILIPPSON, 188ff, geht ausführlich auf das Land Seir ein und schildert seine Geografie. Dabei sieht er die Stadt Selad in eins mit Petra, 190. Er referiert verschiedene jüdische Ausleger, die sich gefragt haben, warum diese ausführliche Liste vermittelt wird. So vermutet RAMBAM, d. i. Maimonides in „Lehrer der Unschlüssigen“ III, 50, 188, „dass, da Amalek nach dem Gesetze vertilgt werden sollte, aber nur ein Stamm Edom’s war, die Geschlechtsfolge genau angegeben werden musste, um keine blutige Verwechslung statt finden zu lassen“.

JACOB, 671, setzt sich seitenweise mit diesem „anscheinend flagranteste[n] Widerspruch in der Genesis“ auseinander.

SARNA, 246, betont die Parallelität und „architektonische Einheit“ von Gen 25,7-10 und Gen 36: Nach dem Ableben Abrahams wird die Genealogie des ältesten Sohnes aufgezählt, hier nach dem Ableben Isaaks die von Esau, dem ältesten Sohn. Zwei Formeln „zementieren“ dies: „“This is the line of … These are the names of …,“ in both 25:12-13 and verses 9-10 of this chapter, a stylstic device htat occurs nowhere else in the book.“

Es gibt einen theologischen Grund für diese Genealogie: „Esau was the subjekt of a divine oracle and the recipient of a patriarchal blessing (25:23; 27:39-40), and the data now given show how these were fulfilled in history.“

Das Kapitel teile sich in sieben Einheiten. „It ist reasonable to assume that the information they contain was originally derived from Edomite literary traditions or archival materials.“

WESTERMANN, 683, geht von einer „edomitischen Königsliste 31-39“ aus: „Nach der Eroberung Edoms durch David war es nötig, für die Verwaltung des Landes eine möglichst genaue Kenntnis des Landes und des Volkes zu erhalten. Dazu gehörte auch die Kenntnis der Ge-/schichte. So kam die edomitische Königsliste (aus der Kanzlei des letzten Königs dort) in die Kanzlei des Königs von Jerusalem“, 683f. „Die Entstehung und Überlieferung von Gn 36 ist also in seinen drei Bestandteilen aus seinem „Sitz im Leben“ zu verstehen: der Aufgabe der Verwaltung eines eroberten Landes.“ 684. 

Westermann sieht die Parallelität zu Gen 25,12-18 wie SARNA:

„P beschließt die Geschichte Jakobs und Esaus mit einer Genealogie Esaus, entsprechend der Genealogie Ismaels 25,12-18, um dadurch die bleibende „Bruderschaft Edoms“ mit Israel zum Ausdruck zu bringen“, 684. Damit bekommt die „Verbrüderung“ einen imperialen Charakter, das unterworfene Volk soll sich schicken. Auch in der Sowjetunion wurde von „Brudervölkern“ gesprochen, solange sie sich der Zentralmacht unterwarfen oder zu unterwerfen hatten, so wie Putin von der Ukraine spricht.

Die verschiedenen Namen der Frauen, so vermutet Westermann, gehen auf verschiedene Listen zurück, „wahrscheinlich eine edomitische und eine israelitische.“ 684.

Nach Westermann „gliedert“ „[d]ie tolodot-Formel […] das Werk von P in der Genesis“: „sie begegnet fünfmal in 1-11 und fünfmal in 12-50 (ohne 36,9).“ 685.

Der Nachsatz „dieser ist Edom“ ist für Westermann eine „unpassende Glosse (nach 9.43 ist Esau der Vater Edoms), die sicherstellen will, dass die Person Esau das Land Edom repräsentiert; vgl. 25,30.“ 685. Nach J. R. Bartlett u.a. sei „in einem früheren Stadium der Name Esau nur mit Seir verbunden“, 685,  gewesen.

SOGGIN, 418, vermutet besonders zu den Versen 40-42: „sie spiegeln vielleicht die Verwaltung des Landes nach der Eroberung durch David wieder, obwohl man auch eine Anspielung auf die Eroberung von Idumäa in hasmonäischern Zeiten vermuten könnte, von der Josephus, Ant. XIII, 257f, berichtet“, ein Geschehen „unter Johannes Hyrkanos I. (134-104 v. Chr.)“, 423. Das war meine anfängliche Vermutung. Es würde auf eine sehr späte Endredaktion der Genesis hinweisen! Merkwürdig ist dann nur, „warum das Verzeichnis in einer so frühen Zeit endet“, 423.

SEEBASS, 465, hält fest: Die Formeln „Das ist Edom“ sowie die in Gen 36,19 und Gen 36,9a.43bβ „sind nicht ausgeglichen.“ 465.

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich, 
am Freitag/Samstag, den 29./30. August 2025


Q 102,6

لَتَرَوُنَّ الْجَحِيمَ

VOKABELN

VERB

راى , يرى - sehen.

NOMEN

جحيم - Hölle.

PARTIKEL

ل plus ن am Ende: Bekräftigung, sogenannter أسلوب قَسَم, Schwur- oder Eides-Stil – Dank an Nermine, Kairo! Vergleichbar dem Hebräischen Nun-energicum.

 

 

mE

Sicher, ihr werdet die Hölle sehen, .

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)  von Vers 5 an:

O dass ihrs sähet recht im Klaren!

Die Hölle werdet ihr gewahren,


ULLMANN (1840)

Ihr solltet die Hölle (schon in diesem Leben) schauen!

 

HENNING/SCHIMMEL (1901/2023)

Wahrlich, sehen werdet ihr den Höllenpfuhl.

 

HENNING/HOFMANN (1901/2006)
Wahrlich, ihr werdet das Höllenfeuer sehen.

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Sehen werdet ihr ganz gewiss den Feuerpfuhl.

  
BELL (1937)

Ye would see the Hot Place.

 

PARET (1979, 2001)
Ihr werdet bestimmt den Höllenbrand zu sehen bekommen.

 

KHOURY (1987, 1992)

Ihr werdet bestimmt die Hölle sehen.

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Ihr werdet das Höllenfeuer sehen.

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), 

Ihr werdet ganz gewiss den Hollenbrand sehen.

 

ZIRKER (2003, 2018)

Ihr seht gewiss den Höllenbrand!

 
KARIMI (2009)

Ihr werdet sehen das Höllenfeuer.

 
BOBZIN (2010, 2017) von Vers 5 an:

Nein! Wenn ihr’s ganz sicher wüsstet,

dann würdet ihr die Feuerhölle sehen!


NEUWIRTH (HKK I 2011) von Vers 5 an:

Nein, wenn ihr schon sicheres Wissen hättet – 

ihr würdet den Feuerbrand vor euch sehen!

 

CORPUS CORANICUM (30.8.2025)

Ihr bekommt bestimt das Höllenfeuer zu sehen!

 

KOMMENTAR

NEUWIRTH, HKK I, 131, vermerkt: „Neu in der Sure ist die Thematisierung des Höllenfeuers, das aber noch nicht als Zielort der Angesprochenen, sondern als Inhalt des ihnen dereinst eröffneten Wissens eingeführt wird. Dieses den Menschen während ihres Lebens verborgene Wissen wird in dieser Sure erstmals thematisiert, ohne jedoch bereits explizit in seiner moralischen Dimension, als Einsicht des Menschen in das eigene Tun und damit als Ermöglichung von Selbsterkenntnis, dargestellt zu werden.“ „Der Anspruch auf ein höheres Wissen seitens des Verkündigers wird mit der Androhung des Höllenbrandes verbunden.“ 132

Köln-Merkenich,
Donnerstag bis Samstag 
den 4.-6. September 2025

                                                                                 

 

 

Gen 36,2

 

עֵשָׂ֛ו לָקַ֥ח אֶת־נָשָׁ֖יו מִבְּנֹ֣ות כְּנָ֑עַן אֶת־עָדָ֗ה בַּת־אֵילֹון֙ הַֽחִתִּ֔י וְאֶת־אָהֳלִֽיבָמָה֙ בַּת־עֲנָ֔ה בַּת־צִבְעֹ֖ון הַֽחִוִּֽי׃

 

mE

Essauw nahm seine Frauen von den Töchtern Kanaans: Adoh, Tochter Elons des Chititers und Oholibama, Tochter Anahs, Tochter Zibons des Hiviters.

 

Buber / Rosenzweig

Essaw nahm seine Weiber von den Töchtern Kanaans:

Ada, Tochter Elons des Chetiters, Oholibama, Tochter Anas, Enkeltochter Zibons des Chiwwiters,

 

van Dyke

٢ اخَذَ عِيسُو نِسَاءَهُ مِنْ بَنَاتِ كَنْعَانَ: عَدَا بِنْتَ ايلُونَ الْحِثِّيِّ وَاهُولِيبَامَةَ بِنْتَ عَنَى بِنْتِ صِبْعُونَ الْحِوِّيِّ

 

BEOBACHTUNG

1 לקח, lakach, nehmen – Frauen als Besitz

„Genommen“ wird eine Frucht, Gen 3,6; Speise, Gen 6,21; Habe, Gen 14,11; und Frauen. Das Patriachat hat sich bereits durchgesetzt. Dass es auch Frauenwahl gab und gibt, taucht allenfalls darin als Erinnerungsspur auf, dass das Besitzergreifende im Possesivpronomen betont wird.

Das hebräische Verb לקח ist transitiv. So übersetzt Luther 1545:

L45 Esau nahm Weiber 

Die Überarbeitungen fanden es offenbar nicht mehr ganz so selbstredend und verwandelten das Verb ins Reflexive:

L84 L17 Esau nahm sich Frauen

So aber bereits die Septuaginta:

LXX Ησαυ δὲ ἔλαβεν γυναῖκας ἑαυτῷ

LXXD Esau aber nahm sich Frauen

Im Englischen und Französischen sind „take“ und „prendre“ nicht reflexiv – es scheint klar zu sein, wenn jemand etwas nimmt, für wen es ist. 

Luther 1545 wie den Überarbeitern schien es auch klar zu sein: Frauen sind dem Mann – warum ein Possesivpronomen?! – und ließen es weg, wie Hieronymus und die Septuaginta.

Überraschenderweise übernimmt dies Mendelssohn

M Esau nahm Weiber 

Einige Übersetzungen umgehen geschickt diese Schwierigkeit, sie übersetzen mit einem anderen Verb und vertuschen damit das Besitzanzeigende im hebräischen Vers:

BFC Esau épousa

GN GNB (BiG) Esau hatte (drei) Frauen … geheiratet

BB Er hatte drei Frauen geheiratet.

D92 Esau giftede sig

Hieronymus versetzt das Verhältnis von Esau und seinen Frauen in die Schwebe, ein Besitzverhältnis scheint bei ihm nicht durch:

VUL Esau accepit uxores

VULD Esau empfing Frauen  

 

Köln-Merkenich,
am Montag/Dienstag und Donnerstag, 
den 8./9. und 11. September 2025

 

2 dem Sohn

Die Verdoppelung „Tochter von ..., Tochter von…“ geben die meisten eingesehenen Übersetzungen unverändert wieder – möge sich die Leserschaft darüber Gedanken machen, was das meint.

BUBER/ROSENZWEIG lösen dies auf und übersetzen mit „Enkeltochter“. 

B/R Enkeltochter

So auch:

GN GNB BB Enkelin

BFC petite-fille

Luther übersetzt 1545:

L45  die neffe Zibeons des Heuiters

Das Deutsche Wörterbuch, DWB, der Brüder GRIMM 13,520 gibt Auskunft: In der Tat hatte „Neffe“ „[d]ie allgemeine bedeutung ‚nachkomme, abkömmling‘“ und konnten 1883 – Erscheinungsjahr der Lieferung mit diesem Artikel – festhalten“ „kindeskind, enkel, in dieser bedeutung nun veraltet“. Das Wort entstammt dem Lateinischen „nepos, nepotis, neptis“ “ und geht auf das Altgriechischen νέποδες, nepodes, "Kinder", zurück. Komischerweise heißen so bei Homer die Robben (PAPE 2,246: Odyssee 4,404). Die Antike behalf sich mit der Volksetymologie, dass „die Kinder so hießen, weil sie die Füße nicht gebrauchen könnten“ PAPE 2,246 – wie Robben eben. Die moderne Etymologie führt den Ausdruck auf „ne“ – eine Form der Verneinung – und der erschlossenen Form von „poti-s“, „Herr, Gebieter“ vgl. „Despot“ zurück, DUDEN-Digital, Herkunftswörterbuch.

M. W. gibt es im Althebräischen keinen eigenen Ausdruck für Enkel/Enkelin. „Tochter von …, Tochter von …“ wäre also eine Behelfskonstruktion. 

Patrilinearität – Abstammungs- und Vererbungslinie allein über die Väter – auf Frauen angewandt wird, ist eine interessante Mischform; so aber – mit anderen Namen – auch in Gen 26,34; Gen 28,9.

Matrilinear werden zumindest bei Frauen in der Abstammungs- und Vererbungskette Mütter erwartet. 

Oder befinden sich in der Reihe Frauennamen? Bei Anah liegt m. E. diese Vermutung nahe.

In der Hebräischen Bibel werden Töchter aber durchweg durch ihre Väter definiert. Einzige Ausnahmen m. W. : 

Gen 34,1: Dina, Leas Tochter

unklar Lev 24,11: seine Mutter aber hieß Schelomit, eine Tochter Dibris vom Stamm Dan –

1 Kg 22,42 und 2 Chr 20,31: Seine Mutter hieß Asuba, eine Tochter Schilhis.

Gen 36,39 und 1 Chr 1,50: und seine Frau hieß Mehetabel, eine Tochter Matreds, die Me-Sahabs Tochter war.

 

Wo also sind die Mütter? Bleiben sie ungenannt, obwohl sie die Kinder zur Welt bringen, ist dies m. E. eine besonders harte Formen des Patriarchats. Wobei Patrilinearität nicht unbedingt heißt, dass alle Herrschaft bei den Männer / Vätern liegt, vgl. Art. Patrilinearität, Wikipedia, zuletzt eingesehen am 08.09.2025.

Ist es umso höher zu bewerten, dass die Mütter der Patriarchen Isaak und Jakob sowie seiner  Kindern genannt werden? Und umso mehr verwunderlich, dass die Frauen der Stammväter der 12 Stämme Israels ungenannt bleiben? Sind es also doch die geraubten Sichemiterinnen, vgl. Gen 34?

 

Die Übersetzern und Übersetzerinnen in Alexandria wollten es ihrer Leserschaft offenbar nicht zumuten, sich selber einen Reim auf diesen Nachsatz zu machen und übersetzten:

LXX καὶ τὴν Ελιβεμα θυγατέρα Ανα τοῦ υἱοῦ Σεβεγων τοῦ Ευαίου

LXXD und Olibema, Tochter von Ana, dem Sohn des Heväers Sebegon,

Das haben interessanterweise – von den eingesehenen Übersetzungen – WESTERMANN, 680, und die dänischen Freunde  - 1985/6 lernte ich einen der Herausgeber der Überarbeitung in Kopenhagen kennen – übernommen, sowohl die Übersetzung von 1983 als auch die Überarbeitung von 1992:

D83 Zib’ons søn

D93 Oholibama, datter af hivvitten Sib'ons søn Ana

WEST Oholibama, die Tochter Anas, ‚des Sohnes‘ des Horiters Zibon“

Als Beleg führt er neben der LXX zusätzlich die Samaritanische und die Syrische Übersetzung an, weitere Begründung s. u.

 

KOMMENTARE

JACOB, 671-677, widmet sich ausführlich dem Widerspruch dieser Angaben zu Gen 26,34 und Gen 28,9. Er legt die bisherigen jüdischen Erklärungsversuche dar. U. a. erwähnt er auch die „Ansicht des R. Tam (zu Baba b.115b), dass Ana eine Frau sei“. Er bezieht sich auf den Talmudtraktat Baba (Bava) batra – ich bin also nicht der erste, der dies vermutet.

Jacob erklärt den Widerspruch weg, indem er darlegt, dass hier eine „Umnennung“, 676, vorliegt. Dabei beobachtet er eine Nähe zu Hiob, 676. Das Verständnis der doppelten Nennung von „Tochter von …, Tochter von …“ als „Enkelin“ ist für ihn eine „Verlegenheitsauskunft, […] denn das wäre wohl bei einem einzelnen בת [bath, Tochter] möglich, aber nach einem vorangegangenem [bath, mE] eine unbegreifliche Umständlichkeit.“ 673 Er verweist auf 2 Chr 11,18. Für Jacob ist „nach der Art doppelter Apposition anzunehmen, dass der erste Name den nominellen, der zweite den eigentlichen Vater bezeichnet“, 673.

SARNA, 248, verweist, dass Anahs Namen möglicherweise eine Gottesbezeichnung enthält: „The element ‘n appears in several Near Estern personal names and seems to belong to a god.“

WESTERMANN, 684, hebt hervor:“ P beschließt die Geschichte Jakobs und Esaus mit eine Genealogie Esaus, entsprechend der Genealogie Ismaels 25,12-18, um dadurch die bleibende „Bruderschaft Edoms“ mit Israel zum Ausdruck zu bringen (JRBartlett 1969 […]).“ Mit den unterschiedlichen Fassungen – hier und in Gen 26,4 und Gen 28,9 – „gibt P zu erkennen, dass ihm verschiedenen Überlieferungen über den Namen der Frauen Esaus vorlagen, wahrscheinlich eine edomitische und eine israelitische.“ Auch Westermann bemerkt: „Das doppelte בת [bath, Tochter] ist so kaum möglich. Liest man statt des zweiten בת besser בן [ben, Sohn], stimmt das nicht zu 20. Der Text bleibt unsicher.“ 685.

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich,
am Montag, den 15. September 2025

 

Q 102,7

ثُمَّ لَتَرَوُنَّهَا عَيْنَ الْيَقِينِ (٧)

 

VOKABELN

VERB

راى , يرى - sehen.

NOMEN

عين pl. عيون oder اعين  - Auge, böser Blick;

يقين - Sicherheit, Gewissheit.

PARTIKEL

ل  plus ن am Ende: Bekräftigung, sogenannter أسلوب قَسَم, Schwur- oder Eides-Stil – s. V. 6.

 

mE

Dann, sicherlich, seht ihr - ein Auge der Gewissheit - sie gewiss: 

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) von Vers 1 an:

Ihr wollt nur mehr Geschlecht und Habe,

Und geht darüber zu dem Grabe.

Einst werdet ihrs erfahren,

Ja einst werdet ihrs erfahren.

O dass ihrs sähet recht im Klaren!

Die Hölle werdet ihr gewahren,

Gewahren werdet ihr recht im Klaren.


ULLMANN (1840)

Gewiss ja, ihr werdet sie mit überzeugtem Auge sehen.

 

HENNING/SCHIMMEL (1901/2023)

Wiederum: Wahrlich, sehen werdet ihr ihn mit dem Aug‘ der Gewissheit.

 

HENNING/HOFMANN (1901/2006)
Abermals: Wahrlich, ihr werdet es mit dem Auge der Gewissheit sehen.

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Dann seht ihr ihn mit sichrem Auge.

  
BELL (1937)

Then ye will assuredly see it with the eye of the Certainty

ANMERKUNG zu „it“: „The reference of the pronoun is uncertain.“

 

PARET (1979, 2001)
Noch einmal (wörtlich: Hierauf): Ihr werdet ihn sicher und deutlich zu sehen bekommen. 

 

KHOURY (1987, 1992)

Noch einmal: Ihr werdet sie mit völliger Gewissheit sehen.

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Ihr werdet es mit Gewissheit sehen.

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), 

Abermals: Ihr werdet ihn mit dem Auge der Gewissheit sehen.

 

ZIRKER (2003, 2018)

Noch einmal:

Ihr seht ihn gewiss mit sicherem Auge.

 
KARIMI (2009)

Noch einmal: Ihr werdet es sehen, sicher.

 
BOBZIN (2010, 2017)

Und nochmals: Ihr würdet sie ganz sicher sehen!


NEUWIRTH (HKK I 2011)

Und: Ihr werdet ihn mit klarster Deutlichkeit sehen,

 

CORPUS CORANICUM (15.09.2025)

Nochmals: Ihr bekommt es bestimmt mit sicherem Blicke zu sehen!

 

KOMMENTARE

CORPUS CORANICUM begründet die Übersetzung der Partikel  ثُمَّ , thumma, „im Sinne von „noch einmal““ mit Verweis auf ähnliche Stellen: Q 74,20; Q 75,37 und Q 82,18.

 

Köln-Merkenich,
Mittwoch, den 17. September 2025

                                                                                 

 

 

Gen 36,3

         וְאֶת־בָּשְׂמַ֥ת בַּת־יִשְׁמָעֵ֖אל אֲחֹ֥ות נְבָיֹֽות׃

 

mE

und Bassmat, Tochter Ismaels, Schwester Nebajoths.

 

Buber / Rosenzweig

und Bassmat Tochter Jischmaels, Schwester Nbajots.

 

van Dyke

وَبَسْمَةَ بِنْتَ اسْمَاعِيلَ اخْتَ نَبَايُوتَ

 

 

BEOBACHTUNG

Für SOGGIN, 419, ist „nebajot“ weiblich – grammatisch gesehen m. E. möglich. 

SOGG Schwester der nebajot.

In Gen 25,13, wo der Name zum ersten Mal erwähnt wird, wird er allerdings – auch von Soggin – als „der Erstgeborene Ismaels“, SOGG 332, vorgestellt.

 

KOMMENTARE

Für JACOB 673 ist „Mahalat = Basemat bat Ismael“ – womit der Widerspruch zu Gen 28,9 verschwindet.

WESTERMANN, 683, SOGGIN, 421, und SEEBASS, 463, verweisen auf die Lesart der Samaritanischen Übersetzung, die dies genauso sah. Soggin betont, „doch der masoretische Text hat die Lectio difficilior“ – die schwierigere Lesart, die der Anlass für die Veränderung des Samaritanischen Pentateuchs gewesen sein mag; umgekehrt ist es schwieriger zu erklären …

SARNA 248 erläutert die Bedeutung des Namens „Basemath“. Er meint „Gewürze“ – genauso wie Ismaels Sohn „Mibsam“ und Abrahams „second wife“ – eigentlich ja dritte – „Keturah“. Dies weise darauf hin, dass der Clan im Gewürzhandel  des antiken Nahen Ostens tätig war.

Nach WESTERMANN 685 ist „die Schwester Nabajoths“ ein „harmonisierend[er] Zusatz von P“, „der Name ist aus 25,13.“

 

*

 

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag,/Freitag, 
den 18./19. September 2025

 

 

Q 102,8

ثُمَّ لَتُسْأَلُنَّ يَوْمَئِذٍ عَنِ النَّعِيمِ (٨)

VOKABELN

VERB

سال ,  اسال, u – fragen, + عن: nach.

NOMEN

نعيم - Wohlleben, Glück.

PARTIKEL

يومئذ - an jenem Tag, damals.

 

mE

Dann, gewiss: Ihr werdet an jenem Tag nach dem Glück gefragt.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) von Vers 1 an:

Ihr wollt nur mehr Geschlecht und Habe,

Und geht darüber zu dem Grabe.

Einst werdet ihrs erfahren,

Ja einst werdet ihrs erfahren.

O dass ihrs sähet recht im Klaren!

Die Hölle werdet ihr gewahren,

Gewahren werdet ihr recht im Klaren.

Da wird man fragen euch, was eure Freuden waren.


ULLMANN (1840)

An diesem Tage werdet ihr dann, befragt, die wollüstigen Freuden verantworten müssen, welche ihr hier (in diesem Dasein) genossen habt.

 

HENNING/SCHIMMEL (1901/2023)

Alsdann werdet ihr wahrlich an jenem Tage gefragt nach der Wonne (des irdischen Lebens).

 

HENNING/HOFMANN (1901/2006)
An diesem Tage werdet ihr dann gefragt werden, was ihr aus den Gaben des Lebens gemacht habt.

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Dann, an jenem Tag, werdet ihr befragt um die Vergnügungen.

  
BELL (1937)

Then that day ye will be asked about what is pleasant

 

PARET (1979, 2001)
An jenem Tag werdet ihr dann bestimmt nach der Wonne (des Paradieses) gefragt werden (oder: An jenem Tag werdet ihr bestimmt nach der Annehmlichkeit (eures Erdenlebens) gefragt werden (mit der ihr den Lohn des Paradieses verscherzt habt)).

 

KHOURY (1987, 1992)

Dann werdet ihr an jedem Tag euer angenehmes Leben zu verantworten haben.

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Dann werdet ihr an jenem Tag nach dem Wohlleben befragt werden.

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), 

Hierauf werdet ihr an jenem Tag ganz gewiss nach der Wonne gefragt werden.

 

ZIRKER (2003, 2018)

Noch einmal:
An jenem Tag werdet ihr gewiss über das Wohlleben befragt!

 
KARIMI (2009)

Dann werdet ihr an jenem Tag befragt nach eurer Freude.

 
BOBZIN (2010, 2017)

Und nochmals:

Ihr werdet ganz bestimmt an jenem Tag nach der Glückseligkeit gefragt!


NEUWIRTH (HKK I 2011)

und: Jenen Tags werdet ihr befragt nach der Annehmlichkeit!

 

CORPUS CORANICUM

Nochmals: An jenem Tage werdet ihr bestimmt über das Wohlleben befragt!

 

 

BEOBACHTUNGEN

1 FUTURISTEN und PRÄSENTISTEN

Eine Gruppe versetzt das Verb ins Futur, bei der anderen verbleibt es im Präsens:

Die Wendung „an jenem Tag“ legt gewiss den Futur nah. Fraglich ist jedoch, ob dieser Tag durch die Verwendung des Zukunftsform von der Gegenwart entrückt wird, oder ob er als nahe Möglichkeit begriffen wird, wie die Reich-Gottes-Verkündigung Jesu in Mk 1,15: „das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen“.

 

3 GLÜCK

Die Vorstellungen über das, was als das Wohl verstanden wird, gehen weit auseinander:

Freuden: RÜCKERT, ULLMANN, KARIMI (Freude)

Wonne: HENNING/SCHIMMEL, PARET, BUBENHEIM

Gaben des Lebens: HENNING/HOFMANN

Vergnügungen / pleasant: GOLDSCHMIDT, BELL

Annehmlichkeit: PARET

Wohlleben: MAHER/AL AZHAR, ZIRKER, CC

Glückseligkeit: NEUWIRTH

„Freude“ hat über 180 Jahre nicht an Attraktivität verloren!

 

3 TIEFENPSYCHOLOGISCHE PROJEKTIONEN

Die Ausschmückungen des Verses bei ULLMANN lässt sich m. E. nicht anders als tiefenpsychologisch bedingte Projektionen des Verdrängten verstehen. 

Bei KARIMI blitzt Ähnliches auf, indem ein Gegensatz von „wir“ und „ihr“ hineingeschrieben wird: „eurer Freude“.

 

 

KOMMENTARE

BELL fügt per Fußnote zu „pleasant“ hinzu: „I[d] e[st, d. h.] about what they count good in life, or possibly „the Pleasant Place,“ i. e. the Garden in contrast to the Hot Place in v. 6.“

KHOURY, 347f, wertet die Hadithe aus: „Die muslimischen Kommentatoren denken hier entweder an die Ungläubigen und die Frevler allein, oder auch – wie es der Hadith bestätigt – an alle Menschen. Außerdem haben sie versucht, konkreter zu präzisieren, was dieses angenehme Leben ausmacht: Ausstattung mit den Sinnesorganen und dem Verstand, Sicherheit, Gesundheit, Lebensunterhalt, gute Nahrung, gute Wohnung, guter Schlaf, gute Kleidung, Erleichterung der ge-/setzlichen Vorschriften.“ BELEG Anm. 1: „Vgl. Razi XVI, 32, S. 81-82; Qurtubi X, 20, S. 156-159.“ Und fährt fort: „Zamakhshari unterscheidet zwischen denen, die die Gaben Gottes in Dankbarkeit genießen, sich ihnen aber nicht ganz hingeben, und denen, die das angenehme Leben zum einzigen Zentrum ihrer Bemühungen machen: Diese werden zur Rechenschaft gezogen.“

BELEG Anm. 2: „Vgl. Zamakhshari IV, S. 793.“

Das wäre vergleichbar mit Paulus, 2 Kor 7,29-31: „Die Zeit ist kurz. Auch sollen die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.“ Entfällt die unmittelbare Naherwartung ermöglicht dies den perfekten Selbstbetrug, ein Leben ohne Buße (Allan Grave, Zwischen den Gärten).

NEUWIRTH, HKK I, 130, sieht diesen Vers im Kontrast „zu der dem Prinzip des carpe diem verpflichteten Mentalität der paganen arabischen Gesellschaft“. BELEG: TOSHIHIKO IZUTZU: Ethico-Religious Concepts in the Qur’an, Montreal 1966, 2. Auflage, S. 55-59.

CORPUS CORANICUM bemerkt, dass der Terminus نعيم, na’im, an verschiedenen Stellen, Q 83,22; Q 82,13; Q 56,89, „im Kontrast zu gahim [Hölle] steht und das jenseitige Paradies bezeichnet“, hier „jedoch offensichtlich einen negativen Sinn und bezieht sich auf das irdische „Wohlleben“ der Verdammten“.

CC sieht neu- und alttestamentliche Parallelen zum Ausdruck „an jenem Tag“:

„yaumaʾiḏin] Der Ausdruck entspricht dem neutestamentlichen ἐνἐκείνῃτῇἡμέρᾳ / syr. b-haw yaumā (vgl. Matthäus 7:22 u. a.), das allerdings anders als im Koran nicht durchgängig eine eschatologische Referenz hat. Im Hintergrund stehen letzten Endes alttestamentliche Texte wie Zefanja 1:8–18: „Am Tag des Schlachtopfers des Herrn / rechne ich ab mit den großen Herren und den Königssöhnen / und allen, die fremdländische Kleider tragen; // an jenem Tag rechne ich ab … // An jenem Tag …“. Yaumaʾiḏin als deiktischer Verweis auf den Jüngsten Tag begegnet bereits in frühmekkanischer Zeit sehr häufig als Einleitungsformel für den Nachsatz eschatologischer Temporalsätze und erscheint neben 102:8 noch in 52:11, 55:39, 69:15–18, 70:11, 74:9, 75:10.12.13.22.24.30, 77:15.19 und öfter (Refrain), 79:8, 80:37.38.40, 82:19, 83:10.15, 88:2.8, 89:23.25, 99:4.6 und 100:11.“

 

Hier scheint das Konzept der ausgleichenden Gerechtigkeit zu Grunde zu liegen – eine Art Null-Summen-Spiel, vergleichbar mit der Auffassung Jesu, wie sie Matthäus weitergibt: Die Auszeichnungen – „Lohn“ – , die du von Menschen bereits erhalten hast, muss Gott dir nicht auch noch geben: „Habt aber acht, dass ihr eure Gerechtigkeit nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden; ihr habt sonst keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel.“ Mt 6,1; vgl. Mt 6,2; Mt 6,5; Mt 6,16.

 

 

NACHTRAG zu Q 102,5

Angelika NEUWIRTH zitiert in ihrem Werk „Der Koran als Text der Spätantike“, KTS, 444, FRANZ ROSENTHAL: Er „nimmt hinter dem koranischen Ausdruck ‘ilm al-yaqin, „sicheres Wissen“ (Q 102:5), den christlich-theologischen Terminus he gnosis thes aletheas (syr. ida’tha de-shrara, „die Erkenntnis der Wahrheit“) an“. QUELLE: FRANZ ROSENTHAL: Knowledge Triumphant. The concept of knowledge in medieval Islam, Leiden 1970, S. 22-28. 

CORPUS CORANICUM übernimmt diesen Hinweis nicht.

Der Terminus ist in 1 Tim 2,4 bezeugt: Der Heiland „will, dass alle Menschen gerettet werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ Vgl. 2 Tim 3,7, Tit 1,1, Hebr 10,26. Unklar ist, ob es sich hier bereits um einen feststehenden Begriff handelt oder ob die Formulierung von hier aus zu einem Terminus wurde. Weder im Werk  „Neuer Wettstein. Texte zum Neuen Testament aus Griechentum und Hellenismus“ 1996, noch bei BERGER/COLPE, „Religionsgeschichtliches Textbuch zum Neuen Testament“, 1987, weder bei BARRET/THORNTON, „Texte zur Umwelt des Neuen Testaments“, 1991, noch in SCHRÖTER/ZANGENBERG, „Texte zur Umwelt des Neuen Testaments“, 2013, finden sich Parallelen.

 

Köln-Merkenich,
Mittwoch, den 24. September 2025
Rosch ha-Schana

                                                                                 

 Gen 36,4

         וַתֵּ֧לֶד עָדָ֛ה לְעֵשָׂ֖ו אֶת־אֱלִיפָ֑ז וּבָ֣שְׂמַ֔ת יָלְדָ֖ה אֶת־רְעוּאֵֽל׃

 

mE

Und Ada gebar Essaw Elifas und Basmath gebar Ruel.

 

Buber / Rosenzweig

Ada gebar dem Essaw Elifas,

Bassmat gebar Ruel,

 

van Dyke

فَوَلَدَتْ عَدَا لِعِيسُو الِيفَازَ وَوَلَدَتْ بَسْمَةُ رَعُوئِيلَ

 

BEOBACHTUNG

1  לְעֵשָׂ֖ו, leessaw

Das hebräische „לְ“, l, markiert „eine Beziehung zum Folgenden“, Matheus, PONS, - hier Essaw. Die englischen Übersetzungen schreiben einfach „to Esau“. Die meisten deutschen: „dem Esau“, 
s. B/R.

BiG für Esau

HIRSCH und JEHUASCH in seiner jiddischen Übersetzung, SBJ, lassen den Artikel weg, s. mE – gemäß der Regel, das Eigennamen bereits bestimmt sind, sie benötigen keinen Artikel.

Der BASISBIBEL reicht es nicht, dass Ada „dem Esau“ gebiert, sie erweitert dies für Basmath:

BB Ada war die Mutter von Esaus Sohn Elifas und Basemat die Mutter seines Sohnes Reguel.

Einige moderne Übersetzungen lassen Esau verschwinden:

BFC Ada fut la mère d'Élifaz, Basmath celle de Réouel

GN GNB Ada gebar Elifas

 

2 „Perfekt“ – „Imperfekt“

Im Hebräischen wird das Verb, ילד, jalad, in zwei verschiedene Zeiten verwendet, erst im sogenannten „Perfekt“, dann  im „Imperfekt“. Das vermittelt eine grammatische Klarheit, die – wie der Vers zeigt – im Hebräischen nicht immer vorliegt.

FRANK MATHEUS verwendet in seiner „Studiengrammatik“, 7. Auflage 2016, die präzisere Bezeichnung „Suffixkonjugation“ statt „Perfekt“ und „Präfixkonjugation“ statt Imperfekt: 

„Das Hebräische kennt zwei Konjugationsarten, die in der (griechisch-lateinisch geprägten) herkömmlichen Grammatik als „Perfekt” und „Imperfekt” erscheinen; jedoch treffen diese Begriffe nicht die Sprachwirklichkeit, denn weder kommt in ihnen vornehmlich ihr (aspektualer) Wortsinn zum Tragen – die beiden Konjugationen bezeichnen keineswegs abgeschlossene bzw. nicht abgeschlossenen sprachliche Vorgänge -, noch kommen sie den in unserer Sprache so bezeichneten Tempora gleich.“ Matheus, Studiengrammatik, 44.

Eine einzige der eingesehenen Übersetzungen hat diese Nuancierung im Hebräschen mit zwei verschiedenen Verben wiedergegeben: HIERONYMUS:

VUL peperit autem Ada Eliphaz Basemath genuit Rauhel

VOKABELN

VERBEN

pario, peperi, partum, pariturus – erzeugen, gebären;

gigno, genui, genitum – gebären.

Möglich, dass Hieronymus hier einfach dem lateinischen Stilempfinden folgte: „variatio delectat“, „die Abwechslung erfreut“. Ihr entspricht eine Regel, die auch im Deutschen gerne bedient wird: Verwende keine zwei gleiche Verben in einem Satz.

 

KOMMENTARE

JACOB, 677, vermerkt, die Namen der beiden hier genannten Söhne „sind die einzigen mit  אל,  el, zusammengesetzten Namen dieses Kapitels.“ Elifas könnte wiedergegeben werden mit „god is fine gold“ BDB, oder „mein Gott ist Feingold“, von פז, fas, Feingold, und Ruel vielleicht mit „El ist ein Freund“, von רע , reAa, Freund.

 

 

*

 

Köln-Merkenich, am Donnerstag, 
den 25. September 2025
Zom Gedalja

 

Q 102 Gesamtwürdigung

 

Nach BELL, 675, ist diese Sure „wenig mehr als ein Fragment“ und fragt: Wenn sie aus einer Einheit besteht, warum dann der Reimwechstel nach Vers 2. Sie entstammt vermutlich der frühen Zeit in Medina.

Nach NEUWIRTH, HKK I 125, ist die Sure einheitlich: Nach dem Scheltwort der Verse 1-2 wechselt die Reimstruktur. Es handelt sich um eine „sehr frühe Sure“, 132.

Sie versteht diese Sure im Zusammenhang mit „der wenig älteren Trostsure 108 (al-kauthar), in der der Vorwurf des Abgeschnittenseins, der sozialen Isolation, vom Verkünder abgewehrt und göttlich gewährte Fülle (kauthar) als Gegengewicht für den mangelnden Familienverband ins Feld geführt wird“, 131. Diese Sure antwortet mit einem Gegenvorwurf „an die paganen Zeitgenossen […] sich ihrerseits in einer Mangelsituation zu befinden, nämlich von der Obsession für […] tribal verbürgte soziale Privilegien ergriffen zu sein“. Dies beinhaltet ein „auf die Größe des Familienverbandes konzentriertes Streben (al-takathur)“, das „offenbar in der Ahnenverehrung [kulminiert]“. Dagegen wird der Jüngste Tag Wissen enthüllen. „Neu in der Sure ist die Thematisierung des Höllenfeuers […] als Inhalt des […] dereinst eröffneten Wissens“, „ohne jedoch […] in seiner moralischen Dimension“. 131. „Die Eröffnung dieses Wissens erscheint in benachbarten Texten als das zentrale Ereignis des Jüngsten Tages, das von der Auflösung des Kosmos vorbereitet wird.“ 132. Im christlichen Kontext ist dabei „vom Kommen des Menschensohnes“ die Rede, „vgl. Mt 24,29-31; Mk 13,24-26; Lk 21,25-27“. Dagegen „steht im Koran die Eröffnung von dem Menschen bis dahin verschlossenen Wissens.“ Das geht einher mit der „Einsicht in die falsche Orientierung an den Annehmlichkeiten des Diesseits, die ja durch das „Streben nach  mehr“ verbürgt werden“.132 Die „Rechenschaftseinforderung“ am Ende dieser Sure „schließt […] an die tadelnde Aussage des Surenanfangs an.“

CORPUS CORANICUM hält fest: 

„Bemerkenswerterweise stellt die der Sure insgesamt zugrunde liegende Aufeinanderfolge von „Gegenwartskritik“ (V. 1.2) und „Zukunftsaussage“ (V. 3–8) auch eine Grundform der alttestamentlichen Prophetie dar. In der Hebräischen Bibel werden beide Teile in der Regel durch die sog. Botenspruchformel („So hat JHWH gesprochen: …“) getrennt (vgl. Zenger 2004, 422), die in durchgängig als Gottesrede gehaltenen Texten wie den koranischen Verkündigungen allerdings überflüssig wäre; die Abgrenzung zwischen Scheltwort und Gerichtsdrohung kann deshalb in Q 102 und 104 lediglich durch den Ausruf kallā geleistet werden. Die strukturelle Analogie könnte eine wichtige Signalfunktion haben: Sie kennzeichnet den koranischen Text, der zu Gruppe I der frühmekkanischen Suren gehört und damit noch ganz am Anfang der Korangenese steht, als Exemplar einer den Hörern möglicherweise aus Schriftlesungen vertrauten Redegattung, nämlich derjenigen prophetischer Schelt- und Drohsprüche. Zugleich zeigt sich an der Sure, dass selbst die frühesten koranischen Verkündigungen nicht auf eine Nachahmung biblischer Vorbilder zu reduzieren sind, insofern der grundsätzliche Textaufbau zwar an alttestamentliche Formen erinnert, das einleitend angeprangerte Laster der „Habgier“ jedoch eher in – gattungsmäßig ganz anders beschaffenen – neutestamentlichen Texten prominent ist (s. o.).“

 

 

Köln-Merkenich,
Montag und Mittwoch, 
den 29. September/1. Oktober 2025

                                                                                 

 

 

Gen 36,5

וְאָהֳלִֽיבָמָה֙ יָֽלְדָ֔ה אֶת־יְע֥יּשׁ וְאֶת־יַעְלָ֖ם וְאֶת־קֹ֑רַח אֵ֚לֶּה בְּנֵ֣י עֵשָׂ֔ו אֲשֶׁ֥ר יֻלְּדוּ־לֹ֖ו בְּאֶ֥רֶץ כְּנָֽעַן׃

 

mE

Und Oholibama gebar Je’isch und Jalam und Korach. Diese sind die Söhne Essaws, die ihm geboren wurden im Land Kanaan.

 

Buber/Rosenzweig

Oholibama gebar Jusch, Jalam und Korach.

Dies die Söhne Essaws, die ihm im Lande Kanaan geboren wurden.

 

van Dyke

وَوَلَدَتْ اهُولِيبَامَةُ: يَعُوشَ وَيَعْلامَ وَقُورَحَ. هَؤُلاءِ بَنُو عِيسُو الَّذِينَ وُلِدُوا لَهُ فِي ارْضِ كَنْعَانَ

VOKABEL

PARTIKEL

هذا  m,  هذه f, pl. هؤلاء – diese,-r, -s.

 

BEOBACHTUNG

1 Je‘isch

Mit der masoretischen Überlieferung wird der Eigenname des ersten Sohnes von allen eingesehenen Übersetzungen in „Jusch“ o. ä. korrigiert; die Kommentatoren WEST, SEEB und SOGG verweisen zur Begründung auf die masoretische Korrektur, sowie auf die Samaritanische Übersetzung, die Parallelstellen in  1 Chr 1,35 und den v 18 in diesem Kapitel.

Der Name wird mit „Der zu Hilfe kommt“, von  עוּשׁ, Usch,  abgeleitet. M. E. ist auch – gegen die masoretische Korrektur – eine Ableitung von עַ֫יִשׁ  Aisch, möglich: Das Sternbild „Großer Bär“, BDB, vgl. Hi 9,9; Hi 38,32: „Er ist der Große Bär“ – was ziemlich einmalig wäre. JACOB, 677, verweist darauf, dass der Name in dieser Fassung auch in der Liste 1 Chr 7,10  auftaucht. Vgl. den Vornamen „Urs“, „Bär“ und die weiblich Verkleinerungsform „Ursula“.

 

2 Feministische Enteignung

Die abschließende Zusammenfassung im zweiten Satz enthält einen Nachsatz, der m. E. die Hauptsache vermittelt: Die Söhne werden durch ein Präpositionalpronomen als Esau zugehörig benannt. Sie gehören nicht den Frauen Esaus, den Müttern der Söhne, sondern dem Vater. 

Dass dies noch extra betont werden muss, ist das ein – verborgener? – Hinweis, darauf, dass diese partrilinieare, patriarchalische Zuordnung noch keineswegs selbstverständlich war? 

So überliefern dies getreu fast alle eingesehenen Übersetzungen – auch die erstmalig eingesehene  syrische Übersetzung, die Peschitta. Selbst die Bibel in gerechter Sprache, BiG, trägt dies mit.

Andere moderne Übersetzungen brechen damit und enteignen die Söhne dem Esau. Sie machen die basale  Expropriation rückgängig: 

SOGGIN übersetzt das gleiche Verb in diesem Vers auf zwei verschiedene Weisen, was durchaus möglich ist, lässt aber den Passiv verschwinden:

SOGGIN Das sind die Söhne Esaus, die er in Kanaan zeugte.

Klarer sind GN GNB und D92:

GN GNB Alle diese Söhne wurden Esau im Land Kanaan geboren.

D92 Det var de sønner, Esau fik i Kana'an.

Radikal – ohne das Präpositionalpronomen – übersetzten BFC BB und SEEB:

BFC Tels sont les fils d'Ésaü, qui naquirent au pays de Canaan

BB Das sind Esaus Söhne, die in Kanaan geboren wurden.

SEEB Dies sind Esaus Söhne, die im Land Kanaan geboren wurden.

 

 

*

 

Köln-Merkenich, 
am Donnerstag/Freitag und Sonntag/Montag 
den 2./3. und 5./6. Oktober 2025

 

Q 111,1

بِسْمِ ٱللَّهِ ٱلرَّحْمَ‍ـٰنِ ٱل‍‍رَّح‍ِ‍ي‍مِ

تَبَّتْ يَدَا أَبِي لَهَبٍ وَتَبَّ (١)


VOKABELN

VERBEN

تب , i – zugrunde gehen;

لهب , a – flammen.

NOMEN

يد  pl.  ايد  oder اياد - Hand

لهب - Flammen.

 

mE

Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen

Beide Hände Abu Lahabs/des Flammenvaters gehen zugrunde: und er geht zugrunde.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

Ab sind die Händ‘ Abulahab’s, und er ist ab;


ULLMANN (1840)

Vergehen sollen die Hände des Abu Laheb und er selbst.

 

 

HENNING/SCHIMMEL (1901/2023)

Verderben über die Hände Abu Lahabs und Verderben über ihn!

 

HENNING/HOFMANN (1901/2006)
Zugrundegehen sollen die Hände von Abu Lahab. Und er selbst soll zugrundegehen!

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Unter gingen die Hände des Abu-Lahab, unter ging er.

  
BELL (1937)

The hands of Abu Lahab have perished, and parished has he,

ANM.: 

„Or as usually taken: „Perish the hands of Abu Lahab! He has perished.“

 

PARET (1979, 2001)
Dem Verderben seien die Hände Abu Lahabs preisgegeben! Dem Verderben sei er (mit seiner ganzen Person) preisgegeben! (oder: Und (in der Tat) er ist (schon) dem Verderben preisgegeben?). 

 

KHOURY (1987, 1992)

Dem Verderben geweiht seien die Hände des Abu Lahab, und dem Verderben geweit sei er!

ANM:

„Man kann auch übersetzen: und tatsächlich ist er dem Verderben anheimgefallen.“Khoury 603.

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Dem Verderben geweiht seien die Hände von Abu Lahab, und dem Verderben geweiht sei er!

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), 

Zugrunde gehen sollen die Hände Abu Lahabs, und zugrunde gehen soll er (selbst)!

 

ZIRKER (2003, 2018)

Verderben sollen die Hände von Abu Lahab – „dem lodernden Kerl“!

Verderben soll er!

 
KARIMI (2009)

Die Hände Abu Lahabs sind des Verderbens und gewiss ist er des Verderbens.

 
BOBZIN (2010, 2017)

Verderben sollen Abu Lahabs Hände, und abermals – verdorren!


NEUWIRTH (HKK I 2011)

Verdorren sollen die Hände Abu Lahabs! Und er selbst!

 

CORPUS CORANICUM

Verderben sollen die Hände des Flammenmannes! Verderben soll er!

 

 

KOMMENTARE

1 Abu Lahab

BELL, 684, und KHOURY, 603, vermitteln die traditionelle Auslegung, nachdem ein Onkel von Mohammed verwünscht wird: „Abu Lahab hatte, so die Tradition, Muhammad das Verderben gewünscht, als dieser vor den Leuten über die Stunde der Auferstehung und des Gerichts sprach und sie davor warnte. Da kam hier die Antwort.“ Khoury 603.

Angelika NEUWIRTH, HKK I, 141, erinnert daran, dass bereits HOROVITZ, Koranische Untersuchungen, 78,88, feststellte: „‘Wenn wir bedenken, dass Abu Lahab kein eigentlicher Name ist, sondern eine von dem Propehten selbst erfundene und seinem Gegner beigelegte Bezeichnung, die ihn als der Hölle verfallen kennzeichnet“. Darum ist „an der Deutung des Namens als Schandname für einen von uns auf der Grundlage des Korantexts nicht eindeutig identifizierbaren Gegner festzuahlten. Man könnte ihn mit „Flammenmann“ oder ähnlich übersetzten, ohne dass damit seine Identifikation mit dem Famlienmitglied des Verkünders ausgeschlossen werden sollte.“
 CORPUS CORANICUM nimmt diese Überlegungen auf: „keineswegs auszuschließen ist allerdings, dass sich die Sure ursprünglich gar nicht gegen eine bestimmte Einzelperson richtet, sondern lediglich das jenseitige Ergehen eines prototypischen Verdammten, eben eines „Mannes der Flammen“ beschreibt, so wie es etwa in Q 92:15 heißt, „der Unselige“ (ʾal-ʾašqā) würde im Höllenfeuer brennen (vgl. zu einer ähnlichen Problematik den Kommentar zu 108:3). Die Einengung der Verfluchung auf ʿAbd al-ʿUzzā wäre dann eine spätere, erst im Verlaufe der frühislamischen Koranrezeption eingetretene Entwicklung, die durchaus im Einklang mit der auch anderswo zu beobachtenden anekdotischen Tendenz des frühen tafsīr [Koran-Exegese auf der Grundlage von Traditionsliteratur, mE] stünde.“

 

2 Hände

Angelika NEUWIRTH, HKK I 142, erinnert daran, dass die „rechte Hand – zum Schwur erhoben – die rechtliche Handlungsfähigkeit verbürgt“ und verweist auf Ps 137,5: „wenn ich dein vergesse, Jerusalem, soll meine Hand vergessen sein“. Die „Integrität“ der Hand „ist als zentrale Vorbedingung für autonomes öffentliches Handeln zu verstehen. Im Psalm kommt noch die weitere Bedingung der Redefähigkeit hinzu“: Ps 137,6: „und meine Zunge soll an meinem Gaumen haften“. „Mit dem koranischen Fluch wird dem Gegner eine soziale Entrechtung gewünscht.“

Diesen Hinweis nimmt CORPUS CORANICUM nicht auf.

 

 

Köln-Merkenich,
Donnerstag, den 30. Oktober 2025

                                                                                 

 

 

Gen 36,6

 

‎וַיִּקַּ֣ח עֵשָׂ֡ו אֶת־נָ֠שָׁיו וְאֶת־בָּנָ֣יו וְאֶת־בְּנֹתָיו֘ וְאֶת־כָּל־נַפְשׁ֣וֹת בֵּיתוֹ֒  וְאֶת־מִקְנֵ֣הוּ וְאֶת־כָּל־בְּהֶמְתּ֗וֹ וְאֵת֙ כָּל־קִנְיָנ֔וֹ אֲשֶׁ֥ר רָכַ֖שׁ בְּאֶ֣רֶץ כְּנָ֑עַן וַיֵּ֣לֶךְ אֶל־אֶ֔רֶץ מִפְּנֵ֖י יַעֲקֹ֥ב אָחִֽיו׃

VOKABELN

VERB

רכשׁ - erwerben.

NOMEN

קִנְיָן - Besitz.

PARTIKEL 

פָּנֶה + מִן= מִפְּנֵ֖י weg von

 

mE

Und Essaw nahm seine Frauen und seine Söhne und seine Töchter und alles was in seinem Hause lebte und das Vieh und alle sein Großvieh und seinen ganzen Besitz, den er im Land Kanaan erworben hatte und ging in ein Land weg von Jaakob, seinem Bruder.

 

Buber / Rosenzweig

Essaw nahm seine Weiber, seine Söhne und seine Töchter, und alle Seelen seines Hauses,

seinen Herdenerwerb, all sein Lastvieh und all sein Erworbnes, das er im Lande Kanaan gewonnen hatte,

und ging in ein Land, weg von Jaakob seinem Bruder.

 

van Dyke

‎ ثُمَّ أَخَذَ عِيسُو نِسَاءَهُ وَبَنِيهِ وَبَنَاتِهِ وَجَمِيعَ نُفُوسِ بَيْتِهِ وَمَوَاشِيَهُ وَكُلَّ بَهَائِمِهِ وَكُلَّ مُقْتَنَاهُ الَّذِي 

اقْتَنَى فِي أَرْضِ كَنْعَانَ، وَمَضَى إِلَى  أَرْضٍ أُخْرَى مِنْ وَجْهِ يَعْقُوبَ أَخِيهِ

VOKABELN

VERB

قنى , i – erwerben, HIER: VIII. Stamm: اقتنى - erwerben.

مضى , i – vergehen (Zeit), verfließen, weggehen, fortgehen.

NOMEN

بهيمة pl. بهائم  – Tier, Vieh,

مقتنى - Erworbene(s),

وجه pl. وجوه wudschuh - Gesicht, Antlitz

PARTIKEL

 آخر pl. آخرون oder  أخر  uchar, f.:  أخرى uchra pl. أخريات  uchrajat oder أخر - andere/r.

 

Köln-Merkenich,
Freitag / Montag, 
den 31. Oktober / 3. November 2025

 

 

PESCHITTA

ܘܕܒ̣ܪ ܥܣܘ ܢܫ̈ܘܗܝ ܘܒܢ̈ܘܗܝ ܘܒܢ̈ܬܗ. ܘܟܠ ܢܦܫ̈ܬܐ ܕܒܝܬܗ. ܘܟܠܗ̇ ܒܥܝܪܗ. ܘܟܠܗ ܩܢܝܢܗ ܕܩܢ̣ܐ ܒܐܪܥܐ ܕܟܢܥܢ. ܘܐܙܠ ܠܐܪܥܐ ܕܣܥܝܪ ܡܢ ܩܕܡ ܝܥܩܘܒ ܐܚܘܗܝ

VOKABELN

VERBEN

ܕܒܪ - führen,

ܩܢܝ - erwerben,

ܐܙܠ - gehen.

NOMEN

ܢܫܐ - Frau

ܒܪܐ , pl.  ܒܢܝܐ– Sohn,

ܒܪܬܐ , pl.  ܒܢܬܐ– Tochter,

ܢܦܫܐ - Seele, Sklave,

ܒܝܬ  pl.  ܒܬܐ– Haus,

ܒܥܝܪܐ - Tier,

ܩܢܝܢܐ - Besitz,

ܐܪܥܐ - Land,

ܐܚܐ – Bruder

ܣܥܝܪ  - EIGENNAME: Seir, vgl. Gen 32,4; Gen 33,16.

PARTIKEL

ܘ - und,

ܕ - Relativpronomen,

ܒ - in,

ܠ - zu.

 

 

BEOBACHTUNGEN

1 Woher kommt Essaw, wohin geht er?

Die Septuaginta und der Samaritanische Pentateuch haben die Offenheit woher Essaw kommt und wohin er geht zu einer Seite hin geschlossen:

LXX καὶ ἐπορεύθη ἐκ γῆς Χανααν 

LXXD und er ging aus dem Land Kanaan

SMP ‎וילך מארץ כנען

Wohin? – das lassen auch sie unbeantwortet.

Die syrische Übersetzung, die Peschitta, verschließt hingegen die Offenheit zur anderen Seite hin: Sie lässt Essaw nach Seir gehen – Gen 36,8 vorwegnehmend.

PESCHITTA  ܘܐܙܠ ܠܐܪܥܐ ܕܣܥܝܪ

LAMSA and went to the land of Seir

Ihr eifert die L84 und merkwürdigerweise die D92 nach; aber auch WESTERMANN, 683, und SOGGIN, 421, die sich ausdrücklich auf die syrische Übersetzung beziehen.

Luther, L45, hatte in seiner Übersetzung von 1545 weder das eine noch das andere, so auch wieder die Reformationsjubiläumslutherbibel von 2017, L17.

TARGUM und HIERONYMUS ergänzen „anderes“ Land.

TAR ‎לַאֲרַע אֻוחרִי  - ארע = Land; אוחרי = andere/s/r

VUL in alteram regionem (Gen. 36:6 VUL)

VULD in eine andere Gegend

TANAKH übernimmt dies

TANAKH  went to another land 

 

2  נַפְשׁ֣וֹת , näfschot pl., sg.  נֶפֶשׁ, näfäsch

Hieronymus übersetzt wörtlich mit „Seelen“:

VUL omnem animam domus

VULD jede Seele seines Hauses

Ihm folgen ZUNZ  B/R  ELB  SCH

Andere übersetzen mit „Personen“, „Leute“, „Haushalt“.

Die neuere französische Übersetzung spricht von Dienern, „serviteurs“:

BFC tous ses serviteurs

Die Septuaginta wählt einen eigenen Weg: 

LXX πάντα τὰ σώματα τοῦ οἴκου αὐτοῦ 

LXXD alle Körper seines Hauses

Die Herausgeber der deutschen Übersetzung der Septuaginta merken dazu an: „gemeint sind ‚Sklaven‘.“

σῶμα, soma, hat in der altgriechischen Sprachgeschichte eine schier unfassbare Karriere hinter sich. Bei Homer bezeichnet es den Leichnam. Hesiod scheint es auf den lebendigen Leib übertragen zu haben. Platon bezeichnet damit den ganzen Menschen, „die Person, rein körperlich gefasst“, Pape 2,1059, bei Xenophon auch den Sklaven. Paulus fügt dieses Wort zum „Leib Christi“, so „dass der eine Leib der Gemeinde kein anderer ist als der Leib Christi selbst“. ThWNT 7,1068,24f.

JEHUASCH kann ohne weiteres den hebräischen Ausdruck verwenden und erweitert ihn:

SBJאלע נפשות פון ז''ן הויזגעז'נט  - ale näfschot vun sein hausgesindt

Im Alt-Syrischen bedeutet es zugleich „Sklave“.

 

3  אנגעקל'בן , angeklibn

So das jiddische Wort für „accumulta, gather, collect“, Beinfeld-Bochner, 101: אנקל''בן, angkleibn.

 

 

Köln-Merkenich,
am Dienstag, den 4. November 2025

 

KOMMENTARE

JACOB 677 notiert die auffallende „Erwähnung von Töchtern, von denen wir vorher nichts gehört hatten. Der Grund kann nur sein, dass sie Chiwwiter heirateten“.

Die in VUL und TAR s. o. notierte Erweiterung „anderes“ Land lehnt Jacob ab, da diese Wendung nach Dtr 29,27, Jer 22,26 die Bezeichnung für „ein fremdes, feindliches Land ist“. 

Nach ihm, 678, „[wird] der Name des Landes mit Absicht nicht genannt“. Esau gibt „vor Jakob und dessen höherem Rechte seinen Anspruch auf das eigentliche (nördliche) Kanaan endgültig auf.“

Nach PHILIPPSON 192 trennen sich die Brüder wie Abraham und Lot, Gen 13,6, weil das Land für die Besitztümer – insbesondere Herden – beider zu klein geworden sei.

Nach SARNA 249 erkennt Esau Jaakobs Recht Cisjordanien zu beanspruchen an, andernfalls hätte er darauf bestehen müssen, dass Jaakob geht.

WESTERMANN 685 bemerkt: „[D]ie drei betonten letzten Worte: „von seinem Bruder Jakob fort“ [lassen] das Interesse erkennen: Esau überlässt seinem Bruder das verheißene Land.“

 

 

NACHTRAG

Erst vor wenigen Wochen wurde meine Leidenschaft für das Altsyrische und Aramäische geweckt. Das Aramäische wurde in der Perserzeit die Verkehrssprache für einen Bereich, der vom Mittelmeer bis an die Grenzen Indiens reichte. Sie ist bis heute Liturgiesprache in christlichen Gemeinden, die vor allem in Syrien und Irak beheimatet sind bzw. waren und umfasst damit einen Zeitraum von gut 3000 Jahren. Sie ist die Sprache, die zur Zeit Jesu in von den Römern besetzten und so genannten Palästina gesprochen wurde. Zugleich ist Syrisch-Aramäisch die Sprache, die dem Arabischen am Nächsten kommt. Sie bildet also zugleich eine Brücke zur Zeit Jesu und eine Brücke in die Entstehungszeit des Korans. Umso weniger nachvollziehbar ist es, wie stiefmütterlich diese Sprache behandelt wird. Im Theologischen Wörterbuch für das Alte Testament werden in jedem Band eine Fülle von – zumeist – Autoren genannt, die darin mitgewirkt haben. Der abschließende Band zum aramäischen Sprachschatz des Alten Testaments ist fast durchgehend – unterstützt von einer kleinen Anzahl von Beitragenden – von einem einzigen Gelehrten fertig gestellt worden, Holger Gzella, Leiden.

Die Quellen und verwendeten Abkürzungen sind:

TAR - Targum Onkolos – eine eine jüdische Übersetzung des Pentateuchs ins Aramäische vermutlich aus dem 2. Jahrhundert. Wenn ein pseudonymes Werk am ehesten dort zu Hause ist, wo es zum ersten Mal erwähnt wird, so eine bekannte  philologische Faustregel, - nämlich im Talmud -, dann stammt diese Übersetzung aus Babylon. Rainer Degen legt als Ursprungsland Palästina „nicht später als der Bar Kochba-Aufstand“ nahe, TRE 3,611.

SAM - Die Samaritaner bilden eine Glaubensgemeinschaft, die bis heute existiert. Sie wird auf diejenigen zurückgeführt, die nach der babylonischen Eroberung von Jerusalem nicht mit nach Babylon deportiert wurden. Die Übersetzung des Pentateuchs in die samaritanische Schrift erfolgte vermutlich im 2. Jahrhundert vor Christus. August von Gall, 1872-1946, veröffentlichte sie von 1914-1918 mit hebräischen Buchstaben. Diese Fassung wird hier benutzt.

PESCH - Die Syrische Übersetzung des Alten Testaments, die Peschitta, wörtlich "die Gewöhnliche", wurde sehr wahrscheinlich im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. angefertigt, vermutlich vor allem im antiken Edessa, heute Urfa.

LAMSA - George Lamsa, 1892-1975, übersetzte die Peschitta ins Englische, 1957 abgeschlossen.

 

 

 

*

 

Köln-Merkenich,
am Mittwoch /Donnerstag, 
 den 5. /6. November 2025

 

 

Q 111,2

مَا أَغْنَىٰ عَنْهُ مَالُهُ وَمَا كَسَبَ

VOKABELN

VERBEN

غنى  ,a - reich sein; entbehren können [!]; II. Stamm – Kausativ bzw. Intensiv: singen [!!!]; hier: IV. Stamm - Kausativ: bereichern, entbehrlich machen, überflüssig machen, WEHR 803 „avail, benefit, help“

كسب , i – verdienen, erwerben, gewinnen.

NOMEN

مال pl. أموال – Vermögen, Hab und Gut, Geld.

PARTIKEL

ما  - was? das, was.

 

mE

Was hat er von seinem Vermögen und was gewinnt er?

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) ab Vers 1

Ab sind die Händ‘ Abulahab’s, und er ist ab;

Es half ihm nicht sein Gut und Hab. 


ULLMANN (1840)

Sein Vermögen und alles, was er sich erworben hat, sollen ihm nichts helfen.

 

HENNING/SCHIMMEL (1901/2023)

Nicht soll ihm nützen sein Gut und sein Gewinn.

 

HENNING/HOFMANN (1901/2006)
Sein Gut und sein Gewinn sollen ihm nichts nützen.

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Nicht nütze ihm sein Vermögen und was er erworben.

  
BELL (1937)

His wealth and what he has piled up have not profited him.

 

PARET (1979, 2001)
Was nützt (wörtlich: nützte) ihm sein Vermögen, und was er erworben hat? (oder: Sein Vermögen, und was er erworben hat, nützt (w. nützte) ihm nicht(s)).

 

KHOURY (1987, 1992)

Nicht nützt ihm sein Vermögen und das, was er erworben hat.

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Von ihm hält die Strafe weder sein Vermögen ab, noch sein erworbenes Ansehen.

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), 

Was nützt ihm sein Besitz und das, was er erworben hat?

 

ZIRKER (2003, 2018)

Nichts nützt ihm sein Vermögen und was er erworben hat!

 
KARIMI (2009)

Nichts nützte ihm sein Vermögen, und nicht, was er erworben.

 
BOBZIN (2010, 2017)

Sein Gut soll ihm nichts nützen, und was er erworben!


NEUWIRTH (HKK I 2011)

Nichts nützt ihm sein Vermögen und was er erworben hat.

 

CORPUS CORANICUM (5.11.2025)

Sein Besitz und seine Taten nützen ihm nichts.

 

 

BEOBACHTUNGEN

1 FRAGE vs AUSSAGE
 Der Vers beginnt mit einem Fragepronomen. Die Frageform hat außer in meinem Versuch nur die Übersetzung von Bubenheim beibehalten, sowie KHOURY 603 im Kommentar. NEUWIRTH, HKK I 142  hält beides für möglich. Da „bereits mit dem Schandnamen“, s. v 1, von einer „eschatologischen Bestimmung“  die Rede ist, ist hier – auch mit Blick auf die Paralle Q 69,28 – von der „Deutung im Sinne von ‚nichts wird ihm genützt haben‘ auszugehen.“

CORPUS CORANICUM begründet die Aussageform grammatikalisch:

„Wie auch in 69:28 und 92:11 kann hier sowohl als Fragepronomen („Was hat ihm sein Besitz geholfen?“) wie auch als Verneinungspartikel („Sein Besitz hat ihm nichts geholfen“) aufgefasst werden (vgl. Bergsträßer 1914, 29), doch ist mit Bergsträßer davon auszugehen, dass „die große Anzahl der Parallelen 〈…〉 auch hier die Negation als wahrscheinlicher erscheinen“ lässt (ebd., 31, Anm. 2).“

 

 

2 VERSCHÄRFUNG

Die von der Al Azhar gebilligte Übertragung zeigt eine eine Neigung das Vorgefundene zu verschärfen. 

 

3 ERWORBENES vs TATEN

Allein CORPUS CORANICUM übersetzen den zweiten Teil des Verses statt mit Bezug auf Erworbenes durch „Taten“. Ihre Begründung:

„Mit Paret ist das Perfekt wohl resultativ zu verstehen und hat somit einen Gegenwartsbezug (Kommentar, ad loc.), zumal die ganz ähnliche, ebenfalls im Kontext jenseitiger Verdammnis stehende Aussage 92:11 (s. den vorangehenden Absatz) statt des Perfekts das Imperfekt enthält, ohne dass ein offenkundiger Bedeutungsunterschied spürbar wäre.

mā kasab] Es wäre prima facie auch möglich, māluhū und mā kasab synonym aufzufassen, mā kasab also wörtlich als „was er erworben hat“ zu deuten; vgl. a. 7:48, wo in ganz ähnlichem Zusammenhang ǧamaʿa statt kasaba verwendet wird (mā ʾaġnāʿankum ǧamʿukum, „euer Ansammeln nützt euch nichts“). Doch würde eine solche Lesart der sonst im Koran dominierenden übertragenen Bedeutung von kasaba „begehen“ zuwiderlaufen, die auch schon in der vorkoranischen Dichtung belegt ist (vgl. dazu die Anmerkung zu 74:38). Rubin geht noch einen Schritt weiter und will die mit mā kasab, „was er begangen hat“, intendierten Handlungen auf der Grundlage der prophetenbiographischen Tradition näher bestimmen: „The phrase wa-mā kasaba refers to Abū Lahab’s grand deeds, namely his service to al-ʿUzzā and his protection of Muḥammad [die er später aufkündigte]“ (Rubin 1979, 22). Genau wie in anderen frühkoranischen Texten (vgl. die Anmerkungen zu 93:3, 93:6–8 sowie zu 108:3) besteht hier aber die Gefahr einer letztlich in der anekdotischen Tendenz der frühislamischen Koranrezeption wurzelnden übertriebenen Konkretisierung koranischer Aussagen.“

 

 

KOMMENTAR

CORPUS CORANICUM weist auf die biblische Reichtumskritik hin:

„Die letztendliche Nutzlosigkeit irdischer Reichtümer ist bereits ein biblischer Topos, vgl. Psalm 39:7 („er sammelt Reichtümer und weiß nicht, wer sie ernten wird“) sowie im Neuen Testament den 1. Brief an Timotheus 6:17–19 („Ermahne die, die in dieser Welt reich sind, nicht überheblich zu werden und ihre Hoffnung nicht auf den unsicheren Reichtum zu setzen, sondern auf Gott, der uns alles gibt, was wir brauchen“) und Lukas 18:18–30 = Markus 10:17–31.“

 

Köln-Merkenich,

Freitag, den 7. November 2025

                                                                                 

 

 

Gen 36,7

 

‎ כִּֽי־הָיָ֧ה רְכוּשָׁ֛ם רָ֖ב מִשֶּׁ֣בֶת יַחְדָּ֑ו וְלֹ֙א יָֽכְלָ֜ה אֶ֤רֶץ מְגֽוּרֵיהֶם֙ לָשֵׂ֣את אֹתָ֔ם מִפְּנֵ֖י מִקְנֵיהֶֽם׃

VOKABELN

NOMEN

רְכוּשׁ - Besitz,

מָגוֹר  - (Ort der) Schutzbürgerschaft, 

מִקְנֶה - Viehbesitz.

PARTIKEL

יַחְדָּו - zusammen.

 

mE

Denn ihr Besitz wurde sehr groß, wo sie miteinander wohnten und das Schutzbürgergebiet konnte sie nicht ertragen hinsichtlich ihre Viehbesitzes.

 

Buber / Rosenzweig

Denn ihres Zuchtgewinns war zu viel, beisammen zu siedeln,

nicht vermochte das Land ihrer Gastschaft sie zu tragen ob ihrem Herdenerwerb.

 

van Dyke

‎ لأَنَّ أَمْلاَكَهُمَا كَانَتْ كَثِيرَةً عَلَى السُّكْنَى مَعًا، وَلَمْ تَسْتَطِعْ أَرْضُ غُرْبَتِهِمَا أَنْ تَحْمِلَهُمَا مِنْ أَجْلِ مَوَاشِيهِمَا

VOKABELN

VERBEN

استطاع – können; von  طوع -  gehorsam sein; X. STAMM: in der Lage sein zu, in einer Position sein zu tun, fähig sein zu etwas (WEHR 670), KROPFITSCH: imstande sein, können;

حمل tragen;

غرب - weggehen, fremd vorkommen.

NOMEN

ملك milk pl. املاك amlak- Besitz, Eigentum;

سكن - Wohnen, Unterkunft;

ماشية , pl. مواش  - Vieh.

PARTIKEL

لأن - weil;

أجل - wegen, um … willen.

 

Köln-Merkenich,
am Donnerstag/Freitag, den 13./14. November 2025

 

BEOBACHTUNGEN

1 MENGE

LXX und HIERONYMUS führen ein Grund ein, der Hinweis auf die Herden genügt ihnen nicht, sie fügen einen Grund ein: Die Menge der Herden.

LXX καὶ οὐκ ἐδύνατο ἡ γῆ τῆς παροικήσεως αὐτῶν φέρειν αὐτοὺς ἀπὸ τοῦ πλήθους τῶν ὑπαρχόντων αὐτῶν

LXXD und das Land, in dem sie als Fremde siedelten, konnte sie aufgrund der Menge ihres Besitzes nicht tragen. 

VUL et simul habitare non poterant nec sustinebat eos terra peregrinationis eorum prae multitudine gregum

VULD und konnten nicht zusammen wohnen, und das Land ihres Aufenthalts in der Fremde ertrug sie wegen der Menge ihrer Herden nicht.

LUTHER 1545 folgt hier offensichtlich der Vulgata:

L45 vnd das Land, darin sie Frembdlinge waren, mocht sie nicht ertragen fur der menge jres Viehs.

Ihm folgen die ELB85, L84 und L17, die dies nicht korrigiert hat, sowie die Dänischen Übersetzungen

D83 D92 de boede som fremmede, kunne ikke brødføde dem, så store var deres hjorde.

GN GNB und BB sind sich hier einig:

GN GNB es gab im Land nicht genügend Weide für ihre großen Viehherden.

BB Das Land, in dem sie als Fremde lebten, hatte nicht genügend Weide für ihre großen Herden.

 

2 KEINE FREMDHEIT

Die GN und GNB lässt die Fremdheit der Brüder im Land verschwinden:

GN GNB es gab im Land nicht genügend Weide für ihre großen Viehherden.

Ähnlich verschwindet der Ausdruck der Fremde in weiteren Übersetzungen:

LSG la contrée où ils séjournaient

BFC La région où ils se trouvaient 

EIN Das Land, in dem sie lebten, 

Dies hat bereits MENDELSSOHN eingeleitet und mit ihm, außer Buber/Rosenzweig, alle jüdischen Übersetzungen:

M B/M ZUNZ HIRSCH PHIL JACOB das Land ihres Aufenthalts

JEHUASCH דאס לאנד פון זייער וווינשאפט – das Land vun sayr [ihrer] woinschaft

TANAKH ESV NAS the land of their sojournings 

Sie können sich auf die PESCHITTA berufen:

PESCH-ANTIOCH The land where they were dwelling

Das Verschwinden der Fremdheit halte ich für ideologisch bedingt: Warum soll jemand in dem Land, das einem später – so die Erzählebene der Geschichten – gehören wird, ein Fremder sein?

 

 

KOMMENTARE

PHILIPPSON 192 betont in seinem Kommentar – anders als in seiner Übersetzung – das Fremdsein, „weil in einem Lande, wo sie selbst nur Fremdlinge, also auch noch außer ihnen eigentliche Landesbewohner vorhanden waren, sehr leicht der Raum zu enge werden konnte.“

Nach JACOB 678 vermittelt der Ausdruck  אֶ֤רֶץ מְגֽוּרֵיהֶם֙, äräz migureihäm, „Schutzbürgergebiet“, „ein Tadel gegen ihn [Esau]“: „Er verzichtet auf das Land der Väter, das Gott den Nachkommen verhießen hat (17,8; Ex 6,4), das Isaak dem Jakob wünscht (28,4) und in dem dieser bleiben möchte (37,1).“

WESTERMANN 685 betont mit Bezug, auf die Parallelen in Gen 12,5; Gen 34,23, „dass das Sich-Trennen ein friedliches war. Dabei lassen die drei betonten letzten Worte: „von seinem Bruder Jakob fort“ das Interesse erkennen: Esau überlässt seinem Bruder das verheißende Land.“

SEEBASS 465 beobachtet: „Nach V 7 müssen Jakob und Esau lange zusammengewohnt haben, was man sonst nicht erfährt (Ruppert II, 179f).“

 

 

*

 

Köln-Merkenich, am Montag, 
den 17. November 2025

 

Q 111,3

سَيَصْلَىٰ نَارًا ذَاتَ لَهَبٍ

VOKABELN

VERBEN

صلى , a – ausgesetzt sein (dem Feuer);

لهب , a – flammen.

NOMEN 

نار pl. نيران – Feuer;

ذات pl. ذوات – habend, besitzend, Selbst, Ich, (eigene) Person, Identität, selbst, dersebe;

لهب - Flammen.

 

mE

Er wird einem Feuer ausgesetzt sein, derselbe Flammen / Lahab.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) ab Vers 1

Ab sind die Händ‘ Abulahab’s, und er ist ab;

Es half ihm nicht sein Gut und Hab. 

Heizen wird er des Feuers Brast,

 

ULLMANN (1840)

Zum Verbrennen wird er in das flammende Feuer kommen,

 

HENNING/SCHIMMEL (1901/2023)

Brennen wird er im Feuer, dem lohenden

Anm.: „Anspielung auf seinen Namen, Abu Lahab „Vater der Lohe“. Er war Muhammads Oheim und erkannte, angestiftet von seiner Frau Umm Gamil, ihn nicht als Propheten an.“

 

HENNING/HOFMANN (1901/2006)
Er wird in einem lodernden Feuer brennen

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Braten wird er dereinst im Feuer, dem Eigner der Flamme.

  
BELL (1937)

He will roast in a flaming Fire,

 

PARET (1979, 2001)
Er wird (dereinst) in einem lodernden Feuer schmoren,

 

KHOURY (1987, 1992)

Er wird ein einem lodernden Feuer brennen.

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Er wird verbrennen im auflodernden Feuer.

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), 

Er wird einem Feuer voller Flammen ausgesetzt sein

 

ZIRKER (2003, 2018)

Er wird in loderndem Feuer brennen

 
KARIMI (2009)

Schmoren wird er in dem flammenden Feuer

 
BOBZIN (2010, 2017)

Brennen wird er in einem Feuer, das Flammen schlägt,


NEUWIRTH (HKK I 2011)

Er wird in einem Feuer brennen, hellflammend!

 

CORPUS CORANICUM

Er wird in flammenden Feuer schmoren

 

 

BEOBACHTUNG

Im Text bzw. in einer Anmerkung vermitteln das Wortspiel am Ende des Verses لَهَبٍ „lahabin“, „Flammen“, mit dem – möglicherweise polemischen – Namen des Gegners „Lahab“ außer meinem Versuch noch Henning in der von Annemarie Schimmel wiederhergestellten Fassung.

 

KOMMENTARE

NEUWIRTH, HKK I, 142, nimmt etwas verschlüsselt das Wortspiel auf: „Mit diesem Vers wird der enigmatische [rätselhafte, mE] Schandname ‚ausgeredet‘.“

CORPUS CORANICUM weist darauf hin, dass „„Das Feuer“ (an-nār) […] die vorherrschende Bezeichnung für die Hölle [ist]“ und führt dafür zahlreiche Belegen an: 111:3, 104:6, 101:11, 92:14, 90:20, 88:4, 87:12, 85:5. Dies richtet sich gegen die Annahme von Angelika Neuwirth, HKK I, 144, dass hier nicht von der „Hölle als kollektiven Ort für die Verdammten“ die Rede sei. CC zusammenfassend: „Angesichts der Tatsache, dass der Ausdruck an-nār sonst durchweg das Höllenfeuer bezeichnet, erscheint es jedoch wenig überzeugend, Q 111 nicht als genuine Jenseitsbeschreibung gelten zu lassen“.
So ermöglichen Höllenvorstellungen gesellschaftlich geduldete Sadismen.


Köln-Merkenich,
Dienstag, den 18. November 2025

                                                                                 

 

 

Gen 36,8

         וַיֵּ֤שֶׁב עֵשָׂו֙ בְּהַ֣ר שֵׂעִ֔יר עֵשָׂ֖ו ה֥וּא אֱדֹֽום׃

mE

Und Essaw siedelte im Gebirge Se’ir, Essaw ist Edom.

 

Buber / Rosenzweig

So siedelte Essaw im Gebirge Sseïr, - Essaw, das ist Edom. 

 

van Dyke

‎فَسَكَنَ عِيسُو فِي جَبَلِ سَعِيرَ. وَعِيسُو هُوَ أَدُومُ

 

Peschitta

ܘܝܬ̣ܒ ܥܣܘ ܒܛܘܪܐ ܕܣܥܝܪ. ܥܣܘ ܗܘܝܘ ܐܕܘܡ

VOKABELN

VERB

ܝܬܒ- wohnen, bleiben, siedeln.

NOMEN

ܛܘܪܐ – Gebirge.

PARTIKEL

ܗܘ - er

 

BEOBACHTUNG

1 das ist

Wird im Deutschen ein Wort erläutert geschieht dies geläufig mit der Formel „x, das ist y“. So völlig korrekt Buber / Rosenzweig sowie ZUNZ ZUR SCH ELB NL D83 LSG.

Im Hebräischen – sowie Arabischen und Syrisch-Aramäischen – ist das Pronomen zwischen den Namen männlich und damit kein Problem. 
Einen Menschen mit dem sächlichen Pronomen „das“ zu bezeichnen, bereitet hingegen Unbehagen. Dies wird offenbar geteilt und führt zu anderen Varianten. Bereits Luther 1545 übersetzt elegant:

L45 Vnd Esau ist der Edom

Die modernen Lutherausgaben verkürzen und verfahren gemäß der Regel, dass ein Eigenname keinen Artikel verträgt – im Englischen eh üblich:

L84 L17 SOGG Esau ist Edom

KJV ESV NAS TANAKH Esau is Edom

MENDELSSOHN findet eine andere Lösung – vielleicht die schönste:

M B/M Esau oder Edom

Ausführlich die Dänische Übersetzung von 1992

D92 Esau er den samme som Edom.

BFC Ésaü, autrement dit Édom

BiG Esau, das bedeutet Edom

BB Esau steht für Edom.

SEEBASS löst die Aufgabe auf seine Weise:

SEEB Esau, der ist Edom

 

 

*

 

Köln-Merkenich,
 am Mittwoch, den 19. November 2025

 

Q 111,4

وَامْرَأَتُهُ حَمَّالَةَ الْحَطَبِ (٤)

VOKABELN

NOMEN

امراة - Frau;

حمال oder  حمالة– Lastträger;

حطب - Brennholz.

 

mE

Und seine Frau ist Lastträgerin des Brennholzes.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) ab Vers 1

Ab sind die Händ‘ Abulahab’s, und er ist ab;

Es half ihm nicht sein Gut und Hab. 

Heizen wird er des Feuers Brast,

Zuträgt sein Weib des Holzes Last,

 

ULLMANN (1840)

mit ihm sein Weib (die Verleumderin), die Holz herbeitragen muss,

 

HENNING/SCHIMMEL (1901/2023)

Während seine Frau das Holz trägt,

 

HENNING/HOFMANN (1901/2006)
Und seine Frau wird das Brennholz tragen

 

GOLDSCHMIDT (1916)

Und sein Weib ist des Holzes Trägerin.

  
BELL (1937)

His wife the carrier of the fuel

 

PARET (1979, 2001)
(er) und seine Frau, die (elende) Brennholzträgerin (oder: (er) und seine Frau (die dann) als Brennholzträgerin (tätig ist und selber Brennholz für die Hölle herbeischleppt)?). 

 

KHOURY (1987, 1992)

Und auch seine Frau, sie, die Holzträgerin.

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Desgleichen seine Frau, die Verleumdungen wie Brennholzladungen herumtrug.

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), 

und (auch) seine Frau, die Brennholzträgerin.

 

ZIRKER (2003, 2018)

und seine Frau, die Holzträgerin,

 
KARIMI (2009)

und seine Frau, die Brennholzträgerin.

 
BOBZIN (2010, 2017)

und seiner Frau, die das Brennholz trägt – 


NEUWIRTH (HKK I 2011)

Während seine Frau – Brennholzschlepperin! – 

 

CORPUS CORANICUM

während seine Frau – Brennholzträgerin! – 

 

BEOBACHTUNGEN

1 SADISMEN

Höllenvorstellungen scheinen einen magischen Sog auszuüben, Sadismen freizusetzen. So sehen eine ganze Reihe von Übersetzern auch die Frau des Verdammten in der Hölle schmoren. Wobei fraglich ist, ob es nicht besonders perfide ist sich auszudenken, dass die Ehefrau das Brennholz für das Höllenfeuer herbeiträgt.

 

2 NOMINALSTIL

Der Satz strotzt vor Substantiven. Dennoch lösen dies – sprachlich angenehmer – einige verbal auf, BOBZIN, AL AZHAR, BELL, HENNING, ULLMANN:

BOBZIN und seiner Frau, die das Brennholz trägt.

 

 

KOMMENTARE

BELL 684 beschreibt die grammatikalischen Probleme dieses Vers so knapp wie möglich und ausführlich wie nötig:

Die Überlieferung der muslimischen Tradenten fasst KHOURY 603 kommentarlos zusammen:

Anm. 1: Vgl. Zamakhshari IV, S. 815-816.

 

CORPUS CORANICUM schließt an BELL an und unterfüttert die verschiedenen Lesarten mit Beispielen:

ḥammālata l-ḥaṭab] Überliefert wird sowohl die Lesung im Nominativ als auch die im Akkusativ (vgl. Muʿǧam, ad loc.). Die erstere Variante ist dabei zweifellos die lectio facilior (vgl. Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 141): „Seine Frau“ (imrāʾatuhū) wäre Subjekt eines gegenüber V. 3 eigenständigen Nominalsatzes mit ḥammālatu l-ḥaṭab als Prädikat („Seine Frau ist die Brennholzträgerin“). Folgt man der zweiten Variante, so ist der Akkusativ ḥammālata l-ḥaṭab am ehesten als Interjektion zu erklären (Wright, Bd. 2, 86. Imrāʾatuhū kann entweder als zum folgenden Vers gehörige Topikalisierung aufgefasst werden („Seine Frau …, um ihren Hals ein Strick aus Palmfasern“) oder aber als zweites Subjekt des vorangehenden Verses (vgl. Fischer 1937): „Er wird in flammendem Feuer schmoren / und [ebenso] seine Frau – Brennholzträgerin!“.“

 

Köln-Merkenich,
Donnerstag, den 20. November 2025

                                                                     

Gen 36,9

‎וְאֵ֛לֶּה תֹּלְד֥וֹת עֵשָׂ֖ו אֲבִ֣י אֱד֑וֹם בְּהַ֖ר שֵׂעִֽיר׃

mE

Das sind die Nachfahren Essaws, der Vater der Edomiter im Seïr-Gebirg.

 

Buber / Rosenzweig

Dies ist das Geschlecht Esaus, von dem die Edomiter herkommen auf dem Gebirge Seïr,

 

van Dyke

‎وَهذِهِ مَوَالِيدُ عِيسُو أَبِي أَدُومَ فِي جَبَلِ سَعِيرَ  

 

Peschitta

ܘܗܠܝܢ ܬܘ̈ܠܕܬܗ ܕܥܣܘ ܐܒܘܗܘܢ ܕܐ̈ܕܘܡܝܐ ܒܛܘܪܐ ܕܣܥܝܪ

VOKABELN

NOMEN

ܬܘܠܕܬܐ - Nachkommen, Generation.

ܐܒܐ  m. Suffix ܐܒܘܗܝ - Vater.

ܛܘܪܐ – Gebirge.

PARTIKEL

ܗܠܝܢ - dieser, diese, dieses.

 

 

BEOBACHTUNGEN

1 תּוֹלֵדוֹת, toledoth

Die bereits in Gen 36,1 beobachtete Doppelheit von “Geschlechterfolge” und “Familiengeschichte” im hebräischen Wort תּוֹלֵדוֹת, toledoth, wird von der Übersetzergemeinschaft hier fortgesetzt.

 

2 VATERTILGUNG

Die Wendung  אֲבִ֣י אֱד֑וֹם, abi ädom, wird meist übersetzt mit “Vater” oder “Stammvater”:

LXX πατρὸς Εδωμ VUL patris Edom

LXXD VULD ELB Vater von Edom

HIRSCH Stammvaters Edoms

Einige Übersetzungen tilgen die Vater- bzw. Stammvaterschaft Esaus, prominent Buber /Rosenzweig:

B/R vom dem die Edomiter herkommen

So übersetzt aber bereits Luther 1545

L45 von dem die Edomiter her komen

L84 und L17 übernehmen dies unverändert:

L17 von dem die Edomiter herkommen

Die ältere französische Übersetzung hat noch

LSG père d'Édom

Die modernere übersetzt:

BFC l'ancêtre des Édomites

TANAKH ancestor of the Edomites

Überraschend radikal JACOB:

JACOB Und dies ist die Geschlechterfolge Esaus, des Edomiters auf dem Gebirge Se’ir.

Die Parallelität des Stammvaters Esau zum Stammvater Jaakob verschwindet so – und damit eine der offensichtlichen Erzählabsichten: Das mit Juda zeitweise verfeindete Edom ist ein Volk von Geschwistern, vgl. die Beobachtungen zu Gen 35,28-29 und Gen 33,9. 

 

Köln-Merkenich,
am Samstag, den 22. November 2025

 

KOMMENTARE

WESTERMANN 686 sieht hier das Wirken von P: „Die Überschrift V. 9 mit der toledot-Formel ist von P vorgefügt; mit ihr fügt er die Genealogoe 10-14 seinem Werk ein und wiederholt dabei die toledot-Formel von V. 1 bewusst, um damit zu zeigen: zu den Söhnen Esaus, die in 1-5 genannt sind, gehören auch die in 10-14 genannten Enkel. Die Arbeitsweise von P lässt sich also hier genau erkennen.“

SOGGIN 423 schließt sich Westermann an, da „der Gebrauch des Wortes toledot Vv.1.9, offensichtlich auf „P“ [verweist], und auf Grund der redaktionellen Einheit des Textes gibt es ausreichende Gründe, das ganze Kapitel dieser Quelle zuzuweisen“.

 

 

 

*

 

Köln-Merkenich,

am Montag, den 24. November 2025

 

Q 111,5

فِي جِيدِهَا حَبْلٌ مِّن مَّسَدٍ

VOKABELN

جيد pl. أجياد – Hals;

حبل pl. حبال oder أحبال - Strick, Seil, Tau, (Nabel-)Schnur;

مسد - Palmfasern.

PARTIKEL

فِى - LANE 2467: „It also denotes concomitance, […] it is syn. with مَعَ.“

 

mE

ihr Hals mit einem Palmfaserseil.

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839) von Vers 1

Ab sind die Händ‘ Abulahab’s, und er ist ab;

Es half ihm nicht sein Gut und Hab. 

Heizen wird er des Feuers Brast,

Zuträgt sein Weib des Holzes Last,

Um ihren Hals ein Strick von Bast.


ULLMANN (1840)

und an ihrem Hals soll ein Seil hängen, geflochten au Fasern eines Palmbaumes.

 

HENNING/SCHIMMEL (1901/2023)

Mit einem Strick von Palmenfasern um ihren Hals.

 

HENNING/HOFMANN (1901/2006)
Mit einem Strick aus Palmfasern um ihren Hals.

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Um ihren Hals ein Strick aus Palmenbast.

  
BELL (1937)

With a cord of fibre about her neck.

 

PARET (1979, 2001)
An ihrem Hals hat sie (als Zeichen ihres Berufs statt des üblichen Schmucks) einen Strick (hängen), einen Palmfasernstrick.

 

KHOURY (1987, 1992)

An ihrem Hals hängt ein Strick aus Palmenfasern.

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Um ihren Hals hat sie einen Strick aus Palmfasern.

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), ZIRKER (2003, 2018)

Um ihren Hals ist ein Strick aus Palmfastern.

 
KARIMI (2009)

An ihrem Hals hängt ein Palmenfaserstrick.

 
BOBZIN (2010, 2017)

um ihren Hals einen Palmfaserstrick gelegt.


NEUWIRTH (HKK I 2011) mit Vers 4

Während seine Frau – Brennholzschlepperin! – 

um ihren Hals einen Palmfaserstrick trägt.

 

CORPUS CORANICUM mit Vers 4

während seine Frau — Brennholzträgerin! —

um ihren Hals als Schmuck einen Strick aus Palmfasern trägt.

 

 

BEOBACHTUNG

VERBERGÄNZUNG

Auch dieser Vers steht im reinen Nominalstil. Der Nominalsatz ist in den semitischen Sprachen nicht ungewöhnlich und wird im Deutschen i. d. R. mit einer Form des Hilfsverbs „sein“ übersetzt, vgl. hier BUBENHEIM. Dieser Vers bewegte offenbar zu dichterischen  Freiheiten und so finden sich folgende Verben: 

hängen – ULLMANN, KHOURY, KARIMI,

haben – PARET, MAHER / AL AZHAR,

legen – BOBZIN,

tragen – NEUWIRTH, CORPUS CORANICUM.

 

KOMMENTARE

BELL 684 hatte bereits darauf hingewiesen, dass hier ein „Stück arabischer Satire“ vorliegt, das die Frau eines Würdenträgers als „gewöhnliche Frau“ zeichnet, „deren Herbeitragen von Brennholz sich einer angesehenen Frau nicht geziemt.“

KHOURY 604 überliefert aus der Tradition: „Qatada erklärt die Wörter min masadin als (ein Halsband) aus Muscheln. Mit dem Strick trägt sie das Holz, oder der Strick dient in der Hölle zu ihrer Qual.“

BOBZIN 777 erläutert: „‘Palmfaserstrick‘“ […], was als Zeichen der Erniedrigung aufzufassen ist.“

NEUWIRTH 143 erläutert die „Invektive durch Verunglimpfung der Gattin“ auch in diesem Vers: Sie wird nicht nur „als Zuträgerin des Brennholzes für das Feuer vorgestellt […], in dem ihr Mann brennen wird“, sondern „[i]hre Demütigung […] kulminiert in einem noch kompromittierenderen Bild: Sie wird vorgestellt als ihres Schmuckes entledigt, an dessen Stelle ein von Sklavinnen getragener Palmfaserstrick getreten ist.“

Diese Erniedrigung ist besonders auch darum so wirkungsvoll, weil „der schlanke, schmuckbehangene Hals der Frau Standardinventar altarabischer dichterischer Panegyrik“ ist, die an Vorbilder „in der Ikonographie der hellenestischen Göttinnenbilder“ anschließt, „besonders von Aphrodite“ und verweist auf Abbildungen, („Mosaik aus Hama“), „die ein Frauenideal der Umaiyadenzeit wiedergeben“.

CORPUS CORANICUM erläutert:

fī ǧīdihāḥablum min masad] „The word jīd  [Hals“, mE] usually denotes a woman’s neck from the aesthetic viewpoint, i.e. the place on which ornaments and the like are hanging“ (Rubin 1979, 27, mit Anm. 78). Daraus folgt jedoch keineswegs, dass es sich bei dem „Palmfaserstrick“ (ḥabl min masad) um eine regelrechte Halskette handelt (ebd., 27). Die Verwendung von ǧīd dürfte die Erwartung der Hörer sicherlich auf die Nennung eines wertvollen Schmuckstücks gelenkt haben – eine Erwartung, die sich gleich im Anschluss als Ironie entpuppt. Die Übersetzung versucht, diesen Effekt durch das Prädikat „ist geschmückt“ nachzubilden. – Der gesamte Vers lässt sich auch, mit August Fischer, als an imrāʾatuhū anschließender Relativsatz auffassen (vgl. Paret, Kommentar, 530): „Er wird in flammendem Feuer schmoren / und [ebenso] seine Frau – Brennholzträgerin! –, deren Hals ein Strick aus Palmfasern schmückt“).“

 

Köln-Merkenich,
Dienstag, den 25. November 2025

                                                                                 

 

 

Gen 36,10

אֵ֖לֶּה שְׁמֹ֣ות בְּנֵֽי־עֵשָׂ֑ו אֱלִיפַ֗ז בֶּן־עָדָה֙ אֵ֣שֶׁת עֵשָׂ֔ו רְעוּאֵ֕ל בֶּן־בָּשְׂמַ֖ת אֵ֥שֶׁת עֵשָֽׂו׃

 

mE

Dies sind die Namen der Söhne Essaws: Eliphas, ein Sohn Adas, Essaws Frau; Ruel, ein Sohn Basmaths, Essaws Frau.

 

Buber / Rosenzweig

Dies sind die Namen der Söhne Essaws:

Elifas Sohn Adas, Weibs Essaws, Ruel Sohn Bassmats, Weibs Essaws.

 

van Dyke

‎هذِهِ أَسْمَاءُ بَنِي عِيسُو: أَلِيفَازُ ابْنُ عَدَا امْرَأَةِ عِيسُو، وَرَعُوئِيلُ ابْنُ  بَسْمَةَ امْرَأَةِ عِيسُو 

 

Peschitta

ܘܗܠܝܢ ܫܡ̈ܗܐ ܕܒܢ̈ܝ ܥܣܘ. †ܪܥܘܐܝܠ ܒܪ ܒܣܡܬ ܐܢܬܬܗ ܕܥܣܘ†. ܐܠܝܦܙ ܒܪ ܥܕܐ ܐܢܬܬܗ ܕܥܣܘ

VOKABELN

NOMEN

ܒܪܐ  pl.  ܒܢܝܐ – Sohn;

ܐܝܬܬܐ  - Frau, Ehefrau – Wurzel: ???;

PARTIKEL

ܗܠܝܢ - dieser, diese, dieses.

 

BEOBACHTUNG

1 Matriarchat

Die Bibel ist fantastisch. Nach der patriarchalischen Liste der Söhne folgt die matriarchalische Liste – einfach nacheinander, kommentarlos, gleichberechtigt.

 

2 kinder

Statt von „Söhnen“ spricht LUTHER 1545 von „kindern“:

L45 vnd so heissen die kinder Esau. 

Das klingt ungewöhnlich. Doch im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm, DWB 11,713ff, ist dazu nachzulesen:

In bezug auf das geschlecht findet sich, dasz kind ohne weiteres auch eins der beiden geschlechter bezeichnet.
a) kind als knabe, sohn: […] Konrad gibt die trinität an geist vater unde kint Silv. 2969“.

BELEG: KONRAD VON WÜRZBURG (zwischen 1220 und 1230-1287), „Silvester“, Hg. v. W. Grimm, Göttingen 1841.

Der Kommentar dazu:

Es spricht sich darin ein gefühl vom höheren werte des männlichen geschlechts aus, das früher sehr lebhaft und auch rechtlich ausgeprägt war (rechtsalt. 407. 472), als wäre nur der sohn recht eigentlich ein kind, nicht die tochter. noch hört man im scherz behaupten, töchter seien eigentlich keine kinder, ein vater habe etwa zwei kinder und ein mädchen, z. b. in Thüringen; im Hennebergischen sagte früher ein vater alles ernstes, theilweis noch jetzt, er habe zwä kinner un drei mädla, s. Frommann 2, 212. so bedeutet in den deutschen gemeinden am Monte Rosa (sp. 382) chind schlechtweg sohn, s. Schott 278. 144.“

Dann aber hießt es ergänzend:

„aber auch für tochter, mädchen gilt kind schlechthin, in der Schweiz besteht die kleine familie aus buben und kindern, bei einem neugebornen fragt man ob es ein büebli sei oder es chint.“

Das ist nur ein scheinbarer Widerspruch. So wird belehrt:

"Der widerspruch mit dem vorigen gebrauch ist nur scheinbar, dort meint kind dem erbe gegenüber das rechte, eigentliche kind (wie u. 2, c dem unechten kind gegenüber), hier aber ist es den söhnen gegenüber die geschlechtlose allgemeine bezeichnung, die auch den erwachsenen töchtern bleibt; trat doch die frau überhaupt aus der vormundschaft, also einem gewissen kinderverhältnis nie heraus. Damit könnte zusammenhangen, dasz in der Schweiz von dem mädchen im hause nicht im fem., mit sie, ihr geredet wird, sondern mit dem neutr., es, sein, auch wenn der name eben genannt war, der freilich meist deminutiv ist; ebenso von mägden und frauen überhaupt, s. z. b. Gotthelf Uli der knecht cap. 9 und 2, sp. 710 mitte. Auch dieser gebrauch von kind ist schon ahd. nach 'chint filia', mhd. heiszen junge mädchen kint (wb. 1, 817b), auch Neidharts dorfdirnen, z. b. Hiltburc ein vil schœneʒ kint 42, 10, s. auch 49, 1. 20, 8. 25, 2, ein tanz von 'höfschen kinden' 15, 36.“

 

3 Frauen

Der Nachsatz „Essaus Frau“ weckt in einer monogamisch geprägten Kultur die Assoziation „sie  und nur sie ist seine Frau“. Das reibt sich damit, dass Essaw mehrere Frauen hat, so dass eigentlich näher läge: „Adah, eine von Essaws Frauen“. So übersetzt MENDELSSOHN konsequent im Plural:

M Eliphas, Sohn der Adah, Esaus Frauen; Reuel, Sohn der Basmath, Esaus Frauen.

Das „korrigiert“ Annette BOECKLER unkommentiert in ihrer Überarbeitung von Mendelssohn Bibelübersetzung:

B/M Elifas, Sohn der Ada, Esaws Frau, Re’u’el, Sohn der Basmat, Esaws Frau.

Die GN umschifft diese Klippe elegant, opfert dafür den Listencharakter dieses Verses und damit auch die Betonung der Mütter in dieser Aufzählung:

GN GNB Von seinen Frauen Ada und Basmat hatte Esau je einen Sohn: Elifas und Reguël.

 

3 Reihenfolge

Die PESCHITTA stellt die Reihenfolge der beiden Söhne um, erst wird Ruel genannt, dann Elifas.

 

 

Köln-Merkenich,
am Freitag, den 28. November 2025

 

 

KOMMENTARE

JACOB 679 sieht hier keine zweite Liste, sondern betont: „Sollen aber als Namensträger die Enkel angegeben werden, so müssen die Namen der Söhne mit ihren Müttern wiederholt werden“.

Für WESTERMANN 686 zeigen die beiden „Überschriften in V. 9 und 10a“, dass die Genealogie der Verse 10-14 einmal selbstständig bestand und vom Redaktor der Priesterschrift, P, eingefügt worden ist.

SOGGIN 466 hält fest, beginnend mit Vers 10b „[ist] die „Liste […] nach Esaus Frauen und nicht nach Esaus Söhnen gegliedert.“

 

 

*

 

 

Q 111 – Gesamtwürdigung

 

Nach NEUWIRTH HKK I 143 „haben wir“ mit dieser Sure „die älteste koranische Invektive vor uns.“ Solche Schmähungen waren in der altarabischen Dichtung nicht unüblich, hidja‘ genannt, in der „‘die alten Dichter ihre Gegner, Männer wie Frauen, zu verunglimpfen pflegten: sie sei keine Frau vornehmen Standes, sondern eine verächtliche Brennholzträgerin, d. h. eine Sklavin oder sonst eine Frau in tiefster sozialer Stellung‘ (Fischer 1937, 35).“ CC. 

BELEG: Fischer, August: „Der Wert der vorhandenen Koran-Übersetzungen und Sure 111“. In: Hirzel, Leipzig 1937, S. 3–9. Berichte über die Verhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Philologisch-Historische Klasse.

Anders als diese Gemeinheiten, wendet sich diese Sure allerdings nicht gegen eine Familie oder Sippe, sondern gegen zwei Einzelpersonen, die von „vornehmer Herkunft“ sein müssen. „Denn ihre im Text getroffene soziale Herabstufung […] / ist nur bei Voraussetzung eines stolz behaupteten priviligierten Standes des Paares überzeugend.“ NEUWIRTH HKK I 144f

Höllenvorstellungen ermöglichen dabei die eigenen destruktiven Teile recht hemmungslos zu offenbaren – was heute wohl eher Filme und Videospiele ermöglichen.

 

 

Köln-Merkenich,
Montag bis Freitag, den 1.-5.. Dezember 2025

                                                                                 

 

 

Gen 36,11

‎וַיִּהְי֖וּ בְּנֵ֣י אֱלִיפָ֑ז תֵּימָ֣ן אוֹמָ֔ר צְפ֥וֹ וְגַעְתָּ֖ם וּקְנַֽז׃ 

 

mE

Und die Söhne Eliphas’ waren Teman, Omar, Zepho und Ga’tam und Kenas.

 

Buber / Rosenzweig

Die Söhne des Elifas waren Teman, Omar, Zfo und Gatam und Knas.

 

van Dyke

‎وَكَانَ بَنُو أَلِيفَازَ: تَيْمَانَ وَأَوْمَارَ وَصَفْوًا وَجَعْثَامَ وَقَنَازَ 

 

Peschitta

ܘܗܘܘ ܒܢ̈ܘܗܝ ܕܐܠܝܦܙ. ܬܝܡܢ ܘܐܘܡܪ ܘܨܦܘ ܘܓܥܬܡ ܘܩܢܙ

 

 

BEOBACHTUNG

UND UND

Die arabische und aramäische Übersetzung fügen vor jeden Namen ein „und“ ein, nicht nur bei den letzten beiden Namen wie im Masoretischen Text. Warum dort zweimal ein „und“ steht lässt mich intuitiv vermuten, dass hier an Zwillinge gedacht wird. Wo es in einer Familie Zwillinge gab – Esau und Jakab – treten sie häufig wieder auf…

Die Septuaginta lässt das vorletzte „und“  - wohl aus stilistischen Gründen – aus. Ihr folgen L45 L84 L17 ESV TANAKH LSG BFC EIN SCH NL D83 D92 M B/M LAMSA ANTIOCH HIRSCH WEST SOGG GN GNB BB

Der Beobachtungsgegenstand ist geringfügig. Er zeigt jedoch, dass diese genannten Übersetzungen – mindestens in diesem Vers – eher an der Zielsprache als an der Ausgangssprache interessiert sind (vgl. ZIMA, Komparatistik, 212).

Interessanterweise bleibt Hieronymus beim Original, sonst nicht lässig darin zu kürzen:

VUL fueruntque filii Eliphaz Theman Omar Sephu et Gatham et Cenez

Ihm folgen: SBJ KJV NAS  ELB ZUR ZUNZ PHIL JACOB SEEB B/R mE
 Die Bibel in gerechter Sprache bietet eine andere erklärende Variante:

BiG dazu Gatam und Kenas.

 

KOMMENTAR

JACOB 679f erläutert ausführlich wo die genannten Namen an anderer Stelle in der hebräischen Bibel vorkommen. Besonders auffällig: Teman, „ein öfter genannter Bezirk von Edom […] berühmt durch Weisheit Jer 49,7, daher der führende Sprecher im Buche Hiob Eliphas aus Teman“, sowie die Tatsache, dass für zwei Namen gilt, außer in der Parallelstelle 1 Chr 1,36: „sonst nicht vorkommend“: Omar und Zfo. 
Können diese Bezüge zu Hiob – sicherlich anders als von Jacob beabsichtigt – auch so aufgefasst werden, hier eine zeitliche Nähe zumindest der Bearbeiter dieser Stelle zur Entstehungszeit des Buches Hiobs zu vermuten?

SARNA 249 erläutert wie JACOB die Beziehung des Namens Teman zu Edom bzw. Petra: „The identity of a personal and geographical name indicates a close connection between the tribe and a particular territory.“ 250: „Kenaz appears in the gentillic form „the Kenizzites“ in the register of pre-Israelite inhabitants of Canaan in Abraham’s day“ in Gen 15,19.

WESTERMANN 686 betont, dass zwar mit der Genealogie „das Vollk Edom gemeint [ist], das von Esau abstammt; es ist aber zu beachten, dass jeder einzelne Name als Personenname, nicht als Gruppen- oder Stammesname gemeint ist.“ Das Volk ist aus einer Familie, der Famlie Esaus erwachsen; allein dieser familiäre Aspekt ist hier dargestellt.“ Das würde der Darstellung der Familie Jaakobs und des Ursprungs der Stämme Israels entsprechen.

SOGGIN hält fest,: „Die LXX hat Σωφαρ [Sophar] statt sefo gelesen, also denselben Namen wie in Hiob 2,11ff. Doch es handelt sich wahrscheinlich um eine Anpassung an ‚elifaz, auch einen der drei Freunde Hiobs.“

 

NAMENSBEDEUTUNG

Die vermutliche Bedeutung der Namen: 

Teman: „das rechts Liegende: Süden“, Gesenius.

Omar: „eloquent“, BDB,

Zepho: „gaze, gazing“, BDB,

Ga’tam: ? 

Kenas: ?

 

NACHTRAG zu Gen 36,10 zur PESCHITTA

Sowohl die Bibel-Software „Logos“ als auch „Bible-Works 10“, BW10, geben die Leiden-Peschitta wieder, Logos in der Fassung von 2008. Ihr liegt, so Logos, die „photolitografische Ausgabe“ von Antonio Maria CERIANI, 1828-1907, (https://gedsh.bethmardutho.org/Ceriani-Antonio-Maria - eingesehen am 02.12.2025) von 1876 zu Grunde. BW10 präsentiert die Leiden-Peschitta in der Ausgabe von 2012. In beiden werden die Söhne in der umgekehrte Reihenfolge genannt, also Ruel zuerst, dann Eliphas. 

Beide mir vorliegenden englische Übersetzungen haben die ursprüngliche Reihenfolge, zuerst Eliphas dann Ruel, sowohl LAMSA, 1957, als auch die ANTIOCH-BIBLE, 2019, die Antioch-Bible auch im syro-aramäischen Text. Sie präsentiert die „West-Syrische Version des Peschitta-Mossul-Textes von 1887-1891“, die „Mosul-Edition“, im Reprint von New York 2010, Vorwort S. VII.



*

 

 

Köln-Merkenich,
am Montag/Dienstag, den 8./9. Dezember 2025

 

 

Q 104,1

بِسْمِ ٱللَّهِ ٱلرَّحْمَ‍ـٰنِ ٱل‍‍رَّح‍ِ‍ي‍مِ
وَيْلٌ لِّكُلِّ هُمَزَةٍ لُّمَزَةٍ (١)

VOKABELN

NOMEN

ويل - Unheil;

همزة - LANE 2901: „One who blames“ Verleumder; <  همز , i – anstacheln, verleumden, (dem Pferd) die Sporen geben;

لمزة - LANE 2673 „One who blames“ < لمز , i – schmähen.

 

mE

Im Namen des Gottes des Erbarmers des Barmherzigen:

Unheil jedem Verleumder, Kränker!

 

RÜCKERT (zwischen 1836-1839)

-


ULLMANN (1840)

Wehe einem jeden Verleumder und Lästerer,

 

HENNING/SCHIMMEL (1901/2023)

Weh jedem lästernden Verleumder,

 

HENNING/HOFMANN (1901/2006)
Weh einem jeden Verleumder und Nörgler,

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Wehe jedem lästernden Verleumder.

  
BELL (1937)

Woe to every maligner, scoffer,

 

PARET (1979, 2001), KHOURY (1987, 1992), MAHER/AL AZHAR (1999), BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), KARIMI (2009)

Wehe jedem Stichler und Nörgler, 

 

ZIRKER (2003, 2018)

Weh jedem Lästerer und Verleumder,

 
BOBZIN (2010, 2017)

Wehe jedem Stichler, Lästerer,


NEUWIRTH (HKK I 2011)

Wehe jedwedem Stichler und Nörgler,

 

CORPUS CORANICUM (08.12.2025)

Wehe einem jeden Verleumder und Schmähredner,


BEOBACHTUNGEN

1 ÜBEREINSTIMMUNG

Dies ist einer der seltenen Fällen, wo so verschiedenartige Übersetzer wie Paret und Karimi komplett übereinstimmen (bislang nur in Q 107,4).

 

2 SYNONYME

Wenn man dem Wörterbuch von LANE 2901 und 2673 folgt, sind die beiden letzten Nomen des Verses Synonyme die sich auch klanglich sehr ähnlich sind wie „Hinz und Kunz“ oder „Kind und Kegel“. Dabei ergibt sich folgendes Bild:

Die Übersetzung von ULLMANN zeigt hier eine bemerkenswerte Prägekraft, die sich selbst bei BOBZIN zeigt – der sonst nicht viel von dieser Übersetzung hält, vgl. Q 92,3, Q 1,6. ZIRKER stellt die Reihenfolge zwar um, bis auf die Mittelgruppe findet sie aber bis in die Gegenwart Nachahmer. 

PARET führte für den zweiten Begriff „Nörgler“ ein und fand darin – bis hin zu Angelika NEUWIRTH – viele Nachahmer. Damit nimmt dieses Wort nach meinem Empfinden eine subjektive Färbung an. Bei Schmähungen und Verleumdungen ist es in der Regel einfacher aufzuweisen, worin sie schmähen und verleumden, als das zu benennen, was ein „Nörgeln“ ist. Damit bewegt sich dies Wort an die Grenze des synonym Begriffsfeldes bzw. verlässt es.
 

3 SELBSTANWENDUNG

Der Vers selbst übertrifft das, was er angreift: Gegen Verletzungen stellt er einen Fluch.

 

 

KOMMENTARE

PARET 521 und KHOURY 561 verweisen auf den parallelen Vers Q 68,11.

NEUWIRTH 147 verweist auf Untersuchungen, die die besondere Form des Wehrufes untersuchen, bes. Geert Jan Van Gelder: The Bad and the Ugly, Leiden, New York, 1988.

CORPUS CORANICUM erinnert an Wehsprüche aus der Bibel: „Wehsprüche als grundlegende Form prophetischer Rede begegnen bereits in der Hebräischen Bibel (vgl. etwa Micha 2:1–3).“

Micha 2,1-3: 

Weh denen, die Schaden zu tun trachten und gehen mit bösen Gedanken um auf ihrem Lager, dass sie es frühe, wenn's licht wird, vollbringen, weil sie die Macht haben!

 2 Sie reißen Äcker an sich und nehmen Häuser, wie sie's gelüstet. So treiben sie Gewalt mit eines jeden Hause und mit eines jeden Erbe.

 3 Darum spricht der HERR: Siehe, ich ersinne wider dies Geschlecht Böses, aus dem ihr euren Hals nicht ziehen und unter dem ihr nicht so stolz dahergehen sollt; denn es soll eine böse Zeit sein.  (L84)

CC verhandelt im Anschluss an Neuwirth – ohne Hinweis – die grammatische Form der beiden Nomen. Sie folgen dem „Bildungsschema fuʿala mit einem Emphase ausdrückenden tāʾ marbūṭa“, das auch sonst belegt ist, und verweist auf „Beispiele bei Wright, Bd. 1, 139: suʾala, ḍuḥaka, quwala etc. Die beiden zugrunde liegenden Wurzeln erscheinen auch an anderer Stelle im Koran“, z. B. Q 68,11 und Q 23,97 sowie Q 9,58; Q 9,79 und Q 49,11, „so dass humaza und lumaza als Synonyma zu betrachten sind.“

BELEG: Caspari,  Carl Paul; Wright, William; Smith, William Robertson; Goeje, Michael Jan de: 

A grammar of the Arabic language. Bd.  1, 3. ed. revised by W. Robertson Smith and M. J. de Goeje, Cambridge, Univ. Press, 1896.

  

 

Stichwort: Wehruf

Köln-Merkenich,
Mittwoch/Donnerstag, den 10./11. Dezember 2025

                                                                                 

 

 

Gen 36,12

 

וְתִמְנַ֣ע׀ הָיְתָ֣ה פִילֶ֗גֶשׁ לֶֽאֱלִיפַז֙ בֶּן־עֵשָׂ֔ו וַתֵּ֥לֶד לֶאֱלִיפַ֖ז אֶת־עֲמָלֵ֑ק אֵ֕לֶּה בְּנֵ֥י עָדָ֖ה אֵ֥שֶׁת עֵשָֽׂו׃

VOKABEL

NOMEN

פִּילֶגֶשׁ - Nebenfrau.

 

mE

und Timna. Eliphas, der Sohn Essaws,  hatte eine Nebenfrau und sie gebar Eliphas Amalek. 
Dies sind die Söhne Adas, der Frau Essaws.

 

Buber / Rosenzweig

Timna aber war ein Kebsweib des Elifas Sohn Essaws, sie gebar dem Elifas Amalek.

Dies die Söhne Adas, Weibs Essaws.

 

van Dyke

‎وَكَانَتْ تِمْنَاعُ سُرِّيَّةً لأَلِيفَازَ بْنِ عِيسُو، فَوَلَدَتْ لأَلِيفَازَ عَمَالِيقَ.  هؤُلاَءِ بَنُو عَدَا امْرَأَةِ عِيسُو. 

VOKABELN

NOMEN

سرية  pl. سرايا – 1: Kompanie; 2: Geheimniskrämerei – vom Verb سرى  , STEINGASS 492: „travel at night“, „V. INF. tasarri […] keep a concubine, live in concubinage.“

PARTIKEL

PARTIKEL

هذا [haːðaː]<f هذه [haːðihiː]; u. Maghr هاته [haːtihiː]; du هذان [haːˈðaːni]; f هاتان [haːˈtaːni]; pl هؤلاء [haːʔuˈlaːʔi]> - dieser, diese, dieses, dies.

 

 PESCHITTA

ܘܬܡܢܥ ܗܘܬ ܕܪܘܟܬܐ ܠܐܠܝܦܙ ܒܪ ܥܣܘ. ܘܝܠ̣ܕܬ ܠܐܠܝܦܙ ܠܥܡܠܝܩ. ܗܠܝܢ ܒܢ̈ܝܗ̇ ܕܥܕܐ ܐܢܬܬܗ ܕܥܣܘ

VOKABELN

NOMEN

ܕܪܘܟܬܐ – Nebenfrau.

ܐܝܬܬܐ  - Frau, Ehefrau.

 

 

BEOBACHTUNG

1 SATZTEILUNG

Im Codex Leningradensis ist nach dem ersten Wort deutlich ein Strich zu sehen:

BHS und BHQ geben ihn auch getreulich wieder. Er bedeutet: „separetes a reading and its witnisses from other readngs and their witnisses within a case“, BHQ XI.

Das kann als Hinweis verstanden werden, dass nach Ansicht der Masoreten dies Wort noch zum vorhergehenden Satz gehört.

Septuaginta, Peschitta und die Samaritanische Übersetzung sehen es aber anders und übersetzen wie Buber und Rosenzweig.

Der Name erscheint weiblich – was, wie 1 Chr 1,39 zeigt – auch angebracht ist. Dort heißt die Schwester Lotans Timna.  In der Parallelstelle zu diesem Kapitel, 1 Chr 1,36, wird Timna allerdings zu den Söhnen Eliphas gezählt, in Gen 36,40 heißt so einer der Fürsten, vgl. 1 Chr 1,51.

Meine Übersetzung wird sonst von keiner anderen der eingesehenen geteilt. Für sie spricht, dass ansonsten die Mütter der Söhne Eliphas, Enkel Esaus‘,  nicht genannt werden.

JACOB 680 berichtet aber, dass ein rabbinischer Ausleger dies genauso las: „Nach einem Erklärer bei Tobija b. Elieser לקח טוב [lekach tuw] […]  gehört ותמנע [watemnaa] vom Anfang des nächsten Verses auch an des Ende von v. 11, ist also an letzterer Stelle als sechster Sohn ausgefallen. […] Ramb. [= Nachmanides, 1194–1270] meint, dass […] ותמנע  [watemnaa] v. 12 noch zu v. 11 gehöre.“ Demnach wird in „v. 12 der Name des Kebsweibes gar nicht genannt […], damit nicht ein Mann und eine Frau gleichen Namens aufeinander folgten“

Im von JACOB genannten Midrasch Lekach Tov, Genesis 36,12,6 heißt es: וגם הנה כתוב ותמנע שהוא בן
 אליפז

„Und hier steht geschrieben, und Timna, dass er der Sohn von Elifas war.“ (Google-Übersetzung).

Quelle: https://www.sefaria.org/Genesis.36.12?lang=bi&with=Midrash%20Lekach%20Tov&lang2=en – eingesehen am 11.12.2025.

 

2 ANDROGYN

In SOGGINs Übersetzung ist Timna androgyn:

SOGG timnah war die „Nebenfrau“ von elifas, Sohn Esaus, und zeugte dem elifaz ‘amalek


 

KOMMENTARE

JACOB 680 ist die Beobachtung, dass der Name der Mutter des Enkelkindes Amalek genannt wird, eine Notiz wert: Er verbindet diesen Vers mit V 22 und meint: „Damit soll uns gesagt, dass die Vermischung mit den Horiters sich in der nächsten Generation fortsetzte. Ferner ergibt sich das Missverhältnis, dass Esau aus der jüngeren Generation, sein Sohn aus der älteren heiratet! Die Jüngste kann diese Timna auch nicht gewesen sein. Dabei ist der Vater ihres Mannes, der Mann ihrer Nichte.“ Zudem fällt JACOB 691 zu v 40 auf, dass dort der Name „von der Masora wahrscheinlich als Mann, und der v. 11 (s. d.) ausgefallene sechste Sohn des Eliphas aufgefasst“ hat, „zu unrecht“, Frauen als Fürstinnen „haben wir auch in Ohilabama“.

JACOB 680 vermittelt folgende Auffassung: „Da Amalek wegen seines tückischen Verhaltens beim Auszug aus Ägypten für Israel der verhassteste Volksstamm ist, den es gänzlich auszurotten geheißen wird (Ex 17,14; Dtr 25,17ff), während es den der Edomiter und die bene Esaw nicht hassen oder beeinträchtigen darf (Dtr 23,8; Dtr 2,5), so kann die Absicht zur sein, die Niedertracht Amaleks mit seiner niedrigen Herkunft zu erklären: er war der Sohn eines Kebsweibes.“
 Was für einige Söhne Jaakobs dann ähnlich zuträfe…

JACOB 681 hält allerdings die Tatsache fest: „Sonst werden keine Schwiegertöchter von Esau mit Namen genannt“.

SARNA 250 vertritt nahezu die gleiche Auffassung wie JACOB:

Köln-Merkenich,
am Dienstag, den 16. Dezember 2025

 

 

Q 104,2

الَّذِي جَمَعَ مَالًا وَعَدَّدَهُ (٢)

VOKABELN

VERBEN

جمع , a – sammeln

عد , u – rechnen, zählen.

NOMEN

مال , pl. اموال – Vermögen, Geld.

 

mE

Der Geld sammelt und es zählt.

 

ULLMANN (1840)

welcher Reichtümer aufhäuft und (zusammenrechnend) für die Zukunft bereitlegt.

 

HENNING/SCHIMMEL (1901/2023)

Der Gut zusammenscharrt und es hinterlegt;

 

HENNING/HOFMANN (1901/2006)
Der ein Vermögen zusammenscharrt und (immer wieder) abzählt.

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Der Besitz häuft und wahrt.

  
BELL (1937)

Who gathers wealth and counts it over,

ANM.: „Or ‚hoards it‘ as a precaution against coming calamity.“

 

PARET (1979, 2001)
der (viel) Geld und Gut zusammenbringt und es (immer wieder) zählt 

 

KHOURY (1987, 1992)

der sein Vermögen zusammenbringt und es zählt

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

der viel Vermögen zusammenträgt und es immer wieder zählt!

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), 

der Besitz zusammenträgt und ihn zählt und immer wieder zählt,

 

ZIRKER (2003, 2018)

der Vermögen zusammenbringt und zählt!

 
KARIMI (2009)

der Reichtümer zusammenbringt und sie wiederholt zählt!

 
BOBZIN (2010, 2017)

der Reichtum sammelte und zählte!


NEUWIRTH (HKK I 2011)

der Gut ansammelt und es abzählt,

 

REINBOLD (2022)
verweist auf Lk 12,16-21: Gleichnis vom reichen Kornbauern.

 

CORPUS CORANICUM (16.12.2025)

der Besitz hortet und ihn zählt.

 

BEOBACHTUNGEN

1 مال , mal

Dies Nomen steht im Singular. Einige übersetzen es im Plural:

ULLMANN KARIMI Reichtümer

Es wirkt wie eine Kulturgeschichte des Geldes, wie dies Wort im Verlauf der Zeit wiedergegeben wird:

Die Spannbreite reicht von

ULLMANN BOBZIN Reichtum

über 

HENNING/SCHIMMEL NEUWIRTH Gut PARET Geld und Gut

zu 

GOLDSCHMIDT BUBENHEIM CC Besitz

und

BELL wealth

KHOURY MAHER/AL AZHAR ZIRKER Vermögen.
Geld - kommt nur bei PARET et moi vor.

 

2   عد(aad), u – rechnen, zählen

Das zweite Verb dieses Verses steht im Zweiten Stamm, d. i. die Intensiv- bzw. Kausativform.

Kausativ wurde es von den frühen Kollegen als causa finalis verstanden: 

ULLMANN für die Zukunft bereitlegt

HENNING/SCHIMMEL hinterlegt

GOLDSCHMIDT wahrt

BELL hoards it as a precaution against coming calamity

Die Intensivbedeutung wird von der mittleren Generation verstanden als iteratives Handeln:

PARET es (immer wieder) zählt 

So auch MAHER/AL AZHAR BUBENHEIM KARIMI

KARIMI und sie wiederholt zählt

BELL ist nüchtern:

BELL counts it over

Diese Einfachheit prägt die jüngsten Übersetzungen von BOBZIN NEUWIRTH CC und ZIRKER et moi:

ZIRKER zählt

 

KOMMENTARE

KHOURY 561 verweist auf eine ähnliche Stelle in Q 70,18.

NEUWIRTH, HKK I 148, stellt heraus, dass der „Lasterkatalog“ „einen einzigen Vorwurf“ beinhaltet: „Besitzgier“. Sie „wird durch die beiden Tätigkeiten des Sammelns und Zählens verbildlicht.“

 

 

 

 

Köln-Merkenich,
Mittwoch, den 17. Dezember 2025

                                                                               

Gen 36,13

 

         ‎וְאֵ֙לֶּה֙ בְּנֵ֣י רְעוּאֵ֔ל נַ֥חַת וָזֶ֖רַח שַׁמָּ֣ה וּמִזָּ֑ה אֵ֣לֶּ֣ה הָי֔וּ בְּנֵ֥י בָשְׂמַ֖ת  אֵ֥שֶׁת עֵשָֽׂו׃

 

mE

Und dies sind die Söhne Ruels: Nachat und Serach, Schamma und Misa.
Das sind sie, Söhne Basmaths, Essaws Frau.

 

Buber / Rosenzweig

Und dies sind die Söhne Ruels: Nachat und Sarach, Schamma und Misa.

Dies waren die Söhne Bassmats, Weibs Essaws.

 

van Dyke

‎وَهؤُلاَءِ بَنُو رَعُوئِيلَ: نَحَثُ وَزَارَحُ وَشَمَّةُ وَمِزَّةُ. هؤُلاَءِ كَانُوا بَنِي  بَسْمَةَ امْرَأَةِ عِيسُو 

 

Peschitta

ܘܗܠܝܢ ܒܢ̈ܝ ܪܥܘܐܝܠ. ܢܚ̇ܬ ܘܙܪܚ. ܘܫܡ̇ܐ ܘܡܙܐ. ܗܠܝܢ ܒ̈ܢܝ ܒܣܡܬ ܐܢܬܬܗ ܕܥܣܘ

 

BEOBACHTUNG

1 Söhne

Die GN GNB übersetzt:

GN GNB Reguël wurde der Vater von Nahat, Serach, Schamma und Misa.

Damit wird unklar, ob hier Söhne genannt werden oder nicht.

 

2 Enkel – Nachkommen

Die – mögliche – Irritation, dass die Enkel als Söhne der Großmutter Basmath bezeichnet werden, was den Inzest voraussetzen würde, beseitigen die modernen Übersetzungen:

BFC Tels furent les petits-fils d'Ésaü et de sa femme Basmath. (Gen. 36:13 BFC)

GN GNB BB Sie alle stammen von Esaus Frau Basemat ab.

BiG Soweit die Nachkommen Basemats.

Hier verschwindet der Vater.

Es ist einmal mehr bemerkenswert, dass sich die „modernen“ Übersetzungen dadurch auszeichnen, dass sie Mehrdeutigkeit tilgen und vereindeutigen.

Im Hebräischen – laut GESENIUS, MATHEUS u. a. trägt da hebräische Wort בֵּן, ben, neben der Bedeutung „Sohn“ auch die Bedeutung „Enkelsohn“, s. Gen 32,1.

Der Beischlaf zwischen Mutter und Sohn wird im Codex Hamurapi ausdrücklich verboten,  TUAT I,61f – also kam er vor; vgl. Lev 18,6-18.

 

 

KOMMENTAR

WESTERMANN 683 bemerkt, dass die Septuaginta den vierten Namen anders wiedergibt: 

LXX Μοζε

LXXD Moze

 

*

 

Köln-Merkenich,
am Mittwoch, den 31. Dezember 2025
 am Samstag/Montag, den 3./5. Januar 2026

 

Q 104,3

يَحْسَبُ أَنَّ مَالَهُ أَخْلَدَهُ (٣)

VOKABELN

VERBEN

حسب , u hasaba – (be-)rechnen, anrechnen;

حسب , a hasiba – glauben, meinen;

 خلد, u – ewig dauern, unsterblich sein; HIER IV. STAMM (kausativ): sich zurückziehen. 

LANE 784 „caused him to remain“, WEHR 294 „to eternize, make immortal“

 

mE

Er rechnet damit, dass sein Geld ihn unsterblich macht.

 

ULLMANN (1840)

Er glaubt, dass der Reichtum ihn unsterblich mache.

 

HENNING/SCHIMMEL (1901/2023)

Er wähnt, dass sein Gut ihn unsterblich machen kann.

 

HENNING/HOFMANN (1901/2006)
Im Glauben, dass sein Vermögen ihn unsterblich mache.

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Er denkt, sein Besitz mache ihn unsterblich.

  
BELL (1937)

Thinking that his wealth will perpetuate him!

 

PARET (1979, 2001)
und meint, sein Besitz würde ihn unsterblich(?) machen (wörtlich: würde ihm Dauer verleihen).

 

KHOURY (1987, 1992)

und dabei meint, sein Vermögen würde ihn unsterblich machen!

 

MAHER/AL AZHAR (1999)

Er meint, dass sein Vermögen ihm ewiges Leben verschafft.

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), 

wobei er meint, dass sein Besitz ihn ewig leben ließe!

 

ZIRKER (2003, 2018, 2021)

Er meint, sein Vermögen mache ihn unsterblich.

 
KARIMI (2009)

Er glaubt, sein Gut mache ihn unsterblich.

 
BOBZIN (2010, 2017)

Er denkt, sein Reichtum mache ihn unsterblich.


NEUWIRTH (HKK I 2011)

glaubend, dass dein Gut ihn unvergänglich macht.

 

CORPUS CORANICUM

Er meint, sein Besitz würde ihn unsterblich machen.

 

 

BEOBACHTUNGEN

1  حسب , chasab, rechnen, meinen

Das Wortspiel, dass jemand beim Zählen seines Geldes nicht nur rechnet, sondern sich auch damit etwas ausrechnet, wird von keiner der eingesehenen Übersetzungen übernommen.

 

2 unsterblich

Hingegen tritt mit der Übersetzung mit einer Form von „glauben“ die religiöse Bedeutung hervor – ähnlich wie im Begriff „Kredit“ das „Credo“ mitklingt. Schließlich geht es um die Aneignung einer Eigenschaft, die sonst nur einer Gottheit zugeschrieben wird. Die religiöse Funktion des Geldes tritt damit zu Tage. Zugleich habe ich in dieser Kürze noch nie eine Erklärung dafür gefunden, warum die Gier unersättlich ist: Wenn es um Unsterblichkeit geht ist keine Geldsumme zu gering.
 Hier wird vorweg genommen, was Georg SIMMEL in seiner „Philosophie des Geldes“, 1920, 175, herausgearbeitet hat:

„Zu den wesentlichen Charakterzügen von Gold und Silber gehört ihre relative Unzerstörbarkeit, in deren Konsequenz ihr Gesamtquantum lange Perioden hindurch fast stetig bleibt, weil jedes durch Schürfung hinzukommende Quantum im Verhältnis zu dem bereits vorhandenen nur minimal ist. Während die Mehrzahl aller anderen Objekte verbraucht wird, in ewigem Flusse verschwindet und sich wieder ersetzt, bleibt das Geld in seiner fast unbegrenzten Dauerhaftigkeit von diesem Wechsel der individuellen Dinge unberührt. 

[…]  das ist die Unsterblichkeit des Königs, die jenseits seiner zufälligen Persönlichkeit, seiner einzelnen Maßregeln, der wechselnden Schicksale seiner Gruppe steht und für die die relative Ewigkeit der Münze, die sein Bild trägt, sowohl als Symbol wie als Beweis wirkt.“

In der altarabischen Dichtung hat der Reichtum jedoch eine funktionale Bedeutung um dieses Ziel der Unsterblichkeit zu erlangen, indem es – ähnlich einem Potlatch im Nordwesten Amerikas oder dem Karnevalsprinzen im Rheinland – in schier unermesslicher Fülle z. B. in einem Festessen ausgegeben wird, dessen man sich noch nach Generationen erinnert – nicht zuletzt dank entsprechender Gesänge, vergleichbar den Siegern von panhellenischen Wettspielen, die durch ein Loblied z. B. von Pindaros, verewigt werden. Gottfried MÜLLER schildert dies in seinem Werk zu den altarabischen Qasiden: „Ich bin Labid und das ist mein Ziel“. Wiesbaden 1981: Es geht um  كرم , karam, „“Großmut, Güte, Freigiebigkeit“, um eine „Macht, die sich im Modus maßloser ‘Verausgabung‘ von Besitz und physischer Kraft, auf einem Geben beruht, das erst dann richtig ist, wenn es ich nicht um das Morgen kehrt, eigentlich unbedacht erfolgt, jedes Kalkül überschreitet und nicht auf einen unmittelbaren Nutzen abzielt, ist der karam die Macht des Prestiges, der Ehre und das Ruhms, mit deren Erwerb der Einzelne Eigenes dauerhafter als sein sterbliches Leben zu machen trachtet, sich in seiner Endlichkeit selbst zu überschreiten anstrebt und sein Wesen, Unsterblichkeit, zu gewinnen sucht.“ 85

Wenn nach Mohammed diese maßlose Verausgabung als Mittel für die eigene Unsterblichkeit entfällt, weil die Ewigkeit nur dem Glaubenden offensteht, bleibt nur die Gier als Selbstzweck übrig. Indem er diese altarabische Sitte des unbedenklichen Verschenkens abgeschafft hatte, schuf er ein Problem – der Reichtum hatte kein Ziel mehr – das er nun zu bekämpfen hat. Demnach dürfte diese Sure nicht zu jüngsten gehören.

 

3 مال mal – Vermögen, Geld

KARIMI und PARET – im Wechsel von Plural zu Singular auch ULLMANN – folgen der Regel für einen guten deutschen Stil: „‘Vermeide Wiederholungen‘“ (Duden, Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle, 2016, Art. „Wiederholung“).
Dass sich BOBZIN und ULLMANN so vertraut miteinander wiederfinden, ist nicht frei von Ironie, hält doch Bobzin wenig von Ullmanns Übersetzung, s. o. zu Q 92,3.

 

 

KOMMENTARE

NEUWIRTH und CC erinnern gleichfalls an die altarabische Dichtung. NEUWIRTH, HKK I, 148: „Das Nachdenken  über Mittel, sich in einer als der Vergänglichkeit preisgegeben wahrgenommenen Welt Unvergänglichkeit zu erwerben, ist charakteristisch für die altarabische Qaside […]. Als ein Weg zur Selbstverewigung gilt neben dem waghalsigen Einsatz im Kampf der verschwenderische Umgang mit eigenem Besitz.“ Sie zitiert aus einem Gedicht: „“Du, der du mich tadelst, dass ich mich in die Mitte der Schlacht werfe und mich den Genüssen hingebe, kannst du mich ewig machen? / Wenn du aber die Schicksalsmächte doch nicht von mir fernhalten kannst, dann lass mich ihnen entgegentreten mit dem, was ich besitze!“, al Anbari (21963: 192f)“.

BELEG: Al-Anbari; Abu Makr Muhammad b. al-Qasim, 1963: Sharh al-qasa’id.

Köln-Merkenich,
Mittwoch-Freitag, den 14.-16. Januar 2026

                                                                                 

 

 

Gen 36,14

‎ וְאֵ֣לֶּה הָי֗וּ בְּנֵ֙י אָהֳלִיבָמָ֧ה בַת־עֲנָ֛ה בַּת־צִבְע֖וֹן אֵ֣שֶׁת עֵשָׂ֑ו וַתֵּ֣לֶד לְעֵשָׂ֔ו אֶת־(יְעִישׁ) [יְע֥וּשׁ] וְאֶת־יַעְלָ֖ם וְאֶת־קֹֽרַח׃

 

mE

Und dies sind die Söhne Oholibamas, Tochter Anahs, Tochter Zibons, Frau Essaws; und sie gebar dem Essaw Jeisch und Jelam und Korach.

 

Buber / Rosenzweig

Und dies waren die Söhne Oholibamas, Tochter Anas, Enkeltochter Zibons, Weibs Essaws:

sie gebar dem Essaw Jusch und Jalam und Korach.

 

van Dyke

‎وَهؤُلاَءِ كَانُوا بَنِي أُهُولِيبَامَةَ بِنْتِ عَنَى بِنْتِ صِبْعُونَ امْرَأَةِ عِيسُو،  وَلَدَتْ لِعِيسُو: يَعُوشَ وَيَعْلاَمَ وَقُورَحَ 

 

Peschitta

ܘܗܠܝܢ ܒܢ̈ܝ ܐܗܠܝܒܡܐ ܒܪܬ ܥܢܐ ܒܪ ܨܒܥܘܢ ܐܢܬܬܗ ܕܥܣܘ. ܘܝܠ̣ܕܬ ܠܥܣܘ. ܠܝܥܘܫ ܘܠܝܥܠܢ ܘܠܩܘܪܚ

 

 

BEOBACHTUNG

1 Ana

Peschitta und Septuaginta legen wert darauf, dass Ana – wie leicht zu vermuten ist – aber doch gewiss keine Frau, sondern ein Mann sei:

LXX Ανα τοῦ υἱοῦ Σεβεγων  (Gen. 36:14 BGT)

LXXD Ana, dem Sohn des Sebegon

PESCH ܥܢܐ ܒܪ ܨܒܥܘܢ

ANTIOCH Anah, son of Zibeon,

LAMSA Anah the son of Zibeon,

Die Dänischen Übersetzungen – die sich sonst fast wörtlich an die Lutherbibel anlehnen – folgen der Septuaginta:

D83 D92 hun var datter af Sib'ons søn Ana

Luther 1545 umgeht diese Hürde und spricht von „Neffe“:

L45 Ana der neffe Zibeons

Daraus wurde in Überarbeitung von 1912 „Enkelin“:

L12 Oholibama, Esaus Weib, der Tochter des Ana, der Enkelin Zibeons,

So auch BUBER / ROSENZWEIG

B/R Tochter Anas, Enkeltochter Zibons

Die Überarbeitungen von 1984 und 2017 gleichen sich wieder der Septuaginta an:

L84 L17 Ana, des Sohnes Zibons

WESTERMANN versetzt diese Wendung in einfache Anführungsstriche – merkwürdigerweise ohne dies in seinem Kommentar zu begründen:

WEST der Tochter Anas, ‚des Sohnes‘ Zibons.

 

2 Basale Expropriation  לְעֵשָׂ֔ו, leessaw, „für Essaw“

Die Zuordnung der Kinder Oholibamas als Kinders Esaus wird überraschenderweise von allen eingesehenen Übersetzungen bis auf eine übernommen. SOGGIN und die BASISBIBEL scheren aus. Die Basisbibel diesmal aber nicht, indem sie diese Wendung einfach auslässt – wie in Gen 36,5 und wie SOGGIN

SOGG sie gebar je’us, ja’alam und qorah
– , sondern durch einen intelligenten Dreh:

BB Sie bekam von Esau drei Söhne

Das ist grammatisch tatsächlich möglich, die Präposition לְ, l, dient nicht nur wie sonst üblich „als Ersatz des Dativs“, FEYERABEND 122, sondern nach MATHEUS 151 auch „zur Markierung einer Beziehung zum Folgenden: in bezug auf, zu, für, von, über, betreffs, gemäß“.

 

3 Jeisch – Jeusch vgl. zu Gen 36,5

 

 

KOMMENTARE

WESTERMANN 686 beobachtet: „Die Genealogie 9-14 enthält ohne Amalek, den Sohn der Nebenfrau Thimna, zwölf Namen. […] RRWilson […] warnt […] mit Recht davor, zu schnell auf Stämmebünde von zwölf Stämmen zu schließen. Man wird nur sagen können, dass mindestens 9-14 die Zwölfzahl als Zahl einer Ganzheit mitgewirkt hat, dass man sie aber wegen des Fluktuierens (der Name Amalek) nicht festlegen darf.“

SEEBASS 466 beobachtet: „In Analogie zu Adah (V12b), deren Enkel zu Söhnen werden, wird hier die Enkelin Oholibama zur Tochter Zib’ons (V2 hat das übernommen).“ … „Das watteläd [und sie gebar, mE] in V 14b, das Oholibamas Rolle erneut unterstreicht, hat wohlauf V 4-5a eingewirkt.“ Auch SEEBASS hält die Zwölfzahl fest: „Ohne V 12 a […, ein Nachtrag] gibt es zwölf Esaviden, die durch Adah (5), Basemat (4) und Oholibama (3) gegliedert werden.“

Er referiert 467: „Weippert, Edom und Isarel, 294 meint, die Liste beschreibe die östlich der Araba auf dem Gebirge Edom sesshaft gewordene Bevölkerung“, was sogleich von ihm bezweifelt wird: „Kann man das angesichts der Kenisiter (Eliphas), Serachs (Re’uel) und Korachs (Oholibama) sicher wissen? Muss man nicht z. T. auch an die westliche Seite denken?“

 

 

*

 

 

Köln-Merkenich,
am Freitag, den 23. Januar 2026

 

Q 104,4

كَلَّا لَيُنۢبَذَنَّ فِی ٱلۡحُطَمَةِ

VOKABELN

VERB

نبذ , i – wegwerfen, ausstoßen, verstoßen;

حطم , i – zerbrechen.

NOMEN

حطمة - LANE 595: „A vehement fire, that breaks in pieces everything that is cast into it. الحُطَمَةُ  a name of Hell,  or of Hell-fire“.

PARTIKEL

كلا - nein! keineswegs!

ل am Anfang + ن am Ende eines Wortes =  Schwurformel, vgl. Q 102,6 – Dank an Nermine!

 

mE

Keineswegs, er wird ins Höllenfeuer weggeworfen werden!


ULLMANN (1840)

Keineswegs! Hinabgeworfen wird er in Al-Hutam (das Verzehrende).
ANM.: Al-Hutama: Dies ist ein Beiname der Hölle.

 

HENNING/SCHIMMEL (1901/2023)

Keineswegs; wahrlich, hinabgestürzt wird er in al-Hutama.

 

HENNING/HOFMANN (1901/2006)
Keineswegs! Wahrlich, er wird in die Zertrümmernde hinabgestürzt werden.

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Keneswegs, geschleudert wird er in das Verzehrende.

  
BELL (1937)

Nay, but he shall be cast into al-Hutama.

 

PARET (1979, 2001)
 Nein! Er wird (dereinst) bestimmt in al-Hutama (Hutama bedeutet etwa ›Zermalmer‹ oder auch ›Vielfraß‹; wörtlich: der (alles) kurz und klein macht) geworfen werden.

 

KHOURY (1987, 1992) – von Vers 1 an:

Wehe jedem Stichler und Nörgler,

der sein Vermögen zusammenbringt und es zählt

und dabei meint, sein Vermögen würde ihn unsterblich machen!

Nein! er wird bestimmt in die Zermalmende geworfen werden.

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

O nein! Er wird gewiss in die vernichtende Hölle gestoßen werden.

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), 

Keineswegs! Er wird ganz gewiss in al-Hutama geworfen werden.

 

ZIRKER (2003, 2018)

Nein, er wird gewiss in die Zertrümmerung geworfen.

 
KARIMI (2009)

Nein! Er wird bestimmt in die Zermalmende geworfen.

 
BOBZIN (2010, 2017)

O nein! Hinabgestoßen wird er in den Trümmergrund.


NEUWIRTH (HKK I 2011)

Nein doch! Er wird in den Zermalmer geworfen.

 

CORPUS CORANICUM (23.01.2026)

Nein! Gewiss wird er in den Trümmerer geworfen!

 

 

BEOBACTHUNGEN

1 ٱلۡحُطَمَةِ – alchutamati

Während ältere Übersetzungen dies als Fremdwort aufgenommen haben – ULLMANN, HENNING/SCHIMMEL, BELL und BUBENHEIM, haben alle anderen es seit GOLDSCHMIDT übersetzt, z. T. mit einem Neologismus: „Trümmergrund“ – vgl. DWDS, https://www.dwds.de/?q=Tr%C3%BCmmergrund&from=wb – eingesehen am 23.01.2026.

 

2 نبذ, nabadh, wegwerfen

GOLDSCHMIDT intensiviert dies Verb. Er nimmt vorweg, was NEUWIRTH und CC beobachtet haben, dass eine Form vorliegt, die eine Intensivierung ausdrückt, s. u.



KOMMENTAR

NEUWRITH, HKK I 149 weist darauf hin, dass hutama personal zu verstehen sei. Zunächst hält sie fest, dass das Wort„lexikalisch nirgends sonst belegt“ ist, „das etymologisch verwandte hutam bedeutet ‚Spreu‘“. Sie vermutet ein Wortspiel zu humaza, s. V. 1, „Verleumder“: „Das als Ort vorgestellte (fi) hutama ist also personifiziert.“ 

Das spiegelt NEUWIRTHS eigene Übersetzung und die von CORPUS CORANICUM wider.

 

CORPUS CORANICUM bestätigt NEUWIRTH:

„al-ḥuṭamah] Die Tatsache, dass der lexikalisch sonst nicht belegte Ausdruck al-ḥuṭama Anlass für eine Lehrfrage bietet, macht deutlich, dass auch von den unmittelbar durch den Text angesprochenen Hörern nicht erwartet wurde, dass ihnen der Ausdruck ohne weiteres verständlich war; die teilweise Unklarheit des Wortes dürfte also durchaus als rhetorischer Effekt intendiert sein (ähnliches gilt etwa auch für die Bezeichnung der Hölle als saqar in 74:26.27). Wie bei den Worten humaza und lumaza handelt es sich auch hier um eine Verbindung der ungewöhnlichen Form fuʿala mit einer semantisch unproblematischen und andernorts im Koran belegten Wurzel, nämlich ḥ-ṭ-m, „zerschlagen, zerschmettern“ (vgl. 27:18: yaḥṭimu; vgl. a. 39:21, 56:65 und 57:20 mit ḥuṭām). Insofern Adjektive der Form fuʿala üblicherweise Intensiva menschlicher Verhaltensweisen darstellen (vgl. die Anmerkung zu V. 1), impliziert die Bezeichnung der Hölle als al-ḥuṭama eine Personifikation. – Überliefert wird auch die Lesung al-ḥāṭima (vgl. Muʿǧam, ad loc.); doch auch wenn Partizipien im Koran häufig als Bezeichnungen für den Jüngsten Tag stehen, so ist al-ḥuṭama aufgrund seiner morphologischen Entsprechung zu V. 1 doch vorzuziehen. – Der morphologische Rückbezug von V. 4 auf den Eröffnungsvers ist mit Q 101 zu vergleichen: Dort verweist das zentrale Stichwort hāwiya aus V. 11 (fa-ʾummuhū hāwiya) ebenfalls morphologisch auf die als Partizip Aktiv gebildete Bezeichnung des Weltendes als qāriʿa in V. 1.2 zurück (Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 149).“

 

 

 

Köln-Merkenich,
Dienstag, den 27. Januar 2026

                                                                                 

 

 

Gen 36,15

‎ אֵ֖לֶּה אַלּוּפֵ֣י בְנֵֽי־עֵשָׂ֑ו בְּנֵ֤י אֱלִיפַז֙ בְּכ֣וֹר עֵשָׂ֔ו אַלּ֤וּף תֵּימָן֙ אַלּ֣וּף אוֹמָ֔ר אַלּ֥וּף צְפ֖וֹ אַלּ֥וּף קְנַֽז׃

 (Gen. 36:15 WTT)

VOKABELN

NOMEN

אַלּוּף - Fürst;

בְּכֹר - Erstgeburt.

 

mE

Diese sind die Fürsten, Söhne Essaws, Söhne Eliphas, des Erstgeborenen Essaws: Der Fürst Timan, Fürst Omar, Fürst Zepho, Fürst Kenas,

 

Buber / Rosenzweig

Dies sind die Häuptlinge der Söhne Essaws:

Die Söhne des Elifas, des Erstlings Essaws, sind Häuptling Teman, Häuptling Omar, Häuptling Zfo, Häuptling Knas,

 

van Dyke

‎هؤُلاَءِ أُمَرَاءُ بَنِي عِيسُو: بَنُو أَلِيفَازَ بِكْرِ عِيسُو: أَمِيرُ تَيْمَانَ وَأَمِيرُ  أُومَارَ وَأَمِيرُ صَفْوٍ وَأَمِيرُ قَنَازَ 

(Gen. 36:15 AVD)

VOKABELN

NOMEN

أمير  pl  أمراء– Fürst;

بكر  bikr, pl.  أبكار  – Erstgeburt, Jungfrau.

 

 

 

 

Köln-Merkenich,
am Mittwoch, den 4. Februar 2026

 

PESCHITTA

ܘܗܠܝܢ ܪ̈ܘܪܒܢܐ ܕܒܢ̈ܝ ܥܣܘ. ܒܢ̈ܝ ܐܠܝܦܙ ܒܘܟܪܗ ܕܥܣܘ. ܪܒܐ ܬܝܡܢ. ܪܒܐ ܐܘܡܪ. ܪܒܐ ܨܦܘ. ܪܒܐ ܩܢܙ

VOKABELN

VERB

ܒܟܪ - reif sein; der erste sein. 

ܪܒܐ ,ܪܘܪܒܐ   - groß sein; Chef sein; Lehrer; Meister.

ܪܘܪܒܙ - viel werden; regieren über (1453)

NOMEN

ܒܘܟܪܐ - Erstgeborene.

 

Köln-Merkenich,
Dienstag/Mittwoch, den 10.-12. Februar und
Weiberfastnacht 2026

 

 

BEOBACHTUNGEN UND KOMMENTARE

1 Herleiten oder abstammen

In der Literaturwissenschaft stehen Rezeptionsgeschichte und Wirkungsgeschichte in Konkurrenz zueinander. Die Wirkungsgeschichte nimmt eine (gedachte) Perspektive in der Vergangenheit ein – und lässt den eigenen Standpunkt in der Gegenwart dabei unklar – und blickt in die Gegenwart, die Rezeptionsgeschichte geht von der Gegenwart aus und schaut in die Vergangenheit. Ähnlich sind die Ausdrücke „abstammen“ und „sich herleiten“ von zwei verschiedenen Standpunkten aus gedacht: „Abstammen“ aus einem (gedachten) Ereignis in der Vergangenheit, „herleiten“ aus der Gegenwart aus. Die GUTE NACHRICHT und GNB lösen diesen Vers in beide Richtungen hin auf:

GN GNB Von Esau leiten sich die Stämme der Edomiter mit ihren Oberhäuptern her. Von Elifas, dem Erstgeborenen Esaus, stammen: Teman, Omar, Zefo, Kenas,

Die BASISBIBEL bleibt bei einer Richtung:

BB Auf Esaus Söhne gehen die Stämme der Edomiter zurück.

Deshalb entsprechen ihre Namen denen von Esaus Söhnen.

Auf Esaus ältesten Sohn Elifas

gehen folgende Stämme zurück:

Teman, Omar, Zefo, Kenas,

 

 

2 Allufim - Fürsten

JEHUASCH übersetzt kongenial:

SBJ דער פירשט פון   der first vun – und dann folgen die Namen:

Die Namen werden zu Bezeichnungen von Stämmen oder Gegenden, wie Teman z. B. 

Das weist auf ein Problem hin. JACOB umgeht dieses, indem er das Wort als Fremdwort benutzt:

JACOB Dies sind die Allufim der Söhne Esaus: […] Alluf Teman …

In seinem Kommentar 681f ist die Übersetzung mit Fürst eine zugestandene Möglichkeit in Anlehnung an Ex 15,15 und Sach 9,7; 12,5f; Jer 13,21, jedoch „näher liegt die Ableitung von אֶלֶף

Tausendschaft“, so dass hiermit „nicht Personen, sondern Stämme / Geschlechter oder Gemeinden“ verstanden werden, s.:

TANAKH These are the clans of the children of Esau …: the clans Teman…

SEEB Dies sind die Clans der Esaviden: … der Clan Tgeman …

SEEBASS 463 beruft sich auf Sach 9,2, diese Stelle „verlangt jedoch ‚Verwandtschaft‘ o. ä.“

Dem schließt sich JACOB 682 an: „Die Allufim sind in Edom was in Israel die Stämme, Geschlechter und Vaterhäuser.“ 

JACOB 682 vermutet: „Da wir in Edom häufig Tiernamen für Menschen finden, so könnte das Wort auch von אלפ [alaf] Rind (Ps 144,14 ‎אַלּוּפֵ֗ינוּ  [alufinu]) abgeleitet sein“.

SOGGIN lässt beide Möglichkeiten offen:

SOGG Dies sind die Häuptlinge [Bezirke] der Nachkommen Esaus: … Der Häuptling [Bezirk von]  teman

SOGGIN 421 verweist wie WESTERMANN 683 auf LXX und VUL die mit ἡγεμόνες, hägemones, und duces < dux, Fürst, übersetzen, und die „Namen als Ortsnamen versteht“ – wie JEHUASCH. Die Bedeutung „Bezirk“ stützt SOGGIN mit Mi 5,1!

Alle anderen eingesehen Übersetzungen haben (Stammes)Fürst, Häuptling, chief o. ä.

Für WESTERMANN 687 handelt es sich hier um den „“Titel eines politischen oder militärischen Führers““ – ohne Zitatangabe. „Der Titel wird nur bei Edomitern und Horitern verwendet (Ex 15,15), es wird aber eine edomitische Bezeichnung sein. Ein verwandtes Wort ulp in der Bedeutung Prinz, Häuptling auch ug.[aritisch, mE]“

 

 

*

 

Köln-Merkenich,
am Freitag und Sonntag, den 13. und 15. Februar 2026

 

Q 104,5

وَمَا أَدْرَاكَ مَا الْحُطَمَةُ (٥)

VOKABELN

VERB

درى – wissen, IV. STAMM: wissen lassen, lehren.

NOMEN

درك  pl.  ادراك – tiefste Stufe; NB:  درك - Polizei!

ادراك - Erreichung, Erfassen, Begreifen.

 

mE

Und was ist ein Begreifen, was das Höllenfeuer ist?

 

ULLMANN (1840)

Was lehrt dich begreifen, was Al-Hutama ist?

 

HENNING/SCHIMMEL (1901/2023)

Und was macht dich wissen, was al-Hutama?

 

HENNING/HOFMANN (1901/2006)
Und was lässt dich wissen, was die Zertrümmernde ist?

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Was lehrt dich, was das Verzehrende ist?

  
BELL (1937)

What has let thee know what is al-Hutama?

 

PARET (1979, 2001)
Doch wie kannst du wissen, was al-Hutama ist?

 

KHOURY (1987, 1992)

Woher willst du wissen, was die Zermalmende ist?

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Woher kannst wissen, was die vernichtende Hölle ist?

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), 

Was lässt dich wissen, was al-Hutama ist?

 

ZIRKER (2003, 2018)

Woher willst du wissen, was die Zertrümmerung ist?

 
KARIMI (2009)

Doch was lässt dich wissen, was ist die Zermalmende?

 
BOBZIN (2010, 2017)

Und was lässt dich wissen, was das ist: „der Trümmergrund“?


NEUWIRTH (HKK I 2011)

Weißt du, was ist der Zermalmer?

 

CORPUS CORANICUM 15.02.2026

Was lässt dich wissen, was der Trümmerer ist?

 

 

BEOBACHTUNGEN

1 أَدْرَاكَ, adraka

Dies Wort lässt sich auf dreifache Weise übersetzen, s. o. Alle eingesehen Übersetzungen sehen darin ein definiertes Werb mit Suffix der zweiten Person. Um sichtbar zu  machen, dass es auch anders möglich ist, weiche ich davon ab, ohne zu beanspruchen, dass es so zu sein hat.

Als Verb verstanden, liegt die Kausativform vor. In der deutschen Sprache konnte dies oft die Dehnung des Vokals ausdrücken, vgl. fallen > fällen; Sturz > stürzen, trinken > tränken, fahren > führen. Bei anderen Wörtern findet ein Wortwechsel vor, wie hier: lernen > lehren. 

ULLMANN und GOLDSCHMIDT wählen diesen Weg. NEUWIRTH lässt nichts mehr von einem Kausativ durchblicken. Ihre Übersetzung wirkt unausgeglichen – mit Absicht? Das zweifache Fragepronomen in einem Satz deutet auf eine gewisse Bestürzung hin.

 

Die von Annemarie SCHIMMEL neu herausgegebene rekonstruierte Übersetzung von Max HENNING wirkt unvollständig.

 

KOMMENTARE

BELL rückt diesen und alle folgende Verse ein und hebt sie damit von 1-4 ab. Er schreibt 677 erläuternd dazu: „The word [al-Hutama] was apparently not well-understood; hence vv. 5-9 were later added in explanation of it.“

NEUWIRTH 150: „Lehrfrage, die die Enigmatik [Rätselhaftigkeit, mE] der unbekannten Größe hutama noch betont.“ Sie versteht jedoch, anders als Bell, die Sure ausdrücklich als eine Einheit, 146.

CORPUS CORANICUM sieht in diesem Vers das „Verbindungsstück“ zum zweiten Teil dieser Sure. Nach der Auslegung von Michel Cuypers, so wird dargestellt, wirkt dieser Vers als „formaler und inhaltlicher Mittelpunkt (Cuypers: „membe central“)“. Dem widerspricht CC:

„Koranische Lehrfragen, die sich auch sonst häufig auf enigmatische Ausdrücke beziehen, bauen rhetorische Spannung auf, die sich erst in der folgenden Bestimmung des Fragegegenstandes löst; mit einer funktionsharmonischen Metapher könnte man sagen, dass sie den Charakter von Dominantakkorden haben. Die Sure hat insofern ein Achtergewicht, ihr Klimax liegt in V. 6–9.“
Als Autor wird Nicolai SINAI unter Mitarbeit von Nora K. SCHMID genannt.
LITERATUR: Cuypers, Michel: Structures rhétoriques des sourates 99 à 104. In: Annales Islamologiques, 1999, Band 33,1, S. 31-62. https://www.ifao.egnet.net/anisl/33/2 - zuletzt eingesehen am 15.02.2025.

 

Köln-Merkenich,
Freitag, den 20. Februar 2027

                                                                                 

 

 

Gen 36,16

‎אַלּוּף־קֹרַח אַלּוּף גַּעְתָּם אַלּוּף עֲמָלֵק אֵלֶּה אַלּוּפֵי אֱלִיפַז בְּאֶרֶץ  אֱדוֹם אֵלֶּה בְּנֵי עָדָה׃

mE

Fürst Korach, Fürst Gattam, Fürst Amalek. Diese sind die Fürsten Elilphas‘ im Land Edom, diese sind die Söhne Adas.

 

Buber / Rosenzweig

Häuptling Korach, Häuptling Gatam, Häuptling Amalek,

dies die Häuptlinge von Elifas im Lande Edom, dies die Söhne Adas.

 

van Dyke

‎ وَأَمِيرُ قُورَحَ وَأَمِيرُ جَعْثَامَ وَأَمِيرُ عَمَالِيقَ. هؤُلاَءِ أُمَرَاءُ أَلِيفَازَ فِي  أَرْضِ أَدُومَ. هؤُلاَءِ بَنُو عَدَا 

(Gen. 36:16 AVD)

 

PESCHITTA

ܪܒܐ ܓܥܬܡ. ܪܒܐ ܩܘܪܚ. ܪܒܐ ܥܡܠܝܩ. ܗܠܝܢ ܪ̈ܘܪܒܢܐ ܕܐܠܝܦܙ ܒܐܪܥܐ ܕܐܕܘܡ. ܗܠܝܢ ܒܢ̈ܝܗ̇ ܕܥܕܐ

VOKABELN

NOMEN

ܐܪܥܐ  - Land.

PARTIKEL

ܒ - in.

 

 

Köln-Merkenich, am Freitag, 
den 27. Februar 2026

 

BEOBACHTUNGEN

1 Stammmutter Ada

Hier taucht die Stammmutter wieder auf, die Enkel werden als “Söhne Adas” bezeichnet.

Dies bildet also ein Gegengewicht zu der basalen Expropriation, die die Kinder dem Vater zuordnet. Es sind überraschenderweise gerade modernere Übersetzungen, die dieses verunklaren durch eine Übersetzung, die mögliche Zweifel beseitigt, was denn hier gemeint sei, Enkel oder Söhne?

GN GNB Sie alle gehen auf Esaus Frau Ada zurück.

BB Das sind die Stämme im Edom, die auf Elifas und damit auch auf Ada zurückgehen.

BiG Das sind die Tausendschaften des Elifas im Lande Edom, also die Nachkommen Adas.

TANAKH Those are the descendants of Adah.

 

2 Korach

Die GNB lässt in der Aufzählung Korach aus und verweist in der Anmerkung zum Vers als Beleg auf „einige[…] Handschriften und 1 Chr 1,36“.
 Das ist ungenau. WESTERMANN, SEEBASS und SOGGIN verweisen mit Recht darauf, dass Korach im SAMARITICUS fehlt, SEEBASS 463 „Fehlt in Sam, da Korach sonst Oholibama zugeordnet wird; Sam[ariticus] vermutlich richtiger.“
 Nach der BHQ ist die SAM die einzige Quelle mit dieser Auslassung. Auch die Qumranhandschrift in der Höhle Sdeir überliefert „Fürst Korach“.

Die PESCHITTA stellt die Reihenfolge um: Zuerst kommt Gatam, dann Korach, s. BHQ.

 

KOMMENTARE

JACOB 682 fasst bereits hier zusammen: „Es sind im ganzen 14 Allufim, die in 7 für Eliphas und 4+3 für Reuel und Oholibama geteilt sind.“ Der Sohn Korach von Eliphas „kann nicht mit dem Korah der Oholibama identisch sein“, wie „auch Raschi zu Sota 13a“, stellt aber fest: „fehlt aber v. 14“ und weiß am Ende keinen Rat: „Wenn die Zahl der Söhne und Enkel Esaus (ohne Amalek) gleichfalls 14 ergeben soll, wissen wir keine Lösung.“

SARNA 250 fasst die gesamte Stelle V. 15-19 zusammen und erläutert zur Frage, was mit „Alluf“ gemeint sei:

Anm.:

Es gibt eine einfache Wahrheit: Wenn Sie an das glauben, was Sie tun, können Sie Großes erreichen. Das ist der Grund, warum Ihnen bei der Erreichung Ihres Zieles helfen möchten.WESTERMANN 687 beobachtet: Die Liste 15-19 „enthält ausnahmslos die gleichen Namen wie 11-14. […] Das Neue […] ist allein die Bezeichnung  אלופים“, aluphim. „Damit ist klar: 15-19 ist eine Weiterbildung der Genealogie 11-14, die den Übergang von familiärer zu politischer Struktur der gleichen Gemeinschaft zeigt.“

SEEEBASS 467 erläutert zum Abschnitt 15-18:

Köln-Merkenich, am Dienstag/Mittwoch, 
den 3./4. März 2026
 

 

Q 104,6 

نَارُ اللَّهِ الْمُوقَدَةُ (٦)

VOKABELN

VERB

وقد , IV اوقد – anzünden; STEINGASS 1226: „ignate and burn.

NOMEN

نار pl. نيران (f.) – Feuer;

 

mE

Ein entzündetes Feuer Gottes

 

ULLMANN (1840)

Es ist das entzündete Feuer Allahs,

 

HENNING/SCHIMMEL (1901/2023)

Es ist Allahs angezündetes Feuer,

 

HENNING/HOFMANN (1901/2006)
Das von Allah entfachte Feuer,

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Das Feuer Gottes angezündet.

  
BELL (1937)

The fire of Allah set alight,

 

PARET (1979, 2001)
(Es ist) das Feuer Gottes, das (in der Hölle) angefacht ist 

 

KHOURY (1987, 1992)

Es ist das angefachte Feuer Gottes,

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Sie ist Gottes glühendes, aufloderndes Feuer,

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), 

(Sie ist) Allahs entfachtes Feuer,

 

ZIRKER (2003, 2018)

Gottes angefachtes Feuer,

 
KARIMI (2009)

Das Feuer Gottes, das ist angefacht

 
BOBZIN (2010, 2017)

Das Feuer Gottes, angezündet,


NEUWIRTH (HKK I 2011)

Das Feuer Gottes, das angefachte,

 

CORPUS CORANICUM (4.3.2026)

Das entfachte Feuer Gottes,

 

BEOBACHTUNG

Die von der Al AZHAR autorisierte Übersetzung malt aus:

MAHER/AL AZHAR (1999) Sie ist Gottes glühendes, aufloderndes Feuer

PARET löst den Vers in zwei Sätze auf. Das nehmen KARIMI, BOBZIN und NEUWIRTH im verringerten Maß auf, indem sie die nähere Bezeichnung des Feuers nachstellen. 

Wie aber gelangt kulturgeschichtlich das Feuer zu der zweifelhaften Ehre, der Ausschmückung von Strafvorstellungen (‚Hölle“) und Sadismen („Höllenqualen“) zu dienen?

 

KOMMENTAR

Für BELL 677 sind die Verse 5-9 insgesamt später zugefügt, weil der Ausdruck al-Hutama nicht verstanden wurd.

KHOURY 561 verweist auf eine ähnliche Stelle in Q 101,9-10.

NEUWIRTH 150 weist darauf hin, dass die „Antwort auf die hutama-Frage […] nicht bildkongruent [ist], da Feuer nicht zermahlt und zerkleinert, sondern aufzehrt“. „[D]as Zermalmen ist ein Einzelaspekt der konventionell mit Feuer beschriebenen „Hölle“.“

Das ist ein bemerkenswerter Bruch, dem die Autorin leider nicht weiter nachgeht.

Hingegen bemerkt sie:
 „Es fällt auf, dass der Gottesname Allah hier anstelle des sonst – im Einklang mit den Psalmen, die oft das Tetragramm, übersetzt mit „der Herr“, benutzen – im frühen Koran gebrauchten rabb getreten ist.“ Die Hölle bezeichnet dabei eine personifizierte Figur, 153, nicht in erster Linie ein jenseitiges, eschatologisches Ereignis.

Das bestreitet CORPUS CORANICUM:

„Dass es sich beim „Feuer Gottes“ um ein jenseitiges Feuer handelt, ist meines Erachtens kaum sinnvoll in Abrede [zu] stellen, zumal Neuwirth selbst etwas später von einer „eher poetisch geprägte[n] Imagination des endzeitlichen Feuers“ (Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 151) und sogar von einer „Androhung jenseitiger Strafe“ (Neuwirth, Frühmekkanische Suren, 152) spricht; und dass das „Feuer Gottes“ Instrument einer kollektiven, d. h. nicht nur einem einzelnen zugedachten Bestrafung ist, ergibt sich sowohl aus dem Anfangsvers („Wehe einem jeden Verleumder und Schmähredner!“) als auch aus dem Plural „Herzen“ in V. 7.“

 

 

Köln-Merkenich,
Montag, Samstag und Montag, 
den 16., 21. und 23.  März 2026

                                                                                 

 

 

Gen 36,17

‎וְאֵלֶּה בְּנֵי רְעוּאֵל בֶּן־עֵשָׂו אַלּוּף נַחַת אַלּוּף זֶרַח אַלּוּף שַׁמָּה אַלּוּף  מִזָּה אֵלֶּה אַלּוּפֵי רְעוּאֵל בְּאֶרֶץ אֱדוֹם אֵלֶּה בְּנֵי בָשְׂמַת אֵשֶׁת עֵשָׂו׃

 

mE

Und dies sind die Söhne Ruels, Sohn Essaws: Fürst Nachat, Fürst Serach, Fürst Schamma, Fürst Misah. Dies sind die Fürsten Ruels im Land Edom. Diese sind Söhne von Basmath, Ehefrau Essaws.

 

Buber / Rosenzweig

Und dies sind die Söhne Ruels, Sohns Essaws: Häuptling Nachat, Häuptling Sarach, Häuptling Schamma, Häuptling Misa,

dies die Häuptlinge von Ruel im Lande Edom, dies die Söhne Bassmats, Weibs Essaws.

 

van Dyke

‎ وَهؤُلاَءِ بَنُو رَعُوئِيلَ بْنِ عِيسُو: أَمِيرُ نَحَثَ وَأَمِيرُ زَارَحَ وَأَمِيرُ شَمَّةَ وَأَمِيرُ مِزَّةَ. هؤُلاَءِ أُمَرَاءُ رَعُوئِيلَ فِي أَرْضِ أَدُومَ. هؤُلاَءِ بَنُو  بَسْمَةَ امْرَأَةِ عِيسُو (Gen. 36:17 AVD)

 

Peschitta

ܘܗܠܝܢ ܒ̈ܢܝ ܪܥܘܐܝܠ ܒܪ ܥܣܘ. ܪܒܐ ܢܚ̇ܬ. ܪܒܐ ܙܪܚ. ܪܒܐ ܫܡܐ. ܪܒܐ ܡܙܐ. ܗܠܝܢ ܪ̈ܘܪܒܢܐ ܕܪܥܘܐܝܠ ܒܐܪܥܐ ܕܐܕܘܡ. ܗܠܝܢ ܒܢ̈ܝܗ̇ ܕܒܣܡܬ ܐܢܬܬܗ ܕܥܣܘ

 

 

 

BEOBACHTUNGEN

1 Stammmutter

Stand im vorhergehenden Vers die Stammmutter Ada noch allein, wird die Stammmutter Bassmath in diesem Vers wieder durch ihren Mann patriarchalisch eingerahmt.

 

2 Söhne?

Die patriarchalisch geprägte Würde, dass ihr auch die Söhne der zweiten Generation zugesprochen werden, verschwindet gerade bei modernen Übersetzungen, die die Doppeldeutigkeit – sind es Söhne oder Enkel? auflösen. Am deutlichsten ist der Unterschied in den Dänischen Übersetzungen nachvollziehbar:

Die ältere von 1983 hat noch wortgetreu und wie L84 übersetzt:

D83 det var Esaus hustru Basemats sønner.

Die neuere Übersetzung von 1992 macht daraus:

D93 de var Esaus kone Basemats sønnesønner

TANAKH Those are the descendants of Esau’s wife Basemath.

BFC étaient les fils de Réouel et les petits-fils de Basmath, femme d'Ésaü.

Gn GNB Sie gehen auf Esaus Frau Basemat zurück.

BiG Das sind […] die Nachfahren Basemats, der Frau Esaus.

Luher selbst hatte noch 1545 anders übersetzt:

L45 vnd sind kinder von der Basmath Esaus weib.

Das ist ungewöhnlich. GRIMM verzeichnet die Bedeutung „Kinder“ für zwei Generationen nicht. Luther verwendet „kinder“ im ganzen Abschnitt, nur einmal heißt es „söne“, V 11.

 

3 Satzaufteilung

SOGGIN ordnet den zweiten Teil dieses Verses dem nächsten zu. 

SOGG 18 dies sind die Häuptlinge re’u’el im Land Edom, dies sind die Söhne der basemat, der Frau Esaus: Hauptling je’us […]

 

 

*

 

Köln-Merkenich, am Montag-Mittwoch,
den 23.-25. März 2026

 

 

Q 104,7

الَّتِي تَطَّلِعُ عَلَى الْأَفْئِدَةِ (٧)

VOKABELN

VERB

طلع, u – emporsteigen; VIII. STAMM: + (عَلَى) sich informieren (über); Einsicht nehmen (in), kennen lernen. 

LANE 1868: „طَلَعَ عَلَيْنَا […] He (a man) came to us;“

NOMEN

فواد  fuad, pl.  افئدة af’ida – Herz.


mE

das zu den Herzen aufsteigt.

 

ULLMANN (1840)

welches über die Herzen der Frevler hochflammt.

  

HENNING/SCHIMMEL (1901/2023)

Das über die Herzen emporsteigt.

 

HENNING/HOFMANN (1901/2006), KHOURY(1987, 1992)
das die Herzen durchdringt   


GOLDSCHMIDT (1916)

Es schlägt über die Herzen.

  
BELL (1937)

Which mounts over the hearts.

 

PARET (1979, 2001)
und (den Verdammten) bis ins Herz dringt.


KHOURY (1987, 1992) 

das die Herzen durchdringt.

MAHER/AL AZHAR (1999)

das die Herzen ergreift.

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), 

das Einblick in die Herzen gewinnt.

 

ZIRKER (2003, 2018)

das über die Herzen lodert.

 
KARIMI (2009)

und dringt bis ins Herz.

 
BOBZIN (2010, 2017)

das tief in die Herzen dringt.


NEUWIRTH (HKK I 2011) mE

das zu den Herzen aufsteigt,

 

CORPUS CORANICUM (23.03.2026)

welches die Herzen umfasst!

 

 

BEOBACHTUNG   
طلع - thalaa  + عَلَى - aala

Das Verb thala – emporsteigen – ist im VIII. STAMM mit der Präposition aala – auf, an; bei; gemäß; gegen; zugunsten von – eng verbunden mit der Bedeutung: sich informieren über, Einsicht nehmen in, kennen lernen. Als wenn das Bild ist: Aufs Dach eines Hauses emporzusteigen und dann von oben einsehen zu können, was im ummauerten bzw. eingezäunten Nachbargarten passiert.

Was zuvor im V 6 noch als realistisches Bild vorgestellt werden kann – ein entfachtes Höllenfeuer – verwandelt sich metaphorisch, indem – wie aus dem Nichts – das menschliche „Herz“ ins Spiel gebracht wird – sehr ergreifend. Nun ergeben sich vier Gruppen: Diejenigen, die bei der quasi realistischen Darstellung bleiben und mit der ursprünglichen Bedeutung des Verbes und der Präposition eine Bewegungsrichtung betonen, dann diejenigen, die sich der Metaphorik widmen. Ist einmal dieser Weg beschritten, ist die Versuchung groß, das weiter auszumalen, eröffnet doch die Höllenvorstellung jede Art von gesellschaftlich gebilligten Sadismen – die dritte Gruppe. Die vierte Gruppe stellt den Informationsgewinn in den Mittelpunkt, betont also, dass das Verb im  VIII. Stamm steht:

BOBZIN ist von dem Bild offenbar derartig ergriffen, dass er die Bewegungsrichtung umdreht:

BOBZIN das tief in die Herzen dringt.

Bei BUBENHEIM erhält das Feuer Eigenschaften Gottes, der es vermag „ins Herz zu sehen“, 

1 Sam 16,7: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.“ (LUT)

Vgl. Jer 12,3; Jer 20,12: „Und nun, HERR Zebaoth, der du die Gerechten prüfst, Nieren und Herz durchschaust“ (LUT); vgl. Q 49,3: „Denen, die ihre Stimme in Gegenwart des Gesandten Gottes (w. bei dem Gesandten Gottes) dämpfen, hat Gott das Herz im Hinblick auf die Gottesfurcht einer Prüfung unterzogen“ (PARET); vgl. Q 86,8-9.

Die theologische Bedeutung des Herzens ist vermutlich durch Ephräm / Ephrem der Syrer, 306-373, vermittelt worden. Diese Metaphorik wird von ihm vielfach verwendet.

 

KOMMENTARE

KHOURY 561 malt aus: „das die Herzen durchdringt: und sie trifft, oder von ihnen das weiß, was sie an Qual verdient haben.“ D. h . das „Feuer“ wird wie bei Bubenheim Subjekt mit kognitiven Fähigkeiten, so wie es der VIII. Stamm des Verbs nahelegt. 

NEUWIRTH 150 erinnert daran, dass das Herz, „Fuad“ […] koranisch nicht primär Körperorgan [ist], sondern Sitz der Gefühle (vgl. Seidensticker 1992:42-91). Auch anderswo, etwa in Q 100:10 […](„wenn das im Herzen aufgedeckt [ist, AN]“), wird von eschatologischen Ereignissen gesprochen, die ‚das Herz‘ oder ‚die Brust‘ affizieren.“

Lit.: Seidensticker, Tilman: Altarabisch „Herz“ und sein Wortfeld. Wiesbaden, 1992.

CORPUS CORANICUM analysiert: „Das Verb iṭṭalaʿa ist VIII. Stamm von ṭalaʿa, „auf-, emporsteigen“. Iṭṭalaʿa ʿalā bedeutet den Lexika zufolge „von oben herabblicken auf“ bzw. „von oben umfassend im Blick haben“, und davon abgeleitet dann auch allg. „von einer Sache Kenntnis erlangen“ o. Ä.; im vorliegenden Kontext steht wohl vor allem die Konnotation des Umfassens im Vordergrund. Zum semantischen Feld von fuʾād, „Herz“, s. Seidensticker 1992; vgl. auch die im Kontext einer Visionsschilderung stehende Erwähnung des „Herzens“ in 53:11 (mā kaḏaba l-fuʾādu mā raʾā).“
Das würde die Auffassung von NEUWIRTH 153 stärken, dass al-hutama, hier das Feuer, als eine personifizierte Macht vorgestellt wird. 

 

 

 

ANMERKUNG

Nicht von ungefähr kann der Eindruck entstehen, meine Übersetzung sei von Angelika NEUWIRTH abgeschrieben. Dies ist der Anlass kurz mein Vorgehen zu skizzieren: Zunächst schreibe ich die hebräischen, arabischen und syrischen Verse mit der Hand ab und erstelle eine Rohübersetzung. Diese vergleiche ich mit den Übersetzungen von BUBER/ROSENZWEIG bzw. PARET (selten KHOURY) bzw. der ANTIOCH-BIBLE, um den grammatischen und / oder philologischen Gründen nachzugehen, wenn meine Version stark davon abweicht. Meistens kann ich auf diese Weise meine Fehler korrigieren. Wenn ich hierbei an Grenzen stoße und mit meinem Latein nicht weiter weiß, nehme ich die Hilfe meiner Arabischlehrerin Nermine in Kairo in Anspruch, die mir Tipps gibt. Für das Syrische habe ich in Köln einen Lehrer kennen gelernt. Danach lege ich mich mit meiner Übersetzung fest und erst dann vergleiche ich sie mit anderen Übersetzungen. Angelika Neuwirth und ich haben unabhängig voneinander die gleiche Übersetzung gefunden. 

Köln-Merkenich,
Freitag / Samstag, den 27. / 28. März 2026

 

Gen 36,18

‎וְאֵלֶּה בְּנֵי אָהֳלִיבָמָה אֵשֶׁת עֵשָׂו אַלּוּף יְעוּשׁ אַלּוּף יַעְלָם אַלּוּף  קֹרַח אֵלֶּה אַלּוּפֵי אָהֳלִיבָמָה בַּת־עֲנָה אֵשֶׁת עֵשָׂו׃

(Gen. 36:18 WTT)

 

mE

Und dies sind die Söhne von Oholibama, Frau Essaws: Fürst Jusch, Fürst Jalam, Fürst Korach; dies sind die Fürsten Oholibamas, Tochter Anas, Frau Essaws.

 

Buber / Rosenzweig

Und dies sind die Söhne Oholibamas, Weibs Essaws: Häuptling Jusch, Häuptling Jalam, Häuptling Korach,

dies die Häuptlinge von Oholibama, Tochter Anas, Weib Essaws.

 

van Dyke

‎ وَهؤُلاَءِ بَنُو أُهُولِيبَامَةَ امْرَأَةِ عِيسُو: أَمِيرُ يَعُوشَ وَأَمِيرُ يَعْلاَمَ  وَأَمِيرُ قُورَحَ. هؤُلاَءِ أُمَرَاءُ أُهُولِيبَامَةَ بِنْتِ عَنَى امْرَأَةِ عِيسُو. 

(Gen. 36:18 AVD)

 

Peschitta

ܘܗܠܝܢ ܒܢ̈ܝ ܐܗܠܝܒܡܐ ܐܢܬܬܗ ܕܥܣܘ. ܪܒܐ ܝܥܘܫ. ܪܒܐ ܝܥܠܢ. ܪܒܐ ܩܘܪܚ. ܗܠܝܢ ܒܢ̈ܝ ܐܗܠܝܒܡܐ ܒܪܬ ܥܢܐ ܐܢܬܬܗ ܕܥܣܘ

 

 

BEOBACHTUNGEN

1 KEINE WIEDERHOLUNG

Die LXX lässt den – wiederholenden – Nachsatz „Weib Essaws“ aus. HIERONYMUS, von dem ich dies eher erwartet hätte, da diese Wiederholungen den Gewohnheiten der antiken Rhetorik widersprechen, nicht.

 

2 STAMMMÜTTER – „Patriarchinnen“ 

Diesmal wird die Stammmutter Oholibama wieder durch die Bemerkung eingerahmt, dass sie eine  Frau Essaws ist. Doch viel mehr fällt m. E: ins Gewicht, dass sie Tochter Anas ist, s. 36,2. Dort haben sowohl JACOB als auch ich vermutet, dass Ana weiblich zu verstehen ist. Dann hätten wir hier eine matrilineare Linie von drei Generationen – allerdings ohne Enkelinnen. Die Erwähnung „Frau Essaws“ erscheint dann eher als Anhängsel bzw. es tritt der Beweggrund zum Vorschein, der vermutlich zur Ausbildung des Patriarchats beigetragen hat: Hat eine Familie einmal die Herrschaft über eine größere Gemeinschaft oder eine Stadt errungen, ist sie darauf bedacht, diese zu behalten. Ehefrau des Stammvaters zu sein legitimiert damit die Herrschaftsansprüche ihrer Söhne, der Aluphim, „Fürsten“. Damit unterstelle ich nicht nur den „Herren der Schöpfung“, sondern auch ihren Ehefrauen ein Interesse am Patriarchat. Von den Herrschaftsfamilien hat sich dies dann auf alle anderen durchgedrückt bzw. viel wahrscheinlicher: wurde dies nachgeahmt.

Die von den meisten verwendete Genitivkonstruktion „Tochter Anas“ lässt es offen, ob Ana der Name für einen Mann oder eine Frau ist. 

Ana ist weiblich für JACOB, die Bibel in gerechter Sprache und für Annette BÖCKLER und ihre überarbeitete Herausgabe von Mendelssohns Übersetzung. Kommentarlos verändert sie:

JACOB B/M BiG Tochter der Anah

vgl. M Tochter des Anah

 

 

Köln-Merkenich, 
am Mittwoch, Donnerstag und Samstag, 
den 8./9. und 11. April 2026

 

 

KOMMENTAR

SARNA, 250, notiert:

*

 

 

Q 104,8

إِنَّهَا عَلَيْهِم مُّؤْصَدَةٌ (٨)

VERB

وصد  - schließen.

PARTIKEL

إن – wahrlich.

 

 

mE – alle von V 6 an:

Ein entzündetes Feuer Gottes

das zu den Herzen aufsteigt,

wahrlich, es ist auf ihnen, sie sind eingeschlossen.

 

ULLMANN (1840)

Es ist das entzündete Feuer Allahs,

welches über die Herzen der Frevler hochflammt.

Es überwölbt sie (gleichsam)

 

HENNING/SCHIMMEL (1901/2023)

Es ist Allahs angezündetes Feuer,

Das über die Herzen emporsteigt.

Siehe, es ist über ihnen wie ein Gewölbe

 

HENNING/HOFMANN (1901/2006)
Das von Allah entfachte Feuer,

das die Herzen durchdringt.

Es wird über ihnen zusammenschlagen

   
GOLDSCHMIDT (1916)

Das Feuer Gottes angezündet.

Es schlägt über die Herzen.

Über sie wölbend.

  
BELL (1937)

The fire of Allah set alight,

Which mounts over the hearts.

Lo, over them it is closed in,

 

PARET (1979, 2001)
(Es ist) das Feuer Gottes, das (in der Hölle) angefacht ist 

und (den Verdammten) bis ins Herz dringt.

Seine Flammen schlagen über ihnen zusammen

 

KHOURY (1987, 1992)

Es ist das angefachte Feuer Gottes,

das die Herzen durchdringt.

Es liegt über ihnen zugeschlagen,

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

Sie ist Gottes glühendes, aufloderndes Feuer,

das die Herzen ergreift.

Es hält sie fest umschlossen,

 
BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), 

(Sie ist) Allahs entfachtes Feuer,

das Einblick in die Herzen gewinnt.

Gewiss, es wird sie einschließen

 

ZIRKER (2003, 2018)

Gottes angefachtes Feuer,

das über die Herzen lodert.

Es liegt auf ihnen, geschlossen,

 
KARIMI (2009)

Das Feuer Gottes, das ist angefacht

und dringt bis ins Herz.

Es ist auf ihnen verriegelt

 
BOBZIN (2010, 2017)

Das Feuer Gottes, angezündet,

das tief in die Herzen dringt.

Siehe, es umschließt sie ganz und gar,


NEUWIRTH (HKK I 2011)

Das Feuer Gottes, das angefachte,

das zu den Herzen aufsteigt,

dessen Flammen über ihnen zusammenschlagen

 

CORPUS CORANICUM (09.04.2026)

Das entfachte Feuer Gottes,

welches die Herzen umfasst!

Es umschließt sie

 

 

BEOBACHTUNGEN

1 SUBJEKT

Wer oder was ist Subjekt in diesem Satz? Für die meisten die Flammen, die von einigen ausdrücklich hier eingefügt werden: NEUWIRTH und PARET.

Andere verweisen auf das in v 6 zuletzt genannte Nomen, das Feuer. 

KHOURY, PARET, HENNING/SCHIMMEL und ULLMANN. verweisen noch weiter zurück auf V 5 und die Frage, was „al-Hutama“ ist. 

 

2 HERZ

Der – zumindest für mich – unvermuteter Weise auftretende Verweis auf das „Herz“ im Vers 7 führt zu der Frage, was diese Nennung in diesem Zusammenhang motiviert. Meine Vermutung führt zu einem Gedanken, der im Ersten Johannesbrief nachzulesen ist:

1 Jh 3,20 „wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge.“ (L84)

 

KOMMENTARE

KHOURY, verweist auf Q 90,20 und dort auf Q 104,8 sowie Q 18,29. In Q 90,20 fehlt die einleitende Partikel und wird das „Feuer“, نَارٌ, narr, ausdrücklich genannt. CORPUS CORANICUM verweist für die Bedeutung des Verbs gleichfalls auf Q 90,20:

CC عَلَيۡهِمۡ نَارٌۭ مُّؤۡصَدَةٌۭ  - Feuer umschließt sie.

 

 

 

 

Köln-Merkenich, 
am Montag/Dienstag, den 13./14. April 2026


ANHANG

TAKBIR 

Zu den alltäglichen Aufgaben eines Muslims gehören die Pflichtgebete. Sie werden – wie der Gebetsruf vom Minarett – eingeleitet mit der Takbir-Formel „Allahu akbar“, الله أكبر, „Allah ist groß“, wörtlich: „Die Gottheit ist größer“. Er entstammt nicht dem Koran.

Dort findet sich die Formel „  Gott ist erhaben und groß“, Q 4,34; Q 22,62 und Q 31,30.

Der Takbir soll zuallererst von Mohammed bei einer Beerdigung gerufen worden sein (Wikipedia, Art. Takbir, zuletzt eingesehen am 13.04.2026).

In der gesamten mir zugänglichen antiken Literatur begegnen mir zum Wortlaut nur zwei Parallelen, zum Einen Ex 18,11 und zum Anderen 1 Jh 3,20:

Der Schwiegervater Moses, Jitro, Priester in Midian, bekennt:

Ex 18,11:‎עַתָּה יָדַעְתִּי כִּי־גָדוֹל יְהוָה מִכָּל־הָאֱלֹהִים 

LXX νῦν ἔγνων ὅτι μέγας κύριος παρὰ πάντας τοὺς θεούς

EIN Jetzt weiß ich: Jahwe ist größer als alle Götter. 

Hier wird ein polytheistischer Zusammenhang vorausgesetzt.

Im Ersten Johannesbrief wird argumentiert:

NT 19  Καὶ ἐν τούτῳ γνωσόμεθα ὅτι ἐκ τῆς ἀληθείας ἐσμέν. καὶ ἔμπροσθεν αὐτοῦ πείσομεν τὴν καρδίαν ἡμῶν,

 20  ὅτι ἐὰν καταγινώσκῃ ἡμῶν ἡ καρδία, ὅτι μείζων ἐστὶν ὁ θεὸς τῆς καρδίας ἡμῶν καὶ γινώσκει πάντα. 

L84 19 Daran erkennen wir, dass wir aus der Wahrheit sind, und können unser Herz vor ihm damit zum Schweigen bringen,

 20 dass, wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge. 

Die allfällige Betonung der Barmherzigkeit Gottes im Koran lässt eher die Nähe zum Ersten Johannesbrief vermuten. Sie setzt keinen polytheistischen Kontext voraus.

Sollte mit der Formel الله أكبر, Allahu akbar, tatsächlich ein Superlativ gemeint sein – auf Grund des Verlustes des Vergleichspartikels مِنْ, min, durchaus naheliegend, wenn auch grammatisch m. E. problematisch – dann liegen die Parallelen auf der Hand: Zeus und Jupiter wurden als Größte der Götter verehrt, Jupiter in Bauwerken mit der Formel IOM, Jupiter Optimus Maximus. Nach der sogenannten Konstantinischen Wende lebte diese antike Formel im kriegerischen Christentum wieder auf in der Form DOM, Deo Optimo Maximo – also mit polytheistischem Bezug.

Zeus: Bei Homer, Ilias; Homerische Hymnen; Hesiod, Theogonie: „‘Zeus, erlauchtester, größter der ewig waltenden Götter‘“; Euripides, Alkestis.

Lit.: B. Hartmann: Tod und Auferstehung der antiken Religion. In: Numen, Leiden Vol XXXVII, Fasc. 2, 1990, S. 220-232.

 

 

Köln-Merkenich,
Montag / Dienstag, den 27./28. April 2026

                                                                                 

 

 

Gen 36,19

‎ אֵלֶּה בְנֵי־עֵשָׂו וְאֵלֶּה אַלּוּפֵיהֶם הוּא אֱדוֹם׃ 

 (Gen. 36:19 WTT)

 

mE

Dies sind die Söhne Essaws. 

Und dies sind ihre Fürsten, das ist Edom.

 

Buber / Rosenzweig

Dies die Söhne Essaws. und diese ihre Häuptlinge.

Das ist Edom.

 

van Dyke

‎هؤُلاَءِ بَنُو عِيسُو الَّذِي هُوَ أَدُومُ، وَهؤُلاَءِ أُمَرَاؤُهُمْ 

(Gen. 36:19 AVD)

 

Peschitta

ܗܠܝܢ ܒܢ̈ܝ ܥܣܘ ܘܗܠܝܢ ܪ̈ܘܪܒܢܝܗܘܢ. ܥܣܘ ܗܘܝܘ ܐܕܘܡ

 

BEOBACHTUNGEN

Die Septuaginta erweitert den dritten Satzteil:

LXX οὗτοί εἰσιν υἱοὶ Εδωμ

LXXD Dies sind die Söhne des Edom.

Die Peschitta ergänzt im dritten Satzteil „Essaw“.

Die jüngste englische Übersetzung der Peschitta macht daraus eine Glosse:

ANTIOCH These are the sons of Esau and these are their chiefs (Esau is Edom).

Die englische Übersetzung der Peschitta von LAMSA glättet:

LBP These are the sons of Esau, who is Edom, and these are their chiefs.

Van Dyke stellt die Reihenfolge der Satzteile um. Die Bezeichnung „ihre Häuptlinge“ ist missverständlich, sind doch die genannten Namen offenbar die Häuptlinge selbst. Auf sie bezogen, wären sie also ihre eigenen Häuptlinge. Nicht schlecht.

Die englischen Übersetzungen NAS, ESV und TANAKH sowie BFC stellen ebenfalls um:

NAS ESV These are the sons of Esau (that is, Edom), and these are their chiefs.

TANAKH Those were the sons of Esau—that is, Edom—and those are their clans.

BFC Tels étaient les chefs des Édomites, descendants d'Ésaü.

Die neuere dänische Übersetzung, GN und GNB holen etwas aus:

D92 Det var Esaus sønner, og det var de høvdinge, der nedstammede fra dem. Esau er den samme som Edom.  – „Das waren Essaus Söhne und das waren die Häuptlinge, die von ihm abstammten. Esau ist dasselbe wie Essau.“

GN GNB Alle diese Stämme und ihre Oberhäupter sind Nachkommen Esaus. Sie bilden zusammen das Volk der Edomiter.

Ein anderes Bild ergibt sich, wenn mit  אַלּוּף, aluf, nicht „Fürsten“, sondern „Clans“, s. TANAKH bzw. „Stämme“, s. BB, oder „Tausendschaften“, s. BiG, gemeint sind, das macht Sinn:

BiG Soweit die Nachfahren Esaus und ihre Tausendschaften – das ist Edom.

BB Sie alle sind Nachkommen Esaus und zugleich die Stämme der Edomiter.

SEEBASS schließt sich dem an und löst die Formel „Söhne Essaws“ ganz auf:

SEEB Dies sind die Esaviden und dies ihre Clans – das ist Edom.

 

KOMMENTARE

Für WESTERMANN 683 ist der dritte Satzteil eine Glosse, (s. o. ANTIOCH).

 

 

*

 

Köln-Merkenich,
am Dienstag und Mittwoch, 
den 28./29. April 2026

 

 

Q 104,9

فِي عَمَدٍ مُّمَدَّدَةٍ (٩)

VOKABELN

ADJEKTIV

ممدد - ausgestreckt, verlängert, gedehnt.

NOMEN

عمود oder عِماد pl. أعمدة oder عَمَد – Säule. Vgl. WEHR 752

 

mE von V 6 an:

Ein entzündetes Feuer Gottes

das zu den Herzen aufsteigt,

wahrlich, es ist auf ihnen, sie sind eingeschlossen

inmitten langgestreckter Säulen.

 

ULLMANN (1840)

in hoch aufgetürmten Säulen.

 

HENNING/SCHIMMEL (1901/2023)

Auf hohen Säulen.

 

HENNING/HOFMANN (1901/2006)
In langen (Feuer-) Säulen.

   
GOLDSCHMIDT (1916)

In ragenden Säulen.

 

BELL (1937)

In long-drawn tongues of flame.
ANM.: Lit „pillars“

 

PARET (1979, 2001)
in langgestreckten (Feuer)säulen.

 

KHOURY (1987, 1992), BUBENHEIM/ELYAS (islamische-datenbank.de, 2002-2024), KARIMI (2009), CORPUS CORANICUM (29.04.2026)

in langgestreckten Säulen.

 
MAHER/AL AZHAR (1999)

und sie sind an langgestreckte Säulen gefesselt.

 

ZIRKER (2003, 2018)

in gestreckten Säulen.

 
BOBZIN (2010, 2017)

in einer hohen Feuersäule.


NEUWIRTH (HKK I 2011)

in hochaufragenden Säulen.

 

BEOBACHTUNG

Das hier entworfene Bild der „langgestreckten Säulen“ entschlüsselt sich nicht unmittelbar. Diese Hürde wird besonders greifbar in der Übersetzung, die die Al Azhar sanktioniert hat:

MAHER/Al AZHAR und sie sind an langgestreckte Säulen gefesselt.

Nach ZIRKER, NEUWIRTH u.a. bilden Flammen die Säulen – bei BELL „Zungen“.

BOBZIN zieht beides zu einem Wort zusammen:

BOBZIN in einer hohen Feuersäule.

Das assoziiert Ex 13,21, LUT: 

LUT Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Ex 13,21

Hebräisch: ‎בְּעַמּוּד אֵשׁ , beaammud esch – fast wörtlich übereinstimmend. In Ex 13,21f; Num 14,14; Neh 9,12 und Neh 9,19 ist die Feuersäule bewahrend und Zeichen der Gegenwart Gottes, sie leitet das Volk in der Nacht. In Q 104 ist sie ein Strafort, der der Herzen einschließt. In Ex 14,24 verbreitet die Feuersäule hingegen Schrecken im ägyptischen Heer:

LUT Als nun die Zeit der Morgenwache kam, schaute der HERR auf das Heer der Ägypter aus der Feuersäule und der Wolke und brachte einen Schrecken über ihr Heer. Ex 14,24

 

KOMMENTARE

KHOURY 561 „in langgestreckten Säulen: die die Türen des Feuers versperren und zuschließen; oder: an denen die Höllenbewohner gekettet sind.“

CORPUS CORANICUM sieht hier einen Bezug zur altarabischen Dichtung, leider ohne weitere Belege: „Der Vergleich des auflodernden Höllenfeuers mit aufragenden Säulen lässt ein der altarabischen Dichtung verwandtes Interesse an poetischer Deskription erkennen.“

NEUWIRTH 151: „Am Schluss steht ein schreckenerregendes Bild von hochlodernden Flammen.“ Q 104 „präsentiert […] noch eine eher poetisch geprägte Imagination des endzeitlichen Feuers.“ Es „[führt] die kleinlichen Sorgen des seinen Besitz abzählenden und damit Ewigkeit anstrebenden Gegners ad absurdum“. Die „monströse Gefräßigkeit“ der Hölle steht „kontrapunktisch zu dem vorher thematisierten minutiösen Anhäufen und Zählen: Die Gegner  erscheinen mit ihrer fehlgeleiteten kleinlichen Aktivität vor allem blind gegenüber der bereits auf sie wartenden drohenden Vernichtungsmaschine.“

Warum wird hier – anachronistisch - von „Maschine“ gesprochen? Ist es eine Erinnerungsspur  (Jan Assmann) an die deutschen Gräuel in Auschwitz?

Sie beobachtet, 153f, den Rückbezug dieses Verses zum Vers 2:

„Die Bestrafung durch Einschließung in Feuerbrand, die mit dem schreckenerregenden Bild hochlodernder Flammen am Ende steht, nimmt wieder den auf der Antepänultima [d. i. die drittletzte Silbe, mE] betonten Raum aus mu’sadah/af’idah/‘amadah auf, der nun die Umstände der Bestrafung zurückkoppelt an die Verfehlung (humazah,  lumazah, ‘addadah) [sticheln, nörgeln, Geld zählen] und Fehleinschätzung (akhladah) der Bestraften, wobei mit dem abschließenden fi 'amadin mumddadah, den ‚hochaufragenden Feuersäulen‘,  lautlich und morphologisch noch einmal auf das / intensive Zählen des Geizigen (‘addadah) zurückverwiesen wird.“

COPRUS CORANICUM erwähnt den aufgezeigten „Rahmungseffekt“ ohne NEUWIRTH zu zitieren.

CC vermerkt zur ganzen Sure:
 „Analog zum Aufbau alttestamentlicher Prophetensprüche (vgl. Zenger 2004, 422) lässt sich die Sure inhaltlich in „Gegenwartskritik“ (V. 1–3) und „Zukunftsaussage“ (V. 4, weiter entfaltet in V. 5–9) gliedern, […]. Die „Zukunftsaussage“ setzt dem in V. 1–3 skizzierten Bild eines klug rechnenden und sich in der Welt behauptenden Kaufmanns den alle innerweltliche Vorsorge zunichte machenden bzw. „zertrümmernden“ Höllenbrand entgegen. Die zweiteilige Komposition der Sure (V. 1–4 vs. V. 6–9, mit V. 5 als Verbindungsstück) spiegelt so den Gegensatz zwischen rationaler, auf diesseitige Sicherheit abzielender menschlicher Planung einerseits und der ausschließlich nach moralischen Maßstäben erfolgenden göttlichen Vergeltung andererseits.“